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Andrej Sinjawski

Kommunismus als Religion

Den nachfolgenden Aufsatz schrieb Andrej Sinjawski im Jahr 1959 für die französische Zeitschrift „Esprit“, die ihn anonym veröffentlichte. Heute liest man ihn über weite Strecken wie einen gespenstischen Hinweis auf seine nunmehr erfolgte Verurteilung zu sieben Jahren Zwangsarbeit. Tatsächlich war dieser Text ein wesentlicher Anlaß für das Urteil.

Was ist der sozialistische Realismus? Was bedeutet dieser bizarre Ausdruck, der einem in den Ohren weh tut? Kann man von einem sozialistischen, einem kapitalistischen, einem christlichen oder einem mohammedanischen Realismus sprechen? Entspricht diese irrationale Vorstellung irgendetwas Wirklichem? Vielleicht existiert sie überhaupt nicht. Vielleicht ist es nur die aus dem düsteren Grauen der stalinistischen Diktatur hervorgestiegene Vision eines angsterfüllten Intellektuellen? Handelt es sich vielleicht um die grobe Demagogie Schdanows oder eine senile Schrulle Gorkis? Ist es nur eine Fiktion, ein Mythos, ein Propagandatrick?

Im Westen scheint man sich diese Fragen recht häufig zu stellen; in Polen werden sie heftig diskutiert; man stößt auf sie auch in unseren Kreisen, wo sie die Rebellen, die der Häresie des Zweifels und der Kritik verfallen, beunruhigen.

Zur gleichen Zeit sind die Literatur, die Malerei, das Theater und der Film in der Sowjetunion übereifrig um den Nachweis ihrer Existenz bemüht. Man schätzt die Produktion des sozialistischen Realismus auf Milliarden von bedruckten Blättern, auf Kilometer von bemalter Leinwand, auf Jahrhunderte füllende Stunden von abgedrehten Filmstreifen. Tausende von Kritikern, Theoretikern und Pädagogen zerbrechen sich den Kopf und reden sich heiser, wenn es darum geht, den materialistischen Charakter und die dialektische Natur des sozialistischen Realismus zu begründen, zu erklären und verständlich zu machen. Und der Staatschef höchstpersönlich, der Erste Sekretär der KPdSU, stellt dringende ökonomische Fragen zurück, um gewichtige Worte über die ästhetischen Probleme der Nation zu verkünden. [1]

Die präziseste Definition des sozialistischen Realismus liefert das Statut des Verbandes sowjetischer Schriftsteller: „Der sozialistische Realismus ist die grundlegende Methode der sowjetischen Literatur und Literaturkritik; er verlangt vom Künstler eine wahre, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung. Außerdem muß er zur ideologischen Wandlung der Wirklichkeit und zur Erziehung der Arbeiter im Geist des Sozialismus beitragen.“ [2]

Diese unschuldige Formel stellt die Basis für das ganze Gebäude des sozialistischen Realismus dar. Sie definiert einerseits die Beziehung des Realismus der sozialistischen Ära zu dem der Vergangenheit, anderseits die Unterschiede zwischen beiden: beide streben zwar eine der Wirklichkeit entsprechende Darstellung an, der sozialistische Realismus bringt jedoch insofern ein neues Element in diese Darstellung, als er das Leben in seiner revolutionären Bewegung erfaßt und den Geist der Leser und Zuschauer auf Grund dieser Perspektive, d.h. im Geist des Sozialismus, zu formen vermag. Die alten Realisten, oder wie man sie heute oft nennt, die kritischen Realisten (weil sie die bürgerliche Gesellschaft kritisierten) — Balzac, Tolstoi, Tschechow usw. — gaben ein getreues Abbild der Wirklichkeit. Sie kannten jedoch nicht die geniale Marx’sche Lehre, sie konnten nicht die zukünftigen Siege des Sozialismus voraussehen und hatten auf keinen Fall irgendeine Vorstellung von den wirklichen und konkreten Wegen zur Erreichung dieser Ziele. Das war ihre Tragödie, ihre „historische Beschränktheit“.

