FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 166
Láco Novomeský

Ilja Ehrenburg — Chronist und Kritiker einer Epoche

Láco Novomeský, 1904, bedeutendster slowakischer Lyriker der Gegenwart und Doyen der slowakischen Literatur, war in den Fünfzigerjahren im Zusammenhang mit den Prozessen gegen Slanský und Clementis zu einer hohen Kerkerstrafe verurteilt worden und mußte sie bis zu seiner Begnadigung 1959 tatsächlich auch verbüßen. Er lebt heute in Preßburg, den hier abgedruckten Nachruf auf Ilja Ehrenburg schrieb er für die Prager „Litetárni noviny“. Der Blickwinkel, unter dem man Ehrenburgs Rolle hier zu sehen gewohnt ist, verschiebt sich natürlich, wenn man sie aus tschechischer oder slowakischer Sicht betrachtet — und würdigt.

Über die sachliche Wertung und Einreihung des Wirkens und Lebenswerks von Ilja Ehrenburg hat die Kritik noch nicht entschieden. Noch dauert die Zeit der Kränze, Beileidstelegramme und Trauerkundgebungen an, und man hat noch nicht einmal angefangen, über dieses Thema zu sprechen. Aber die Urteile werden ohne Zweifel auseinandergehen, bis einmal die Zeit kommt für das entscheidende Wort darüber, welchen Wert die umfangreiche Bibliothek der Ehrenburg’schen literarischen und publizistischen Arbeiten hatte und welchem Schema sie entsprach.

Genosse Kotschetow wird sie nicht ohne Einschränkungen in die Schublade „Heimat“ einreihen können, obwohl sie zweifellos russisch und sowjetisch war, denn sie war zugleich auch zu stark westlich, wie es Ehrenburg die heimische Kritik noch zeit seines Lebens direkt vorwarf — er selbst kümmerte sich nie um diese auffordernden Warnungen. Obwohl er in der Mehrzahl seiner literarischen und publizistischen Arbeiten bemüht war, Welt und Leben realistisch, ja sogar sozialistisch zu erfassen, kann man ihn dennoch nicht für einen Autor des sozialistischen Realismus halten. Hat er doch mit einer Energie, die einer besseren Sache würdig wäre, besonders in seiner Jugend verschiedene avantgardistische Richtungen propagiert, hat sich aber auch später im reiferen Alter für sie zäh eingesetzt: daheim eiferte er für den jungen, noch durch den Futurismus gezeichneten Majakowskij, für Chlebnikow, Pasternak, Mandelstam, Meierhold, Babel, und von den ausländischen schätzte er besonders hoch die französischen Impressionisten, aber auch die Kubisten, wofür ihm seine französischen Freunde und Anhänger das Recht zuerkannten, Frankreich seine „zweite Heimat“ zu nennen. Sie hat ihn für Dienste während der riskanten Zeit antinazistischer Résistance mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet, was jedoch keineswegs die französischen Nachkriegsregierungen in den Jahren des Kalten Kriegs und des hitzigen Antisowjetismus hinderte, ihm das Betreten des geliebten französischen Bodens ganz zu verbieten.

