FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 182/II
Bernd Lutz (Übersetzung) • Marcelin Pleynet

Sade muß erst noch gelesen werden

... in unserer augenblicklichen Situation sollten wir immer von folgendem Prinzip ausgehen: wenn der Mensch all seine Brüder abgeschätzt hat, wenn sein Auge mit einem kühnen Blick seine Schranken vermißt, wenn er, nach dem Beispiel der Titanen, seine kühne Hand bis zum Himmelsrand auszustrecken wagt und, bestärkt durch seine Leidenschaften, als seien jene unaufhaltbar wie die Lavamassen des Vesuv, nicht mehr fürchtet, den Krieg an diejenigen zu erklären, die ihn einst zittern ließen, wenn ihm seine Verirrungen nur als Irrtümer noch erscheinen, die längst durch seine Studien ausgewiesen sind, muß man dann nicht mit demselben Eifer zu ihm sprechen, mit dem er das Gesetz seines Handelns zu finden sich abmüht?

SADE, Idée sur les romans.

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, ob wir bereit sind, es anzuerkennen, oder nicht: die vielfältigen Zensuren, denen das Werk Sades unterlag, sind uns nicht völlig fremd, und ich wage zu behaupten, daß es noch heute unsere mehr oder weniger große Komplicenschaft mit den verschiedenen Arten der Zensur ist, die unsere Lektüre Sades bedingt, die sie möglich macht oder vereitelt. Es ist nun bald zwei Jahrhunderte her, daß dieses Werk sein Publikum beansprucht, und es ist ebensolange her, daß unsere Kultur dieses Werk verbreitet. Das heißt, es ist unmöglich, sich ihm zu nähern, ohne innerhalb dieses Gesamtvorgangs zuallererst den kulturellen Kodex anzugreifen, der das Werk Sades zurückweist; ebenso müssen wir voraussetzen, daß wir selbst das Produkt dieses Kodex sind und wahrscheinlich im Laufe unserer Lektüre und selbst inmitten unseres Willens, dieses Werk zu entschlüsseln, unwillkürlich unsere Komplicenschaft mit den verschiedenen Arten der Zensur entdecken werden, die wir a priori zu überwinden suchen. Wer sich nicht darauf vorbereitet hat, die Normalität seines Kodex (den Rechtfertigungsgrund, die Objektivität dieser Normalität), seiner Kodizes der kulturellen Entzifferung in Frage zu stellen, der findet sich ganz sicher in dem einen oder anderen Augenblick in seiner (solcherart legitimierten) Lektüre unterbrochen und erfährt eine Diskontinuität, die ihm in seinem Leben täglich begegnet. Vergessen wir nicht, daß nach den Regeln dieses kulturellen Kodex selbst Diderot angeklagt werden muß, er habe sich mit den Mitteln einer „schmutzigen und schlüpfrigen Physiologie“ beklagt (Paul Albert, Einführung in die Werke Diderots).

Es ist wenig erstaunlich, die Wichtigkeit zu beobachten, die man der Biographie Sades zumißt, während praktisch keine der kritischen Studien sich den kulturellen Implikationen zugewandt hat, die das Werk Sades vermitteln. Sade ist noch nicht gelesen worden; hätte man ihn gelesen, so hätte man bemerkt, daß das, was an seinem Werk schockierte (den guten Geschmack, die Moral, deren Sensibilisierung), von einer dezidierten Kultur unterschrieben war und infolgedessen nicht als ein monströses Epiphänomen in Betracht gezogen werden durfte, sondern als Befreiung von einem bestehenden kulturellen Tatbestand. Man hat sich sehr wohl gehütet, diesen Appell als denjenigen der Vernunft zu begreifen, die ihrerseits die wissenschaftliche und im Grunde materialistische Philosophie des 18. Jahrhunderts ins rechte Licht gesetzt hätte, eine Philosophie, die von der bürgerlichen Kultur systematisch verdrängt wird. Man muß in diesem Punkt nur beobachten, wieweit die Philosophie der Aufklärung in Frankreich zu Lasten der Deisten Rousseau und Voltaire geht, während die wahren Atheisten dieses Zeitraumes so gut wie nie erwähnt werden. Dem steht entgegen, daß sich Sade gerade zu dem weitreichendsten und systematischsten dieser Atheisten, zu Holbach nämlich, als seinem philosophischen Lehrer bekennt. Gegen Ende November 1783 schrieb Sade von Schloß Vincennes aus, in dem er gefangengehalten wird, an seine Frau:

