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Elisabeth Stengel

Ein produktiver Pedant

Zum 100. Todestag Jacob Grimms am 20. September 1963

1860, ein Jahr nach dem Tod Wilhelm Grimms, schrieb sein Bruder Jacob im Vorwort zum zweiten Band des „Deutschen Wörterbuchs“:

Angemerkt zu werden verdient, dasz er mit dem buchstaben D, welchen er sich zuerst auserlesen hatte, genau und ohne dasz davon ein wörtchen fehlte zu ende gelangt war, als ihn der tod wegnahm. seine mühe krönte sich durch befriedigenden abschluss.

Als Jacob selbst 1863 starb, vier Jahre nach seinem Bruder, hatte er den letzten Artikel für das Wörterbuch über das Stichwort „Frucht“ beendet. Daß beide Brüder vor dem Tod ihre Arbeit wenigstens auf einem Teilgebiet abgeschlossen haben, ist typisch für die Ordnung und Klarheit ihrer Lebensführung. Das Wort „Frucht“ bezeichnet und bestätigt nicht nur das Ergebnis des gewaltigen Unternehmens, es steht zugleich als Prophezeiung am Ende eines Lebenswerkes, aus dem die deutsche Philologie und damit die Grundlagen der germanistischen Wissenschaft erwachsen sind.

Ob Jacob Grimm mit dieser „Frucht“ seiner Arbeit heute einverstanden wäre, ist allerdings fraglich. Das Wörterbuch, die Germanistik und ihre Vertreter haben sich manchmal sehr weit vom Standort ihres Stammvaters entfernt.

Das Wörterbuch

Als das Wörterbuch vor zwei Jahren mit dem 32. Band abgeschlossen wurde, machte man ihm den Vorwurf der Einseitigkeit, der Unvollständigkeit, ja der Schlamperei (vgl. Walter Boehlich: „Der Pyrrhussieg der Germanistik“ im „Monat“ Nr. 154). Damit hätte man Jacob Grimm, dessen größte Sorge der Einheitlichkeit des Werks galt, empfindlich getroffen. Störung der Ordnung und des Systems war das einzige Bedenken, das Jacob gegen die Mitarbeit seines Bruders Wilhelm am „Deutschen Wörterbuch“ trug. Das bezog sich auf die äußeren Arbeitsumstände ebenso wie auf die innere Übereinstimmung der einzelnen Kapitel des Wörterbuchs. So selbstverständlich es den Brüdern war, den Auftrag von Anfang an gemeinsam zu übernehmen, so schwer fiel ihnen — bei aller Liebe füreinander — die Praxis. Jacob beklagte sich über Wilhelms Gepflogenheit, die Bücher in seine Stube zu entführen, „wo er sie auf Tische legt, daß man sie schwer wieder findet“. Deshalb schlug er vor, daß abwechselnd jeder einen Buchstaben des Alphabets behandeln sollte, doch der vorsichtige Wilhelm zog sich gleich auf das D zurück und überließ die ersten drei Buchstaben seinem rascher und energischer arbeitenden Bruder. Auch über das Prinzip ihrer Artikel für das Wörterbuch konnten sie sich nie einigen; vor dem Erscheinen des zweiten Bandes schrieb Jacob an eine Freundin: „Mir ist heimlich Angst vor dem Zeitpunkt, wo Wilhelm eintreten soll, es wird notwendig ein ungleiches Werk werden, da in solchen Dingen zwei nicht überein arbeiten können.“

Und selbst in dem (zugleich als Nachruf auf den Bruder abgefaßten) Vorwort zum zweiten Band kommt Jacob mit aller Deutlichkeit noch einmal darauf zu sprechen, daß die Aufteilung der Arbeit auf zwei Köpfe unvermeidlich zu Differenzen in der Bearbeitung der einzelnen Kapitel geführt habe.

