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Literatur, Sprache

Beiträge

Günther Anders

Über Rilke und die deutsche Ideologie

Zu Poetik. Sept. 48
Oktober
1948

Aus dem Nachlass. Zuerst erschienen in: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik Wien und Freiburg, Heft 7, Herbst 2015, Seite 109–131 Las, wie ich zufällig feststellte, genau 50 Jahre nach seinem Erscheinen wieder einmal den Cornet. Der degout, der mir nach dieser Köstlichkeit im Gaumen (...)

Alexander Lernet-Holenia

Über die Machtlosigkeit des Literaten

Juni
1955

Liebe Freunde! Von dem bißchen Unsterblichkeit abgesehen, worauf dieser oder jener unter uns Anspruch erheben mag, sind wir — gestehn wir’s uns doch offen! — eigentlich recht lächerliche Figuren geworden; und das traurigste dran ist, daß wir’s durch eigene Schuld geworden sind. Seit den Tagen, zu (...)

Arthur Koestler

Das ideologische Gerüst

September
1957

Von Arthur Koestler, der seit einigen Jahren wieder in seiner englischen Wahlheimat lebt und dessen „Sonnenfinsternis“ — eine Dramatisierung des gleichnamigen Romans — demnächst in Wien am Volkstheater zur Aufführung gelangt, erschien in Buchform zuletzt der zweite Band seiner Memoiren: „Pfeil ins (...)

Manya Harari

Am linken Ufer der Moskwa

Juli
1962

Als ich in Moskau ankam, schien der XXII. Parteikongreß noch jedermann gegenwärtig, und die literarischen Kreise der Stadt waren voll Gerüchte und Prophezeiungen. Die Meinungen, die man über Kunst und sogar Politik darbot, waren so mannigfach schattiert, daß ich zunächst den Eindruck einer (...)

Heimito von Doderer

Eine gewichtige Übersiedlung

Notizen zu Ernst Alkers „Geschichte der deutschen Literatur“
Juli
1962

Als ich erfuhr, daß Ernst Alkers „Geschichte der Deutschen Literatur von Goethes Tod bis zur Gegenwart“ vom Verlage Cotta zu Kröner übersiedelt sei, streifte mich die Vorstellung, daß man dieses mächtige Werk auf einem schweren Tiefladewagen mittels Traktor vom einen Verlagshaus zum anderen durch die (...)

Manya Harari

Am linken Ufer der Moskwa (II)

September
1962

Jewtuschenko nimmt es mit seinen Verpflichtungen als Delegierter im Ausland sehr genau. Ein glänzend begabter Dichter von gesunder Fruchtbarkeit, ein junger Mann von Geist, Intelligenz, gutem Aussehen und Charme, ist Jewtuschenko zugleich glühender Patriot und leidenschaftlicher Anhänger der (...)

Leopold Lindtberg

Shakespeares Königsdramen (II)

Zur Einstudierung des Zyklus am Burgtheater
September
1962

Hiemit präsentieren wir den zweiten und letzten Teil des Aufsatzes, in dem der vielleicht bedeutendste Regisseur des gegenwärtigen Theaters deutscher Sprache nicht bloß seine eigenen Inszenierungen erläutert, sondern die Beziehungen zwischen Shakespeare und unserer Mitwelt überhaupt. Daß diese (...)

Hans Jacob

Begegnung mit den Originalen

Aus den Memoiren eines Übersetzers
Oktober
1962

Den 1896 in Berlin geborenen und 1961 in Paris verstorbenen Hans Jacob als „einen Übersetzer“ zu bezeichnen, ist eigentlich unstatthaft und wird dem Format dieses Mannes — der wie kaum ein zweiter die Kennzeichnung „Sprachgenie“ verdiente — in keiner Weise gerecht. Hans Jacob wurde bereits 1926 auf (...)

Elisabeth Stengel

Doctor Doderers Wuthäuslein

Zu seinem Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ (Biederstein-Verlag München)
Dezember
1962

Ganz in der Nähe von Doderers Wohnung im IX. Wiener Gemeindebezirk ist an einem Gittertore auf schwerer Emaille-Platte in schwarzen und roten Lettern folgende Inschrift zu lesen: Bundesstaatliche Schutzimpfungsanstalt gegen WUT Da laut Doderer die Kulissen immer genau zum Leben stimmen, (...)

Oscar Fritz Schuh

Zwischen Engagement und Verstaatlichung

Über die Stellung des Künstlers in der westlichen Demokratie
April
1963

Ein kommunistischer Staat, der seine Schriftsteller ins Gefängnis wirft, nimmt deren Funktion und Verantwortlichkeit wenigstens ernst: diesen verblüffenden Gedanken äußerte unlängst ein berühmter französischer Schriftsteller in einem Interview. Was man dagegen im Westen für literarische Freiheit hält, (...)

Franz Theodor Csokor

George Saiko zum Gedächtnis

Mai
1963

Der in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1962 so plötzlich verstorbene Schriftsteller und Kunsthistoriker Dr. George Saiko, der 1892 in Seestadtl in Nordböhmen zur Welt gekommen war, stellte, wie der ihm befreundet gewesene Robert Musil, ein richtiges „Austrian blend“ dar, ein Gemenge aus (...)

Friedrich Torberg

Ist Karl Kraus vorlesbar?

Helmut Qualtinger und „Die letzten Tage der Menschheit“
Juni
1963

Dieser Helmut Qualtinger ist eine der vitalsten und originellsten Begabungen, die in der Zeit nach 1945 dem österreichischen Kulturboden entwachsen sind. Auch in den allmählich legendär gewordenen Jahren vor 1938, in der Hochblüte der damals so genannten „Kleinkunst“ (welche ja ursprünglich die seine (...)

George Steiner

Homer bleibt dunkel

Wege und Irrwege der „höheren Kritik“ in drei Jahrhunderten
Juli
1963

Als Schuljunge wurde ich einmal gefragt, welchen Gestalten der Geschichte ich am liebsten persönlich begegnet wäre. Meine Wahl fiel auf Homer, Christus, Shakespeare, und dies nicht aus frühreifer intellektueller Raffinesse, sondern weil ich herausfinden wollte, ob diese drei wirklich gelebt hatten (...)

Elisabeth Stengel

Ein produktiver Pedant

Zum 100. Todestag Jacob Grimms am 20. September 1963
September
1963

1860, ein Jahr nach dem Tod Wilhelm Grimms, schrieb sein Bruder Jacob im Vorwort zum zweiten Band des „Deutschen Wörterbuchs“: Angemerkt zu werden verdient, dasz er mit dem buchstaben D, welchen er sich zuerst auserlesen hatte, genau und ohne dasz davon ein wörtchen fehlte zu ende gelangt war, als (...)

George Steiner

Homer bleibt dunkel (II)

Wege und Irrwege der „höheren Kritik“ in drei Jahrhunderten
September
1963

Aber in welcher Schrift vollzogen sich Schöpfung und Überlieferung? Auch in dieser komplizierten Frage gibt es keine Übereinstimmung unter den Gelehrten. Die ionische Schrift, in der die Homerischen Epen auf uns gekommen sind, wurde erst während des 5. Jahrhunderts in offiziellen Gebrauch genommen. (...)

Salvador de Madariaga

Don Giovanni und Don Juan

November
1963

Eine Amerikanerin — und wenn die Geschichte nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden — sah zum erstenmal in ihrem Leben eine Aufführung des „Don Giovanni“; etwa in der Mitte des zweiten Aktes rief sie, empört und begeistert: „But, my dear, he is a regular Don Joo-an!“ Dies ist, was die Franzosen eine (...)

Herbert Eisenreich

Schreiben heißt identisch sein

Schwierigkeiten bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben
November
1963

Der verdienstvolle Leiter des Deutschen Taschenbuch-Verlages, Heinz Friedrich, sammelt im Auftrag der Nymphenburger Verlagshandlung (München) Antworten deutschsprachiger Schriftsteller auf die Frage, welchen „Schwierigkeiten beim Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben“, sie sich ausgesetzt (...)

Edwin Hartl

In den Niederungen Kakaniens

Hinweise auf sieben neue Romane
Dezember
1963

Es gehört zum paradox Faszinierenden aller Kunstübung, daß sie dem Flüchtigen Dauer verleiht und daß gerade der Moment des Sterbens oder Hinwelkens kraft künstlerischer Darstellung Ewigkeitswert gewinnt. So kommt es, daß man mit eben jenem Kakanien, mit dem man auf die Dauer in der Welt keinen Staat (...)

Horst Althaus

Vom mönchischen Stand des Kritikers

Anmerkungen zu Heimito von Doderers Romantheorie
Dezember
1963

Es ist nicht sehr lange her, daß Heimito von Doderer behauptete, der Kritiker — und nicht etwa der Schriftsteller — sei der Mittelpunkt des literarischen Kosmos, weil jener das faszinierende Geheimnis des Maßes besitze; aber erst beide Eigenschaften zusammen, die analytische des Kritikers und die (...)

Peter Wilson

Boris Pilnjak oder Kommunismus und Romantik

Januar
1964

Nach der Veröffentlichung seines ersten größeren Werkes, „Das nackte Jahr und andere Erzählungen“, zu Beginn der Zwanzigerjahre wurde Pilnjak von Trotzkij und anderen, weniger prominenten Kritikern als einer der begabtesten jungen sowjetischen Schriftsteller angesehen. „Das nackte Jahr“ enthielt eine (...)

Oscar Fritz Schuh

Kabarett der Enttäuschten

Notizen zum schwarzen Humor Helmut Qualtingers und Georg Kreislers
Januar
1964

Ein Freund hat mir kürzlich aus Wien zwei Schallplatten mitgebracht. Eine mit neuen Chansons von Georg Kreisler, die andere mit Liedern auf Artmann-Texte von Helmut Qualtinger. Beide Platten sind Produkte des „schwarzen Humors“, der heute aus der Literatur nicht mehr wegzudenken ist. Man hat sich (...)

Kurt Wolff

Einsamer Kämpfer, liebenswerter Mensch

Aus den Erinnerungen des „Verlegers der Schriften von Karl Kraus“
April
1964

Als der 76 jährige Kurt Wolff im Oktober vorigen Jahres an den Folgen eines tragischen Unfalls starb, verlor die deutsche Literatur ihre letzte, noch aus großer Vergangenheit herüberragende Verlegerpersönlichkeit, und unsere Zeitschrift verlor einen großen Freund. Eva Röder hat ihm im FORVM X/119 (...)

Georg Lukács

Probleme der kulturellen Koexistenz (II)

Mai
1964

Die großen Tendenzen unserer Zeit führen die kulturelle Koexistenz in ihrem eigentlichen Sinne herbei. Ich bin dabei weit entfernt davon, die bereits vorhandenen anfänglichen Formen — von Sportveranstaltungen und Schachwettkämpfen bis zu Ballettaufführungen und Virtuosenkonzerten — zu unterschätzen. (...)

Albert Paris Gütersloh

Über Kritik und über mich selbst

Mai
1964

Im ersten Dezennium dieses Jahrhunderts wurde ein Junger Mensch von schon einigem literarischen Ansehen — er hatte ein Buch geschrieben, das für die militanten Ungläubigen von damals sofort an die Stelle der bisherigen Korane oder Bibeln getreten war, den ersten expressionistischen Roman — als (...)

Felix Weltsch

Der Stiefel ist Italien

Zu einer neuen „Entschlüsselung“ Franz Kafkas
Oktober
1964

In der immer noch anwachsenden Sekundärliteratur zum Werk Franz Kafkas taucht neben anderen mehr oder minder absurden Interpretationen in regelmäßigen Abständen eine bestimmte Art symbolischer Entschlüsselung auf, die mit Sicherheit den einen Punkt entdeckt, aus dem Kafkas ganzes Weh und Ach zu (...)

Max Brod

Kafka stand niemals beiseite

Rede zur Eröffnung der Prager Kafka-Ausstellung
Oktober
1964

Mit der nachfolgenden, in tschechischer Sprache gehaltenen Rede eröffnete Max Brod am 23. Juni 1964 die Prager Gedenk-Ausstellung für Franz Kafka. Der Achtzigjährige war zu diesem Zweck eigens aus Tel Aviv in seine und Kafkas Geburtsstadt gekommen und hatte die Genugtuung, seine Rede — die es an (...)

Paul Hernadi

Von Kapitalisten und Misanthropen

Soziologische Betrachtungen zum Werk G. E. Lessings
November
1964

Nathan der Weise, der Jude, der Klassische, der Zeitgemäße — sie verdecken oft den Blick auf Nathan den Bürger. Sir William Sampson oder der Oberst Odoardo Galotti, ein Patrizier mit Landgut und kleinadeligem Lebensstil, werden viel häufiger als der Kaufmann Nathan zu den frühen Repräsentanten des (...)

Claus Gatterer (Übersetzung) • Ignazio Silone

Begegnungen mit Musil

Februar
1965

Der am 1. Mai 1900 in Pescina dei Marsi in den Abruzzen geborene Ignazio Silone hat im FORVM schon so lange nichts veröffentlicht (zuletzt „Vom Schrecken des Wohlfahrtsstaates“, Heft VIII/91-92, und „Tolstoi in den Abruzzen“, Heft VIII/87)‚ daß wir unseren neu hinzugekommenen Lesern schon wieder (...)

Hans Eberhard Goldschmidt • Karl Kraus

Verschollene Faschingsnotizen von Karl Kraus

Mitgeteilt
Februar
1965

Dem Wiener Buchhändler und Antiquar Dr. Hans Eberhard Goldschmidt verdanken wir die nachstehenden Kuriosa, für die wir uns keinen passenderen Erscheinungstermin wüßten als den jetzigen: der Fasching, in dem sie entstanden, liegt jetzt genau 70 Jahre zurück. Wir wollen den literarhistorischen Wert (...)

Ivar Ivask

Werkstatt als Schule des Lebens

Zu Doderers Tagebuch eines Schriftstellers, 1940-1950
März
1965

Es ist unwürdig, sich den Tatsachen zu verschließen. Es ist allerdings noch unwürdiger, von vornherein mit ihnen intim zu sein. Aber sich selbst in ihnen zuerkennen, das allein begründet eine Freundschaft mit der Welt. Heimito von Doderer Nachdem „Die Dämonen“ sich 1936 als vorläufig unvollendbar (...)

Jürgen Rühle

Die Republik der Unpolitischen

Zur 90. Wiederkehr des Geburtstags von Thomas Mann
Juni
1965

Die Republik — wie gefällt euch das Wort in meinem Munde? Thomas Mann Im Oktober 1922 hielt Thomas Mann vor Berliner Studenten seine Rede „Von Deutscher Republik“, worin er es unternahm, die akademische Jugend „für die Republik zu gewinnen und für das, was Demokratie genannt wird und was ich (...)