Wie stellen Sie es sich vor, daß ich an der „Widerlegung des Systems der Natur“ [1] Gefallen finden kann, wenn Sie mir nur die Widerlegung schicken und nicht auch das Buch, das widerlegt wird; das kommt mir vor, als wollten Sie, ich solle einen Prozeß beurteilen, ohne die Ansichten beider Parteien zu kennen. Sie wissen sehr wohl, daß das unmöglich ist, obgleich das „System“ im allerweitesten Sinn und unwiderleglich die Grundlage meiner Philosophie bildet, [2] und ich, wenn es sein müßte, bis zum Martyrium sein Zeuge sein würde; [3] dennoch erscheint es mir unmöglich, nach den sieben Jahren, seit ich sie zum erstenmal gelesen habe, es genügend in Erinnerung zu bringen, [4] um die Erwiderung zu verstehen; ich will mich sehr gern in diesen Zustand versetzen, wenn ich unrecht haben sollte (in der Einschätzung des Ausgangspunktes meiner Philosophie), aber geben Sie mir dazu die Mittel in die Hand. Bitten Sie Villette, mir das Buch zumindest acht Tage zu leihen, und dann wird es keine Mißhelligkeiten mehr zwischen uns geben, es sei denn die eine, mir ein Buch zu verweigern, das ich mit den Augen meines Herzens gelesen habe, ein goldenes Buch mit einem Wort, ein Buch, das in allen Bibliotheken zu finden sein müßte und in allen Köpfen, ein Buch, das ein für alle Male die gefährlichste und hassenswerteste aller Chimären untergraben und zerstören sollte [5] diejenige, die am meisten daran schuld ist, daß Blut vergossen wurde auf der Erde, und derzufolge sich das Universum zusammenschließen müßte, um sich zu verzehren und restlos zu vernichten, wenn die Individuen, die es bevölkern und zusammenhalten, nur die geringste Ahnung ihres Glücks und ihrer Ruhe hätten.

Sade kommt auf diese Forderung im Laufe desselben Monats, November, zurück: „Es ist mir unmöglich, an der Widerlegung des Systems der Natur Gefallen zu finden, wenn Sie mir nicht das System selbst schicken“ (Brief vom 23. November 1783). Ein weiterer Brief des Jahres 1783 zeigt, wie sehr sich Sade des Übergangscharakters seiner philosophischen Kultur bewußt war und um wieviel diese Bewußtheit kohärenter war als diejenige seiner Zensoren; im Juni 1783 schrieb er an seine Frau:

Mir die Bekenntnisse von Jean-Jacques zu verweigern, halte ich für ein starkes Stück, besonders nachdem man mir Lukrez und die Dialoge Voltaires geschickt hat, was eine große Unterscheidungsgabe beweist, Euer tiefes Beurteilungsvermögen. Ach, sie erweisen mir die Ehre, mich in dem Glauben zu wiegen, ein deistischer Autor sei von schlechtem Einfluß auf mich; ich würde gern an deren Stelle stehen.

Wie man sieht, hatte Sade von alledem, was seine Kultur betraf, klare Vorstellungen, die zudem unendlich viel deutlicher waren als diejenigen seiner Zensoren, die ihm die Lektüre Rousseaus unter dem Vorwand untersagten, es handle sich dabei um Bücher, die ihm „den Kopf verwirren und ihn dazu verführen könnten, Dinge zu schreiben, die möglicherweise nicht schicklich sein würden“ [6] Und ohne nun von dem Deisten Rousseau zu sprechen, war dies sehr wohl der Fall; der Philosoph des 18. Jahrhunderts, der materialistisch dachte, verwirrte den Kopf Sades und ließ ihn Dinge schreiben, „die nicht schicklich waren“.

Dazu müssen wir wissen, wie wir diese „Verwirrung“ beurteilen sollen. Unsere Kultur hat sich von den Problemen befreit, die ihr das Werk Sades stellen konnte, indem es sie individualisierte; für diese Kultur hat das Werk Sades nur die Funktion, eine monströse Persönlichkeit zu charakterisieren, darzustellen: den Sadisten. Muß man deshalb folgern, daß „verwirrte“ Köpfe mittels einer gewissen Lektüre nur Ungeheuer hervorzubringen imstande sind? Für die Gesellschaft, die wir kennen und mit der wir umgehen, stellen der Skeptizismus und der Materialismus zweifellos „verwirrende“ Doktrinen dar, die zudem im Verdacht der Kriminalität stehen; dieses Verdikt wird in ebendem Maß über sie gefällt, in dem diese Monstren dazu erfunden sind, die Grundlagen der Gesellschaft zu verändern. Zweifellos hat diese Gesellschaft auch alles Interesse daran (und um keinen Preis kann sie anders handeln), diese Doktrinen in einem Individualtypus zu bannen, der eben derjenigen sozialen Qualitäten beraubt ist, die sie anerkennt; nachdem sie den Aktionsradius dieser Doktrin verengt hat, von einem produktiven Wissen (und dennoch kriminell sich auswirkend für den Rechtfertigungsgrund) zu demjenigen einer normativen Gesetzmäßigkeit (seinerseits kriminell und bedrohlich für das sich produzierende Wissen), hat diese Gesellschaft, das ist allzu offenkundig, alles Interesse daran, das Denken zu vereinfachen, zum Exempel zu reduzieren, das wiederum in ihren Augen kriminell ist, es zu reduzieren auf ein Individuum, das sie verurteilen kann (und das von jetzt an als verurteilbar gilt). Wenn wir näher zusehen, ist der verwirrte Kopf von Sade alles andere als verrückt, es ist ein räsonierender Kopf, der es niemals unterläßt, seine Überlegungen historisch und theoretisch abzusichern (vgl. Idée sur les romans), und der weiß, daß er ein ungleich konsequenteres Verhalten an den Tag legt als die Gesetzeswächter, die ihn der Zensur unterwerfen, indem sie ihn Lukrez lesen lassen und ihm Rousseau versagen.

