FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 409/410
Engelbert Obernosterer

Killed by Killinger

Ich habe hier den Killinger eins, das österreichweit verbreitete Sprachlehrbuch. Mit seiner Hilfe gehe ich wie jedes Jahr daran, die Aphasien der in den Bergen aufgewachsenen Kinder zu überwinden: ihr Stammeln, ihr Haarsträuben, den Druck in den Schultern.

Es wird im ersten Jahr nur Teilsiege für die Sprache geben. Aber mit den Bänden zwei bis acht werden wir, meine Kollegen und ich, das Unartikulierte weiter zurückdrängen, was, auf den Körper bezogen, bedeutet, daß das aus ihm Sprechende nicht länger zur Kenntnis zu nehmen ist, sondern einzig die Lautabsonderungen der geschulten Zunge.

Bauchreden, Eingeweidezucken, Raunen, das kann ja alles Mögliche bedeuten. Uns in der Schule bleibt keine Zeit, einzelne Körper zu umkreisen und auszuhorchen. Die immer akut bleibende Zeitknappheit, wohl eine Art Verbot, die Linearität der hineilenden Zeit irgendwo zu verbreitern zu Flächen, auf denen bald Bilder aufwuchern würden, diese das ganze Land beherrschende Zeitknappheit richtet uns aus auf ein klares Buchstabe hinter Buchstabe, auf Buchstabenkombinationen zuletzt, von denen es heißt, daß es auf sie ankäme.

Während die Buchstabenreihen also zu etwas führen oder zumindest die verheißungsvolle Gestik des Führens in den Raum zeichnen, führt die Körpersprache eigentlich zu nichts.

Jede der Berufsgruppen hat natürlich in ihrer Tüchtigkeit eine eigene Lesart entwickelt: die Heimatdichter, die Jäger, die Forstleute. Der Mann im grünen Loden braucht nur zu konstatieren „abgestorben“, und schon tut sich was in seinem Arm. Das geeignete Gerät liegt im allradgetriebenen Wagen. Er erledigt die Sache gerade neben dem Plaudern mit einer Beerenpflückerin. Einen schönen Beruf hat der, sieht man. Immer problemlos und heiter trifft man ihn an.

Auch wir in der Schule haben Gott sei Dank unsere gesicherte Lesart von der Welt, das gute Deutsch. Wir Lehrer brauchen dabei ja nicht zu bedenken, welche Mächte sich in ihm verschanzt haben. Wir beobachten höchstens nebenher, daß sich die Sprachregelungen von Zeit zu Zeit ändern und daß doch diejenigen heftiger nach Sprachpolizei verlangen, deren Existenz auf den genormten Sprachgebrauch gegründet ıst, beziehungsweise die die konventionelle Sprache als das Wichtige im Lande hervorhebt, die Ehrenmänner verschiedener Ranghöhe — während jene, die bei der Normierung an Eigenprofil verlieren, wenig Lust am guten Deutsch zeigen, und das sind ganze Schulen voll.

Noch weniger als wir Zwischenhändler des werthaltigen Lautmaterials verstehen natürlich die Endverbraucher, die Schulkinder, mit welchen Beruhigungsmitteln sie versorgt, mit welchen Süchten sie infiziert und in gewisse Richtungen in Bewegung gesetzt werden. Die Verabreichung soll, das gehört zur Kunst der Pädagogik, so erfolgen, daß sie nach einem Geschenk des Vaters Staat aussieht. Lange freilich läßt sich der Geschenkstil meistens nicht aufrecht erhalten, denn bei gelegentlicher Verweigerung der Annahme trifft den Widerspenstigen der Zorn desselben Landes. Ich spüre ihn oft in meinen Muskeln zittern. Der Staat bedient sich ihrer, um allerlei für ihn weniger brauchbares Material beiseite zu schaffen, zu Asphaltierungstrupps oder zur Wildbachverbauung, wo mein Verdikt, daß er minderen Wertes sei, sich bald aus dem Milieu heraus bewahrheitet, so lückenlos, daß der von den aufwärts führenden Bahnen Gestoßene, kaum zwanzigjährig, seine Minderwertigkeit tief in sich stecken spürt. Denn horch, wie die auf ihn angewendete Berufsbezeichnung klingt: Straßenarbeiter! Und wie der Bestand vom Kopf bis zum Fuß stinkt: nach Teerdünsten, nach Schweiß und Erfolglosigkeit. In einer halbwegs gepflegten Umgangsprache ist das gar nicht zu beschreiben.

