FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 228
Valie Export

Gertrude Stein/Virginia Woolf

Feminismus und Kunst

1 Von Männlich zu Menschlich

„die religion ist der ort, wo ein volk sich die definition dessen gibt, was es für das wahre hält“, sagte Hegel. es sei deshalb erlaubt, diesen ort aufzusuchen, um die gründe der täglichen politik, das „wahre“ unserer kultur zu entdecken.

frühe religionen und kulturen, priesterstaaten und sonnenkulte sahen den ursprung des lebens in der frau. in den texten ihrer mythen, „das männliche ist das wesentlich sterbliche, das weibliche grundsätzlich unzerstörbar“, wird das weibliche als das oberste schöpferische prinzip präsentiert. das weibliche prinzip bringt alles allein zustande, das männliche kommt an zweiter stelle, der sohn, er ist der geliebte oder der mann der frau.

die unbefleckte empfängnis der römisch-katholischen religion ist der entscheidende einschnitt. die kirche muß das mutterrecht, die geburt, wohl oder übel anerkennen — sie teilt also mit den frühen religionen die vorstellung, daß die entstehung des lebens nicht an einen körperlichen geschlechtsakt gebunden ist (welche vorstellung z.b. bei den ureinwohnern australiens heute noch herrscht) — doch das weibliche prinzip braucht das männliche prinzip zur erzeugung des lebens, es wird passiv, es „empfängt“, wo nicht durch einen irdischen mann, so doch durch gott, durch den heiligen geist in form einer taube. es entsteht der begriff und der wert „jungfrau“, der also nicht ein synonym für unschuld ist, sondern für warten auf den mann, für zweitrangig.

das christentum hat den untergang der frau eingeleitet und die herrschaft des mannes errichtet.

die im konzept der unbefleckten empfängnis beruhende mißachtung des sexuellen und des weibes hält, was der heilige vater durch tägliche kommentare zur lage zu beweisen sich bemüht, bis heute an. von gottvater, dem obersten universalen prinzip, abwärts gibt es eine ganze hierarchie von prinzipien, an deren ende das weibliche steht: die frau als geduldig, passiv, schwach, feige, dienstbar, unschöpferisch, geschlagen, dumm, versklavt.

zur mythologie unserer christlichen zivilisation gehört als geheimes fundament die infame gleichsetzung des männlichen und des schöpferischen prinzips.

von den abtreibungsgesetzen, über die namensgebung bis zur vererbung, von der kultur- bis zur haushaltspolitik, sehen wir die oberflächlichen zipfeln jener herrschaft eines prinzips: der mann ist der vater aller dinge, und das männliche bringt das weibliche hervor.

dieser anspruch ist falsch. er bedroht die gesamte zivilisation.

mutter erde wurde zum raumschiff erde.

„der krieg ist der vater aller dinge“ — dies ist das „wahre“ gesicht. destruktion, versklavung, machtgier, blinde herrschaft, tod — auch das, oder vielmehr das, sind die attribute des männlichen.

von der hausfrau bis zum weibchen, von der femme fatale bis zum pin-up-girl sehen wir die galerie zusammengeschrumpfter sexualität und vom manne deformierter weiblichkeit.

in der kunst, dem markt der kreation, hatte der mann das monopol auf die kreativität. ebenso in der wissenschaft.
die frau wurde nur zugelassen als leichte muse, als geliebte, als dienerin des werks des mannes. schöpferisch durfte die frau höchstens in den mägden der kunst sein, in der mode und im tanz, den resten feudaler rituale an höfen und tempeln.

seit etwa hundert jahren jedoch ist die frau zum kampf angetreten. in politik, wissenschaft und kunst versucht sie, ihren „mann zu stellen“, d.h. nicht, den mann zu imitieren, sondern ihre kreativität unter beweis zu stellen. in dieser arbeit will ich nun einige beispiele dafür zitieren, schöpferische beiträge von frauen zur entwicklung der kunst. es gibt derart viele schöpferische frauen in kunst und wissenschaft, daß ich mich leider auf eine sehr spezifische auswahl beschränken mußte.

ich schreibe diesen artikel in der überzeugung, daß die wiedervereinigung des schöpferischen und des weiblichen der ursprung der emanzipation der frau sein muß. die sache der frau ist „ursächlich“ mit ihrer kreativität verbunden. (die sich jedoch nicht nur in künstlerischen produkten äußern muß.) die förderung des einen dient der verbesserung des andern.