Ohne deistische Ambivalenz

Solcherart wieder in den kulturellen Kontext eingeordnet, der das Werk Sades hervorgebracht hat und auf den es sich unaufhörlich bezieht, berechtigt es zu einer Reihe von Fragen, welche wohlverstanden die Heftigkeit der Transzendenz nicht mildern werden, wohl aber den Zugang und die Lektüre eines Textes ermöglichen, der entgegen allen anderen (möglichen) Texten aufklärend wirkt. Die Philosophie der Aufklärung, die seine Entstehung vorbereitet hat, ist in Wirklichkeit nicht widerspruchsfrei, wie sie sich schwankend zwischen Holbach und Rousseau, zwischen Atheisten und Deisten bewegt, und mit allem, was ihre Aktivität und ihre unmittelbare praktische Wirkung betrifft, der Revolution von 1789 und dem Triumph der Moral und des von Rousseau geprägten Deismus. Hier sollten wir beiläufig bemerken, daß das Dekret, das die Existenz des höchsten Wesens und der Unsterblichkeit der Seele feststellte, durch den Konvent am 7. Mai 1794 einstimmig gebilligt worden ist, zu einem Zeitpunkt also, als Sade die Philosophie dans le boudoir (1795) beendete (wir kommen später darauf zurück). Diese Widersprüche (zwischen Holbach und Rousseau) waren Sade nicht unbekannt, der ganze Passagen des „Systems der Natur“ in seinem Werk übernehmen und unermüdlich seine Opposition gegen Rousseau bezeugen wird. [7]

Vergessen wir dabei nicht, daß die „Neue Héloise“ seit ihrer Veröffentlichung als Anklage gegen die atheistischen Philosophen galt; Rousseau schreibt: „Die ergebene Julie ist ein Dämon der atheistischen Philosophen ...“, [8] und die Person Wolmars wird von allen als psychologisches Porträt des Barons von Holbach verstanden. [9] Man sieht, daß Sade arbeitet, und zwar bei Kenntnis aller Gründe an einem genau bestimmbaren kulturellen Fixpunkt, den er von aller deistischen Ambivalenz zu befreien versteht (und von aller utilitaristischer Besetzung nach dem Modell Rousseaus), einem Fixpunkt, von dem aus sich sein Denken entfaltet. Es ist, als würde Rousseau dafür exemplarisch stehen, als der Vertreter jenes „philosophischen“ Denkens, das in sich selbst nicht frei sein kann von moralischen Widersprüchen; als sei dies für Sade die rechte Gelegenheit, den Keil so tief wie möglich zwischen beide (resp. Holbach) zu treiben; sich jeder metaphysischen Interpretation dieses Widerstreits so weitgehend wie nur möglich zu enthalten und selbst dasjenige wahrhaben zu wollen, was Marx denunziert hat, als er schrieb: „Der Mensch, der die Existenz Gottes bezweifelt, greift zunächst seine eigene Religiosität an.“ [10] Sade geht hier zunächst mit jenen konform, für die jene „Religiosität“ ein Problem darstellt (Diderot, Holbach), und transzendiert dann diesen Standpunkt, indem er aus seinem dezidierten Atheismus die Konsequenzen zieht, die keiner seiner Zeitgenossen sich aneignen oder verstehen konnte.

Um die Arbeit, die Sade im Ausgang von der wissenschaftlichen Philosophie des 18. Jahrhunderts geleistet hat, anerkennen zu können, müßte man sie wiederaufnehmen und sich vor Augen führen, ebenso die Widersprüche, die sie austragen mußte und die für sie im Grunde unlösbar waren, sie einengten, Widersprüche, welche die Revolution von 1789 ans Tageslicht brachte: der mechanistische Materialismus konnte zwar die historischen Phänomene beschreiben, aber er konnte die Kräfte nicht freilegen und erklären, die diese Phänomene hervorbrachten. Was neben Feststellungen wie „Das Gehirn sondert das Denken ab wie die Leber die Galle“ diese Philosophie dazu verführt hat, aus der Anordnung der Materie folgende Schlüsse zu ziehen:

Daraus folgt, daß ich nicht gänzlich sterben werde, daß vielmehr ein Teil meiner selbst dem Tod meiner moralischen Existenz entgehen wird, ohne daß ich mir indessen einbilden darf, nach meinem Tode irgendeine Kenntnis dessen zu besitzen, was ich bin oder gewesen sei, da ich niemals Kenntnis der vorangegangenen Existenz all der Materien habe, aus denen ich augenblicklich zusammengesetzt bin und die ebenso real existieren, bevor ich da bin, und die ebenso noch existieren werden, wenn ich nicht mehr bin. [11]

Dieses Argument ist von Sade exemplarisch wiederaufgenommen und verallgemeinert worden:

