FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 164-165
J. Peter Stern

Das gläserne Geländer

Si calceus convenit, indue.

I

Gibt es ihn denn eigentlich, den Literaturkritiker, geschweige denn -wissenschaftler? Was es bestimmt gibt, allerdings viel seltener als in der Ökonomie der Literatur vorgesehen, ist der gute Leser. Der immer besser lesende Leser. Der über weite Strecken der Imagination vergleichende, verbindende, aneinander messende, aber immer wieder zum fons et origo zurückkehrende Leser. „Ach, Sie sind es!“ sagte einmal Henry James einem sehr gewöhnlichen und ganz bescheiden in der Ecke einer Sherry-party stehenden jungen Mann, der mit großen Augen die Worte des genialen Romanciers aufsog. „Sie sind es also wirklich: jenes fast mythische Wesen, von dem unsereinem immer träumt — das wir uns nie genau genug vorzustellen vermögen — das mich doch auf Schritt und Tritt — er selber, nicht wahr — den man kaum gehofft hat, je persönlich, sozusagen Auge in Auge — mit allen Mitteln unserer Kunst beschworen — kurz Sie, lieber Herr, sind es: der gewöhnliche Leser!“ Und hatte James nicht recht: ist es nicht erstaunlich, daß es ihn gibt?

II

Auch in deutschen Landen, nur daß er dort so selten zu Wort kommt. Zumindest führt er es nicht. Das tun, dort und auch anderswo, allerlei Konstrukteure, Bastler, die Märklinbauten aus vorgestanzten Ideen aneinanderschrauben: einst weltanschauliche, heute (gebrannte Kinder) „werkimmanente“ und literaturgeschichtliche; einst trotzig nach rechts ausgerichtet, jetzt mit schlechtem Gewissen nach links äugelnd. Literaturverbraucher: denen die halbeigene Konstruktion nicht auslangt, und so fuchteln sie auf Trümmerhalden mit Dichtungsfragmenten, die sie „Materialien“ nennen: Festgefügtes, das sie auseinanderbrachen, Aphoristisches, das zum Vorwand von Ideen-Konstruktionen wurde. Übertreibe ich, wenn ich sage, daß sie die Literatur hassen? Fürwahr, es geht ihnen nicht darum, das Geschaffene in seiner Einmaligkeit zu übermitteln sondern darum, es aufzulösen, es von seiner ursprünglichen, den Inhalt mitbestimmenden Form loszulösen und der vorgefaßten Konstruktion einzuverleiben. Was anderes sind sie als Besserwisser, die sich an fremder Einsicht emporranken, nicht, um das Gegebene besser zu sehen, sondern um die eigene Unzulänglichkeit in ein besseres Licht zu rücken, denn sie werken bei ungeschneuzten Lampen ...? Hier wird Literatur zum Anlaß: Anlaß zu einem (oh Graus!) „Wissen um“ Ideenverbindungen, die noch auf fremdem „Unterbau“ wanken; Verrat am Gegebenen, sowohl der (mißbrauchten) Literatur als auch des (mißhandelten) Lebens. Was sonst ist dieses Zum-Anlaß-Werden, diese Instrumentierung der Literatur, als Haß gegen das so und nicht anders gestaltete Kunstwerk? Topossucher, Textforscher, Klangauffädler, Zischlautsammler, Symbolverschleißer — im besten Fall stehen sie bange vor dem geschlossenen Monument, im schlimmsten stampfen sie einen Pfad aus für all die anderen, die ihnen folgen, all die anderen — schlechten Leser.

