FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 232
Friedrich Geyrhofer

Ossi Wieners Putsch im Kaffeehaus

II. Teil von „Oswald Wiener“, NF März 1973

In der „verbesserung von mitteleuropa“ wird die technokratische Utopie kritisiert. Es ist ein Stück Gewissenserforschung, wenn Wiener dem Anarchismus vorwirft, daß er „durch das projektierte — zwar vorbehaltliche — zusammengehen mit der wissenschaft den tod in sich hatte“ (XXIX). Diese Verbindung der anarchistischen Politik mit einem technokratischen Programm, die übrigens auch innerhalb des Marxismus ihre Entsprechungen findet, soll aufgelöst werden. Nur aus dieser, oft gewaltsamen, Selbstkritik sind die extremen Schlußfolgerungen Wieners einigermaßen verständlich. Sie verdanken ihre Schlagkraft dem Rigorismus einer rücksichtslosen Selbstbezichtigung.

Wiener ist Politiker ebensogut wie Literat. Jene „allianz der intelligenz mit den asozialen“ gegen den Staat (CXLVI) scheint eine Reminiszenz viel älterer Versuche zu sein, von denen Rühm berichtet, sie hätten einen Putsch der Halbstarken unter Führung der avantgardistischen Literatur bezweckt: „wir verteilten bereits die ressorts unter uns.“ [1] Ein sonderbarer Anarchismus, dessen Pointe die Kabinettsbildung ist.

Die Pose des Verschwörers hat Wiener nie abgelegt. Unermüdlich hat er sich mit skurrilen politischen Projekten abgegeben, auch mit Parteigründungen (natürlich streng innerhalb der Clique), zuletzt als Kriegsminister einer Österreichischen „Exilregierung“ in Westberlin. Seine eigenen, anscheinend unbezwinglichen, parlamentarischen Ambitionen korrigiert das lakonische Statement: „verbessern ist nie das richtige, sondern abschaffen“ (LXX).

Mit dem Verzicht auf ihre technokratischen Elemente verliert Wieners Politik in der „verbesserung von mitteleuropa“ auch jeglichen Halt an realen Zusammenhängen. Ihren Mangel betrachtet sie überdies als Empfehlung. Eschatologie, nicht Utopie, wird propagiert: „die welt soll endlich aufhören! die letzten dinge sind ein knüller“ (LII). Aus dieser apokalyptischen Haltung resultiert der Mythos des „bio-adapters“. In den unheimlichen Zügen dieser philosophischen Sciencefiction drückt sich die ambivalente Stellung Wieners zur kybernetischen Technokratie am schärfsten aus. Seine Kritik der Technokratie ist nicht ohne Zweideutigkeiten; als gleichsam „immanente“ ist sie mit den Muttermalen ihrer technokratischen Herkunft behaftet.

Genuine politische Impulse, die mehr im Sinn hatten als die Neuverteilung des Bruttosozialprodukts, konnten sich im Österreich der Großen Koalition lediglich in geistigen Verzweiflungsakten realisieren. So erklärt sich Wieners wunderliche Vorliebe für Max Stirner. Die historische Lage der österreichischen Avantgarde in den fünfziger Jahren hat offensichtlich einige Ähnlichkeit mit dem politischen Kontext der Junghegelianer im preußischen Vormärz gehabt. In beiden Fällen die Position eines zurückgebliebenen, seine skandalösen Zustände mühselig konservierenden Kleinstaates an der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung.

„Innerhalb dieses servilen Milieus bestand ein kleiner, locker zusammenhängender Kreis von jungen Schriftstellern, der es wagte, ohne jede Rücksicht die Zeitideen zu verkündigen“, schreibt ein Historiker über die Hegelsche Linke. „Die realen Wünsche bestimmter Volksschichten hatten sich hier noch nicht genügend verdichtet, als daß sie deren politische Wortführer hätten werden können. So führten sie ohne Rückhalt bei der Einwohnerschaft ein Kaffeehausdasein, das sie um so eher einem extremen Subjektivismus entgegentrieb, als ihre besten Köpfe persönliche Veranlagung ohnehin dafür prädestinierte.“ [2] Berlin 1840, Wien 1955! Anstelle Hegels Wittgenstein. Aus Dialektik wird Sprachphilosophie.