Da begegnet mir doch neulich vor dem Gasthaus so eine Feldjägermontur, stutzt, bleibt stehen und lacht gicksend auf mich herab. Scheint wohl etwas zu viel erwischt zu haben. Trotzdem erkenne ich Reste eines ehemaligen Schülers in der Gegend des Nasenhöckers. Eine einzige Rechtschreibkatastrophe verbinde ich damit, eine ruckende, in Verwindungen befindliche Ausdruckshemmung. Erfreut über das Wiedersehen lacht’s herab. Mag sein, daß ich ihm öfters durch das Einsetzen des passenden Wortes den Druck aus dem Kopf abgeleitet habe. Ich müsse einen Moment warten, versperrt er mir den Weg und zieht ein bekritzeltes Papierchen aus der Brieftasche, Hier, hier sei es. Bei Reisach sei es gewesen, er könne mir noch genau die Stelle im Türkenacker zeigen, wo ihm mitten im Manöver der Einfall gekommen sei. Wenn jemand den Einfall noch entziffern und deuten könnte, so müsse es ich, sein ehemaliger Deutschlehrer, sein. Ich könnte die Erkenntnis auch ruhig in einem Buch verwerten. Hm, „mitge“ und „ille“ entziffere ich mit Not, der Rest bleibt verwaschen wie die Gegend um Reisach und das Herumfuhrwerken der langen Arme vor meinen Lesebrillen.

Auch beim Reden ist dem Manne schwer zu helfen. Könnte er sich doch endlich zum reinen, einfachen Satz durchringen, denn so ein schlichter, klar verlaufender Satz bringt seinen Sprecher aus sich heraus wieder ins Reine, seine Schlüssigkeit macht Schluß mit dem, was da rechts und links aus der Buchstabenreihe tanzen will. So aber verkeilen sich die einzelnen Sprechansätze stoßend und einander behindernd hinter der Stimmritze, die nur noch in unregelmäßigen Abständen einzelne Wortteile entschlüpfen läßt, und der alte Lehrer muß durch sie hindurch hinabschauen in die stumme Welt.

Aber es ist dort niemals ganz stumm. Der Arzt von Stalingrad, den mir ein Kollege aufgedrängt hat, stellt es zwar auch so dar, als ob es nach dem Gefecht totenstumm gewesen wäre am Hang mit den Einschußtrichtern und den vom Leibe gestreckten Armen der Russen, aber da strecken sich auch gestikulierende Hände durch das Gitter der Buchstaben heraus und wollen was bedeuten. Jetzt sieht man’s: Einem hängt es aus dem zerschmetterten Rachen, das Instrument, über das her der Körper so weit gebracht worden ist, daß er ins Erhebende der Worte vor der Schlacht gehüllt, das kurze Elektrisieren des Splittereinschlags kaum gespürt haben dürfte.

Sprechen wir es ruhig aus, jeder mit seiner Zunge: Die Zunge fungiert nicht selten als von fremden Mächten in den Körper eingeschleuster Saboteur. Sie bringt den Körperbullen dazu, daß er sich in irgendwelche Zugscheite einspannen läßt, und hü und hot geht’s mit ihm dahin von Versprechung zu Versprechung, bis er eben dort ist, wo man ihn haben will. Die schönen Worte machen mit ihm, was die Meister der schönen Worte eben im Schilde führen. Ihre Aufladung hat der Sprechende als seinen Willen zu betrachten. Sag Heimat, sag Feind, sag Tapferkeit, und eine Willenslinie ist fertig.

Deshalb beschäftigen sich die Regierenden so eingehend mit der Wortwahl. Nach der Verseuchung des Rheins durch die chemischen Werke von Basel war es eine Hauptfrage für die Kantonsregierung, ob sie von „Vorfall“, „einmaligem Erlebnis“ oder von „Katastrophe“ sprechen soll. Ein eigens eingesetzter Sprecher sollte den Rhein wieder reinigen, indem er die Sache geschickt und vorsichtig auf einen „einmaligen Vorfall“ hinredet.

