FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 138-139
Jürgen Rühle

Die Republik der Unpolitischen

Zur 90. Wiederkehr des Geburtstags von Thomas Mann

Die Republik — wie gefällt euch das Wort in meinem Munde?

Thomas Mann

Im Oktober 1922 hielt Thomas Mann vor Berliner Studenten seine Rede „Von Deutscher Republik“, worin er es unternahm, die akademische Jugend „für die Republik zu gewinnen und für das, was Demokratie genannt wird und was ich Humanität nenne“. Die Rede erregte Aufsehen, denn noch vier Jahre zuvor, 1918, als die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und der Untergang des Kaiserreiches schon offensichtlich waren, hatte er in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte, gegen den Ansturm der Demokratie verteidigt.

Was in der Rede als radikale politische Wendung erschien, breitete Thomas Mann auf den mehr als tausend Seiten seines Romans „Der Zauberberg“ (1924) in seiner ganzen Problematik aus.

Der autobiographische Kern des Romans erhellt aus einer Episode, die der Dichter 1939 den Studenten von Princeton erzählte. Im Jahre 1912 hatte er seine Frau, die an einer leichten Lungenaffektion erkrankt war, in den Schweizer Höhenkurort Davos begleitet.

Ich befand mich etwa zehn Tage dort oben, als ich mir bei feuchtem und kaltem Wetter auf dem Balkon einen lästigen Katarrh der oberen Luftwege zuzog. Da zwei Spezialisten im Hause waren, der Chef und sein Assistent, lag nichts näher, als der Ordnung und Sicherheit halber meine Bronchien untersuchen zu lassen ... Der Chef, der, wie Sie sich denken können, meinem Hofrat Behrens in Äußerlichkeiten ein wenig ähnlich sah, beklopfte mich und stellte mit größter Schnelligkeit eine sogenannte Dämpfung, einen kranken Punkt an meiner Lunge, fest, die, wenn ich Hans Castorp gewesen wäre, vielleicht meinem ganzen Leben eine andere Wendung gegeben hätte. Der Arzt versicherte mir, ich würde sehr klug handeln, mich für ein halbes Jahr hier oben in die Kur zu begeben, und wenn ich seinem Rat gefolgt wäre, wer weiß, vielleicht läge ich noch immer dort oben. Ich habe es vorgezogen, den ‚Zauberberg‘ zu schreiben.

Was ist das für eine seltsame Krankheit, die Hans Castorp auf Grund bloßen Abklopfens und Durchleuchtens befällt und die er bei einiger Willensanstrengung hätte abschütteln können und eines Tages auch abschütteln wird? Thomas Mann nennt die Tuberkulose eine „Jugendkrankheit“ und deutet damit das Paradigmatische an. Es ist eine Krankheit, mit der er selber zu ringen hatte und vor der er die Jugend der Weimarer Republik retten möchte.

In seinem Erstlingsroman „Buddenbrooks“ (1901) hatte der Dichter die Frage nach Gesundheit und Krankheit, nach Leben und Tod zum erstenmal aufgeworfen, die ihn sein Leben und Schaffen hindurch nicht mehr loslassen sollte. Ein patrizisches Handelshaus geht unter, eine reiche, honorable Familie aus der Tradition der königlichen Kaufherren, die im Manufakturzeitalter Meere und Straßen beherrschten, aber dem rücksichtslosen und hektischen Konkurrenzkampf der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, der „Verwandlung des deutschen Bürgers in den Bourgeois“ nicht gewachsen sind. Die alten Vorstellungen von Treu und Glauben, der Wahlspruch, bei Tage nur solche Geschäfte zu machen, die einen nachts gut schlafen lassen, kommen darauf hinaus, überhaupt keine Geschäfte mehr machen zu können. Immer mehr Glieder der Familie verlaufen sich, werden gleichmütig, lebensuntüchtig, dekadent, suchen den Inhalt des Lebens woanders, nicht zuletzt im Künstlertum, das vom Standpunkt alter Patrizierherrlichkeit eben auch eine Form des Verfalls, der Auflösung und Krankheit ist.

Gegen diese Gefährdung von außen und innen setzt Thomas Buddenbrook, schon gezeichnet von Vergeblichkeit und selber unrettbar der Kunst, der Musik und der Philosophie verfallen, das, was er Haltung nennt, einen kategorischen Imperativ, in dem sich Strenge und Würde des hanseatischen Protestantismus mit dem preußischen Gedanken der Pflicht berühren.