Realistischer als alle Realismen

Der sozialistische Realismus hingegen verfügt über die Waffen der Marx’schen Doktrin; er schöpft aus einer reichen Erfahrung von Kämpfen und Siegen; die Kommunistische Partei, Freund und wachsamer Lehrer, ist die Quelle seiner Inspiration. Während er die gegenwärtige Wirklichkeit beschreibt, wird ihm zugleich der Gang der Geschichte bewußt, wirft er einen Blick in die Zukunft. Er allein sieht „die sichtbaren Anzeichen des Kommunismus“, die dem gewöhnlichen Auge entgehen. Somit stellt er einen eindeutigen Fortschritt gegenüber der Kunst der Vergangenheit dar und erreicht den höchsten Gipfel der künstlerischen Entwicklung der Menschheit, den realistischesten aller Realismen.

Das ist, kurzgefaßt, das allgemeine Schema unserer Kunst, erstaunlich simpel und zugleich elastisch genug, um Gorki, Majakowski, Fadejew, Aragon, Ehrenburg und hundert andere große und kleine sozialistische Realisten zu erfassen. Wir werden das allerdings nie verstehen, wenn wir an der Oberfläche dieser trockenen Formel bleiben und nicht versuchen, ihren tiefen, verborgenen Sinn zu erforschen.

Den Kern der Formel, die uns hier beschäftigt („wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung“), bildet die Vorstellung des Zieles, dieses allumfassenden Ideales, auf das hin die Wirklichkeit — deren wahrheitsgetreues Bild man reproduziert — sich in einer unausweichlichen revolutionären Bewegung entwickelt. Diese Bewegung zu erfassen und den Leser durch die Verwandlung seines Bewußtseins bei der Annäherung an das ideale Ziel zu unterstützen, ist der Sinn des sozialistischen Realismus, der heutzutage die Kunst ist, die sich am deutlichsten auf ein genau umrissenes Ziel hin orientiert.

Dieses Ziel ist der Kommunismus, in jungen Jahren auch unter der Bezeichnung Sozialismus bekannt. Der Dichter schreibt daher nicht nur Verse, er trägt durch seine Verse auch zum Aufbau des Kommunismus bei. Auf ebenso natürliche Weise arbeiten an der gleichen Aufgabe auch Bildhauer, Musiker, Agronomen, Ingenieure, Hilfsarbeiter, Polizisten, Rechtsanwälte, Maschinen, Theater, Kanonen und Zeitungen.

Wie unsere ganze Kultur und unser ganzes Regime ist auch unsere Kunst gänzlich teleologisch. Sie ist dem höchsten Ziel untergeordnet, das ihr ihren Adel verleiht. Wir leben alle nur, um die Ankunft des Kommunismus zu beschleunigen.

Die Tiere genießen nicht das Privileg solcher Fernziele. Sie leben einzig vom Instinkt her, der bei weitem alle unsere Träume und Berechnungen übersteigt. Tiere beißen, weil sie beißen und nicht in der Absicht zu beißen. Sie denken weder an morgen noch an den Reichtum noch an Gott. Sie leben, ohne sich irgendwelche komplizierte Probleme zu stellen. Der Mensch hingegen braucht unbedingt etwas, was er nicht hat.

Gott als letztes Ziel

Um einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden, stürzen wir uns in heftige Aktivitäten. Wir verwandeln die Welt nach unserem Ebenbild, wir machen aus der Natur eine Sache. Flüsse ohne Zweck werden zu Verkehrswegen, Bäume ohne Sinn zu Papier, bedruckt mit Direktiven.

Unser Denken ist um nichts weniger zielgerichtet. Der Mensch erkennt die Welt dadurch, daß er ihr seine eigene Finalität zuschreibt. Er fragt: „Warum ist die Sonne notwendig?“, und antwortet darauf: „Um Licht und Wärme zu spenden.“ Der Animismus der primitiven Völker ist der erste Versuch, um das sinnlose Chaos zu erklären, um das indifferente Universum in den Dienst des menschlichen Lebens zu stellen.

