FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 146
Friedrich Heer

Der Fremde aus Wien

Rede zu Franz Grillparzers 175. Geburtstag am 15. Jänner*

Es war einmal ein Dichter, dem die erwachende Jugend ganz West- und Osteuropas zujubelte; Goethe hat ihm in der Gestalt des Euphorion im „Faust“ ein Mal der Erinnerung gesetzt; Lord Byron, der sich als Zugvogel der Zukunft freier Völker und freier Einzelner wußte, schrieb, nachdem er die „Sappho“ in einer italienischen Übersetzung gelesen hatte, daß die Nachwelt werde lernen müssen, den schwierigen Namen Grillparzer auszusprechen.

Das Aussprechen des Namens Grillparzer, das Ansprechen seiner Persönlichkeit fällt vielen, auch deutscher Zunge, heute immer noch schwerer als damals dem Lord Byron, Flüchtling aus England. Grillparzer, Fremdling aus Wien, steht abseits der Autobahnen des literarischen Verkehrs, fern wie ein Findling in der Heidelandschaft unserer modernen Literatur.

Der Zweiundsechzigjährige schreibt in seiner Autobiographie, die sich, zu hoher Verwunderung der Überlebenden, in seinem Nachlaß findet: „Ich wuchs in völliger Vereinzelung heran.“ Vom Vater, einem kalten und scharfen Mann, hört er als stehende Phrase: „Du wirst noch auf dem Mist krepieren.“

Grillparzer notiert, nüchtern: „Ich will aber sterben mit den Waffen in der Hand.“ Er stirbt als Hofrat in Pension und Mitglied des österreichischen Herrenhauses; Heinrich Laube berichtet: „Er saß angekleidet im Lehnstuhle, als der Tod des Gerechten über ihn kam. Ohne irgendeine gewaltsame Erscheinung hatte er plötzlich aufgehört zu atmen.“

Dieser Mann war in der Kunst des alten Europa, in der Ars moriendi, eingeübt seit vielen Jahrzehnten; er, der österreichische Josephiner, beherrschte sie wie die Spanier, die er liebte — wie sein Kaiser Rudolf im „Bruderzwist“ — wie auf der Bühne ihres Lebens Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. — und wie auch der junge Mozart.

An der Leichenfeier nehmen Hunderttausende teil. Dicht stehen die Menschen in den endlosen Straßen der Vorstädte, durch die sich der Zug eine Stunde lang bewegt, dem Währinger Friedhof zu; einige Schritte weiter liegt Beethoven begraben, dem er die Leichenrede geschrieben hatte.

Das Begräbnis ist nur zu vergleichen mit dem noch größeren, das Victor Hugo in Paris zuteil wird.

Grillparzer hat sich als einen Menschen bezeichnet, „der nur zwei Fremden und keine Heimat hat“. Er meinte: eine deutsche und eine österreichische Fremde.

Die großen Tragödien finden in Österreich bei völliger Windstille, bei himmelblauem Kaiserwetter — im Innenraum der Person — statt.

Der Schweizer Walter Muschg, im alteuropäischen Basel beheimatet, in dem Jakob Burckhardt bewußt und direkt auf Grillparzer als Kronzeugen für die eigene Weltschau sich bezieht, bemerkt zu Recht: alle Stücke Grillparzers spielen im magischen Innenraum des Ich, mögen sie in noch so ferne mythische, noch so farbige geschichtliche Stoffe sich kleiden.

Das Kampfgespräch mit sich selbst weitet sich zum Kampfgespräch mit der Welt.

Der Mensch ist das Schlachtfeld: in der Person finden die großen Kriege statt, in denen es nie, nie einen Endsieg gibt; wer die Wucht der inneren Konflikte kennt, bewußt erfährt, annimmt und austrägt, in dessen Sprache kommen „Sieg“ oder auch nur „Erfolg“ nicht vor.

Diese Einsicht, die Grillparzer, Nestroy, Raimund, Hofmannsthal, Freud und allen gelernten Österreichern erfahrungsmäßig zu eigen ist, bildet wohl den seelischen Grund für die vielberufene Flucht des Österreichers vor der eigenen Größe.