Das mutet auf den ersten Blick wie kleinliche Schulmeisterei an, ist aber in Wahrheiteine produktive Pedanterie, denn der Umgang mit der Sprache verträgt nun einmal nicht die geringste Schlamperei. Seine preußische Arbeitsdisziplin bewahrte Jacob Grimm auch vor Verzweiflung angesichts der Sisyphus-Arbeit, die er sich mit dem Wörterbuch aufgeladen hatte. Kaum war der erste Band gedruckt, füllten sich die Ränder schon mit Ergänzungen, die als Nebenergebnisse der fortlaufenden Forschung abfielen. Immer wieder entdeckte er, „was alles hätte gelesen und in Saft verwandelt werden sollen“. Doch er verlor dabei nicht die Übersicht, sondern sammelte weiter, verzettelte, ordnete und lernte dabei, „den Blick abwendend von dem jähen Abgrund des Werks ... immer nur den Buchstab, der zunächst erscheinen muß, ins Auge zu fassen“. Bald merkte Jacob, daß er den Abschluß des Wörterbuchs nicht mehr erleben würde und mit seiner Vorarbeit lediglich die Weichen für den Nachfolger stellen konnte. Fast hundert Jahre nach seinem Tod ist die letzte Lieferung erschienen.

Wie einem Bauwerk im Lauf der Generationen hier ein Erker hinzugefügt und dort ein Stockwerk aufgesetzt wird, so daß es seine Geschichte dem Bewohner lebendig mitteilt — so muß man heute den „Grimm“ mit allen seinen Fehlern und Fundgruben als ein historisches Werk der Germanistik ansehen. Es ist mit der wissenschaftlichen Disziplin, in deren Kinderjahre seine eigene Entstehung fällt, mitgewachsen und ist ihr oft genug nachgehinkt. Denn die optimale Vollständigkeit der Belege für jede Wortbedeutung, die Jacob Grimm sich vorgenommen hatte, brachte es notwendig mit sich, daß jeder Band bei seinem Erscheinen bereits veraltet war.

Auch andere Mängel wurden Jacob schon von der zeitgenössischen Kritik vorgeworfen. Rudolf von Raumer wies nach, daß die Kronzeugen Luther, Goethe und Kant nicht von Jacob Grimm selbst exzerpiert, daß Johannes Kepler und Christian Wolff überhaupt nicht herangezogen wurden, daß statt dessen im Quellenverzeichnis Werke aufscheinen wie:

brautsuppe: eine gekochte bratwurst denen lüsternen löffelgänsgen bei der Rosenfeld und Winklerischen brautsuppe mit zuzubeiszen vorgesetzt von einem alten Sudel Koch 1679,4.

Daß sich derlei Fehlgriffe mit der Zahl der Bände und der Herausgeber vermehren würden, war vorauszusehen. Gemessen an den späteren Lieferungen — etwa dem fünfeinhalb (!) Bände umfassenden Buchstaben G — sind die Artikel Jacob und Wilhelm Grimms von bewundernswerter Klarheit und Lesbarkeit. Man muß bedenken, daß nicht nur die Einsichten in Geschichte und Etymologie der Wörter, sondern auch das Prinzip der Darstellung auf keiner verläßlichen Tradition beruhten; sie mußten ständig neu erarbeitet und abgesichert werden.

Hiefür kam Jacob sein juristisches Studium zugute, insbesondere die Schule seines Lehrers Carl von Savigny. Savigny, der aus Jacob gerne einen tüchtigen Juristen gemacht hätte, brachte gegen seine Absicht zweimal den Stein ins Rollen, der dann auf Jacobs wahre Interessen auftraf. In Marburg empfing er den Studenten der Jurisprudenz in seiner Wohnung, und bei dieser Gelegenheit bekam Jacob zum erstenmal Bodmers Ausgabe der Minnesänger in die Hand; er blätterte darin, und das „seltsame, halb unverständliche Deutsch“ erfüllte ihn „mit eigner Ahnung“. Als Savigny in der Pariser Bibliothek Quellenstudien für seine „Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter“ betrieb, holte er sich Jacob als Assistenten; Wilhelm schrieb an den Bruder nach Paris: „Ich habe daran gedacht, ob Du in Paris einmal unter den Manuskripten nach alten deutschen Gedichten und Poesien suchen könntest.“ Das war das Stichwort. Damit begann die ernsthafte Forschungsarbeit, die Geburt der Germanistik aus der Juristerei.