Jaja, unsere lieben 26 Buchstaben! Kommen Sie, schauen Sie einmal mit mir aus dem Fenster. Sieht das Viereck mit den gekalkten Linien dort unten nicht aus wie der Begriff Fußballplatz? Damit er nicht zu einem Zwischending zwischen einer Spielwiese und einer buckeligen Tratte wird, braucht’s einen sehr emsigen Schulwart, der sofort alles, was nicht zum Sportplatzprogramm gehört, entfernt. Auf der kleinen Böschung daneben der Begriff „Rasen“, eine Monokultur, die viel besser in die Zeilen paßt als beispielsweise das vielfärbige Flimmern einer Blumenwiese. Von der geradlinigen Rasengrenze, wiederum durch Randsteine begrenzt, der Asphaltstreifen, der auf jedem Quadratzentimeter dasselbe sagen will. Tuschflecken sind neulich ins helle Grau geraten, was den Schulwart ganz aus der Fassung gebracht hat, denn sie lassen sich nie mehr restlos aus den Rillen reiben, und wenn ein drüberhin Gehender sie auch nicht mehr bemerkt, so weiß sie doch der für die Trennschärfe Verantwortliche noch immer dort. Bei jedem Vorübergehen belästigt ihn so ein ungutes Flimmern.

Die Kinder wimmeln ja recht unbekümmert darüber hin. Sie lieben jegliches Durcheinander. Vielleicht ist der Begriff „Kinder“ auch zu früh eingesetzt, denn bis sie die Artigkeit und einsichtige Gefügigkeit, die er beinhaltet, erreichen, wird’s wohl noch einiger Erziehungsarbeit bedürfen.

Sehen Sie, da kommt unser tüchtiger Schulwart. Einen Kratzer in der Rechten, hält er Ausschau nach Definitionswidrigkeiten. Gestern, am ersten Tag nach Ostern, hat’s aus einer Bruchlinie zwischen dem Asphalt des Parkplatzes und dem Grobkörnigen der Eingangsstufe zu sprießen begonnen: undefinierbares Gedränge, eine pure Überforderung des Wortschatzes des hier arbeitenden Personals, was auch prompt den Kratzer auf den Plan gerufen hat, und ratsch, ratsch, war die Unbeschreiblichkeit wieder aus dem Auge. Der Schulwart ging mit der handvoll Unschärfe eigens zum Müllcontainer, und Sie hätten die Befriedigung auf dem Gesicht sehen sollen. Das Haar, das er in der Art eines höheren Kulturbeamten von einem Ohr in melancholisch langen, schütteren Fäden über die Halbglatze auf die andere Seite gestrichen trägt, flatterte leicht. Dann ging er Hände waschen.

Zurück zum Killinger! Eines muß man ihm lassen: Er versteht es, sich einzufühlen! Nicht in alles und jedes, versteht sich, sondern in das, worauf es bei einem Lehrbuch nun einmal ankommt, und das ist das Denken der Approbationskommission, insbesondere wie sie sich das Kindliche vorstellt. Lernfroh hampeln da Männchen über die Seiten des Buches, den Mundstrich stets aufwärts gebogen, was dem Illustrator ja keine besondere Mühe bereitet haben dürfte, und der Verlag scheint damit auch das Erdenklichste für eine glückliche Kindheit im Lande beigetragen zu haben.

Hah, das alte Schlitzohr zeigt’s denen in der Bank schon noch, wie man auch in einer Umgebung, wo Lärmen, Laufen, Rasen betreten und dergleichen verboten ist, noch was erleben kann! Und was da in dieser herrlichen Welt, die sie sich schreibend erobern, für ein Spaß und Ulk, ein nicht zu gefährlicher selbstverständlich, niemandem schadender, keinerlei Vorschriften und Anstandsregeln verletzender — möglich ist! Auf dem Papier des Hausübungsheftes! Und wie der alte Papiererne denen noch allemal zeigt, wie man auf unschuldig kindliche Weise, wie’s auch die Eltern und Lehrpersonen gern sehen, sich freut.

Solch kunstvollen Kompositionen gegenüber erwischt die Knirpse bei der Hausübung das blanke Minderwertigkeitsgefühl. Als ob sie selber gar nicht gelebt hätten! Sie haben in den ganzen Ferien nichts Nennenswertes vorgefunden, nirgends einen Höhepunkt in der ganzen Fahrerei durch den Balkan, nirgends einen sinnvollen Schluß.

Wohl aber die Lehrer! Ein Genuß, einem zuzusehen, wie er ausgebreiteter Arme einer jungen, gar nicht reizlosen Kindesmutter entgegenkommt. Sowie das Repertoire an Einleitungsfloskeln sich zu erschöpfen beginnt, zeichnen sich auf den Mienen die Vorboten des ernsten Hauptteiles ab. Die Brauen des Schulmannes ziehen sich enger und enger. Jetzt arbeitet’s aus dem hängenden und doch fest verspannten Schultergürtel heraus in die ringenden Hände.