2 Frauen sind schöpferischer

Gertrude Stein (1874-1946) verkörpert in einem großartigen schöpferischen eklat die auferstehung des weiblichen prinzips als schöpferisches prinzip. sie hat künstlerische modelle geschaffen, die über jahrzehnte hinaus generationen von künstlern beeinflußten, von Hemingway über John Cage bis zur Wiener Gruppe. vgl. z.b. ihre arbeit über automatisches schreiben, 1896, und rühms gegenwärtige arbeiten.

ich überspringe die chronologie, derzufolge ich Stein vor Virginia Woolf besprechen müßte und wende mich aus pädagogischen gründen gleich V. Woolf zu. sie ist ein einleuchtendes beispiel für den zusammenhang von weiblicher sensibilität und kreativem künstlerischem impuls, der zu allgemein gültigen kunstmodellen führt. eine verbindung zwischen Stein und Woolf besteht nicht nur in der aussage ihrer werke: Steins theaterstück „Yes is for a very young man“, in dem der mann immer „ja“ sagte, die frau fast immer „nein“, also mann und frau als antagonistisches prinzip dargestellt werden, die frau als negatives, pessimistisches, unterdrücktes, passives, widerstehendes prinzip — und Woolfs hauptwerk „Wellen“, 1931, das mit dem wort „o Tod“ endet, ein roman zwischen resignation und revolte, der gesellschaftlichen verdinglichung („schleier des seins“), der sprachauflehnung („ich bin fertig mit phrasen“), und des identitätsverlustes („ich weiß auch nicht immer, ob ich ein mann oder eine frau bin“). Steins stil ist lyrisch und konstruktiv, Woolfs metaphorischer stil ist eingebettet in kühne konstruktionen, die größere einheiten als sätze umfassen, ganze kapitel und absätze. hier wird die geschichte eines tages geschildert, beschrieben am meeresufer und seinen wellen, montiert mit der geschichte des lebens eines menschen. Herbert Mader hat zu recht die implikationen des feminismus von Virginia Woolf für ihre kunst gesehen, zurecht die ausgezeichnete pamphletschreiberin und die experimentelle romanschriftstellerin, die propagandistin und die künstlerin vereint.

gemäß Virginia Woolf waren die unterwerfung der frau und die unterdrückung femininer denkstile die quellen der meisten unserer sozialen wie psychologischen unordnungen. feminismus ist für sie ein weg, die realität wahrzunehmen (things as they are — G. S.), wie die kunst ein weg ist, sie zu ändern (the business of art — G. S.).

der weg liegt für sie darin, weibliche einflüsse innerhalb der gesellschaft und innerhalb des individuums frei agieren zu lassen. ihr ideal ıst der androgyne geist, der geist, in dem männliche und weibliche elemente eine vollkommene balance erreichen. die frauen haben die aufgabe, „das feminine prinzip in eine gängige maskuline welt zu bringen und dadurch die welt menschlich anstatt männlich zu machen“. diese soziale lehre ist der impuls des künstlerischen werkes von Virginia Woolf, das Mader als „eine suche nach dem androgynen geist“ beschreibt. feminismus und kunst zu vereinen, dieser kampf war der wichtigste in ihrer entwicklung als schriftstellerin; sie stellt ihn in ihren romanen symbolisch dar. wer hat angst vor Virginia Woolf?

an Gertrude Stein ist ebenfalls deutlich erkennbar, wie weibliche problematik, subjektive sensibilität zu einem allgemeinen künstlerischen modell, zu einer objektiven technik führen kann. ihr werk, eingespannt zwischen den sätzen „well, feudal days were the days of fathers“ und „once upon a time I met myself and ran“, eingespannt zwischen anerzogenem puritanismus und angeborenen leidenschaften, auf der suche nach einer neuen, von ihrer gesellschaft und kultur unabhängigen selbstbestimmung, identität.

ich will hier nicht so sehr über ihren stil sprechen, „to reawaken the sound and sight of a word and their relation to its meaning, to gloriousiy destroy the context, adjectival and syntactical inhibitions that make all poetry verbiage“. sondern ich will davon reden, wie es Gertrude Stein gelungen ist, sich aus ihrer amerikanischen umwelt zu befreien, warum dies notwendig war und wozu das führte. die technik und das produkt dieser befreiung ist ihr stil.

