FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1961 » No. 87
Ignazio Silone

Tolstoi in den Abruzzen

Ich war damals noch Student am Gymnasium, aber in den Ferien hielt ich mich häufig im Quartier der „Landarbeiter-Liga“ [1] auf, die seit ein paar Jahren auch in unserem Dorf bestand. Die Liga war in einem Jahr der Dürre und des Hungers gegründet worden, und schon nach wenigen Stunden hatten sich ihr an die tausend arme Landarbeiter und Pächter angeschlossen, zumeist analphabetische „cafoni“. [2] Unsere Gemeinde zählte damals vor dem Erdbeben rund 8.000 Einwohner. Da nun aber die meisten Liga-Mitglieder Analphabeten waren, konnte man die Versammlungen nicht einfach durch Maueranschläge einberufen. Man kündigte sie durch einen Trompetenstoß an, und eine Stunde nach dem Signal pflegten sie zu beginnen — eine praktische Methode, die Zeit und Geld ersparte. Einen Nachteil hatte sie dennoch: auf Maueranschlägen hätte man zugleich mit Ort und Zeit der Versammlung auch deren Zweck kundtun können; mit der Trompete war das nicht möglich. So oft nun das Trompetensignal ertönte (das geschah stets am Abend, wenn die Cafoni von den Feldern heimkehrten), verbreitete sich im Dorf ein Gefühl unbestimmter Besorgnis, das sich in den Familien der Grundbesitzer aus begreiflichen Gründen zur Angst, oft sogar zum Schrecken steigerte.

Der Amitssitz der Liga befand sich mitten im Dorf. Er war ein großer, schmuckloser Raum, die Mauern waren unverputzt, der Boden aus gestampfter Erde, voll Staub im Sommer, voll Schlamm im Winter. An der Wand gegenüber dem Eingang hingen drei Bilder. Das eine, in Rot gehalten, zeigte den löwenmähnigen Kopf von Karl Marx. Das zweite zeigte Christus — in einem langen, hemdartigen, roten Gewand — während der Bergpredigt vor einer Menge ärmlicher Menschen („Selig, die dürsten und hungern nach Gerechtigkeit!“ stand zu Füßen des Bildes). Das dritte war eine Allegorie; es stellte eine halbnackte Frau dar, die mit einer Fackel die Finsternis verscheuchte, und in der Finsternis ganze Schwärme von Fledermäusen. „Das ist das Sinnbild der Bildung“, erklärte mir einer der Männer. Das Bildungs-Motiv wiederholte sich in einem Transparent; quer über die gegenüberliegende Wand war ein langer Papierstreifen geklebt mit der Aufschrift „Wissen ist Macht!“ und der Unterschrift Wilhelm Liebknechts. Die sozialistische Agitation und der Kampf gegen den Analphabetismus gingen damals Hand in Hand — sie waren die beiden Gesichter des Fortschritts. Keiner hegte auch nur den leisesten Verdacht, daß das Alphabet je zu etwas anderem als zum Dienst an der Wahrheit benützt werden könnte.

Obschon sich mein Herumtun in der Liga auf die paar Ferienmonate beschränkte, fiel es unangenehm auf. Die meisten meiner Bekannten sahen darin einen Skandal, zumal da ich noch studierte und obendrein einer Familie angehörte, die zwar nicht reich war, aber gesellschaftlich doch um eine Stufe über dem armen Landvolk stand. [3] Doch konnte ich in der Liga nicht sehr viel Großes leisten. Ich schrieb Briefe und Gesuche für die analphabetischen Cafoni, natürlich ohne dafür bezahlt zu werden. Das Elend, in dem diese Menschen lebten, läßt sich nicht beschreiben. Sie rackerten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und nährten sich fast ausschließlich von Gemüsesuppen und Maisbrot. Vielen erscheinen diese Jahre in der Erinnerung trotzdem als gut und glücklich, wohl des langen Friedens wegen.

Es kam ein schreckliches Jahr, in dem die gewohnte Ordnung der Dinge von einer Stunde zur andern zusammenbrach: am Morgen eines verschneiten Jännertages zerstörte ein Erdbeben in kurzen dreißig Sekunden die meisten Dörfer unseres Gebietes, und wenige Monate später sah sich Italien in den Ersten Weltkrieg verstrickt. Die Männer, die das Erdbeben heil überstanden hatten, mußten zum Militär. In den Trümmern blieben wir zurück: Kinder, Greise, Frauen. Der alte Sekretär der Liga hatte, dickköpfig wie er war, in einer Holzbaracke eine neue Unterkunft eingerichtet. Die Baracke stand meistens leer. Von den drei Bildern, die den Versammlungsraum geschmückt hatten, war nur Karl Marx übriggeblieben. An einem Nagel unter dem Porträt des Löwenmähnigen hing unbenützt die Trompete, mit der die Versammlungen einberufen worden waren. Die von Esel- und Schweineställen umgebene Baracke öffnete sich zwar ein- oder zweimal in der Woche, aber zu den Versammlungen kamen nur ein paar alte Cafoni und der Sekretär, der auch die Schlüssel hütete.

