FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1964 » No. 124
Kurt Wolff

Einsamer Kämpfer, liebenswerter Mensch

Aus den Erinnerungen des „Verlegers der Schriften von Karl Kraus“

Als der 76 jährige Kurt Wolff im Oktober vorigen Jahres an den Folgen eines tragischen Unfalls starb, verlor die deutsche Literatur ihre letzte, noch aus großer Vergangenheit herüberragende Verlegerpersönlichkeit, und unsere Zeitschrift verlor einen großen Freund. Eva Röder hat ihm im FORVM X/119 einen Nachruf geschrieben.

Zu den letzten Arbeiten Kurt Wolffs gehören die Manuskripte einer Sendereihe für den Norddeutschen Rundfunk, in der er von seinen Erlebnissen und Begegnungen aus mehr als einem halben Jahrhundert verlegerischer Tätigkeit erzählte. Zur 90. Wiederkehr des Geburtstags von Karl Kraus am 28. April veröffentlichen wir nachstehend Teile des Karl Kraus gewidmeten Manuskripts, soweit sie sich auf jene Jahre beziehen, in denen Kurt Wolff die Schriften von Karl Kraus verlegt hat, und soweit sie nicht schon bei einer früheren Gelegenheit — anläßlich des 20. Todestages von Karl Kraus — im FORVM erschienen sind (vgl. Heft III/30: „Begegnung mit dem Absoluten“).

Die Zeit der stärksten schöpferischen Intensität von Karl Kraus waren die Jahre während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar danach. Mit dem Lärm der Nazi und mit Hitlers Machtergreifung wurde seine Stimme leiser. „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, sagte er — ein Wort, das sich auf vielerlei Art deuten läßt. Ich würde vorschlagen: „In der Hölle kann man den Teufel nicht an die Wand malen.“

Außer Übersetzungen erschien von Karl Kraus nach den Zwanzigerjahren kein Buch mehr, bis auf „Die Sprache“ (1937, posthum). Als Kraus 1936 starb, war im deutschen Sprachraum eine Generation herangewachsen, für die keine Möglichkeit bestand, mit seinem Werk bekanntzuwerden. Erst 1952, mit dem Beginn des Erscheinens der von Heinrich Fischer mustergültig betreuten Gesamtausgabe, die der Kösel-Verlag, München, publiziert, ist das Werk endlich zugänglich geworden. Ich schätze, daß von jedem einzelnen Kösel-Band viel mehr Exemplare verkauft wurden als von den vierzehn Bänden zusammen, die ich zwischen 1916 und 1920 zu publizieren die Ehre hatte. Und es kann kein Zweifel bestehen, daß das Kraussche Gesamtwerk in seiner heute vorliegenden Form ein integraler Bestandteil des deutschen Schrifttums des 20. Jahrhunderts bleiben wird.

In den Jahren, da ich Kraus kannte, sah und verlegte — insgesamt etwa von 1912 bis 1922 —, hat mich immer wieder die Wahrnehmung erschüttert, daß es eigentlich nur zwei polare Gruppen von Menschen gab, die zu ihm Beziehung hatten: besessene Anbeter und besessene Gegner. Aus den Zugehörigen der anbetenden Gruppe hatte Kraus eine sehr kleine Zahl akzeptiert und an seinem Tisch im Café Pucher zugelassen; die weitaus größere Zahl mußte sich mit Anbetung aus der Ferne begnügen und versuchte, sich mit Briefen überströmender Ergebenheits- und Verehrungsbezeugungen dem Abgott zu nähern. Die beiden Extreme ähnelten einander in dem Sinn, daß sie alle Kraus-Süchtige waren. Zumeist hatten die besessenen Feinde als besessene Anbeter begonnen. Ein Zurück aus dem Lager der Hasser ins Lager der Liebenden kam niemals vor, wohl aber verwandelten sich ständig Anbeter in Hasser. Es gab Ausnahmen, wenn auch (in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zumindest) nur wenige: Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Peter Altenberg — meine Bekanntschaft mit allen dreien verdankte ich Kraus. Sie waren Freunde, wirkliche Freunde, und bewahrten zeitlebens unabhängige Selbständigkeit gegenüber Kraus. Auch Ludwig von Ficker, Berthold Viertel, Sigismund von Radecki, Theodor Haecker und andere sind zu nennen. Aber bestimmend für die Atmosphäre um Kraus waren die „Besessenen“. Daß Kraus mehr unter den Anbetern als unter den Hassern litt, konnte man unmittelbar spüren; er hat es vielfach auch in seinen Schriften zum Ausdruck gebracht. Diese permanenten Spannungen in der Atmosphäre um Kraus sollen hier nicht auf ihre Ursachen hin untersucht werden — ich bin weder Psychologe noch Psychoanaler (wie Kraus zu sagen pflegte). Daß die Spannungen bestanden, wird niemand, der je der Kraus-Welt nahe kam, bestreiten.