Vergessen Sie niemals, sagte der Papst, daß es keinen wirklichen Zerfall gibt: daß selbst der Tod keinen Zerfall darstellt, wenn er natürlich und philosophisch betrachtet wird, als eine unterschiedliche Modifikation der Materie, in welcher das principium actionis, oder, wenn man so will, das Prinzip der Bewegung, niemals zum Stillstand kommt, wenn dies auch weniger offensichtlich ist. Die Geburt des Menschen ist keineswegs nur der Beginn seiner Existenz, wie der Tod nicht deren Schlußpunkt darstellt; und die Mutter, die ihn zur Welt bringt, verleiht ihm nicht mehr an Leben als der Mörder, der ihn erschlägt; die Mutter bringt eine Art Materie hervor, die in diesem Sinn organisiert ist, der Mörder verhilft einer davon unterschiedenen Materie zur Wiedergeburt, und alle beide betätigen sich als Schöpfer. Nichts wird nur geboren, nichts geht nur zugrunde, alles ist Veränderung und Reaktion der Materie ... [12]

Ohne Inzest — kein Roman

Dies ist eine grundsätzliche Bemerkung, die sichtbar macht, was innerhalb der dem mechanistischen Materialismus gesetzten Grenzen es Sade möglich gemacht hat, dieses System zu transzendieren. Das Denken, das an dieser Stelle seinem ureigensten Wesen nach dialektisch verfährt („Die Menschen haben längst dialektisch gedacht, bevor sie noch wußten, was Dialektik war ...“, Friedrich Engels, Anti-Dühring), setzt Sade in weitestem Sinn derjenigen Ordnung entgegen, die die Dialektik nicht denken kann. Ich will sagen, daß dieses Prinzip der Negation der Negation, welches (entgegen seinen globalen Konsequenzen, entgegen seiner globalen Gleichsetzung) das Werk Sades hervorgebracht hat, sich absolut in jedem seiner Momente irreduzibel aus der bürgerlichen Ordnung herleiten müßte, die den mechanistischen Materialismus und die Revolution von 1789 bedingt hat. Eben jene Ordnung, die noch unsere heutige Kultur bestimmt und gegen die sich noch heute Sade verschrieben hat. Dabei muß ich auf den Aufsatz von Sollers, Sade dans le texte (Tel Quel, Nr. 28), zurückgreifen: „Wie sie universaler und überzeitlicher Entwurf sein will, annulliert die Sadesche Enzyklopädie diejenige der Aufklärung, die ihrerseits an einen bestimmten Typus der Lektüre gebunden ist.“ Die Ordnung, die ich unterstreiche und mit der das Werk Sades steht oder fällt, ist zuallererst in den Grenzen dieses „Typus der Lektüre“ zu sehen.

Die Widersprüche, in welche der mechanistische Materialismus gegenüber der ihn legitimierenden Ordnung geriet, sind wohlverstanden nicht im alleinstehenden Werk Sades gegenwärtig, aber die Furchtsamkeit, mit der sie überall anderswo hervorgehoben werden, verwischt sie zugleich und macht sie unleserlich. Wie Diderot an Sophie Volland schrieb:

Nichts ist unwichtig in einer Ordnung der Dinge, die durch ein generelles Gesetz miteinander verbunden sind und bestehen, so daß es scheint, als sei alles gleich wichtig. Es gibt so keine großen und keine kleinen Erscheinungen. Die Verfassung Unigenitus ist ebenso notwendig wie der Aufgang und der Untergang der Sonne. Es ist schwer, sich blind dem Wirbel des Universums überantworten zu müssen, aber es ist unmöglich, ihm zu widerstehen. Die ohnmächtigen oder siegreichen Anstrengungen geschehen innerhalb desselben Systems. Wenn ich glauben könnte, ich würde Euch aus freien Stücken lieben, würde ich mich bitter täuschen. Es ist nichts damit.

Man sieht sehr gut, daß sich alles, was sich hier zu zeigen sucht, kaum auszusprechen wagt und sich, kaum ist es gesagt, schon wieder unsichtbar macht, in seiner konstitutionellen Schwäche ganz der Ordnung unterwirft, die denselben Diderot in einem anderen Brief schreiben läßt: „Ich schätze die Taufe höher als die Beschneidung, es tut weniger weh“. [13] Was sich bei den „Philosophen“ nur sehr furchtsam und gleichsam am Rande zu Wort meldet, ist von Sade radikal, total und an zentraler Stelle entworfen worden, institutionalisiert sich als die einzig mögliche Schreibweise, als alleinige Wirklichkeit des Schreibens und konstituiert die Rechtsnorm, von der her sich alle Realität von nun an bestimmt. Seine Idée sur les romans (wohlweislich steht sie im Singular) muß die Lektüre in Frage stellen, die den Leser im Zwischenreich des Phantastischen ansiedelt, dem die Romane Sades allzuoft zugeordnet worden sind, so daß man eher lesen muß:

Vergiß niemals, daß der Romanschreiber ein Geschöpf der Natur ist, sie hat ihn geschaffen, damit er ihr Maler sei; wenn er nicht in dem Augenblick der Liebhaber seiner Mutter wird, in welchem sie ihn in die Welt gestellt hat, wird er niemals schreiben, werden wir ihn niemals lesen ... [14]