Die Kluft zwischen alt und neu

Das Prinzip, die altdeutsche Literatur historisch und mit wissenschaftlicher Treue zu behandeln, beruht wohl zum Teil auf der Erziehung durch Savigny, kam aber auch dem strengen und oft starrsinnigen Naturell Jacobs sehr entgegen. Seiner Haltung verdanken wir einerseits die gewissenhafte, historisch zuverlässige Überlieferung alter Texte, anderseits wurde das lebendige Verständnis der altdeutschen Literatur schon von ihrem Entdecker erschwert.

Die Erforschung der epischen Dichtung des Mittelalters war immer eine Frage der Methode und zugleich der geistesgeschichtlichen Einstellung. Jacob Grimm bemühte sich fanatisch um die historische Richtigkeit der Texte, nicht so sehr deshalb, weil es ein originales Kunstwerk aus jahrhundertealten Überlagerungen herauszuschälen galt, sondern weil er Alter und Qualität gleichsetzte. Es ist fast paradox, daß es dem Grammatiker und Verfasser des Wörterbuchs bei den Kommentaren zur altdeutschen Epik nicht um formale Kriterien geht, sondern um rein inhaltliche. Die Kombination der Sagenmotive aus bislang getrennt gesehenen Bereichen — etwa die Verbindung der germanischen mit der klassischen Mythologie — war eine faszinierende Entdeckung und eine große Verführung zu Spekulationen. Allein Jacob Grimm wäre ihr gewiß nicht erlegen, wenn sie nicht grundsätzlichen Überzeugungen entsprungen wäre. Er sah die alten Epen nicht als gestaltete Kunstwerke. Er sah sie als „rechte göttliche Wahrheiten“, als Manifestationen eines universalen Überlieferungsstromes, die nicht wiederbelebt, sondern nur in ihren Ursprüngen erkannt werden konnten. Am liebsten hätte er alle Handschriften des Nibelungenliedes einzeln herausgegeben: „Welches unter dem Verschiedenen nun das Bessere sei und mehr zur Sache gehöre, das ist kaum zu sagen, wo nicht ganz unmöglich und sündlich.“ Die sklavische Texttreue Jacob Grimms ist von Textkritik noch weit entfernt.

Er sträubte sich auch gegen den Wunsch seines Bruders, die Sammlung der „Dänischen Heldenlieder“ in Übersetzungen herauszugeben, denn eine Übersetzung wäre ihm bereits als ein Verrat am Offenbarungscharakter der Originaltexte erschienen. Die Auseinandersetzung über dieses Prinzip der Herausgabe erwies sich als der gefährlichste Prüfstein für die brüderliche Arbeitsgemeinschaft. Wilhelm verteidigte zunächst unabhängig von Jacob das Modernisieren von alten Heldenepen, bis ihn der Bruder mit den Worten „Ich wünschte nichts mehr, als daß wir über diesen Gegenstand einig wären, für unser Zusammenarbeiten, worauf ich alles baue“ in einen brieflichen Disput verwickelte, mit dem Ergebnis, daß sich der weichere, mehr poetisch als wissenschaftlich veranlagte Wilhelm den Grundsätzen Jacobs anschloß.

Die unkritische und unbekümmerte Art, in der Arnim und Brentano mit den „alten Sachen“ umgingen, erregte Jacobs größtes Mißfallen:

Sie wollen nichts von einer historisch genauen Untersuchung wissen, sie lassen das Alte nicht als Altes stehen, sondern wollen es durchaus in unsere Zeit verpflanzen, wohin es an sich nicht mehr gehört ... So wenig sich fremde edle Tiere aus einem natürlichen Boden in einen anderen verbreiten lassen, ohne zu leiden oder zu sterben, so wenig kann die Herrlichkeit alter Poesie wieder allgemein aufleben, d.h. poetisch; allein historisch kann sie unberührt genossen werden.