Die Wissenschaft hat uns bis heute noch nicht der Frage enthoben, die schon die Kinder stellen: „Warum?“ Durch alle Kausalitätsbeziehungen, die sie herstellt, läßt sich eine verborgene und verformte Finalität wahrnehmen. Statt zu sagen: „Der Affe ist dazu bestimmt, dem Menschen zu ähneln“, erklärt sie, daß der Mensch vom Affen abstammt.

Aber woher auch immer der Mensch stammt, sein Erscheinen und sein Schicksal sind untrennbar mit Gott verbunden. Er ist die höchste Zielvorstellung, die, wenn nicht unserem Verstand, so wenigstens unserem Wunsch nach Gewißheit seiner Existenz zugänglich ist. Er ist das Ziel alles dessen, was ist, und alles dessen, was nicht ist, und dieses Ziel ist unendlich und zweckfrei — er ist das Ziel an sich. Denn welchen Zweck sollte das höchste und letzte Ziel haben?

In der Geschichte gibt es Perioden, da die Gegenwart dieses letzten Zieles augenfällig ist — wenn die Suche nach Gott alle kleinlichen Leidenschaften überdeckt und wenn Er beginnt, die Menschheit offen an sich zu ziehen. So ist die christliche Kultur entstanden, die das letzte Ziel in seinem vielleicht unzugänglichsten Sinn erfaßt hat. Danach hat die Epoche des Individualismus die Freiheit der Person proklamiert — man begann sie wie das höchste aller Ziele anzubeten, mit der Renaissance, dem Humanismus, dem Übermenschen, der Demokratie, Robespierre und vielen anderen Gebeten. Heute sind wir in die Ära eines neuen Weltsystems eingetreten, in die Ära des Sozialismus.

Strahlendes Licht fließt von dieser Höhe. „Diese Welt, die wir uns erdenken, ist materieller und entspricht mehr den menschlichen Bedürfnissen als das christliche Paradies“, schrieb der sowjetische Schriftsteller Leonid Leonow über den Kommunismus.

Die Worte fehlen uns, um davon zu sprechen. Die Begeisterung verschlägt uns den Atem. Um den Glanz zu beschreiben, der auf uns wartet, finden wir nur negative Vergleiche. Hier in dieser kommunistischen Welt wird es weder Arme noch Reiche geben, weder Geld noch Kriege, weder Gefängnisse noch Grenzen. Es wird auch keine Krankheiten geben, ja vielleicht nicht einmal den Tod. Jeder wird essen und arbeiten, soviel er will, und die Arbeit wird statt Leid nur Freuden bringen. Wie Lenin es versprochen hat, werden wir unsere WCs aus purem Gold erzeugen ... Aber was sage ich?

Welche Farben und welche Worte könnten ausreichen,
um diese grandiosen Gipfel zu schildern?
Wo Henker zärtlich sind wie Mütter
und Dirnen keusch wie Jungfrauen ...

Der moderne Geist ist unfähig, Schöneres und Erhabeneres zu ersinnen als das kommunistische Ideal. Das Beste, was er tun kann, ist die Wiederbelebung der alten Ideale der christlichen Liebe und der Freiheit der Person. Zur Zeit ist er jedoch nicht imstande, ein neues Ziel anzubieten.

Der liberale westliche Individualist und der skeptische russische Intellektuelle befinden sich gegenüber dem Sozialismus in ungefähr derselben Situation wie die intelligenten und kultivierten römischen Patrizier gegenüber dem siegreichen Christentum. Sie empfanden den neuen Glauben an einen gekreuzigten Gott als barbarisch und naiv, sie machten sich lustig über die Narren, die das Kreuz, diese römische Guillotine, anbeteten, und sie fanden die Lehre von der Dreifaltigkeit, der unbefleckten Empfängnis, der Auferstehung etc. töricht. Aber sie waren nicht imstande, irgendwelche seriöse Argumente gegen das Ideal Christi als solches vorzubringen. Sie konnten gerade noch behaupten, die besten Elemente des christlichen Moralkodex seien von Platon übernommen worden (auch die Christen von heute versichern manchmal, daß die Kommunisten ihr edles Ideal dem Evangelium entliehen haben). Aber konnten sie erklären, daß ein Gott, der als Gott der Liebe begriffen wird, etwas Schlechtes, etwas höchst Ungeheuerliches sei? Können wir behaupten, daß das universelle Glück, das uns in einer kommunistischen Zukunft verheißen wird, ein Übel ist?