Wir verstehen nun, daß Sade den Inzest als die einzige Bedingung des Romaneschreibens betrachtet, als einen Akt, durch den die Lektüre erst möglich wird. Ich glaube, es ist zwecklos, noch zu unterstreichen, welch fundamentales transgressives Moment diese Maßregel beinhaltet (und aus welchem schlagenderen Grunde sie als theoretische Aktivität gesetzt ist). Im Ausgang von dieser Bedingung der Lektüre kann man denken, daß alles möglich wird; dennoch muß man hier einschränken, daß alles nur in ebendem Maß möglich wird, in dem es lesbar geworden ist. Vergessen wir dabei nicht, daß das Werk Sades eine Fiktion darstellt, daß die „Verbrechen“, die man in diesem Werk begeht, „geschriebene“ Verbrechen sind und daß es von der Freiheit, von dem „Generalisierungsgrad“ der Lektüre, die sich der Leser zuzumuten wagt, abhängt, ob diese Verbrechen als Phantasien oder als Methode der Entschlüsselung erscheinen. Der Inzest ist ein Tabu, ein Ordnungsgefüge, das wie jedes andere gelesen werden muß (das in dem Maß, in dem eine Gesellschaft es als das abscheulichste aller Verbrechen lebt, mehr als jedes andere zu lesen ist), ebenso muß sein Stellenwert in diesem Ordnungsgefüge wahrgenommen werden, welches ganz das unsrige und dennoch so beschaffen ist, daß seine Lektüre den Abgrund vor Augen führt, den Aufwand aller möglichen Lektüren nichtig macht, den Aufwand von Lektüren, die für sich genommen wie viele „Verbrechen“ sind (durch ihre Beziehungen zu den normativen Strukturen), oder: kein Leser kann sich strenggenommen nicht auf sich selbst zurückgeworfen finden, sozusagen unterbrochen durch das, was ihn auf sich selbst zurückwirft, indem er an diesem Punkt seine Grenze erfährt, er selbst als das Produkt der Lektüre seiner Grenze.

Die Strukturen und das Ordnungsgefüge der „präjudizierenden“ [15] Gesellschaft sind so mächtig, daß noch heute die Mehrzahl der Leser in dem einen oder anderen Augenblick in ihrem guten Willen unterbrochen wird, den sie dem Text entgegenbringt, und, wie unter einem anonymen Diktat stehend, erkennt, daß eine der Lektüren, die der Text ihnen vorschlägt, verbrecherisch ist [16] oder fühllos, was innerhalb der Ordnung, in die wir uns gestellt haben, auf dasselbe hinausläuft. Es ist der Übergang des Intelligiblen zum Nichtintelligiblen des Textes, der dieser Bruchstelle wesenhaft innewohnt und seinerseits in jedem Leser mehr oder weniger deutlich die Grenze des normativen Wissens bezeichnet. Wir müssen wissen, daß wir noch heute die größten Schwierigkeiten haben, uns über die Widersprüche zu verständigen, die ihm eigen sind und die es ermöglichen könnten, die Aktivität der Regression zu entlarven. Es ist wohl evident, daß in dem, was uns hier unmittelbar angeht (Sade in der Ordnung unserer Lektüre), uns die eine Psychoanalyse unter anderen (denkbaren), der Text von Freud, schon seit langem hätte vertraut machen müssen mit der Realität, welche von der strukturellen Präjudizierung zurückgedrängt wird (und gleichsam unbewußt gelebt wird) und dennoch, wie wir wissen, ihre Schrift in den Gefängnissen, in den Asylen und in den Träumen zurückläßt. So schreibt denn Sade:

Die einfachsten Regungen unseres Leibes sind für jeden Menschen, der über sie nachdenkt, schlechthin Rätsel, die ebenso schwierig zu entschlüsseln sind wie das Denken selbst.

Wohlgemerkt können wir dies im Ausgang vom einzigartigen mechanistischen Materialismus begreifen, wenn wir es jedoch funktional in Beziehung zu Sades Werk setzen, wenn wir es dem nähern, was wir oben anläßlich des Inzestes zitiert haben, stellt sich eine Sinnverschiebung ein, die das hervorhebt und isoliert, was eine solche Frage dem mechanistischen Denken geradezu schuldet, um ihn (den mechanistischen Materialismus) überhaupt in dasjenige Denken einführen zu können, welches die Normalität des Kodex in Frage stellt. „Die einfachsten Regungen unseres Körpers“ gehorchen Strukturen, die nicht als die Normalität gesetzt sein können, es sei denn in ebendem Maß, in welchem sie die Strukturen der moralischen Gesetzgebung beschneiden. „Die einfachsten Regungen unseres Körpers sind für jeden Menschen, der über sie nachdenkt, Rätsel“, in dem Maß, in dem alles, was die moralische Gesetzgebung durchbricht, nicht mehr gedacht werden kann ohne die grundsätzliche und erneute Infragestellung dieser Gesetzlichkeit. Man weiß, gegen welche verschämte Dummheit Freud hat ankämpfen müssen! Aber man soll nun nicht glauben, daß ich das Werk Sades als Illustration einer phantasmatischen Lektüre betrachte. Die Lektüre des Sadeschen Werkes wie diejenige des Freudschen Werkes ist eine von denjenigen Lektüren, die für uns heute „das Wesen des Phantasma enthüllen“, [17] das heißt, daß sie schon nicht mehr als „kriminelle“ Lektüre erscheint, aber auch nur in dem Maß, in dem sie als außerhalb jener Auseinandersetzung stehend akzeptiert werden kann, jener Auseinandersetzung, durch die sie bislang in einer repräsentativen Weise (Repräsentation/Realität = Lektüre) verurteilt war, auch jener Auseinandersetzung, die bislang den Leser dazu verurteilt hat, sein Leben noch unterhalb der Stufe des (transzendentalen) Subjekts zu fristen.