Die materialistische Kritik Hegels könnte, rein formal, mit der Kehre vom Tractatus zu den Philosophischen Untersuchungen verglichen werden: Wittgenstein ist gewissermaßen sein eigener Feuerbach gewesen — sein Marx zu werden, ist zweifellos der Ehrgeiz Wieners. Was den Junghegelianern das Verhältnis zwischen Philosophie und Gesellschaft war, das wiederholt sich in den gewalttätigen Reflexionen Wieners als Verknüpfung der Sprache mit Politik: eine Kombination, die er wütend bekämpft. Theatralisch ruft er aus: „eure handlungen, unmündige, bedürfen der grundsätze, der motivierung, der leitenden idee; eure kriege sind diskussionen, sklaverei ist illustration von argumenten, keine tat ist euch erlaubt ohne beigefundene faselei, keine tatsache ohne teleologie; man hat euch für euren verstand den zweck gemacht, eure verdammte sprache hat richtlinien und die pflicht angewandt zu werden“ (XXIX).

Das ist, in pervertierter Gestalt, die Marxsche Kritik am Aberglauben der Junghegelianer, die Geschichte unter das Joch einer philosophischen Idee beugen zu können: Praxis auf Theorie zu reduzieren. Wiener, dem in seiner technokratischen Phase solche Illusionen keineswegs fremd geblieben sind, möchte mit der Desillusionierung der „Idee“ auch die Geschichte, mit der Diskreditierung der Sprache auch die Politik erledigt wissen. Insgeheim wird er von dem Wunsch angespornt, die Marxsche Kritik des Idealismus an Radikalität zu übertrumpfen und sie damit ad acta legen zu können.

Analog wollte auch Max Stirner mit seinem Egoismus des Einzigen den denkbar extremsten Standpunkt einnehmen, von dem aus alle anderen Kritiker Hegels als lahme Enten verhöhnt werden konnten. Wiener, durch Geistesgeschichte gewitzigt, bezieht die Irrealität dieser Position — wie sie von den Autoren der „Deutschen Ideologie“ Sankt Max vorgehalten wurde — vorsorglich in seinen narrensicheren Kalkül ein. Er diffamiert die marxistische Einheit von Theorie und Praxis, also die Überwindung der autarken Philosophie, selbst noch als Metaphysik: als sprachliche Manipulation.

Politik, am schlimmsten die revolutionäre, ist in Wieners Augen „idealistisch“, insofern sie sich der Propaganda, der Erklärungen, der Argumentation, überhaupt der sprachlichen Verständigung bedient. Sie versucht zu überzeugen, wo ausschließlich die pure Gewalttat, ohne irgendeine Rechtfertigung, am Platze wäre — „töten ohne applaus“ (LXII). Politik, die liberalen Illusionen beiseite, ist nichts als Mord, und die Theorie ihr jesuitischer Advokat. Wiener wünscht Taten ohne Worte. Er stellt jedes Gespräch unter Metaphysikverdacht.

In der „verbesserung von mitteleuropa“ wird die Kumulation sogenannt sinnloser Gewaltakte angekündigt, die zum journalistischen Alltag der siebziger Jahre gehört: „sabotage und terror sind ja nur verfehlt, solange sie den charakter von mitteln haben“ (CXLIV). Zum Mittel wird Gewalt jedoch lediglich innerhalb der Sprache degradiert, weil Zwecke allein sprachlich gesetzt werden können. Ein Opfer der spontanen Gewalt zu werden, heißt es im Roman, sei „vielleicht erstrebenswerter als eins des staats auf schlachtfeld oder guillotine“ (CXLVI). Erwägungen, denen sich heutzutage kein Zeitgenosse mehr verschließen kann.