In diesem Anprall negativer und positiver Elemente, deren er sich erwehren mußte, schien mir Karl Kraus, als ich ihn 1912 kennenlernte, tragisch einsam. Seine wenigen Freunde, der Architekt, der Maler, der Dichter, hatten ihre eigenen Quellen schöpferischer Anregung und Erregung. Und die lagen fernab von jenen Bezirken, aus denen Kraus seine Emotionen bezog und seine apokalyptischen Schöpfungen formte. Ein Loos oder Kokoschka nahm das Zeitungsgefasel eines Bahr oder Salten vermutlich gar nicht zur Kenntnis. In Kraus erzeugten die Verlogenheiten, Gemeinheiten, Idiotien, die ihm aus Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Plakaten entgegensprangen, gespenstische Visionen. Sie warfen die Schatten voraus, die zu den „Letzten Tagen der Menschheit“, zum „Untergang der Welt durch schwarze Magie“ führen mußten. In dieser unheimlichen Schau, die ihn ständig umtrieb, war er allein. Wohl spürte ich später, daß es Frauen gab, die ihn liebten, die er liebte; aber das lag auf einer anderen Ebene und war als Gesprächsthema selbstverständlich tabu. Nur einmal, im Zusammenhang mit dem Gedicht „Wiese im Park“ (Schloß Janowitz), sprach er mir von der böhmischen Baronin Sidonie Nadherny, der er den ersten Band „Worte in Versen“ gewidmet hat.

Die umfangreiche und immer noch anwachsende Literatur über Karl Kraus hat, wenn es sich nicht um historisch-kritische Untersuchungen handelt, fast ausschließlich „Besessene“ zu Verfassern; man findet entweder Anbetungs-Orgien, gerichtet an einen Götzen, oder Haßgestammel, das einen äffischen Teufel vernichten möchte. Von dem Menschen, der natürliche und lebhafteste Beziehungen zu Mensch und Tier, zu Blume, Baum und Berg gehabt, ist meines Wissens nirgends die Rede. Ich kann diese Lücke gewiß nicht ausfüllen. Nachdem ich aber Jahrzehnte darauf gewartet, daß andere es tun, will ich zumindest von dem wenigen, was ich erlebte und weiß, Zeugnis ablegen.

1912 kam Franz Werfel als Lektor des Kurt Wolff Verlags nach Leipzig. Ich hatte damals noch kein einziges Heft der „Fackel“ gesehen, noch kein einziges Buch von Karl Kraus gelesen — eine Schande, wenn man bedenkt, daß der große Essayband „Die chinesische Mauer“, die brillante problematische Schrift „Heine und die Folgen“, die beiden Aphorismenbände „Pro domo et mundo“ und „Sprüche und Widersprüche“ bereits erschienen waren. Werfel brachte mir Hefte der „Fackel“. Sein Enthusiasmus für Kraus war maßlos. Er gehörte zu den „Besessenen“, und mir, dem 25jährigen, gefiel der Überschwang, der begeisterte Rauschzustand des 22jährigen Dichters.

Kraus, so sagte mir Werfel, fühle sich bei seinem Verleger Albert Langen nicht wohl; es mißfiele ihm, Autor eines Verlags zu sein, der den von Kraus gehaßten „Simplicissimus“ verlege und dazu noch einige Autoren, die Kraus ebenso heftig ablehnte. Ich meinte: zwischen Hamsun, Björnson, Strindberg und Wedekind, betreut vom literarischen Verlagsleiter, dem taktvoll noblen Korfiz Holm, sei Kraus doch aufs beste behaust. Aber Werfel ließ nicht locker: ich müsse unbedingt nach Wien fahren, Kraus aufsuchen und ihn für den Verlag gewinnen.

Ich fuhr nach Wien — unvertraut mit dem Werk, ahnungslos, und von einer Unbefangenheit und Naivität, die ich ein paar Jahre später gewiß nicht mehr aufgebracht hätte.

Im Kaffeehaus war mir für den Abend des Ankunftstages Rendezvous gegeben worden. Wer sonst noch an diesem Abend am gleichen Tisch saß, weiß ich nicht mehr. Wohl aber erinnere ich mich eines Unbehagens, einer Unsicherheit, wie hier Kontakt zu gewinnen sei. Nach etwa einer Stunde fragte Kraus plötzlich: „Wollen wir zu mir nach Hause gehen, einen Schwarzen trinken und plaudern?“ Erfreut, erlöst, stimmte ich zu.