Aufgewühlt und politisiert durch den Krieg, hatte sich Thomas Mann bereits 1915 in dem Essayband „Friedrich und die große Koalition“ mit dem großen Preußenkönig beschäftigt, in dessen faszinierender Gestalt er den Souverän im Dienste seiner Untertanen, den Künstler und Philosophen auf dem Thron, die Einheit von Geist und Macht, von Aufklärung und Tradition, einen Triumph der Zucht über eigene Sensibilität und Schwäche sah. War schon dieses Bild aus der Distanz der Jahrhunderte romantisch verklärt, so war es Thomas Manns kardinaler Irrtum, seine Vorstellungen vom Preußen des großen Königs auf das Wilhelminische Kaiserreich zu projizieren, das ganz im Gegensatz zu preußischer Schlichtheit und Askese von Gründerzeit-Prunk und Wagner-Musik, Höflingswirtschaft, Säbelklirren und imperialer Hybris geprägt war. In der Feuerprobe des „deutschen Krieges“ erwies sich das Reich als ein aufgeblasener Koloß, hinter dessen militärischem Bizeps sich Unentschlossenheit und politische Torheit verbargen.

Nach „mehr als zweijährigem Gedankendienst mit der Waffe“ war Thomas Mann ein „Kriegsbeschädigter“. Die „Betrachtungen“ waren der späte Versuch einer Rechenschaft des Dichters für die hurra-patriotische Verirrung, ein Akt der Bestandsaufnahme und Besinnung, der den Weg freimachen sollte für eine neue Orientierung.

„Es wollte ein Denkmal sein“, resümierte Thomas Mann 1929 in „Kultur und Sozialismus“,

es ist eines geworden, wenn ich nicht irre. Es ist ein Rückzugsgefecht großen Stils — das letzte und späteste einer deutsch-romantischen Bürgerlichkeit — geliefert im vollen Bewußtsein seiner Aussichtslosigkeit und also nicht ohne Edelmut; geliefert sogar mit Einsicht in die seelische Ungesundheit und Untugend aller Sympathie mit dem Todgeweihten, aber freilich auch mit allzu ästhetischer Geringschätzung von Gesundheit und Tugend, welche eben gerade als der Inbegriff dessen empfunden und verhöhnt wurden, wovor man sich kämpfend zurückzog: der Politik, der Demokratie ...

Die Politik triumphierte also — aber war aus dem Unpolitischen darum ein Zoon politicon geworden? „Die Republik ist ein Schicksal, und zwar eines, zu dem amor fati das einzig richtige Verhalten ist.“ Steckt hinter diesem Wort aus der Rede „Von Deutscher Republik“ nicht die Hoffnung, daß die Weimarer Republik, die sich gerade in blutigen Kämpfen gegen die Feinde von außen und innen, von rechts und links behauptete, jene „machtgeschützte Innerlichkeit“ würde gewähren können, von der Thomas Mann in einem Aufsatz über Wagner sprach und die er von dem Nachfahren Friedrichs des Großen vergebens erwartet hatte? Wie fragwürdig auch diese Hoffnung war, erkannte weniger der Politiker als der Dichter Thomas Mann; davon handelt die Gesellschaftsanalyse „Der Zauberberg“.

Man sollte sich, was die zeitliche Fixierung des Romans angeht, nicht täuschen lassen. Das Geschehen des „Zauberbergs“ spielt sich in der Vorkriegszeit ab; das Buch geht, wie wir gesehen haben, auf einen Anlaß aus dem Jahre 1912 zurück. Die Arbeit wurde aber im wesentlichen bewältigt und abgeschlossen erst nach dem Kriege, auf der Basis der Erkenntnisse, die der Rede „Von Deutscher Republik“ zugrunde liegen. Bei anderer Gelegenheit, als er 1942 die Entstehungsgeschichte seiner „Joseph“-Romane erzählte, bemerkte der Dichter: „So steht, der dichterischen Chronologie nach, der Donnerschlag des Kriegsausbruchs von 1914 am Ende des ‚Zauberberg‘-Romans, in Wahrheit aber hatte er an seinem Anfang gestanden und alle seine Träume hervorgerufen.“

Das Ineinanderschieben der beiden Gesellschaftsformen war insofern verhältnismäßig leicht, als die intellektuelle Welt der Vorkriegszeit von der der Republik nicht grundsätzlich verschieden war. Die geistigen Repräsentanten der Weimarer Republik: Thomas und Heinrich Mann, Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Max Planck und Albert Einstein, repräsentierten das geistige Leben bereits in wilhelminischer Zeit. In beiden Fällen handelte es sich um eine Provinz des Geistes im Schutze der Macht, sei es nun der konstitutionellen Monarchie oder der demokratischen Republik, um eine von äußeren Widrigkeiten unberührte pädagogische Provinz, die in der geschlossenen Szenerie des Hochgebirgssanatoriums vorzüglich symbolisiert ist.

