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Joe Berger

Mein Schüler Goethe

Der Weg zur Insel der Phantasie

Der Weg zur Insel der Phantasie

In einem Ozean, den noch kein Mensch gesehen hat, liegt eine kleine Insel. Niemand wird diese Insel jemals finden, denn sie liegt in der Phantasie, und nur einer, der viel Phantasie hat, wird sie entdecken. Die Insel ist zwar klein, aber trotzdem hat noch niemand, der dort lebt, jemals das Ende gesehen.

Um die Mitte steht eine Pflanze, eine riesige Blume, sie ist die Herrscherin der ganzen Insel. Die Blüte ist ein Auge, welches über die ganze Insel blickt. Den Namen kennt aber keiner. Die Wesen, die auf dieser Fläche wohnen, nennen sie einfach „das Auge“.

Da lebte einmal ein Junge, der hatte von dieser Insel gehört und wollte unbedingt dorthin. Aber da es die Insel der Phantasie ist, kann man nicht einfach mit einem Schiff oder einem Flugzeug hinfliegen. So überlegte der Junge Tag und Nacht, wie er er zur Insel kommen könnte. Bis er eines Tages einen Traum hatte. Er träumte, daß man nur zur Insel kommen könnte, wenn man wüßte, wie „das Auge“ aussehe. So suchte er die ganze Zeit nach einer Blume, die dem Auge ähnlich sein könnte und jede Nacht hoffte er, zu der Insel zu kommen. Aber dann begriff er, daß er „das Auge“ nie finden konnte. „Das Auge“ war eine Phantasiepflanze. Man konnte nur zur Insel kommen, wenn man genügend Phantasie hat. Und immer wieder versuchte der Bub sich eine Blume auszudenken, aber er schaffte es nicht. Immer hatte seine Phantasieblume Ähnlichkeit mit einer anderen. So schaffte er es nicht, zur Insel zu kommen.

Und so geht es vielen Menschen, die ins Reich der Phantasie kommen wollen, aber keine Phantasie haben.

Anonym, 13

Phantasie, was ist das?

Gemeinhin wird Phantasie gerne mit dem Unwirklichen gleichgesetzt, mit Versponnensein und Tagträumerei, mit Realitätsflucht und Verrücktheit. Phantasten sind Menschen, die mit der herrschenden Realität nicht fertig werden, die möglicherweise die an sie gestellten Aufgaben nicht erfüllen können, weil sie nie da sind. Nicht umsonst bezeichnen Politiker Menschen, die am Status quo kratzen, gerne als Phantasten.

Aufgabe der Schule ist es aber nun, ihre Erziehungsbefohlenen zu tüchtigen Erwachsenen zu erziehen: zu Erwachsenen, die vorgegebene Probleme mittels logischen Denkens selbständig zu lösen imstande sind. Demgemäß sprechen die Pädagogen von Lern- und Arbeitstechnik, von Wissenserwerb und Unterrichtsertrag. Das Erziehungssystem spiegelt das System wider, der Unterricht simuliert die Wirklichkeit des Status quo.

Der Bub, der sich in der eingangs zitierten Geschichte auf den ominösen Weg zur (in keinem Reiseprospekt aufscheinenden) Insel macht, entspricht im Grunde ganz genau dieser Wirklichkeit. Seine „Phantasieblume“ hat stets Ähnlichkeit mit dem Kraut seiner vorgeformten Vorstellungswelt, er denkt — gottlob, werden seine erfolgsheischenden Eltern und Lehrer denken — gottlob, der Bub ist vernünftig, er denkt logisch. (Genaugenommen denkt er analog — eine der dümmsten Formen der Logik.) Der Bub wird es zu etwas bringen, der kann ein brauchbarer Computerfachmann werden und seine dereinstige Familie mit allen unnötigen Konsumgütern aus dem nächsten Supermarkt verwöhnen. Darüberhinaus wird er auch sparsam sein, damit er das wenigstens besitzt, was er nie sein wird.

Solches wird man aber vom Verfasser besagter Geschichte nicht unbedingt erwarten dürfen. Seine — als „das Auge“ in Sprache gesetzte — Hoffnung bringt nämlich eine widerspenstige Auffassung von Phantasie in den gängigen Gehorsam. Dieses Auge ließ Kolumbus westwärts segeln, Goethe den blöden Gänsekiel spitzen und Einstein Zeit für einen neuen Zeitbegriff finden. Das Auge ist grenzüberschreitende Neugier, Aktivität in Richtung terra incognita, Transformation des Selbst in Bereiche, die der selbstlosen Allgemeinheit des großen Ruhebedürfnisses („Des geht mi nix aun.“) suspekt erscheinen müssen, weil es mit Neuem, mit noch nicht erfaßter Existenzmöglichkeit das wohlgeordnete Dasein bedroht. Das Auge bezeichnet den Ausgangspunkt der Kreativität. Und Kreativität ohne Ausbruch und Widerstand gibt es nicht.