Hans Mayer

Von Cicero bis Ulbricht

Rhetorik im Zeitalter der Propaganda
Juni
1965

Die Auffassung der Gegenwart als heroischer Periode ist also im Kapitalismus eine unbewußte Flucht vor dem Realismus ins Rhetorische. Georg Lukács, Aktualität und Flucht (1941) in: Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie. Berlin 1948 Die Rede des Konsuls Marcus Tullius Cicero, (...)

Friedrich Torberg

Eine Erinnerung an Martin Buber

August
1965

Über Martin Buber, der am 13. Juni 1965 im Alter von 87 Jahren in Jerusalem starb, ist zum Gedenken sehr viel Ehrendes und Gründliches veröffentlicht worden, das meiste in der deutschen und schweizerischen Presse, das wenigste in der österreichischen — denn Buber war gebürtiger Wiener und entstammte (...)

Jürgen Rühle

Thomas Manns Republik der Unpolitischen

(II.)
August
1965

Kann nach eindeutigem Frontwechsel noch von einer Kontinuität der Weltanschauung gesprochen werden, wie es Thomas Mann bei der Drucklegung seiner Rede „von Deutscher Republik“ tat? Dieser republikanische Zuspruch setzt die Linie der ‚Betrachtungen‘ genau und ohne Bruch ins Heutige fort, und (...)

Thomas Terry

Virtuose des Lebens

Zur erstmaligen Publikation der Originalausgabe von Giacomo Casanovas Memoiren
November
1965

Von Casanova (Johann Jakob de Seingalt) heißt es in der altehrwürdigen siebenten Originalauflage des von Brockhaus herausgegebenen „Conversations-Lexicons“ (1830), er sei „bekannt durch seine Memoiren als ein origineller, lebenskräftiger und lebensfroher Mann, der fast in allen Lagen wie unter allen (...)

Hans Daiber

Volksschriftsteller Marquis de Sade

November
1965

Auf dem westdeutschen Büchermarkt hält die Hausse in Büchern von und über den Marquis de Sade unvermindert an. Für jeden Verlag, der das Rennen um diesen Freudseibeiuns aufgegeben hat, springt ein neuer ins Geschäft. Der Merlin-Verlag in Hamburg, der als erster Werke von de Sade herausbrachte, macht (...)

Friedrich Torberg

Plädoyer für den Zwischenraum

Dezember
1965

Auf der Anfang Oktober abgehaltenen Tagung der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ in Darmstadt wurden als neu gewählte Mitglieder der Germanist der Universität Amsterdam, Prof. Jan Alker‚ der deutsche Schriftsteller Hans Bender ( München) und Friedrich Torberg vorgestellt. Es ist üblich, (...)

J. Peter Stern

Der teure Kauf

Ein Aspekt der Literatur im 20. Jahrhundert
Januar
1966

Es ist wohl allgemein anerkannt, daß die deutsche Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Weltliteratur gehört; keine andere literarische Epoche, auch nicht die der Weimarer Klassik, ist so stark in das literarische Bewußtsein Europas und Amerikas eingegangen. Wert und Bedeutung (...)

Friedrich Heer

Der Fremde aus Wien

Rede zu Franz Grillparzers 175. Geburtstag am 15. Jänner*
Februar
1966

Es war einmal ein Dichter, dem die erwachende Jugend ganz West- und Osteuropas zujubelte; Goethe hat ihm in der Gestalt des Euphorion im „Faust“ ein Mal der Erinnerung gesetzt; Lord Byron, der sich als Zugvogel der Zukunft freier Völker und freier Einzelner wußte, schrieb, nachdem er die „Sappho“ (...)

Zedenko Skreb

Für rücksichtslose Literatur

März
1966

Nachfolgender Text des Ordinarius für Germanistik an der Universität Zagreb wurde auf der Studienkonferenz über kulturelle Beziehungen zwischen Ost und West im Europahaus Wien gesprochen. Wenn wir die Stellung des Schriftstellers in unserer Zeit und seine Bedeutung bestimmen wollen, müssen wir (...)

Andrej Sinjawski

Kommunismus als Religion

März
1966

Den nachfolgenden Aufsatz schrieb Andrej Sinjawski im Jahr 1959 für die französische Zeitschrift „Esprit“, die ihn anonym veröffentlichte. Heute liest man ihn über weite Strecken wie einen gespenstischen Hinweis auf seine nunmehr erfolgte Verurteilung zu sieben Jahren Zwangsarbeit. Tatsächlich war (...)

Andrej Sinjawski

Die Heiligen des Kommunismus

April
1966

Verlorene Illusionen, zerbrochene Hoffnungen, nicht verwirklichte Träume, wie sie die Literatur anderer Epochen und Systeme auszeichnen, widersprechen dem sozialistischen Realismus. Selbst wenn es sich um eine Tragödie handelt, ist es eine „optimistische Tragödie“, wie W. Wischnewski sein Stück (...)

Erich Heller

Die realistische Täuschung

April
1966

Zehn Jahre ist es her, daß Erich Heller, damals noch Professor für deutsche Literatur in England, zuletzt im FORVM publizierte („Beim Aphorismus genommen. Ein imaginärer Dialog über Karl Kraus“, Heft III/30). Inzwischen ging Erich Heller nach Amerika; er unterrichtet derzeit an der Northwestern (...)

Heimito von Doderer

Das Mark der Kritik

Juni
1966

In Sachen Literatur führt nichts so schnell zur vollständigen Barbarei wie die Ignoranz der Deuter. Günther Busch (in: „Der rote Sündenbock Anmerkungen zu Georg von Lukács“) Literaturkritik überall, sogar im unkritischen Österreich! — Vor so viel Praxis rühren sich ein paar Grundfragen, sie rühren sich (...)

Andrej Sinjawski

Tod dem positiven Helden

Schluß des Aufsatzes aus dem vorigen Heft
Juni
1966

Obwohl die sowjetischen Schriftsteller stolz sind auf die Traditionen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, die sie um jeden Preis weiterführen wollen — was sie in gewissem Maß auch tun — und obwohl man ihnen im Westen unaufhörlich ihren sklavischen Gehorsam gegenüber überholten (...)

Milo Dor

Eine nicht gehaltene Rede

Oktober
1966

Als Miroslav Krleža am 8. September in Wien zu einem Vortragsabend der Österreichischen Gesellschaft für Literatur weilte, wurde sein ehemaliger Landsmann, nun schon seit vielen Jahren deutsch schreibender Kollege Milo Dor gebeten, eine kleine Einführungsrede zu halten. Der ungeachtet seiner 70 (...)

Manès Sperber

Rebell oder Revolutionär?

Zu dem nachgelassenen Roman von Joseph Roth
Oktober
1966

I. Joseph Roth konzipierte den erst vor kurzem veröffentlichten Roman „Der stumme Prophet“ im Jahre 1927 und fixierte während der zwei nachfolgenden Jahre seinen Inhalt im einzelnen. Er sollte jedoch nie dieses Werk endgültig abschließen, denn am 2. Mai 1939 ging der in einem Pariser Armenspital (...)

Dietrich Weber

Zum Werk

Januar
1967

Heimito von Doderer ist vor der Vollendung seines großangelegten Projekts „Roman No. 7“ gestorben. Seine Devise, der Romanschriftsteller habe zugunsten der Objektivität und Totalität seiner Figurenwelt „sich selbst unvollendet stehn zu lassen“, erhält damit eine schmerzliche Parallele. Was das (...)

Peter Demetz

150 Jahre Germanistik

Jubiläumsbetrachtungen statt eines Nekrologs
Februar
1967

Die Germanistik ist eine sehr junge Wissenschaft, aber sie hat viel Vergangenheit. Im Grunde zählt sie zu den romantischen Parvenus, die sich Traditionen anmaßen. Die Philosophie und die klassische Philologie blicken mit tausendjährigen Rechten auf sie herab; und ihre vielfältigen Organisationen, (...)

Hans Mayer

Erinnerung an Robert Musil

Februar
1967

Törleß saß also ganz still und starr, sah unaufhörlich zu Basini hinüber und war ganz in den tollen Wirbeln seines Innern befangen. Und immer wieder tauchte daraus die eine Frage auf: Was ist das für eine besondere Eigenschaft, die ich besitze? Unter Ernst Blochs schönen Geschichten gibt es auch (...)

Georg Lukács

Geschichte und Literatur

Zur Theorie der ungleichmäßigen Entwicklung bei Marx — II. Teil
Juni
1967

Zum 60. Geburtstag von Wolfgang Abendroth. In seinen fragmentarischen Bemerkungen am Schluß der Einleitung zum „Rohentwurf“ behandelt Marx vor allem „das unegale Verhältnis“ in der Beziehung zwischen ökonomischer Entwicklung und so wichtigen gesellschaftlichen Objektivationen wie Recht oder, vor (...)

Doderer und die Kritiker

August
1967

Vor nun schon mehr als einem Jahr beklagte sich Heimito von Doderer im Kreise unserer Mitherausgeber temperamentvoll und dezidiert über den katastrophalen Mangel einer Literaturkritik mit diskutablem Niveau. Als Antwort darauf baten wir ihn, seine Ansichten zum Thema „Literaturkritik“ für uns (...)

Béla Abody • György Sebestyén (Übersetzung)

Mit vorsichtigem Vertrauen

August
1967

Wenn ich Elie Faures wichtiges Werk „Equivalences“ richtig verstanden habe, ist der Autor gerührt angesichts der Verwandtschaft zwischen der ästhetischen Wirkung des Deckengemäldes der Sixtinischen Kapelle und derjenigen einer Maske von der Elfenbeinküste und glaubt, die Kunst sei universell (...)

J. Peter Stern

Das gläserne Geländer

August
1967

Si calceus convenit, indue. I Gibt es ihn denn eigentlich, den Literaturkritiker, geschweige denn -wissenschaftler? Was es bestimmt gibt, allerdings viel seltener als in der Ökonomie der Literatur vorgesehen, ist der gute Leser. Der immer besser lesende Leser. Der über weite Strecken der (...)

Michael Scharang

Der räsonierende Kritiker

August
1967

Von den Gründen, warum Heimito von Doderer seinen Aufsatz, zu dem zu äußern man mich einlud, mit dem Titel „Das Mark der Kritik“ versieht, erscheint mir nur der als zureichend, daß sein Geschmack Gefallen am Wort „Mark“ findet, welches den Ausführungen von vornherein gesunden Tiefsinn garantiert. Die (...)

Paul Kruntorad

Der synthetische Kritiker

August
1967

Heimito von Doderers vollendet ironischer Aufsatz über „das Mark der Kritik“ reizt zum Widerspruch, und die Lust daran wird lediglich durch die Einsicht gedämpft, daß er zu fest in beiden „Hemi-Sphären“ der Sprache, der „gestaltenden, darstellungsweisen“ und der „gedanklichen, zerlegungsweisen“ ruht, (...)

Friedrich Hacker

Wirklichkeiten suchen eine Illusion

Rede im Wiener Burgtheater zum 100. Geburtstag Pirandellos
August
1967

Dr. Friedrich Hacker, 1914 in Wien geboren, leitet in Los Angeles die von ihm gegründete „Hacker Clinic and Foundation“, eines der bekanntesten psychiatrischen Forschungsinstitute in den USA. In Wien las er 1958 als Gastprofessor der Universität über „Sozialpsychologie und Ichpsychologie“, lehrte (...)

Láco Novomeský

Ilja Ehrenburg — Chronist und Kritiker einer Epoche

Oktober
1967

Láco Novomeský, 1904, bedeutendster slowakischer Lyriker der Gegenwart und Doyen der slowakischen Literatur, war in den Fünfzigerjahren im Zusammenhang mit den Prozessen gegen Slanský und Clementis zu einer hohen Kerkerstrafe verurteilt worden und mußte sie bis zu seiner Begnadigung 1959 tatsächlich (...)

Ingrid Köhler (Übersetzung) • Jan Mukařovský • Jan Patočka (Übersetzung)

Kunst als semiotisches Faktum

Eine Skizze zur Ästhetik
März
1968

Es tritt immer klarer zutage, daß das System des individuellen Bewußtseins bis zu seinen innersten Schichten durch Inhalte, die zum kollektiven Bewußtsein gehören, gegeben ist. Die Probleme des Zeichens und seiner Bedeutung werden daher immer dringender, denn jeder Denkinhalt, der die Grenzen des (...)

Trautl Brandstaller (Übersetzung) • Georges Lánteri-Laura

Zwischen Sartre und Lévi-Strauss

März
1968

Wir wollen versuchen, die Wurzeln aufzuzeigen, aus denen sich die heutige Auffassung des Terminus Struktur herleitet. Dies ist eine ziemlich undankbare Aufgabe, auf die wir jedoch um so weniger verzichten können, als sie uns ermöglicht, uns nicht im gegenwärtigen, vieldeutigen Gebrauch des Wortes (...)

Hans Daiber

Aus dem Büro für Esprit

Marivaux zu seiner Zeit
Oktober
1968

Immer wieder einmal wird Marivaux entdeckt, meistens im Ton des Vorwurfs. Tadel verleiht den Bemühungen um Marivaux den rechten publizistischen Aplomb. Das Verfahren wird dadurch möglich, daß man wenig von Marivaux weiß, noch weniger, als man wissen könnte. Er ist zwischen die Epochen gefallen. Die (...)

Frank Trommler

Für eine gerechte Doderer-Fama

November
1968

Seine Beisetzung, die einem Staatsbegräbnis glich, war bereits Teil einer entstehenden Legende, war fürstlich, formvoll und fromm. Nie, sagte man, sei einem österreichischen Dichter von den Zeitgenossen so viel Ehre erwiesen worden; an Doderer habe man wieder gutgemacht, was an den vielen (...)

Bernd Lutz

Das Ärgernis Sade

Februar
1969

Bei diesen leidenschaftlichen Geometrien bewegt, wenn die Geometrie selbst nicht mehr überzeugt, immer noch die Leidenschaft oder vielmehr die Darstellung der Leidenschaft ... Hinter matt gewordenen Gründen der Vernunft erkennen wir die Gründe eines Herzens, Tugenden, Laster und die große Mühe, (...)

Bernd Lutz (Übersetzung) • Marcelin Pleynet

Sade muß erst noch gelesen werden

Februar
1969

... in unserer augenblicklichen Situation sollten wir immer von folgendem Prinzip ausgehen: wenn der Mensch all seine Brüder abgeschätzt hat, wenn sein Auge mit einem kühnen Blick seine Schranken vermißt, wenn er, nach dem Beispiel der Titanen, seine kühne Hand bis zum Himmelsrand auszustrecken wagt (...)

Wilfried Schwedler

Kann man Bücher managen?