Damit ist der bis heute ungelöste Zwiespalt in unserem Verhältnis zur mittelalterlichen Literatur ausgesprochen: die poetische Erneuerung, wie sie die Romantiker versuchten, ist nicht gelungen, und die „historisch genauen Untersuchungen“ haben zwar eine Menge wertvoller Erkenntnisse angehäuft, allein die unmittelbare Faszination der alten Literatur, der die Romantiker erlagen, ist uns dadurch verlorengegangen. Arnim bemerkte in einem Brief an Jacob Grimm, er reiße eine Kluft auf zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die nicht das Ergebnis geschichtlicher Erkenntnis, sondern eher gestaltender Phantasie sei. In der Tat beruht Jacobs scheinbar rationalistische Methode der reinen Aufzeichnung und kritischen Überlieferung auf dem Axiom, daß die alten Menschen größer, reiner und heiliger gewesen seien als wir: „Es hat in ihnen und über sie noch der Schein des göttlichen Ausgangs geleuchtet.“ Dieses Axiom ist für die Germanistik längst ungültig geworden — geblieben ist ihr die Ehrfurcht vor der Reinheit und Richtigkeit des Textes, der als Text und nicht als Dichtung behandelt wird.

Indessen muß man sich hüten, die theoretischen Ansichten Jacob Grimms zu verabsolutieren. Wenn er auch behauptet, die alte Literatur könne „allein historisch“ unberührt genossen werden, so bleibt er doch empfänglich für die unmittelbar mitreißende Wirkung eines Epos. So schreibt er etwa über einen spätmittelalterlichen Roman an Savigny: „Es sei nun wo und von wem es wolle, das ganze steht da, eine wahre Lust der Mitteilung und gar keine mühselige gezierte Schreiberei.“ Diese tröstliche Inkonsequenz ist auch für den Grammatiker und Sprachforscher Jacob Grimm bezeichnend. Die sensationelle Entdeckung der Gesetzmäßigkeit der Lautverschiebung, die den bis dahin unbestrittenen Glauben an eine individuell-schöpferische Sprachentwicklung erschütterte, verleitete Jacob nicht zum trockenen Formalismus oder sturen Systemzwang. In einer Akademie-Rede „Über das Pedantische in der Sprache“ sagte er:

In der Sprache aber heißt pedantisch, sich wie ein Schulmeister auf die gelehrte, wie ein Schulknabe auf die gelernte Regel alles einbilden und vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen.

Daran hätte Karl Kraus, der vom „Abgrund zwischen grammatikalischem Bescheidwissen und Sprachfühlen“ schrieb, seine Freude gehabt. Hingegen wäre den teutschen Ruhmrednern der „volkstümlichen“ und „heimatverbundenen“ Brüder Grimm der folgende Abschnitt ein Ärgernis gewesen:

Zur hauptangelegenheit aber wird es ihm [dem Pedanten] teutsch für deutsch zu schreiben, weil es heisze Teutonen, da doch das lateinische T gerade der schlagendste grund für das deutsche D in diesem wort ist und niemand darauf verfällt Tietrich an die stelle von Dietrich, worin dieselbe wurzel steckt, zu setzen.

Germanistik und Politik

Jacob Grimm war nicht der einzige, der sich nicht mehr dagegen wehren konnte, von den Sachwaltern der Nationalliteratur und der Volkskunst ausgeschlachtet zu werden. Die Aktualisierung seiner Ansichten über Deutschtum und volkstümliche Dichtung zeigt, wie richtig sein Postulat war, daß bei der Beschäftigung mit Literatur die Geschichte stets mitgedacht werden müsse. Was jedoch 1850 geistesgeschichtlich und politisch vertretbar war, das konnte man nicht in den Dienst einer Ideologie des 20. Jahrhunderts stellen, ohne es zu verfälschen. Aber es bedarf gar keiner geisteswissenschaftlichen Spekulationen, um zu erkennen, wie wenig sich Jacob Grimm als Vorbild für das Kulturreglement des Dritten Reiches geeignet hat; seine Biographie sagt es deutlich genug.

Jacob und Wilhelm Grimm waren 1837 Professoren an der Göttinger Universität, als nach dem Tode König Wilhelms IV. die Personalunion zwischen England und Hannover auseinanderbrach. Der neue König Ernst August setzte die Verfassung von 1833, die eine Mitwirkung der Volksvertreter an der Regierung garantierte, außer Kraft und entband alle Staatsdiener ihres Eides auf die alte Verfassung. Sieben Göttinger Professoren, darunter Jacob und Wilhelm Grimm, bestanden auf der Unverletztlichkeit des Eides, unterzeichneten einen (von Jacob redigierten) Protest und wurden kurzerhand des Landes verwiesen. Dabei war Jacob alles andere als ein Revolutionär. Für ihn war der politische Protest ein Akt der Moral, den ihm sein Gewissen diktierte. Lange vor der Göttinger Affäre hatte er einmal an Savigny geschrieben:

Man sollte überhaupt im ruhig fortschreitenden Leben seine Gesinnung nur in Handlungen bewähren, nicht in Worten, rein, unschuldig, ich möchte sagen episch leben.

