FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 134
Claus Gatterer (Übersetzung) • Ignazio Silone

Begegnungen mit Musil

Der am 1. Mai 1900 in Pescina dei Marsi in den Abruzzen geborene Ignazio Silone hat im FORVM schon so lange nichts veröffentlicht (zuletzt „Vom Schrecken des Wohlfahrtsstaates“, Heft VIII/91-92, und „Tolstoi in den Abruzzen“, Heft VIII/87)‚ daß wir unseren neu hinzugekommenen Lesern schon wieder einige Informationen schuldig sind. Er war 1921 Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens, ging nach der Machtergreifung des Faschismus (Oktober 1922) ins Exil, brach 1930 mit dem Kommunismus und kehrte nach 1945 nach Italien zurück; zu diesem Zeitpunkt hat er die großen „Erfahrungen“, die für Andere erst Ungarn, der XX. Parteitag der KPdSU, die Entstalinisierung usw. sein werden, schon hinter sich, ebenso die diversen literarischen „Schulen“, die von den Daheimgebliebenen erst nachgeholt werden mußten.

Im Februar 1948 gründet er mit Ivan Matteo Lombardo und Aldo Garosci die „Unione dei Socialisti“, die später in der sozialdemokratischen Partei Saragats aufgeht. Nach seiner Abkehr von der aktiven Politik widmete er sich vor allem der Herausgabe von „Tempo Presente“ und seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Seit 1950 erschienen: „Der Samen unterm Schnee“, „Eine Handvoll Brombeeren“, „Brot und Wein“, „Das Geheimnis des Luca“, „Der Fuchs und die Kamelien“ und der autobiographisch wichtige Beitrag für „Ein Gott, der keiner war“.

1949 schrieb „Times Literary Supplement“ über Robert Musil: „Der bedeutendste Autor deutscher Sprache der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ist einer der am wenigsten bekannten Schriftsteller unserer Zeit.“ Gewiß, in Österreich und Deutschland hatte Musil schon in den Jahren zwischen 1921 und 1930 — wenn schon nicht beim Publikum, so doch bei der Kritik — beachtliche Anerkennungen gefunden, vor allem für das Schauspiel „Die Schwärmer“, die Komödie „Vinzenz oder Die Freundin bedeutender Männer“ und für die ersten beiden Bände des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“. Vergleicht man jedoch die umfangreiche posthume Berühmtheit, die nach dem Krieg um den Namen des österreichischen Schriftstellers entstand, mit dem Schweigen der früheren Jahre, dann muß man den „Times“ uneingeschränkt recht geben.

Ich begegnete Musil zum erstenmal im März 1939 in Zürich. Die Schweiz war damals vollgestopft mit Flüchtlingen aus Mitteleuropa und dem Balkan, die durch die rassischen und politischen Verfolgungen gezwungen worden waren, ihre Länder zu verlassen — gar nicht zu reden von den Italienern, die schon vor ihnen gekommen waren. Die Anwesenheit so vieler Emigranten bedeutete für die Wirtschaft und die Politik der Schweiz eine schwere Belastung. Doch gab es unter ihnen Dichter, Schriftsteller, Universitätsprofessoren, Musiker, Schauspieler und Regisseure, die das Kulturleben der Schweiz — vor allem die Verlage und das Theater — zu einer außergewöhnlichen Entfaltung führten. Das Zürcher Schauspielhaus galt in jenen Jahren mit gutem Recht als die beste Sprechbühne Europas, eben wegen der Anwesenheit der Emigranten Brecht und Gyula Hay unter den Dramaturgen, Therese Giese, Kaiser, Langhoff, Horwitz, Paryla und anderen unter den Schauspielern.