Wir kamen zur Lothringerstraße. Kaum hatte ich die Wohnung betreten, waren Unsicherheit und Unbehagen verschwunden. Wir plauderten bis in die frühen Morgenstunden, an diesem Abend, an den folgenden Abenden, und im Lauf der nächsten Jahre in manchen Nächten mehr.

Es kam mir selbst überraschend, daß ich trotz unserem großen Altersunterschied keinerlei Befangenheit spürte (Kraus war 38 Jahre alt, immerhin 13 Jahre älter als ich). Selten — wenn je — war ich einem Menschen von solch subtiler Sensibilität begegnet. Kein Zweifel: Kraus hatte mein Unbehagen im Kaffeehaus gespürt und darum den raschen Aufbruch bewerkstelligt. Auch meine sehr lückenhafte Vertrautheit mit seinem Werk mußte ihm klar gewesen sein — jedenfalls war im Gespräch das Thema „Fackel“ und das seiner Bücher von ihm nicht berührt worden. Und ich hatte erst recht nicht daran gedacht, die Verlagsfrage — obwohl ich ja ihretwegen nach Wien gereist war — überhaupt zu erwähnen. Wovon in dieser ersten Nacht gesprochen wurde? Es war nicht viel von Literatur die Rede, das weiß ich, und von der zeitgenössischen schon gar nicht. Und ich weiß, daß in einem bestimmten Augenblick, ganz absichtslos, ein Kontakt zwischen uns entstand, dem Dauer beschieden war und den auch spätere Dummheiten, deren ich mich schuldig machte, nie zerstört haben.

In den frühen Morgenstunden — ich war todmüde und erschöpft von der in keiner Sekunde nachlassenden Intensität meines Gesprächspartners — sagte Kraus: „Bevor Sie gehen, will ich Ihnen etwas Schönes schenken.“ Er entnahm seiner mir nicht sehr umfangreich erscheinenden Bibliothek ein Buch, eine alte Claudius-Ausgabe, die er vor kurzem irgendwo entdeckt haben mochte, und begann vorzulesen. Ich fand, daß er sehr schön las und spürte, wie die Gedichte ihn bewegten. Er las „Der Tod und das Mädchen“, er las „’s ist leider Krieg“, er las das „Abendlied“. Mich fesselte der merkwürdige Leser, den ich doch erst vor ein paar Stunden kennengelernt, weit mehr als die vertrauten Verse, und ganz mechanisch sprach ich, als er zum Ende des „Abendlieds“ kam, die letzten Zeilen mit — nein, ich sprach sie allein, denn Kraus war verstummt:

Verschon uns, Gott, mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen,
Und unsern kranken Nachbar auch!

Er sah mich fassungslos an und fragte in einem Ton, der zugleich Enttäuschung und Überraschung verriet: „Aber wieso kennen Sie das? Matthias Claudius ist doch völlig vergessen?!“ Ich mußte widersprechen. „Vielleicht in Österreich“, sagte ich. „Bei uns eigentlich nicht. Etwa von meinem fünften bis zu meinem achten Jahr, als ich die Kindergebet-Reime leid geworden, betete meine Mutter mit mir immer das ‚Abendlied‘. Ich liebte es schon damals und liebe es heute.“

Die Freude, seine neue Liebe geteilt zu finden, war für Kraus größer als die Enttäuschung, nicht der erste Mittler der Gedichte gewesen zu sein. Er gefiel mir sehr. Aber ich fand ihn recht anders, als ich ihn mir nach Werfels Dithyramben vorgestellt hatte: vollkommen natürlich, ohne eitle Posen oder Prätentionen. Daß er mich nach den langen Stunden in seinem Heim dann auch noch ins Hotel begleitete und mit der größten Selbstverständlichkeit eine Verabredung für den folgenden Tag traf, gab mir das Gefühl, in Wien sein Gast zu sein. Ich freute mich auf die nächste Begegnung und beschloß, lieber auf den geplanten vormittäglichen Besuch bei den Breughels zu verzichten und mich durch Schlaf auf die kommenden Strapazen vorzubereiten.