Im Raum der Seele, auf dem größten, permanentesten Schlachtfeld, ist Härte Torheit. Kaiser Rudolf beschwört den Erzherzog Ferdinand, der sich rühmt, 60.000 Protestanten zwangsbekehrt und 20.000 ausgetrieben zu haben: „Sei stark, nicht hart!“

Grillparzer ist überzeugt: Härte schafft Untergang. Härte tötet die Zukunft. Die Zukunft des Zwölfvölkerreiches Österreich — die Zukunft der Seele, die Zukunft des Menschen.

Franz Grillparzer weiß um die Verpflichtung des Menschen, mit der Menschheit fortzuschreiten, durch die Jahrtausende hindurch. Er hält dies nachdrücklich in seinen Tagebüchern fest und setzt hinzu:

Daher ist jedes absichtliche Stehenbleiben der einzelnen oder moralischen Person ein Verbrechen an dem Geschlechte, ein Vergehen gegen Gott. Wollen wir nichts hinzufügen zu dem Schatze der Menschheit, wer gibt uns ein Recht, das vor uns Gesammelte zu gebrauchen?

Waches, bewußtes Leben im Heute bedeutet für Grillparzer Teilnahme an dem großen Gespräch, das die Vergangenheit mit der Zukunft führt, in der Gegenwart, im höchst gefährdeten Augenblick, von dem Bischof Klesel im „Bruderzwist“ sagt: „Der Augenblick gibt alles, oder nimmt alles.“

Grillparzer sieht sein Volk, die Menschen in den Gassen und Straßen Wiens; erschrocken sieht er, daß ihnen an diesem großen Gespräch, das den Lebensstrom der Menschheit tragen soll, gar nichts liegt. Erschrocken ruft sein Kaiser Rudolf aus: „Allein der Mensch lebt nur im Augenblick, was heut ist, kümmert ihn, es gibt kein Morgen.“

Es gibt kein Morgen für den Menschen als Person, für die Menschlichkeit, für die Völker in der Donaumonarchie, in Europa, wenn das Gespräch abgebrochen wird.

Grillparzer wird Tragiker, mobilisiert durch die Angst, daß dieses Gespräch zusammenbricht — in Wien, in der Donaumonarchie, in Europa, in der eigenen Brust.

Das Gespräch der Völker in der Donaumonarchie wird hier nicht als ein Parlieren, als eine Art Cocktail Party, ein Monologisieren auf Kongressen und öffentlichen Veranstaltungen verstanden, sondern als das laute und leise, auch schweigende, im Zusammenleben sich manifestierende Gespräch, tausendfältig untergründig, und dann wieder in Wort und Gegenwort, Lied, Musik, Kunst. Grillparzers Wien war zumindest seit dem 12. Jahrhundert, als die ersten Griechen und Griechinnen nach Wien kamen, zur Hochzeit am Babenbergerhof, und dies bereits tausend Jahre, nachdem Kaiser Marc Aurel in Wien seine Betrachtungen geschrieben hatte, eine Gesprächsgemeinschaft zwischen Ost und West, Nord und Süd.

Griechische, italienische, ungarische, tschechische, rumänische Familien verschwägern sich hier früh mit dem deutschsprachigen Bürgertum. Man hat des öfteren, gelegentlich allzu genüßlich und mit allzu glattem Zungenschlag, bemerkt, daß die Griechinnen in Grillparzers Dramen Wienerinnen seien; und hat dabei übersehen, daß im Griechenviertel Wiens (rund um das „Griechenbeisel“ und die griechische Kirche, die Hagia Trias) über siebenhundert Jahre lang Griechinnen und Griechen gelebt haben; Wolfgang Schmelzl, in Wien von 1540 bis 1551, bemerkt: „Man hört in den Straßen Wiens Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Hebräisch, Griechisch, Lateinisch, Türkisch, Tschechisch, Ungarisch, Holländisch, Syrisch, Polnisch.“

Die Habsburger der neueren Jahrhunderte bringen vor allem Spanier, Italiener, Wallonen, Flamen, Iren an den Hof und in die Stadt Wien.