In Zürich traf Musil einige Leute wieder, die ihn von früher kannten und sehr schätzten. Zwei dieser alten Freunde bemühten sich auch, gleich nach Musils Ankunft unsere erste Begegnung zustande zu bringen, und zwar der Dramaturg Kurt Hirschfeld und der Schriftsteller Efraim Frisch, der über den „Mann ohne Eigenschaften“ in der „Frankfurter Zeitung“ eine fundamentale Kritik veröffentlicht hatte, die volles Verständnis offenbarte. Auf Frisch deutend, sagte Musil zu mir: „Er und seinesgleichen sind schuld daran, daß auch ich nun Emigrant bin.“

Musil gehörte in der Tat keiner der beiden Menschengruppen an, in die sich die Emigration teilte: Juden und Politiker. Nicht wenige vereinten in sich beide „Makel“, Musil aber war nicht nur kein Jude, er stand auch der Politik vollkommen indifferent gegenüber. Ich fragte ihn, weshalb er Wien überhaupt verlassen habe. „Aus einem sehr einfachen Grunde“, erwiderte er. „Meine Leser und Kritiker waren fast durchwegs Juden. In den letzten Jahren sind sie nach und nach alle abgereist. Hätte ich allein zurückbleiben sollen, und wozu?“

Für Hirschfeld und Frisch war diese Erklärung vollkommen einleuchtend. Sie erinnerte — wenn auch im Sinn ein wenig verschoben — an die Rechtfertigung Thomas Manns, der bekanntlich nach der nationalsozialistischen Machtergreifung zunächst gezögert hatte, Deutschland zu verlassen. Er hatte dem Sohn Klaus und anderen, die ihn deswegen gerügt hatten, geantwortet: „Ich habe in Deutschland meine Leser; es fällt mir schwer, mich von ihnen zu trennen.“ Dagegen hätte man freilich einwenden können, daß Thomas Mann, anders als Musil, längst schon Leser in allen Ländern der Welt hatte und daß er gewiß in keinem Lande zur Einsamkeit verurteilt gewesen wäre.

Der Geist der Bücher Musils machte die Verständigung viel schwerer. Einen Ausspruch Hegels paraphrasierend und wiederum auf Frisch deutend, sagte er in diesem Zusammenhang bei unserer ersten Begegnung: „Er ist der einzige, der mich verstanden hat.“ Nach einigem Zögern fügte er hinzu: „Aber auch er hat mich nicht verstanden.“ Und flüsternd, als spräche er zu sich, schloß er: „Leider verstehe ich mich ja selber nicht.“

An der Seite des schüchternen, äußerlich heruntergekommenen, beinahe zerbrechlichen Efraim Frisch bewies Musil absolute Selbstkontrolle: in Haltung und persönlicher Akkuratesse war er der ehemalige österreichische Offizier. Seine Einstellung zur Politik zu präzisieren, war wahrhaftig schwer: 1935 hatte er mit Gide, Malraux, Aragon, Wells, Salvemini und anderen an einem von den Kommunisten angeregten internationalen Schriftstellerkongreß in Paris teilgenommen. Seine Rede war uninteressant und wurde nicht beachtet. Er war weder für Kongresse noch für das Leben in der Öffentlichkeit geschaffen. Später baute er in seinen Roman die Karikatur des „großen Schriftstellers“ ein, der im literarischen Leben als Geschäftsmann agiert und in der Öffentlichkeit als Idealist auftritt; diese Karikatur zeigt die ganze Verachtung, die er für politisierende Literaten empfand.

In einem Essay von Bruno Fürst las ich, Musil sei zur politischen Parteinahme unfähig gewesen, da er in jeder Partei etwas Richtiges gesehen habe; er habe sich der Demokratie beinahe ebensosehr widersetzt wie dem Faschismus, überzeugt, daß man die Kultur nicht nur gegen ihre Feinde verteidigen, sondern auch vor ihren Freunden beschützen müsse. Diese Gedanken sind Fürst wahrscheinlich von Musil selber anvertraut worden; ich muß aber betonen, daß er sich bei anderen Gelegenheiten und gegenüber anderen Gesprächspartnern — zumindest hinsichtlich des Nationalsozialismus — weniger verwirrt und weniger unsicher äußerte. Solche Urteile gab er stets nur in privaten Gesprächen von sich. Er schrieb und unterschrieb nichts, was als öffentliche Parteinahme hätte gedeutet werden können, doch tat er dies gewiß nicht aus Opportunismus. Er redete nicht gern über Politik, das ist wahr, denn Politik interessierte ihn nicht. Ich glaube auch, daß er sehr wenig davon verstand. Nie begriff er die tiefen politischen Ursachen des Irredentismus, der die Katastrophe der feudalen Strukturen des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs ausgelöst hatte, er erfaßte auch die Bedeutung der Klassenkämpfe unserer Zeit nicht.

