FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 327/328
Friederike Mayröcker

Fast ein Messias

Über den Film „Zetteldämmerung“* (nach einem Zwiegespräch mit Ernst Jandl)

ein Film nicht von Ch. I. Hintze, sondern über ihn, seine Aktivitäten, nämlich das Zettelausteilen, von Alfred Kaiser gemacht /

auffallend für mich, dasz H. in Deutschland von jungen Leuten als ein Künstler empfangen wurde, der etwas sehr ungewöhnliches tut /

aufgefallen ist mir, dasz während des ganzen Films auf H. nicht als Dichter oder Künstler verwiesen wird sondern auf H. als Zettelverteiler, und zwar als einen Mann (und insofern kommt das jetzt wieder auf den Künstlerbegriff zurück), der Zettel verteilt die nicht von vornherein, und bei näherem Besehen: dieser Zettel dann keineswegs, den Eindruck machen, dasz er nun, wie das ja üblich ist, Zettel für eine politische Bewegung oder für ein kommerzielles Unternehmen verteilt, sondern dasz diese Zettel eben eine persönliche Message darstellen, ich glaube dasz auch während des Films darauf hingewiesen wird dasz es sich um einen Versuch handelt, Kommunikation herzustellen, Beziehungen zu Menschen, von dieser einen Person, H., aus, damit trifft er sich auch mit Künstlern, Schriftstellern, Dichtern, die das auf einem anderen Weg tun /

mir ist sogar aufgefallen, dasz er fast wie ein Messias von den jungen Leuten empfangen wurde, so wie wenn noch nie vorher eine Künstlerpersönlichkeit dieser Art aufgetreten wäre /

der Hinweis auf das messianische Element ist mir auf der Zunge gelegen, ich habe es mir aber versagt, denn ich weisz nicht ob es im Sinne von H. ist, nun hier als ein Messias gesehen zu werden, also Abgesandter einer göttlichen Macht, das ist sicherlich nicht im Sinne von H., sondern ich sehe es so, dasz er aus bestimmten Motiven heraus als ein sehr junger Mensch diesen Weg der Kommunikationsaufnahme mittels selbstverfaszter Texte gewählt hat, und es hat ja auch viele Jahre gedauert, ehe das etwas im traditionellen, konventionellen Sinn eingebracht hat, nämlich ein Buch und diesen Film, Dinge die nicht von vornherein in der Absicht der durch Jahre hindurch betriebenen Aktion gelegen sind, Aktion ist hier nicht ohne Beziehung zum Aktionismus gebraucht, es handelt sich natürlich um ein Agieren im Sinne des Aktionismus, das hier und in der BRD und auch auszerhalb des deutschsprachigen Rahmens, und meistens mit dem von ihm erwarteten Erfolg, durchgeführt wurde, ein völlig gleichmäsziges lineares und bewuszt sehr beschränktes Agieren, mit immer wieder neuem Material, das immer auf die gleiche Weise den Leuten gereicht wird, wobei man natürlich wieder sagen kann, das ist wie das Verteilen von Hostien, die sich die einen auf die Zunge legen lassen, und die andere in die Hand nehmen, und woran die dritten überhaupt nicht teilnehmen /

Friederike Mayröcker (links), Ernst Jandl (Mitte)

was ich an dem Film gutfinde, ist, dasz er nicht auf das Textmaterial eingeht, in dem Buch von H.** sind ja einige der Zetteltexte abgedruckt, sie sind also auf den Zetteln da - in dem Buch wird sogar darauf hingewiesen, dasz man die Zetteltexte anfordern kann — aber der Film unternimmt nichts, dieses auf Zetteln festgehaltene Material dem Betrachter des Films nahezubringen, und das wäre wohl auch eine eher abwegige Sache, vom Filmischen her gesehen, sondern es wird das auffallendste, das auszergewöhnlichste, das was auch im Filmbild am besten festhaltbar ist, gezeigt, nämlich dieser eine Mann, H., der hier Menschenströmen gegenübersteht, zu den verschiedensten Tageszeiten, in den verschiedensten Städten, unter den verschiedensten Voraussetzungen, der selber gar nicht diesen Blick, dieses Schielen nach hinten zeigt, wie nun die Damen und Herren, die die Zettel in die Hand genommen haben, reagieren /

vielleicht ist es ihm sogar gleichgültig, manchmal hätte man den Eindruck gewinnen können, es ist ihm eigentlich gleichgültig /

