FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 164-165
Paul Kruntorad

Der synthetische Kritiker

Heimito von Doderers vollendet ironischer Aufsatz über „das Mark der Kritik“ reizt zum Widerspruch, und die Lust daran wird lediglich durch die Einsicht gedämpft, daß er zu fest in beiden „Hemi-Sphären“ der Sprache, der „gestaltenden, darstellungsweisen“ und der „gedanklichen, zerlegungsweisen“ ruht, als daß man ihn so leicht aus den Angeln heben könnte. Vielleicht lohnt jedoch ein Versuch, und am Ende ergibt sich das synthetische Bild eines Kritikers — wie man ihn Heimito von Doderer wünschen würde.

Mißverständnisse nicht auschließend, stellt sich Doderers Kritiker, auf dem „höchsten Rang in der Literatur“, folgendermaßen dar: sein sind die „wirklichen Probleme“, denn in der „Kunst gibt es bloß technische“. Er muß, „im Besitz nur der einen, der zerlegungweisen sprachlichen Hemisphäre“, die „ganze Sphäre der Sprache‘‘ umfassen. Seine wichtigste Aufgabe ist die „Charakterisierung“. Er will „immer neu die mäanderartig geschlängelte, vorspringende und zurückweichende Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst befestigen“, vor allem aber will er, „daß Kunst sei“. Einmal die „Schönheit“ preisen zu können, „macht das Glück des Kritikers aus und seine höchste Bewährung und Bestätigung“. Kritiker und Künstler, Kunst und Nicht-Kunst, Sprache der Literatur und Sprache der übrigen Künste, zerlegungsweise und gestaltende Hemi-Sphäre der Sprache stehen einander gegenüber. Die Gegensätze dieser Begriffspaare dienen dazu, Gebiete sauber zu umgrenzen, und in der Synthese soll sich die wahre Aufgabe des Kritikers offenbaren. Zu Anfang auf dem obersten Rang der Literatur, ist zu Ende des Aufsatzes seine Erfüllung, von Gnaden der Kunst ihre Schönheit preisen zu dürfen.

Stimmt aber diese scheinbare Dialektik? Die Sprache der Literatur, möchte man meinen, erfüllt ihre Aufgaben der Kommunikation nicht auf zwei grundsätzlich verschiedene Arten, sondern nur auf verschiedenen Ebenen, und unterscheidet sich darin keineswegs von anderen Sprachen der Kunst. Sie bringt Sachverhalte rationaler und emotionaler Art nicht nur mit Bedeutungen und grammatikalischen Zusammenhängen, sondern auch mit Rhythmus und Klangfarbe zum Ausdruck. Wie jeder andere Mensch unternimmt auch der Dichter „die lebenswichtige Anstrengung, hereinkommende sensorische Information entweder mit einer bekannten Konfiguration oder Regel zu interpretieren, oder mit einer neuen Konfiguration, die man als neue Regel zu lernen versuchen kann“ (Raymond Williams). Diese Anstrengung ist wohl beim Künstler von besonderer Intensität, aber der schöpferische Akt ist bereits die Bemühung, die Welt zu verstehen, zu beschreiben und mitzuteilen. Dem Künstler bleibt die Analyse nicht erspart, wenn er an die Darstellung seiner Welt gehen will, und dem Kritiker nicht die Darstellung, wenn er die Ergebnisse seiner Analyse mitteilen will. Soweit sein Objekt die Kunst ist, hat seine Mitteilung nicht den Sinn, die Schönheit der erlebten Kunst zu preisen, denn auf dieses Erlebnis kann er nur hinweisen, mit einer einfachen Feststellung, sondern seine Mitteilung soll zur Erklärung der Bedeutungszusammenhänge des gegenständlichen Kunstwerks beitragen. Das Kunstwerk selbst kann entweder in einer überlieferten Formel die Welt beschreiben, oder für die Welt und ihre Beschreibung eine neue, originelle Formel verwenden. Wenn man die Gesellschaft als eine Gemeinschaft von Einzelmenschen begreift, die darauf angewiesen sind, ihre Erlebnisse der Welt einander ständig mitzuteilen, ihre Erfahrungen auszutauschen, dann unterscheidet sich eine Art der Kommunikation nicht wesentlich von der anderen. Die Kunst außerhalb der täglichen gemeinsamen Anstrengungen der Kommunikation zu stellen, Kunst und Nicht-Kunst zu trennen, heißt, die Gemeinsamkeit der Kommunikationsanstrengung verkennen.

So wird sich der Kritiker, der Heimito von Doderer zu wünschen ist, hoffentlich nicht grundlegend vom Künstler und von den übrigen Menschen unterscheiden. Er wird es zwar nicht dem Künstler gleichtun wollen und in seiner Kritik die größtmögliche Totalität anstreben, aber er wird sich für das Kunstwerk jeweils eine Sprache suchen, mit der er das „betrachtete Kunstwerk so vollständig wie nur möglich bedecken“ kann (Roland Barthes). Das kann eine von vielen Sprachen sein, auch die Sprache der Mathematik, wenn er in ihr Neues über die Struktur des Kunstwerks sagen kann. Und im optimalen Fall wird seine Kritik helfen, daß andere Menschen, die sogenannten Leser, an dem Kunstwerk das Neue des Mitteilungsversuchs, das von der alten Formel Abweichende, erkennen und auch verstehen lernen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1967
, Seite 624
Autor/inn/en:

Paul Kruntorad: 1935 in Böhmisch-Budweis geboren, gab 1957/58 gemeinsam mit Humbert Fink „Die österreichischen Blätter“ heraus und ist seit 1959 alleiniger Harausgeber der „Hefte für Literatur und Kritik“.

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