Wir können der verzaubernden Schönheit des Kommunismus nicht widerstehen. Die Zeit ist noch nicht reif, um ein neues Ziel zu erfinden, um uns von uns selbst zu befreien und uns auf den Weg zu den fernen Horizonten jenseits des Kommunismus zu begeben.

Was Marx in genialer Weise entdeckt hat, war die Tatsache, daß das Paradies auf Erden, von dem schon viele vor ihm träumten, das Ziel ist, das der Menschheit schicksalhaft vorherbestimmt ist. Der Kommunismus sprengt den Rahmen der moralischen Bemühungen isolierter Individuen (Wohin bist du entschwunden, Goldenes Zeitalter); er ist durch Marx in den Bereich der Weltgeschichte eingetreten, die eine bisher unbekannte Richtung eingeschlagen hat — sie wurde zur Geschichte des Weges der Menschheit zum Kommunismus.

Mit einem Schlag kam alles in die richtige Ordnung. Eine eherne Notwendigkeit, eine strenge Hierarchie lenkten den Gang der Jahrhunderte. Der Affe hat sich auf die Hinterbeine gestellt und seinen Triumphmarsch zum Kommunismus begonnen.

Die Welt der primitiven Stammesgemeinden war notwendig für die Entstehung der Sklaverei; die Sklaverei war notwendig für das Auftreten des Feudalismus; der Feudalismus war unerläßlich für die Ankunft des Kapitalismus; der Kapitalismus notwendige Vorbedingung für das Auftauchen des Kommunismus. Nun sind wir soweit. Das großartige Ziel ist erreicht, die Pyramide gekrönt, die Geschichte geht ihrer Vollendung entgegen.

Stalin entdeckt Satan

Ein wirklich religiöser Mensch setzt alles in Beziehung zu seiner Gottheit. Er ist unfähig, einen fremden Glauben zu verstehen. Der Glaube, den er in sein höchstes Ziel setzt, erfordert, daß er alle anderen Religionen verachtet. Denselben Fanatismus oder, wenn man will, dieselbe Grundsatztreue legt er auch gegenüber der Geschichte an den Tag. Ein Christ muß, zumindest wenn er konsequent ist, die ganze Welt vor Christi Geburt als Vorgeschichte betrachten. In den Augen der Monotheisten existieren die Heiden nur, um den Willen des einen Gottes zu bekunden und um zuletzt nach einer gewissen Vorbereitungszeit zum Glauben an einen einzigen Gott zu gelangen.

Ist es da weiter erstaunlich, daß in einer anderen religiösen Perspektive das antike Rom als unerläßlicher Meilenstein auf dem Weg zum Kommunismus angesehen wird, daß die Kreuzzüge nicht von innen her, vom Glaubenseifer des Christentums, sondern von der Entwicklung des Handels und des Gewerbes durch das überall vorhandene Spiel der Produktionskräfte erklärt werden, Produktionskräfte, die heute den Niedergang des Kapitalismus und den Triumph des sozialistischen Systems gewährleisten? Wirklicher Glaube ist mit Toleranz unvereinbar.