Einige Schüler sind stehen geblieben, denn zum Unterschied zu den großen geschichtlichen Ereignissen, die sie vor der Pause unterstrichen haben, geschieht hier wirklich etwas: ein Scharmützel zwischen den listenreich geführten Waffen der Weiblichkeit einerseits und der konsequenten Ausprägung wohlfahrtsstaatlicher Verantwortung andererseits. Gegen Ende der Pause sieht man aber das schön fallende, schulterlange Haar nur noch in Nickbewegungen, kleinlaut, einsichtig, während die Pädagogenhand noch entschiedener in die Luft hackt. Der Abschluß des Gespräches kündigt sich an. Niemand mag mehr hinsehen.

Bisweilen soll es aber trotzdem geschehen, daß einen der Wortgewaltigen plötzlich die Sprache verläßt, so daß er, ohne sie ein Elendshäufchen, recht verlassen dasteht. Er verhaspelt sich in den einfachsten Sätzen, stößt Ungereimtheiten hervor und muß am Ende doch wieder zur Körpersprache Zuflucht nehmen, das heißt, mit den schon lange in der Luft rüttelnden Armen was machen.

Meist dauert es aber nicht lange, bis der Killinger ihn wieder einholt, ihn sozusagen killt, indem er ihm reine, einfache Sätze wie: „Ich möchte dich heiraten!“ in den Mund legt. Kaum freilich ist die Buchstabenphalanx ordnungsgemäß aufgestellt, packt sie auch schon, ihre Aggressivität nobel verschleiernd, den Wicht, dessen sie sich bediente, beim Genick und schiebt und stößt ihn die Staatsgrammatik entlang: kausal, final, konditional — wie ein funktionierendes Gemeinwesen es eben braucht und wie er es, der Verräter an der Stille, wohl auch nicht anders verdient.

Er erkennt im Lautwerden seines Begehrens den Sündenfall. Die Schlange war die Zunge. Er könnte sie sich ausreißen aus Scham über den Wortlaut, indem das Begehren laut geworden ist. Illustriertenquatsch, Kinokitsch! Aber als Mann hat man zum Wort zu stehen, egal was inzwischen aus allen Winkeln des Körpers dröhnt. Wartend, was aus den Akten hervorgeht, sitzen die zwei aus den Wortnetzen gefallenen Körper alsbald links und rechts der Türe zum Verhandlungsraum. Beide werden im Scheidungspapier neue Konditionen vorfinden und wie in einem umgebauten Haus neu sich einzurichten haben. Was wird das Wort „geschieden“ alles über die zwei Köpfe schütten?

Gut, wenn man Bekannte hat, die für die fast unbeschreibliche Situation doch Worte finden, vorsichtig gesetzte, die letzten Endes auch einen Sinn ergeben, wenn sie nur grammatikalisch richtig angeordnet sind. Man denkt öfters an den Deutschlehrer. Wieviel an Desperation er durch die Erziehung zum reinen, einfachen Satz wohl eingedämmt hat. Persönlich schlichte, aber verdienstvolle Leute, die Sprachpädagogen!

Das Land, das zu bilden sie wesentlich mit beigetragen haben, ehrt jedes Jahr ein paar von den so unscheinbaren Männern. In einer Reihe mit den fünf Lebensrettern des letzten Jahres stehen die acht Schulmänner, die zu Schulräten ernannt werden sollen, vor dem Landeshauptmann. Einer der Ernannten, der als besonderer Sprachmeister gilt, tritt nach der Überreichung der Urkunden vor, um, wie sich’s gehört, im Namen aller zu danken. Er möchte auch einige Gedanken zu Gemüte führen, hört man mit Erstaunen. Aber man wartet vergeblich, daß etwas gesagt würde, muß sich vielmehr nach jedem Satz dringlicher fragen: Was ist das bloß, was sich da am Rednerpult aufstützt und in alter Geläufigkeit Laute von sich hustet? Doch nichts anderes als Feierlichkeit von der Stange, strapaziertester Killinger!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1988
, Seite 26
Autor/inn/en:

Engelbert Obernosterer:

Geboren 1936 als Sohn eines Bergbauern im Kärntner Lesachtal. Er arbeitete als Lehrer an verschiedenen Schulen des Gailtales. Von ihm sind bisher vierzehn Bände Prosa und ein Drama erschienen.

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