Bei Beginn des Krieges kamen ich und andere häufiger mit ihm zusammen. Wir sprachen von nichts anderem als dem Krieg, Musil aber blieb völlig ungerührt, auch bei den entsetzlichen Berichten, die von der polnischen Front einlangten. Er fühlte schließlich unser Erstaunen über sein Verhalten und meinte, es uns erklären zu müssen. „Es ist die Sintflut“, sagte er schlicht, „gegen die Sintflut ist man machtlos.“ Für sich hatte er eine Arche gegen diese Sintflut gebaut: die ununterbrochene Arbeit an seinem Roman.

Die Apokalypse erschütterte seinen Gleichmut nicht, Einzelschicksale konnten ihn hin und wieder zutiefst beeindrucken und nicht selten sogar rühren. Einmal fragte er mich, ob ich mich erinnerte, gelesen zu haben, daß sich ein deutsches Dienstmädchen aus Schmerz über den Reichstagsbrand umgebracht hatte. Er habe, sagte er, über diesen Vorfall viel nachgedacht und keine Erklärung dafür gefunden. Von den Tausenden Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Reichstag zu tun gehabt hatten, hatte sich keiner umgebracht — warum gerade das Dienstmädchen? Welches Symbol, welchen Mythos konnte der Reichstag für das arme Ding darstellen? (Nach dem 25. Juli 1943 zwang mich ein Ereignis, über Musils Fragen zum Selbstmord des Dienstmädchens wieder nachzudenken: in jener Schweizer Ortschaft, in welcher die Polizei mich interniert hatte, gab es einige faschistische Funktionäre und Techniker; sie nahmen die Nachricht über den Sturz Mussolinis mit einer gewissen Gleichgültigkeit auf; nur ein armer italienischer Gemüsehändler war derart verzweifelt, daß er sich das Leben nahm.)

In den drei Jahren vor seinem Tod, die Musil in der Schweiz verbrachte, litt er unter Schwierigkeiten aller Art, vor allem unter wirtschaftlichen und bürokratischen. Es sind hierüber jedoch einige übertriebene Darstellungen veröffentlicht worden, die ich wenigstens abschwächen möchte.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Inflation Musil wirtschaftlich ruiniert; er war nie imstande gewesen, von dem zu leben, was ihm die schriftstellerische Arbeit einbrachte. Vor der Machtergreifung der Nazi hatten ihm in Berlin und später in Wien Gruppen von Freunden, vor allem Juden, unter die Arme gegriffen. Der Nationalsozialismus hatte diese Freunde entweder in alle Windrichtungen verstreut oder selber arm gemacht. In der Schweiz verschlimmerte das Zusammenwirken verschiedener Ursachen Musils Lage. Die wachsende Zahl von Flüchtlingen aus allen Nachbarländern — zu denen gleich nach Kriegsbeginn Tausende Deserteure kamen — machte es unmöglich, Musil all jene Aufmerksamkeit zu widmen, die er sicher verdient hätte. Zudem gingen Musils Bedürfnisse — seiner außerordentlichen Sensibilität und der angegriffenen Gesundheit wegen — bei weitem über das hinaus, was die Hilfskomitees den Flüchtlingen normalerweise zuwenden konnten. Schließlich muß bedacht werden, daß Musil — da er weder Jude noch Anhänger einer Partei war — gerade die Hilfe der am besten organisierten Komitees nicht beanspruchen konnte. Für ihn mußte also anderwärts Hilfe gesucht werden. Musil hatte das Glück, zwei ihm überaus ergebene Menschen um sich zu haben, die sich Tag für Tag um ihn mühten — seine Gattin Martha und den Wiener Bildhauer Wotruba, dessen Großherzigkeit nicht geringer war als das künstlerische Talent. Wotruba kam auch zu mir und bat mich, ihn bei der Organisierung einer Gruppe von Freunden zu unterstützen, ähnlich jener, die Musil in Wien so wirksam geholfen hatte. Der Versuch war leider von kurzer Dauer. Trotzdem fehlte es Musil nie am Nötigen: für Frau Martha und Wotruba war die Beschaffung dieses Nötigsten allerdings mit großem Zeit- und Nervenaufwand verbunden, und oft genug zitterte man darum, ob die Bemühungen auch Erfolg haben würden.