Gewalt als Selbstzweck — ein klassischer Gedankengang des Anarchismus, von Wiener mit der neuesten Sprachphilosophie aufgefrischt. Mit Staat, Familie, Kirche, Eigentum soll auch die Sprache liquidiert werden. Wiener überträgt den anarchistischen Terror sogar in die Literatur: „die sprache wie einen fetzen zu bearbeiten“ (XLIII). Diese Sprachkritik ist eine Variante des Rousseauismus, sie spielt Natur gegen Kultur aus. Wiener erweist sich in einer hysterischen Vision als Adept des göttlichen Marquis: „und wie schön ist erst die welt, wenn jeder seine dreckschleuder dem spucken aufhebt; wenn da der feind steht, und ich muß ihn nicht beschreiben und nicht hassen, sondern töten oder anders getötet werden. und der feind will meine frau vögeln oder mein fleisch fressen oder einfach meine knochen brechen und nichts weiter, jedenfalls nicht einen eindruck machen“ (LXII).

„Der Anarchismus“, schreibt Lenin, „war nicht selten eine Art Strafe für die opportunistischen Sünden der Arbeiterbewegung. Beide Auswüchse ergänzten einander.“ [3] Wiener setzt den Bankrott des Marxismus voraus, er spottet leichtfertig seiner „begriffsgebäude“, „die doch, als tintenburgen, nur aus endlosen korridoren bestehen“ (CXXXVIII). Er will seinen Konkurrenzkampf gegen den Marxismus gewinnen, indem er die gesellschaftlichen Tatbestände aus einer tieferliegenden Basis als der ökonomischen erklärt: aus der Sprache. Sie, und nicht die Arbeitsteilung, sei die Ursache dafür, daß, wie es in der „Deutschen Ideologie“ heißt, „die eigene Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, anstatt daß er sie beherrscht.“ [4]

Am Problem der Verdinglichung reiben sich alle Denkakte der modernen Philosophie. Der Neopositivismus, dem Wiener seine intellektuelle Schulung verdankt, reduziert Gesellschaftskritik auf Erkenntnistheorie und kennt deshalb nur eine mystifizierte Form der Verdinglichung — das metaphysische Potential der Sprache. Die Begriffe, von ihrer empirischen Grundlage getrennt, hätten die fatale Tendenz, sich zu verselbständigen und als philosophische Gespenster das Bewußtsein zu äffen. Es liegt dann natürlich nahe, beispielsweise politische Mißstände als Folgen einer sprachverwirrenden Propaganda zu verstehen.

Verdinglichung als eine bloß sprachliche Fehlleistung — das gehört zur Urgeschichte des neuzeitlichen Denkens, wie es gegen die kirchlichen Restriktionen rebellierte. Thomas Hobbes wirft den Schulweisheiten der Scholastiker „insignificant speech“ vor, [5] und drei Jahrhunderte später behauptet Wittgenstein, die Metaphysik bestehe aus lauter Scheinsätzen. Obwohl sich Wiener davon abwendet, bleibt auch er dabei, daß Verdinglichung allein durch Sprachkritik aufzulösen sei.

Die Philosophen des Neopositivismus glaubten, die Sprache zum Realismus zwingen zu können, indem sie der „Objektsprache“, in der wir über die Welt sprechen, eine „Metasprache“ als Kontrolleur vor die Nase setzten. Die Metasprache, in der wir über die Sprache sprechen, dekretiert die Beziehungen zwischen Realität und Objektsprache; demnach sind Ausdrücke wie „Wahrheit“, „Falschheit“ oder „Widersprüchlichkeit“ metasprachlich, sie gelten Sätzen statt Sachverhalten.

Diese Unterscheidung zwischen zwei Sprachebenen, von der sich Wittgenstein bereits im Tractatus losgesagt hat, scheitert allerdings an der Notwendigkeit, daß eine jede Metasprache ihrerseits wieder eine andere, höhere Metasprache und damit in letzter Instanz ausgerechnet jene Alltagssprache voraussetzt, die durch den immensen Aufwand eigentlich diszipliniert werden sollte. So bleibt auch die Metasprache im „hermeneutischen Zirkel“ gefangen. Wiener macht die hübsche Bemerkung, die Konzeption der Metasprache — „ein taschenspielertrick“ (CLV) — erinnere an die Zeit, als der deutsche Adel französisch sprach.

