FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1962 » No. 108
Elisabeth Stengel

Doctor Doderers Wuthäuslein

Zu seinem Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ (Biederstein-Verlag München)

Ganz in der Nähe von Doderers Wohnung im IX. Wiener Gemeindebezirk ist an einem Gittertore auf schwerer Emaille-Platte in schwarzen und roten Lettern folgende Inschrift zu lesen:

Bundesstaatliche
Schutzimpfungsanstalt
gegen
WUT

Da laut Doderer die Kulissen immer genau zum Leben stimmen, enthält die Nachbarschaft des Schriftstellers zu jenem ominösen Institut etwas verdächtig Symptomatisches. Doch ist nicht anzunehmen, daß Heimito von Doderer das Gittertor jemals durchschritten hat, denn er kennt andere Mittel, sämtliche Arten dieser Krankheit, von Kurz-Wutanfällen bis zur katastrophalen Steigerung des Grimmes, zu behandeln. Wie es dabei zugeht, erfährt man ausführlich aus seinem neuesten Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“, der sogleich nach seinem Erscheinen zum „Buch des Monats“ gewählt worden ist.

Hauptwüterich dieser Geschichte ist Childerich III., vorletzter Sproß eines merowingischen Fürstengeschlechts. Er ist klein, weichlich und häßlich: „Mit fünfzehn sah er aus wie ein trauriges Beutelchen.“ Da aber in seiner Familie physische Überlegenheit als der einzige Weg zur Anerkennung gilt, ist es mit Childerich III. „an dem, daß nicht einmal die Schwestern, Gerhild und Richenza, sich ihm gegenüber des Ohrfeigens und Tretens enthalten.“ Und so entladen sich denn die in peinvoller Jugend angestauten Nachträgereien in beispiellosen Wutausbrüchen.

Doch ist die Wut nicht der einzige Weg des Merowingers in seinem „Feldzug gegen Welt und Leben“. Was ihm die Natur an imponierender Statur versagt, macht sie wett mit einer schier unbegrenzten Manneskraft. Darauf gründet Childerich III. sein beinahe erfolgreiches Streben nach familiärer Totalität, die er durch Heiraten der Witwen aus den Zweit-Ehen seines Großvaters und Vaters systematisch aufbaut und nach dem frühen Tod der jeweiligen Gattin durch weitere planvolle Ehen erweitert, mit dem Ziel, alle familiären Chargen in seiner Person zu repräsentieren. Er wird sein eigener Großvater, Vater, Schwiegervater, Schwiegersohn, Schwager seiner Stiefkinder, Onkel seiner Enkel. Die Verlockung, sein eigener Schwager, Oheim und Neffe zu werden, führt ihn zu der verhängnisvollen Periode „adoptiven Planens“, in deren Verlauf eine von dem Majordomus Pippin organisierte Familienrevolte den Sieg davonträgt: Childerich III. wird entmannt und damit entmachtet.

Was soll das alles? Ist die ganze Geschichte, die sich als ein handfester Spaß liest, wirklich nur ein „Mordsblödsinn“, wie es im Epilog heißt? Natürlich nicht.

Es ist eine Satire, die sich gegen jede Systematisierung mit dem Anspruch der Totalität richtet. Bei jeglichem System, so meint Doderer, scheitert die Theorie eines Tages an der Praxis, das Leben rächt sich am abstrakten Prinzip, denn „nicht etwa denkensgemäß zu leben kann angestrebt werden ... Sondern lebensgemäß zu denken ist unsere Sache“. Das offenbart sich exemplarisch an dem unglücklichen Merowinger: Genau an dem Punkt, wo er sein familiäres Machtstreben nicht mehr auf die ihm natürliche extreme Potenz gründet, sondern das System verabsolutiert und durch Adoption vervollständigen will, beginnt die Katastrophe. So ist denn auch die Rache der Familienmitglieder die einzig adäquate: die Entmannung.