in ihren ersten drei werken geht es hauptsächlich um frauenschicksale, d.h. um die bewältigung von Steins eigentlicher realität und identität. nachdem sie die gewonnen hat, schreibt sie „the making of americans“, 1911, nach persönlicher emanzipation die gesellschaftliche. „the making“ handelt von der geschichte einer amerikanischen familie und wurde zu einer zeit geschrieben, als G. Stein selbst sich persönlich von ihrer familie usw. emanzipiert hat. daher hat der roman als submelodie den kampf einer frau, martha hersland, sich von der familie, den beziehungen und abhängigkeiten der familienmitglieder zu emanzipieren, zu einem eigenen bewußtsein zu kommen.

ihr stil, der sich auf grund ihrer erfahrungen und persönlichen bedürfnisse entwickelte, wurde erst im nachhinein als theorie konstruiert. ihr stil, der semantische relativismus, wollte die unterschiede relativieren, die falschen assoziationen abschneiden, nämlich den unterschied zwischen den geschlechtern (Hodder Episode) als auch zwischen den völkern. nicht „as a wife has a cow a love story“, sondern „he was the one who was the one who was the one“.

ihr erster roman hat den bezeichnenden titel „things as they are (Q. E. D.)“, 1903, und handelt von drei frauen, die ein liebesdreieck erleiden. wahrscheinlich die frucht ihrer romanze mit May Bookstaver in Baltimorer studienzeiten, die u.a. zum abbruch ihres medizinstudiums führte. danach schrieb sie die Hodder Episode, die sie später in „the making of americans“ einbaute. ein männlicher professor, eine kollegin und ein weiblicher dekan, der wesentlich von der gleichheit der geschlechter überzeugt war und sein leben der entwicklung dieser doktrin widmete. der weibliche dekan hatte als freundin die kollegin, der zuliebe der professor seine frau verließ.

ihr nächstes buch, dessen titel eigentlich „the making of an author being a history of one woman and many others“ sein sollte, hieß „three lives“, 1906. drei frauengeschichten mit viel sex, die zumeist im milieu von baltimores einwanderersfrauen und negern spielten. in baltimore hatte Stein ihre medizinische ausbildung genossen und mit einer negerin als hebamme babies zur welt verholfen. die person der hauptstory, melanctha, „cannot remember right“, kann sich „nicht richtig erinnern“, „lebt nur für den augenblick“, denn sie „erinnert sich nur richtig, wenn es gerade passiert, damit sie ein gefühl von der richtigen art habe“. in Steins frühen schriften waren die vorfälle, wenn diese vorkamen, mehrheitlich sexueller natur. der kubistische stil von Gertrude ist sehnsucht nach dem jetzt, abwehr der vergangenheit, der historisierenden moral, volles gefühl der sättigung im augenblick.

daher ihr späteres glaubensbekenntnis, „the business of art is to live in the actual present that is the complete actual present and to completely express that complete actual present“. ihre logik der simultaneität ist in ihrem bewußtsein zu suchen, und ihr bewußtsein artikuliert sich hier, sie ist gegen erinnern und wiedererkennen. in ihrem wahrscheinlich schönsten philosophischen text „the geographical history of america or the relation of human nature to the human mind“, 1935, fragt sie sich, wer sie ist und woher sie weiß, wer sie ist. auf dem märchen aufgebaut, wo die frau zum markt geht, eier zu verkaufen, auf der königlichen straße einschlief (männliche macht), diebe „cut her petticoats away“, als sie nach hause kam, bellte ihr hund, und sie wußte, „das konnte ich nicht sein, denn mein kleiner hund kannte mich nie“. diese wendung taucht des öfteren aggressiv auf, gegen leute, die ihre identität darauf aufbauen, weil ihre hunde sie erkennen. gegen eine so oberflächliche identität war sie. in „melanctha“ rechtfertigt sie ein leben der spontanen komposition als ein leben in der gegenwart, um zur vollen erreichung des ich und zum losschneiden von der männlichen, autoritären vergangenheit zu kommen, d.h. zur vollen gefühlsmäßigen befreiung und intellektuellen klarheit.

ihre baltimore-erfahrungen kommen auch zum ausdruck in ihrer wertschätzung der militanten negerliteratur, andrerseits in den legendären feministischen texten, nämlich „Matisse, Picasso and Gertrud Stein (G. M. P.)“, also wieder mit einer abkürzung wie „(O. E. D.)“. eine der geschichten ist eine fantasie über liebe zwischen picasso und matisse, wo eine kette von symbolen anstelle von expliziten sexuellen beschreibungen vorkommt. eine andere geschichte handelt von den gefühlen, eine frau zu sein und keine kinder zu haben, obwohl sie kinder liebt, weil ihre sexualität nicht für das gebären eines kindes spricht.