Philosophie im Boudoir

Die Probleme, welche das Werk Sades dem Gefüge moralischer Normen stellt, können wir mehr oder weniger genau unter den tausend Formen entdecken, die eine Gesellschaft gebraucht, um die Widersprüche, die sie hervorbringt (Mythen, Religionen usw.), zu lösen (ohne sie zu bewußt hervorzubringen). Und auch da ist es kein Zufall, daß Sade (wie auch später Freud) auf die archaischen Religionen und die alten Mythen zurückommt und sie oft zitiert. [18] Das Werk Sades stellt in der Ordnung unserer Kultur einen derjenigen „monumentalen“ Widersprüche dar, die gelesen werden müssen und durch alle diejenigen produktiv gemacht werden sollten, die begreifen, welche mögliche Zukunft diese Kultur ihnen vorenthalten hat, und die ebenso begreifen, zu welcher Aktivität die Dialektik dieser Widersprüche zwingt.

Daß der Diskurs der Philosophie dans le boudoir, „Franzose, noch eine Anstrengung mehr“, außerhalb der Fiktion steht, ist höchst wichtig; dadurch wird bekräftigt, was ich schon mehrmals hervorgehoben habe, daß es nämlich unumgänglich ist, die Art und Weise zu erkennen, durch die sich der Text Sades als bedingt erweist, durch die er dem historischen Kontext überantwortet ist (die Lektüre verwirklicht sich, indem sie jeden der Texte, die ihr zur Verfügung stehen, vervielfacht, ohne daß sie indessen die historische Wirklichkeit vergessen darf, die jene Texte bedingt hat). Selbst wenn eine Lektüre ein wenig unaufmerksam auf die Philosophie ... ist, kann sie uns unmöglich davon nicht überzeugen. In der Tat ist es wenig wahrscheinlich, daß man in dem Augenblick, in welchem die Philosophie ... geschrieben worden ist, und noch weniger zu dem Zeitpunkt ihres Erscheinens eine Broschüre hat kaufen können wie diejenige, die Dolmancé dem Chevalier zu lesen gibt. Und es ist zweifellos gerade die Unmöglichkeit, eine solche Broschüre lesen zu lassen, die Sade dazu gebracht hat, sie „Franzose, noch eine Anstrengung mehr, wenn du ein Republikaner sein willst“ zu nennen (man sieht das Spiel, das von der Fiktion auf die Realität übertragen wird, die Fiktion muß auf dem Rücken der Realität handeln, sie verändern, um selbst real werden zu können, aber noch vor dieser Veränderung ist sie schon realer als die Realität, da sie ja ihren Willen zur Veränderung mit „noch eine Anstrengung mehr“ bezeichnet, so daß ohne sie die Realität ins Stocken geraten und ganz und gar fiktiv werden würde). Man muß in der Tat wissen, daß sich die französische Republik seit dem 7. Mai 1794 als deistisch erklärt hat, zuerst in einem Bericht, den Robespierre dem Wohlfahrtsausschuß vorlegte: Über die Beziehungen der religiösen und moralischen Ideen zu den republikanischen Prinzipien.

Darin steht zu lesen:

Wer hat dich gesandt, dem Volk zu verkünden, daß die Gottheit nicht existiert, o du, der du dich für diese trockene Doktrin ereiferst und niemals für das Vaterland? Welchen Vorteil erblickst du darin, den Menschen davon zu überzeugen, daß eine blinde Macht sein Schicksal lenkt und wie zufällig das Verbrechen ebenso wie die Tugend trifft; daß seine Seele nichts ist als ein leichter Hauch, der an der Pforte des Grabes erstickt?

Weiter unten heißt es:

Ich begreife nicht im geringsten, wie die Natur dem Menschen hätte Wunschbilder eingeben können, die nützlicher sein sollen als die Wirklichkeit; und wenn die Existenz Gottes, wenn die Unsterblichkeit der Seele nichts als Träume wären, stellten sie dennoch die schönste aller Vorstellungen vom menschlichen Geist dar. Ich brauche hier nicht zu bemerken, daß es nicht darum geht, irgendeiner philosophischen Ansicht den Prozeß zu machen, noch zu bezeugen, daß ein solcher Philosoph tugendsam sein kann, was auch immer seine Ansichten sein mögen, und selbst trotz dieser, allein durch die Kraft eines natürlichen Glücks und einer höheren Vernunft. Es handelt sich nur darum, den Atheismus unter dem Aspekt unserer Nation zu betrachten und zu erkennen, daß er an ein System der Verschwörung gegen die Republik gebunden ist.

