FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 319/320
Günther Nenning

Der Förster vom Krisenwald

Romantik und Nullwachstum

I. „Widerspiegelung“ — Sinn und Unsinn

Literatur bedarf keiner besonderen Rechtfertigung. Sie hat es nicht nötig, unentwegt in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingeschachtelt zu werden. Schon an und für sich ist sie wichtig. Ein Buch gibt seinem Leser und Genießer höchstpersönliche Gefühle und Einsichten; er ist, wenn er es weglegt, ein andrer als vorher.

Ob und auf welche Weise Literatur verknüpft ist mit sonstiger Kultur, mit Politik, Ökonomie, mag den Leser kümmern oder nicht.

Kümmert er sich, gewinnt er neue, andere Dimensionen von Verständnis. Das kann ihm nützlich sein, ob als bloßer Leser und Kulturmensch, oder Politiker, oder Ökonom.

Vier Theorien lassen sich formulieren über den Zusammenhang von Literatur, überhaupt Kunst und Kultur einerseits, anderseits dem sonstigen Leben, speziell Politik und Ökonomie:

  1. Eine esoterische Theorie: Den Zusammenhang gibt’s nicht. Das Reich des Schönen, Wahren, Guten steht für sich da, abgetrennt vom Materiellen, Politischen oder gar Ökonomischen.
  2. Eine exoterisch-idealistische Theorie: der Zusammenhang besteht, so zwar, daß Literatur, Kunst, Kultur unser übriges materielles Sein letztlich bestimmen. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“
  3. Eine exoterisch-materialistische Theorie: es ist umgekehrt das materielle Sein, die politische Ökonomie, die unser Bewußtsein bestimmt. Über dieser materiellen Basis sind Literatur, Kunst, Kultur bloßer Überbau.
  4. Eine kritische Theorie, die offen bleibt für alle drei bisher grob skizzierten Anschauungen:
    1. 4.1. Es gibt wohl einen esoterischen Aspekt von Literatur, sekundär, aber wichtig. Als Ergebnis der Klassen- und Arbeitsteilung in der industriell-kapitalistischen Gesellschaft kapseln sich Literaturproduzenten ab in eine eigene Welt, die ihre eigene Literaturpolitik entwickelt, natürlich auch ihre eigene Ökonomie. Desgleichen bilden Literaturkonsumenten ihre eigene, illusionäre Flucht- und Traumwelt.
    2. 4.2. Es gibt sicher einen idealistischen Aspekt von Literatur: Bücher, Gattungen, Moden, die gewaltigen Einfluß haben auf das übrige gesellschaftliche Leben. Offenkundig hatschen Veränderungen in der Literatur nicht einfach hinterdrein nach Veränderungen des materiellen Lebens — sie gehen oft voraus. Ist Literatur Widerspiegelung der Gesellschaft, so oft als Fata Morgana: sie sieht Landschaften, die noch gar nicht da sind, aber kommen.
    3. 4.3. Überwältigend sind die Hinweise auf den materialistischen Aspekt von Literatur. Sie ist Spiegelung materiellen Lebens — in wie immer verfeinerten, gewissermaßen heimtückischen Formen: sie verweigert sich „sozialistischem Realismus“, gehorsamer Abbildung und Feier bestehender Verhältnisse, spiegelt schlechte Wirklichkeit im oppositionellen Gegenbild; sie konfrontiert uns mit einem Bild von uns selbst, das nicht aus Spiegelung unsrer selbst kommt, sondern besser ist als wir. „Widerspiegelung“ ist unter den obigen Kautelen einer kritischen Literaturtheorie zu fassen.

Der Satz „Literatur ist nichts als Widerspiegelung der Gesellschaft“ ist unbrauchbar, weil er uns um das wesentliche eigene Leben der Literatur betrügt.

Brauchbar ist der Satz, und auch dann nur, wenn es nicht um Genuß von Literatur geht, sondern um ein Zweitwichtiges: um wissenschaftliche Untersuchung ihres gesellschaftlichen Zusammenhangs: „Literatur ist unter anderem Widerspiegelung des materiellen Lebens, daher auch der politischen Ökonomie — und das nicht bloß als Abklatsch und Nachbild einer schlechten Wirklichkeit, sondern als Gegen- und Vorausbild einer besseren.“

Absichtsvoll liegen bleibt die Frage nach dem Primat von literarischem Überbau oder materieller Basis.

Sie ist so lustig und so lösbar wie die Frage, ob die Henne zuerst da war oder das Ei.