März
1969

Das Schicksal der deutschen Übersetzungen ist bekannt. Es erscheint ein berühmtes Original in fremder Sprache; alsbald wird der Entschluß gefaßt, es zu übersetzen. Diese Arbeit nun muß so sehr als möglich beschleunigt werden. Auf der einen Seite wünscht sie das neugierige Publikum bald vollendet zu (...)

Wilfried Schwedler

Konsumlektoren

Ergebnis einer Umfrage
Februar
1970

Die vorliegende Untersuchung will keine weitere zu den bereits zahlreich ersonnenen, oft recht vagen Definitionen der Spezies „Verlagslektor“ hinzufügen. Sie hat sich vielmehr zur Aufgabe gesetzt, den Wurzeln der in der Bundesrepublik so plötzlich aufgebrochenen verlagsinternen Auseinandersetzungen (...)

Paul Kruntorad

Österreichs PEN-Stolz

Februar
1970

Zu nachbarlichem Gedankenaustausch hatte der österreichische PEN-Club deutsche PEN-Autoren nach Wien geladen. Einen Vormittag lang diskutierte man die „Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und österreichischen Literatur“, unter dem Vorsitz von Hermann Kesten sprachen deutscherseits (...)

Jean-Paul Sartre

Bürgerliche Träume

II. Teil des Essays „Die Irrtümer meines Lebens“
März
1970

Was ich das Erlebte nenne, bezeichnet weder die Winkel des Vorbewußten noch das Unbewußte noch das Bewußte, sondern den Bereich, in dem das Individuum ständig von sich überrollt wird, von seinem eigenen Reichtum, wo das Bewußtsein so listig ist, sich selbst durch das Vergessen zu determinieren. In (...)

Friedrich Geyrhofer

Wertlose Geschichte

Über ein Buch von Ernst Topitsch
März
1970

Am jüngsten Buch von Ernst Topitsch fällt auf, daß soziologische und methodologische Erwägungen fast gänzlich hinter Feststellungen zurücktreten, die sich ausführlich mit der menschlichen „Natur“ und mit dem tierischen Erbe beschäftigen, das in der psychophysischen Ausstattung der Menschen enthalten ist. (...)

Karin Achleitner-Mack (Übersetzung) • Stephen Toulmin

Wittgenstein war kein Positivist

Mai
1970

Stephen Toulmin, Philosoph, Wissenschafter und Historiker, unterrichtet gegenwärtig an der Brandeis University in den USA. Er schrieb für die englische Zeitschrift „Encounter“ eine Neubewertung Ludwig Wittgensteins, deren ersten Teil wir in der Übersetzung Karin Achleitner-Macks in dieser Nummer (...)

Karin Achleitner-Mack (Übersetzung) • Stephen Toulmin

Der Metaphysiker Wittgenstein

II. Teil
Juni
1970

Besonders in den Briefen an Engelmann gibt es Hinweise, was für Wittgenstein selbst der grundlegenden, uneinschränkbaren Dichotomie von Tatsache und Wert zugrunde gelegen haben mag. Wir können diesen Hinweisen in jede der beiden Richtungen folgen, der psychologischen und der soziologischen, indem (...)

Milo Dor

Paul Celan

Juli
1970

1947 tauchte in Wien ein junger Mann auf, der sich Paul Celan nannte. Er kam buchstäblich aus dem Nichts. Er wurde als Paul Anczel am 23. November 1920 in Czernowitz geboren, der Hauptstadt der Bukowina, die einmal zu Österreich gehört hatte und deren gebildete Bevölkerung jüdischer Herkunft (...)

Iring Fetscher

Goethe für Fortschrittliche

Lukács-Laudatio, Paulskirche, 28.8.1970
Oktober
1970

I. F., Philosoph, Soziologe, Politologe, Ordinarius der Goethe-Universität Frankfurt, Mitglied der Internationalen Redaktion des NF, befaßte sich — ursprünglich protestantischer Theologe — mit Marxismus schon zu Zeiten, als dieser in Adenauers Reich noch des Teufels war: als Herausgeber der (...)

Georg Lukács

Goethe mal Marx

Oktober
1970

Rede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, 28. August 1970, verlesen in der Paulskirche (da Lukács gesundheitshalber in Budapest bleiben mußte). — Vgl. Günther Nenning, „Georg Lukács oder Die Flucht in die Ästhetik. Zu seinem 85. und zum Goethepreis“, NEUES FORVM, August/September (...)

Friedrich Heer

Dialog der Untergründe

Referat bei Ivan Illich, Cuernavaca, Mexico
April
1971

F. H., Professor für Europäische Geistesgeschichte, Universität Wien, Redaktionsbeirat des NF, hielt nachstehendes Referat (gekürzt wiedergegeben) bei der IDC-Konferenz am CIDOC-Institut von Ivan Illich, Cuernavaca, Mexico. Vgl. den Vorspann zum voranstehenden Beitrag G. N.s. Großes (...)

Valie Export

Gertrude Stein/Virginia Woolf

Feminismus und Kunst
Januar
1973

1 Von Männlich zu Menschlich „die religion ist der ort, wo ein volk sich die definition dessen gibt, was es für das wahre hält“, sagte Hegel. es sei deshalb erlaubt, diesen ort aufzusuchen, um die gründe der täglichen politik, das „wahre“ unserer kultur zu entdecken. frühe religionen und kulturen, (...)

Heidi Pataki
Kritisches Lexikon

Marieluise Fleißer

März
1973

Man kann heute viel von Marieluise Fleißer lesen, aber relativ wenig über sie. Ihren Kritikern wurde der Blick auf ihr Werk durch ihre Biographie weitgehend verstellt — tatsächlich spielen im Werk der Fleißer autobiographische Elemente eine bedeutende Rolle: Am wenigsten noch in ihrem Drama (...)

Friedrich Geyrhofer
Kritisches Lexikon

Oswald Wiener

März
1973

Geb. 1935 in Wien. Lebt seit 1969 in Berlin (West). das literarische cabaret der wiener gruppe, in: Gerhard Rühm (Hrsg.), Die Wiener Gruppe, Hamburg 1967. — Gemeinschaftsarbeiten mit Achleitner, Bayer und Rühm. — die verbesserung von mitteleuropa, roman. Hamburg 1969. Neuauflage in (...)

Ernest Borneman

Sex und Sprache

März
1973

E. B., einer der originellsten Köpfe in unserem Lande, hat ein Wörterbuch über „Sex im Volksmund“ verfaßt (vgl. Rezensionsteil dieses Heftes). Das Vorwort dazu drucken wir ab, da das Buch angesichts seines hohen Preises nur wenige Leser finden wird. Ein Wörterbuch des Verbotenen Manche unserer (...)

Gerhard Rühm

briefmarkengrößen

aus österreichs kulturleben
April
1973

als ich anfang 1969 in warschau eingeladen war und bei dieser gelegenheit mit einer gruppe polnischer studenten diskutierte, wurde ich gefragt, wie ich mich denn als österreicher in deutschland fühle. es ist eine frage, die einem exilösterreicher — wenn ich mich so nennen soll — immer wieder (...)

Friedrich Geyrhofer

Ossi Wieners Putsch im Kaffeehaus

II. Teil von „Oswald Wiener“, NF März 1973
April
1973

In der „verbesserung von mitteleuropa“ wird die technokratische Utopie kritisiert. Es ist ein Stück Gewissenserforschung, wenn Wiener dem Anarchismus vorwirft, daß er „durch das projektierte — zwar vorbehaltliche — zusammengehen mit der wissenschaft den tod in sich hatte“ (XXIX). Diese Verbindung der (...)

Peter Henisch • Wilhelm Pevny • Josef Taus • Peter Turrini • Heinz R. Unger

Eier-Tänze

Österreichische Autoren diskutieren mit dem ÖVP-Obmann
März
1979

Im Vorfeld der ÖVP-Wahlkampagne machte die Bürger- und Bauernpartei ihre Muckerbrigade mobil. Schwarze Abgeordnete und Lehrer regten sich künstlich über einige Textstellen von Nachwuchsautoren auf, die im Rahmen der Stückereihe „Souffleurkasten“ des Wiener Theaterverlags Thomas Sessler erschienen. (...)

Uli Trostowitsch

Die rote Blume geht wieder in den Untergrund

Interview mit dem persischen Schriftsteller Nasi Khaksa
September
1979

Wir besuchten den iranischen Schriftsteller Nasi Khaksa in seinem Haus in der Hafenstadt Abadan, einem Zentrum der persischen Ölindustrie. Unter Pahlevi hatte Nasi Khaksa als Dorfschullehrer gearbeitet. Er schrieb Gedichte und Prosa, nach deren Bekanntwerden er von der SAVAK eingesperrt und (...)

Heidi Pataki

Warum schweigt die schweigende Mehrheit?

März
1980

Konrad Wünsche: Die Wirklichkeit des Hauptschülers. Berichte von Kindern der schweigenden Mehrheit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1979, 126 Seiten, DM 4,80, öS 37,50 In einem Ozean von Büchern über Schule, Schüler, Lehrer, Schulreformen, Didaktik und Pädagogik stellte Konrad Wünsches (...)

Günther Nenning

Der Förster vom Krisenwald

Romantik und Nullwachstum
Juli
1980

I. „Widerspiegelung“ — Sinn und Unsinn Literatur bedarf keiner besonderen Rechtfertigung. Sie hat es nicht nötig, unentwegt in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingeschachtelt zu werden. Schon an und für sich ist sie wichtig. Ein Buch gibt seinem Leser und Genießer höchstpersönliche Gefühle und (...)

Friedrich Geyrhofer

Traum & Faulheit

Den Bürger unter der Haut — Sartre contra Flaubert, 1. Teil
November
1980

Die deutschen Ausgabe der voluminösen Flaubert-Biographie, eine Großleistung des Übersetzers Traugott König, ist im richtigen Moment gekommen. Sartre, über den „Heiligen des Romans“ schreibend, trifft unwillkürlich den Geschmack einer Zeit, die sich aus dem gesellschaftlichen Engagement in private (...)

Josef Haslinger

Folge nur der Natur

Novalis und Marx über das Nichtreaktionäre an der Romantik
März
1981

I. Philosophie ist verirrte Vernunft Aus einem Brief des jungen Novalis an seinen Bruder Erasmus, 1793, wird deutlich, daß der Zwanzigjährige mit der rationalistischen Aufklärungsphilosophie nur mehr sehr wenig zu tun hat. Eher wird man an Rousseau erinnert: Lieber Erasmus, folge der Natur nur (...)

Friederike Mayröcker

Fast ein Messias

Über den Film „Zetteldämmerung“* (nach einem Zwiegespräch mit Ernst Jandl)
März
1981

ein Film nicht von Ch. I. Hintze, sondern über ihn, seine Aktivitäten, nämlich das Zettelausteilen, von Alfred Kaiser gemacht / auffallend für mich, dasz H. in Deutschland von jungen Leuten als ein Künstler empfangen wurde, der etwas sehr ungewöhnliches tut / aufgefallen ist mir, dasz während des (...)

Gertraud Fädler

Pasolini aus Fleisch und Blut

Seine sieben Leben
März
1981

I. Käfig sucht Tiger Ich bin eine lebend verbrannte Katze Zerquetscht vom Riesenreifen eines Lastzugs Gespießt auf einen Feigenbaum von Knaben Jedoch noch mit mindestens sechs Von meinen sieben Leben In den sechs verbleibenden Leben war Pasolini: 1) Linguist, 2) Literaturkritiker, 3) Dichter, (...)

Allen Ginsberg • Christian Ide Hintze

Wir Schamanen

Gespräch* mit Christian Ide Hintze
März
1981

Gutes Geld an schlechte Dichter HINTZE: Wir wollen so etwas wie eine Dichtergewerkschaft, Autorengewerkschaft aufbauen. Irgend etwas in der Art. Weil wir viele Autoren in Österreich haben, die unter großer sozialer Not leben. GINSBERG: Welche Art von Not? Kein Geld? HINTZE: Kein Geld, keine (...)

Christian Ide Hintze

Böse Dichter

Rede auf dem 1. österreichischen Schriftstellerkongreß (6. bis 8. März 1981)
Mai
1981

Ich muß hier dazwischentreten, weil ich es nicht erlauben kann, daß heute wieder Ähnliches geschieht wie schon am Freitag bei der Eröffnung: nämlich, daß die so notwendige (Not-Wende!) und so notwendig drastische Selbstdarstellung und Konfrontation der Dichter und Schriftsteller vor der (...)

Robert Menasse

Sozialpartnerisch statt habsburgerisch

Das Österreichische an der österreichischen Literatur
Mai
1981

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Handke und Bernhard auf der einen und Paritätischer Kommission auf der anderen Seite? Robert Menasse glaubt in seiner Dissertation, auf diese Frage eine Antwort gefunden zu haben. Was das „Österreichische“ an der österreichischen Literatur sei, hat „schon (...)

L. A.

Frauen

Februar
1982

AUF SCHREI BEN. Texte österreichischer Frauen, Wiener Frauenverlag, Drachengasse 2, A-1011 Wien, Wien 1981, 189 Seiten, DM 17,90, öS 136 Diese Anthologie von Texten österreichischer Frauen erschien im neugegründeten Wiener Frauenverlag, der keine kommerzielle Firma, sondern ein genossenschaftlich (...)

Joe Berger

Mein Schüler Goethe

Der Weg zur Insel der Phantasie
Dezember
1982

Der Weg zur Insel der Phantasie In einem Ozean, den noch kein Mensch gesehen hat, liegt eine kleine Insel. Niemand wird diese Insel jemals finden, denn sie liegt in der Phantasie, und nur einer, der viel Phantasie hat, wird sie entdecken. Die Insel ist zwar klein, aber trotzdem hat noch (...)

Reuwen Kalisch

Kriemhilds herrlicher Jude

Eine andere Maisse
März
1984

Die germanischen Recken waren zweifellos gewaltige Recken, aber schreiben konnte nicht einmal richtig Karl der Große. Und doch gab es eine Menge von Heldenepossen. Unter den Germanen und zwischen ihnen gab es nun ein sehr literarisches Volk. Seine Leute waren zum Beispiel die Verfasser des (...)

Brigitte Schwaiger • Friedrich Torberg

Torberg korr. Schwaiger korr. Schnitzler

Juni
1985

Im November 1976 sagte Friedrich Torberg zu Brigitte Schwaiger, sie solle das lieber sein lassen, Schnitzler zu parodieren. Die damals noch Jungautorin (u.a. FORVM; Torberg: „Ich hab doch nicht gewußt, was der Nenning mit dem FORVM machen wird!“) war desto verblüffter, als Torberg nach der Lektüre (...)

Robert Menasse

Bernhard, Handke & Cie.