Dementgegen muß die Schule eine Anstalt sein, die ihre Schützlinge auf den Eintritt in die Gemeinschaft der Angepaßsten vorzubereiten hat. Der Unterrichtsertrag soll ein gutdurchblutetes Produkt liefern, das, mit einem sauberen Zeugnis in der Hand, den Statusquo-Simulator verläßt, um am Arbeitsmarkt als Nummer 23.809 zu erscheinen. (Die Hausübung als Beispiel der „freiwilligen“ Überstunde, der Lehrvortrag als Abart des Verkaufsgesprächs, der Test als Abklatsch einer Psychologie, die Mondkälbern hilft, Milchkühe zu werden.) Eine Realität, die den Schülern nicht einsichtig sein kann, weil sie dem Ist-Zustand ihrer Identitätssuche widerspricht. Sie sollen einen Kollektivvertrag für alle Ewigkeit unterzeichnen und das Maul halten, damit der Unterricht nicht gestört wird.

„Wirklichkeit. Was ist das — keine Ahnung; keine Idee, kein Beweis, keine Fähigkeit, das zu erkennen“, verzweifelte während der Aktion des Kulturservice eine Schulpflichtige aufs bereitgestellte Papier. Das ist Ich-Verlust, geistiger Haltungsschaden. Das gebiert Angst, die Selbstbewußtsein vernichtet.

Und solches gilt nicht nur für die „Erziehungsbefohlenen“, das gilt auch für die „Lehrbeauftragten“. Denn auf der anderen Seite lauern die Eltern.

Wie eine Schnecke

Ich bin in meinen 4 Wänden eingezwängt. Ich fühle mich hier so unwohl. Ich komme mir vor wie in einem Schneckenhaus. Ich möchte aus diesem Haus heraus, ich kann aber nicht. Ich bin wie ein freier Unfreier. Ich möchte, aber ich kann nicht. Ich fühle mich wie in einem Traum, wo man davonlaufen will, aber nicht kann. Ich träume so etwas oft. Ich will und kann nicht. Es ist alles so unangenehm. Hilfe, rette mich.
Ich will heraus. Ich will, ich will, ich will ... Helft mir, ich kann nicht heraus! So wie wenn ich dem Drogenrausch verfallen wäre. Ich will aufhören, kann aber nicht. Ich komme über meinen Schatten nicht hinaus. Ich weiß, ich muß. Es geht aber nicht. Ich komme nicht über meine Größe hinaus.

Hilf mir!

Ich brauche Hilfe, aber ich muß es selber schaffen. Ich kann nicht, ich muß aber.

Hilf mir, aber hilf mir nicht!

ICH

Grubner Alexandra, 14

Wie man dem Hilferuf Wie eine Schnecke ablesen kann, hat diese Jugend alles. Nur nicht sich selbst.

Das Elternhaus besteht nur allzuoft aus 4 Fertigteilwänden mit dem Fernseher als einzigem Fenster. Beide arbeiten und stehen ratlos vor dem Lebewesen, das sie in einem lauschigen Stündchen ins Zimmer gejuxt haben. Da man selbst nie erwachsen geworden ist, steht es auch dem Fratzen nicht zu, solches zu werden. Natürlich hat man selbst Phantasie: die Träume vom neuen Auto und den Ratenzahlungen; im Urlaub wird man — dank des Reisebüros — richtig verrückt; selbstverständlich möchte man ein Palais, aber wird es nie bekommen. Im Elternhaus herrscht die Phantasie, die nichts überschreitet. Nicht einmal die Schwelle der Wohnung.

Das färbt ab. „Ich könnte das schreiende Kleinkind schlagen, das wagt, neben mir am Tisch zu trommeln. Schlagen, bis es aussieht, als wäre die mütterliche Brust mit Rasierklingen bestückt ...“, schlägt angesichts dessen der 16-jährige T. Pfeffer zurück.

