FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 209/I/II
Friedrich Heer

Dialog der Untergründe

Referat bei Ivan Illich, Cuernavaca, Mexico

F. H., Professor für Europäische Geistesgeschichte, Universität Wien, Redaktionsbeirat des NF, hielt nachstehendes Referat (gekürzt wiedergegeben) bei der IDC-Konferenz am CIDOC-Institut von Ivan Illich, Cuernavaca, Mexico. Vgl. den Vorspann zum voranstehenden Beitrag G. N.s.

Großes Nicht-Gespräch: die Weltreligionen leben Jahrtausende oft, in einem Nicht-Gespräch. Obwohl Buddha, als heiliger Josaphat, verkleidet, deformiert, das europäische christliche Mittelalter erreicht. Das Christentum steigt zu weltgeschichtlicher Bedeutung auf als exklusive Religion des Nicht-Gesprächs, der Verweigerung des Dialogs (den es untergründig freilich mit seinen Gegnern unterhält): Nicht-Gespräch zunächst mit den Griechen und Römern. Dann, tausendjähriges Nicht-Gespräch mit nonkonformistischen Gruppen.

Die Großkirchen verweigern sich dem Gespräch: Rom, Genf, Wittenberg sprechen nicht miteinander. Calvin, Vater der amerikanischen Außenpolitik, verfolgt seine Gegner als „Satelliten des Satans“ bis Polen, bis England. Die Satelliten Moskaus, des roten Kreml, werden von westlichen Puritanern mit verwandter Haß-Angst anvisiert. Die Children of Light sprechen nicht mit den Children of Darkness. No Popery: langsam rückt an die Stelle des Papsttums als Weltfeind Nr. 1 der „Kommunismus“ im politischen Weltbild puritanischer Weltmissionare.

Das Nicht-Gespräch, die dezidierte Verweigerung des Dialogs, die heute von exklusiven politischen Religionen, Parteien, Bewegungen, Systemen, Establishments praktiziert wird, hat tausendjährige ehrwürde Ahnen.

Exklusive Großkörper von Religionen, Kulturen, politischen Herrschaftsordnungen legen größten Wert darauf, eigene Sprachen zu entwickeln: Sprachen, die nur ihnen gehören. Sie bestimmen den Sinn, den guten und schlechten, eines Wortes. Weltmission wird durch Verbreitung der „eigenen Sprache“ getätigt.

Das Scheitern einer gewissen USA-Weltpolitik wurde in eben dem Augenblick offenkundig, als sich zeigte, daß die amerikanische Heilssprache einfach nicht mehr akzeptiert wurde: Democracy, Liberty, Freedom, The American Way of Life, Good Will, Happiness, Success, Efficiency, Good Luck — eine Art Himmel auf Erden.

Weltgeschichte ist Sprachkampf: Kampf um den Sieg der eigenen Ideologie, der eigenen politischen Konzeption, des eigenen Machtanspruchs. Im Raum der Sprache fallen weltpolitische Entscheidungen. Die Römische Kirche hat eineinhalb Jahrtausende ihren Sieg über den Kyrios Nero, der in seiner domus aurea, in seinem goldenen Rom das römische Heil präsentierte, triumphalistisch gefeiert in ihrer Messe: Adventus Domini, kyrie eleeison. Der Christus-Kaiser der römischen Kirche, verkörpert im Papst, hatte die politische Sprache, die Kleidung, das Ritual des römischen Kaisers an sich genommen.

Weltgeschichte als Sprachkampf: durchaus vergleichbar dem Kampf der römisch-lateinischen und der greichisch-byzantinischen Kirche um den Balkan, Osteuropa, Nahost vom 4. zum 19. Jahrhundert (das Jahr 1914 ist ohne diesen Kampf unverständlich), kämpfen heute marxistische Großkirchen, wobei Moskau eine westliche, Peking eine östliche Hemisphäre präsentieren. Sie wollen in ihrem Innenraum und in den Missionsländern, vorzüglich Afrika und Lateinamerika, ihre Heilssprache durchsetzen, ihre Deutung der sakralen Schlüsselworte die den wahren Fortschritt der Menschheit, die Praktizierung der Weltrevolution, die Formen des Kampfes um Machtübernahme so erfassen, daß sie Jedermann, everybody, verständlich, annehmbar, glaubwürdig erscheinen.