Widersprüche muß man mitdenken

Diese Vorwürfe, die offensichtlich die materialistischen Philosophen treffen sollten („ein solcher Philosoph kann tugendsam sein“ könnte Holbach bezeichnen), haben sicherlich Sade nicht kaltgelassen, und wenn man weiß, daß sie von einem Dekret gefolgt wurden, das der Konvent einstimmig annahm und dessen erster Paragraph lautete: „Das französische Volk erkennt die Existenz des höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele an“, dann begreift man, daß Sade von den Franzosen forderte, noch eine Anstrengung mehr zu machen, um Republikaner zu werden — eine Anstrengung, die es ihnen erlauben würde, auf den billigen Trost dieser „puerilen Religion“ zu verzichten. Wenn man die beiden Diskurse, denjenigen Robespierres und den Sades, miteinander vergleicht, dann liegt aller Folgenreichtum bei Sade, der zudem schreibt:

Schafft doch niemals dasjenige gänzlich ab, was eines Tages euer Werk zerstören könnte ... Nochmals eine Anstrengung; wenn ihr daran arbeitet, alle Vorurteile zu zerstören, laßt auch nicht ein einziges fortbestehen, wenn es nur eines einzigen bedarf, um alle anderen wieder ins Recht zu setzen. Um wieviel müssen wir ihrer Rückkehr gewiß sein, wenn dasjenige, was ihr am Leben laßt, die Wiege aller anderen ist.

Prophetische Sätze in Anbetracht des Schicksals Robespierres und der Revolution. Die Komplexität der Sadeschen Diskurse zeigt sich hier auf ihrem elementaren Niveau und beweist deutlich, daß der Satz, den wir anläßlich des Systems der Natur von Holbach zitieren: „Wenn es sein muß, bin ich bis zum Martyrium sein Zeuge“, von Sade äußerst ernst genommen worden ist.

In Sades Werk ist eine Theorie am Werk, die es, auf welchem Niveau auch immer, niemals unterläßt, auf dasjenige zurückzukommen, was sie verraten könnte (den Rousseauismus, den republikanischen Deismus). Diese Theorie, die verstanden werden kann als Konsequenz der systematischen Verbreitung des materialistischen Denkens des 18. Jahrhunderts, muß im Ausgang von der Vielfalt der Texte gelesen werden, die sie in Szene setzt. Davon nur einen Text zu lesen, heißt soviel wie Sade nicht lesen, und solcherart ist Sade auch unlesbar. Nur den Text der Fiktion zu lesen, steht auf einer Stufe mit der kulturellen Neurose. Nur den didaktischen Text zu lesen, den Text der Fiktion jedoch zurückzuweisen oder nicht lesen zu können, ist ebenso gleichbedeutend mit der Neurose. Die Lektüre Sades muß von einem Text zum anderen gehen, und sie muß derjenigen kulturellen Falle entschlüpfen, die darin besteht, den Text auf eine Einheit zu reduzieren und Punkt für Punkt zu addieren. Sade ist nur lesbar durch eine Lektüre, die die vervielfältigende Artikulation der textlichen Widersprüche mitzudenken vermag und die sich innerhalb der Ordnung dieser Widersprüche begreift. Zweifellos ist Sade nicht für alle lesbar, doch er hat uns sein Werk nicht überlassen, ohne dies auszusprechen:

... um so schlimmer für diejenigen, die nur das Böse in den philosophischen Meinungen begreifen können und die sich für alles verderben lassen; wer weiß, ob sie nicht auch von der Lektüre Senecas oder Charrons brandig werden würden! Zu ihnen spreche ich nicht; ich wende mich nur an Menschen, die mich verstehen können, und die sind es, die mich gefahrlos lesen werden.

Von Sade zu behaupten, daß er lesbar ist, heißt fordern, daß er erst noch zu lesen ist, und zwar von allen.

[1Das Buch, von dem Sade als der Widerlegung des Systems der Natur spricht, kann dasjenige des Abbé Bergier sein, das 1771 erschien, oder dasjenige, das 1773 in Holland publiziert wurde.

[2Von mir hervorgehoben.

[3Von Sade hervorgehoben.

[4Das System der Natur von Holbach erschien zum erstenmal 1770, noch im selben Jahr erschien eine zweite Auflage. Das Buch wurde 1771, 74, 75, 77 nochmals nachgedruckt. Nach diesem Brief zu schließen, hat Sade es 1776 gelesen.

[5Von mir hervorgehoben.

[6„Ich habe, mein guter Freund, ein ganzes Bücherpaket ins Gefängnisbüro gebracht, es wurde aber nicht durchgelassen. Auf Befragen hin hat mir M. Le Noir erklärt, daß man Ihnen alle Bücher entzogen hat, weil sie Ihnen den Kopf verwirren würden und Sie dazu verführten, Dinge zu schreiben, die nicht schicklich seien“ (Brief der Mme. de Sade an ihren Gemahl, August 1782).