Zur Ästhetik der Sozialpartnerschaft
Januar
1988

Im Lauf der siebziger Jahre begann der Geist der Sozialpartnerschaft das kulturelle, also auch literarische Leben in Österreich völlig zu durchsetzen und zu durchdringen. Die Ideologie der Sozialpartnerschaft, zur Staatsideologie geworden, begann Mitte der sechziger Jahre immer deutlicher auch (...)

Engelbert Obernosterer

Killed by Killinger

Januar
1988

Ich habe hier den Killinger eins, das österreichweit verbreitete Sprachlehrbuch. Mit seiner Hilfe gehe ich wie jedes Jahr daran, die Aphasien der in den Bergen aufgewachsenen Kinder zu überwinden: ihr Stammeln, ihr Haarsträuben, den Druck in den Schultern. Es wird im ersten Jahr nur Teilsiege für (...)

Günther Anders

Sprache und Endzeit

März
1989

§ 1. Die Apokalypse-Stummheit Für das Enorme war plausiblerweise die normale menschliche Sprache nicht „gemacht“, auf dessen Benennung, Darstellung und Bewältigung nicht vorbereitet. Der Aufgabe, das Maß- und Grenzenlose, mit dem wir uns seit 1945 pausenlos konfrontiert wissen — nein: eben kaum (...)

Günther Anders

Sprache und Endzeit (II)

Juni
1989

Teil I erschien in FORVM Nr. 423/424, März 1989. § 3. Das Faktum als Fatum Obwohl Heidegger zu den ersten Denkern gehört hat, die die Großtechnik, namentlich die atomare, als das Problem von heute, nein, als unser möglicherweise endgültiges Verhängnis, durchschaut hatten, hat er es doch niemals (...)

Günther Anders

Sprache und Endzeit (III)

Aus dem Manuskript für den dritten Band der „Antiquiertheit des Menschen“
August
1989

Teil I erschien hier im März, Teil II im Juni. § 6 Die Beschränktheit der Experten Arbeitsteilung idiotifiziert Um den Gedanken in Betracht zu ziehen, gegenüber ihrer eigenen Sprache und gegenüber der Weltsituation, die durch ihre Sprache nun einmal entworfen und vorausgesetzt wird, Skepsis (...)

Friedrich Geyrhofer
Salman Rushdie, The

Satanic Verses

November
1989

Werden die Frauen in Mohammeds Harem „Huren“ genannt? Das Teheraner Todesurteil über Salman Rushdie beweist, daß es den Frommen zur „Verletzung religiöser Gefühle“ reicht, ein Buch nicht gelesen zu haben. War es die Absicht, den Ayatollah zu provozieren? Khomeini kommt in „The Satanic Verses“ vor, in (...)

Tom Appleton

Plädoyer für einen Nobel-Preis aus der Flaschenpost

Oktober
1990

Vicki Baum — Sie war Harfenspielerin von Beruf und Boxerin aus Leidenschaft. Aber den Weltmeistertitel erlangte sie in der Literatur. 30 Jahre nach ihrem Tod ist es an der Zeit, die gebürtige Wienerin als das zu würdigen, was sie wirklich gewesen ist: nicht nur die populärste, sondern auch die (...)

Mircea Dinescu • Eva Roventa-Gressel (Übersetzung) • Ulli Stadler

Wigalaweia Bucureştina

Mai
1991

Mit Mircea Dinescu, Lyriker, Präsident des rumänischen Schriftstellerverbandes — er war es, der im rumänischen Fernsehen seinerzeit die Botschaft vom Sturz Ceaușescus verkündet hatte — sprachen Ulrike Stadler und Eva Roventa-Gressel, die auch die Übersetzung besorgt hat, am Freitag, dem 29. März, in (...)

Ulrich Horstmann

Popanz Provokation

Oktober
1991

Seit seiner Anstiftung zum Weltuntergang, Das Untier, erfreut er uns mit schwarzbrillantenen Büchern — Schwedentrunk, Hirnschlag, Patzer u.v.a.m. Bei den »Münstereifler Literaturgesprächen« verkündete er: „Eine ästethische Kategorie ist ausgereizt“; so hat er damit sich grad „in die sozialkritischen (...)

Ladislav Mňačko

Verbrennt alle Akten!

Mai
1992

Dieser Tage erschien — als aktuelles Statement zur heutigen Situation — in der Slowakei der nachstehende, leicht gekürzte Diskussionsbeitrag unseres Autors vom »II. Kongreß der tschechoslowakischen Schriftsteller 1956«. »Radio Free Europe« verbreitete bereits eine Stunde nach dem Statement, L. M. sei (...)

Marianne Baltl

Literatur und Revolution in Österreich

Die Tradition von 1968
Juli
1993

Keine Milde bei Tumulten. (ÖVP-Innenminister Soronics) Das Österreich der sechziger Jahre entwickelte sich wie viele der westlichen Industrienationen nach der Phase des Wiederaufbaus zu einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft mit ihren typischen Begleiterscheinungen. Die Phase der (...)

Allen Ginsberg • Diana Huppert

Flower-Power Revival

November
1993

A.G., Anti-Waffen-Bruder der 68er-Studentenbewegung, von der anderen, der Aussteiger-Fraktion, war als Gastprofessor der [Schule der Dichtung->https://sfd.at in Wien — die Gelegenheit zu diesem Gespräch nützte Diana Huppert. Wenn Revoluzzer ältere Herren werden. Sorgfältig, elegant gekleidet, immer (...)

Thomas Rothschild

Süffisanz statt Sprachkritik

Juni
1994

Wie man konjunkturbewußt der Macht des Bestehenden und der bestehenden Macht huldigt. Die neue Sprachregelung Von allen Seiten verkünden uns Autoren ungefragt ihren Ekel vor dem Typus, den sie die »guten Menschen« nennen. Konrad Liessmann kann die »guten Menschen nicht leiden, die Jörg Haider (...)

Ilse Kilic

Vom Herrschaftsnutzen der Grammatikkunde

Feministische Sprachkritik
Februar
1995

Sehr geehrter Herr Schlesinger, liebe Redaktion, ich stelle mit Verwunderung fest, daß Sie, Herr Schlesinger, sich offensichtlich nur sehr marginal mit feministischer Sprachanalyse beschäftigt haben: man benötigt eben nicht nur ein großes I und/oder einen Schrägstrich, wie Sie im übrigen ja in (...)

Günther Anders • Konrad Paul Liessmann • Gerhard Oberschlick
Unvereinbar konvergent

Anders und Adorno

Über die Esoterik der philosophischen Sprache et alia
Mai
2020

Wie die ambivalente Beziehung der beiden Philosophen wechselseitig begründete Wertschätzung mit ebensolcher Feindseligkeit, wenn nicht Verachtung mischt, sollen diese Beiträge nachzeichnen. Am Anfang steht der peinlichste Auftritt, den ein philosophisches Seminar je erlebt haben dürfte. Der Block (...)

Literatur bei Wikipedia

Lesende Frau (Ölgemälde von Jean-Honoré Fragonard, 1770/72)

Literatur ist seit dem 19. Jahrhundert der Bereich aller mündlich (etwa durch Vers­formen und Rhythmus) oder schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisse. Man spricht in diesem „weiten“ Begriffsverständnis im Hinblick auf die hier gegebene schriftliche Fixierung etwa von „Fachliteratur“ oder, im Bereich der Musik, von „Notenliteratur“ (etwa Partituren) bzw. ganz allgemein von „Literatur“ im Sinne der Gesamtheit oder von Teilen schriftlich notierter Musik.

Die öffentliche Literaturdiskussion und -analyse ist demgegenüber seit dem 19. Jahrhundert auf Werke ausgerichtet, denen besondere Bedeutung als Kunst zugesprochen werden kann, und die man im selben Moment von Trivialliteratur und ähnlichen Werken ohne vergleichbare „literarische“, sprich künstlerische Qualität, abgrenzt. Die Literatur zählt zu den Gattungen der Kunst.

Das Wort Literatur wurde bis in das 19. Jahrhundert hinein regulär für die Wissenschaften verwendet. Mit Literatur sind üblicherweise veröffentlichte Schriften gemeint. Die Gesamtheit der veröffentlichten Schriften eines Fachgebietes bzw. zu einer bestimmten Thematik oder Zielsetzung bildet ein „Schrifttum“. Nur eingeschränkt und nicht über den Buchhandel zugängliche Publikationen werden als graue Literatur zusammengefasst.

Begriffsdifferenzierung

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Die heutige begriffliche Differenzierung, die im weitesten Sinne alle sprachliche Überlieferung umfasst und dabei ein enges Feld „literarischer“ Kunstwerke konstituiert, richtete sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts ein. Das Wort stand zuvor für Gelehrsamkeit, die Wissenschaften, die Produktion der res publica literaria und der frühmodernen scientific community, seltener auch lediglich für Schriften der griechischen und lateinischen Antike.

Die Neudefinition des Wortes geschah im Wesentlichen unter Einfluss neuer Literaturzeitschriften und ihnen folgender Literaturgeschichten, die zwischen 1730 und 1830 sich schrittweise den belles lettres, den schönen Wissenschaften öffneten, dem Bereich modischer und eleganter Bücher des internationalen Marktes und die dabei Werken der Poesie ein zentrales Interesse schenkten.

Es wurde im selben Prozess selbstverständlich, dass Literatur

Besprochen wird in den nationalen Philologien (wie der Germanistik, der Romanistik, der Anglistik), die die Ausgestaltung der nationalen Literaturen im 19. Jahrhundert im Wesentlichen vorantrieben, nahezu ausschließlich „hohe“ Literatur. Welche Werke unter welchen Gesichtspunkten besprochen werden, ist seitdem Gegenstand einer Debatte um die Bedeutung, die Werke in der jeweiligen Gesellschaft gewinnen. Der jeweilige „Kanon“ einer Nationalliteratur wird in der öffentlichen (und angreifbaren) Würdigung der „künstlerischen“ Qualität festgelegt, sowie in kontroversen Textinterpretationen der Fiktionen, die Titeln tiefere Bedeutung zusprechen. In der neuen Ausgestaltung übernahm die Literatur im 19. Jahrhundert in den westlichen säkularen Nationen Funktionen, die zuvor die Religionen und ihre Textgrundlagen als Debatten- und Bildungsgegenstände innehatten.

In neuerer Zeit wurde das Thema der digitalen Schriftlichkeit ein Diskussionsgebiet der Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft. Gerade bei dieser Art von Literatur ist es nicht mehr möglich, nach Kriterien zu beurteilen, die man für Literatur vergangener Jahrhunderte entwickelt hatte. Siehe dazu: Digitale Schriftlichkeit.

Etymologie und Begriffsgeschichte

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Das Wort Literatur ist eine erst in der Frühmoderne in Mode kommende Ableitung des lateinischen littera, der „Buchstabe“. Der Plural litterae gewann bereits in der Antike eigene Bedeutungen als „Geschriebenes“, „Dokumente“, „Briefe“, „Gelehrsamkeit“, „Wissenschaft(en)“. Im Französischen und Englischen blieb diese Bedeutung erhalten in lettres und letters als Synonym für „Wissenschaften“.

Das heutige Sprechen von Literatur entwickelte sich auf einem Umweg über das Deutsche und seine Äquivalente für die französische Wortfügung belles lettres. Im Laufe des 17. Jahrhunderts setzte sich die französische Wortkombination für einen neuen Bereich eleganter Bücher auf dem europäischen Markt durch. Die zeitgenössische deutsche Übersetzung war hierfür „galante Wissenschaften“, was dem Publikumsanspruch Rechnung trug wie dem modischen Geschmack: Leser beiderlei Geschlechts lasen diese Ware und bestanden darauf, dass sie eine ganze eigene Wissenschaft benötigte, keine akademische pedantische. Als mit dem frühen 18. Jahrhundert das Wort galant in Kritik geriet, setzte sich ein Sprechen von „schönen Wissenschaften“ durch, das im späten 18. Jahrhundert an Tragfähigkeit verlor, da es hier zunehmend um Poesie und Romane ging, eine unwissenschaftliche Materie. Das Sprechen von „schöner Literatur“ erlaubte es schließlich das engere im weiteren Begriffsfeld zu benennen. Man sprach ab Mitte des 18. Jahrhunderts von „Literatur“ mit der Option, jeweilige Schwerpunkte legen zu können. Mit dem Adjektiv „schöne“ wurde das Zentrum bezeichnet, das Literatur im engeren Sinn wurde. Je klarer das Zentrum definiert wurde, desto entbehrlicher wurde im 20. Jahrhundert die weitere Verwendung des Adjektivs.

Aus dem Wort belles lettres ging im deutschen Buchhandel das Wort „Belletristik“ hervor, das heute eine Nachbarstellung einnimmt. Der Buchhandel führte die Verengung des Literaturbegriffs auf Dichtung der Nation, wie sie im 19. Jahrhundert geschah, am Ende nicht durch. Für Verlage ist der internationale Markt unterhaltender Titel ein unverzichtbares Geschäftsfeld. Man kann innerhalb der Belletristik ein kleineres Feld der Klassiker der Literatur abgrenzen[1] und dieses wiederum international sortieren.

Das Wort Literatur hat seine zentrale Bedeutung in Literaturgeschichten, Literaturzeitschriften, in der Literaturkritik und Literaturtheorie. In all diesen Bereichen geht es deutlich darum, Kontroversen über Literatur zu erzeugen. Mit der Belletristik wird im Deutschen eher ein unkontroverses, uneingeschränktes Feld ohne eigene Geschichte beibehalten. Es gibt bezeichnenderweise keine „Belletristikgeschichte“, keine „Belletristikkritik“ und keine nationalen „Belletristiken“, dafür jedoch „Literaturgeschichte“, und „Literaturkritik“ wie „Nationalliteraturen“.[2]

Der heutige Literaturbegriff spiegelt den Wortgebrauch der letzten zweihundert Jahre wider. Er zeichnet sich dabei gleichzeitig durch die Aufnahme einer Reihe historischer Kontroversen aus, die den modernen Streit darüber, welche Werke es verdienen sollten, als Literatur besprochen zu werden, fruchtbar in ihrer teilweisen Unvereinbarkeit bestimmen. Literaturstudenten wird seit dem 19. Jahrhundert die Beherrschung eines Handwerkszeugs der Textanalyse nach den verschiedenen Traditionen der Poetik, der Rhetorik, und der Textinterpretation abverlangt, die dem literarischen Text tiefere kulturelle Bedeutung beimessen soll. Moderne Schulen der Literaturtheorie nahmen hier einzelne Fragestellungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und divergierenden Wünschen an einen Kanon wichtigster Werke der jeweils zu schreibenden Literaturgeschichte auf.