Jeder Imperialismus ist imperialer Weltherrschaftsanspruch einer exklusiven Heilssprache: extra ecclesiam nulla salus, außer der Heilssprache Moskaus, Pekings usw. ist kein Heil, kein gutes Menschenleben zu gewinnen.

Neben diesen spektakulären Sprachkämpfen, wie sie etwa in den berühmten Briefwechseln zwischen dem ZK der KPCh und dem ZK der KPdSU ausgetragen wurden, haben Sprachkämpfe, Sprachschwierigkeiten eine außerordentliche Bedeutung, die im Untergrund je einer Person, einer Kultur, einer Gesellschaft, einer Nation, eines Kontinents tief eingewurzelt sind.

Kann der Mensch Herr werden über seine Sprache, über die harten Sprachzwänge, die sie ihm auferlegt, da sie den Gehalt, den Sinn, das Recht seiner Worte bestimmt? Der Mensch kann das, wenn er sehr bewußt der zeitlichen und räumlichen Begrenztheit auch des geschichtlichen und gesellschaftlichen Horizonts seiner Sprache sich stellt: und dergestalt erfährt: Weltsprachen sind nicht einfach Weltsprachen. Es gibt in etwa eine einzige Weltsprache: die Sprache der Computer, der Atombomben, der technisch-industriellen Rechnungen. Die Sprache der sogenannten Materie. Es liegt nahe, verlockend nahe, die Sprache der Naturwissenschaften, der science, als „rein wissenschaftliche Sprache“, als die Weltsprache zu deklarieren. Wer näher hinhört, hört jedoch auch aus „rein wissenschaftlichen“ Debatten sehr viele Untertöne und Nebentöne heraus.

Die Sprache der von der weißen Zivilisation geschaffenen Wissenschaft ist selbst noch ein Reflex, ein Modell von Herrschaftsordnungen des weißen Mannes: dieser wählte das dissecare naturam — Bacon folgend — das Sezieren; das divide et impera, das Überherrschen der Natur der sogenannten Materie, das Teilen, Reduzieren, puritanische Ausscheiden allen individuell gelebten Lebens; und wurde so zum Herrscher über Land, Luft, Strom, Meer, Atom. Wir wissen heute, daß die Sprachen nichteuropäider Völker, so von Indianern in Nord- und Südamerika, niemals diese Herrschaftsordnung anerkennen: sie vielmehr als mörderische Attacke auf die eine All-Wirklichkeit des Lebens ablehnen.

Das große Streitgespräch der Kontinente hat noch nicht begonnen: so wie es vor 130 Jahren bereits Heinrich Heine ersah, der sich selbst als einen „Bürgerkrieg in meiner Brust“ erlebte, als einen Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Völkern, Kulturen, Vergangenheiten und Zukunftsinteressen.

Heine, nicht Karl Marx — mit dem gemeinsam er in Paris einige Gedichte verfaßt — führt das Wort „Weltrevolution“ in die deutsche Sprache ein. Heine erklärt 1842, im Blick auf kommenden Weltkrieg und Weltrevolution: „Der zweite Akt ist die europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität noch von Religion die Rede sein ...“

1826 notiert Heine in seinen Reisebildern, Nordsee III, im Blick auf den „großen Schmerz über den Verlust der Nationalbesonderheiten, die in der Allgemeinheit neuerer Kultur verlorengehen“: „ein Schmerz, der jetzt in den Herzen alter Völker zuckt. Denn Nationalerinnerungen liegen tiefer in der Menschen Brust, als man gewöhnlich glaubt. Man wage es nur, die alten Bilder wieder auszugraben, und über Nacht blüht hervor auch die alte Liebe mit ihren Blumen. Das ist nicht figürlich gesagt, sondern es ist eine Tatsache: als Bullock vor einigen Jahren ein altheidnisches Standbild in Mexiko ausgegraben, fand er den anderen Tag, daß es nächtlicherweile mit Blumen bekränzt worden; und doch hatte Spanien, mit Feuer und Schwert, den alten Glauben der Mexikaner zerstört, und seit drei Jahrhunderten ihre Gemüter gar stark umgewühlt und gepflügt und mit Christentum besät.“

Die heilige Jungfrau von Guadelupe; in der hispanischen Maria ist die Große Mutter der indianischen Kulturen präsent. Die Basilika der heiligen Jungfrau von Guadelupe in Mexiko City: auf dem nahen Hügel Tepeyacac hatte einst das aztekische Heiligtum Tonantzins, des Erdmütterchens, gestanden. Hier hatte Juan Diego von einer braunen Muttergottes Rosen empfangen; seither ist die später durch eine Basilika geweihte Stätte zum Wallfahrtsort der Indianer geworden.