Sprache ist ein Ärgernis, weil sie gegen die positivistische Vorschrift verstößt, daß aus Tatsachen keine Normen abgeleitet werden dürfen. Doch die Grammatik, eine empirisch konstatierbare Tatsache, ist auch normativ: „Sein“ und zugleich „Sollen“. Im Bereich der Sprache fallen Tatsachen- und Werturteile zusammen. Tatsachen können, der positivistischen Doktrin zufolge, auf keinen Fall falsch sein — dennoch werden Sätze, obwohl einwandfrei Tatsachen, als grammatisch falsch zurückgewiesen. Wenn eine Uhr „falsch“ geht, so gehorcht sie darum doch nicht weniger den Naturgesetzen, sagt Descartes; ein inkorrekter Satz aber widerspricht den Normen der Grammatik. Gäbe es freilich definitiv eine Metasprache, so ließen sich Tatsachen und Normen auch in der Linguistik fein säuberlich trennen.

An der Sprache scheitert also das positivistische Unterfangen, Wirklichkeit mit Natur im physikalischen Sinn gleichzusetzen: die Realität zu entsubjektivieren. Es öffnet sich der Blick auf einen dialektischen Begriff der Gesellschaft, der sie — in der Terminologie Hegels — als „Subjekt-Objekt“ beschreibt. Diese Konsequenz wird in Wittgensteins Alterswerk angedeutet. Wiener unterstellt den Philosophischen Untersuchungen, daß sie „auf eine interpretation der sprache als prototyp der politischen organisation hinausliefen“. [6] Er akzeptiert diese Interpretation, um sie der Sprache zum vehementen Vorwurf zu machen. In der „verbesserung von mitteleuropa“ heißt es: „sprache ist das geschöpf der politik, man kann sie nur da sinnreich gebrauchen, nur über politik sinnvoll sprechen“ (XXV).

Das Politische der Sprache sieht Wiener wohl darin, daß sie von Regeln geleitet wird. Wittgenstein vergleicht die Sprache mit Spielen, weil die Grammatik ebenso wie die Spiele durch Regeln — und nicht durch Naturgesetze — konstituiert wird. In der positivistischen Sprachlehre geibt es keine „Regeln“: Sprache läßt sich dort restlos auf Logik, das heißt den Satz der Identität, zurückführen; außer den analytischen (identischen) Ausdrücken der Logik werden von den Positivisten bloß Naturgesetze anerkannt. Regeln sind aber keine Naturgesetze. Diese können nicht verletzt werden, ohne daß sie ihre Geltung ganz oder teilweise verlieren (sie lösen sich in Luft auf). Regeln dagegen gelten gerade nur deswegen, weil sie übertreten werden können. Eine Regel, die nie verletzt wurde, wäre überflüssig. Erst das moralische Gesetz, klagt der Apostel, macht die Sünde möglich. Erst die Sünde, so muß man ergänzen, gibt dem Gesetz seine Existenzberechtigung: es bedarf des Verbrechers.

Wiener weiß natürlich, daß die anarchistische Ablehnung des Staats diesen fetischisiert. „du meine güte, glück aus den gesetzen — der gegnerschaft zu ihnen! diese denker sind so gut wie der staat den sie ablehnen“ (LIX). In der Sprache sucht Wiener den Ursprung des Juridischen, ihre Regeln sind das Ideal der Rechtsordnung. Zwischen Grammatik und Strafgesetz scheint fast kein Unterschied zu sein. „diese ganze tücke der gesellschaft in einem satz!“ (XXX). Unverkennbar die Parallele zu Hegels Kritik der Religion, zur Marxschen des Geldes. Die Sprachregeln sind für Wiener das Modell der Verdinglichung: obzwar die Sprache nur Menschenwerk ist, sind ihr die Menschen wie einer zweiten Natur unterworfen. „wäre es denn glaubhaft, daß ich nicht mit lust die regeln eitern sehe“ (LIII).