III

Der Kritiker aber ist bloß der gute Leser, der zu Wort kam. Er biedert sich dem Werk nicht an, doch er sieht auch nicht auf das Werk hinab aus luftleeren Feldern von Oberbegriffen und Einordnungen. Er meidet den Stall der Zunft, in dessen kuhwarmer Luft alles vertraut, überprüfbar, schon dagewesen, zerlatscht ist. Er schafft Landkarten, doch so, als hätte das lebensgroße Modell jeder Landschaft auf ihnen Platz. Er kommt zum Werk als der, der er ist: weder Proteus noch „geschlossene Persönlichkeit“, sondern als Leser: das heißt als einer, der immer schon, ehe er das Buch aufschlägt, ein anderes gelesen hat, und davor noch ein anderes. Sein Wesen ist weder absolut neutral noch absolut vorgeformt, sondern es ist schon mitbestimmt, mitgeformt durch das, was er las. Er kann nicht über seinen Schatten springen, noch aus seiner Haut. Wenn ihn der mit Aalen gefüllte Pferdekopf, den sich Grass ausgedacht hat, anekelt; wenn er, trotz bestem Bemühen, den Faden Mann’scher Dialektik immer wieder verliert; wenn er, beim besten Willen, Becketts Monochromatik monochrom, d.h. fad findet; wenn sich ihm Musils Essayismus in nichts anderes verwandelt als eben wieder in Essays, also unerfüllte Versuche der Dichtung; wenn er also, trotz treuestem Lesen, den Grund nicht findet der ihn, den bisher unverständigen Leser, zu einem verständigeren und daher anderen veränderte, — dann, ja dann darf er das ruhig zugeben, und das Fehlen des Grundes erklären.

Einer fing das Buch an, ein anderer las es zu Ende, denn »... seine Züge, die geordnet waren, / blieben für immer umgestellt“ (Rilke). Wie wollte dieser Leser, „welcher sein Gesicht / wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten“, dem geharnischten Ideologen erklären, was an unschuldigem, an von Ideen unversehrtem Leben in den Seiten seines Buches vor sich geht. Und doch wäre er andrerseits bloß lächerlich, versuchte er, sich seiner Persönlichkeit zu entledigen, um mit nichts als seinem „innersten Wesen“ der Dichtung zu begegnen, — lächerlich wie der gute Don Quixote, der sich seiner Kleider entledigte und nackt in den kalten Wüstenbergen um seiner Dulcinea willen Buße tat. Die Tatsache, daß er schreibt (und sich also nur zufolge dieser Tätigkeit vom guten Leser, der nur liest, unterscheidet), verführt ihn wohl dazu, dem Geschriebenen ein Eigenleben zu erlauben. Es wird dann (wie Marx vom kapitalistischen Tisch sagt) ein „sinnlich übersinnliches Ding“ daraus, welches aus seinem eigenen „Holzkopf Grillen ... entwickelt, viel wunderlicher, als wenn (es) aus freien Stücken zu tanzen begönne.“ Eine Zeitlang sieht ein solcher Tanz ganz amüsant aus, ja es kann ihm auch ein gewisser Wert nicht abgesprochen werden, — nämlich als literarisches Sujet des Satirikers. Wo liegt also die Grenze zwischen dem zum Wort gekommenen guten Leser und dem Konstrukteur? Zwischen dem Kritiker und dem „Literaturwissenschaftler“, der ja nur dann sein Ziel zu erreichen glaubt, wenn sich ihm das Geschriebene zum eigenen Schema schließt, wenn aus Literatur Indizienbeweise, aus lebendiger Dichtung blutleere, verfügbare „Texte“ werden? Die Grenze ist theoretisch so unbestimmbar wie praktisch unverfehlbar — nämlich eben wieder für den guten Leser unverfehlbar, der den Kritiker in seine Schranken zurückweist. Daß es selbstauferlegte Schranken sind, daß es ihn immer wieder über sie hinaus versucht, macht die Versuchung akut, aber nicht fatal. Warum aber soll er ihr widerstehen? Hat sein Sträuben am Ende auch etwas Quixotisches an sich ?