Sehr sichtbar ist der heutige Lebensstil der Mexikaner unlösbar mit der indianischen Vorzeit und dem spanischen Mittelalter verflochten. Mit jenem spanischen Mittelalter, gegen das sich die Studenten in Cordoba 1917 erheben, in ihrem Cordoba Manifesto der mittelalterlichen Universität und dem spanischen Establishment, einem Regiment korrupter Greise, wie sie überzeugt sind, den Kampf ansagen. „Die Universität hat sich selbst erlöst“, heißt es da: sie hat die Erlöserfunktion von der Kirche übernommen.

Das Cordoba Manifesto ist bis heute die Basis aller lateinamerikanischen studentischen Erhebungen, Verfassungen, Revolutionen, Gegenrevolutionen auf Universitätsboden.

Was heute unschwer im Außenraum zu ersehen ist, in Lateinamerika, Afrika, Asien: der Zusammenstoß verschiedener Kulturen, der Aufstand aus der Tiefe der von Weißen überherrschten indianischen, afrikanischen, asiatischen Menschen: durch das in der Schule, im College, an der Universität erlernte Englisch, Französisch, Spanisch bricht die alte Sprache des eigenen Volkes und seines Untergrundes durch, so daß nur verbal, nur formal die Fremdsprache gesprochen wird, in Wirklichkeit jedoch die Sprache des eigenen volkhaften, politischen, mentalen Lebensraumes.

Warum konnte ein Mann wie Heinrich Heine um 1820 schon die heraufziehenden Sprachschwierigkeiten, die Weltrevolution, die Erhebung aus den Tiefenschichten der Völker, der Nationen, der Kontinente klar erkennen und ansprechen, während Politiker und Wissenschafter von 1971 vielfach noch keine Ahnung haben von dem, was ihnen da entgegenkommt: Menschen, die in ihrer Brust den Weltbürgerkrieg tragen, das Handgemenge verschiedener Sprachen, verschiedener Hemisphären?

Heinrich Heine, Tiefenpsychologe vor Freud, Nietzsche, Richard Wagner, analysiert sich selbst, deckt sich selbst auf, entdeckt sich und findet seine Identität: Heinrich Heine erfährt sich als das Kampfgespräch eines tausendjährigen Juden mit dem Christen, mit dem Deutschen, als ein Mann der westeuropäischen Aufklärung, des deutschen Mittelalters, und jüdischer Vorzeit.

Der weiße Mann Heinrich Heine wagte, was heute noch viele weiße Menschen nicht wagen: zu sehen, daß der große Konflikt, der Zusammenstoß verschiedener Kulturen, mentaler Epochen, Zivilisationen, den wir im Außenraum in Afrika, Lateinamerika, Asien sehr drastisch erfahren, in uns selbst zugegen ist: im weißen Mann, der es nur gefährlich geschickt gelernt hat, diese Konfliktlage in sich zu verdrängen. So daß die in den Untergrund der eigenen Person verdrängten Elemente nicht miteinander ins Gespräch kommen können, dürfen. Heute drängen sie hoch, vulkanisch, werfen die ideologischen Überbauten ab, die Kartenhäuser der papierenen Schul-Humanismen.

Mexiko und seine Vulkane: die Vulkane sind in uns. Die allzulange überherrschten, überschwiegenen „Götter“, konkret: die zum Schweigen in der Hochsprache verurteilten Tiefenschichten melden sich zum Wort: melden sich zur Tat, wenn sie das Wort nicht erhalten.

Zu Wort kommen lassen: das ist die gebieterische Forderung, der sich heute der weiße Mann stellen muß, will er sich in einer Menschheit behaupten, in der Sprachen, Menschensprachen, darum ringen, zu Wort zu kommen, die seit Jahrhunderten: so in Lateinamerika; die seit Jahrtausenden: so durch eine christliche Überformung in Europa — nicht zu Wort kommen konnten: Sprache der Völker, Sprache des mentalen Untergrundes, Sprache der Frau, Sprache des Geschlechts.