Grillparzer erschrickt: der jäh und heiß aufsteigende Nationalismus bedroht diese lebendige Gesprächsgemeinschaft, die das hohe Barock und die Wiener Musik geschaffen hatte: ein vielstimmiges Sichzusammenfinden sehr konträrer Elemente, Formen, Farben, Klangsprachen.

Diese Gesprächsgemeinschaft verkörperte sich, außer in Wien, vor allem in der goldenen Stadt Prag, welche die Mitte bildet zwischen dem goldenen Kiew und dem goldenen Rom, der Domus aurea des Westens und des Ostens. Im „Bruderzwist“ flucht Kaiser Rudolf seiner Stadt Prag — und segnet sie dann: das geliebte Prag, das er Wien vorzog. In diesem Fluch ist die bange Sorge Grillparzers um die Zukunft, in dieser Segnung liegt die Erkenntnis der für diese Donaumonarchie unersetzlichen Verbindung deutschsprachiger Menschen mit den Slawen. Grillparzer hat jenes Werk, in dem er die Sprechgemeinschaft, die Sprechverpflichtung zwischen sehr alter Vergangenheit und Zukunft beschwört, seine „Libussa“, der Gründungslegende Prags gewidmet.

Bedroht wie dieses Gespräch zwischen Tschechen und Deutschen, wie überhaupt das Gespräch der Völker in der Donaumonarchie erschien Grillparzer auch das Gespräch zwischen Oben und Unten, zwischen den herrschenden Ständen und dem Volk draußen vor dem Forum der Stadtpalais des Adels, rund um die Schlösser in den Vorstädten der Kaiserstadt. Kunst und Kultur des Barocks, die Musik des Hofes und der Vorstadt, die Vorstadtbühnen und das kaiserliche Hoftheater (die Freikarten der Staatstheater tragen heute noch den Aufdruck „H“, d.h. für den Hof bestimmt) — sie hatten, untergründig und tausendfältig vermittelt, miteinander ein lebendiges Gespräch geführt, das die Kontinuität und Vitalität der Fest- und Feierkultur trug. In dieser Verbundenheit lebt jene Kaiserin Maria Theresia, die mitten in einer Theatervorstellung aus ihrer Loge dem Volk von Wien verkündet: „Der Poldi hat an Bubn kriegt!“

Grillparzer bekennt sich zu dieser in Europa einzigartigen Verbindung von Hochkultur und Volkskultur, von höfischer Kunstpoesie und Lied des Volkes in seiner großen Erzählung „Der arme Spielmann“:

Von dem Wortwechsel weinerhitzter Karrenschieber spinnt sich ein unsichtbarer, aber ununterbrochener Faden bis zum Zwist der Göttersöhne, und in der jungen Magd, die, halb wider Willen, dem drängenden Liebhaber seitab vom Gewühl der Tanzenden folgt, liegen als Embryo die Julien, die Didos und die Medeen.

Jenes Gespräch nun wurde zu Grillparzers Lebzeiten tödlich bedroht, abgebrochen, abgewürgt: von oben her, durch die Zensur. Wir leben heute, gerade auch im Westen, in einer geschlossenen Welt, in der es mindest ein halbes Dutzend Zensuren gibt, sehr oft Vorzensuren. Erstrangige Zensurmächte — um von zweitrangigen zu schweigen sind heute: die miteinander paktierenden großen Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Interessenverbände. Alles, was heute auf der Bühne, auf der des öffentlichen Lebens wie in den Künsten, frei schaffend errungen wird, muß in einem permanenten, zunächst lautlosen Kampf den Zensurmächten und ihren Tabuierungsgeboten abgerungen werden: Zensuren von oben und von unten, von links und von rechts und aus einer fragwürdigen Mitte.

Grillparzer wurde durch die Zensur im Staate Metternichs zutiefst verletzt, er empfand ihr Wirken als Schädigung seiner Menschenwürde. Seine Stücke wurden verboten, sein Gedicht auf die Ruinen des Forums als Ausdruck antichristlicher Gesinnung gebrandmarkt. „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Ich fühle mich erlöschen von innen heraus.“ Grillparzer erlebt die nahezu perfekte Ausbildung eines fast süßen Terrors neuerer Art, wie er heute vorzüglich praktiziert wird. Er spricht von diesem Terror als „gemütlicher Henkerei“ des Geistes. Die Zensur-Bürokratie und ihre Handlanger in der Gesellschaft suchten schon damals ihre Opfer geistig zu erdrosseln oder unauffällig verenden zu lassen.