Besinne ich mich recht, so war unsere Zusammenkunft am nächsten Tag mit der ersten gemeinsamen Mahlzeit verbunden. Wir trafen uns (wie es auch später die Regel blieb) im Hotel Imperial am Ring, wo jedermann vom Portier bis zum letzten Kellner den Herrn von Kraus kannte und freudig begrüßte. Er studierte lange die Speisekarte und bestellte: kaltes Roastbeef mit Remouladensauce und gebähtem Brot. Erst im Laufe der Zeit wurde mir die Komik dieses Studiums der Speisekarte bewußt. Wann immer ich mit Kraus eine Mahlzeit in Wien einnahm, und das geschah in den folgenden Jahren noch oft — er bestellte nie etwas anderes als das kalte Roastbeef. (Mit einer einzigen Ausnahme: 1914 lud er mich einmal zu einem Ausflug auf den Kobenzl und einem vorzüglichen Abendessen ein; damals wich auch er von seiner monotonen Diät ab.)

Aber diese Roastbeefbetrachtungen führen schon in spätere Jahre. Noch sind wir im Jahre 1912, und ich will von dem zweiten Abend, der zweiten Nacht, berichten.

Am zweiten Abend also stellte ich ganz naiv und direkt die Frage, ob es nicht ein neues Buch von ihm gäbe, das ich veröffentlichen dürfe. Die überraschend positive Antwort: ein neues Buch gäbe es nicht, aber wenn ich ein Buch, betitelt „Kultur und Presse“, übernehmen wolle, das unveröffentlicht sei und seit sieben Jahren ungedruckt im Satz stehe, wäre das ihm, dem Autor, recht. Daß er das Buch sieben Jahre lang unveröffentlicht ließ, hing mit seinem Widerstand gegen den Langen-Verlag zusammen.

Natürlich sagte ich ja. Aber „Kultur und Presse“ ist nie im Kurt Wolff Verlag erschienen. Kurz bevor es so weit war, konnte Kraus es dann doch nicht über sich bringen, beim gleichen Verlag zu erscheinen, der so viele von ihm mißbilligte Autoren publizierte, und bat (ich zitiere jetzt Kraus selbst) „Herrn Kurt Wolff in einem im April 1914 verfaßten Dokument, das eine volle Klarstellung des Gegensatzes enthielt zugleich mit der Anerkennung einer Freundschaft, der ich das Opfer bringen wollte, in keinem anderen Verlag zu erscheinen, um Auflösung des Vertrages, denn ich wäre statt eines günstigen Kontrakts einen heillosen Kontrast eingegangen“.

Die Lösung des Vertrages erfolgte in bestem Einvernehmen und berührte die persönlichen Beziehungen Karl Kraus—Kurt Wolff nicht im geringsten. Wie sich die verlegerischen Angelegenheiten später entwickelten, soll im chronologischen Zusammenhang berichtet werden.

„Kultur und Presse“ war das eine Thema jener zweiten Nacht. Auch das andere ist mir in Erinnerung geblieben, weil ich sehr stark spürte, welche Wichtigkeit es für Kraus hatte. Die Rede war auf Lichtenberg gekommen, und ich ließ die Bemerkung fallen, daß ich meine Kenntnis Lichtenbergs Gundolf verdankte. Kraus horchte auf und fragte mich lange und gründlich aus, wollte alles hören, was ich vom George-Kreis wußte, wie lange und wie intim ich Gundolf, Wolfskehl und George kannte, ich mußte Georges Wohnung in dessen Elternhaus in Bingen beschreiben, Gespräche mit ihm wiedergeben, mich darüber äußern, wie abhängig oder unabhängig Gundolf und Wolfskehl vom Meister waren ... Kraus hatte offensichtlich noch nie jemanden getroffen, der in irgendeinem Kontakt zum George-Kreis stand, und war fasziniert von dieser Welt, die der seinen, der österreichischen, so ferne lag.

