FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 138-139
Hans Mayer

Von Cicero bis Ulbricht

Rhetorik im Zeitalter der Propaganda

Die Auffassung der Gegenwart als heroischer Periode ist also im Kapitalismus eine unbewußte Flucht vor dem Realismus ins Rhetorische.

Georg Lukács, Aktualität und Flucht (1941) in: Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie. Berlin 1948

Die Rede des Konsuls Marcus Tullius Cicero, die er, nach unserer Zeitrechnung, am 8. November des Jahres 63 v.Chr. im Senat hielt, gilt als ein Meisterstück der Rhetorik. Nicht bloß, daß der berühmte erste Satz dieser Anklage gegen Lucius Catilina zum geflügelten Wort wurde; die Redner fragen seitdem, wie lange einer noch gedenke, die Geduld der Öffentlichkeit zu mißbrauchen. In altväterlichen Betrachtungen wiederholte man früher ernsthaft Ciceros Wort „Oh Zeiten! Oh Sitten!“ immer dort, wo sich ältere Politiker im Konflikt fanden mit einer Epoche der Umwertung. Darüber hinaus jedoch ist dies berühmte Plädoyer gegen Catilina bemerkenswert als eine Rednerleistung, die einer doppelten Optik zu dienen bestimmt ist.

Der 18. Brumaire des Catilina

Die politische Lage Roms in jenem Augenblick ist bekannt. Sallust beschrieb die Verschwörung Catilinas als „in ihrer Frevelhaftigkeit und Gefährlichkeit einzigartig und deswegen wohl für die Nachwelt nicht ohne Bedeutung“. Ein Abkömmling des hohen Adels, ein Mann von großer physischer und geistiger Anziehungskraft, Sammelpunkt einer gesellschaftlich absteigenden Adelsschicht, hatte die Jugend der ehemals herrschenden Gruppe um sich gesammelt, um nach dem Vorbild Sullas den Staatsstreich und die groß angelegte Sanierung für sich und seine Parteigänger herbeizuführen. Catilinas großes Vermögen war dabei investiert worden; voller Hohn deutet ihm Cicero in jener Rede des 8. November den finanziellen Zusammenbruch an, der in der nächsten Monatsmitte bei Fälligkeit seiner Schulden auf ihn warte. Man hat in der Zusammenrottung der Catilinarier das Vorbild aller späteren „Eliterevolten“ erblickt.

Liest man im Sallust von dieser Zusammenrottung der „gerichtlich Verfolgten oder anrüchigen Gesellen“, der Leute, „bei denen sich die Schulden gewaltig anhäuften, da sie sich immer wieder von den Folgen ihres verbrecherischen Treibens loskaufen mußten“, so denkt man nicht ohne Grund an die Beschreibung, die Karl Marx im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ von Umgebung und Kostgängern des Neffen Napoleons gegeben hat. Keine Frage, daß am Beispiel Catilinas und zahlloser ähnlicher Zusammenrottungen späterer Geschichte, bis zu Mussolinis „Marsch auf Rom“ und Hitlers Machtergreifung, eine Soziologie der Gegenrevolution oder des konservativen Staatsstreichs entworfen werden könnte.

In dieser Hinsicht bemerkenswert ist aber auch Ciceros Rede gegen den berühmten Verschwörer, denn sie entspricht einer Rhetorik des schlechten Gewissens, der doppelten Optik, der politischen Zweigleisigkeit — und zeigt damit, wie sehr ein innerlich erschütterter Staatsapparat vor dem Ansturm der Catilinarier, trotz vorübergehenden Gesten des Widerstands, insgeheim zu kapitulieren bereit war.

Alle historischen Analogien zwar sind bloß von verhältnismäßigem, von annäherndem Wert: die Besonderheit der geschichtlichen Situation ist bedeutsamer als die äußere Gemeinsamkeit gewisser Formen und Abläufe. Allein unverkennbar fühlt man sich doch bei der Auseinandersetzung zwischen Cicero und Catilina an jene rednerischen Debatten erinnert, die nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten vom 14. September 1930 den Zentrumskanzler Dr. Heinrich Brüning gegen die Propaganda des Dr. Joseph Goebbels stellen sollten.

Die Doppelgleisigkeit in Ciceros berühmter Rede liegt darin, daß er als Konsul vor dem Senat und den Senatsmitgliedern, darunter erwiesenen Verschwörern Catilinas, das Wort ergreift, ohne zum Handeln entschlossen zu sein. Zwar hat Cicero als Inhaber der konsularischen Gewalt das übliche „Ermächtigungsgesetz“ zugebilligt erhalten, mit den Worten des berühmten Dekrets: „Videant consules ...“ Die Konsuln mögen zusehen, daß der Staat vor Schaden bewahrt bleibe! Wenn aber in ähnlich gelagerten Fällen — Cicero zählt sie selbst ausführlich auf: Fälle aus der Zeit der Gracchen oder des Marius — solche Notverordnungen zur unmittelbaren Verhaftung und Hinrichtung der Verschwörer oder angeblichen Staatsfeinde geführt hatten, so ist der eigentliche Kern seiner Rede diesmal dem Nachweis gewidmet, er werde nicht den Catilina verhaften und richten.