Es ist ungerecht, immer wieder zu behaupten — erst vor kurzem habe ich solche Klagen wieder gelesen —, Musil habe in der Schweiz Hunger gelitten und in unwürdigen Quartieren gehaust. Derjenige, der die letzten beiden in Genf verbrachten Jahre Musils als „Leben eines Troglodyten“ bezeichnet hat, kennt wahrscheinlich den Sinn dieses Begriffes nicht oder er ist unrichtig informiert. Musil bewohnte in Genf eine zwar kleine, aber komfortable Villa mit einem Gärtchen.

Es ist auch an der Zeit, die Scherereien zu entdramatisieren, die wir Flüchtlinge — und Musil mit uns — durch die schweizerische Fremdenpolizei zu erdulden hatten.

Die schweizerische Fremdenpolizei ist eine perfekte Organisation: Belästigungen, Sekkaturen, Ärger und Schikanen, die zum Wesen jeder Polizei gehören, sind bei ihr zur Vollkommenheit gesteigert. Es gibt Länder, in die hineinzukommen äußerst schwierig ist, etwa die USA. Hat man aber einmal ihren Boden unter den Füßen, ist es leicht, jeder Kontrolle zu entgehen. Die Schweiz ist dagegen von allen Seiten leicht zugänglich, mit jedem Fortbewegungsmittel, auch zu Fuß ohne weiteres erreichbar, doch ist es schwer, sich innerhalb des Landes der Kontrolle durch die Ausländerpolizei zu entziehen. Das Land ist klein; die Schweizer betrachten es — anders als die Italiener — nicht als unehrenhaft, die Polizei zu unterstützen. Die Polizei ist demokratisch, ihre Führer werden in Volkswahlen gewählt. Sie wendet ihre Bestimmungen mit der gleichen Pedanterie an, ob sie es nun mit einem berühmten Künstler, einem Geschäftsmann oder einem Arbeiter zu tun hat. Es gibt nur eine Gattung von Privilegierten. Um diese Kategorie, ohne mißverstanden zu werden, zu kennzeichnen, muß ich ein fundamentales Argument erwähnen, das vor allem für jene Kantone gilt, in welchen Wirtschaft und soziale Sicherheit am höchsten entwickelt sind, wie es für Zürich zutrifft. Hier ist es eine der Hauptaufgaben der Polizei, den Wohlstand gegen den unkontrollierten Zustrom armer Leute zu verteidigen. Es ist wichtig, festzuhalten, daß diese autarke Diskriminierung in den reichen Kantonen von allen politischen Parteien gebilligt wird und daß sie sich gleicherweise gegen notleidende Ausländer wie gegen Schweizer aus ärmeren Kantonen richtet. Ein arbeitsloser Tessiner kann somit aus Zürich ebenso leicht entfernt werden wie jeder politische Emigrant, der Tessiner sogar mit weniger Umständen, da er zu seinen Gunsten nicht die Schwierigkeit, anderswo Aufnahme zu finden, ins Treffen führen kann. Dies begünstigt logischerweise jene Ausländer, die über respektable Bankkonten verfügen. Sie sind also die Privilegierten, von denen ich vorhin gesprochen habe. Die Schweiz ist ohne jeden Zweifel eine Demokratie, aber eben eine mit kapitalistischen Einschränkungen.