Welche Chancen für die USA: statt der linearen Klischee-Worte, die nordamerikanische Politiker von sich geben, möge endlich zu Wort kommen, was die sich allzurasch einpassenden Immigranten aus Alteuropa, aus anderen Kontinenten in sich überschwiegen haben: die Sprachen des russischen, ukrainischen, jiddischen, polnischen, litauischen Untergrundes. Die Sprachen der Italiener, Griechen, Türken usw. usw. Die politische Fruchtbarkeit, die politische Chance, weltgültig, glaubwürdig, sprachfähig, verständlich zu werden, als eine Völkergemeinschaft, die in vielen Sprachen sich ausspricht — diese große Chance der USA, ein Multinational Empire neuer Art zu werden, besser: sich als ein solches zu verstehen — diese Chance kann heute bereits an einem, in seinen politischen Dimensionen oft übersehenen Faktum erkannt werden: in der Kunst, Dichtung, Musik, Architektur. Es geht über die Möglichkeit dieser Skizze weit hinaus, aufzuzeigen, wie sehr etwa im amerikanischen Roman, im Drama, in der Malerei und Plastik, in der Musik die Stimmen der unterdrückten Völker und Rassen, der Väter und Mütter der letzten drei, vier Generationen von Immigranten aus Europa, aus anderen Kontinenten zu Wort kommen: in Bild, Farbe, Form, Ton.

Amerikanische Neger haben oft aufmerksam gemacht: Die Frage der Schwarzen ist eine Weißenfrage. Die Frage des weißen Mannes ist eine Frage der Frau: in der linearen Sprache amerikanischer Politiker sind die Sprachen der Völker, aus denen sie selbst stammen, sind die Sprachen der Frau, der Andersfarbigen unterdrückt. Heute steigt in Nordamerika selbst ein indianischer Untergrund herauf. Die Counter-culture der Jugend nimmt formal indianische Motive an, in Kleidung, Droge, modischem Zierart, reichert ihre Sprache mit Worten aus dem Slang der Schwarzen an, der Verbrecher, der Dropouts, der Bisexuellen und Homosexuellen: der ganze Untergrund meldet sich zu Wort, will zur Sprache kommen.

Erkennen wir die politische Bedeutung dieser längst fälligen, längst notwendigen Aufstände aus den repressiv überherrschten Tiefenschichten der Völker, der Gesellschaften, der Person. Dies bietet ja erstmalig die Chance, die wirklichen Sprachen, die Lebenssprachen anderer Kontinente, anderer Kulturen kennenzulernen.

Die formale Praktizierung einer Weltsprache, die Tatsache, daß so und so viele Lateinamerikaner, Afrikaner, Asiaten, Europäer englisch sprechen können, besagt für die konkrete politische, gesellschaftliche Wirklichkeit ebenso wenig, wie die Statistik der Weltreligionen, die rund eine Milliarde Christen zählt, davon mehr als 600 Millionen Katholiken — in Lateinamerika 146 Millionen Katholiken. Das sind fiktive Zahlen, die mit dem gelebten Leben kaum etwas zu tun haben. Mit diesen vielen Millionen Nullen läßt sich keine Politik, läßt sich kein Staat machen. Es war die große Illusion weißer, französischer Missionare, englischer und amerikanischer Schulmänner, dies zu glauben: daß eine Schul-Sprache zur Lebenssprache wird. Dies kann gelingen — für eine kleine Weile.

Heute zeigen uns eindrucksvoll die Lebensläufe afrikanischer Politiker, Diktatoren, Staats- und Parteiführer: sie kehren, nachdem sie ihre Schulzeit und Fachausbildung auf weißen Schulen verbracht haben, in ihre Stämme zurück — die Völker Afrikas tanzen sich die weißen Kleider vom Leib, sie kratzen sich die Schminke, das make-up europäischer Zivilisation von der Haut. Wellen eines heißen Nationalismus überfluten, in Springfluten, die Kontinente.