Aber es geht nicht nur um diese — und ihnen ähnliche — Ungereimtheiten in Ehrenburgs Biographie. Goebbels nannte ihn neben Stalin den engagiertesten antideutschen Kriegshetzer und das ist er auch in den blutigen Zeiten des antinazistischen Widerstands und siegreichen sowjetischen Gegenschlags gewesen, aber sobald die Zeit des „sonderbaren Friedens“ kam, war Ehrenburg der eifrigste und wirksamste Propagator der Weltfriedensbewegung. Mit ebensolcher Begeisterung organisierte, begrüßte und entfachte er den europäischen und weltumfassenden Kampf gegen den Krieg, mit der er einige Monate vorher sein Talent in die Dienste des antinazistischen Kriegs gestellt hatte. Er war ein boshafter Ratgeber Stalins, wie es Goebbels behauptete, wenn er ihm — dem Juden Ehrenburg — Pläne zur Vernichtung des pangermanistischen nazistischen Regimes in Deutschland zuschrieb, als ob wirklich niemandem sonst solch ein Ziel der Kriegsbemühungen der antinazistischen Koalition in den Sinn gekommen wäre, nirgends sonst unter den Trümmern tausender Städte auf allen Kontinenten, niemandem sonst als gerade — dem „Juden Ehrenburg“. Aber Stalin nährte eine Natter an seinem Busen, könnte man im Stil des erwähnten Herrn Goebbels sagen, und wir glauben, daß er es in diesem Stil selbst gesagt hätte, wäre er noch nach 1956 am Leben gewesen, als das politisch-gesellschaftliche weltweite Tauwetter auch Ehrenburg nach dem signalisierenden „Tauwetter“ ermöglichte, „Menschen, Jahre, Leben“ zu schreiben, und zwar so, wie er selbst gesehen, gekannt und gefühlt hatte: nicht nur aus der Position der großartigen Bemühungen und der Ruhmestaten der Söhne des sowjetischen Oktober, sondern aus der Position der Opfer, die grundlos in seinem und Stalins Namen geschahen. Bei einer kaum zu erwartenden Rücksicht gegen den Autor wird die Kritik, die solcherart mit der Linie seines Lebens und seines Werks konfrontiert wird, wahrscheinlich mit Selbstverleugnung von ihm sagen, daß er ein „widersprüchlicher“ Autor war.

Waren jedoch diese „Widersprüche“ in seinen Ansichten und schließlich auch in seinem Werk tatsächlich so auffallend? Beruhen die Widersprüche nicht in den kritischen Aspekten all dessen, womit man die Bestrebungen und das umfangreiche Werk Ilja Ehrenburgs gekennzeichnet hat? Sind nicht die Kriterien dieser Kritik etwas holprig?

Wir werden nicht den konstruierten „Widerspruch“ zwischen dem antinazistischen „Kriegshetzer“ und dem Nachkriegs-Friedensapostel berühren, zwischen der prostalinistischen und antistalinistischen Haltung Ehrenburgs, denn man muß ihm zuerkennen, daß er wirklich nichts dafür konnte, nicht selbst das Opfer der Praktiken Jagodows, Jeschows und Berijas geworden zu sein, und diese seine Ausnahmestellung verpflichtete ihn nicht zu irgendeiner Dankbarkeit und zum Schweigen darüber, was seine Freunde, Kollegen und Mitbürger jahrzehntelang betroffen hatte. Wir werden diese Art „Widersprüchlichkeit“ nicht berühren. Über andere sagte er zwar indirekt, aber dennoch treffend seine Meinung selbst. Den vielen Ansprachen, in denen er mit den atlantischen oder amerikanischen Widersachern auf verschiedenen Friedenskonferenzen polemisierte, entnehme ich lapidare Absätze, die auch die nicht seltenen heimischen Vorwürfe auf das wahre Maß zurückführen können:

... Kultur kann man nicht in Zonen unterteilen. Auf eine Seite die westeuropäische Kultur zu stellen, und auf die andere die russische, ist einfach Beschränktheit. Wenn wir von der Rolle sprechen, die Rußland im geistigen Leben Europas gespielt hat, wollen wir damit überhaupt nicht andere Völker erniedrigen. Nur Zwerge brauchen Stelzen, und mit ihrer rassischen oder uralten völkischen Überlegenheit prahlen gewöhnlich nur Menschen, die kein Vertrauen in sich selbst haben. Die tiefe Verbundenheit, die seit eh und je unter den Denkern und Künstlern verschiedener Länder herrscht, kommt dem Reichtum und der Vielfalt der Kultur zugute. Wir haben bei anderen gelernt und andere gelehrt.

... ohne den klassischen russischen Roman kann man sich die gegenwärtige europäische und amerikanische Literatur nicht vorstellen, ebenso wie es nicht möglich ist, sich die gegenwärtige Malerei ohne das vorzustellen, was die französischen Maler des vorigen Jahrhunderts geschaffen haben. Bjelinskij schrieb vor hundert Jahren, daß die europäischen Völker ohne Rücksicht voneinander profitieren, ohne zu befürchten, daß darunter ihr Volkstum leiden könnte. Die Geschichte sagt, daß ähnliche Befürchtungen nur bei moralisch schwachen und unbedeutenden Völkern berechtigt sein könnten.