Musil besaß kein Bankkonto; er war auch nicht imstande, die 2000 Franken Kaution zu erlegen, welche die Polizei für den Fall eines Spitalsaufenthalts und ähnlicher Eventualitäten verlangte. In jedem Gesuch um die Erneuerung seiner Aufenthaltsbewilligung verwies er hartnäckig auf seinen schlechten Gesundheitszustand. Er begriff nie, daß er gerade damit die Aufmerksamkeit der Ausländerpolizei auf ein Argument lenkte, das gegen ihn sprach.

Zur Abrundung des Bildes der bürokratischen Unannehmlichkeiten muß auch — obwohl dies besonders unerfreulich ist — auf das Verhalten des schweizerischen Schriftsteller-Syndikats hingewiesen werden. Die bekanntesten und uneigennützigen Literaten gehörten — wie in anderen Ländern auch — dieser Vereinigung entweder nicht an, oder sie kümmerten sich nicht um das, was sie tat. Der Geist der Schriftsteller-Gewerkschaft war ausgesprochen korporativ; sie hatte einzig und allein die Wahrung der materiellen Interessen ihrer Mitglieder im Auge, andere Ziele kannte sie nicht. Eine eventuelle — und wär’s auch nur moralische — Solidarität mit emigrierten Schriftstellern, Dichtern und Musikern war in den Statuten unglücklicherweise nicht vorgesehen. Wahrscheinlich verpflichteten die Statuten auch Arbeiter-Gewerkschaften nicht zu solcher Solidarität, diese unternahmen jedoch — allen voran die Gewerkschaft der öffentlichen Dienste — in jeder Hinsicht sehr viel für die Emigranten aller Art, auch für die Intellektuellen. Die Schriftsteller-Gewerkschaft fühlte sich dagegen offenbar verpflichtet, den Alarmzustand wach zu halten, in welchen ihre aktiven und absolut mittelmäßigen Mitglieder durch die mögliche Konkurrenz der von den Verfolgungen der Nationalsozialisten in die Schweiz geflüchteten deutschsprachigen Kollegen versetzt worden waren. Es war diesen Flüchtlingen also verboten, in irgendeiner Form literarisch an Schweizer Zeitungen und Zeitschriften mitzuarbeiten. Einige wenige, die — von materieller Not oder einfach vom natürlichen Bedürfnis, etwas auszusagen, dazu gedrängt — dieses Verbot unter Verwendung eines Pseudonyms zu durchbrechen wagten, wurden der Polizei angezeigt und von dieser mit der Ausweisung bedroht. Ich kenne persönlich den Fall einer Schriftstellerin, die wegen der Veröffentlichung einiger Erzählungen in der Basler „National-Zeitung“ ausgewiesen wurde. Sie fand in Frankreich Zuflucht und fiel dort einige Monate später der Gestapo in die Hände.

Diese Art von Verboten rührte Musil nicht. Es gelang ihm anderseits aber auch nicht, sich mit der Uninteressiertheit, um nicht zu sagen mit der Feindseligkeit der kulturellen Institutionen der Schweiz gegenüber den emigrierten Schriftstellern gleichmütig abzufinden. Ich erinnere mich an eine bittere Bemerkung. „Heute“, sagte er, „kennen sie uns nicht. Aber wenn wir einmal tot sind, werden sie sich rühmen, uns Asyl gewährt zu haben.“ In der Tat, heute rühmen sie sich.

Glücklicherweise hat es in der Schweiz stets großmütige Menschen gegeben, die mit eigenen Mitteln das Versagen der Allgemeinheit wieder gutgemacht haben. Jeder von uns hat im schweizerischen Exil einige unvergeßliche Erfahrungen mit solchen Menschen gemacht. Musils Mühsale fanden beim Pastor Robert Lejeune in Zürich brüderliches Verständnis. Der Eintritt dieses gebildeten, edlen Mannes, der der religiös-sozialistischen Bewegung des Leonhard Ragaz anhing, in Musils Leben, hätte für den Künstler ein Element der Sicherheit darstellen können. Gleichwohl fand Musils Geist die Heiterkeit nicht. Die Einsamkeit, über die er sich fortwährend beklagte, war in erster Linie selbst auferlegte Isolierung. Diese Selbstisolierung steigerte sich ins Absurde: so lebte zum Beispiel während der ganzen Dauer des Aufenthalts Musils in der Züricher Mühlebachstraße nur ein paar Häuser weiter, in der Pension Delphin, James Joyce; trotzdem kamen die beiden nie zusammen und jeder von ihnen bekundete nicht das geringste Interesse für den andern. Seltsamerweise betrachtete Musil aber Paul Valery als geistigen Nachbarn, vielleicht wegen des pseudophilosophischen Sentenzierens, das dieser betrieb.