Ich selbst hatte Gundolf längere Zeit freundschaftlich nahegestanden, verdankte seiner pädagogischen Passion und Begabung unendlich viel, kannte Wolfskehl gut und war auch mit seiner Darmstädter Umgebung vertraut. Bei und mit George hatte ich als Zwanzigjähriger in Bingen einen unvergeßlichen Tag erlebt. Diese Verbindungen genügten, um mich schon damals im Gespräch mit Kraus ahnen zu lassen, was ich später klar erkannte: daß es zwar unter vielen Aspekten keinen größeren Gegensatz gab als den zwischen dem priesterlichen rheinischen Dichter, den Mallarmé und die französischen Symbolisten geformt, und Karl Kraus, der in der Tradition Lessings als Polemiker, Kierkegaards und Lichtenbergs als Denker und Aphoristiker stand — daß es aber auch entscheidend Gemeinsames zwischen ihnen gab. Denn beide waren absolute Isolationisten, die sich bewußt dem geistig-literarischen Betrieb ihrer Zeit fernhielten (man könnte sich weder Kraus noch George etwa als Mitglieder einer Dichter-Akademie oder des PEN-Clubs vorstellen). Beide forderten von sich selbst das Äußerste, beider Perfektionismus würde eines sinnentstellenden Druckfehlers wegen auf dem Einstampfen eines Buches bestanden haben. Beide waren gefeit gegen finanzielle Lockungen und empfanden die Verbindung Geist—Geld als unwürdig, ja schmutzig. Beide forderten mit kompromißloser Strenge die lauterste Haltung derer, die sich ihnen anzuschließen wünschten, und beide waren im Rahmen ihrer weit getrennten Welten so eindeutig überragende Persönlichkeiten, daß ihnen der Herrscheranspruch von selbst zukam. Und beide hatten immer recht, im Geistigen wie im Menschlichen — ich spreche nicht von „Rechthaberei“, sondern von Haltung, Handlung, Urteil.

Dergleichen bedeutete damals viel, sehr viel. George und Kraus teilten diese Gemeinsamkeiten mit keinem ihrer Zeitgenossen, standen gerade dadurch im Gegensatz zu vielen. Man darf, man soll in Erinnerung bringen: Gerhart Hauptmann sagte nicht nein, wenn das „Berliner Tageblatt“ telegraphisch rasch einen Artikel über eine soeben verstorbene Zelebrität verlangte oder eine Äußerung zu irgendeinem aktuellen Anlaß. Thomas Mann sagte nicht nein, wenn ein Schriftsteller ihm ein oft mittelmäßiges Manuskript schickte und ein freundliches, die Chance der Drucklegung oder des Verkaufs förderndes Wort erbat. Und was Rilke aus Schwäche und Güte, aber im Grund doch gegen seine bessere Einsicht befürwortete oder lobte, ist erschreckend. Mit diesen Feststellungen soll niemand herabgesetzt werden; sie sollen nur den Kontrast zu den zwei Isolierten und Absoluten, zu Kraus und George, unterstreichen.

Eine Begegnung zwischen Kraus und George hat nie stattgefunden. Kraus hat sie wohl kaum gewünscht, und das gleiche gilt für die George-Jünger, von denen zumindest Wolfskehl und Gundolf sehr positiv zu Kraus standen.

Während des Krieges, vom Frühjahr 1915 bis zum Sommer 1917, gehörte ich als Leutnant oder Oberleutnant einem auf dem Balkan stationierten Armee-Stab an und hatte häufig Gelegenheit, mit dem Orient-Expreß zwischen Nisch und Frankfurt hin und her zu reisen. Das ermöglichte mir auf der Hin- und Rückfahrt manchen Aufenthalt in Wien. Nie waren meine Begegnungen mit Kraus so intensiv wie in diesen Kriegsjahren.

Ich hatte damals einen sehr nahen Freund, den einzigen in der Armee (wir gehörten demselben Stab in Mazedonien an). Wie ich zu der Tollkühnheit kam, Jesko von Puttkamer, als er eines Tages in Urlaub fuhr, aufzufordern, er solle doch in Wien Station machen und Karl Kraus mit Grüßen von mir aufsuchen, ist mir rätselhaft. Man schickte seine Freunde nicht so ohne weiteres mit einem schönen Gruß zu Kraus. Auch machte ich mir erst nach Jeskos Abreise klar, daß Kraus sich neben meinem auffallend hochgewachsenen Freund irritiert fühlen könnte. Jedenfalls erwartete ich den Ausgang meiner recht gewagten Initiative mit einigem Bangen.

Es erwies sich als grundlos. Bald schon erfuhr ich, daß Kraus meinen Freund sehr liebenswürdig empfangen und unmittelbare Zuneigung zu diesem noblen Menschen gefaßt hatte, dessen Geistigkeit und Gescheitheit seiner ungewöhnlich schönen Erscheinung nicht nachstand. Der vom Urlaub Zurückgekehrte aber war vollends fasziniert von Kraus, berauscht von seiner Persönlichkeit, seiner Gedankentiefe und seinem Gedankenreichtum, seiner Kunst der Konversation, die blitzschnell zwischen tödlicher Satire, anmutigstem Humor und aphoristisch pointiertem Feuerwerk spielen konnte. Jesko von Puttkamer war ohne Zweifel den „Besessenen“ zuzurechnen. Viele Briefe von Mazedonien nach Wien folgten, und es gab keine Reise mehr, die nicht zu einem Rendezvous mit Kraus führte. Kraus selbst hatte darauf bestanden.