Ebenso unvereinbar ist er auch mit dem Historismus, d.h. mit der Toleranz gegenüber der Vergangenheit. Deshalb reduziert sich die Historizität des Denkens der Marxisten, auch wenn sie sich als Anhänger des historischen Materialismus bekennen, auf den Versuch, das Leben als eine Bewegung auf den Kommunismus hin zu sehen. Andere Tendenzen interessieren sie wenig. Ob sie recht haben oder nicht, ist eine umstrittene Frage. Unbestritten ist jedenfalls, daß ihr System in sich logisch ist. Wenn man jemanden im Westen fragt, warum die große Französische Revolution notwendig gewesen sei, wird man eine Reihe verschiedener Antworten erhalten. Stellt man dieselbe Frage irgendeinem sowjetischen Schüler, um nicht von den höher Gebildeten zu sprechen, wird jeder eine exakte und erschöpfende Antwort geben: die Französische Revolution war notwendig, um den Weg für den Kommunismus freizumachen und damit seine Ankunft zu beschleunigen.

Es ist lange her, daß die Menschen über eine so klare Erklärung der Welt verfügten — vielleicht muß man bis ins Mittelalter zurückgehen. Unser großes Privileg ist es, eine solche Erklärung wiedergefunden zu haben.

Die teleologische Natur des Marxismus geht vor allem aus den Artikeln, Exposés und Arbeiten seiner jüngsten Theoretiker hervor, die die Klarheit, die Strenge und den direkten Stil militärischer Befehle und wirtschaftlicher Verfügungen erreicht haben. Als Beispiel kann man das Urteil Stalins über die Bedeutung von Ideen und Theorien (im vierten Kapitel des kurzen Lehrganges der Geschichte der KPdSU) zitieren:

Verschiedene Arten allgemeiner Ideen und Theorien sind denkbar. Es gibt alte, überholte, die den Interessen der rückständigen gesellschaftlichen Kräfte dienen. Ihre Funktion ist es, die Entwicklung und den Fortschritt der Gesellschaft hintanzuhalten. Es gibt aber auch neue fortschrittliche Ideen und Theorien im Dienste der progressiven gesellschaftlichen Kräfte. Ihr Sinn ist es, die Entwicklung und den Fortschritt der Gesellschaft zu erleichtern ... [3]

Hier ist jedes Wort der Idee des letzten Zieles untergeordnet. Selbst das, was nicht zum Fortschreiten der Menschheit auf dieses Ziel hin beiträgt, hat einen Sinn: Hindernis einer Entwicklung zu sein (vermutlich hatte Satan einst eine ähnliche Funktion). „Die Idee“, „der Überbau“, „der Unterbau“, „das Naturgesetz“, „die Wirtschaft“, „die Produktionskräfte“, alle diese abstrakten, unpersönlichen Kategorien belebten sich plötzlich, nahmen konkrete Gestalt an, schienen Götter und Helden, Engel und Dämonen. Sie erzeugten ihre eigenen Ziele und aus den Zeilen philosophischer Traktate und wissenschaftlicher Handbücher klang es wie die Stimmen eines großen religiösen Mysteriums: „Der Überbau wird vom Unterbau erschaffen, um ihm zu dienen ...“ [4]

Die gesamte Geschichte des menschlichen Denkens bestand somit nur darin, das Auftreten des historischen Materialismus, d.h. des Marxismus, der Philosophie des Kommunismus, vorzubereiten. Nun steht er vor unseren Augen als das höchste und einzige Ziel der Schöpfung, schön wie das ewige Leben und zwingend wie der Tod. Und wir haben uns auf IHN gestürzt, wir haben alle Barrieren hinter uns gelassen und alles zurückgestoßen, was unseren entfesselten Lauf hätte aufhalten können. Ohne Bedauern haben wir uns vom Glauben an eine andere Welt befreit, von der Nächstenliebe, von der Freiheit der Person und anderen Vorurteilen, die ziemlich überholt und vor allem viel miserabler als das sich neu darbietende Ideal sind. Im Namen der neuen Religion haben tausende Märtyrer der Revolution ihr Leben gelassen und mit ihren Leiden, ihrem Mut und ihrer Heiligkeit die Heldentaten der ersten Christen in den Schatten gestellt:

Die fünfzackigen Sterne wurden mit glühenden Eisen von den Aristokraten in unsere Rücken gebrannt.
Sie haben uns alle lebend bis zum Hals eingegraben.
In den Heizkesseln der Lokomotiven haben uns die Japaner geröstet und uns den Mund mit Blei und Zinn gestopft.
Schwört ab! so schrien sie; aber aus ihren Kehlen voll Feuer drangen nur vier Worte: Es lebe der Kommunismus!