Grillparzer steht dieser Zensurwelt mit jenem stillen, tiefen Zorn gegenüber, der ein Signum fast aller schöpferischen Menschen in Österreich ist: von Mozart bis Schubert, von Grillparzer bis Freud, dessen Klagen in vertraulichen Briefen über den geistigen Terror in Wien mit jenen Grillparzers in seinen Tagebüchern zu vergleichen sind.

Der Zensur von außen kam, in unheiliger Allianz, eine Zensur von innen entgegen: ein Druck, ja Überdruck in der eigenen Brust, der das Gespräch in der Person, zwischen bewußten und unbewußten Schichten, abbrechen möchte. Es ist dies kein Zufall, sondern enger geschichtlicher Zusammenhang mit der politischen, geistigen, religiösen, gesellschaftlichen Situation.

Grillparzer ist ein Mann, der sich durch den Vulkan in seiner Brust tödlich bedroht fühlt. Die Leidenschaft in seiner Tiefe kennt kein Gesetz, keine Grenzen, kein Maß und keine Sitte. Sie wütet in Grillparzer wie in Stifter, bei dem dies Nietzsche als erster entdeckt hat. Grillparzer reißt die Frau eines Freundes an sich und steht dann, als Fremder, an ihrem Sterbebett. Die vielberufene „Dämonie“ Grillparzers erfährt den Versuch einer Selbstanalyse im Drama, insbesondere im Verhältnis von Jason und Medea.

Die Selbstanalyse endet im großen Verzicht, im Sichverbluten nach innen. In dem Wissen, daß die Situation des Menschen — des Mannes in der Zeit, in dieser Zeit so ungeheuer, so ungeheuerlich ist, daß kein Wort, keine Darstellung im äußeren Gespräch sie erreicht, sie anzusprechen vermag. Der Ernst der Tragödie des Menschen ist so groß, daß die geschriebene Tragödie diesen Ernst nie erreicht. Das Gespräch in der Tiefe der Person läßt sich in Worten nicht darstellen.

Im Zweiten Weltkrieg schreibt Jean Giraudoux sein Drama „Sodom und Gomorrha“: die letzten beiden Menschen, Jean und Lia, haben einander nichts mehr zu sagen, erreichen einander nicht mehr in der Sprache der Menschen. Das ist das Ende der Menschheit. Der Weltuntergang ist dann nur Ausfaltung dieser letzten Trennung, die im Menschen den atomaren Kern spaltet: die Einung von Mann und Frau.

Von Grillparzer führen Wege zu dieser Endzeitsituation. Der Fremde in Wien deckt den fremdesten Kontinent auf: die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, und die fremdesten Zonen dieses fremdesten Kontinents: die ersten und letzten Kämpfe, Begegnungen und Nichtbegegnungen zwischen Mann und Frau.

Sich selbst entfremdet und, als Mann, der Frau zutiefst unheimlich, mörderisch fremd, wie Jason der Medea: Grillparzer deckt in seinen Dramen Abgründe auf und deckt sie dann wieder zu. Die Möglichkeit, im Angesicht der Schrecklichen, der ganz anderen Frau, als ganz anderes Weltwesen, als Mann, zu stehen und standzuhalten, wurde ihm geboten durch seine Begabung, sich selbst als einen anderen, getrennten Menschen, neben sich stehend, zu erfahren.

„Der arme Spielmann“, wahrhaftig ein Glaubensbekenntnis, geformt aus Klage, aus niedergekämpften Tränen, wurde von Grillparzer vorbereitet durch Entwürfe zu einem parodistischen Lustspiel, in dem er selbst als verhemmter, heimlich dichtender Beamter Fixlmüllner auftritt, sowie durch Pläne zu einer humoristischen Selbstbiographie, mit dem Titel „Leben, Taten, Meinungen, Himmel- und Höllenfahrt Seraphim Klodius Fixlmillners, eines Halb-Genies“.