Ästhetik und kunstvolle Sprachbeherrschung

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Die Vorstellung, dass Literatur ein Bereich besonders schöner Texte sein sollte, ist Erbmasse der antiken und frühneuzeitlichen Poesiediskussion. Der alternative Blick auf kunstvolle Sprachbeherrschung geht dagegen auf die Diskussion antiker Rhetorik zurück. Während sich die Rhetorik als weitgehend unkontroverse, zweckorientierte Kunst handhaben ließ, bestand über die Frage des Schönen in der Poesie ein langer Streit, der im 18. Jahrhundert im Wesentlichen als Kampf zwischen Regelpoetikern (Verfechtern einer nach Gesetzen schönen Poesie) und Verfechtern eines Geschmacksurteils geführt wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte sich in Auflösung dieser Diskussion eine neue wissenschaftliche Debatte der Ästhetik durch, die – so die Hoffnung – am Ende in allen Bereichen der Kunst gelten würde als eine Konstante menschlicher Wahrnehmung, wie sie Schönheit auch in der Natur entdeckte.

Ende des 19. Jahrhunderts geriet der Blick auf die Ästhetik in grundsätzliche Kritik. Das hatte zum einen mit der kontroversen Begriffsaneignung durch die Ästhetizisten zu tun, zum anderen mit Kunstwerken, die sich provokant von der Konzentration auf Schönheit verabschiedeten und einen eigenen Realismus im Umgang mit sozialer Realität einklagten. Die schonungslose Anerkennung von Missständen sollte ein anerkanntes Ziel werden. Optionen im Umgang mit dem Konflikt bestanden in der Erweiterung der ästhetischen Konzepte wie in der Diskreditierung der Forderung eigener ästhetischer Wahrheit.

Fiktionalität, gesellschaftliche Relevanz

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Dass Literatur sich im gegenwärtigen Begriff durch Fiktionalität und tiefere Bedeutung, eine Relevanz für die Gesellschaft, auszeichnet, ist im Wesentlichen Erbe der Romandiskussion, die Mitte des 18. Jahrhunderts von der Literaturbesprechung aufgenommen wurde. Weder die Aristotelische Poetik noch die Nachfolgepoetiken der frühen Moderne hatten Poesie über Fiktionalität erklärt. Romane hatten sie samt und sonders nicht als Poesie anerkannt.

Der Vorschlag, Romane und womöglich Poesie generell über Fiktionalität zu definieren, findet sich erstmals klarer mit Pierre Daniel Huets Traktat über den Ursprung der Romane (1670) gemacht – als Möglichkeit, den theologischen Umgang mit Gleichnissen auf eine neue Lektüre von Romanen zu übertragen, bei dem es darum gehen soll, zu ermessen, welche kulturelle Bedeutung ein jeweiliger Titel hat.

Beim Aufbau des modernen Besprechungsgegenstands Literatur war die Frage nach tieferer Bedeutung Anfang des 19. Jahrhunderts praktisch, da sie dem Literaturwissenschaftler neue Tätigkeiten abverlangt, vor allem die der Interpretation. Daneben schuf sie neue Möglichkeiten, Texte zu bewerten und sich speziell diskutierbar rätselhaften, fremdartigen Titeln zuzuwenden und über sie die eigene Nation und Geschichte neu zu erklären. Im 19. und 20. Jahrhundert entfaltete die Frage nach der Bedeutung des Textes in der Kultur zudem politische Dynamik, da sich an sie Forderungen nach aktivem Engagement anschließen ließen.

Literarischer Stil und Subjektivität

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Die Frage stilistischen Anspruchs ist im Wesentlichen Erbmasse der Diskussion neuester belles lettres. Poetiken waren davon ausgegangen, dass zwar einzelne Dichter die Kunst unterschiedlich handhabten, dass jedoch das Persönliche selbst nicht zu erstreben war. Schönheit galt es an sich anzustreben, der Künstler rang um die Schönheit. Mit der Romandiskussion wurde die Frage nach kulturellen Hintergründen akut, die Frage des individuellen Autors war dabei wenig das Ziel. Anders war die Debatte in der Belletristik verlaufen. In ihr stand gerade die Frage nach den Titeln im Vordergrund, die den aktuellen Geschmack am besten befriedigten. Es ging im selben Moment um die Frage nach neuen Autoren, die mit eigenen Sichtweisen den Geschmack prägten.

Die belles lettres sollten insgesamt, so ihre Verfechter sich durch Stil auszeichnen – gegenüber den minderwertigen Volksbüchern wie gegenüber der pedantischen Wissenschaftlichkeit. Romane und Memoiren wurden wesentliche Felder der Produktion modernen persönlichen Stils. Die Diskussion jeweiliger Leistungen der individuellen Perspektive ging im frühen 19. Jahrhundert in der heutigen Literaturdiskussion auf – die Frage nach subjektiver Wahrnehmung der Realität, wie sie sich in Literatur abzeichne, prädestinierte den neuen Bereich, der im 19. Jahrhundert aufgebaut wurde, dazu, ein Debattenfeld im Schulunterricht zu werden. Im modernen Literaturunterricht geht es seitdem zentral darum, Schüler zu subjektiven Stellungnahmen zu Literatur zu bewegen, ihre Subjektivität dabei öffentlich wahrzunehmen, Subjektivität behandelter Autoren zu erfassen.

Höhere strukturelle Komplexität und komplexeres Traditionsverhalten

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Im Lauf des 20. Jahrhunderts kam eine eigene, mutmaßlich neutrale, wissenschaftliche Analyse von Komplexität literarischer Werke auf. Auf sie richtete sich vor allem der Strukturalismus der 1960er und 1970er und ihm folgend der Poststrukturalismus der 1980er und 1990er aus. Betrachtet man die Untersuchungen mit historischer Perspektive, so nehmen sie aus allen Debattenfeldern Untersuchungsoptionen auf. Besondere Würdigung erhalten dabei Texte, die komplexer zu analysieren sind, die der Literaturbesprechung mehr Angriffsfläche der auszulotenden Kontexte geben.

Der hochrangige Text ist unter dieser Prämisse der, der reich an – womöglich divergierenden – Bedeutungsebenen ist, sich intensiv mit Traditionen auseinandersetzt, sich komplex auf andere Texte bezieht, erst im Blick auf diese besser verstanden wird. Die Analysen sind insofern wissenschaftlich objektiv, als sie tatsächlich die wissenschaftliche Analysierbarkeit als Eigenschaft von Texten erfassen, die sich dank ihrer Qualitäten in der wissenschaftlichen Analyse halten, uns nachhaltig als Literatur damit beschäftigen.

Hier lag, rückblickend betrachtet gleichzeitig die Option einer Mode von Texten, die sich auf die Literaturbetrachtung ausrichteten. Die Postmoderne ging in Entdeckungen des Trivialen am Ende zunehmend konfrontativ bis ablehnend mit den hier definierten Ansprüchen an Kunst der Literatur um.

Erst ab dem 19. Jahrhundert hat man zur Literatur nicht nur das Wissenschaftliche gezählt, sondern alles, was schriftlich niedergelegt war. Ab dem Jahrhundert unterschied man auch zwischen hoher Literatur, sprich Hochliteratur, und Literatur von wenig künstlerischer Qualität, sprich Trivialliteratur.

Geschichte des Diskussionsfeldes

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Literature = Learning, Gelehrsamkeit. Titelblatt der Memoirs of Literature (1712)

Der Prozess, in dem im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Dramen, Romane und Gedichte zu „Literatur“ gemacht wurden (sie hingen vorher unter keinem Wort zusammen), muss unter unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden. Ganz verschiedene Interessen waren daran beteiligt, die „Literatur“ zum breiten Debattenfeld zu machen. Auf eine einprägsame Formel gebracht, engten die Teilnehmer der Literaturdebatte ihre Diskussion ein und weiteten ihre Debatte damit aus: Seit Jahrhunderten hatten sie erfolgreich wissenschaftliche Schriften als „Literatur“ diskutiert – Poesie und Fiktionen interessierten sie dabei vor 1750 nur am Rande. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rückten sie ausgewählte Felder des populären Randgebiets in das Zentrum ihrer Rezensionen mit dem Effekt, dass ihre eigene Diskussion sich nun mit den freier besprechbaren Gegenständen ausweitete. Die Gründung der universitär verankerten Literaturwissenschaft festigte im 19. Jahrhundert den Prozess dieser Einengung des Debattenfeldes (auf Dramen, Romane und Gedichte) sowie die Ausdehnung der Diskussion selbst (vor allem auf die staatlichen Schulen und die öffentlichen Medien).

18. Jahrhundert: Die Literaturkritik wendet sich „schöner Literatur“ zu

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Das Wort Literatur gilt heute zwar nicht mehr demselben Gegenstand wie vor 1750, es blieb jedoch kontinuierlich das Wort des sekundären Austauschs über Literatur. Es findet sich auf Titelseiten von Literaturzeitschriften, in den Bezeichnungen von Lehrstühlen und universitären Seminaren der Literaturwissenschaft, in den Titeln von Literaturgeschichten, in Wortfügungen wie Literaturpapst, Literaturkritiker, Literaturhaus, Literaturpreis. Das Wort Literatur ist dabei (anders als Worte wie „Hammer“, die keine Debattengegenstände bezeichnen) vor allem ein Wort des Streits und der Frage: „Was soll eigentlich als Literatur Anerkennung finden?“ Es gibt eine Literaturdiskussion, und sie legt auf der Suche nach neuen Themen, neuer Literatur und neuen Literaturdefinitionen fortwährend neu fest, was gerade für Literatur erachtet wird. Sie tat dies in den letzten 300 Jahren mit solchem Wandel ihres Interesses, dass man für das Wort Literatur eben durchaus keine stabile inhaltliche Definition geben kann.

Das große Thema des Austauschs über Literatur waren bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Wissenschaften. In der Praxis des Besprechungswesens reduzierte sich der Blick der Literaturrezensenten dabei auf neueste Publikationen, auf Schriften – ein Austausch, der zunehmend Leser außerhalb der Wissenschaften ansprach: Wissenschaftliche Journale erschienen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit spannenden Themen in den Niederlanden auf Französisch. Englische kamen hinzu, deutsche boomten zwischen 1700 und 1730 im Geschäft, das die Universitäten Leipzigs, Halles und Jenas bestimmten. Der Reiz der wissenschaftlichen Journale war ihre Diskussionsfreudigkeit, ihre Offenheit für politische Themen, die Präsenz, die hier einzelne Literaturkritiker mit eigenen, sehr persönlich geführten Journalen (im deutschen etwa den Gundlingiana des Nikolaus Hieronymus Gundling) entwickelten.

Zwischen 1730 und 1770 wandten sich deutsche literarische Journale bahnbrechend der nationalen Dichtung zu – im territorial und konfessionell zersplitterten Sprachraum war die Poesie der Nation ein Thema, das sich überregional und mit größten Freiheiten behandeln ließ. Die Gelehrsamkeit (die res publica literaria) gewann mit Rezensionen der belles lettres, der schönen Wissenschaften, der schönen Literatur (so die Dachbegriffe, die man wählte, um diese Werke ungeniert in wissenschaftlichen Zeitschriften ansprechen zu können), ein wachsendes Publikum. Aus dem modischen Ausnahmefall des Rezensionswesens wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts der Regelfall.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste im Deutschen das Wort Literatur neu definiert werden. Literatur war (hielt man sich vor Augen, was da besprochen wurde) definitiv nicht der Wissenschaftsbetrieb, sondern eine textliche Produktion mit zentralen Feldern in der künstlerischen Produktion. Literatur wurde in der neuen Definition:

  • im „weiten Sinn“ der Bereich aller sprachlichen und schriftlichen Überlieferung (sie umfasst mündlich tradierte Epen ebenso wie gedruckte Noten; siehe Mündliche Überlieferung, Schriftkultur),
  • im „engen Sinn“ der Bereich sprachlicher Kunstwerke.

Nach der neuen Definition war davon auszugehen, dass sich die Literatur in nationalen Traditionssträngen entwickelte: Wenn sie im Kern sprachliche Überlieferung war, dann mussten die Sprachen und die politisch definierten Sprachräume den einzelnen Überlieferungen Grenzen setzen – Grenzen, über die nur ein Kulturaustausch hinweghelfen kann. Ein Sprechen von „Literaturen“ im Plural entfaltete sich. Für die Nationalliteraturen wurden die nationalen Philologien zuständig. Eine eigene Wissenschaft der Komparatistik untersucht die Literaturen heute in Vergleichen.

Die Definition von Literatur als „Gesamt der sprachlichen und schriftlichen Überlieferung“ erlaubt es den verschiedenen Wissenschaften, weiterhin in „Literaturverzeichnissen“ ihre eigenen Arbeiten als „Literatur“ zu listen (Fachliteratur). Die Definition im „engen Sinn“ ist dagegen gezielt arbiträr und zirkulär angelegt. Es blieb und bleibt darüber zu streiten, welche Werke als „künstlerische“ Leistungen anzuerkennen sind.

Dramen, Romane und Poesie werden im 18. Jahrhundert zum Diskussionsfeld

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Das, was Literatur werden sollte, hatte vor 1750 weder einen eigenen Oberbegriff noch größere Marktbedeutung. Poesie und Romane mussten erst unter eine einheitliche Diskussion gebracht werden, wobei gleichzeitig große Bereiche der Poesie- wie der Romanproduktion aus der Literaturdiskussion herausgehalten werden mussten, wenn diese ihr kritisches Gewicht bewahren wollte.

Der Prozess, in dem ausgewählte Dramen, Romane und Gedichte „Literatur“ wurden, fand dabei in einem größeren statt: Seit dem 17. Jahrhundert gab es auf dem Buchmarkt die belles lettres (englisch vor 1750 oft mit polite literature übersetzt, deutsch mit „galante Wissenschaften“ und ab 1750 „schöne Wissenschaften“). Dieses Feld besteht heute im Deutschen mit der Belletristik fort.

Die „belles lettres“ werden zum Sonderfeld der Literaturdiskussion

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Die belles lettres waren im 17. Jahrhundert unter den lettres, den Wissenschaften, für das Besprechungswesen ein unterhaltsamer Randbereich. Sie erwiesen sich im Lauf des 18. Jahrhunderts als popularisierbares Besprechungsfeld. Ihnen fehlten jedoch entscheidende Voraussetzungen, um staatlichen Schutz erlangen zu können: Die belles lettres waren und sind international und modisch (man kann von „nationalen Literaturen“ sprechen, nicht aber von „nationalen Belletristiken“), sie umfassten Memoires, Reiseberichte, politischen Klatsch, elegante Skandalpublikationen genauso wie Klassiker der antiken Dichter in neuen Übersetzungen (ihnen fehlt mit anderen Worten jede Ausrichtung auf eine Qualitätsdiskussion; man liest die mit Geschmack, es gibt „Literaturkritiker“, aber keine „Belletristikkritiker“). Die Belletristik war und ist vor allem aktuell und das selbst in ihren Klassikern (es gibt keine „Belletristikgeschichte“, wohl aber „Literaturgeschichte“) – das sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Belletristik und Literatur, die aufzeigen, wie die Belletristik umgeformt werden musste, um die Literatur im heutigen Sinn zu schaffen.