(Majakowski)

Nicht nur unser Leben, unser Blut, unseren Körper haben wir dem neuen Gott gegeben. Wir haben ihm unsere schneeweiße Seele geopfert und sie mit allem Schmutz der Welt befleckt.

Gut ist es, nett zu sein, Tee mit Marmeladebrot zu trinken, Blumen zu pflanzen, die Liebe, die Demut, die Gewaltlosigkeit und andere Philanthropien zu pflegen. Aber was haben sie gerettet, was haben sie an der Welt geändert, diese Greise und alten Jungfern, diese Egoisten aus Humanismus, die sich kleinweise ein ruhiges Gewissen verschafften und sich ihr sicheres Plätzchen in der anderen Welt reservierten?

Verdammnis der Erlöser

Wir dagegen haben nicht für unser eigenes Heil gesorgt, sondern für das der ganzen Menschheit. An Stelle sentimentaler Seufzer, persönlicher Vervollkommnung und karitativer Galadiners für die Hungrigen haben wir begonnen, die Welt nach dem besten Modell, das es je gab, umzuformen, nach dem strahlenden Ziel, das auf uns zukam.

Damit die Gefängnisse auf immer verschwinden, haben wir neue errichtet. Damit die Grenzen zwischen den Staaten fallen, haben wir uns mit einer Chinesischen Mauer umgeben. Damit die Arbeit in Hinkunft zur Erholung und zum Vergnügen werde, haben wir die Zwangsarbeit eingeführt. Damit nie wieder ein Tropfen Blut vergossen werde, haben wir getötet, getötet ohne Unterlaß.

Im Namen des höchsten Zieles mußten wir alles opfern, was wir auf Lager hatten, und zu denselben Mitteln greifen, die unsere Feinde verwendeten: die Allmacht Rußlands verkünden, Lügen in der „Prawda“ (zu deutsch „Wahrheit“) schreiben, einen Zaren auf den leeren Thron setzen, Offiziersepauletten und die Folter wiederum einführen ... Manchmal schien es, als fehle zum totalen Triumph des Kommunismus nur ein letztes Sühnopfer: der Verzicht auf den Kommunismus.

Herr! Herr! Verzeih uns unsere Sünden! Endlich ist es soweit, unsere Welt nach dem Ebenbild und Gleichnis Gottes ist erschaffen. Zwar ist das noch nicht der Kommunismus, aber wir sind ihm schon ganz nahe. Wir stehen auf, schwankend vor Erschöpfung, blicken mit blutunterlaufenen Augen um uns und sehen nicht das, was wir erhofften.

Was gibt es da zu lachen, Schufte? Was gibt es an unseren blut- und schmutzverschmierten Röcken, an unseren Uniformen mit euren lackierten Nägeln herumzufingern? Ihr sagt, daß das nicht der Kommunismus ist, daß wir uns von ihm entfernt haben, daß wir ihm ferner sind als zuvor! Und wo ist euer Reich Gottes? Zeigt es uns! Wo ist die freie Persönlichkeit des Übermenschen, die ihr uns versprochen habt?

Die Ergebnisse sind nie mit dem Ziel, das man sich anfangs stellt, identisch. Die Mittel und Mühen, die man zu seiner Erreichung aufwendet, verändern sein Aussehen, und das oft bis zur Unkenntlichkeit. Die Scheiterhaufen der Inquisition führten zur Festigung des Evangeliums, aber was ist davon geblieben? Und trotzdem bilden die Scheiterhaufen der Inquisition und das Evangelium, die Bartholomäusnacht und Bartholomäus selbst nur eine einzige große christliche Kultur.