... die sowjetische Kunst schuf in der kurzen Zeitspanne von dreißig Jahren viel Wertvolles, das auch in andere Länder kam und dort Wurzel faßte. Ist es vielleicht nicht bezeichnend, daß die alten Filme Eisensteins, Pudowkins, Dowschenkos nunmehr die Erneuerung des italienischen Films initiiert haben, daß Prokoffiews und Schostakowitschs Musik günstigen Einfluß auf das Schaffen einiger Komponisten hatte, und daß wie einst Byron auch Majakowskij durch alle Gärten der Poesie in der alten und in der Neuen Welt ging?

Kultur, das sind nicht nur alte Steine, das sind alte Steine, die junge, wagemutige Schöpfer inspirieren können. Kultur ist keine Rente, wird nicht vererbt, kann nicht ins Safe gelegt werden und von Zinsen leben. Kultur existiert nicht ohne schöpferische Tätigkeit. Es genügt nicht nur, zu zitieren, es ist notwendig, so zu sprechen, daß aus Worten Zitate werden ...

Usw. usw.

Vielleicht sind heute diese Ansichten in dem Maß allgemein geworden, daß wir hier Ehrenburg offene Türen einrennen lassen. Vielleicht werden sich heute schon viele „atlantische“ Autoren der Unwiderlegbarkeit der Ausführungen bewußt, mit denen Ehrenburg noch unlängst fast allein dastand, und nicht nur Auge in Auge mit den „atlantischen“ Opponenten. Vielleicht. In diesem Fall bitte ich ergebenst, diese Argumente und Ehrenburgs Kämpfe für sie als Beitrag zu Ehrenburgs Biographie zu betrachten, die so reich an solchen und ähnlichen Kämpfen ist.

Aber möglicherweise haben sich die unablässig wiederholten Vorwürfe dieser Art bereits in Nichts aufgelöst, und Ehrenburg hat seinen großen und guten Ruf noch nicht verdient. Er selbst hat dazu beigetragen, wenn er nicht nur einmal seine schriftstellerische Arbeit bagatellisierte und entwertete, indem er von ihr behauptete, sie sei nur durchschnittliche, keiner besonderen Aufmerksamkeit würdige Tagesarbeit. Aber hatte er recht? Irrte er nicht im strengen Urteil über das eigene Werk ? Vielleicht hatte er recht, wenn man seine Romankompositionen aus dem Zweiten Weltkrieg, und über ihn, mit dem Maß von „Krieg und Frieden“ beurteilt; wenn wir seinen „Lajsik Roitschwantz“ an „Don Quixote“ oder „Schwejk“ messen wollen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß diese strengen Maßstäbe anerkannten Gipfeln der Weltliteratur entsprechen und auf breiten und nicht wegzudenkenden geologischen Schichten verschiedener zeitbedingter Ansichten und Urteilen beruhen, ob man sie nun literarisch formuliert oder nicht; vergessen wir nicht, daß das Genie von Tolstoj, Cervantes oder Hašek nicht eine Größe „allein für sich“ war, sondern — unausweichlich — gerade die „Durchschnittlichkeiten“ voraussetzte, über die Ehrenburg selbstkritisch die Nase rümpfte, und es liegt wirklich nichts daran, ob er sie in sein Werk ohne Vorbehalte einbezog oder ob er sie leugnete.

Wenn wir uns darauf einigen können — und schließlich sehe ich darin vor allem die erhabene Sendung des Künstlers und Literaten, daß er den wesentlichen Sinn einer Epoche bloßlegt und dechiffriert und bemüht ist, daß ihn sein Publikum so gut und tief als möglich versteht und anerkennt: wenn wir uns darauf einigen, daß die Wahrheit über das Leben in unserem Zeitalter die erhabenste Sendung des Schriftstellers ist, und das auch in dem Fall, er schriebe historische Romane, dann, denke ich, haben wir den Schlüssel für das Verständnis der Größe und Einzigartigkeit von Ilja Ehrenburgs Wirken gefunden, seines umfangreichen literarischen Werks genauso wie seiner stets frischen und bezwingenden Publizistik.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1967
, Seite 753
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Láco Novomeský:

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