Staatliches Interesse – Achtung, mit der sie zum Unterrichtsgegenstand werden konnte – gewann die Belletristik durch die Einrichtung einer nationalen Debatte, in der es um hohe Kunst der nationalen Dichter ging. Romane, Dramen und Gedichte wurden in der Einrichtung dieser Diskussion zum zentralen Feld der belles lettres, zu „schöner Literatur“, dem Kernbereich der literarischen Produktion.

Das kritische Besprechungswesen entskandalisierte die Belletristik

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Die englische Buchproduktion 1600–1800, Titelzählung nach dem English Short Title Catalogue. Die Statistik zeigt deutlich – eine Besonderheit des englischen Marktes – das Aufkommen der aktuellen politischen Berichterstattung mit der Revolution 1641/42. Die Höhepunkte der Presseaktivität liegen vor 1730 jeweils in politisch turbulenten Jahren. Als Phasen zeichnen sich die Bürgerkriegszeit mit abfallender Produktion, die Zeit der Kriege gegen die Niederlande (1670er) und der Großen Allianz (1689–1712) ab. Mitte des 18. Jahrhunderts setzt ein neues Wachstum ein mit bald exponentieller Kurve, hinter dem entscheidend der Aufstieg der Belletristik steht.

Der Bereich der belles lettres war vor 1750 klein, aber virulent. Unter 1500–3000 Titeln der jährlichen Gesamtproduktion, die um 1700 in den einzelnen großen Sprachen Französisch, Englisch und Deutsch auf den Markt kam, machten die belles lettres pro Jahr 200–500 Titel aus; 20–50 Romane waren etwa dabei. Der Großteil der Buchproduktion entfiel auf die Bereiche wissenschaftliche Literatur und religiöse Textproduktion von Gebetbüchern bis hoch zu theologischer Fachwissenschaft, sowie, wachsend: auf die politische Auseinandersetzung. Zu den Marktentwicklungen eingehender das Stichwort Buchangebot (Geschichte).

Auf dem Weg zur diskutablen Poesie wird die Oper ausgeschaltet

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Die Literaturkritik, die Kritik der Wissenschaften, ließ sich zwischen 1730 und 1770 gezielt auf die skandalösesten Bereiche des kleinen belletristischen Marktes ein. Dort, wo es die skandalöse Oper und den ebenso skandalösen Roman gab, musste (so die Forderung der Kritiker) in nationalem Interesse Besseres entstehen. Mit größtem Einfluss agierte hier die deutsche Gelehrsamkeit. Die Tragödie in Versen wurde das erste Projekt des neuen, sich der Poesie zuwendenden wissenschaftlichen Rezensionswesens. Frankreich und England hätten eine solche Tragödie zum Ruhm der eigenen Nation, führte Johann Christoph Gottsched in seiner Vorrede zum Sterbenden Cato, 1731 aus, die den Ruf nach jener neuen deutschen Poesie begründete, aus der am Ende die neue hohe deutsche Nationalliteratur wurde. Die Attacke richtete sich (auch wenn Gottsched das nur in Nebensätzen klarstellte, und ansonsten das Theater der Wandertruppen angriff) gegen die Oper, die in der Poesie den Ton angab. Die Oper mochte Musik sein. Die neue, der Oper ferne Tragödie würde, so versprach es Gottsched, auf Aufmerksamkeit (und damit Werbung) des kritischen Rezensionswesens hoffen können, falls sie sich an die poetischen Regeln hielt, die Aristoteles formuliert hatte.

Der Roman wird dagegen Teil der Poesie

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Die Rückkehr zur aristotelischen Poetik blieb ein Desiderat der „Gottschedianer“. Mit dem bürgerlichen Trauerspiel gewann Mitte des 18. Jahrhunderts ein ganz anderes Drama – eines in Prosa, das bürgerliche Helden tragödienfähig machte – die Aufmerksamkeit der Literaturkritik. Der Roman, der mit Samuel Richardsons Pamela, or Virtue Rewarded (1740) dem neuen Drama die wichtigsten Vorgaben gemacht hatte, fand im selben Moment das Interesse der Literaturrezension. War der Roman bis dahin eher Teil der dubiosen Historien als Poesie, so wurde nun die Poesiedefinition für den Roman geöffnet, so wie sie gegenüber der Oper, dem Ballett, der Kantate und dem Oratorium verschlossen wurde.

Der neue Poesiebegriff gab dem Fiktionalen und seiner diskutierbaren Bedeutung größeren Raum als Regeln und Konventionen. Die Diskutierbarkeit von Poesie nahm damit zu. Sie steigerte sich weiter damit, dass das Besprechungswesen zum nationalen Wettstreit der Dichter aufrief.

Die Diskussion „hoher Literatur“ und die Entskandalisierung der Öffentlichkeit

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Die poetischen Werke, die mit den 1730ern geschaffen wurden, um von der Literaturkritik besprochen zu werden, verdrängten nicht die bestehende belletristische Produktion. Der gesamte Markt der Belletristik wuchs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Massenmarkt. Die neue, auf die Besprechung zielende Produktion versetzte jedoch die öffentliche Literaturkritik in die Lage, nach Belieben bestimmen zu können, was öffentlicher Beachtung wert sein sollte und was nicht. Das Besprechungswesen sorgte mit seiner Entscheidungsgewalt über das Medienecho für eine Ausdifferenzierung des belletristischen Sektors und für eine Entskandalisierung der Öffentlichkeit:

  • „Hoch“, der Besprechung würdig, stand die „wahre“, die „schöne Literatur“ – „Höhenkammliteratur“ so ein späteres deutsches Wort (die Marktdifferenzierung fiel am härtesten in Deutschland aus, wo der Prozess früh einsetzte, hier gibt es darum auch die klareren Begriffe).
  • Als „niedrig“ wurde die sich kommerziell verkaufende, undiskutierte belletristische Produktion eingestuft – „Trivialliteratur“ das deutsche abwertende Wort.

Für die öffentliche Auseinandersetzung bedeutete die neue Differenzierung eine Wohltat. Im frühen 18. Jahrhundert hatte man Romane, die hochrangigen Politikern Sexskandale andichteten, in wissenschaftlichen Journalen besprochen, falls die politische Bedeutung das erforderte. Man hatte die Informationen schlicht als curieus gehandelt (siehe etwa die Rezension der Atalantis Delarivier Manleys in den Deutschen Acta Eruditorum von 1713).[3] Kein Gespür für die Niedrigkeit der Debatte bestand da – man ging vielmehr davon aus, dass sich solche Informationen nicht anders verbreiten ließen, als in skandalösen Romanen. Mitte des 18. Jahrhunderts – die neue Mode der Empfindsamkeit kam in diesem Geschehen auf – konnte man das „Niedere“ zwar nicht vom Buchmarkt verbannen, aber eben aus der Diskussion nehmen. Es mochte einen skandalösen Journalismus beschäftigen, der eines Tages eine eigene Boulevardpresse entwickelte, nicht aber die gehobenen Debatten der Literatur.

Die Literaturgeschichte wird mit der Wende ins 19. Jahrhundert geschaffen

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Die Literaturdebatte entwickelte auf dem Weg der von ihr angestrebten Marktreform eine besondere Suche nach Verantwortung für die Gesellschaft – und für die Kunst. Sie fragte nach den Autoren dort, wo der Markt bislang weitgehend unbeachtet und anonym florierte. Sie löste Pseudonyme auf und nannte die Autoren gezielt bei ihren bürgerlichen Namen (das war im 17. und 18. Jahrhundert durchaus unüblich, man sprach vor 1750 von „Menantes“ nicht von „Christian Friedrich Hunold“). Die neue Literaturwissenschaft diskutierte, welche Stellung die Autoren in der Nationalliteratur gewannen und legte damit das höhere Ziel der Verantwortung fest. Sie schuf schließlich besondere Fachdiskussionen wie die psychologische Interpretation, um selbst das noch zu erfassen, was die Autoren nur unbewusst in ihre Texte gebracht hatten, doch eben nicht weniger in der literaturwissenschaftlichen Perspektive verantworteten. Rechtliche Regelungen des Autorstatus und des Urheberschutzes gaben demselben Prozess eine zweite Seite.

Geschichten der deutschen Literatur offenbaren die Einschnitte des hier knapp skizzierten Geschehens, sobald man die besprochenen Werke auf der Zeitachse verteilt: Mit den 1730ern beginnt eine kontinuierliche und wachsende Produktion „deutscher Dichtung“. Die Diskussionen, die seit 1730 geführt wurden, schlagen sich in Wellen von Werken nieder, die in diesen Diskussionen eine Rolle spielten. Vor 1730 liegt dagegen eine Lücke von 40 Jahren – die Lücke des belletristischen Marktes, dem die Gründungsväter der heutigen nationalen Literaturdiskussion als „Niedrigem“ und „Unwürdigen“ ihre Betrachtungen verweigerten. Mit dem „Mittelalter“, der „Renaissance“ und dem „Barock“ schuf die Literaturgeschichtsschreibung des 18. und 19. Jahrhunderts für die Vergangenheit nationale Großepochen, die der Literatur, wie sie heute erscheint, eine (lückenhafte, nachträglich produzierte) Entwicklung geben.

Frenzels Daten deutscher Dichtung, die wohl populärste deutsche Literaturgeschichte, auf die Chronologie der von ihr gelisteten Werke hin befragt (y-Achse = besprochene Werke pro Jahr). Deutlich zeichnet sich mit dem Jahr 1730 das Aufkommen der für die Literaturbesprechung verfassten poetischen und fiktionalen Literatur ab. Debatte um Debatte schlägt sie sich mit einer neuen Epoche nieder. Vor 1730 bleibt die Vergangenheit, mit der die deutsche Literatur seit den 1730ern ausgestattet wurde, bruchstückhaft.[4]

Seit dem 19. Jahrhundert: Literatur im kulturellen Leben der Nation

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Der Streit in der Frage „Was ist Literatur?“, der mit dem 19. Jahrhundert aufkam, und der nach wie vor die Literaturwissenschaft beschäftigt, ist kein Beweis dafür, dass die Literaturwissenschaft nicht einmal dies zuwege brachte: ihren Forschungsgegenstand klar zu definieren. Die Literaturwissenschaft wurde selbst die Anbieterin dieses Streits. Darüber, was Literatur sein soll und wie man sie adäquat betrachtet, muss tatsächlich gesellschaftsweit gestritten werden, wenn Literatur – Dramen, Romane und Gedichte – im Schulunterricht, in universitären Seminaren, im öffentlichen Kulturleben als geistige Leistung der Nation gewürdigt wird. Jede Interessengruppe, die hier nicht eigene Perspektiven und besondere Diskussionen einklagt, verabschiedet sich aus einer der wichtigsten Debatten der modernen Gesellschaft.

Nach dem Vorbild der Literatur (als dem sprachlich fixierten nationalen Diskursgegenstand) wurden mit der Wende ins 19. Jahrhundert die internationaler verfassten Felder der bildenden Kunst und der ernsten Musik definiert – Felder, die zu parallelen Marktdifferenzierungen führten: Auch hier entstanden „hohe“ gegenüber „niedrigen“ Gefilden: Die hohen sollten überall dort liegen, wo gesellschaftsweite Beachtung mit Recht eingefordert wird. Der Kitsch und die Unterhaltungsmusik („U-Musik“ im Gegensatz zur „E-Musik“) konnten im selben Moment als aller Beachtung unwürdige Produktionen abgetan werden. Die Literaturdebatte muss von allen Gruppen der Gesellschaft als Teil der größeren Debatte über die Kultur und die Kunst der Nation aufmerksam beobachtet werden: Sie nimmt mehr als andere Debatten Themen der Gesellschaft auf und sie gibt Themen an benachbarte Diskussionen weiter.

Dass sie zum Streit Anlass gibt, ist das Erfolgsgeheimnis der Literaturdefinition des 19. Jahrhunderts: Literatur sollen die Sprachwerke sein, die die Menschheit besonders beschäftigen – das ist zirkulär und arbiträr definiert. Es liegt im selben Moment in der Hand aller, die über Literatur sprechen, festzulegen, was Literatur ist.

Der literarische Kanon verdrängt den religiösen

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Ordnung und Fixierung gewann die Literaturdebatte nicht mit der Begriffsdefinition „Literatur“, an der sich der Streit entzündet, sondern mit den Traditionen ihres eigenen Austauschs. Was als Literatur betrachtet werden will, muss sich für einen bestimmten Umgang mit literarischen Werken eignen. Die Literatur entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur weltlichen Alternative gegenüber den Texten der Religion, die bislang die großen Debatten der Gesellschaft einforderten. Die Übernahme ethisch-moralischer Funktionen durch die schöne Literatur wurde im Viktorianischen England vor allem von Matthew Arnold gefordert, der am Philistertum der dem Mammon frönenden Puritaner Anstoß nahm.[5] Die Literaturwissenschaft drang so mit ihrem Debattengegenstand – Dramen, Romane und Gedichte – in die Lücke, die die Theologie mit der Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ. Dabei bewährten sich bestimmte Gattungen, die „literarischen“, besser als andere –

  • Literatur musste, wollte sie Funktionen religiöser Texte übernehmen, öffentlich inszenierbar sein – das Drama war dies,
  • Literatur musste intim rezipierbar sein – insbesondere die Lyrik gewann hier Rang als Gegenstand subjektiven Erlebens,
  • Literatur – weltliche Fiktionen und Poesie – musste tiefere Bedeutung tragen können, wollte sie einen sekundären Diskurs rechtfertigen; dass sie das konnte, zeichnete sich seit 1670 ab (seitdem Pierre Daniel Huet mit seinem Tractat über den Ursprung der Romane als Theologe darauf verwiesen hatte, dass man weltliche Fiktionen und damit den Roman mitsamt der Poesie ganz wie theologische Gleichnisse „interpretieren“ könnte; Huets Vorschlag blieb bis in die 1770er suspekt als fragwürdige Aufwertung von weltlichen Fiktionen),
  • Literatur musste einen Streit über ihre Rolle in der Gesellschaft zulassen – das tat sie, nachdem man Dramen, Romanen und Gedichten schon lange zugestand, dass sie Sitten gefährdeten (oder verbesserten),
  • Literatur musste sich im Bildungssystem mit ähnlicher Hierarchie des Expertentums behandeln lassen wie Texte der Religion zuvor, wollte sie nicht ganz schnell beliebig zerredet werden – tatsächlich kann das Bildungssystem jedem Kind abverlangen, eine eigene Beziehung zur Literatur seiner Nation zu entwickeln; gleichzeitig bleibt enorme Expertise notwendig, um Literatur „fachgerecht“ zu analysieren und zu interpretieren, Fachexpertise, die an universitären Seminaren so exklusiv verteilt wird wie in theologischen Seminaren zuvor.

