FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1963 » No. 113
Franz Theodor Csokor

George Saiko zum Gedächtnis

Der in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1962 so plötzlich verstorbene Schriftsteller und Kunsthistoriker Dr. George Saiko, der 1892 in Seestadtl in Nordböhmen zur Welt gekommen war, stellte, wie der ihm befreundet gewesene Robert Musil, ein richtiges „Austrian blend“ dar, ein Gemenge aus deutschen und slawischen Elementen, und in einem solchen ethnischen Mischbezirk des östlichen Österreich spielte auch Saikos erster, bei seinem Erscheinen fast unbeachtet gebliebener Roman „Auf dem Floß“, den der Sechsundvierzigjährige 1938 vollendete und im Manuskript bis 1946 liegen ließ. Erst dann beschaffte der davon begeisterte Hermann Broch dem späten Dichter einen Verlag.

Dieses Buch sei nicht nur deshalb eingangs betrachtet, weil es in der Chronologie an erster Stelle steht. Vielmehr offenbart sich in ihm bereits Saikos Fähigkeit, in seiner Prosa eine aus dem visuellen Erlebnis rückblendende Reflexion anstelle eines chronologischen Berichtes anzuwenden. Saiko erzielt Tiefenmessungen der Menschenseele, indem er die Tabu-Bereiche des Vorbewußten und des Verdrängten aufschlüsselt und auslotet. Sein Unternehmen bedeutet einen Vorstoß zur Überwindung der herkömmlichen, ausgeleierten Romanform und setzt damit Musils Versuche, doch mit stärkerer Sinnlichkeit getränkt, fort.

Daß Saiko für seinen Roman-Erstling die Epoche nach dem ersten großen Wert-Zerfall des humanistischen neunzehnten Jahrhunderts wählte, jene Epoche also, die durch das Kriegsende von 1918 einen Infarkt im Herzen des Erdteiles herbeiführte, erleichterte ihm die Formung seiner Fabel, die er weniger aus einer Aktion als aus der Antithese von Zuständen entwickelte. Auf den flüchtig verfugten Balken ihrer durch die Katastrophe von 1918 schwer angeschlagenen Existenzen schießen seine Figuren, Fragmente einer zersplitterten Gesellschaft, in flatternden Berührungen voll Haß oder Sehnsucht aneinander vorbei, jede einsam und immer heftiger dem unausweichlichen Absturz in das Nichts entgegengerissen, dessen Toben sie zuweilen aus der Ferne zu hören meinen. An diesem Absturz zerschellen schließlich beide Welten in Saikos Buch, das zwischen slowakischen Adelsschlößchen und in die Erde versunkenen Zigeunerkaten hingleitet: die der heimatlosen Aristokraten und die der heimatlosen Zigeuner. Was hier vor 1938 prophetisch geahnt wurde, ereignete sich dann zwischen 1939 und 1945 in der Wirklichkeit.

Die Zentralfigur von „Auf dem Floß“ ist Joschko, der bärenstarke Leibkutscher des an der Ostperipherie der 1918 verkleinerten österreichischen Republik hausenden Fürsten Fenckh, ein gigantischer Christophorus zwischen der Wurzellosigkeit einer überfeinerten Herrenschichte und einer zigeunerischen Triebwelt, ein Tor, dessen Treue von beiden Teilen mißbraucht und verraten wird. Dieser freiwillige Leibeigene, dessen urhafte Kraft nicht allein auf den Fürsten ihren Abglanz wirft, sondern auch auf seine Umgebung, erkennt in seiner Dienstfertigkeit keinen Tod an: Joschko wünscht, nach seinem Tod anstelle eines ausgestopften Wisents in dessen Glasvitrine in der Halle des Schlosses konserviert und livriert als ewiger Leibwächter bleiben zu dürfen.

Die Menschen um diesen dumpfen Riesen gehorchen ebenfalls weniger ihren intellektuellen Erwägungen als jenem Rest „Joschko“, der sich in jedem von ihnen verbirgt. Man spürt sie geradezu: den seinem Kutscher die Kraft neidenden Fürsten Alexander; die Zigeunerin Marischka, die — einst des Fürsten Maitresse — nun mit Joschko vermählt ist und an ihm zur Mörderin wird; ihren Mitschuldigen, den Chauffeur Imre, der an ihr zugrunde geht. Mit Abstand und doch immer bezogen auf jene Zentralfiguren folgen ihnen die anderen: die Gräfin Mary Tremblay mit ihrem Gatten George, der ihr seine Freundinnen zuschleppt wie ein Kater der Herrin gefangene Mäuse; die mit Aggression geladenen Kinder der beiden, Mick und Gise; der Vetter des Fürsten, Eugen, der „Russe“, gezeichnet von der dort erlebten Revolution; und schließlich, allen rätselhaft in seiner hohen geistlichen Würde, der Bruder des Fürsten, der Bischof, der die Uniform des Reiteroffiziers mit der Soutane vertauschte. Sie alle kreisen um Joschko, der in zwölf durch Kapitelpaare getrennten Abschnitten stets wieder auftaucht, noch über sein leibliches Ende hinaus. Für die übrigen Passagiere „Auf dem Floß“ gibt es zueinander keinen Weg mehr, es wäre denn einer, der zu einem tödlichen Ausgang führt, gleich dem zwischen Marischka und Imre, der ihrem gemeinsamen Opfer Joschko in den Sumpf nachsinkt, in welchem ihn Marischkas zigeunerische Helfershelfer hatten verschwinden lassen.