Ja, wir leben im Kommunismus. Er ähnelt dem, was wir eigentlich suchten, nicht mehr als das Mittelalter Christus gleicht, oder der heutige Mensch im Westen dem freien Übermenschen, oder der Mensch Gott. Und trotz allem gibt es eine gewisse Ähnlichkeit, nicht?

Ja! Die Ähnlichkeit besteht darin, daß wir alle unsere Handlungen, alles unser Denken, alle unsere Absichten diesem einzigen Ziel unterordnen, einem Ziel, das vielleicht seit langem ein sinnleeres Wort geworden ist, auf uns aber weiterhin hypnotische Wirkung ausübt und uns vorwärtstreibt, ohne daß wir wissen, wohin. Selbstverständlich entgingen die Kunst, die Literatur nicht dem Schraubstock dieses Systems und ihrer Umwandlung in das „Räderwerk“ der großen Staatsmaschine, wie Lenin es voraussah. „Unsere Zeitschriften, seien sie nun wissenschaftlicher oder künstlerischer Natur, können nicht apolitisch sein ... Die Stärke der sowjetischen Literatur, der fortschrittlichsten Literatur der Welt, kommt daher, daß es sich bei ihr um eine Literatur handelt, in der es andere Interessen als die des Volkes, die des Staates weder gibt noch geben kann.“ [5]

Wenn man diese These aus einem Erlaß der KPdSU liest, muß man sich unbedingt vor Augen halten, daß unter Interessen des Volkes und Interessen des Staates — Interessen, die sich vom Standpunkt des Staates gänzlich decken — nichts anderes zu verstehen ist als der Kommunismus, der alles durchdringt und alles absorbiert: „Literatur und Kunst sind wesentliche Bestandteile im Kampf des ganzen Volkes für den Kommunismus ... Die höchste Funktion der Literatur und der Kunst ist es, das Volk für neue Siege bei der Errichtung des Kommunismus zu mobilisieren.“ [6]

Wenn uns westliche Schriftsteller vorwerfen, wir könnten nicht frei schaffen, frei reden usw., gehen sie von ihrem eigenen Glauben an die Freiheit der Person aus, die zwar die Grundlage ihrer eigenen Kultur, der kommunistischen Kultur jedoch wesensmäßig fremd ist. Ein überzeugter sowjetischer Schriftsteller, ein echter Marxist wird solche Vorwürfe nicht nur zurückweisen, er wird sie ganz einfach nicht verstehen. Welche Freiheit kann ein religiöser Mensch von seinem Gott fordern? Doch nur die Freiheit, ihn noch mehr zu verherrlichen!

Die Christen von heute, die mit der Übernahme des Individualismus, mit dessen freien Wahlen, dessen freier Konkurrenz, dessen freier Presse auf das geistige Fasten verzichtet haben, treiben manchmal Mißbrauch mit dem Ausdruck „Freiheit der Entscheidung“, die Christus uns angeblich gelassen hat. Das erweckt den Anschein einer illegalen Anleihe an das parlamentarische System, mit dem die Christen zwar gut gefahren sind, das aber trotzdem nichts mit dem Reich Gottes gemein hat, und sei es nur deswegen, weil man im Paradies weder Premierminister noch Präsidenten wählt. Auch wenn man zugibt, daß Gott unendlich großherzig ist, gibt Er uns dennoch nur eine Freiheit der Entscheidung: zu glauben oder nicht zu glauben, mit Ihm zu sein oder mit Satan, ins Paradies zu kommen oder in die Hölle. Ungefähr die gleichen Rechte bietet der Kommunismus: wer nicht glauben will, kann im Gefängnis bleiben — was in nichts ärger ist als die Hölle.