die dritte geschichte „many many woman“ ist ausschließlich über frauen, die männer kommen nur in hinweisen vor und die personen tragen keine namen, sie sind einfach frauen. feministische erotik wie später im gedichtzyklus „lifting belly“, 1917. „G. M. P.“, geschrieben zwischen 1909 und 1912, ist im Steinkanon das unerwähnteste buch. aufgrund unserer oben dargestellten theorie ist es klar, daß dieses buch über homosexualität und lesbische liebe zugleich ihr schwierigstes buch ist und von den (zumeist) männlichen kritikern nicht geschätzt wird. in diesem sehr humanen buch hat Stein ihre sensibilität und anschauung zutiefst und am feinsten formalisieren können.

Steins werk, eine phänomenologie ihres geistes, versuchte in wörtern ihr bewußtsein darzustellen, machte sich anheischig, die männliche konstruktion der kultur zu zertrümmern, indem sie deren syntaktischen kanon zertrümmerte. in einer männlichen gesellschaft lebend, bedroht von der non-existenz, von der sexuellen ausbeutung, waren ihre hauptthemen eben die sexuelle marter, die selbständigkeit des bewußtseins, die identität, die angst vor dem tod. die von ihr geschaffenen künstlerischen modelle, an rang gleich joyce, proust etc., haben bis heute viele (zumeist männliche) nachfolger gefunden. vgl. z.b. die anhäufung von gemeinplätzen in „lucy church amiably“, 1927, mit becketts „texten um nichts“. unzufrieden mit jeder vorhandenen ethik, versuchte sie in ihrem leben, das sie mit alice b. toklas als gefährtin teilte, die verzweigungen ihres bewußtseins zu klären und die spuren jenes abendländischen denkens, das zu gegenwärtigen ethiken etc. geführt hat, zu tilgen. diese erfahrung ist ihr so extrem von zwängen und konventionen befreiter stil.

gerade diese suche nach einem von der sprache getrennten bewußtsein führte sie auch zum theater. ihre theaterstücke sind eine art instantes theater wie die bildhaften happenings. dementsprechend heißt ihr erstes theaterstück, 1913, „what happened, a five act play“, aufgeführt wird es erst 1963 als triumph des „totalen“ theaters, wo der text gleich wie die elemente geste, ton, musik behandelt wird. ihre formulierung „plays are things anybody can see looking“ nimmt jene von John Cage vorweg „things to hear and things to see, and that’s what theatre is“. doch fragte sie weiter „If it can be done, why do it?“. damit meint sie: sachen die geschehen, sieht man. aber warum das tun, was man machen kann? die eigentliche handlung liegt außerhalb des sichtbaren geschehens. die idee von „what happened“ war also, „ohne zu sagen was geschah, ein stück zu machen, das die essenz dessen, was geschah, darstellte“ („to make a play the essence of what happened“). in dieser einordnung des textes in räumliche und zeitliche elemente des theaters werden die theaterelemente als solide objekte verwendet. (das musikinstrument piano als bewegliche skulptur, der tragbare chor ...). die wörter haben keine bedeutung im bezug zueinander, doch durch erweiterungen und veränderungen im text entsteht ein zusammenhang, entstehen gerade linien von bewußtseinsblöcken durch die gedankenwelt.

die suche nach einem eigenen bewußtsein führt sie u.a. zum happening als technik einer vom sinn der worte nicht zusammengehaltenen aktion.

(Fortsetzung im nächsten Heft)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1973
, Seite 48
Autor/inn/en:

Valie Export:

Valie Export lebt als Filmemacherin, Künstlerin und Theoretikerin zeitgenössischer Kunstgeschichte in Wien und USA. In zahlreichen Publikationen beschäftigt sie sich vor allem mit feministischer Theorie und feministischem Aktionismus; ihre erste einschlägige Arbeit erschien, dreigeteilt, in (Neues) FORVM, Hefte Jänner, März, Juni/Juli 1973: Womens Art; Feminismus und Kunst II; tapp- & tast-kino etc. III. Jüngsterschienen ist Das Reale und sein Double: Der Körper. Benteli Verlag, Bern 1987, 54 Seiten. öS 118

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