„Auf dem Floß“ ist ein dämonisches Buch aus einer magischen Welt, die selbst unter der Termitisierung totalitärer Systeme nie völlig erlosch. Die Konfrontation einer kulturgesättigten Menschengruppe, die ihre Abenteuer eigentlich nur mehr im Geist zu erleben vermag, mit einem solchen System — das in verworrenen Provinzhirnen zu einem gespenstischen Mythos vergor, der später die Welt in einen zweiten, weit grauenhafteren Krieg stürzte — geschah in Saikos nächstem Roman: „Der Mann im Schilf“.

Hatte Saikos erstes Buch, dem kleinere epische Arbeiten aus der Zeit vorangegangen waren, da der ehemalige Schüler des Wiener Kunsthistorikers Max Dvořák noch zwischen Wissenschaft und Dichtung schwankte (Saikos erste Erzählung hatte 1913 „Der Brenner“ veröffentlicht), eine vielschichtige, zwischen Europa und Asien spielende Handlung gebracht, so fußt die Handlung dieses zweiten Romans auf einem schmäleren Boden, auf jenem des ersten Nachkriegs-Österreich, wo im Sommer 1934 der Kampf zwischen den italienischen und den deutschen Faschisten durch deren österreichische Parteigänger ausgefochten wurde. Damals gerät — in und um Salzburg — eine kleine, von dem englischen Archäologen Sir Gerald geleitete, aus Kreta gekommene Gruppe in die Auswirkungen des Putsches vom Juli 1934, der in der grausigen Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dollfuß gipfelte.

Die Zentralfigur des Buches ist Sir Geralds Assistent Robert, der durch jahrelange Abwesenheit seiner Salzburger Heimat völlig entfremdet wurde. Hanna, seine Landsmännin und Braut, hat ihn zurückgeführt; die Begegnung mit ihr soll ihn — das ist sein heimlicher Wunsch — von dem Bann der Begleiterin Geralds, der schillernden Loraine, und ihrer kalten Hysterie befreien. Doch statt der erwarteten Hanna, die erst später zu ihm findet, trifft Robert — nach einem derben Zusammenstoß mit aufsässigen Einheimischen — seinen Bruder Felix, einen verabschiedeten und darüber zum „Illegalen“ gewordenen Offizier, der als „Intellektueller“ der skurrilen Gefolgschaft seiner Partei längst verdächtig geworden ist. Näher steht diesem Klüngel aus Arbeitslosen, Kleinbauern und verbiesterten Mittelständlern der doppelzüngige Ministerialrat Mostbaumer: daß er auf Grund seines Führungsanspruches den ihm unbequem gewordenen Felix persönlich beseitigt, verübelt ihm dort niemand.

Ein Hexenkessel aus Gemeinheit, Tücke und Gier benebelt Robert, der aus einer mediterranen Atmosphäre heimkehrt, wo sich Dekadenz, Laster und Mord nicht in politische Kostüme werfen. Dennoch gewahrt er, daß die Einheimischen die Überfälle, Fememorde und Hinrichtungen zwar ausführen, im Grunde jedoch nur Werkzeuge Mächtigerer sind, deren Motive sie nicht durchschauen. Diese eigentlichen Täter entgehen der Vergeltung: Mostbaumer ebenso wie der Bauer Florian, der Gewehre auf Reisen schickt, wie dessen Bruder, der für Bestechungen anfällige Cölestin. Denn für alle ihre Verbrechen hat man ja einen Schuldigen vorrätig, einen unbekannten windischen Putschisten, der sich im Schilf des Sees angeblich versteckt hält.

Diesen „Mann im Schilf“ will Hanna retten — aus keinerlei parteipolitischen Gründen, sondern weil sie sich in ihrer fraulichen Menschlichkeit für den ihr unbekannten Ausgestoßenen mitverantwortlich meint. Bei diesem Versuch fällt sie einer verirrten Kugel zum Opfer. Robert aber wird, im Schutze seines englischen Chefs und dessen kaltglühender Gefährtin, nach dem mißglückten Ausflug in die Heimat von den Salzburger Perchtenmasken mit ihren politischen Stirnstempeln wieder zu den goldenen Totenlarven des Mittelmeeres zurückkehren.