Das Hochgebirgssanatorium steht als Gleichnis für den deutschen Parnaß. In der dünnen Luft auf großer Höhe, in der gesteigerten, fiebrig erregten Atmosphäre des Sanatoriums werden die Probleme reiner und radikaler erörtert. Dort, abseits der alltäglichen Geschäftigkeit, ist Muße und Abstand, um nachzudenken. Die Kurgäste, Urlauber von der Prosa des Lebens, blicken mit Schaudern und Verachtung auf das „Flachland“ hinab, sie sind überzeugt, ein „höheres“ Dasein zu leben. Anderseits ist aber offensichtlich, daß sie ohne das Flachland, ohne die Renten und Revenuen, die von dort zu ihrem Unterhalt fließen, überhaupt nicht existieren könnten. Wir haben es also mit einem klassischen Beispiel machtgeschützter Innerlichkeit zu tun, einer Lebensform, die, wenn sie es auch weitgehend aus ihrem Bewußtsein verdrängt, eine intakte, wirtschaftlich und politisch funktionierende Gesellschaft voraussetzt. Die Menschen im Sanatorium leben ein geborgtes Leben, ein Leben aus zweiter Hand und auf Abruf; ihre immerwährenden Gespräche um Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit reflektieren wie Wetterleuchten die Krisen des Flachlandes, der eigentlichen und wirklichen Welt.

In der kälteklaren, abstrakten Sphäre der hochgelegenen pädagogischen Provinz begegnet Hans Castorp „zwei gleichermaßen schnurrigen Erziehern“, die die beiden Seiten, die helle und die dunkle, im Wesen Thomas Manns verkörpern, den Willen zum Leben und die Sympathie mit dem Tode, Bürgerlichkeit und Künstlertum, Aufklärung und Dämonie.

Herr Settembrini ist ein bürgerlicher Revolutionär aus der Schule Mazzinis, ein Nationalliberaler, der dem Vaterland und der Menschheit dient, die Ideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hochhält und mit bewegter Rhetorik den Fortschritt feiert. Sein Denken ist optimistisch und problemlos, er läßt die Gespenster aus dem individuellen und kollektiven Unbewußten nicht zu und schaltet, als er das Krankenzimmer Castorps betritt, zuerst einmal das Licht ein. Seine Argumentation kommt auf eine Apologie des kapitalistischen Flachlandes hinaus.

Ihm hält sein Gegenpart, der zwielichtige Jesuit Naphta, entgegen, daß die heroische Zeit der bürgerlichen Ideale längst vorbei ist:

Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir mit Hochherzigkeiten. Das Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und überlebt ... Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste Lust ist der Gehorsam ... Nein! Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist — der Terror.

Georg Lukács, neben Hans Mayer und Ernst Fischer der anregendste marxistische Interpret Thomas Manns, erledigte Naphta kurzerhand, indem er ihn einen „Vertreter der reaktionär-faschistischen Weltanschauung“ nannte. Sehen wir von dem hartnäckigen Gerücht ab, dem Autor habe als historisches Vorbild für seinen spitzfindigen, abstrakt terroristischen Scholastiker — Lukács selber vorgeschwebt, sehen wir ferner von der kleinen Unstimmigkeit ab, daß der angebliche „Präfaschist“ Jude ist — es gibt im „Zauberberg“ eine Stelle, wo Naphta seine Weltanschauung politisch präzisiert:

... alle diese wirtschaftlichen Grundsätze und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit, hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungszieles, der staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.

Nun wollen wir aus dem eifernden Jesuiten beileibe keinen Bolschewisten machen. Naphta, „von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat, Sozialist — und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben“, repräsentiert das totalitäre Denken schlechthin, den Rigorismus „aller wahrhaft erzieherischen Verbände“, mag man nun darunter den Jesuitenorden oder die kommunistischen und faschistischen Parteien verstehen. Er repräsentiert das totalitäre Denken des 20. Jahrhunderts gegenüber dem liberalen des 19. — kein Wunder, daß er in dem pädagogischen Dialog auf dem Zauberberg der Stärkere bleibt.