ich glaube dasz er weisz, es gibt Leute die die Zettel anschauen und solche die sie einstecken und später wegwerfen, und solche die sie gleich wegwerfen, und solche die sie lesen und dann zu ihm hingehen und mit ihm zu reden anfangen, und das sind für ihn wahrscheinlich die wichtigsten Leute, ich glaube dasz der Film diese Sache sehr eindringlich darstellt, und dasz er vor allem unternimmt, diesen Zettelverteiler in den verschiedensten Situationen und verschiedensten Städten in seiner Aktion zu zeigen / gewisse Skepsis habe ich von vornherein gehabt gegen den Titel des Films, denn es ist natürlich keine Zetteldämmerung, der Film könnte wahrscheinlich schlichter, und der Sache gerechter mit Zettelverteilung benannt werden, oder: der Zettelverteiler, denn es kommt ja zu keiner Zetteldämmerung, zu keiner Umwälzung im Sinne einer Götterdämmerung, an die natürlich gedacht werden musz bei der Wahl dieses eher hochtrabenden Titels, ich würde den Titel ändern /

der Film ist ebenso linear und gleichförmig wie die Tätigkeit selbst. mit Schauplatzwechsel, Wechsel der Orte, abgesehen von gewissen eingeblendeten Szenen die offenbar dann den Kontaktraum des Zettelverteilers selbst betreffen, das Beisammensein mit Freunden, vielleicht neugewonnenen, vielleicht durch diese Aktion gewonnenen, an verschiedenen Orten, aber die Gleichförmigkeit des Films entspricht durchaus der Aktion, und hier etwas dramatisieren zu wollen, würde der Sache selbst, dem Zettelverteilen, nicht entsprechen, soweit ich das sehe hat H.
es nie darauf angelegt gehabt, seine Singularität als Dichter unter Beweis zu stellen, sondern seine Singularität beruht in dieser Aktion des Zettelverteilens, und dies über viele Jahre hinweg, und so glaube ich, dasz der Film seinen Anliegen eher gerecht wird als eine Sammlung der auf den Zetteln enthaltenen Texte, etwa in Buchform, und sozusagen als literarische Produkte die mit dem Modus der Verteilung nichts mehr zu tun haben, die sich abgelöst haben, selbst in seinem Buch ist jeder einzelne Zetteltext als solcher schon gekennzeichnet, indem er auf einer gefärbten also grauen Fläche abgedruckt ist, und nicht blosz auf dem Weisz des Papiers /

er hat mir immer gesagt, dasz er nicht darauf aus ist, Bücher zu publizieren, es geht ihm nur um die Kommunikation, darum schon jahrelang dieses Zettelverteilen, man kann natürlich den Kontakt mit Menschen so und so herstellen, er hat es auf eine unmittelbare Weise getan, indem er auf die Maschinerie, Autor-Verleger, verzichtet hat also auf den Apparat, der zwischen Künstler und Leser ist, er drängt sich den Menschen ja nicht auf, er stellt auch von sich aus nicht unbedingt einen Kontakt her, wenn er jemand einen Zettel in die Hand gibt, liegt es dann an diesem, ob er reagiert oder nicht /

das bedeutet ja nicht, dasz sofort eine Antwort da ist, es ist weitgehend ein Verzicht auf das allgemeine Echo, denn derjenige der Bücher veröffentlicht, ist immer gerichtet auf ein fiktives allgemeines Echo, wobei das allgemeine Echo auch nur bedingt, und nicht unmittelbar, vernehmbar ist, Kritiken, Rezensionen, bzw. Verkaufszahlen, ich für meinen Teil möchte aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dasz ich mich nicht in die Rolle des Zettelverteilers hineindenken könnte, nachdem ich die auszerordentliche Lebendigkeit des Kontakts mit dem Publikum, dem ich meine Sachen vorlese und mit dem ich über meine Sache diskutiere, erfahren habe, die Frage ist, wo kommt die Sache hin, wo ist die Sache bereits hingelangt, eigentlich haben sich da genau die Medien eingeschaltet — Buch und Film — die H. von vornherein abgelehnt hat und von welchen er sich durch seine Zettelverteilungen fernhalten wollte /

ich schliesze aus der Tatsache, dasz es ein Buch und einen Film gibt über H., dasz er es nicht ablehnt, doch auch auf anderen Wegen zu einer Kommunikation mit den Mitmenschen zu gelangen — obwohl, das Zettelverteilen ist die Basis für alles weitere /

Kamera und Schnitt haben mir sehr gut gefallen, der Film ist äuszerst interessant, umso mehr als es hier gelungen ist, ein Thema das im Film schwierig zu lösen ist, eindrucksvoll zu behandeln

Plakat von Klaus Pitter

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1981
, Seite 46
Autor/inn/en:

Friederike Mayröcker:

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