Die doppelte Optik

So entsteht ein sonderbares Stück Rednerleistung. Einerseits klagt der Konsul als Inhaber der Staatsgewalt gegen den überführten und erwiesenen Hochverräter, der Heere zur Machterlangung in Rom und außerhalb gesammelt habe, der mehrfach seine politischen Gegner, den Sprechenden vor allem, habe ermorden wollen; dessen letzter Mordversuch am Vortage, dem 7. November, wieder einmal gescheitert sei.

Aber trotz allem denkt Cicero nicht daran, die selbstverständlichen Folgerungen aus solchem Sachverhalt zu ziehen. Er verbindet die Beredsamkeit des Staatsanwalts und stolzen Kriminalisten, der dem Verschwörer nachweisen kann, seine Winkelzüge und Heimlichkeiten seien längst offenbar geworden, mit einer sonderbaren Beredsamkeit des Rechtsanwalts, der die eigene politische Sache führt und zu verteidigen sucht.

Eigentümlich mutet es dabei an, wie sich Cicero literarisch an die berühmte Rechtfertigung des Sokrates anlehnt, der sich vor den „Gesetzen“ des Staates gerechtfertigt hatte, um gleichfalls auf eine rhetorische Frage zu antworten, die „das Vaterland, die Republik, der Staat an ihn stellen könnten, um Rechtfertigung zu verlangen“. Die Antwort spricht von der politischen und diplomatischen Zweckmäßigkeit. Cicero möchte durch seine Rede den Catilina zwingen, offen mit der Verschwörung zu beginnen: der anklagende Konsul will nicht selbst die Initiative ergreifen, sondern möchte sie aus Legalitätsgründen dem Verschwörer überlassen. Er ist sogar gezwungen, das offen zuzugeben, weil dadurch erst jene Kreise zur Stellungnahme gezwungen würden, die bisher noch Catilinas Treiben toleriert hätten. Der berühmte Redner und Jurist warnt überdies davor, durch eine Verhaftung Catilinas zwar einen „Führer“ unschädlich zu machen, aber den Kreis seiner Anhänger weiterarbeiten zu lassen.

Diplomatische Rhetorik

Alle Argumente sind stichhaltig. Es ist auch unleugbar, daß Cicero den gewünschten Erfolg erzielt. Über die Wirkung von Ciceros Rede schreibt Mommsen: „Noch jetzt paßte es Catilina, eine Verteidigung zu versuchen; aber man hörte nicht mehr auf ihn, und in der Nähe des Platzes, auf dem er saß, leerten sich die Bänke. Er verließ die Sitzung und begab sich, der Verabredung gemäß, nach Etrurien.“

Genau das hatte Cicero gewollt: daß Catilina sich in Fiesole an die Spitze eines Heeres der Verschwörung stellte, damit man ihn militärisch besiegen und gänzlich ächten konnte. Es ist gleichzeitig unverkennbar, daß Cicero, um so vorzugehen, erhebliche Rücksichten auf die mächtigen Protektoren Catilinas zu nehmen hatte, die immer noch in Rom tätig waren. Bekanntlich hatte auch Cäsar, trotz aller Vorsicht, die Bewegung des Catilina gefördert und nicht ungern gesehen. Ciceros Anklage mußte auf solche Beziehungen durchaus Rücksicht nehmen.

So ist diese Rede des Marcus Tullius Cicero gegen Lucius Catilina als ein Glanzstück diplomatischer Rhetorik mit doppeltem Boden überliefert: als eine Leistung aus Wucht und Zartheit, Anklage und Zurückhaltung, die im Ansatzpunkt zum Handeln drängt, um sich in ihrem Abgesang zu einer Verteidigung des Nichthandelns zu entwickeln.

Daraus ergeben sich einige Betrachtungen über das Verhältnis des Redners zur Propaganda und schlechthin zu den beabsichtigten Zielen. Es gibt Reden, die vom einzelnen Fall ausgehen, aber eine Vielheit von Menschen zu ergreifen suchen. Umgekehrt kennt man Reden im Rahmen breitester Öffentlichkeit, die sich an Einzelne als Individuen, an Vernunft und logische Überlegung wenden. Schließlich die Rede des eigentlichen Propagandisten, die ohne Rücksicht auf den Anlaß, mag er individuell sein oder generell, ein Massenerlebnis herbeizuführen sucht.

Anders unterschieden: es gibt die Rede als Argument und die Rede mit dem Ziel der Gefühlsentladung. Die Redner des Klassischen Altertums, deren Ansprachen uns überliefert wurden: Lysias und Isokrates, Demosthenes und Cicero, haben nahezu ausschließlich Reden gehalten, die sich als Argument an Vernunft und Überlegungsvermögen ihrer Zuhörer wandten.

Gewiß gibt es auch in der Rednerkunst die ständigen Rücksichten auf das Gefühl, auf Gemütserregung und Empfänglichkeit des Hörers für Schmeicheleien, wozu die übliche captatio benevolentiae gehörte; die Bemühung um Nachsicht und Wohlwollen der Angeredeten. Auch der schwungvolle Schluß, den die französische Sprache selbst heute noch bei Beurteilung von Öffentlichen Reden im klassischen Begriff der Exhortation faßt, besaß traditionsgemäß einen stark affektiven, gefühlsbewußten Charakter. Trotzdem ist der Aufbau der klassischen Reden auf Argumentation und Widerlegung gegnerischer Gesichtspunkte gerichtet. Der Hörer soll denken und mitdenken, freilich auch in den Bahnen mitlaufen, die der Redner vor ihm und für ihn durchläuft.