Hans Castorp, dem zu Ehren die beiden Ideologen das Feuerwerk ihrer Argumente und Aperçus entzünden, zieht die Summe in einer Bemerkung zu Settembrini:

Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft wie Gott und Teufel um den Menschen im Mittelalter.

Thomas Mann läßt beide Ideologen unheilbar krank sein, sie wissen also trotz aller Großsprecherei keinen Ausweg. Hans Castorp, der naive Scholar, der die hellen wie die dunklen Einflüsse als Bildungserlebnis aufgenommen hat, wählt schließlich nach sieben Jahren der Verzauberung einen Weg, der eine Synthese aus den beiden vorgeschlagenen, aus Tatendrang und Todessehnsucht ist. Er kehrt ins Flachland zurück, aber nicht etwa, um sich dem tätigen Leben zuzuwenden und, wie es sein Beruf ist, Schiffe und Brücken zu bauen, sondern um als Kriegsfreiwilliger ins Feld zu ziehen — wie Thomas Mann seinerzeit selber als geistiger Kriegsfreiwilliger unter die Fahnen trat.

Diese Lösung überrascht, denn der Roman ist doch ein Produkt der Nachkriegszeit, hervorgegangen aus dem schmerzlichen Erkenntnisprozeß, der dem Autor im Kriegsdienst widerfuhr. Vielleicht liefert Thomas Manns Hinweis auf das gemeinsame Element in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ wie in der Rede „Von Deutscher Republik“ eine Erklärung:

Ich nenne noch einmal ihren ein wenig altmodischen und heute doch wieder in Jugendglanz lockenden Namen: Humanität. Zwischen ästhetizistischer Vereinzelung und würdelosem Untergange des Individuums im Allgemeinen; zwischen Mystik und Ethik, Innerlichkeit und Staatlichkeit; zwischen todverbundener Verneinung des Ethischen, Bürgerlichen, des Wertes und einer nichts als wasserklar-ethischen Vernunftphilisterei ist sie in Wahrheit die deutsche Mitte, das Schön-Menschliche, wovon unsere Besten träumten.

Die Widersprüche blieben also ungelöst, die Politik zwischen Mystik und Ethik eine Zauberwelt, der Ausweg Utopie. Sollte, was freilich der Dichter für unwahrscheinlich gehalten hat, Hans Castorp die Stahlgewitter des Ersten Weltkrieges überlebt haben, sollte er gar unter den jungen Leuten gewesen sein, vor denen Thomas Mann 1922 seine Rede hielt, so stand er guten Worten zum Trotz nach wie vor ratlos in der Zerrissenheit der Zeit. Die „deutsche Mitte“ erwies sich leider als Schnittpunkt zweier Extreme, und die jungen Leute der Frontgeneration rüsteten schon zum neuen Abenteuer. Sie, die einst unter der schwarz-weiß-roten Flagge des Kaisers kämpften und verloren, verschworen sich nun den roten Fahnen mit Hakenkreuz oder Hammer und Sichel und rissen in ihrer todessüchtigen Lebensgier die Republik ins Verderben.

Wie stand Thomas Mann zu den beiden Extremen ?

Ohne Zweifel hat sich der Dichter nicht nur in jener Rede von 1922, sondern während der gesamten Lebensdauer der Weimarer Republik zur demokratischen Staatsform bekannt. Er hat zu Tagesfragen Stellung genommen, um Vertrauen für die demokratischen Institutionen geworben, die Verständigungspolitik Stresemanns unterstützt. Er ist als eine Art Kulturbotschafter, als geistiger Repräsentant der deutschen Demokratie durch die Hauptstädte Europas gereist, um die paneuropäische Einigung voranzutreiben. Diese Haltung war, jedenfalls in intellektuellen Kreisen, genauso unpopulär und unzeitgemäß wie sein Patriotismus am Ende des Weltkrieges; denn die Mehrzahl aller Schriftsteller, der rechten wie der linken, trommelte gegen die Republik. Es entbehrt nicht der Ironie, wenn Thomas Mann nun selber jene Vorwürfe gemacht wurden, die er einst in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ dem „Zivilisationsliteraten“, nämlich seinem Bruder Heinrich, entgegengeschleudert hatte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1965
, Seite 315
Autor/inn/en:

Jürgen Rühle:

Foto: Von OstWest - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63488419

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