Als Ex-Positivist, der er nun einmal ist, kann Wiener der Sprache nicht verzeihen, daß sie autonom zwischen physikalischer Realität und logischem Kalkül steht. Er kritisiert den Neopositivismus, aber er weint ihm auch heimliche Tränen nach. Weil die gesellschaftliche Realität, anstatt sich als physikalische Objektivität definieren zu lassen, unweigerlich eine subjektive Synthesis des menschlichen Handelns, Arbeitens und Denkens ist, beschimpft er pauschal „die wirklichkeit als insinuation der sprache“ (CXXXVIII). Sein Haß, wie der Max Stirners, trifft nicht gesellschaftliche Institutionen, sondern die Gesellschaft schlechthin. Wieners Anarchismus verlegt das Operationsfeld vom Staat in die Linguistik: Kritik der Sprache, weil sie das wichtigste Medium der Sozialisation ist.

In der Sprachkritik der „verbesserung von mitteleuropa“ leben, trotz ihrer Paradoxa, latent gesellschaftskritische Motive. Wiener notiert: „das interesse an der sprache wurde erst nach 1850 öffentlich“ (LI). Ein Irrtum, denkt man an Hamann, Herder, Novalis, Humboldt. Dennoch richtig, weil Sprachkritik nach Wieners Gusto sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, mit der Verschärfung der Klassenkämpfe, ausgebreitet hat; Fritz Mauthner „war der erste, der in der Sprache den Feind erriet“. [7]

Die wachsende Skepsis gegenüber der Sprache steht in einem relevanten Zusammenhang mit der Krisis der „öffentlichen Meinung“ im Übergang vom liberalen zum imperialistischen Bürgertum. Das Konzept der öffentlichen Meinung, wie es während der Aufklärung geschaffen worden ist, wollte den — vom ökonomischen Unterbau prinzipiell getrennten — Staat allein durch freizügige Diskussion, durch unbehinderten Austausch von Meinungen regulieren und dadurch Autorität aufheben. Virtuell wird Gewalt durch die Sprache verdrängt. Auf diesem Optimismus beruht die klassische Literatur.

Mit dem Proletariat erscheint aber auf dem Welttheater eine Klasse, die sich keinesfalls in das liberale Kontinuum unabhängiger und daher offen diskutierender Eigentümer integrieren läßt; mit den Schutzzöllen, an denen sich die Interessen von Produzenten und Konsumenten scheiden, organisiert sich die Bourgeoisie in rivalisierenden Fraktionen. Der Staat legt den Anschein von Autarkie ab, die Bürokratie verbrüdert sich mit den Interessensverbänden.

„was ist das für ein jämmerlicher trick, die trennung von staat und kirche, wirtschaftlichen interessen und regierungsform“, beschwert sich Wiener (LIII), „solange die gläubigen und die arbeiter wählen.“ Der gleiche verbitterte Liberalismus, wenn in der „verbesserung von mitteleuropa“ die vierte Republik in Frankreich — vor de Gaulle, dem Wiener ein paar kuriose Anmerkungen widmet — als die optimale Form der Demokratie gelobt wird.

Mit der Genesis des Monopolkapitalismus hört „Meinung“ auf, ein desinteressierter Diskussionsbeitrag zu sein; die öffentliche Rede wird von den Interessen der Organisationen gelenkt. Gedanken sind nicht länger zollfrei; die Meinungsfreiheit, diese bürgerliche Errungenschaft, verliert, auch wo sie juristisch geschützt bleibt, ihre soziale Grundlage. Das Bürgertum übt sich in genau den Kabalen, deren es in seiner revolutionären Zeit die Hofleute und Diplomaten bezichtigt hat (de Sade, Schiller). Die Anarchisten preisen die ehrliche Bluttat — Gewalt, weil sie nicht lügt, verdrängt die durch Lügen entstellte Sprache. Dieser Pessimismus spricht aus der avantgardistischen Literatur.