Diese Kunst der Rede allerdings setzt kleine politische und gesellschaftliche Verhältnisse voraus und ein öffentliches Leben, das noch mit Individuen als politischen Willensträgern zu rechnen vermag, wie das von der griechischen Polis und den italienischen Stadtstaaten der Renaissance bis zu den schweizerischen Kantonen mit ihren Landgemeinden der Fall war und in der Rhetorik des Nationalkonvents der Französischen Revolution noch einmal einen Höhepunkt erreichte.

Daher sind die Reden Mirabeaus, Vergniauds oder Dantons, um die größten Rhetoriker jener Epoche zu nennen, trotz aller Leidenschaft und Überzeugungskraft, durchaus als Argument aufgebaut. Bezeichnend ist es, daß Mirabeaus Reden durch einen der glänzendsten französischen Schriftsteller, den Sekretär Nicolas Chamfort, verfaßt und von Mirabeau als vorbereitete Ansprache abgelesen wurden. Auch Ferdinand Lassalles berühmte Reden waren schriftlich fixiert und wurden wörtlich abgelesen; abermals als Beweis einer weitgehend intellektuellen, argumentierenden Rhetorik.

Emotion statt Argumentation

Die Rede des Propagandisten im Rahmen moderner Propaganda arbeitet völlig anders. Auch hier gibt es den doppelten Boden, die Gleichzeitigkeit des Aufwiegelns und Abwiegelns. Allein beides erfolgt nach ganz anderen Prinzipien und mit ganz anderen Mitteln als etwa in Ciceros Rede gegen Catilina oder im Originaltext (also nicht in der Büchner’schen Fassung!) der Rede des Saint-Just gegen die Dantonisten.

Entsprechend dem gesamten Wesen von Propaganda strebt auch die Rede als Mittel der Propaganda nach Auslöschung der Argumente und nach Herstellung emotionaler Zustände. Gewiß argumentiert auch Dr. Goebbels, aber nicht mit realen, individuellen Gegnern, sondern mit Symbolgestalten zwischen Gott und Teufel, Schwarz und Weiß. Während sich daher die klassische Rhetorik in kleinen, überschaubaren Gesellschaftsgruppen abzuspielen pflegte, wo jedes Argument ad hominem verstanden wurde, weil der Redner seine Zuhörer kannte, und die Zuhörer meist auch den gepriesenen oder bekämpften Gegenstand der Rede aus persönlicher Erfahrung zu beurteilen vermochten, spielt die Propaganda des modernen Redners in Großräumen.

Sie arbeitet mit anonymen Massen, die sie als solche anspricht und immer stärker aller Reste an Individualität zu entkleiden sucht; sie errichtet Symbole und Statuen. Während die Intellektualität sogar noch der Anklagerede gegen Catilina ein gemäßigtes seelisches Klima verrät, muß der redende Propagandist unserer Tage nach dem Extremen streben: dem Siedepunkt oder dem Gefrierpunkt.

Der klassische Redner suchte in seiner Rede mitteilbare Gehalte und Gedanken zu repräsentieren: seine Überzeugung sollte sich zur Ansicht der Zuhörer erweitern. So wollte er durch die Kunst seines Vortrages und die Disposition seiner Argumente wirken. Der moderne Propagandist sucht, wenn er als Redner auftritt, durch das Sein zu wirken, nicht durch den Gehalt. Er will, daß man ihn selber akzeptiert und als Person, als Symbolgehalt, Vitalität und sinnliche Gegebenheit, auf sich wirken lasse. Er will die gefühlsmäßige Wirkung, nicht die Freiheit des Denkens und der gedanklichen Entscheidung, sondern sinnliche Bindung an die Person des Redners oder an den Sachgehalt, als dessen Symbol er sich herzeigt.

Daher eine völlige Umkehrung in der rhetorischen Technik. Früher dienten die Kunstmittel des Vortrages: Klangfarbe, äußere Erscheinung des Redners, Besonderheiten der Tracht und Geste dazu, sein Argument und Gedachtes wirkungsvoller und akzeptabler zu machen. Heute dienen die sinnlichen Gegebenheiten des propagandistischen Redners dazu, vom Argument und der gedanklichen Auseinandersetzung abzulenken. Früher sollten die Sinnlichkeiten zum Argument hinlenken: heute sollen sie sich an seine Stelle setzen. Man soll nicht das Argument, sondern den Redner oder seine Sache akzeptieren. Darum strebte der Propagandist des Dritten Reiches stets nach der seelischen Bindung, die er für seine Person und — durch die Person — für seine Sache nutzbar machen konnte.

Monolog statt Diskussion

Daraus aber ergeben sich zahlreiche programmatische Verhaltensweisen für einen Redner im Zeitalter der Propaganda. Zunächst war davon auszugehen, daß die Rede als Bestandteil einer Diskussion in zunehmendem Maße zurücktritt. An die Stelle früherer kontradiktatorischer Rhetorik trat der affektbetonte Monolog. Der Redner sprach im Bewußtsein, es werde und dürfe ihm keiner antworten. Er trug nicht eine These vor: er trug die These vor. Es gab keine andere.

