FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 455
Ulrich Horstmann

Popanz Provokation

Seit seiner Anstiftung zum Weltuntergang, Das Untier, erfreut er uns mit schwarzbrillantenen Büchern — Schwedentrunk, Hirnschlag, Patzer u.v.a.m. Bei den »Münstereifler Literaturgesprächen« verkündete er: „Eine ästethische Kategorie ist ausgereizt“; so hat er damit sich grad „in die sozialkritischen Nesseln“ gesetzt, und „der Juckreiz trieb an den Schreibtisch.“ Das Resultat lesen wir hier.

Von wegen belletristisch. Die Tränen der Dinge. Die Trauer im Schönen. Keine Weinerlichkeiten hier. Die Schriftstellerei ist eine Unterabteilung der Ballistik. Sie verfügt über einen unbegrenzten Vorrat an Fehdehandschuhen, die ihr die Zuschneider der Literaturkritik anpassen und zumessen und die der Autor alsdann zielsicher ins Gesicht schleudert. Wem? Na, den hohlwangigen Tabus zum Beispiel, die uns das pralle Leben vermiesen wollen. Den prüden Vorurteilen, die als kastrierte Haremswächter unserer lustvollen Vereinigung mit der nackten Wahrheit im Wege stehen. Oder der Denkfäule ganz allgemein, jenen Grufties und Abgeschiedenen im Geiste, die sich partout nicht aufrütteln und aktivieren, nicht denkanstoßen und wertewandeln lassen möchten.

Ohne fleißige Provokanz kein Preis. Nicht jeder kann sein Werk à la japonaise mit einer Selbstausweidung krönen, aber ein paar aufgespießte Überzeugungen und abgestochene Vorbehalte muß ein mündiges Publikum als Talentprobe schon verlangen. Fürs Unerhörte werden dann Stipendien ausgeschrieben. Und wenn der angezahlte Skandal ausbleibt, ist das auch kein Schambeinbruch, solange der Stipendiat seiner Provokationspflicht anderweitig nachkommt — etwa, indem er Interna der Förderungseinrichtung ausplaudert.

So oder ähnlich ließe sich die fixe Idee unseres Jahrhunderts beschreiben, daß die Literatur erst durch das Provozierenkönnen und Provozierenmüssen zu sich selbst komme und daß Unanstößigkeit, weiland auch Affirmation geheißen, mit dem ästhetisch Nichtswürdigen zusammenfalle. Diese kategorische und kategoriale Gleichschaltung von Literatur und Provokation ist historisch erklärbar und trotzdem falsch. Paradoxerweise resultiert sie aus der Tatsache, daß Kunst nie gleichzuschalten war, nicht während zweier Weltkriege und der sich anschließenden Versuche, den dritten in Gang zu bringen, weder unter dem faschistischen Terror noch unter den Diktaturen des Proletariats. Immer aber gab es auch künstlerisch bedeutende Mitläufer, Volks- und Parteigenossen, die ihre Werke in den Dienst der staatstragenden Ideologie stellten oder sich von ihr in Dienst nehmen ließen und für ihre Kollaborationsbereitschaft nach dem Zusammenbruch mit ästhetischer Ausgrenzung und Diffamierung bestraft wurden.