Die Zwickmühle Schule-Elternbaus begründet ein längst verselbständigtes (aber gegen das Selbstbewußtsein wirkendes) Überwachungssystem, das späterhin im Gegensatz Arbeitsplatz—Staatswunsch weiterhin anerkannte Gültigkeit erlangt. Ein verfängliches Nichtbewußtsein, das wir als demokratische Freiheit hochjubeln.

Aber für den Jugendlichen, dessen Neugier noch unverbraucht, noch nicht durch die dumm-machende Gewohnheit alltäglicher Notwendigkeiten abgestumpft ist, — also für einen Menschen, der noch den Wunsch hat, sich identifizieren zu wollen, um darüberhinaus Identität zu finden, übersetzt sich diese Freiheit mit Schneckenhaus und Gefängnis. Denn er ist dem Auge noch näher als seine Erziehungsberechtigten. Seine Phantasie hat noch den Mut eines Kolumbus und Einstein. Doch die Marktwirtschaft braucht keinen Goethe, sondern Installateure.

So bewegt sich der Tagesablauf des Heranwachsenden von Überwachungssystem zu Überwachungssystem: zwischen Schule und Elternhaus. Zwischen Hörigkeit und Hörigkeit, zwischen Betragensnote und Ohrfeige soll er die Aufgabe der Identitätsfindung zur Befriedigung anderer lösen. Als Wegwerfkind konzipiert, soll er der Stolz von Eltern und Lehrern sein.

Unsicherheit, Maskenpflicht und aufgezwungenes Rollenverhalten sind die Folgen:

Verlogen?

 
In der Früh aufstehen:
freundlich „Guten Morgen“ sagen,
dabei hat man a Laune
daß man jeden anschnauzen möcht.
Freundlich sein.
Verlogen?
 

 
In der Schule kriegt man a schlechte Noten:
man könnte den Lehrer umbringen
aber: freundlich sein.
Verlogen?
 

 
Die Freundin is beleidigt
wenn man offen seine Meinung sagt
also: freundlich und nett sein.
Verlogen?
 

 
Die Eltern haben einen schweren Arbeitstag gehabt
und wollen nichts von unseren Problemen wissen.
Wenn man frech ist kriegt man ane.
Also: freundlich sein.
Verlogen?
 

 
Aber wenn ich sag
was ich fühle,
was ich denk —
offen ins Gesicht ...
Ganz ehrlich
 
XY, weiblich, 14 Jahre

Das Mädchen XY hat die Lektion verstanden, es versieht die Lüge bereits mit einem Fragezeichen. Darin liegt schon das Begreifen, daß der Grundpfeiler einer verlogenen Gesellschaft die Lüge ist. „Er lügt schon ganz schön, er wird’s noch zu einem großen Staatsmann bringen“, sagte Napoleon über Metternich, als der Fürst erst kaiserlicher Gesandter in Paris war. Was hat sich seit damals geändert?

Institutionalisierte Phantasie

Selbstredend ist die Schule keine Anstalt, die Phantasie verbietet. Zumindest nicht eine bestimmte Art. Selbstverständlich kann die Gesellschaft Phantasie nicht abschaffen, dazu ist sie viel zu sehr integrierter Bestandteil des menschlichen Individuums. Aber die Gesellschaft kann sie in den Griff bekommen, indem sie sie reguliert. Und sie reguliert sie, indem sie sie institutionalisiert.

Solange Widerstand und Ausbruch bloß phantasiert, in Tagträumen abreagiert, statt in Aktivität ausgelebt werden, solange ist Phantasie dem System dienlich, weil sie Aufmüpfigkeit auf eine stille und für die Gesellschaft risikolose Weise aus der Welt schafft.

Es gab eine Zigarettenwerbung, die den Aufhänger „Wenn das Abenteuer Pause macht“ unters Volk brachte. Ins Bild gesetzt, saß ein Jäger neben einem mächtigen Braunbären und schmauchte eine Zigarette der beworbenen Sorte, ohne von dem an sich bedrohlichen Tier dabei gestört zu werden. Nun wird sich kaum ein Käufer dieser Zigarettensorte rauchenderweise neben ein derartiges Raubtier setzen; in seiner Vorstellungswelt sitzt er aber, weil ihm der Konsum der gedachten Sorte mittels Werbung vorgaukelt, ein furchtloser Mann zu sein. Auch wenn er noch so viele Ängste hat.

So wird der Wahn-Sinn über gestaltete Phantasie gestattete Wirklichkeit.