Um diesen Tatbestand gleichsam nach außen hin sinnfällig zu machen, inszenierte Goebbels vor der Machtergreifung im Wahlkampf gegen den damaligen Reichskanzler Dr. Brüning das Satyrspiel einer politischen Diskussion, indem er Schallplatten mit einer Brüning-Rede in Massenversammlungen vorspielen ließ — und dazu ein „Korreferat“ hielt. Es war aber ein gespenstischer und scheinhafter Dialog; durch die Tonkonserve sollte die Abwesenheit jeder wirklichen Partnerschaft nur um so stärker betont werden. Es ergab sich natürlich — und sollte sich ergeben —, daß der Abwesende unrecht hatte! Kurz darauf wurde die Diskussion vom siegreichen Nationalsozialismus überhaupt verworfen. Man veranstaltete keine Debatten, sondern Kundgebungen, eigentlich Großkundgebungen. Wobei schon durch die Ankündigung vorausgesetzt wurde, es werde damit ein einheitlicher Wille bekundet: der Redner erschien und sprach, um auszusprechen, was scheinbar auch alle anderen dachten und auszusprechen gedachten. Hier hatte der Redner gleichsam die Rolle des Goethe’schen Tasso angenommen, dem ein Gott zu sagen gab, wie er leide.

Nicht zufällig hat Goebbels dies Goethewort mehrfach in seinen Reden wiederholt, um solchen Tatbestand einer „repräsentativen“, einer „stellvertretenden“ Rolle des Propagandisten für seine Hörer zu kennzeichnen. Der Rede Ciceros gegen Catilina folgte im Senat noch der Versuch einer Antwort des angeklagten Verschwörers. Die Rhetorik des modernen Propagandisten dagegen ist These ohne Gegenthese. Sie ist Monolog und Integrationsmittel.

Das große Redetheater

Eine weitere Besonderheit des modernen Propagandisten besteht in der Theaterform seiner Rhetorik. Der echte Redner und Debattierer früherer Zeitläufte stand allein mit seiner Person, Sprache, der Kraft seines Gedankens. Damit hatte er zu wirken. Der moderne Propagandist soll bereits wirken, bevor er noch den Mund öffnet. So hatten das Dritte Reich und vordem Mussolinis Faschismus sorgfältig das Spektakel bereitet, dem als Höhepunkt die Rede eingebaut sein sollte: Aufmarsch, Musik und Stimmung, Farben und Fahnen, Paukenschläge und Gelächter. Die Rede war bloß noch ein Bestandteil des großen Schauspiels. Sie war notfalls auch zu entbehren. Im Grunde hatte der Redner für die Schaulustigen bereits gesiegt, bevor er das Wort ergriff.

Betrachtet man die Parteikongresse der Demokratischen oder Republikanischen Partei in den Vereinigten Staaten, besonders wenn es sich um die Nominierung des Präsidentschafts-Kandidaten handelt, so entdeckt man auch hier die gleichen Züge des Schauspielhaften und Inszenierten, dem die eigentliche Wahlrede des vor aller Wahl Erwählten nur als Bestandteil eingegliedert wurde. Der aus Amerika importierte Fachausdruck des „Image“ trifft diesen Sachverhalt sehr genau. Daniel J. Borstin spricht in diesem Zusammenhang mit Recht von einer Verwandlung der Gestalten in Schemen.

Der Rahmen des Massentheaters und das Fehlen von Diskussion verlangt überdies vom Propagandisten den Verzicht auf alle Halb- oder Zwischentöne der Rede. Die echte Rhetorik der Vergangenheit wußte höchste Rednerwirkung aus der Anwendung des Konjunktivs und Optativs, aus Zweifel und Ironie zu ziehen. Das aber sind sprachliche Hilfsmittel für eine reale Debatte, so wie auch noch die „rhetorische Frage“ den Charakter von Debatte und Gespräch zu wahren gedenkt.

Der Redner in der Welt der Propaganda hat auf solche Schattierungen verzichte. Goebbels erlaubte keinen Zweifel. Hier gab es nur die Affirmation, die sieghaft vorgetragene Behauptung, oder die harte, höhnische Ablehnung. Alle Differenzierung in der Beurteilung von Menschen, Zuständen, Thesen verschwand zugleich mit der Differenzierung der Sprache. Anstelle der Möglichkeitsform, der Zweifelsform, der ironischen Schattierung des sprachlichen Ausdrucks trat das harte Ja und Nein, trat vor allem der Superlativ. Nun war alles Gegnerische unsagbar schändlich, das eigene Tun aber „einmalig“, „gigantisch“, „riesenhaft“. Die Sprache war hier gleichsam aller Denkelemente entkleidet und auf die reinen Willens- und Gefühlselemente reduziert.

Die Pose des Redners hatte sich solcher Forderung anzupassen. Er mußte stets überlegen sein. Konzessionen gab es nicht. Der Gegner war nicht vorhanden. Was auf der Gegenseite stand, kam nicht in Betracht, war nicht diskutabel. Man wird nicht einmal, bei genauer Analyse, sagen können, daß der Redner als Propagandist einfach genötigt gewesen sei, bedenkenlos zu lügen, weil auch die Lüge als Negation der Wahrheit das Streben nach Wahrheit voraussetzt; sie bedeutet zwar Aufopferung der Wahrheit, aber gerade in solcher Aufopferung deren Anerkennung. Goebbels jedoch und die Redner des Nationalsozialismus waren nicht einfach Lügner im alten Stile: sie wollten gar keine Wahrheit, d.h. keine Vermittlung von Wahrheit. Sie spielten einen Zustand der Bejahung und Verneinung, jenseits aller Argumente.