Als mein Freund gegen Ende des Krieges einen schweren Nervenzusammenbruch erlitt, hinterließ er beim Abtransport zwei gleichsam testamentarische Briefe, von denen einer an Karl Kraus gerichtet war.

Ich wollte diese Episode nicht nur deshalb berichten, weil sie mich damals sehr bewegte, sondern weil hier — im Gegensatz zu späteren Fällen, auf die ich noch zu sprechen komme — die „Besessenheit“ nie peinlich wurde und nie ins Gegenteil umschlug. Allerdings: Puttkamer war kein Schriftsteller.

Obwohl ich die „Fackel“ nun regelmäßig und mit großer Aufmerksamkeit las, kam nur selten zwischen Kraus und mir die Rede darauf. Wenn ich berichten wollte, wie sehr ein Essay oder eine Glosse mich beeindruckt hatte, gab Kraus dem Gespräch bald eine andere Wendung, lenkte zu Themen über, die ihm gerade am Herzen lagen, stellte Fragen, die etwa Jean Paul oder Kierkegaard betrafen, und lehnte es in der Regel ab, von seiner polemischen Prosa zu sprechen. Anders verhielt sich’s mit der Lyrik. Immer öfter veröffentlichte er in der „Fackel“ Gedichte, und die „Worte in Versen“ lagen ihm spürbar am Herzen. Wenn er von seinen Gedichten sprach oder mir gelegentlich eines vorlas, geschah das mit einer Mischung von Scham und Stolz. Die erste Anregung, ein Gedichtbuch zu verlegen, kam von mir und wurde mit wärmerer Zustimmung aufgenommen als alles, was ich ihm vorher oder später vorgeschlagen habe.

Und damit sind wir bei der Beziehung Autor—Verleger angelangt. Wie diese Beziehung schließlich zustande kam, ist rasch erzählt — und ganz lustig.

Ich hatte 1914 im Kurt Wolff Verlag in ganz kleiner Auflage ein Buch in Monsterformat herausgebracht, das den Essay „Die chinesische Mauer“ aus dem gleichnamigen, 1910 erschienenen ersten Essayband von Karl Kraus enthielt. Oskar Kokoschka hatte dazu acht übergroße Lithographien gemacht, und in meinen Augen war es primär ein Kokoschka-Buch. Jedenfalls hatte ich nicht den Eindruck, daß ich durch diese Publikation zum Kraus-Verleger geworden sei. Die Absicht, es zu werden, war zwar für mich die Ursache gewesen, ihn überhaupt aufzusuchen — aber das geriet nach dem Fehlschlag, von dem ich schon berichtet habe, in unserem persönlichen Verkehr und Gespräch fast in Vergessenheit. Mit der Zeit blieb nur noch ein komisches Ritual davon übrig: ich wiederholte nach jedem Zusammensein beim Abschied stereotyp die Frage, wann ich denn endlich die Ehre und das Vergnügen haben würde, Karl Kraus zu verlegen, und Kraus gab mir lachend die ebenso stereotype Antwort: „Mein Lieber, Sie wissen doch, daß ich nicht Autor eines Verlages sein kann, der meine Bücher im selben Katalog mit denen der Schmieranten X und Y anzeigen würde ...“ Eines Nachts — es muß im Sommer 1915 gewesen sein, bei einem meiner Stops zwischen Balkan und Deutschland — kam mir ein plötzlicher Einfall, und als ich mich vor der Weiterreise von Kraus verabschiedete, sagte ich, völlig improvisiert: „Ich freue mich, endlich Ihr Verleger geworden zu sein. Ich kann’s mir gar nicht verzeihen, daß ich Ihren einzigen, immer wiederholten Einwand nicht schon längst beseitigt habe. Jetzt fehlen mir nur noch Manuskripte.“

„Was heißt das?“ fragte Kraus mißtrauisch. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Damit will ich sagen, daß ich gleich morgen nach meiner Ankunft in Leipzig eine neue Firma eintragen lasse. Sie soll heißen: Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff). In diesem Verlag wird kein Buch eines andern Autors erscheinen. Einverstanden?“

Kurzes Zögern — dann: „Einverstanden.“

„Selbstverständlich werde ich auch Ihre bei Albert Langen erschienenen Bücher, vergriffen oder nicht, übernehmen und neudrucken. Bitte teilen Sie das Langen mit. Und geben Sie mir möglichst bald das Manuskript eines Gedichtbandes.“

So ungefähr geschah es dann auch, und es bedurfte nur weniger Formalitäten, um die Sache durchzuführen. Unsere Autor-Verleger-Beziehung basierte auf einem Gentlemen’s Agreement, das nie diskutiert zu werden brauchte.