Faustens Höllenfahrt führt im 19. und 20. Jahrhundert in die Höllen der eigenen Brust. Ein anderer großer Fremder aus Wien, Sigmund Freud, schöpft — er weiß das im Alter selbst — aus den Werken österreichischer Dichter, die Wege suchten durch das „weite Land“, im fremdesten Kontinent, im Innenraum der Person.

Begehrte Fremde, die sich in jeder Umarmung in noch tiefere Fremdheit birgt, ist die Frau: Grillparzer wird zum Dichter der Frau — inmitten einer österreichischen Dichtung, die, im Großraum der Dichtung deutscher Sprache, ein einzigartiges Frauenlob darstellt. Die Zartheit und Zärtlichkeit, die Liebeswürde und Liebenswürdigkeit, die um Grillparzers Mädchen und junge Frauen schwebt, sollte jedoch nicht, wie es oft geschieht, mißverstanden werden: „Das Schöne ist nichts Als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.“ Rilkes Verse aus der Ersten Duineser Elegie lassen sich als einführender Kommentar zu Grillparzers Erfahrung der Frau deuten: der Liebesglanz um die Frau ist Funke der Strahlmacht einer schrecklichen, schrecklich-schönen Gottheit.

In jeder Hero steckt eine Medea. In jeder Frau steckt aber auch eine Libussa: die Frau, die den in mörderischen Aktivitäten sich zerstörenden Mann erinnern will an das Heile, das vertan, übersehen, verspielt wird.

Grillparzer durchschaut in der Aggressivität des Mannes — Geschichte explodiert in seinem Jahrhundert in einer Kettenreaktion von Aggressionen — jenen selbstmörderischen, selbsthassenden Drang, von dem Albert Camus in seiner Nobelpreisrede als Signum unserer Zeit spricht: jeder Mord, jeder Anschlag auf die Menschenwürde anderer Völker, Rassen, Individuen ist im letzten ein Anschlag gegen das eigene, zutiefst verfremdete Selbst. Krieg in der eigenen Brust: im Weltbürgerkrieg, der aus allen Poren aufbricht, im Mann, der — fremd sich selbst, fremd seinen eigenen Tiefen, fremd der Frau — nicht leisten kann, was er doch soll: gute Worte und gute Politik machen, Verantwortung für die Menschlichkeit des Menschen tragen.

Grillparzer nimmt früh und zeitlebens, wie an der Frau, auch an der Politik leidenschaftlich Anteil. Heinrich Laube, der deutsche Demokrat, dann in Wien beheimatet, erinnert: „Politik las er genau zeit seines Lebens.“ Er nahm fortwährend Partei, wenn auch meist abweichend von der offiziellen Meinung, weil er Licht und Schatten zugleich sah. Ein satirisches politisches Gedicht des fünfzehnjährigen Grillparzer, gegen die zage kaiserliche Politik gegenüber Napoleon, läuft anonym durch ganz Wien. Im Jahr 1848 hat Grillparzer es weder der Linken noch der Rechten recht gemacht. Der politisch denkende Dichter und Literat steht, seit Dante, als „parte per se stesso“, als Partei für sich allein; Erasmus bekennt: „Mein Schicksal ist es, von beiden Seiten gesteinigt zu werden.“

Grillparzer, der Fremde in Wien, der Fremde aus Wien, notiert:

Will unsere Zeit mich bestreiten,
Ich lass’ es ruhig geschehn,
Ich komm’ aus anderen Zeiten
Und hoffe in andre zu gehn. —
 
Ich rede nicht, wo jeder spricht,
Wo alle schweigen, schweig’ ich nicht,
Weh euch und mir, wenn je
Von uns ich wieder singe,
Ich bin ein Dichter der letzten Dinge.

*) gehalten in der Gesellschaft für Literatur, Wien.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1966
, Seite 113
Autor/inn/en:

Friedrich Heer:

Geboren 1916 Wien, gestorben 1983 ebenda, Kulturpublizist, Historiker, Kulturkritiker, Professor der Universität Wien, Dramaturg des Burgtheaters.

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