Auch der gute Leser hat, generell gesehen, so etwas wie eine Weltanschauung — und zwar, wie die Dinge heute liegen, eine primitiv-konservative. Er ist sich ihrer nicht immer bewußt, doch er könnte sie, befragt, ungefähr so formulieren: Er glaubt, recht simpel, daran, daß ein Ding vorerst einmal und eine gute strecke Weges lang das ist, was es ist, und nicht ein anderes. Und daß es zu dem Zweck benutzt werden sollte, wozu es geschaffen wurde.
Ein Buch zum Lesen, ein Schauspiel zum Anschauen, ein Gebet zum Beten, eine Zeitung zum Nachrichtenvermitteln, und was es sonst noch auf der Welt gibt, ein jedes zu dem Zweck, den ihm Gott und die Menschen gaben. Nicht aber ein Buch zum Verbrennen oder Vergöttern, ein Schauspiel zu geistlicher und ein Gebet zu literarischer Erbauung, eine Zeitung zur Bildung von Gesinnungsbekenntnissen. Der gute Leser braucht keinen weiteren Zweck als den, der im offenen Buch in seinen Händen liegt. Was daraus zu ihm spricht, leistet schon, je treuer er hinhört, desto besser, sein Werk; doch die Stimme des Buches ist nicht laut: schon der Lärm beim Ideenbasteln übertönt sie. Verlangt es den Leser nach einem weiteren Zweck, so ist es der: daß er die Anzahl der Dinge vermehre, die vorerst einmal und eine gute Strecke Weges lang ihren eigenen Zweck erfüllen. Es sind ihrer in der Welt nicht viele.

IV

Da kommst du mir aber mit einer hübsch paradoxen Rede! (erwidert der Skeptiker). Deinem Wunsch, daß jedes Ding seinem eigenen Zweck diene, alle Ehre — eine Ansicht übrigens, mein Lieber, die du dir aus Kierkegaard und Stifter zusammengeklaubt hast — doch die willst du allen Ernstes auf die Literatur anwenden? Auf eine Kunst also, die nichts, aber rein nichts in dem ihm eigenen Wesen bestehen läßt? Aus Flüchen und Schwüren, Freude und Weh, aus Menschen, Muscheln und Maschinen Sujets und Themen macht, Worte und Wortspiele, Absätze, Bücher, Papier, Papier ...? Und selbst wenn wir absehen von dieser Papierwerdung, selbst wenn wir sie per impossibile überspringen — wie gäbe es Literatur, wenn ein jedes Ding an seinem Platz wäre und nichts als seinen Zweck erfüllte? Was für ein Unding wäre sie: ohne Streit und Mißbrauch und Kampf, ohne die Spannung falscher Hoffnungen und unbefriedigter Erwartungen — kurz, Literatur ohne Konflikt? Widerlegt nicht ein jeder Satz, dem ein zweiter, unerwarteter folgt, deinen Quietismus, ist nicht eine jede Metapher ein Stück sprachlicher Uneigentlichkeit, und wo gibt es Sprache ohne Metapher? Was anderes als den Taumel, nein den Tanz der Dinge und Menschen in Raum und Zeit enthält die Dichtung?

Den Tanz ja (wirst du dann erwidern), den Tanz, nicht den Taumel. Also doch, trotz und nach alledem, ein Ding und nicht viele andere. Die anderen enthält die Literatur auch, aber sie alle unter einem Aspekt: als Tanz. Oder, wie der alte Aristoteles schon sagte, als Fiktion. Als ein letzten Endes doch Einheitliches — du siehst, du mußt das Papierstadium gar nicht überspringen. Du hast die Aufgabe meines guten Lesers gar nicht unmöglich gemacht, im Gegenteil, du hast sie umschrieben. Das Eine, das in seinen Händen liegt, ist ein Buch. Metapher, Übersetzung erlebter, erträumter, befürchteter Dinge in Sprache. Ihm zugewandt, zu ihm sprechend, seine ungeteilte Aufmerksamkeit erheischend und sonst nichts. Er soll sich nur die Gedanken machen, die im Buch stehen, und ein paar weitere, die zwischen den Zeilen stehen, und sonst keine.

Gut. Aber wie viele?

Nicht mehr, als die wenigen, die er nicht umhin kann sich zu machen.

Was sind das wieder für dunkle Worte: warum „kann er nicht umhin“?

Ich habe dir ja schon gesagt, er ist weder Proteus noch erzener Koloß, sondern einer, der sich hier in diesem Erlebniswinkel ein wenig ändern kann, in dem dort drüben weniger, dort unten vielleicht gar nicht.