Er hätte auch diesmal gerne nur gehandelt, doch Verleumdungen und Beifall von der falschen Seite veranlaßten ihn schließlich, eine Erklärung „Über meine Entlassung“ drucken zu lassen. Sein juristisch und moralisch einwandfreier Standpunkt berechtigte ihn, mit den kompromißlerischen Kollegen der verschiedenen Fakultäten scharf ins Gericht zu gehen. Über die Juristen hieß es: „Lehrer der öffentlichen Rechte und der Politik sind, kraft ihres Amtes, angewiesen, die Grundsätze des Lebens aus dem lautersten Quell ihrer Einsichten und Forschungen zu schöpfen.“ Die Mediziner mußten sich sagen lassen: „Macht die alltägliche Gewohnheit, vor Sterbebetten zu stehen und mit dem Messer Leichen zu schneiden, Ärzte härter und unempfindlicher gegen die Not des Vaterlandes?“ Und von den Theologen forderte er, daß sie „ihre Zornschalen kräftig ausgeschüttet und alle Blödigkeit des Zweifels dahingeworfen hätten“.

So hartnäckig konnte der in seiner Stube „von Wörtern eingeschneite“ Gelehrte werden, wenn es galt, sich gegen eine Rechtsbeugung zur Wehr zu setzen. Das Zeugnis der moralischen Verantwortung, mit der er sein Amt als Universitätsprofessor auffaßte, verdient es gerade heute, ausführlich zitiert zu werden:

Die deutschen hohen Schulen, solange ihre bewährte und treffliche Einrichtung bestehen bleiben wird, sind nicht blos der zu- und abströmenden Menge der Jünglinge, sondern auch der genau darauf berechneten Eigenheiten der Lehrer wegen, höchst reizbar und empfindlich für alles, was im Lande Gutes oder Böses geschieht. Wäre dem anders, sie würden aufhören, ihren Zweck, so wie bisher, zu erfüllen. Der offene, unverdorbne Sinn der Jugend fordert, daß auch die Lehrenden bei aller Gelegenheit, jede Frage über wichtige Lebens- und Staatsverhältnisse auf ihren reinsten und sittlichsten Gehalt zurückführen und mit redlicher Wahrheit beantworten. Da gilt kein Heucheln und so stark ist die Gewalt des Rechts und der Tugend auf das noch uneingenommene Gemüth der Zuhörer, daß sie sich ihm von selbst zuwenden und über jede Entstellung Widerwillen empfinden. Da kann auch nicht hinterm Berge gehalten werden mit freier, nur durch die innere Überzeugung gefesselter Lehre über das Wesen, die Bedingungen und die Folgen einer beglückenden Regierung.

In der Vorrede zu den „Deutschen Rechtsaltertümern“ bemerkt Jacob Grimm, daß der Antrieb der Dichtung dem Antrieb zur Rechtsprechung gleichzusetzen sei. Recht und Literatur stellen Maßstäbe auf, schaffen Ordnung, fällen Urteile. Für Jacob Grimm war auch die Wissenschaft von der Literatur eine Sache der Gesinnung, die keine Unklarheiten vertrug.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1963
, Seite 423
Autor/inn/en:

Elisabeth Stengel: Jahrgang 1938, hat in Wien ihre germanistischen Studien mit einer Dissertation über Heimito von Doderer abgeschlossen. Nachdem sie im FORVM bereits mit kleineren Beiträgen vertreten war („Doctor Doderers Wuthäuslein“, Heft IX/108; „Ein Philosoph für die Dichter“, Heft X/114; „Mißbehagen am Mittelmaß“, Heft X/115-116), wird sie unserer Redaktion nunmehr als ständige Mitarbeiterin verbunden sein.

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