Musil interessierte sich nicht für Arbeiten der anderen, auch nicht für jene der Jungen. Er war nicht ein Neuerer, der Zustimmung, Anhang oder Nachahmer suchte. Er lebte in seiner Arbeit wie in einem freiwilligen Gefängnis. Die Umwelt ließ ihn indifferent. Er schrieb, und schrieb die gleiche Seite oder das gleiche Kapitel immer wieder um, fünfzehn oder gar zwanzig Mal. Mit Vorliebe las er wissenschaftliche Abhandlungen und Zeitschriften; dabei machte er sich fortwährend Notizen. Es waren nicht Zitate, sondern Gedankenassoziationen, die ihm die Lektüre eingab, oder Aphorismen. Diese Notizen schrieb er als Glossen auf irgendeine Seite des Romans, auf bereits vollgeschriebene Seiten, auf Seiten, die er neu schreiben wollte, oder als Vorschüsse auf vollkommen weiße Seiten. „Der Mann ohne Eigenschaften“ hatte die Form eines Mosaiks ohne Rahmen. Die Häufung von Gedanken, Bildern und in langen Tagen der Meditation erarbeiteten Überlegungen gab jeder einzelnen Seite am Ende den Charakter eines dichten, überladenen, glatten Gewebes, appretiert durch eine präzise, schneidende, nie vorhersehbare Ausdrucksform. Es war schwierig, eine Vision des Ganzen zu erraten. Musil fehlte sowohl der lyrische Schwung als auch die Gabe des Fabulierens. Die extreme geistige Spannung, in der er lebte, war das Resultat ständigen, angestrengten ideologischen Suchens.

„Der Mann ohne Eigenschaften“ ist Roman und Manifest; besser: er ist, da unvollendet, Versuch zu einem Roman und Versuch zu einem Manifest. Er ist weniger Musils Hauptwerk als vielmehr sein einziges Werk, denn die früher geschriebenen Schauspiele und Erzählungen erscheinen uns heute als Arbeiten des Suchens und der Vorbereitung.
Worum es im Roman geht, hat Musil selbst in einer kurzen Zusammenfassung gesagt. Es ist ein Geflecht verschiedener Motive oder erzählerischer Vorwürfe. Einer von ihnen schildert die Beteiligung Ulrichs, des Mannes ohne Eigenschaften, an einem Unternehmen, durch welches die sterbende Donaumonarchie (wir sind im Jahre 1913) vergeblich trachtet, der Welt einen gemeinsamen Einheitsgedanken zu schenken. Ein anderer ist der Fall Moosbruggers, des Mörders von Dirnen, zu dessen unsinniger Befreiung auch Ulrich beiträgt. Ein dritter betrifft die Nietzscheanerin Clarisse, in deren Hirn aller Wahnsinn des Jahrhunderts sich wiederfindet. Den vierten schließlich ergibt die abenteuerliche und zweideutige Begegnung Ulrichs mit seiner Schwester Agathe. Diese mehr oder minder zufälligen Haupthandlungen werden von weniger wichtigen Abschweifungen und kleineren Themen überlagert, wie der Autor sagt, in der Art eines Systems von Bächen und Flüssen, die sich am Ende in einem einzigen Strom vereinen und ins Meer fließen. Der Roman endet jedoch, wie gesagt, lang vor der Mündung. Trotz seinen 1500 Seiten ist er unvollendet. Zum Glück für das Buch, wage ich zu sagen, wiewohl das vergebliche Suchen nach einem Abschluß Musil in seinen letzten Lebensjahren gequält hat. Die Ungewißheit stand im übrigen schon am Anfang der Arbeit und äußerte sich in den verschiedenen Titeln, die dem Kopf des Autors entsprangen: „Der Spion“ und „Der Erlöser“.