II. Ökonomisches Wachstum und literarischer Fortschrittsoptimismus

Unmittelbare Widerspiegelung von ökonomischem Wachstum ist in der Literatur — weitgefaßt: inklusive ideologischer, politischer, philosophischer Literatur — ein daraus entspringender Optimismus, ein Glaube an den „unbegrenzten Fortschritt“ nicht des Menschen schlechthin, sondern seiner materiellen Paraphernalia.

Dazu gehört dann der entsprechende Glaube an die unbegrenzten Fähigkeiten des Menschen, Prometheus als der vornehmste Heilige im menschlichen Kalender; ein Humanismus, der nicht nur an das Gute im Menschen glaubt, sondern vor allem an das Technokratische.

Als Spätphase entwickelt sich beim Anstoßen des unbegrenzten Fortschritts an die Grenzen von Energie, Rohstoffen, Umwelt, Menschlichkeit — eine Mischung aus Fortschrittlichkeit, Humanismus und Zynismus. Es ist klar, daß Fortschritt durch Wachstum statistisch, logisch und vernünftig nicht endlos fortschreibbar ist; politische, ökonomische, technische Sachzwänge münden in der letzten Weisheit: „In the long run we are all dead.“

Die jüngste Ausgabe des Technokraten ist nicht mehr fortschritts-, sondern todesgläubig. Sein Leiden ist die progressive Nekrophilie.

Die Geschichte des Bürgertums ist die Geschichte unerhörten ökonomischen Wachstums. Daraus haben ganze Stilepochen — in der Literatur wie sonstiger Kunst und Kultur — ihren Antrieb genommen.

Bürgerliches Wachstum ist der Financier fürstlichen, nationalen, imperialen Willens zu Macht und Ausdehnung: das ist die gemeinsame Signatur von sonst so verschiedenen Stilepochen wie Renaissance, Barock, Klassik und Realismus des 19. Jahrhunderts.

Erst im 1. Weltkrieg stoßen mit voller Wucht die diversen unbegrenzten Fortschritte zusammen und demontieren einander.

Aber nicht endgültig. Auch die Oktoberrevolution, die große Krise 1929, Faschismus, 2. Weltkrieg sind Einschnitte, die den bürgerlichen Fortschrittsglauben verletzen und deformieren, aber noch nicht umbringen. Aus dem 1. wie 2. Weltkrieg geht der stärkste, ungenierteste bürgerliche Optimismus, der amerikanische, nochmals verstärkt hervor. Die Wirtschaftskrise 1929 und jüngst Vietnam, Iran, Afghanistan erschüttern den US-Fortschrittsglauben gründlich — aber noch nicht mehr als das.

Und im Osten entsteht, als historischer Ableger des bürgerlichen, ein kommunistisch-marxistischer Fortschrittsglaube, der den amerikanischen ein- und überholt.

Der ideologische Fortschrittsoptimismus, als Kind des ökonomischen Wachstums, ist unzerstörbar durch politische Großereignisse noch so verheerender Art. Er stirbt erst zusammen mit dem Wachstum.

Dort also rascher, wo Wachstumsraten auf null oder darunter konvergieren.

Im Westen also rascher als im Osten.

Daher liefert das gröbste Beispiel von literarischem Optimismus als Widerspiegelung ökonomischen Wachstums bis auf weiteres der „sozialistische Realismus“.

III. Gebremstes Wachstum und Romantik

Romantik ist, seit es das Wort gibt, Schimpfwort. Humanisten, Aufklärer, Klassiker, Realisten, Technokraten wettern gegen das unvernünftige Zurückwollen zu Verhältnissen, die vorbei sind. Mögen sie auch, angeblich oder wirklich, besser gewesen sein und daher, gemessen am Richtungspfeil „Fortschritt“, eigentlich der Zukunft zugehören.

Romantik ist innerbürgerliche Opposition gegen bürgerliche Ökonomie.

Bürgerliche Ökonomie ist die Umwandlung von Natur — Menschennatur und Umwelt — in ein bloßes Mittel zur Produktion gegen Gewinn. Natur, sagen die Romantiker, ruht in sich, ist an und für sich da, wir sind in sie eingebettet; das bürgerliche Verbrechen ist die Herabwürdigung dieses Subjekts aller Subjekte zum beliebig verfügbaren Gegenstand der Nützlichkeit, Ausplünderung, Schändung.

Die Romantiker sagen das zu allen Zeiten:

Zu Zeiten hohen, anscheinend ungestörten, folglich optimistisch stimmenden Wachstums der bürgerlichen Ökonomie sind sie ein Häuflein; Avantgarde, die Gegenbilder, Vorausbilder malt, Orakel kommender Krise — sei’s die banale, die das Wachstum vorübergehend abbremst, sei’s die supreme Krise, wo Wachstum endlich, angeblich oder wirklich, an die absoluten Grenzen anrennt, von Energie, Rohstoffen, Umwelt, Menschlichkeit.