Es gab daher nicht, wie bei der eigentlichen Lüge, den Widerstreit zwischen Sein und Scheinen, denn Sein und Scheinen waren hier identisch. Es war überhaupt nur ein Scheinen, eine „Vorstellung“, beabsichtigt.

Gelächter als Waffe

Auch das Gelächter erhielt dabei eine ganz neue Funktion. Der klassische Redner, dessen Kunst gelegentlich noch in der französischen oder englischen parlamentarischen Beredsamkeit nachlebt, hatte mit den Mitteln der Heiterkeit gearbeitet, vor allem aber mit der Ironie. Er wartete auf das Lächeln des Verständnisses, kaum auf lautes Gelächter. Die rednerischen Gegensätze zwischen Pitt und Fox, Disraeli und Gladstone, Clemenceaus Reden hatten sich solcher Ironisierung des Gegners bedient. Ironie suchte hier zwar den Gegner durch leise Lächerlichkeit zu schmälern, behielt aber trotz allem die gemeinsame Diskussionsgrundlage mit dem Opponenten. Man suchte zu ironisieren, nicht aber im lauten Gelächter den anderen zu vernichten und auszulöschen.

Wenn Hitler oder Goebbels dagegen von Churchill oder Roosevelt oder Benesch sprachen, so war das brüllende Gelächter angestrebt, jenes massenhafte Lachen, das vernichtet und auslöscht. Immer stärker versuchte Goebbels in seinen Anweisungen an die Propagandisten, die Kunst des tödlich treffenden, von Gelächter umbrausten Schlagworts zu entwickeln.

Seither haben zahlreiche politische Parteien eigene Büros damit beschäftigt, solche von Grund auf diskreditierende Schlagzeilen für den politischen Gegner zu entwerfen. Hiebei fand allerdings sehr schnell ein Prozeß der Übersättigung statt; das ironisch abgewandelte Schlagwort konnte wiederum den Propagandisten selbst im Gelächter vernichten. Der Weg vom „Kohlenklau“ zum „Heldenklau“ bezeichnete den Abstieg, den die Goebbels’sche Propaganda bei Entfesselung des Gelächters nehmen mußte.

Entfesselung des Gelächters ist für den Propagandisten deshalb so wichtig, weil sich lachende Menschen schneller zur sinnlich empfundenen Gemeinschaft zusammenfinden. Die ernste Menge vermag in jedem Augenblick in geheim argumentierende Einzelne auseinanderzufallen. Die gemeinsam lachende Menge fühlt sich als Einheit und hat alles Drängende weggeschwemmt. Aus dem gleichen Grunde und im Zeichen der gleichen Entwicklung gehört es zur systematisch gelehrten Verfahrensweise amerikanischer Redner, mit einem „Joke“, einer Gelächter erzeugenden Bemerkung zu beginnen.

Der Universitätsprofessor wie der Methodistenprediger der amerikanischen Zivilisation weiß, daß seine Rede wirkungslos bleibt, wenn sie nicht eine sorgfältig aneinandergereihte Serie von Jokes bietet. Der Hörer kommt in solcher Erwartung zum Redner und wäre enttäuscht, ohne den erhofften Lustgewinn wieder abziehen zu müssen.

Neben solcher Herstellung von Stimmung und Austilgung der Argumente individuellen Denkens offenbart sich auch ein Prozeß der Nivellierung geistiger Gehalte, denn dem Redner kommt es überhaupt nicht mehr darauf an, wie im Falle der klassischen Rhetorik, ein vollendetes Gebilde vorzutragen, das umfassend aufgenommen und verstanden wird. Sein Ziel geht dahin, dem Zuhörer einige wenige Schlagworte, Pointen und Jokes als Erinnerung zu hinterlassen. Der Zuhörer soll diese weiter erzählen. Wer dächte noch daran, wie zur Zeit des Lysias oder Isokrates, des Mirabeau oder Lassalle, die Gesamtarchitektur einer Rede als Kunstwerk aufzunehmen und weiterwirken zu lassen.

In alledem äußert sich sehr deutlich jener Zug der Menschenverachtung, der aller Propaganda insgeheim anhaftet. Da der Propagandist nach Vergewaltigung der Seelen strebt, muß er sein Publikum stets niedrig schätzen. Sein Ziel wird sein, mit den Seelen und Gemütszuständen zu manipulieren. Er schätzt den Zuhörer daher nicht als Einzelnen, sondern als Bestandteil der Masse und behandelt ihn als solchen.

Das stereotype, scheinbar fragende „Ja?“ in den Reden ostdeutscher Propagandisten hat nichts von geheimer Unsicherheit an sich, sondern entspricht der patriarchalischen Besserwisserei. Es bedeutet: „Hast du mir auch bis hierher geistig folgen können?“ Auch hier gilt das Gesetz von Gresham: im Massenzustand soll nach dem Willen des Propagandisten das geistig unbeweglichere Element die kühneren, geistig selbständigeren Individuen zu sich hinabziehen.