Wechselbalg? Qualle mit Leserschein? Nein, ich weiß: der gute ...

Du solist ihn nicht verhöhnen. Ich habe dir ja schon gesagt, es gibt ihrer weniger, als von den Dichtern vorgesehen ist.

Und die Antwort auf die Frage, wieviel Gedanken er sich zwischen den Zeilen ...

Weiß ich nicht. Auch das habe ich ja schon zugegeben, daß die Theorie uns nicht weiterhilft. Wir brauchen sie aber nicht — denn er, der gute Leser mit der Feder in der Hand, wird’s schon wissen.

„... Zum Einwinken des Lesers, als Leitwerk für diesen, als kleines Geländer an wenigen Stellen“ (von Doderer) — so, genauso soll der Kritiker schreiben. Über Geländer weiß der Autor der Strudlhofstiege wohl Bescheid — weiß er aber auch, daß ein gläsernes das schönste ist, jedenfalls das zweckmäßigste? Daß es sogar besser ist als eines mit hübsch eingesponnenen farbigen Wellenlinien? Kurz, ein Geländer, das da ist und nicht da ist? Zum Anhalten und zum Hindurchsehen; gegen die Elemente gefeit, aber nicht gegen die Katastrophen.

Hinter dem Geländer ist also die Nichtliteratur; und der Kritiker soll scheiden, „orten“. Darauf wäre einmal zu sagen, daß die Dinge — die Bücher — ja schon in sich selbst die Tendenz haben, an den ihnen gebührenden Platz zu rücken, wenn man sie nur gewähren läßt. Das eben verhindern die „Kritiker“ nur zu häufig, indem sie komplizierte Gründe konstruieren, um aus Zweitem und Drittem ein Erstes zusammenzuschwindeln; Gründe, die ihnen als bloßen Lesern nie eingefallen wären. Denn was die Konstrukteure bewegt ist Geltungssucht, Pietät, oder jenes tote Meer, das sie „Kulturpolitik“ nennen — jedenfalls immer etwas, was nicht im Buch steht. (Wann werden sie endlich einsehen, daß aus Literatur weder Arzneien gebraut noch Prothesen verfertigt werden können?)

So bleibt dem Kritiker letzthin nur die Aufgabe, den Prozeß zu kürzen, den Büchern etwas schneller auf ihren gebührenden Platz zu verhelfen. Die Rangordnungen ergeben sich ja schon fast von selbst, wenn das Lesen nur das Erlesene in seinem wahren Wert aufleuchten läßt. Auch das Schwere-Leblose sinkt von selbst und geht unter („Thou shalt not kill but needst not strive / Officiously to keep alive“, heißt es bei A. H. Clough). Das Lesen aber, das will gelernt sein, besonders von dem, der sich allzu leicht Gedanken macht. Und von der Literatur, die „von den Kritikern hervorgebracht“ wird, kann man nur sagen, daß sie danach ausschaut: ein Zwitterding, ein Gerede, bei dem (wie weiland Nestroy sagte) Kraut und Rüben durcheinandergebracht werden, als wären’s Kraut und Rüben. Wo statt einem Satz ein Diskurs steht, statt einem Bild ein Klischee, statt Theater Salbung, statt Gedicht ein Weiheakt, statt Rede ein Essay über die Unmöglichkeit der Kommunikation in der vergesellschafteten Welt und (immer wieder) statt Handlung und Welt endloses Sich-Gedanken-Machen. Und sieh da, hier schließt sich der Kreis, in der Misere der mißbrauchten Literatur reichen sie sich die Hand: der strapazierte Kritiker und der verhinderte Dichter.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1967
, Seite 627
Autor/inn/en:

J. Peter Stern:

Gebürtiger Prager, derzeit Professor für neuere deutsche Literatur in Cambridge, ist ein „critic“, also Repräsentant jener Vereinigung von Literaturwissenschaftler und Kritiker, für die im Deutschen bezeichnenderweise das entsprechende Wort fehlt.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar

Personen