Am klarsten hat sich diese Kausalität im Lebenswerk von Karl Kraus ausgeprägt, das vom Wirtschaftsteil der Zeitungen nicht weniger als durch deren Gerichtssaalreportagen herausgefordert worden ist. Der Journalismus wird mit dem Zerfall der öffentlichen Meinung in pressure-groups hoffnungslos korrumpiert. Die Kommerzialisierung der Sprache, ihr Warencharakter, schafft sich das Klischee, die industrielle Sprachschablone.

„Ich habe die Überzeugung, daß die Ereignisse sich gar nicht mehr ereignen, sondern daß die Klischees selbsttätig fortarbeiten“, schreibt Kraus, und es liest sich wie das Programm der Wiener Gruppe. „Die Sache ist von der Sprache angefault. Die Zeit stinkt schon von der Phrase.“ [8] Daraus wird in der „verbesserung von mitteleuropa“ ein philosophischer Roman gemacht. Daß Wiener der einzige legitime Schüler des großen Mannes ist, hat er in seiner mit allen Finessen der Rhetorik geführten Anklage gegen einen Literaturkaufmann bewiesen. [9] Die Nichtigkeit des Anlasses wird, wie beim Vorbild, aufs schönste vom Furioso der Sprache ergänzt.

Bekanntlich hat sich Kraus vorm Kauderwelsch der Presse ins unversehrte Dichterwort gerettet. Mit dieser schöngeistigen Idolatrie räumt Wiener auf. „goethe ... ich kann keine zwei zeilen von ihm lesen ohne zu gähnen“ (LXXXVIII). Ein politischer Satz, er impliziert die Absage an die gesellschaftlich abgesicherte Literatur, wie sie sich in der Personalunion des Dichterfürsten mit dem fürstlichen Beamten inkarniert hat. Sogar Kraus, im übrigen ein Kulturkonservativer, machte der Sprache gelegentlich schon ganz im Modus Wieners den Prozeß: „Wenn ich nicht weiterkomme, bin ich an die Sprachwand gestoßen. Dann ziehe ich mich mit blutigem Kopf zurück. Und möchte weiter.“ [10] Umgekehrt könnte Wieners Sentenz von Kraus stammen: „der stil, nicht das ziel formt die fraktion“ (LIII). Soviel ist richtig — die Zeitungen, besonders die österreichischen, vermitteln keine Informationen, sie erteilen Sprachregelungen. Kein Wunder, daß für Wiener Information und Sprachregelung dasselbe sind; er hat seine Linguistik den Massenmedien abgelauscht.

Wieners rauhe Sprachmanieren begehren gegen das entmännlichte Schriftdeutsch auf, das von den Repräsentationsbedürfnissen feudalisierender Bildungsbürger ins Leben gerufen wurde — „ein aufstand gegen die sprache ist ein aufstand gegen die gesellschaft. diese erhebung könnte mit einer ablehnung des guten tons beginnen“ (CXLIV). Sein Stilgebaren zeigt absichtsvolles „codeswitching“ zwischen dem Deutsch der Intellektuellen und dem der Rowdies, oft genug in ein und demselben Satz. Die Sprache des Alltags ist zwar nicht besser als die der Bücher, sie ist jedoch — und gerade das scheint Wiener an ihr zu schätzen — in den Büros, den Gemeindebauten und Werkhallen eine Waffe der Aggression, der wechselseitigen Demütigung. „die bitte um gehaltserhöhung vorbild der sprache“ (XVI).

Ihren Stolz setzt die intellektuelle Sprache darein, von der Subjektivität des Sprechenden zu abstrahieren; eine Norm, deren Verletzung ihre Gefahren hat. Denn die Einheit des Stils mit der Persönlichkeit ist abstoßend, reizvoll dagegen die kunstvolle Differenz zwischen beiden „die diskrepanz zwischen verpackung und inhalt“ (Rühm). [11]

Es bezeichnet die Grenzen des Schriftstellers Wiener, daß er unsicher zwischen diesen beiden Extremen der literarischen Methode schwankt. Er imitiert im Schreiben mit Genuß soziale (und asoziale) Rollen, er präsentiert sich im Fortgang seines Romans als Schläger, als unverschämter Kommis und zuletzt — in den „notizen zum konzept des bio-adapters“ — als ein äußerst autoritärer Ordinarius.