Shakespeares Julius Cäsar sprach in der Ablehnung des Cassius nicht nur die Furcht aller Diktatoren aus, sondern nannte auch die echten Adressaten aller Propaganda: die wohlbeleibten Männer, die nachts gut schlafen und für Jokes empfänglich sind. Nicht umsonst vertraut der Film nur in den seltensten Fällen dem rundlichen Menschentyp die Rolle der Bosheit an. Hermann Göring konnte mit seiner leiblichen Gestalt immer wieder alle Kenntnis beiseite schaffen, die man von seinen wirklichen Taten besaß.

Gegen die „Brillenträger“

Der wahre Feind war der Intellektuelle, der Cassius mit dem hohlen Blick, der „Brillenträger“, wie man das im Konzentrationslager höchst simpel schematisierte. Das Individuum, das im Verdacht steht, zu viel oder überhaupt zu denken, ist der eigentliche Gegner des Diktators und des Propagandisten. Die Menschenverachtung des Propagandisten tendiert ja dahin, hintereinander oder gar gleichzeitig die verschiedensten Thesen vorzutragen, die verschiedensten Gefühlswallungen zu erzeugen, ohne befürchten zu müssen, aus dem Kreis der Zuhörer werde sich Widerspruch oder Befremden bemerkbar machen.

Cicero arbeitete in seiner Rede gegen Catilina mit doppelter Optik, indem er die Anklage gegen Catilina mit der Verteidigung seiner eigenen Untätigkeit verband. Ganz anders war die doppelte Optik, deren sich Dr. Goebbels bediente. Etwa in jener merkwürdigen Rede, die er in Berlin am Vorabend des 1. April 1933, des Tages des ersten Judenboykotts, hielt.

Die Absicht dieser Rede war das Aufwiegeln und Abwiegeln zur gleichen Zeit. Alle Haßgefühle der Hörer sollten gegen die jüdische „Greuelpropaganda“ im Ausland entfesselt werden, um den Boykott des 1. April als Ausdruck des „Volkszorns“ zu rechtfertigen. Gleichzeitig aber sollte dieses entfesselte Haßgefühl insgeheim um seine Entladung und Sättigung dadurch gebracht werden, daß alle Pogrome und ausgiebigen Plünderungen verboten wurden, und das ganze Spektakel sich auf den einzigen Tag des 1. April beschränkte.

So beginnt Goebbels seine Rede in großer Steigerung. Er zeigt hintereinander alle Teufelsfratzen der Gegner des Dritten Reiches: die Geldmächte und die Marxisten, Sozialdemokraten und Zentrumspartei, und noch die einstigen bayerischen Gegner des Putsches vom 9. November 1932. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn Goebbels dann fortfährt: „Und nun konzentrieren sich alle auf die letzte Macht, die, weil sie in der ganzen Welt verzweigt ist, eine Gefahr darstellen kann, auf die Macht des internationalen Judentums.“

Nun ist die Raserei der Hörer entfesselt, und Goebbels gibt ihr immer neue Nahrung: Einstein und Ernst Toller und Theodor Lessing und die Greuelpropaganda. Dann verkündet er die Gegenmaßnahme des Boykotts, um sogleich das entfesselte Gefühl wieder in neue Ketten zu legen: man erwartet Disziplin und Beachtung der Direktiven. „Die nationalsozialistische Bewegung hat eine Ehre, die noch niemals befleckt wurde. Niemals haben wir uns eine schlechte Handlung zuschulden kommen lassen.“

Und sogleich danach: „Wir erwarten eisernste Disziplin. Das muß für die ganze Welt ein wunderbares Schauspiel von Geschlossenheit und Manneszucht sein.“ Hier dringt eine neue Gefühlswelle an. Zur Wollust der Rache fügt der Redner nun die Wollust des Triebverzichts. Worauf er die so erzeugte seelische Hochstimmung in kultischer Weise mit den Worten des Rütli-Schwurs ausklingen läßt: „Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.“

Die Kunst der Abwiegelung

An der Grenze zwischen klassischer Redekunst der Dialektik und moderner Rhetorik der Gefühlsrepräsentation und seelischen Unterjochung steht als Meisterwerk einer janusköpfigen Rede der berühmte Nachruf, den Marc Anton im III. Akt von Shakespeares „Julius Cäsar“ dem ermordeten Diktator hält. Sie bietet gleichsam das Gegenstück zum rhetorischen Aufbau der Anklage Ciceros gegen Catilina oder auch (um das Armselige hier dem Bedeutenden zu vergleichen) zu jener Propaganda-Aktion des Dr. Goebbels vom 1. April 1933. Die Reden des klassischen Advokaten und des modernen Propagandisten begannen in kühner, ungestüm vorwärtstreibender Steigerung, um dann, auf dem Höhepunkt der Gefühlsentladung, wieder abzuwiegeln und in die Richtung der Besänftigung, der argumentierenden Überlegung zurückzuleiten. Ganz anders beginnt und plant der Leichenredner vor der Bahre des toten Cäsar. Er beginnt zaghaft, fast schüchtern, gleichsam bloß geduldet: man weiß, daß er zu Cäsars Freunden zählte; da nun der Diktator, offenbar mit Billigung des Volkes, als Tyrann und ehrgeiziger Machtstreber ermordet wurde, gilt solche Freundschaft mit dem Toten als kompromittierend. Die Sieger des Tages, Cäsars Mörder, waren großzügig, als sie den Freund des Gegners zu Wort kommen ließen. Brutus selbst hatte ihm Gehör verschafft und war dann verschwunden, im sicheren Gefühl, der eingeschüchterte und in seine Schranken verwiesene Totenredner werde bloß unwillig Gehör bekommen.