Nationalismus heute: in der Intimsituation der einzelnen Person, in der Intimsituation erwachender Völker, wird die Lebensfrage brennend aktuell: Wie hältst du es mit deinen Vätern, deinen Müttern? Mutter Asien, Mutter Afrika, Mutter Rußland, Mutter Lateinamerika, la Señora de Guadelupe: die Große Mutter nimmt das Wort des männischen weißen Mannes, des puritanischen Naturforschers, Kapitalisten, Lehrers, Politikers nicht an. In dieser seiner Sprache läßt sie sich nicht ansprechen: die Große Mutter, die alten Mutterkulturen indianischer, afrikanischer, osteuropäischer und fernöstlicher Völker hören aus der Sprache des weißen Mannes nackte Aggression: und so ziehen sie sich, wenn sie sich nicht mit Waffen wehren können, in den Untergrund zurück.

Die chinesischen, japanischen, asiatischen Söhne der Großen Mutter, erfahren dies: einen unbändigen Haß gegen den Vater. Gegen den schwachen eigenen Vater, der sich vom fremden, weißen Übervater verknechten ließ. Da der geschändete, beleidigte eigene Vater jedoch in den Tiefenschichten geliebt wird, geehrt werden soll, wird zumindest ein bedeutender Teil des Hasses gegen ihn auf den fremden Vater übertragen. Das ist die Geburt des neuen Nationalismus.

In der weißen Hemisphäre gibt es ein merkwürdiges Parallelphänomen: gegen die eigenen Väter wählen junge Menschen, junge Rebellen sich selbst neue Väter: künstliche Väter, geistige Väter:

Im 16. und 17. Jahrhundert explodierte eine europäische adelige Jugend: sie wählte sich gegen ihre versoffenen, verhurten, geistig impotenten adeligen Vater-Herren neue Väter, geistliche Väter: sie wurden Söhne des Ignatius. Enthusiastisch ziehen diese neuen Söhne geistlicher Väter hinaus nach Indien und China, in beide Amerika.

1960/1970 wählen sich junge weiße Söhne in Berlin und Berkeley, in Madrid, Rom, Paris neue Väter und neue Brüder: Mao, Che, Camilo Torres, Bakunin und Kropotkin, Blake, Tolstoi, Gandhi, Jesus. Ja, auch den Bruder Jesus. Und Herbert Marcuse, und einige Frauen und Männer, die sich früh gegen die neuen Überväter Stalin und bereits Lenin erklärten: die rote Rosa, Rosa Luxemburg — und Trotzki.

Die Wahl eines neuen Vaters ist die Entscheidung für eine neue Sprache: die Sprache der alten Väter, der Herren des Establishments wird verworfen: junge Menschen bilden sich in ihren Gruppen, ihren Gemeinden, ihren Gangs eigene Sprachen, die sich aus dem mentalen, politischen, kriminellen Untergrund anreichern.

Die Ausbreitung dieser Gegen-Sprachen junger Generationen sollte von den Männern des Establishments als positive Provokation verstanden werden: hier sagen, auf ihre Weise, in ihren neuen Sprachen, junge Menschen der weißen Hemisphäre ihren Vätern ins Gesicht, was in ihren Sprachen die Söhne der anderen Kontinente den weißen Herren sagen: Eure Sprache stimmt nicht. Eure Sprache lügt: sie verschweigt zuviel, sie verdeckt zuviel: euer Herrschaftsinteresse, eure Lüste, Begierden, Leidenschaften. Eure Sprache ist eine Sprache des Nehmens, ihr nahmt alles an euch: das Land, die Frau, die Erde. Eure Sprache straft euch selbst Lügen: eure Körper sprechen eine andere Sprache als eure Lippen. Euer Bekenntnis zur Demokratie ist ein Lippenbekenntnis wie das in tausend Meßliturgien geleierte Credo unserer Pfaffen.

Die Untergrund-Sprache junger Menschen, in den USA, in Westeuropa, ist nicht die Untergrund-Sprache afrikanischer, asiatischer, lateinamerikanischer Menschen: sie ist aber mit diesen Untergrund-Sprachen verwandt, da sie dieselben Bezüge anspricht: den unbefriedeten, überherrschten leibseelischen Untergrund. Nicht wenige Politiker und öffentliche Herumsteher erschrecken vor diesen Untergrundsprachen: sie wollen nicht wissen, daß auch sie selbst Untergrundsprachen sprechen, die in ihrer Brutalität, ihrer Aggressivität, in ihrer politischen Obszönität, weit gefährlicher, mörderischer sind als die Untergrundsprachen von juvenilen Counter-Cultures, als die Schreie aus dem schwarzen, gelben, braun-roten Untergrund der nichteuropäiden Kontinente.