Siegeszug der pluralistischen Diskussion

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Modell literarischer Kommunikation mit Linien des Austauschs zwischen Staat (er legt im Schulunterricht wie an Universitäten fest, was Literatur ist), Öffentlichkeit in den Medien, Verlagen, Autoren und dem Publikum

Das Material, das im Lauf des 18. Jahrhunderts zu Literatur gemacht wurde, war zuvor nur im Ausnahmefall von Literaturzeitschriften (wissenschaftlichen Rezensionsorganen) besprochen worden. Der Austausch über Poesie und Fiktionen, über Dramen, Opern und Romane geschah vor 1750 vor allem in den Theatern und in den Romanen selbst. In den Theatern stritten die Fans über die besten Dramen und Opern. Man veranstaltete in London Wettkämpfe, bei denen man Themen ausschrieb und die beste Oper prämierte. Im Roman attackierten Autoren einander unter Pseudonymen mit der beliebten Drohung, den Rivalen mit seinem wahren Namen auffliegen zu lassen. Hier griff der sekundäre Diskurs der Literaturkritik um 1750 mit neuen Debattenangeboten ein.

Die Literaturdiskussion selbst war zuerst eine rein wissenschaftsinterne Angelegenheit gewesen: Als im 17. Jahrhundert Literaturzeitschriften aufkamen, besprachen in ihnen Wissenschaftler die Arbeiten anderer Wissenschaftler. Das Publikum dieses Streits weitete sich aus, dadurch, dass die Literaturzeitschriften Themen von öffentlichem Interesse intelligent ansprachen und da die Rezensenten sich auf das breitere Publikum mit neuen Besprechungen der belles lettres einließen. Wenn die Wissenschaften Dichter besprachen, gewann ihre Debatte eine ganz neue Freiheit: Fachintern, doch vor den Augen der wachsenden Öffentlichkeit besprach man hier Autoren, die außerhalb der eigenen Debatte standen. Man konnte mit ihnen weit kritischer umgehen als mit den Kollegen, die man bislang im Zentrum rezensierte.

In dem Maße, in dem die Wissenschaften ihren ersten Besprechungsgegenstand (ihre eigene Arbeit) zugunsten des neuen (Poesie der Nation) erweiterten, öffneten sie die Literaturdebatte der Gesellschaft. Die Literaturdiskussion florierte fortan nicht mehr als vor allem internes Geschäft; sie agierte in ihrem Streit zugleich gegenüber zwei externen Teilnehmern: dem Publikum, das die Literaturdebatte verfolgt und vieldiskutierte Titel mit der Bereitschaft kauft, die Diskussionen fortzusetzen und gegenüber den Autoren, die nun als die Verfasser von „Primärliteratur“ dem „sekundären Diskurs“ beliebig distanziert gegenüberstehen können.

Der Austausch gewann an Komplexität, als im 19. Jahrhundert die Nation ein eigenes Interesse an der neuformulierten Literatur entwickelte. Die Nationalliteratur ließ sich an Universitäten und Schulen zum Unterrichtsgegenstand machen. Der Nationalstaat bot der Literaturwissenschaft eigene Institutionalisierung an: Lehrstühle an Universitäten. Die nationalen Philologien wurden eingerichtet. Literaturwissenschaftler wurden berufen, um für Kultusministerien die Lehrpläne zu erstellen, nach denen an den Schulen Literatur zu besprechen ist; sie bilden die Lehrer aus, die Literatur bis in die unteren Schulklassen hinab diskutieren.

Die Verlagswelt stellte sich auf den neuen Austausch ein. Kommt ein neuer Roman auf den Markt, schickt sie komplett vorgefasste Rezensionen mit Hinweisen auf die Debatten, die dieser Roman entfachen wird, an die Feuilleton-Redaktionen der wichtigsten Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender.

Die Autoren veränderten ihre Arbeit. Mit den 1750ern kamen ganz neue Dramen und Romane auf: schwergewichtige, schwerverständliche, die gesellschaftsweite Diskussionen entfachen müssen. Romane und Dramen wurden in ganz neuem Maße „anspruchsvoll“ – Anspruch auf öffentliche Würdigung ist das neue Thema. Um mehr Gewicht auf Debatten zu gewinnen, wurde es unter den Autoren Mode, Dramen, Romane und Gedichte in epochalen Strömungen zu verfassen, Schulen zu gründen, die einen bestimmten Stil, eine bestimmte Schreibweise (die „realistische“, die „naturalistische“ etc.), eine bestimmte Kunsttheorie (die des „Surrealismus“, die des „Expressionismus“) verfochten. Autoren, die sich auf eine solche Weise verorten, werden, wenn die Aktion gelingt, als bahnbrechende besprochen, wenn sie zu spät auf den falschen Zug aufspringen, werden sie von der Kritik als „Epigonen“ gebrandmarkt. Dieses gesamte Spiel kennt kein Pendant vor 1750. Die meisten Stilrichtungen, die wir (wie das „Barock“ und „Rokoko“) vor 1750 ausmachen, sind erst später geschaffene Konstrukte, mit denen wir den Eindruck erwecken, dass Literatur schon immer Debatten fand, wie sie sie seit dem 19. Jahrhundert findet.

Verfolgung von Literatur: Bücherverbrennung 1933

Die Autoren organisierten sich in Assoziationen wie dem P.E.N.-Club international. Sie formierten Gruppen wie die „Gruppe 47“ und Strömungen. Mit Manifesten begannen sie, dem sekundären Diskurs Vorgaben zu machen. Im Einzelfall ließen sie sich auf Fehden mit Literaturpäpsten ein, um auf direktestem Weg die Literaturdiskussion auf sich zu ziehen. Autoren nehmen Literaturpreise an oder schlagen sie, wie Jean-Paul Sartre den ihm verliehenen Nobelpreis für Literatur, im öffentlichen Affront aus. Sie halten Dichterlesungen in Buchhandlungen – undenkbar wäre das im frühen 18. Jahrhundert gewesen. Sie begeben sich in den „Widerstand“ gegen politische Systeme, sie schreiben Exilliteratur aus der Emigration heraus.

Mit all diesen Interaktionsformen gewann der Austausch über Literatur eine Bedeutung, die der Austausch über die Religion kaum hatte (geschweige denn der Austausch über Literatur im alten Wortsinn oder derjenige über Poesie und Romane, wie er vor 1750 bestand).

Das brachte eigene Gefahren mit sich. Die Literaturwissenschaft und der von ihr ausgebildete freiere Bereich der Literaturkritik in den Medien sind erheblichen Einflussnahmen der Gesellschaft ausgesetzt. Die Gesellschaft klagt neue Debatten ein, fordert neue politische Orientierungen, erzwingt von der Literaturkritik Widerstand oder Anpassung. Es gibt in der pluralistischen Gesellschaft in der Folge eine feministische Literaturwissenschaft wie eine marxistische, oder (scheinbar unpolitischer) eine strukturalistische und so fort. Eine Gleichschaltung der Gesellschaft, wie sie das Dritte Reich durchführte, greift konsequenterweise gezielt zuerst in den Literaturbetrieb ein. Die institutionalisierte Literaturwissenschaft lässt sich sehr schnell gleichschalten, Lehrstühle werden neu besetzt, Lehrpläne bereinigt, Literaturpreise unter neuen Richtlinien vergeben. Die Gleichschaltung der Verlagswelt und der Autorenschaft ist die schwierigere Aufgabe der Literaturpolitik, der totalitäre Staaten zur Kontrolle der in ihnen geführten Debatten große Aufmerksamkeit schenken müssen.

Rückblick: Ein neuer Bildungsgegenstand wurde geschaffen

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München: der Max-Joseph-Platz, vor der Säkularisation der Platz des Franziskanerklosters

Warum die Nation überhaupt ein solches Interesse am pluralistischen und jederzeit kritischen Gegenstand „Literatur“ und den Debatten nationaler „Kunst“ und „Kultur“ entwickelte:

Europas Nationen antworteten mit der Einführung nationalstaatlicher Bildungssysteme und der allgemeinen Schulpflicht – durchaus auch – auf die Französische Revolution. Wer aufsteigen wollte, sollte, so das Versprechen, das jede weitere Revolution erübrigen musste, es in der Nation beliebig weit bringen können – vorausgesetzt, er nutzte die ihm angebotenen Bildungschancen. In der Praxis blieben Kinder unterer Schichten bei aller Chancengleichheit finanziell benachteiligt. Weit schwerer wog für sie jedoch, was sie an Erfahrungen frühzeitig in all den Schulfächern machten, in denen die neuen Themen angesagt waren: Wer in der Gesellschaft aufsteigen wollte, würde seinen Geschmack anpassen müssen. Er würde sich ausschließlich für hohe Literatur, bildende Kunst und ernste Musik begeistern müssen und am Ende mit seinen nächsten Angehörigen keine Themen mehr teilen, ihre Zeitungen verachten wie ihre Nachrichten. Die Frage war nicht, ob man aufsteigen konnte. Die Frage war, ob man bei diesen Aussichten aufsteigen wollte? Erst das ausgehende 20. Jahrhundert brachte hier eine größere Nivellierung der „Kulturen“ innerhalb der Gesellschaft – nicht wie in der linken politischen Theorie gedacht durch eine Erziehung, die Arbeiterkinder an die hohe Kultur heranführte, sondern durch neue Moden der Postmoderne, in denen „niedere“ Kultur, „Trash“, plötzlich „Kultstatus“ gewann.

Der Verlierer im Kampf um gesellschaftliche Diskussionen und Aufmerksamkeit scheint bei alledem die Religion gewesen zu sein. Die Literatur ist gerade an dieser Stelle eine interessant offene Konstruktion. Die Texte der Religion können dort, wo man Literatur diskutiert, jederzeit als die „zentralen Texte der gesamten sprachlichen Überlieferung“ eingestuft werden. Aus der Sicht der Literaturwissenschaft liegen die Texte der Religion nicht „außerhalb“, sondern mitten „im“ kulturellen Leben der Nation. Die Texte der Religion stehen zur Literatur als dem großen Bereich aller textlichen (nach Nationen geordneten) Überlieferung nahezu so ähnlich wie die Religionen selbst zu den Staaten, in denen sie agieren. Es ist dies der tiefere Grund, warum sich das Konzept der Literatur, wie es heute die Literaturwissenschaft beschäftigt, weitgehend ohne auf Widerstand zu stoßen, weltweit ausdehnen ließ.

Literaturen: Das international fragwürdige Konzept

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Pearl S. Buck, Nobelpreis 1938

Die moderne Literaturdebatte folgt vor allem deutschen und französischen Konzepten des 18. und 19. Jahrhunderts. Deutsche Journale wie Lessings Briefe die Neueste Literatur betreffend wandten sich früh dem neuen Gegenstand zu. Sie taten dies gerade im Verweis auf ein nationales Defizit. Mit der Französischen Revolution erreichte Frankreich das Interesse an einem säkularen textbasierten Bildungsgegenstand.

Wer sich durch die englische Publizistik des 19. Jahrhunderts liest, wird dagegen feststellen, dass das Wort „Literatur“ hier noch bis Ende des 19. Jahrhunderts synonym für die Gelehrsamkeit stehen konnte. An Themen des nationalen Austauschs fehlte es in Großbritannien nicht – die Politik und die Religion lieferten sie zur freier Teilnahme an allen Diskussionen. Die Nation, die die Kirche im 16. Jahrhundert dem Staatsgefüge einverleibt hatte, fand erst spät eine eigene der kontinentalen Säkularisation gleichkommende Debatte. Die wichtigste Geschichte der englischen Literatur, die im 19. Jahrhundert erschien, Hippolyte Taines History of English Literature brachte die neue Wortverwendung als Anstoß von außen ins Spiel und machte verhältnismäßig spät klar, welche Bedeutung England in der neu zu schreibenden Literaturgeschichte selbst gewinnen konnte.

Das Konzept nationaler Literaturen wurde von Europa aus den Nationen der Welt vorgelegt. Es fand am Ende weltweit Akzeptanz. Der Buchmarkt gestaltete sich im selben Geschehen um: Aus einem im frühen 18. Jahrhundert marginalen Feld des Buchangebots wurde die zentrale Produktion. Es drohen mit dem Konzept nationaler Literaturen allerdings fragwürdige Wahrnehmungen:

  • Wo von Literaturen gesprochen wird, ist in der Regel nicht geklärt, ob diese sich tatsächlich in den diskutierten Traditionen entwickelten. Die europäischen Literaturgeschichten hebeln gezielt konträre Traditionskonzepte aus: das der Poesie, das des in die Historie eingebetteten Romans, das der Belletristik, als eines Marktes, der sich offensichtlich als europäischer und heute weltweiter entwickelte. Man kann nicht von „nationalen Belletristiken“ sprechen – es fehlt im selben Moment eine Geschichte des größeren Marktes, der sich durchaus nicht in nationalen Linien entwickelte. Kaum etwas wissen wir von außereuropäischen Traditionskonzepten.
  • Wo von Literatur gesprochen wird, wird in der Regel unterstellt, dass sie sich als Feld der Texte tieferer Bedeutung und höherer sprachlicher, „literarischer“, Qualität entwickelte. Wo von Literatur der Zeit vor 1750 gesprochen wird, ist in der Regel nicht thematisiert, dass die Literaturbegriffe, die dabei als zeitgenössische in Anschlag gebracht werden, genau dies nicht sind. Der in der Germanistik kursierende „Literaturbegriff des Barock“ ist nicht der „Literatur“-Begriff des 17. Jahrhunderts, noch dessen „Poesie“-Begriff noch irgendein vergleichbares, mit einem Wort des 17. Jahrhunderts fassbares Konstrukt. Er entstand im 19. und 20. Jahrhundert in der Interpretation von Tragödien und Romanen des 17. Jahrhunderts, die wir gerne für Literatur des 17. Jahrhunderts erachten würden. Wir schaffen hier Konzepte und Denkmuster anderer Zeiten und Kulturen nach unseren Wünschen.
  • Funktionen, die in unseren Gesellschaften Literatur einnimmt (im Schulunterricht behandelt, in Zeitschriften rezensiert zu werden etc.), nahmen vor 1750 andere Produktionsfelder ein: die Religion, die Wissenschaften, um in Europa zu bleiben. Literaturgeschichten pflegen dies kaum zu thematisieren. Die Literatur bestand, sie musste sich jedoch, so die einfache Theorie, ihren Platz erst erobern – das verstellt weitgehend jeden Blick darauf, welche Rolle die Literaturbetrachtung bei der Ausbildung ihres Gegenstands spielte und in jedem Moment spielt, in dem sie Literaturgeschichte setzt.