Darauf hat Antonius sich eingestellt. Er unterstreicht die eigene Unterwürfigkeit, die Großzügigkeit des Brutus. Bewußt trennt er den privaten vom öffentlichen Cäsar. Er will nicht von Politik reden, nicht von Schuld oder Verdienst des Toten. Er spricht für sich, von höchst persönlichen Gefühlen des Freundes. Marc Anton steht „auf dem Boden der Tatsachen“ und lobt den ehrenwerten Brutus, denn ehrenwert erscheint er offenbar dem Volk, das ihm vor wenigen Minuten noch zujubelte. Der Beginn dieser Rede ist Argumentation, sorgfältige Trennung von „Bericht und Kommentar“; der Redner verzichtet angeblich auf das Werturteil, um bloß von den eigenen Erfahrungen mit dem Freund und dessen Freundschaft zu berichten. Gelegentlich folgt, vorsichtig formuliert, der erste Appell auch an das Gefühl der anderen, an das Mit-Gefühl:

Ihr liebtet all’ ihn einst nicht ohne Grund:
Was für ein Grund wehrt euch, um ihn zu trauern?

Die Wirkung ist zunächst eine solche des Gefühls. Indem Antonius kühl argumentierend nur das private Gefühl bekunden wollte, erweckt er Mitleid für sich und Mitgefühl für den Leichnam. Als diese Wirkung erzielt ist, geht er einen Schritt weiter. Die Kunst des Propagandisten vor der Menge besteht oft darin, scheinbar weniger zu sagen oder zu fordern, als man wirklich zu sagen und zu fordern gedenkt. Man läßt sich gleichsam von der Menge überraschen und weiter treiben als beabsichtigt; den entscheidenden Schritt, den man gehen will, tut man nicht selbst: man läßt sich stoßen.

So legte Goebbels bei Verkündigung des totalen Krieges die Entscheidung durch öffentlichen Dialog in den Willen seiner Zuhörer. Sie waren es schließlich, die angeblich den totalen Krieg gewollt und gefordert hatten. Sie sollten, exaltiert, den nächsten Schritt fordern, den der Redner zwar zeigt, aber, offensichtlich zögernd, selbst noch zurückhielt. Hier arbeitet die Propaganda mit einer Parodie der sokratischen Methode. Nach dem Muster der großen Hebammenkunst wird aus der beeinflußten Menge als deren angeblich eigene Entscheidung herausgeholt, was man von ihr erwartet. Der Redner sagt weniger, als er sagen will, läßt aber erkennen, daß er weniger sagt, als er sagen könnte.

So auch Marc Anton. Natürlich will er Cäsars angebliches Testament vorlegen; natürlich will er mit diesem Testament nach dem Appell an das Mitleid nunmehr den Appell an die Selbstsucht lançieren. Allein als geschickter Propagandist läßt er sich gleichsam vom „Volksempfinden“ vergewaltigen: er spricht vom Testament, lupft verstohlen den Schleier von dessen Inhalt, um ihn sogleich wieder fallen zu lassen. Dadurch sind Neugier und Gier erregt. So zwingt das Volk den Redner, wozu es ihn zwingen sollte.

In diesem Stadium ist der Hinweis auf die „ehrenwerten Männer“ bereits dazu bestimmt, Widerspruch zu erregen. Als Marc Anton zu Beginn vom ehrenwerten Brutus sprach, erstrebte er wohlwollende Zustimmung. Nun will er, daß man ihm widerspricht, was auch wunschgemäß geschieht. Doch sogleich scheint Antonius zur Stromrichtung des Beginns zurückzukehren. Nach dem Appell an die Begierde werden plötzlich, auf erhöhter Stufe des Geschehens, Mitleid und Tränen von neuem bemüht:

Wofern ihr Tränen habt, bereitet euch
Sie jetzo zu vergießen. Diesen Mantel,
Ihr kennt ihn alle; noch erinnr’ ich mich
Des ersten Males, daß ihn Cäsar trug,
In seinem Zelt, an einem Sommerabend —
Er überwand den Tag die Nervier —
Hier, schauet! fuhr des Cassius Dolch herein;
Seht, welchen Riß der tück’sche Casca machte!
Hier stieß der vielgeliebte Brutus durch.

Das Mitleid, wie es der Propagandist jetzt fordert, soll anders aussehen als die schüchterne Trauer des Beginns, und der letzte Vers dieser Rede-Etappe, das letzte Wort dieses letzten Verses bringt plötzlich die eigene, politische Stellungnahme des Redners:

Hier ist er selbst, geschändet von Verrätern.