Beim Lesen ergibt sich der Eindruck, man habe einen überaus komplizierten Essay vor sich. Musil glaubte an die Wissenschaft; er glaubte, durch intensive geistige Anstrengung werde sich der Kreis des Erkennbaren bereichern und bis zu jenem Punkt erweitern lassen, da die Lösung der hauptsächlichen Widersprüche des menschlichen Zusammenlebens möglich werden würde. Das war seine edle und vergebliche Ambition, seine persönliche Utopie. Der Bezug auf die Theorien von Mach, Bleuler und Alfred Adler ist im Roman nicht selten. Besonders die Begegnung mit Adler hat Musil, nachdem er sich einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen hatte, tief beeindruckt. Alle Personen des Romans stehen in Grenzsituationen. Ulrich ist der Mann ohne Eigenschaften, absolut disponibel, der sich selber erfinden muß und der sich die Welt, in der er zu leben hat, erfindet. Die Welt ist nie ein klar und fest umrissenes historisches Produkt, sondern eine der vielen möglichen Welten. Wer nur etwas über den Existentialismus weiß, wird ihn hier ohne Schwierigkeit wiedererkennen. Ohne Anstrengung läßt sich auch ein Echo der Gestalttheorie vernehmen, welche die Schöpfung nur in sich selbst begründeter geistiger Entitäten unternimmt. Es muß überdies gesagt werden, daß Musil, obschon er häufig auf die Geschicke des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs anspielt, der wirkliche Sinn für die Geschichte und für die wahre Komplexität des gesellschaftlichen Lebens abging.

Eine weitere Inkongruenz des Werkes ergibt sich aus dem Kontrast zwischen der Neuheit des Vorwurfs und der traditionellen Technik des Erzählens, beginnend mit der ausdrücklichen Präsenz des allwissenden Erzählers. Darauf weist Musil selbst in seinem Tagebuch hin. „Ich bin es, der erzählt“, liest man dort. Dieses Ich ist nicht eine fingierte Person, sondern der Romancier, ein informierter, verbitterter, enttäuschter Mann. Gleichwohl verfällt die Erzählung nie in den Ton langweiliger Predigten, da sie durch die Schönheit des sprachlichen Ausdrucks und durch viele ironische und satirische Spitzen belebt wird. Musils satirische Pfeile sind gewollt polyvalent: die wirkliche Satire, schrieb Musil, sollte derart sein, daß sie, auf die Klerikalen zielend, auch die Kommunisten in Verlegenheit bringt, und, die Dummheit geißelnd, auch den Autor miteinbezieht.

Ich glaube nicht, daß es nötig ist, über Musils Ideen zu diskutieren, obwohl er selbst ihnen große Bedeutung zumaß. Sofern es sich dabei nicht um Anleihen bei anderen handelt (über die man also gesondert reden müßte), sind es Aphorismen: Sentenzen ohne Beweis. Seiner allgemeinen Behauptung, die Gegenwart hinke stets um wenigstens ein Jahrhundert hinter dem Denken einher, ließe sich die ebenso allgemeine, von Marx aufgegriffene gegenteilige Behauptung Hegels entgegenstellen: die Eule der Minerva beginne erst mit der einbrechenden Dämmerung, am Ende des Arbeitstages, ihren Flug. So geht es immer fort, die Probleme bleiben dabei ungelöst.

Die ursprüngliche und dauerhafte Bedeutung erlangt Musil nicht als Philosoph, nicht als Wissenschaftler, nicht als Erfinder einer neuen Religion, sondern als ganz und gar seinem Werk hingegebener Künstler. Die wahre, unvergleichliche Kraft und Würde des „Mannes ohne Eigenschaften“ ist der Autor selbst, der, mit seiner Utopie ringend, wie ein lebend Begrabener in diesem Werke ruht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1965
, Seite 82
Autor/inn/en:

Ignazio Silone:

Claus Gatterer:

Leiter des außenpolitischen Ressorts der „Presse“, ehemals Mitherausgeber und seit langem ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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