Die Phantasie als Stütze der Gesellschaft bringt natürlich Stützen der Gesellschaft hervor. Psychologen, Psychiater, Werbetexter und Fernsehmacher leben davon.

Sonderbarerweise sind oft die grausamsten und aggressivsten Phantastereien die förderlichsten. Und zwar dann, wenn sich Vorstellungswelten an die — durch die Medien — vorstellte Welt anpassen. „Der Zahnstocher von »Zahndi« sticht Dir die Zähne blutig. Der neueste Horror!“, ist eine Dracula-Phantasie. „Das Monster verwüstet das Land. Ein Feind, der stärker ist als das Monster, will es besiegen“, variiert die Siegfried-Idylle. „Ich sage es dir gleich, du wirst nicht mehr lange leben. Die Flinte ist schon auf dich gerichtet. Ich rate dir, geh nicht aus dem Haus, sonst bist du tot. Das schwöre ich, Baby“, jeiert der Geborgenheit des Kriminalfilms nach.

Solche und ähnliche Texte tauchten bei der Hallo-Goethe-Aktion zur Genüge auf. Scheinbar schockierend, sind sie aber in Wahrheit belanglos. Sie wiederholen vorgeformte Phantasien der Populärkultur. Die Schreiber solcher Zeilen identifizieren sich mit ihr, ihre Skripten plappern Fernseh- und Kinoabenteuer nach. „Das Auge“ bleibt auf seiner fernen Insel, denn die Blumen der Grausamkeit entsprechen der anzutreffenden Gesellschaft. Und falls einer dieser Autoren einen Hang zur Übertreibung entwickeln möchte, kann ihn der Schulpsychologe binnen kurzem ins „normale Leben“ zurückführen.

Institutionalisiertte Phantasie verdeckt reelle Grausamkeit. Die Sensation (als sinnliche Wahrnehmung verstanden) lebt von wegphantasierten Tatsachen. Hungertod in der Dritten Welt, politische Morde rund um den Planeten, die Bedrohung durch die Atombombe — alles halb so schlimm, solange man sein Zigaretterl neben einem Braunbären rauchen kann. Die institutionalisierte Phantasie ist wie eine Badewanne, man entsteigt ihr und kann sich wieder sehen lassen.

Ich mag heraus aus meiner Haut Ich mag mich häuten.
Ich mag nicht in der eignen Haut, die sich alle überstreifen, leben.
Ich mag werden, der ich bin.
Ich mag mein eignes Ich werden.
Ich reiße die Maske herunter, die Maske, die mein Ich versteckt.
Und werfe sie in die Tiefe der Wahrheit.
Ich mag denken, was mein Ich denkt, und es auch aussprechen.
Ich mag nicht der sein, der ich sein soll, sondern der Ich bin.
Helft mir, mich, mich selbst zu finden, in dem Labyrinth, in dem wir uns finden können.
Ich mag mein eigenes Ich im Spiegel sehen,
in einem wahren Spiegel,
nicht in einem Zerrspiegel,
der unser eigenes Ich verzerrt.
uns in eine Rolle zwängt, in die wir nicht gehören.
 
Welzig, 13 J.

Dem Wunsch des jungen Welzig kann nicht entsprochen werden. Schule und Elternhaus sollen und wollen auf das Leben vorbereiten, wie es sich in unserer Gesellschaft darstellt. Das bedeutet: Rollenverhalten, Rollenidentifikation, aber nicht Identitätsbildung, Ich-Findung. Nicht der selbstbewußte, sein Dasein sinnvoll gestaltende Mensch ist gefragt, sondern der Gehorsamsfanatiker, der Ausbruch und Widerstand als Frechheit empfindet. Der Heranwachsende soll zum Durchschnittserwachsenen gekrümmt, zu einer Null, der es nicht auffällt, daß sie von Abhängigkeit zu Abhängigkeit pendelt, verformt werden.

Sag mir, was ich will,
sag mir, was du denkst,
sag mir, wie ich bin:
Bin ich dir zu still?
 
Frag mich, was ich will,
die Antwort weiß ich nicht.
Frag mich, wie ich bin.
Die Antwort weiß keiner!
Das ist, was ich will.
 
Anonym

Ein sonderbarer Wille, der sich da manifestiert: der Wille zur Anonymität. Der Autor obiger Hervorbringung möchte erst gar kein Ich bilden, möchte unauffällig und unerkannt durchs Leben schlängeln, die Gefahr ausschließen jemand zu sein, denn dies wäre mit Selbstbehaupten verbunden, und das gibt es nicht ohne Selbstbewußtsein.