Politisch öbszön: die verdrängte, repressive Sexualität von Politikern, Generalen, Kriegspropagandisten, äußert sich sehr deutlich in einer Sprache, die mit Killer-Phrasen arbeitet, die vom „Wegbomben“, „Ausradieren“, „Wegputzen“ feindlicher Dörfer, Städte, Menschen spricht. „Killing is our business and business is good“ (Time, March 22, 1971): diese Sprache von helicopter pilots über Laos im März 1971 ist der My Enlai-Sprache verwandt: die Sprache des Tötens ist die Sprache eines Geschäfts, ist die Sprache einer technischen Manipulation: die Überherrschung, die Verdrängung des eigenen sexuellen, psychischen Untergrundes, der nur in solchen kalten Feuerstößen seine vulkanischen Kräfte äußern kann.

Wir sind die Bombe.

Wir explodieren nach außen und nach innen: wir suchen in anderen Menschen, anderen Kontinenten zu überherrschen, was wir in uns selbst nicht aufbereiten, positiv verflüssigen können: zu Energien eines vitalen, gesunden Lebens.

Durch die Verdrängung des eigenen sexuellen und psychischen Untergrundes in der eigenen Person entsteht eine End-Sprache, die Perversion einer eschatologischen Sprache: die Sprache einer Endlösung der Menschenfrage. Es führt ein gerader Weg vom Übersehen der Endlösung der Judenfrage durch Hitler zur Vorbereitung einer Endlösung der Menschenfrage: diese Endsprache sagt sehr deutlich: es muß Schluß gemacht werden, make an end, „fertig machen“ — ein gewisser technischer Perfektionismus ist hier nur der Ausdruck totaler Verwehrung gegen ein Leben in Konflikten: In Konflikten, von denen einige geregelt werden können: einige Konflikte, selbst sehr große Konflikte veraltern — aber Qualität eines persönlichen Lebens, Qualität eines politischen Lebens ist dies: Leben in großen Konflikten, die modifiziert, ertragen, am Leben ausgetragen werden können.

Politische Bildung, in der westlichen Welt, heute und morgen: sie müßte vorzüglich Sprachbildung, Spracherziehung sein. In Schulen und Hochschulen sind junge Menschen mit den Sprachen bekannt zu machen, die sie in ihrem eigenen Untergrund sprechen. In diesem Sinne wären die Black Studies an nordamerikanischen Universitäten zu prüfen. Die Negerfrage ist eine Weißenfrage: wer, als weißer Mann, den eigenen Untergrund nicht kennt, nicht anerkennt, nicht zu Worte kommen läßt, kann sich mit dem Untergrund anderer Kontinente nicht auseinandersetzen.

Der Weg nach Peking, der Weg nach Moskau, der Weg nach Lateinamerika: er führt zunächst durch die eigenen Höllen hindurch. Alle Himmel nähren sich von den Feuern der Höllen: es sind dieselben psychophysischen Energien und Potenzen, die so oder so aufbrennen können: Feuer des Todes, Feuer des Lebens, das ein einziger Verbrennungsprozeß ist. Wer ohne Rücksicht auf den eigenen Untergrund — den Untergrund in der eigenen Person, in der eigenen Gesellschaft, Nation — den anderen Menschen anspricht, schießt zu kurz, begegnet nicht einem Leben, sondern einem Zielobjekt.

Unfähig zum weltpolitischen Gespräch, zum Leben in weltpolitischen Konflikten ist der Mensch, der sich weigert, sich selbst als einen Raum zu erfahren, in dem große unlösbare Konflikte zugegen sind. Wer sich selbst nicht kennt, nicht kennen lernen will, verkennt den anderen — will ihn töten, um sich selbst die Selbsterkenntnis, die Fahrt durch die eigenen Höllen, zu ersparen.