Tendenzen: Der „erweiterte Literaturbegriff“ – der „Tod der Literatur“?

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Aus einer nationalliterarischen Perspektive wurde dankbar auf das Konzept nationaler Literaturen zurückgegriffen, da es die jeweilige kulturelle Identität nicht antastete. Die Komparatistik entwickelte jedoch schon früh mit dem Konzept der Weltliteratur ein transnationales Literaturmodell, das – jenseits einer nationalen oder ökonomischen Vorstellung von Literatur(markt) – ein kosmopolitisches Miteinander der Literaturen der Welt gegen die verengende nationale Perspektive setzte.

Weitaus mehr Einsprüche rief der enge Literaturbegriff hervor. Sowohl die Schulen der textimmanenten Interpretation, die wie der Strukturalismus die Bedeutung im einzeln vorliegenden Textstück suchen, als auch die Schulen der gesellschaftsbezogenen Literaturinterpretation vom Marxismus bis zu den Strömungen der Literatursoziologie, die einen Blick auf die Gesellschaft einfordern, traten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für einen „weiten“ Literaturbegriff ein, der es Literaturkritikern erlauben würde, auch politische Texte, Werbung und Alltagstexte ideologiekritisch zu besprechen.

So interpretieren die modernen Kulturwissenschaften literarische Texte nicht nur im literaturtheoretischen und -historischen Kontext, sondern auch als historische Dokumente, als Beiträge zu philosophischen Diskussionen oder (in Form der Cultural Studies) als Ausdruck der Dominanz herrschender oder der Unterdrückung marginalisierter (Sub-)Kulturen. Umgekehrt öffnen die Kulturwissenschaften den Blick für literarische Qualitäten der Geschichtsschreibung oder philosophische Aspekte von literarischen Texten.

Die Vertreter des Poststrukturalismus erweiterten in den 1980er und 1990er Jahren ihren Text- wie ihren Sprachbegriff noch entschiedener. Roland Barthes hatte in den 1950er Jahren bereits die Titelcover von Zeitschriften genauso wie das neue Design eines Autos in ihren Botschaften besprochen. Zur Selbstverständlichkeit wurde der erweiterte Sprachbegriff in der Filmwissenschaft. Hier spricht man ganz ohne weiteres von der „Bildsprache“ eines Regisseurs, und auch über eine solche Sprache können Literaturwissenschaftler sich äußern. Wenn die Literaturwissenschaft sich jedoch auf sprachliche Kunstwerke spezialisiert, hat dies durchaus Vorteile. Sie hält andere Wissenschaftler davon ab, in ihrem Forschungsfeld als Experten aufzutreten, kann jedoch letztlich sehr frei festlegen, was ihr Gegenstand ist. Sie kann sich so auf ein gut gehendes Kerngeschäft, Literatur im engen Sinn, ausrichten oder mit einem erweiterten Literaturbegriff auftreten. Der wiederkehrende Warnruf, der Tod der Literatur stehe bevor, ist auch ein Spiel mit der Aufmerksamkeit der Gesellschaft, die den Austausch über Literatur verfolgt und verteidigt.

Neuerdings wird von einer „performativen Wende“ der Literatur unter den Bedingungen des Internets gesprochen, die auch die Grenzen zwischen Literatur und darstellenden Künsten bzw. zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit relativiert: Das Erscheinen eines Textes im Internet könne als performativer Akt analog einer Theateraufführung verstanden werden. Das Internet sei nicht mehr nur ein Geflecht von Texten; die „Netzliteratur“, z. B. das Schreiben in Chatrooms, sei vielmehr wesentlich durch performative Aspekte, d. h. durch Handlungen bestimmt. Die Kategorie der Performanz, die bisher nur auf Mündliches bezogen war, kann damit auch auf schriftliche Äußerungen übertragen werden: Zwischen ihrem Verfassen, ihrem Erscheinen und ihrer Lektüre muss (fast) keine Zeit mehr verstreichen.[6] Das ähnelt der Sprechsituation von Speaker’s Corner.

Arten von Literatur und Adressaten

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Literatur und Internet

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Sammlungen von Literatur im Internet

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  • Das Projekt Gutenberg-DE stellt zahlreiche Literatur ins Internet.
  • Trotz ähnlich klingender Domain nicht damit verbunden ist das Project Gutenberg, das ebenfalls Literatur in zahlreichen Sprachen zur Verfügung stellt.

Interessant ist auch die Digitale Bibliothek:

E-Texte der Philosophie, Religion, Literatur etc.

Im Internet entstandene Literatur

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Im Internet wird aber nicht nur Literatur zur Verfügung gestellt, sondern auch Literatur geschrieben. Beispiele sind Digitale Poesie, Weblogs oder kollaboratives Schreiben im Netz.

Digitale Literatur folgt anderen Kriterien als herkömmliche Literatur, sie ist von Aspekten der Technik, Ästhetik und Kommunikation geprägt. Das Internet eignet sich dafür um über zeitliche und räumliche Distanzen hinweg zu kommunizieren und multimediale Aspekte zu vereinen und zu integrieren. Außerdem unterliegen elektronische Medien einer beständigen Metamorphose. So haben beispielsweise Neal Stephenson und sein Team mit dem Schreiben eines Romans (The Mongoliad)[7] im Internet begonnen, bei dem eine Community von Autoren interaktiv mitschreibt. Neben dem eigentlichen Text gibt es eine eigene E-Publishing-Plattform („Subutai“) mit Videos, Bildern, einem Wiki und einem Diskussionsforum zum Roman.

Literatursoftware

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Zur Verwaltung von Literatur gibt es mittlerweile zahlreiche Programme. Mit ihnen lassen sich z. B. eigene Literatursammlungen nach spezifischen Merkmalen kategorisieren. Die Abfragen brauchen teilweise nicht von Hand eingegeben zu werden, es reicht, z. B. den Autor bzw. den Titel einzugeben und daraufhin eine Suche in bestimmten Datenbanken zu tätigen. Die Ergebnisse können dann einfach übernommen werden.

Literaturdatenbanken

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Eine Literaturdatenbank katalogisiert den Bestand aktueller und älterer Literatur. Hier finden vermehrt digitale Kataloge bzw. Online-Literaturdatenbanken ihren Gebrauch.

Literaturen nach Sprachen und Nationen

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Regionen, Kontinente

Siehe auch die Artikel

Bereiche schriftlicher und sprachlicher Überlieferung

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Fachliteratur

Belletristik / Schöne Literatur

Die literarischen Gattungen

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Epik:

Dramatik:

Lyrik:

Portal: Literatur – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Literatur

(Sekundär-)Literatur

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(Literatur über die Literatur)

Nachschlagewerke

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siehe auch: Literaturlexikon

Klassische Literaturdefinitionen

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Die Autoren dieser Titel legen ein Corpus von in ihren Augen literarischen Werken fest und versuchen dann, in einer wissenschaftlichen und subjektiven Analyse dieser Werke auszumachen, was Literatur grundsätzlich auszeichnet.

  • René Wellek: Literature and its Cognates. In: Dictionary of the History of Ideas. Studies of Selected Pivotal Ideas. Band 3, ed. Philip P. Wiener, New York 1973, S. 81–89.
  • René Wellek, Austin Warren: Theorie der Literatur. Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-8072-2005-4.
  • Paul Hernadi: What Is Literature? London 1978, ISBN 0-253-36505-8 Sammelband zum Begriff Literatur – enthält unter anderem von René Wellek: „What Is Literature?“
  • Helmut Arntzen: Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention. Eine Einführung. Aschendorff, Münster 1984, ISBN 3-402-03596-0 Kontrastiert verschiedene Literaturbegriffe miteinander, die samt und sonders als Begriffe des in unseren Augen literarischen Materials gewonnen werden.
  • Wolf-Dieter Lange: Form und Bewusstsein. Zu Genese und Wandlung des literarischen Ausdrucks. In: Meyers kleines Lexikon Literatur. Mannheim 1986. Ist ein typischer Aufsatz zum Thema – Lange stellt Titel, die ihm Literatur sind zusammen und erkennt, dass Literatur schon immer besonders ausdrucksstark war (und darum, so seine Mutmaßung, auf den Schrei der ersten Menschen zurückgehe).
  • Gisela Smolka-Koerdt, Peter M Spangenberg, Dagmar Tillmann-Bartylla (Hrsg.): Der Ursprung von Literatur. Medien, Rollen, Kommunikationssituationen 1450–1650 Wilhelm Fink, München 1988, ISBN 3-7705-2461-6 Sammlung von Aufsätzen zu in unseren Augen literarischen Genres am Beginn der frühen Neuzeit.
  • Zweideutigkeit als System. Thomas Manns Forderung an die Kunstgattung Literatur.

Begriffs- und Diskursgeschichte

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  • Roland Barthes: Histoire ou Litérature? In: Sur Racine. Paris 1963, S. 155; erstveröffentlicht in Annales, 3 (1960). Barthes verwies als erster darauf, dass das Wort „Literatur“ noch im Blick auf die Zeit Racines nur „anachronistisch“ zu verwenden sei – wurde darauf von René Wellek (1978) heftig angegriffen – das Wort habe es durchaus gegeben, wobei Wellek verschwieg, dass die Titel, die er dazu zitierte, sich nicht mit Literatur in unserem Sinne befassten. Barthes starb 1980, Welleks Antwort blieb als korrekte Richtigstellung stehen.
  • Jürgen Fohrmann: Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und Deutschem Kaiserreich (Stuttgart, 1989), ISBN 3-476-00660-3 Ist die erste germanistische Arbeit, die den Themenwechsel im Blick auf „Literaturgeschichten“ skizzierte, und daran Überlegungen zum Aufbau der Germanistik im 19. Jahrhundert anknüpfte.
  • Kian-Harald Karimi: ‚Des contes qui sont sans raison, et qui ne signifient rien‘ – Vom ‚Roman der französischen Philosophen’ zum philosophischen Roman. In: Christiane Solte-Gressner, Margot Brink (Hrsg.): Écritures. Denk- und Schreibweisen jenseits der Grenzen von Literatur und Philosophie. Stauffenburg, Tübingen 2004, S. 71–88. Bestimmt das Verhältnis von Literatur und Philosophie, wobei die Literatur der Moderne, besonders der Roman selbst zu einem Ort philosophischer Reflexion wird und sich nicht mehr darauf beschränkt, diese wie im Zeitalter der Aufklärung zu illustrieren, sondern selbst zu entfalten.
  • Lee Morrissey: The Constitution of Literature. Literacy, Democracy, and Early English Literary Criticism (Stanford: Stanford UP, 2008). Zur Interaktion zwischen Literaturkritik und Literaturproduktion sowie zum Zusammenhang zwischen Literatur und Öffentlichkeit im englischsprachigen Raum.
  • Rainer Rosenberg: „Eine verworrene Geschichte. Vorüberlegungen zu einer Biographie des Literaturbegriffs“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 77 (1990), 36–65. Konstatiert die Bedeutungen der Begriffe „Poesie“, „Dichtung“, „Belles Lettres“, „Schöne Wissenschaften“, „Schöne Literatur“, „Literatur“ für verschiedene Zeitpunkte – und beklagt, dass darin kein System erkennbar sei – verfasst ohne den Denkschritt Fohrmanns, nachdem die Literaturwissenschaft hier Themen adoptierte und ihr altes Thema aufgab, um etwas Neues zu besprechen.
  • Olaf Simons: Marteaus Europa oder Der Roman, bevor er Literatur wurde (Amsterdam/ Atlanta: Rodopi, 2001), ISBN 90-420-1226-9 Bietet S. 85–94 einen Überblick über die Geschichte des Wortes Literatur und S. 115–193 einen genaueren Blick auf die Literaturdebatte 1690–1720; im Zentrum mit der Positionsveränderung des Romanmarkts zwischen dem frühen 18. Jahrhundert und heute befasst.
  • Olaf Simons, „Von der Respublica Literaria zum Literaturstaat. Überlegungen zur Konstitution des Literarischen“ in: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts, Bd. 26. Jg. 2014 (Hamburg: Felix Meiner, 2015).
  • Richard Terry: The Eighteenth-Century Invention of English Literature. A Truism Revisited. In: British Journal for Eighteenth Century Studies, 19.1, 1996, S. 47–62. Konstatiert einleitend, dass es nun spannend ist, zu erfassen, was all das war, was uns heute „Literatur“ ist, und welche Rolle es spielte, bevor man anfing es als „Literatur“ zu diskutieren. Gibt Überblick über Titel, die Details des Problems untersuchten.
  • Winfried Wehle: Literatur und Kultur – Zur Archäologie ihrer Beziehungen. In: Jünke, Zaiser, Geyer (Hrsg.): Romanistische Kulturwissenschaft, Würzburg 2004, S. 65–83 (PDF).
  • Jannis Androutsopoulos: Neue Medien – neue Schriftlichkeit? In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, Nr. 1/2007, S. 72–97 (PDF; 9,7 MB).
  • Christiane Heibach: Literatur im Internet: Theorie und Praxis einer kooperativen Ästhetik. Dissertation.de, Berlin 2000, ISBN 3-89825-126-8 (Dissertation Universität Heidelberg 2000, 396 Seiten, illustriert, 21 cm).
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Einzelnachweise

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  1. Ob „Klassiker“ noch zur „Belletristik“ zählen, ist abhängig vom Verständnis des Begriffsumfangs. Oft wird „Belletristik“ in einer auf „Unterhaltungsliteratur“ verengten Bedeutung gebraucht. Irmgard Schweikle: Belletristik. In: Günther und Irmgard Schweikle (Hrsg.): Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2. Auflage. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1990, ISBN 3-476-00668-9, S. 46.
  2. Siehe Rainer Rosenberg: „Eine verworrene Geschichte. Vorüberlegungen zu einer Biographie des Literaturbegriffs“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 77 (1990), 36–65 und Olaf Simons: Marteaus Europa oder Der Roman, bevor er Literatur wurde Rodopi, Amsterdam/Atlanta 2001, S. 85–94.
  3. Delarivier Manley's New Atalantis (1709) – reviewed 1713. http://www.pierre-marteau.com, abgerufen am 22. August 2019.
  4. Für eine Diskussion dieser Statistik siehe Olaf Simons, Our Knowledge has Gaps Critical Threads, 19. April 2013.
  5. Matthew Arnold: Culture and Anarchy. An Essay in Political and Social Criticism. London 1869.
  6. Thomas Kamphusmann: Performanz des Erscheinens: Zur Dramatisierung des Schreibens unter den Bedingungen des Internet [Sic], In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 45(2009), Heft 154.
  7. Siehe dazu: http://oe1.orf.at/programm/269317

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