In den Nachkriegsjahren kam ich seltener nach Wien, aber es war für mich besonders schön, Kraus auch in meiner Stadt, in München, zu erleben. Hier schien er mir heiterer, aufgelockerter als in Wien, hier brauchte er keine Korrekturen in der Druckerei zu überwachen, konnte unbeschwert von Verpflichtungen sich erholen, lesen, spazierengehen. Viele Stunden verbrachte er im großen Bibliotheksraum des Hirth’schen Verlagshauses, völlig uninteressiert an meinen bibliophilen Schätzen (auf die ich stolz war), dafür um so mehr absorbiert von deutscher und französischer Dichtung in Erstausgaben oder zuverlässigen späteren Ausgaben. Da ihm Vorlesungen Freude machten, konnte ich ihn leicht für einen Abend im gleichen Verlagsraum gewinnen; seine einzige Bedingung war, daß kein Pressevertreter erscheinen dürfe. Es wurden etwa 150 Gäste eingeladen, die den eindrucksvollen Abend sehr genossen. In der „Fackel“ vom April 1920 ist das Programm der Veranstaltung angeführt.

Mit Freude und Eifer hatte ich begonnen, Kraus zu publizieren. In rascher Folge erschienen vier Bände Gedichte, der erste schon 1916; es folgten: 1918 der Aphorismenband „Nachts“; 1919 „Weltgericht“, fast 600 Seiten stark, in zwei Bänden; 1920 „Ausgewählte Gedichte“, ein kleines Buch, das mir besondere Freude machte, weil ich die Auswahl vorschlagen durfte; und im selben Jahr noch ein fünfter Band „Worte in Versen“. Zu diesen neuen Büchern kamen noch die von Langen übernommenen hinzu, teilweise in Neuauflagen: „Die chinesische Mauer“, „Sprüche und Widersprüche“, „Pro domo et mundo“, „Sittlichkeit und Kriminalität“, „Heine und die Folgen“, „Nestroy und die Nachwelt“.

Diese vierzehn Titel repräsentieren einen wesentlichen Teil des Gesamtwerkes von Karl Kraus.

Es dauerte dann nicht mehr sehr lange, bis die schöne Zeit des „Verlages der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff)“ ein Ende nahm. Die Gründe, die mit meiner Person direkt nichts zu tun hatten, waren symptomatisch und hätten sich voraussehen lassen. Ich erinnere an das früher über die „Besessenen“ Gesagte, an die Kraus-Hasser, die sich zumeist aus Kraus-Liebenden rekrutierten.

1916 war in der „Fackel“ Nr. 443/444 das Gedicht „Elysisches (Melancholie an Kurt Wolff)“ erschienen, eine Satire gegen die jungen Prager Dichter aus dem Café Arco und zugleich in Tonfall und Rhythmus eine Parodie auf das Schiller’sche Pathos, in das Franz Werfel gerne verfiel. Werfel, bei dem sich die einstmals anbetende Verehrung in Haß zu wandeln begann, schrieb daraufhin aus dem Feld einen törichten Brief an Kraus und warf ihm den Gebrauch des Wortes „dorten“ als Verrat an der deutschen Sprache vor. Kraus reagierte in der „Fackel“ mit der berühmt gewordenen „Dorten“-Glosse, die für Werfel höchst blamabel war und die ihm keine Ruhe ließ. In einem endlosen offenen Brief in der „Aktion vom April 1917“ unternahm er unter dem Titel „Die Metaphysik des Drehs“ eine neuerliche Attacke gegen Kraus, der nun wiederum auf 22 Druckseiten in der „Fackel“ vom Oktober 1918 replizierte. Auf die Details dieser Polemik soll hier nicht eingegangen werden.