„Ich sag’ euch, was ihr wißt“

Nun sind die ehrenwerten Brutus und Cassius auch im Mund des Leichenredners bereits zu „Verrätern“ geworden: die persönliche Freundschaftsgeste dieser Rede hat sich zur politischen Haltung erweitert. Sogleich folgt denn auch der Ruf der Rache, doch abermals wiegelt Antonius ab. Statt dem Geschick, das er erstrebt, freien Lauf zu lassen, dämmt er die Empörung wieder ein. Er will, erklärt er, gerade nicht zum Aufruhr antreiben. Noch einmal macht er die Reverenz vor Weisheit und Ehrenhaftigkeit der Herrschenden. Dabei aber bedient er sich bereits eines Kunstgriffs, den auch die Propagandisten des Dritten Reiches gern anzuwenden pflegten: Antonius gibt sich als „schlichter Mann des Volkes“, um seine Volksverbundenheit gegenüber dem „intellektuellen“ Brutus zu betonen:

Ich bin kein Redner, wie es Brutus ist,
Nur, wie ihr alle wißt, ein schlichter Mann,
Dem Freund ergeben, und das wußten die
Gar wohl, die mir gestattet hier zu reden.
Ich habe weder Schriftliches noch Worte,
Noch Würd’ und Vortrag, noch die Macht der Rede,
Der Menschen Blut zu reizen; nein ich spreche
Nur geradezu, und sag’ euch, was ihr wißt.

Nun wird also Brutus vor dem Volk als gleißender und gewaltiger Redner hingestellt. Sein Gegner Antonius aber nennt sich selbst den schlichten, stammelnden Freund und Anwalt ungebrochenen Gefühls gegenüber hochpolitischer Geschicklichkeit des andern. Dies Bekenntnis einer schlichten und schönen, angeblich aller Künste der Rede abholden Seele wird vorgetragen in einer Rhetorik, die mit allen abgefeimten Künsten der Demagogie zu arbeiten weiß. Ganz wie die amtlichen Redner des Dritten Reiches als schlichte Männer des Volkes aufzutreten suchten, als Anwälte von Volkszorn und gesundem Volksempfinden, wenn sie gegen „Jüdische Arglist“ und „Intelligenzbestien“ zu Felde zogen.

Auch hier endet der letzte Vers und das letzte Wort dieses letzten Verses mit dem bezeichnenden Stichwort. Allerdings hat Schlegels Übersetzung diese Feinheit nicht genügend herausarbeiten können. Antonius klagt über die Unzulänglichkeit seiner Rede und meint, wenn er so reden könne, wie angeblich Brutus, „that should move the stones of Rome to rise and mutiny“.

Die rhetorische Spirale

Das letzte Wort also ist Empörung, Aufstand. Sogleich antworten die Bürger mit der Forderung nach Aufstand. Jetzt bleibt dem Aufwiegler wenig mehr zu tun: abermals schaltet er von Mitgefühl und Haß auf die Begierde, indem er erneut das angebliche Testament, Brief und Siegel beschauen läßt und von Cäsars Geldlegaten an die römischen Bürger lockend berichtet. Die Folgerung ist klar, ohne daß die Propaganda sie ausdrücklich formulieren müßte. Das Volk hat verstanden: man muß Cäsars Gegner unschädlich machen, um Cäsars Testament in Kraft zu setzen. Das Unheil, wie Antonius jetzt höhnisch vor sich selber feststellt, ist im Lauf.

Schüchtern als privater Sprecher war Cäsars Freund vor seine römischen Mitbürger und Freunde hingetreten, in voller Achtung für die Obrigkeit des Tages. Dem Gefühl hatte er die Begehrlichkeit zugesellt. Dann hatte er schrittweise, scheinbar immer wieder abwiegelnd, sich dazu verleiten lassen, etwas mehr zu sagen. Es folgte der Gefühlsappell auf der höheren Ebene, dann erneute Zurücknahme, die aber verhindert werden soll und verhindert wird. Erneute Lockung der Begehrlichkeit vollendet das Werk.

Ein vollkommenes Meisterwerk der Rhetorik und der Propaganda. Die Kurve verläuft in spiralförmiger Steigung. Alle scheinbaren Zurücknahmen dienen der Entfesselung, während bei Cicero alle Entfesselungen der schließlichen Zurücknahme zu dienen hatten. Zwei Fälle der doppelten Optik. Zwei Möglichkeiten der Propaganda durch das Wort des Redners.

Der obige Beitrag erscheint demnächst in der Festschrift zum 80. Geburtstag von Georg Lukács, herausgegeben von Frank Benseler, im Verlag Luchterhand, Neuwied.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1965
, Seite 301
Autor/inn/en:

Hans Mayer:

Foto: Von Ludwig Garner - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=102914355
Jahrgang 1907, studierte Literaturgeschichte, Geschichte, Rechts- sowie Staatswissenschaft und promovierte in Köln bei Hans Kelsen. Als Kommunist emigrierte er 1933 in die Schweiz, ging 1945 nach Deutschland zurück, war zunächst Chefredakteur bei der Nachrichtenabteilung des Hessischen Rundfunks, ab 1950 Ordinarius für Kultursoziologie und Literaturgeschichte in Leipzig. Am 2. September 1963, während eines Aufenthalts in der Bundesrepublik, gab er seinen Entschluß bekannt, nicht mehr in die Ostzone zurückzukehren. Prof. Mayer veröffentlichte u.a.: „Georg Büchner und seine Zeit“, „Thomas Mann“, „Schiller und die Nation“, „Studien zur deutschen Literaturgeschichte“, „Von Lessing bis Thomas Mann“.

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