Ein Angriff, der im Leeren verflacht. Wie soll er in unserer Erziehungsmaschinerie die Rumpelstilzchenmentalität ablegen, wenn es darin einzig und allein darum geht, die Liefertermine für den Unterrichtsertrag einzuhalten? Die Lern- und Arbeitstechnik zwecks Wissenserwerb kennt nicht das Auge, sucht den Weg zur Insel der Phantasie nicht, sondern fördert vielmehr den Weg, eine ohnmächtige Insel im gleichförmigen Meer unserer Gesellschaft zu bilden. „Es geht mir klein“, empfand eine 12jährige diesen Zustand à la Nagel auf den Kopf. Der Lehrplan plant Nobodys, zielt auf Menschen ab, die keinen Körperno-body — haben. Ein Ziel, das nach Laing zumindest schizoides Verhalten ist oder haben möchte. Ein Verhalten, das umgekehrt das Um-und-Auf unseres Zusammenlebens ist und das Ordnungsgehabe der ökonomischen Strukturen ausmacht. Erste Bürgerspflicht ist Mittelmäßigkeit. Mittelmäßigkeit läßt sich am unproblematischsten manipulieren, dirigieren, alsdann auch regieren. („Erst soll da Bua wos lerna, daunn derf er reden“, sagt’s der Vater, der selbst nie was lernte.)

Die Überführung des Schülers ins Mittelmaß, die zwangsläufig mit dem Verlust des Bezugs zum Körper („Ich mag heraus aus meiner Haut.“) verbunden ist, generiert natürlich Reaktionen:

Die Not wird groß, die Angst steigt an,
das Leben neigt sich dem Nullpunkt zu ...
Anonym
Abhängig bin ich vielleicht gar nicht so sehr viel,
vielmehr habe ich Angst, daß ich abhängig werde.
angst
ANGST
angst
in allen Variationen ...
Anonym
Jetzt habe ich 25 Angste.
Und morgen?
Anonym

Angst als Psycho-Horror als ungewollte Folge der Ent-Leibung; emotionale Diffusion auf dem Weg zum Ich, weil der schlauerweise durch das Verbot, den eigenen Körper mitzuführen, versperrt wird. In den Entwicklungsstufen Pubertät und Adoleszenz — in besonders körperbetonten Entwicklungsstufen — ein raffinierter Trick, Identitätsbildung zu verhüten. Das Schulwissen dient als Präservativ. Doch was diesbezüglich den Köpfen der Lehrplanplaner (eigenartig, wie deren Denken und Planen auf ihre Körperlosigkeit hinweist) entspringt, fällt ihnen auf den pädagogischen Fachkopf. Der Gefühlshaushalt Angst kann zwar das Lehrziel Wissenserwerb (diese ungezuckerte Palatschinke) als etwas Unabdingbares, Lebensnotwendiges hinstellen, aber die Abwehrmechanismen dagegen nicht verhindern:

ALLE SIND GEGEN MICH
BUUUH!
ICH HASSE SIE
ALLE!

Der Haß ist die körperlose Antwort, wenn der Weg zum Ich versperrt wird. Ebenso das Rauschgift:

Immer mehr Jugendliche in Österreich greifen zu Rauschgift. Die Gründe: Eltern, Schule, Leben usw. Es fängt bei Haschisch an und endet an der Nadel.
Sabine ist 17 und hängt bereits.

Anonym

Sie hängt bereits, die Sabine, sie hängt bereits ab. Nun vermittelt Drogenabhängigkeit eine Abhängigkeit, die ebenfalls das gewünschte Entkörpertsein mit sich bringt, allerdings eines, das für die Gesellschaft nicht verwertbar ist, weil es das Bewußtsein der Bewußstlosigkeit allzusehr privatisiert. Dem fehlt der kulturelle Kontext der Arbeitsteilung, also ist solche Abhängigkeit zu bestrafen. Ähnliches gilt für die sogenannten Jugendreligionen. Deren durchaus faschistoide Führergestalten knallen im Namen „des Geistes“ Papierln auf den ausgeklügelten Altar, die ihnen über materielle Kontoauszüge ein überirdisches Dasein ermöglichen. Dem zahlenden Novizen ist das meistens egal. Da er sowieso kein Ich haben soll, mischt er in die Ohnmacht ein wenig Trotz, um dem großen Kuschen wenigstens ein bißchen Wert zu verleihen.