[7Auch in der Philosophie dans le boudoir finden wir: „Wenn sie wünschen, daß Sie ihnen unbedingt von einem Schöpfer erzählen, so antworten Sie ihnen, daß die Dinge immer schon das gewesen seien, was sie auch jetzt sind, daß es niemals einen Anfang gegeben habe und wohl auch niemals ein Ende sein wird und daß es für den Menschen ebenso nutzlos wie unmöglich sei, zu einem eingebildeten Anfang zurückzukehren, der nichts erklären und nichts befördern würde. Sagt Ihnen, daß es dem Menschen unmöglich sei, wahre Vorstellungen eines Wesens zu besitzen, das auf keinen unserer Sinne einwirkt.“

[8Rousseau, Brief an Vernes vom 24. Juni 1761.

[9Über die Beziehungen zwischen Holbach und Rousseau vgl. man Pierre Naville, D’Holbach et la philosophie scientifique au VIIe siècle, Edition Gallimard.

[10Karl Marx, Die heilige Familie.

[11Henri de Boulainvillier, Essai de métaphysique dans les principes de B. de Spinoza (1707?).

[12Sade, Juliette (von mir hervorgehoben).

[13Diderot, Brief vom 24. September 1767.

[14Sade, Idée sur les romans (von mir hervorgehoben).

[15„Das, was die Ökonomen nicht aus den Augen verlieren, ist, daß die Produktion leichter unter der modernen Polizei vonstatten geht als unter ‚dem Gesetz des Stärkeren‘ zum Beispiel. Sie vergessen nur, daß ‚das Gesetz des Stärkeren‘ auch ein Recht war und daß es in anderer Form in ihrem Rechtsstaat überlebt.“ Karl Marx, Grundlagen der Kritik der politischen Ökonomie, Band I.

[16Gilbert Lely, der eine Biographie Sades geschrieben hat, ist zum Beispiel durch den koprophagischen Aspekt der 120 Journées de Sodome irritiert.

[17Man vgl. hierzu den Aufsatz von Michel Tort, L’effet Sade, in Nr. 28 von Tel Quel. In der Philosophie dans le boudoir zum Beispiel ist es die Übertretung der Spielregeln des didaktischen Diskurses, der, die betreffende Person in Erregung versetzend, die Unterhaltung plötzlich unterbricht. Am Ende einer seiner Lektionen bemerkt Dolmancé, daß seine Ausführungen Eugénie außer sich gebracht haben: „Oh! Himmel! Was ist mit Ihnen, Teuerste? In welchem Zustand ist unsere Schülerin! ... Eugénie (erzitternd): Oh! Gott im Himmel! Sie machen mich schwindeln!“ Derselbe Dolmancé unterbricht, sieht sich „genötigt“, einen seiner Diskurse abzubrechen: „Es ist zum Verrücktwerden! Erinnern Sie sich an Augustinus, ich bitte Sie!“ Die Struktur des transgressiven Diskurses, die beim Subjekt auf die Struktur des Verbotenen trifft, blockiert den Diskurs, unterbricht das Denken, das sich von diesem Moment an in seiner Haltung wiederholt und in seiner transgressiven, produktiven „Ökonomie“ den „Aufwand“ nicht dialektisch überschreiten kann, der es bestimmt und hemmt. Wir können denselben Vorgang bei dem Leser beobachten, der seine Lektüre durch die einfache, naturalistische „Vorstellung“ dessen, was er liest, unterbricht und von nun an nicht mehr imstande ist, die verschiedenen Artikulationen des Textes dialektisch zu denken. Das Buch beinhaltet deshalb in seiner Fiktion dasjenige, was seine Lektüre „unterbrechen“ kann, aber auch die mögliche Lektüre dieser „Unterbrechung“. Die Belehrung und die Erklärung alles dessen findet sich bereits in einer Schlußbemerkung des ersten Textes, den Sade geschrieben hat, im Dialogue entre un prêtre et un moribond: „Der Sterbende läutete, die Frauen traten ein, und der Prediger erriet in ihren Armen einen Mann, der von der Natur verdorben worden war, weil er dasjenige nicht hatte erklären können, was das war, die verdorbene Natur.“

[18„Mustern wir doch Völkerschaften, die, noch wilder, sich erst dann zufriedengaben, wenn sie ihre Kinder geopfert hatten ... In den griechischen Republiken untersuchte man sorgfältig alle Kinder, die zur Welt kamen, und wenn man zu der Überzeugung kam, daß sie nicht dazu taugen würden, eines Tages die Republik zu verteidigen, wurden sie sogleich geopfert ... Die alten Gesetzgeber kannten keine Skrupel, die Kinder dem Tod zu weihen ... Aristoteles riet zur Abtreibung ...“ Philosophie dans le boudoir.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1969
, Seite 134
Autor/inn/en:

Marcelin Pleynet: Verantwortlicher Herausgeber und Redakteur der französischen Zeitschrift Tel Quel, die bei den Editions du Seuil erscheint und um die sich die literaturtheoretische und literaturkritische „Groupe d’Études Théoriques“ sammelt.

Bernd Lutz:

Lektor des Hanser-Verlags, München.

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