Zu Zeiten gebremsten Wachstums, in der banalen Krise, oder in der supremen, wer kann sie auseinanderhalten? — sagen die Romantiker ihre Sprüche mit besonderem Nachdruck und Echo. Aus dem Häuflein wird die sogenannte große Mode.

Die Kategorien Realismus und Romantik sprengen die fachlich-literarhistorischen Grenzen, sobald man sie als Widerspiegelung von politischer Ökonomie nimmt.

Realismus bezeichnet die Abschilderung gesellschaftlicher Wirklichkeit, ob auch kritisch gemessen an einer besseren Wirklichkeit, die sich aber den Kriterien des Fortschritts fügt: ein Ein- und Überholen des Jetzt und Hier auf der selben Straße, insofern Veränderung, aber nur insofern.

Romantik bezeichnet den Eigensinn, das Fortschreiten des Fortschritts, des bürgerlichen wie seiner Kopie, des sozialistischen — zu konfrontieren mit einem ganz anderen Fortschritt: vom Wachstum als Nutzveranstaltung zurück oder vorwärts zur Natur; sie trägt Nutzen, Wert und Sinn in sich selber, in uns selbst. Dort liegen die unbegrenzten Möglichkeiten.

Literaturgeschichte ist die Abwechslung von Realismus und Romantik als vorherrschende Strömungen, je nach Vorherrschen von hohem oder gebremstem Wachstum in der Ökonomie.

IV. Literarische Ausdrucksformen ökonomischer Depression

In Kataloge literarischer Ausdrucksformen darf man sich nicht verlieben. Die künstlerische Wirklichkeit ist komplizierter. Auf diese Warnung kann nicht allzuviel Rücksicht nehmen, wer Wissenschaft betreibt. Sie kommt ohne Schemata nicht aus.

Es lassen sich Gegensatzpaare entwerfen, die den Zusammenhang aufschlüsseln zwischen literarischen Ausdrucksformen und ökonomischer Konjunktur bzw. Depression.

Wachsende WirtschaftSchrumpfende Wirtschaft
Quantitativer Optimismus; unbegrenzter materieller Fortschrittsglaube; Natur als Nutzbarkeit Natur als Wert an und in sich; unbegrenzte innere Fähigkeiten des Menschen; daraus springender Optimismus
geschlossene, „große“ Themen und Formen; „realistischer‘‘ Roman, große Oper „Offene“ Inhalte und Formen; „dezentrale“ Thematik; Fragment, Essay, Lyrik
viel äußere Aktion, „sound and fury‘‘ Weg zurück oder vorwärts nach innen
positive Helden Anti-Helden
„männliche“ Literatur „weiche“, „weibliche“ Literatur
Tragik als Happy End, Held stirbt sinnvoll Romantik als Einschluß des Menschen, samt Leben und Tod, in die Natur

Aus einer so groben Schablone wie der hier skizzierten, ergeben sich keine eindeutigen Zuordnungen von literarischen Werken zu ökonomischen Perioden. Als minimale Vorsicht ist anzuraten, daß mehrere der aufgelisteten Kriterien zutreffen müssen, ehe eine solche Zuordnung auch nur wahrscheinlich wird.

Auch entstehen literarische Werke immer wieder gegen herrschende Strömungen. Und Werke in einer solchen Strömung sind widersprüchlich, enthalten vorherrschende Tendenzen und gegenteilige. Der Autor mag ausziehen, so und so zu schreiben; und landet ganz anderswo, sozusagen zum eigenen Erstaunen, soweit er’s merkt.

Marx hat an Balzac geschätzt, daß dieser, mit der Absicht, zeitgenössische Herrschaften zu feiern, eine vernichtende Kritik der Bourgeoisie lieferte. Diese Unschuld macht den großen Autor.

Richard Wagner lieferte die gewaltige und gewalttätige große Oper, in der das deutsche (auch französische) Bürgertum sich und den unendlichen Fortschritt seiner nationalen Wachstumsökonomie jubelnd wiedererkannte. Zugleich lieferte er das Vorausbild, in hochromantischer Dekadenz, der inskünftigen emotionalen, politischen, ökonomischen Götterdämmerung.

Weil Literatur nicht nur Nachbilder liefert, vorherrschende materielle Strömungen getreu spiegelt, sondern insbesondere und sozusagen trotzend Gegenbilder und Vorausbilder ebendrum erbringt die Beschäftigung mit literarisch-ökonomischen Korrelationen keine unbrauchbar linearen Einsichten, sondern verzwickt doppel- und hintersinnige.

Sie schafft nicht Klarheit, sondern Bedenklichkeit. So ist sie gemeint.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1980
, Seite 48
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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