Was Wunder, wenn Entleibte keine Du-Beziehung entwickeln können: Sandler, Tschuschen, Juden (der Vater bestätigt es mit seiner körperfeindlichen Autorität) sind Läuse, stinken, gehören vergast. Unsere Gesellschaft ver-körpert, entbehrt aber der Identität.

All diese pubertären Abwehrmechanismen könnte man ja als Entwicklungsstörungen belächeln, wenn daraus nicht mehr als verbale Abwehrreaktionen entstehen würden. („San halt no jung, wern scho anmal draufkumma“.) Man könnte darüber lächeln, wenn es den Punkt nicht gäbe, wo die Ent-Leibung durchaus körperbetont in Gewalt umschlägt.

Selbst keinen Körper habend, hat auch der andere keinen zu haben. Der Körper des anderen wird als Widerstand, als mögliches Unabhängigkeitsstreben, als Body zum eigenen Nobodytum erfahren und ist demnach zu vernichten. (Die Neonazis machen ausgiebig Gebrauch davon. Der Linksterrorismus auch, allerdings im Stil einer „Jugendreligion“. Die Linksterroristen möchten vorwiegend die verdinglichten Träger großer Schecks entleiben.)

Erwerb, Ertrag und die dazu notwendige Technik sollen als unschuldigste Form menschlicher Gemeinsamkeit gelten, diesen unauflösbaren Widerspruch sollen die Lehrpläne unserer Schulen als etwas Gottgewolltes vorflunkern. Phantasie darfst du haben, kreativ sollst du sein, aber bitte nur im Zuge des vormarkierten Wegs in die Anonymität. Dein Name sei General Motors, Esso oder Coca Cola („meine Firma“). Über dieses Stadium hinaus sollen aber die Schulpflichtigen auch nicht gelangen; würden sie es, könnten sie mit Zukunftsvisionen die Gegenwart aufdecken.

Bei solcher Vorgangsweise ist aber eines zu bedenken: Eine geschlossene Gesellschaft — d.h. eine Gesellschaft, die auf vorgegebenen Identifikationsmustern aufbaut und Identität, Ich-Findung als asozial qualifiert — hat keine Überlebenschance. Ohne Einsteins und Marco Polos werden wir zu gespeicherten Existenzen versumpern.

Das Auge sei wachsam, der Weg zu seiner Insel ist gar nicht so weit, wie es manche haben möchten. Die Träume von heute, Angst oder Wunsch, ergaben noch immer die Wirklichkeit von morgen. Sic:

... GEDANKEN ...

Jetzt sitzen wir da und wissen nicht mehr weiter. Vielleicht sollte man die Eltern nicht gleich verdammen, wenn sie „gute“ Ratschläge erteilen, sind wir nicht doch zu jung für gewisse Dinge? Das Verbotene reizt eben besonders, aber es ist nicht grundlos verboten, nur leider merkt man das erst, wenn es fast oder ganz zu spät ist. Früher hätten wir gelacht, wenn wir diese Worte gelesen hätten, doch wir schreiben das halt nicht einfach so, sondern weil’s so ist. Wenn wir daran zurück denken, merken wir, daß es total verantwortungslos war, so zu handeln. Es ist schlimm ausgegangen, aber eigentlich noch eher glimpflich. Kein Grund zum Angeben, arg genug, daß es passiert ist. Wenn wir andere betrachten, die gleich oder ähnlich handeln und es toll finden, obwohl sie älter sind, können wir auf unseren Verstand noch stolz sein. Dabei ist „STOLZ“ hier wirklich nicht angebracht. Da waren wir plötzlich froh, daß unsere Eltern da waren, um uns zu helfen. Wir wollten nur, daß „es“ vorüber geht, aber was „es“? Das soll ja keine Belehrung sein, sowas würden wir bestimmt auch nicht lesen, jedenfalls sind wir um eine Erfahrung reicher, und haben’s gut überstanden, aber was ist mit denen, die jetzt nicht mehr darüber schreiben können? ...

Doris Elisabeth
Gabrielle
beide 15

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1982
, Seite 37
Autor/inn/en:

Joe Berger:

1939 in Kaltenleutgeben bei Wien geboren, ausgebildeter Chemieingenieur, stieß 1960 zur „Wiener Gruppe“ (Konrad Bayer & Co), trat mit diversen aktionistischen Gruppen auf (first vienna motion group). „joe berger ist der bedeutendste nicht schreibende literat‚ den ich kenne“ (Wolfgang Bauer).

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