Wiener fordert die avantgardistische Literatur auf, zur Zerstörung der „Identifikationen“ beizutragen, [12] was sich letztlich vermutlich gegen Wittgensteins Verknüpfung von Sprachspielen mit Lebensformen richtet. Doch ist dieses Postulat gewiß nicht so originell, wie Wiener meint — Flaubert hat es ohne den sprachphilosophischen Aufwand geschafft. Es gibt aber keine treffendere Formel, um die Haltung des „literarischen cabarets“ zu beschreiben. Im ersten „cabaret“ 1958 hat Wiener einen — durchaus ernstgemeinten — philosophischen Text aus seiner Feder vorgetragen, während er gleichzeitig mit einer Hand eine Hantel so oft emporstemmte, bis ihm der Atem ausging; derart die harte Arbeit des Begriffs sinnfällig machend.

So wird das traditionelle Verfahren der Satire auf den Kopf gestellt — nicht das Negative, sondern das Positive wird verhöhnt, der eigene Gedanke durch seinen sprachlichen oder gestischen Ausdruck desavouiert. In den „folgen geistiger ausschweifung“ (einer wichtigen Vorstufe zu Wieners Roman) treten „konrad“ und „oswald“, die beiden Sprachphilosophen, als widerlich altkluge Kinder auf — „es genügt nicht, einem menschen zuzuhören; es ist wesentlich, die rolle des sprechenden zu durchschauen“. [13] Die witzigsten Effekte im „literarischen cabaret“ und vieler Chansons von Rühm und Bayer verdanken ihre Wirkung dieser Sensibilität den Sprachgebärden gegenüber. Auch Wiener zeigt sich von seiner besten Seite, wenn er in der „verbesserung von mitteleuropa“ sprachliche Attitüden entlarvt: die bombastische Terminologie des abendländischen Denkens in der „reportage vom fest der begriffe“ (einem, vielleicht unter Drogeneinfluß verfaßten, philosophischen Bacchanal), den gelackten Jargon der Computerspezialisten und ihre kybernetische Ideologie im „bio-adapter“.

[1Gerhard Rühm, Vorwort zu „Die Wiener Gruppe“, Hamburg 1967, p. 16.

[2Gustav Mayer, Radikalismus, Sozialismus und bürgerliche Demokratie, Frankfurt 1969, p. 53.

[3W. I. Lenin, Ausgewählte Werke, Moskau 1969, p. 574.

[4Karl Marx, Frühschriften (ed. S. Landshut), Stuttgart 1953, p. 361.

[5Thomas Hobbes, Leviathan (ed. C. B. Macpherson), London 1968, pp. 112 f.

[6Oswald Wiener, das literarische cabaret der wiener gruppe, in: Gerhard Rühm (Hrsg.), Die Wiener Gruppe, Hamburg 1967, p. 402.

[7Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 3. Auflage, Leipzig 1923, 1. Band, p. 335. (Der zitierte Satz bezieht sich im Original auf Hamann.)

[8Karl Kraus, Beim Wort genommen, Werke (ed. H. Fischer), 3. Band, München 1965, p. 229.

[9cf. Oswald Wiener contra Humbert Fink, Neues Forvm, März/April 1968, S. 239 f.

[10Karl Kraus, lit. cit., p. 326.

[11Gerhard Rühm, lit. cit., p. 14.

[12cf. Oswald Wiener, subjekt, semantik, abbildungsbeziehungen, ein promemoria, in: manuskripte, zeitschrift für literatur, Graz 1970, p. 50.

[13Konrad Bayer/Oswald Wiener, die folgen geistiger ausschweifung, vortrag für zwei personen, in: Rühm, Wiener Gruppe, p. 319.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1973
, Seite 56
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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