Aber für den, der glaubt, für einen sowjetischen Schriftsteller, der im Kommunismus das Ziel seiner eigenen Existenz und das der ganzen Menschheit sieht (und wenn er nicht so denkt, ist für ihn weder in unserer Literatur noch in unserer Gesellschaft Platz), kann ein solches Dilemma nicht bestehen. Für einen gläubigen Kommunisten, „für einen Künstler, der seinem Volk getreu dient“, wie N. S. Chruschtschew in einer seiner letzten Erklärungen zu Fragen der Kunst richtig bemerkte, „geht es nicht um die Frage, ob er in seinem Schaffen frei ist oder nicht. Diese Frage stellt sich überhaupt nicht: ein solcher Künstler weiß genau, wie er an die Erscheinungen der Wirklichkeit heranzugehen hat: er braucht sich weder zu konformieren noch sich selbst zu zwingen. Die Wirklichkeit getreu, entsprechend seinen kommunistischen Überzeugungen wiederzugeben, kommt einer Forderung seines Gewissens gleich; er bleibt seinem Standpunkt treu, er bestätigt und verteidigt ihn in seinem Werk.“

Mit der gleichen, freudigen Leichtigkeit akzeptiert dieser Künstler die Weisungen der Partei und der Regierung, die des Zentralkomitees und des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees. Wer, wenn nicht die Partei und ihr Chef, könnte besser wissen, welche Kunst wir brauchen? Wo uns doch die Partei getreu den Normen des Marxismus-Leninismus zum höchsten Ziel führt, wo doch die Partei in ständigem Kontakt mit diesem Gott lebt und arbeitet. In der Person der Partei und in der Person ihres Chefs haben wir daher den weisesten, den erfahrensten, den kompetentesten Führer in allen Fragen der Industrie, der Linguistik, der Musik, der Philosophie, der Malerei, der Biologie etc. ... In ihm haben wir zugleich unseren höchsten Armee- wie unseren obersten Staatschef und unseren Hohen Priester. An seinen Worten zu zweifeln, ist eine ebenso große Sünde wie der Zweifel am Willen des Schöpfers.

Dies sind die ästhetischen und psychologischen Begriffe, die man unbedingt kennen muß, wenn man in das Geheimnis des sozialistischen Realismus eindringen will.

[1Anspielung auf verschiedene Reden Chruschtschews an die sowjetischen Intellektuellen, die unter dem Titel „Für eine enge Verbindung von Kunst und Literatur mit dem Leben des Volkes“ in der Zeitschrift „Kommunist“, Nr. 12, 1957, veröffentlicht wurden.

[2Erster Bundeskongreß der sowjetischen Schriftsteller, 1934.

[3Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU, redigiert von der Kommission des Zentralkomitees, approbiert vom Zentralkomitee der KPdSU, 1938, Seite 111. — Lange Zeit hindurch, solange der bemerkenswerte Verfasser selbst lebte, war diese Geschichte das Lieblingsbuch jedes Sowjetbürgers. Die gesamte des Lesens und Schreibens mächtige Bevölkerung wurde aufgefordert, sie immer wieder zu studieren, insbesondere das vierte Kapitel, das die Quintessenz des marxistischen Glaubens enthält und von Stalin persönlich verfaßt wurde. Zum Beweis, welch universellen Wert man diesem Kapitel zuschrieb, zitiere ich eine Episode aus dem Roman „Die Landstraße“ von V. Ilienkow: „Vater Degtiariew brachte ein kleines Buch und sagte: ‚Hier, im Kapitel IV, ist alles gesagt.‘ Vicenti Iwanowitsch nahm das Werk und dachte: ‚Es gibt auf der ganzen Welt kein Buch, das alles, was dem Menschen nottut, enthält.‘ Aber bald wird sich Vicenti Iwanowitsch, Typ des skeptischen Intellektuellen, bewußt, daß er unrecht hatte, und er pflichtet Degtiariew und damit allen fortschrittlichen Menschen bei: ‚In diesem Buch steht alles, was der Mensch braucht‘.“

[4J. Stalin über Marxismus und nationale Frage.

[5Dekret des Zentralkomitees der KPdSU über die Zeitschriften „Zwjesda“ und „Leningrad“ vom 14. August 1946.

[6Vgl. Fußnote 1.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1966
, Seite 187
Autor/inn/en:

Andrej Sinjawski:

Foto: Von Rob Mieremet / Anefo - Derived from Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38599031

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