Dieser harten Realität sieht vor 140 Jahren Goethe ins Gesicht. In seinem „westöstlichen Divan“ stehen die Sätze: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch dies erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Und hier, im „Westöstlichen Divan“ steht der große Satz: „Welch eine bunte Gemeinde! An Gottes Tische sitzen Freund’ und Feinde.“

Bunt: vielfärbig ist der Mensch: ist jeder Mensch. Vielfärbig sind seine Sprachen: jedes Rot, jedes Gelb, jedes Schwarz, das uns ungut ins Auge sticht, uns weh tut, ist in uns selbst zugegen: alle Farbtöne sind in den Sprachen unseres eigenen Untergrundes präsent: wenn wir sie da wahrnehmen, dann werden wir nicht erschrecken, wenn diese anderen Farben uns riesengroß entgegenkommen: in einem Aufbruch in allen Kontinenten zur Menschwerdung des Menschen, der steckengeblieben ist.

Täglich wird heute das große Streitgespräch abgebrochen, bevor es begonnen wird, da die Partner vor Beginn des Dialogs emsig bestrebt sind, sich einzuigeln, sich gegen ihren eigenen Untergrund abzuschirmen, damit nicht Freudsche Fehlleistungen durch einen Versprecher sie verraten. Sie treten als monologe, monomane Sprecher an den Konferenztisch, mit ihren „Sprüchen“, Thesen, Forderungen, statt als leidenschaftlich diskutierende Gesprächsrunde, mit sich selbst als lebender Disput, in dem viele Nein und Ja miteinander ringen.

Der asiatische, afrikanische, lateinamerikanische Partner und Gesprächsgegner merkt das: er weiß, daß der weiße Mann ein Bürgerkrieg ist. An welche Worte soll er sich halten? An die Töne, die da scheinbar nüchtern zu Wort kommen, in präzisen Vorschlägen, Forderungen, Programmen? Oder soll er sich an jene Untertöne halten, die in einer Geste, einer Gebärde, einer Bewegung plötzlich sich zu Wort melden, ohne Worte — und die dies verraten: eine letzte, tiefe innere Unsicherheit politischer Menschen unserer westlichen Hemisphäre: es sind einfach Menschen, die im Gespräch mit sich selbst steckengeblieben sind, nicht weiterkommen, es oft schon in jungen Jahren in der eigenen Brust abgebrochen haben.

Der farbige Gesprächspartner möchte nun gerade dies: er möchte eintreten in jene abgesperrten Zimmer im Inneren des weißen Mannes: da ihm dies verwehrt wird, zieht er sich sehr bald in sich selbst zurück.

Gespräche der Verstummten. Unendlich mühsam, öde, langweilig, in hundert Prozeduren schleppen sich internationale Auseinandersetzungen hin. Tausende Konferenzen sind möglich: dieselben Worte werden millionenfach wiederholt: im Westen nichts Neues, im Osten nichts Neues. Diplomatie, politische Verhandlungspotenz müßte genau das Gegenteil von dem sein, als was sie heute vielfach geübt wird: sie müßte nicht sorgfältig den eigenen Untergrund verdecken und den Untergrund des Gegners denunzieren — wahrhaft obszön, politisch obszön die Schamteile des Gegners vor der Weltöffentlichkeit aufdecken — sondern dies wagen: den eigenen Untergrund ins Gespräch bringen mit dem Untergrund des Gegners, des Partners: so daß die letzten Ängste, Hemmungen, Befürchtungen zu Wort kommen können, so daß das wahre Mißtrauen sich aussagen kann: eine Angst, die auf den vielen Niederlagen und Enttäuschungen basiert, die in der eigenen Nation, in der eigenen politischen Laufbahn, im eigenen Intimleben der Person erfahren wurden.

Zur Debatte steht, was der Mensch dem Menschen angetan hat. Mensch sein ist dies: sich selbst erleben, sich selbst in Frage stellen: zurück bis zu unseren fellow brethren, wie Charles Darwin unsere ältesten Brüder, die Tiere nannte. Im Blick auf unsere tierischen Ahnen, die es gelernt haben, Konflikte ohne Ausrottung der eigenen Sippe, des eigenen Stammes, der eigenen Art auszutragen — so einige Primaten — können wir Menschen es lernen, Bestialität zu vermeiden: bestialisch vermag ja nur der Mensch zu sein, Bestialität ist Absinken unter das Niveau des Tieres.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1971
, Seite 33
Autor/inn/en:

Friedrich Heer:

Geboren 1916 Wien, gestorben 1983 ebenda, Kulturpublizist, Historiker, Kulturkritiker, Professor der Universität Wien, Dramaturg des Burgtheaters.

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