Wie in Saikos erstem Buch taucht auch hier der Faulknersche Schuldbegriff auf, demzufolge die Kreatur mit allem, was sie durch ihr Leben begeht und erleidet, erbarmungslos verschmiedet bleibt: kein Mensch kann sich und seiner Vergangenheit entrinnen, denn die bedingt ja sein Verhalten zur Gegenwart. Noch faszinierender und konsequenter als in seinem ersten Roman verwendet Saiko hier das „Vorher“ und „Nachher“ nicht dem zeitlichen Ablauf gemäß, sondern den Forderungen einer epischen Dynamik entsprechend; mit besonderer Wirksamkeit geschieht das im Schlußkapitel, das mit der Aufbahrung der toten Hanna einsetzt und rückläufig ihren Weg in den Tod aufrollt. An die Stelle des Chronologischen tritt also die analytische Logik der Kausalität.

Die Obduktion der Zeit wird in Saikos Roman durch zwei Figurengruppen vollzogen, zwischen denen es keine Gemeinsamkeit gibt: durch die angelsächsische, die von einer Magna Charta der Menschlichkeit bestimmt ist und hinter der ein übernationales Weltreich steht, und durch die nationalistische, die über das Biologische eines veralteten Rassenbegriffes nicht hinauszureichen vermag. Überzeugender als jegliches historische Dokument beschwört Saikos „Mann im Schilf“ die Spannung im österreichischen Raum, wo der Mord-Sommer 1934 den schaurigen Auftakt zu den Iden des Wiener März 1938 und damit zum Zweiten Weltkrieg gab.

Zwei Bände mit kürzeren Geschichten, „Giraffe unter Palmen“ und „Der Opferblock“, brachte der energische junge österreichische Verlag Hans Deutsch in würdiger Gestalt heraus. Er sicherte sich auch Saikos in Angriff genommenen Roman „Murazzo“ und eine von dem Autor, der wie der ihm nahegestandene Robert Musil seine Arbeiten immer wieder überholte, gestraffte Neuausgabe der schon erwähnten Romane sowie eine Roman-Novelle „Amelie auf dem Postament“, deren erste Kapitel posthum erschienen. Der Große Österreichische Staatspreis krönte Saiko noch in seinen letzten Lebenstagen. Nun ist dieser Dichter als letzter der Musil’schen Generation und über sie hinausweisend von uns geschieden, und die Schwere solchen Verlustes lassen uns auch die Erzählungen fühlen, die ihn als Meister einer kostbar intensiven Kurzprosa, durchpulst von einer glühenden Sinnlichkeit erwiesen haben.

Das gilt auch für Saikos letztes Buch „Der Opferblock“, zwei Geschichten, in denen sich die Kriege von 1914 und 1939 spiegeln. Die Erzählung „Die Klauen des Doppeladlers“ [*] zeigt das Wappentier des Habsburgerreiches und die Schweijk’sche Grimasse seiner Grenzvölker, die es in seinem Todeskampf noch verteidigen sollen. Lächerliche und zugleich blutrünstige Verantwortungslosigkeit, wie sie den Zweiten Weltkrieg an der russischen Front besonders auszeichnete, demonstriert die zweite Geschichte, „Die Badewanne“, darin die Privatgelüste eines Kommandanten um jeden Preis, auch um den der äußersten Unmenschlichkeit, befriedigt werden müssen. Und „Amelie auf dem Postament“ ist die Leiche einer verdorrten Alten, die nicht nur zeitlebens durch ihre Bösartigkeit ihre Umgebung verbittert hat, sondern sogar noch als Kadaver wie eine Seuche fortwirkt. Dieses nach Saikos Tod veröffentlichte Fragment läßt den Plan eines Ganzen ahnen, dem keine Durchführung mehr gegönnt war.

George Saiko lebte in Wien nach Vorkriegsreisen, die ihn fast über alle Hauptstädte Europas von Paris bis Petersburg geführt hatten, sehr zurückgezogen. Einem engen Kreis nur bekannt und einem noch engeren in seinem Rang als Schriftsteller ein Begriff gewesen — von dorther erfolgte die Zuerkennung des Großen Staatspreises an ihn — erlag er im Kampf gegen seinen Körper nach einer jahrelangen schmerzhaften Krankheit. Nun ist der Blick über sein Werk frei und von nichts Persönlichem behindert.

[*Vorabdruck im FORVM, Heft IX/107.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1963
, Seite 241
Autor/inn/en:

Franz Theodor Csokor:

Prof., Präsident des PEN-Clubs, Altmeister österreichischer Dramatik.

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