Es gibt außer Childerich III. noch mehr Systematiker in dieser Geschichte, zum Beispiel den Psychiater Dr. Horn und den Schriftsteller Doctor Döblinger. Die therapeutischen Methoden des Professor Horn bestehen zuerst darin, daß er seine Wutkranken unter dem Dröhnen des Krönungsmarsches aus Meyerbeers Oper „Der Prophet“ Keramikfiguren von erlesener Häßlichkeit zerschmettern läßt. Allein der wissenschaftliche Systemzwang führt ihn über die Konstruktion des „Wuthäusleins nach Prof. Dr. Horn“ zu dem gigantischen Plan einer „Wutstrecke“, deren Absurdität die Hybris der Wissenschaft demonstriert.

Weit entfernt von solchen heilsamen Methoden sind die Praktiken des Doctor Döblinger. Man kennt diese Type schon aus den „Dämonen“, und Doderer spart keine Mittel, sie uns gründlich und für alle Zeiten unsympathisch zu machen. Wer es nicht schon vorher gemerkt haben sollte, den führt spätestens folgende Bemerkung über Döblinger auf die Spur: „Eine illustrierte Zeitung hat einmal von ihm ein Bild gebracht, mit einer Treppenanlage im Hintergrunde (die in einem seiner Bücher vorkommt), davor er steht, aufgeberstelt und ausgefressen, recht ordinär.“

Doctor Döblinger ist also der Autor der „Strudlhofstiege“, ist Doderer selbst. Und hier verfilzt sich die Angelegenheit. Denn es liegt nahe, die Ideen und Ideologien des Doctor Döblinger mit den wahren Absichten Doderers zu identifizieren — aber gleichzeitig macht Doderer dies unmöglich durch die aggressive Verachtung, mit der er diesen Döblinger im Roman behandelt. Döblinger ist sozusagen der Chefideologe unter den Systematikern; während die anderen entweder dumm oder dekadent sind, ist er sich seiner Situation voll bewußt. Er ist „Denker und Drescher“. Vielleicht wollte Doderer eigenen ideologischen Unsinn in seiner Romanfigur „bewältigen“?

Die Deutung fällt leichter, wenn man jene Figur hinzunimmt, die eine Ergänzung Döblingers und gleichfalls ein Selbstporträt des Dichters ist: Perlimbert der Indiskutable. Beide wollen der Lächerlichkeit entkommen, der heute nach Ansicht des Autors jedes ernsthafte Handeln preisgegeben ist: Döblinger, indem er sich durch Verprügeln zum Richter aufschwingt, Perlimbert dagegen, indem er sich jedweder Tätigkeit enthält.

Das Verhalten dieser Figuren läßt eine bedenkliche Folgerung zu: Man kann entweder konsequent nicht handeln, dann hört jeder Fortschritt des Geistes und des Lebens auf; oder man kann konsequent handeln, dann führt das zu einer suspekten Totalität, die mit dem Leben in Konflikt gerät. Kein Wunder, daß Doderer über diese Aporien nur in satirisch-parodistischer Form schreiben konnte. Dazu freilich setzte er alle Mittel seiner skurrilen Phantasie und seines beziehungsreichen Stils ein. Die scheinbare Gelassenheit, mit der er groteske und krause Ungeheuerlichkeiten beschreibt, läßt einem das Lachen im Halse ersticken. Damit ist Doderer — ärgerlich für alle, die ihm das Gegenteil vorwarfen — endgültig zum zeitgenössischen Autor geworden. Wenn der 99 Jahre alte und 60 cm große Clemens von Bartenbruch sich aufführt wie ein Berserker, dann strahlt selbst Oskar mit der Blechtrommel übers ganze Gesicht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1962
, Seite 501
Autor/inn/en:

Elisabeth Stengel: Jahrgang 1938, hat in Wien ihre germanistischen Studien mit einer Dissertation über Heimito von Doderer abgeschlossen. Nachdem sie im FORVM bereits mit kleineren Beiträgen vertreten war („Doctor Doderers Wuthäuslein“, Heft IX/108; „Ein Philosoph für die Dichter“, Heft X/114; „Mißbehagen am Mittelmaß“, Heft X/115-116), wird sie unserer Redaktion nunmehr als ständige Mitarbeiterin verbunden sein.

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