Auf diese Weise sollte und soll die Kunst hochgehalten und die kleine Herde der Standhaften von den schwarzen Schafen getrennt werden. Die Parteizugehörigkeit und weltanschauliche Ausrichtung von Autoren aus den Epochen des Hundertjährigen, Dreißigjährigen, Siebenjährigen Krieges ist uns inzwischen herzlich gleichgültig, weil die „heilige Sache“, um derentwillen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt wurden, ihre Brisanz verloren hat und uns nicht mehr aufwühlt. In unserer nicht minder rüstigen und waffenstarrenden Gegenwart ist das anders. Wir sind alle involviert, ob wir wollen oder nicht, und also sammeln wir Verbündete, um der Freiheit, die wir meinen, willen und auf Teufel komm heraus. Die Kunst ist selbstverständlich mit von der Partie, und zwar immer auf Seiten der Sieger von heute oder morgen. Der Gegner ist unweigerlich neben dem Feind des Menschengeschlechts auch Spießer und ästethischer Anti-Christ gewesen und hatte, wie sich bei nachträglicher Musterung seiner kulturellen Konkursmasse herausstellt, keinen einzigen wahren Künstler in seinem Lager. Unser aller Betroffenheit und Empörung sorgt dafür, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie erzeugt den von der Einäugigkeit der Zeitgenossenschaft bedingten Eindruck, die Geschichte gebe unter den Künstlern dem ehedem Verbotenen oder Gemaßregelten geradezu automatisch recht, während politischer Opportunismus und ästhetische Qualität allenfalls als eine temporäre optische Täuschung koexistieren könnten.

Aber in Wahrheit steht die Muse weder „rings“ noch „lechts“, weil das ja schon nach Ernst Jandl so leicht zu „velwechsern“ ist. Sie gibt sich blind wie Justitia, und ihre Gunst richtet sich — so bitter das für Konvergenzgläubige auch klingen mag — keineswegs nach dem politischen Credo, den weltanschaulichen Überzeugungen oder gar dem Parteibuch der ihr Hörigen. Selbst ein ausgesprochen widerwärtiger Charakter schreckt sie nicht ab; ihr Eigensinn und ihre Selbstherrlichkeit kennen keine Grenzen. „Art happens“, die Kunst passiert eben, hat der Maler James McNeill Whistler vor hundert Jahren in seiner Edlen Kunst, sich Feinde zu machen geschrieben; kein Palast, keine Hütte ist vor ihr sicher. Und, so müssen wir aufgrund der seither hinzugewonnenen Erfahrungen ergänzen, sie nistet sich im Faschistenschädel eines Céline oder Ezra Pound ebenso unbekümmert ein wie im Klassenbewußtsein Bertold Brechts und Heiner Müllers.

Die längst inflationär gebrauchte Prämierungsfloskel „provokativ“ will diese Unzurechnungsfähigkeit zurechtstutzen und also nicht wahrhaben. Über die Stränge schlagen — ja, das soll, das muß die Kunst, aber bitte in die richtige, die vorgegebene Richtung. Dabei wird der Wegweiser selbst von Zeit zu Zeit übermalt: Fortschritt, Emanzipation, Mündigkeit, Streitkultur. Der Zielvorgaben ist kein Ende. Und selbst wenn die hehre Begrifflichkeit geopfert und zynisch eingestanden wird, worum es im Grunde allein noch geht, um Beschleunigung einer gehobenen Unterhaltungsdynamik nämlich, um Diskussionsanreize, Empörungsanlässe und multimedial vermarktbare Eklats, so sieht sich die Literatur doch nach wie vor in eine reine Zuträger- und Zuliefererrolle gedrängt.

Wehe dem Autor, der das universale Provokationsgebot mißachtet und dem Lieferanteneingang den Rücken kehrt. Was nicht provoziert, geht niemanden etwas an, existiert nicht oder macht nach dem polarisierenden Taschenspielertrick des „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“ gemeinsame Sache mit Unkultur und Barbarei. Unpolitische Kunst? Elfenbeinturm? Ästhetische Distanz? Der Dünkel des Elitären? Man weiß ja, wohin das führt. Ins Läppische, Belanglose, Dekadente, in die Verantwortungslosigkeit der schönen Seele, die willentliche oder unwillentliche Komplizenschaft mit dem heraufziehenden Unheil. Aber wenn diese kritische Allwissenheit nun nichts nützt? Wenn so ein Unbelehrbarer, Unbotmäßiger, so ein l’art pour l’art-Jünger auf Dauer einfach nicht zu übersehen, mit vereinten Kräften nicht totzuschweigen ist? Dann nehmen die entnervten Provokationsapostel endlich auf ihre Weise Rache an diesem Störenfried, indem sie seine Gleichgültigkeit, das Nichts-zu-tun-haben-Wollen, die Indifferenz gegenüber den Fehdehandschuhbergen zur Herausforderung der Herausforderer umlügen, den skrupellosen Künstler als den subtilsten und radikalsten Provokateur von allen vor den Karren ihrer guten Zwecke spannen und interpretatorisch auf ihn einpeitschen, daß es allen an der Kunst Herumfuhrwerkenden eine Lust ist.