Die Alten hatten recht eindeutige Ansichten über die wahre Ursache dieses Krieges und der Kriege überhaupt. Kriege, meinten sie, waren für die Regierungen ein Mittel, die stets wachsende Zahl des armen Landvolkes zu verringern. Zu diesem Zweck, und um das Vernichtungswerk der Waffen zu unterstützen, verbreiteten sie unter den armen Leuten gelegentlich auch ein wenig Cholera oder andere Epidemien. Freilich konnten die Regierungen kein Interesse daran haben, das Volk derer, welche die Erde ackerten, gänzlich auszurotten. Wer würde sonst die Felder bestellen und was sollten die Herren dann essen? Damit war auch hinlänglich erklärt, weshalb die Kriege stets von beschränkter Dauer waren.

Als ich eines Abends mit einem Stoß von Schulbüchern unter dem Arm an der Baracke vorbeikam und, wie üblich, durch die Türe grüßte, fragte einer der Alten:

„Warum versuchst du nicht, uns aus deinen gedruckten Papieren etwas vorzulesen?“

Der Gedanke an diese Vorlesung erregte mich. Warum war ich nicht selbst darauf gekommen? Erst als ich darüber nachdachte, was ich lesen sollte, erkannte ich, auf welch schwieriges Unterfangen ich mich eingelassen hatte. Was ich an Bildung besaß, war nichts als Schulbildung.

Ich erinnerte mich eines etwas sonderbaren Arztes, der im Nachbarort San Benedetto seine Kunst ausübte. Er galt als Anarchist, führte ein armseliges Leben und wurde deswegen von den wohlhabenden Familien mit Mißtrauen und Verachtung behandelt. „Ich habe ein paar gute Bücher, die ich dir leihen könnte“, hatte er einmal zu mir gesagt. Am nächsten Tag gab ich vor, einige im gleichen Ort wohnende Mitschüler besuchen zu wollen, und lief schnurstracks zum Arzt, um von ihm Hilfe und Rat zu erbitten. Ich traf ihn in der Küche, wo er sich eine kleine Mahlzeit zubereitete, und legte ihm den Grund meines Besuchs dar. Er lächelte ernst und gedankenvoll. „Das wird nicht leicht für dich sein“, brummte er. „Das wird sogar verdammt schwer sein.“

„Ja“, bestätigte ich. „Es sind zwar einfache Menschen, aber dumm sind sie nicht.“

„An Erzählungen sind sie gewöhnt“, sagte der Arzt. „Eine erzählte Geschichte, die geradewegs auf ihr Ziel zusteuert, ist etwas Einfaches. Mit dem Geschriebenen verhält es sich anders.“

„Gibt es denn keine Bücher für einfache Leute?“ forschte ich.

„Komm“, sagte er und führte mich ins Nebenzimmer, das ihm offenbar als Ordinationsraum diente. Von Hygiene schien er nicht viel zu halten. Bücher, Medikamente, ärztliche Geräte und Kleidungsstücke lagen in wirrem Durcheinander umher, auch auf den Sesseln und auf dem Boden.

„Nimm das zum Anfang“, sagte er und reichte mir ein dünnes Buch, das schon auseinanderzufallen drohte. „Wenn der Versuch gelingt, kannst du wiederkommen und ich werde dir etwas anderes geben.“

Das dünne Bändchen enthielt einige Erzählungen von Tolstoi.

Ich machte mich auf den Rückweg. Da es ein sehr heißer Tag war, beschloß ich, mich im Schatten eines Baumes, der am Rand eines Ackers stand, ein wenig auszuruhen. Dabei konnte ich auch gleich mit meiner neuen Lektüre Bekanntschaft schließen. Ich begann zu lesen und las das Buch bis zur letzten Seite. Ich war aufgewühlt. Am meisten rührte mich die Geschichte Polikuschkas — das tragische Geschick jenes Knechtes, den alle auslachen und verachten, weil er zu Trunk und Dieberei neigt, und der beim Versuch, durch die Ausführung eines Vertrauensauftrags sein Ansehen wiederherzustellen, ein furchtbares Mißgeschick erleidet: er kann das Geld, das er seiner Herrin überbringen soll, nicht mehr finden, so daß er sich aus Verzweiflung erhängt.

Wie gut, wie mutig mußte der Schriftsteller sein, der das Leiden anderer Menschen mit so großer Ehrlichkeit schilderte! Warum gab man uns solche Bücher nicht in der Schule?