1919 erschien im Kurt Wolff Verlag Werfels umfangreicher Gedichtband „Der Gerichtstag“ und darin das Gedicht „Einem Denkenden“. Beim Lesen des Manuskripts wäre mir niemals eingefallen, das Gedicht auf Kraus zu beziehen. Erst später erfuhr ich zu meiner großen Überraschung, daß tatsächlich Kraus gemeint war — ein ganz falsch gesehener Kraus, denn Kraus war nicht der Richter, als den Werfel ihn sah, er war ein Gerechter, er war das Gewissen seiner Zeit. Was immer der Psalmist mit dem Wort vom Gerechten gemeint hat, der viel leiden muß — man kann nicht umhin, bei Kraus an dieses Psalm-Wort zu denken. Ein Gerechter zu sein ist Schicksal, vielleicht Fluch. Der als Gerechter Geborene hat keine Wahl. Er muß die Wahrheit aussprechen, wie er sie erkennt, er muß geißeln, was ihm unrecht und ungerecht erscheint. Damit verletzt er notwendig andere, und unter dieser Notwendigkeit wird er ebensosehr selbst leiden, wie er Leiden verursacht. Die Nicht-Gerechten, die ihm begegnen und ihn erkennen, neigen zunächst zu enthusiastischer Hingabe — aber nur die wenigsten können auf die Dauer das Bewußtsein der eigenen Allzumenschlichkeit ertragen, die ihnen der Gerechte durch seine Existenz und sein Werk permanent zum Bewußtsein bringt.

Gibt es eine Verteidigung gegen die Überlegenheit des Gerechten? Donquichotische Gegenwehr ist sinnlos, resignierende Entfernung ist traurig. Die einzige Möglichkeit hat Goethe erkannt und empfohlen: „Gegen große Vorzüge eines anderen gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.“

Es schmerzt mich, von der nächsten Attacke Werfels zu sprechen. Man kann ihre Vulgarität weder beschönigen noch entschuldigen. Ich tat mein Bestes, die traurige Entgleisung zu verhindern; leider ohne Erfolg.

Im Sommer 1919 bekam der Kurt Wolff Verlag das Manuskript eines Theaterstücks von Werfel, das wohl seine schwächste dramatische Arbeit geblieben ist: „Der Spiegelmensch. Eine magische Trilogie“. Brieflich, telegraphisch und durch gemeinsame Freunde versuchte ich Werfel zur Streichung einer darin enthaltenen unflätigen Anti-Kraus-Stelle zu bewegen. Er bestand darauf. Die Buchausgabe erschien Anfang 1920. Kraus nahm sie zum Anlaß, 1921 eine „Magische Operette“, betitelt „Literatur oder man wird doch da sehn“, zu veröffentlichen (auch eine schwache Arbeit im Œuvre von Kraus, scheint mir). Daß dieser Vorfall meine verlegerische Beziehung zu Kraus beenden mußte, war klar.

Die Trennung vollzog sich in ruhiger Form. Im Oktober 1923 erschien in der „Fackel“ folgende Notiz: „Der ‚Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff)‘, München und Leipzig, ist im August aufgelöst worden und seine Rechte sind auf den Verlag ‚Die Fackel‘, Wien und Leipzig, übergegangen. Die Neuauflagen der vergriffenen Werke werden vorbereitet.“ Das war alles.

Jetzt erwartete ich noch den persönlichen Blitzstrahl Jupiters. Ich hatte ihn, schien mir, verdient. Mein Versuch, Werfel an einer unwürdigen, niedrigen Polemik zu verhindern, war ungenügend gewesen. Ich hätte das nicht drucken und unter meinem Namen veröffentlichen dürfen. Und hätte damit nicht nur loyaler gegen Kraus gehandelt, sondern vor allem Franz Werfel — auch er ja noch ein junger Mensch — einen Freundschaftsdienst erwiesen. Der Blitzstrahl war fällig. Aber er kam nicht, kam nie ... Daß mit der „Spiegelmensch“-Affaire und der Beendigung unserer verlegerischen Verbindung auch mein privater Kontakt zu Kraus aufhörte, war allerdings unvermeidbar. Aber meine innere Beziehung zu ihm und seinem Werk hat sich nie geändert.

Ich blieb und bleibe meinem Freund Franz Werfel dankbar, daß er vor 50 Jahren die Verbindung zwischen Karl Kraus und mir herstellte. Ich bleibe Karl Kraus dankbar, daß er mir sein liebenswertes menschliches Antlitz gezeigt hat, und ich fühle mich noch heute beschämt durch die Noblesse, Zartheit und freundschaftliche Wärme, mit der ich von ihm behandelt wurde. Das sei besser von mir ausgesprochen, bevor andere sagen, daß diese Erinnerungen durch Vorurteile beeinflußt sind. Sie sind es, und zu diesen Vorurteilen bekenne ich mich gern.

Ich würde nie zu behaupten wagen, daß Karl Kraus mein Freund war. Aber ich darf sagen: von diesem Karl Kraus fühlte ich mich unendlich angezogen, von ihm habe ich nur Güte, Wärme, Vertrauen empfangen, viel erfahren und viel gelernt. Die Begegnung mit ihm war für mich ein großes Geschenk und eine große Beglückung.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1964
, Seite 197
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