Das Gegenteil von gut ist gutgemeint. Das gilt auch für das Reden über Literatur. Der Begriff der Provokation wurde aus besten Absichten geboren. Er sollte Schranken niederreißen, Freiräume eröffnen, an die Renitenz der Kunst in totalitären Regimen erinnern und Mut machen, faulen Kompromissen auch weiterhin aus dem Wege zu gehen. Inzwischen aber verschanzen sich gerade die Mitläufer und Angepaßten hinter seiner ins Monströse umgekippten Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch mehr duldet, Andersdenkende ausgrenzt und verleumdet, die Spielwiesen des Prä- und Postprovokativen für geschlossen erklärt und selbst immer mehr Züge eines definitorischen Totalitarismus ausbildet.

„Provokativ“ hat sich zu einem Adjektiv mit Alleinvertretungsanspruch aufgeblasen, außer, neben und hinter dem es angeblich nichts Kunstvolles mehr gibt. Man kann diesen allumfassenden Begriff argumentativ nicht mehr verlassen oder transzendieren, und jene Probe aufs Exempel gerät zur triumphalen Bestätigung seiner grenzenlosen Reichweite. Auch diese Widerrede selbst. Denn die These, daß das Gütesiegel „Provokation“ zur Charakterisierung von Kunst untauglich sei und ihr Selbstbestimmungsrecht verletze, wird ganz automatisch als — provokativ erlebt.

Ein Teufelskreis also, aus dem es kein Entrinnen gibt? Eine schwere Wahrnehmungsstörung, an deren Symptomen noch der Konzilianteste vergebens herumdoktert? In gewisser Weise schon, denn auch die Gegenseite hat immer nur „Herausforderndes“ vorzubringen und ist damit keine Opposition mehr, sondern nur noch Fraktion im Panprovokationären Block, der unser kulturelles Leben beherrscht. Und doch besteht kein Anlaß, an der Rückkehr der Kunst aus der Diaspora der dauernden Impulsgeberei zu zweifeln. Sie ist robust genug, um jeden Götzendienst zu überleben, allen Vereinnahmungsversuchen die ungeritzte Stirn zu bieten, selbst solchen, die eine gute Meinung von ihr haben und so ganz selbstverständlich Willfährigkeit erwarten.

Und außerdem wären da ja noch zwei mächtige Verbündete, Todfeinde aller sklerotischen Abstraktionen und dogmatischen Gewißheiten: die Lethargie und das Gähnen. Es ist ein gutes, ein verheißungsvolles Zeichen, daß in unserer Provokationskultur die geistige Abwesenheit und das Desinteresse, der stiere Blick und die kalte Schulter allüberall auszumachen sind. Sie sind die Herolde des Wandels, Vorboten jener Selbstüberforderung des Provokanten, jener Überbelichtung des Grellen, jener Ausreizung bis zum Gehtnichtmehr, mit der der Konkurs einer Formel besiegelt wird, die alles umfassen wollte und deshalb nichts mehr zum Inhalt hatte.

Die Literatur plärrt nicht; und sie ist kein Medium spektakulärer Verblendung. Wer schreibt, wer liest, sucht das Eindrucksvolle und die Ruhe. Zu beiden werden wir über kurz oder lang zurückfinden — und damit auch zu jenen großen Stilleben der Kunst, die schon deshalb nicht zu weltverbesserischen Überheblichkeiten anstiften wollen, weil wir uns getrost in ihnen verlieren dürfen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1991
, Seite 44
Autor/inn/en:

Ulrich Horstmann:

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