Als ich am Abend in die Baracke kam, wollten sich die Alten nicht mehr so recht auf unsere Vereinbarung besinnen. „Wir hatten das nur so gesagt“, erklärte mir einer: „Wir sind alt und wissen nichts. Wie sollten wir etwas Gedrucktes verstehen?“ sagte ein anderer.

„Es gibt Geschichten“, entgegnete ich beleidigt, „die eigens für euch geschrieben sind. Ihr müßt ein wenig Geduld haben. Hört mir zu!“

„Aber worum handelt es sich denn“ fragte einer. „Du wirst uns doch in ein paar Worten sagen können, was es für eine Geschichte ist.“

„Es ist die Geschichte eines Menschen, wie ihr es seid, nur ist er in Rußland zur Welt gekommen. Ich glaube, es wird euch interessieren, was ihm passiert ist.“

Sie entschlossen sich, mir zuzuhören. Aber ich hatte das Gefühl, als täten sie’s nur, um mich nicht zu kränken.

Am Anfang war meine Stimme noch unsicher. Ich quälte mich von Absatz zu Absatz. Dann und wann unterbrach ich die Vorlesung, um Begriffe und Ausdrücke zu erklären, die sich auf russische Sitten bezogen. Als ich die Episode der Rekruten mit eigenen Worten zusammenfaßte und die Augen vom Buch hob, sah ich meine Zuhörer reglos wie Statuen vor mir sitzen. Langweilten sie sich? Ich dachte nicht daran, aufzuhören. Im Gegenteil entdeckte ich in der Erzählung plötzlich Schönheiten, die mir beim ersten Lesen entgangen waren. Ich war gebannt. Und als ich Polikuschkas tragisches Ende vortrug, seinen Selbstmord und dann die Auffindung des verschwundenen Geldes, mußte ich alle Kraft aufbieten, um die Tränen zurückzuhalten.

Hatten meine Alten den Sinn des Gehörten erfaßt? Zwei schüttelten die Köpfe, schwer und langsam. Einer fluchte halblaut vor sich hin und blickte starr zu Boden. Es war nicht klar, worüber er fluchte. Keiner hatte etwas zu fragen oder zu sagen.

„Ich fürchte, es ist spät geworden“, murmelte ich, um sie aus ihrer Verlegenheit zu befreien. „Gute Nacht!“ Und schon war ich zur Türe draußen.

Ich wußte nicht, was ich über das alles denken sollte. Wahrscheinlich hatte ich beim Vorlesen versagt. Wahrscheinlich war die Geschichte trotz den Kürzungen zu lang geraten und hatte die Aufmerksamkeit der müden Männer nicht bis zum Ende fesseln können.

Ich saß zu Hause und holte meine Schulaufgaben nach, als draußen jemand nach mir fragte. Es war ein Landarbeiter — auch er Mitglied der Liga —, der aber der Vorlesung nicht beigewohnt hatte.

„Niemand hat mir etwas davon gesagt!“ protestierte er. „Auch viele von den anderen haben’s erst jetzt erfahren und sich beim Sekretär beschwert!“

„Es ist nicht meine Schuld“, rechtfertigte ich mich.

„Soviel ich höre“, sagte der „cafone“, „ist das Leben der armen Leute dort nicht leicht.“

„Nein, das ist es nicht.“

„Würde es dir etwas ausmachen, uns die Geschichte dieses russischen Bauern noch einmal vorzulesen?“

„Gerne“, sagte ich. „Mit Freuden. Wann immer ihr wollt!“

Auf diese Weise trat Polikuschka in das Leben unserer Liga ein. Und er leistete uns in der grausamen Kriegszeit lange Gesellschaft.

[1„Lega dei contadini“ heißt in wörtlicher Übersetzung „Bauernliga“. Silone stammt aus Pescina dei Marsi in den Abruzzen. Bauern in unserem Sinne gab und gibt es dort nicht. Der den Großagrariern gehörende Boden wurde von Landarbeitern und Pächtern bearbeitet, aus denen auch die Miitgliederschaft der „Bauernligen“ bestand.

[2Der Ausdruck „cafone“ läßt sich nicht ins Deutsche übersetzen. Silone verwendet ihn, seinem ursprünglichen Sinngehalt entsprechend, für die armen Landarbeiter und Pächter, die man auch heute noch vielfach auf den Latifundien Süditaliens findet. Im oberitalienischen und städtischen Sprachgebrauch ist „cafone“ zu einem Schimpfwort geworden, mit dem heute nicht so sehr die Angehörigen des Agrarproletariats, sondern meistens die ärmsten süditalienischen Zuwanderer bedacht werden.

[3Silones Vater war ein kleiner Grundbesitzer, seine Mutter Weberin. Durch das Erdbeben verlor er als Vierzehnjähriger die Eltern.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1961
, Seite 109
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Ignazio Silone:

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