FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 329/330
Christian Ide Hintze

Böse Dichter

Rede auf dem 1. österreichischen Schriftstellerkongreß (6. bis 8. März 1981)
Christian Ide Hintze bei seinem Referat
im neugotischen Saal des Wiener Rathauses

Ich muß hier dazwischentreten, weil ich es nicht erlauben kann, daß heute wieder Ähnliches geschieht wie schon am Freitag bei der Eröffnung: nämlich, daß die so notwendige (Not-Wende!) und so notwendig drastische Selbstdarstellung und Konfrontation der Dichter und Schriftsteller vor der Öffentlichkeit wieder einmal untergeht in offiziellem Gehabe, in Vernünftelei, in Scherzen, in Höflichkeiten und Blabla;

und weil ich es nicht erlauben kann, daß wieder einmal auf dem Rücken von schwer Betroffenen Imagepflege für Politiker und Generalintendanten betrieben wird;

und weil ich es nicht zulassen kann, daß hier so eine Art Politiker- und Funktionärs-Hearing stattfindet, eine Leistungsschau, eine Schulterklopfparade der Unverdienten, während doch die, um die es hier eindeutig geht, viel eher und viel eher ausführlich zu Wort kommen sollten: und zwar vor der Öffentlichkeit, und noch im Offiziellen;

und weil ich es nicht ertragen kann, daß Leute, die keine Ahnung haben, wie ein Gedicht entsteht, ein Prosastück, ein Theatertext, hier schon wieder die Präpotenz haben, uns Ratschläge zu erteilen;

ich kann es nicht zulassen, denn dazu steht vielzuviel auf dem Spiel, dazu ist die Sache des Kongresses viel zu ernst; blutig ernst! Mir kocht das Blut unter der Haut.

Ich stehe hier und gehe über: vor Erregung, vor Wut, vor Zorn, vor Ohnmacht; und womöglich auch vor Sprachlosigkeit, weshalb ich vielleicht etliche Male ins Stottern kommen werde.

Nach allem, was uns angetan worden ist, und ich glaube, daß es nottut, daß hier einmal gesagt wird, daß uns etwas angetan worden ist!!, im einzelnen und als Berufsgruppe, hier und jetzt und durch die Jahrhunderte ... nach alledem steht hier eine Sprache der Betroffenheit zur Debatte, wenn nicht gar eine des Schmerzes und des Aufruhrs!!

Ich jedenfalls empfinde es als eine Beleidigung unserer sowieso schon verletzten Würde, wenn wir (als die eigentlichen Abgeordneten der Sprache) hier schon wieder und immer noch und immer wieder belästigt werden mit dieser offiziellen Kaugummi-Sprache, die eben einem Politiker ansteht, der sich zu winden hat im täglichen Maskenball, nicht aber einem Dichter und Schriftsteller, der zu bestehen hat auf der Wahrhaftigkeit, und sich überdies zu winden hat im täglichen Elend, ich sage im Elend!!

Und solange unsere zukünftigen Verhandlungspartner uns gegenüber als derjenigen Berufsgruppe, deren Arbeitsmaterial die Sprache ist, nicht um eine sorgfältigere Sprachbehandlung bemüht ist, fühle ich mich nicht genügend respektiert, um überhaupt anfangen zu können!

Was ist von der Sprache eines Herrn Zilk zu halten, der auf den vielsagenden Vergleich mit den „Autobahnzentimetern“ kommt!

Was ist von der Sprache eines Herrn Busek zu halten, dem erst kürzlich bei einer Club-2-Diskussion die Luft weggeblieben ist, als ein Jugendlicher die gegenwärtige Situation beschrieben hat mit „Vereisung des Herzens“!

Was ist von der Sprache eines Herrn Bacher zu halten, der uns gegenüber überhaupt nur noch auf der Ebene der Statistik verkehrt!

Bevor dieser Kongreß einen trügerisch versöhnlichen Abschluß findet, halte ich es für meine Pflicht vor meinem Gewissen und vor dem Gewissen vieler Freunde, die hier anwesend sind und sprachlos sind vor jahrelanger Demütigung und Beleidigung und Lächerlichmachung, und die wieder einmal und wie so oft nicht zu Wort kommen, ... halte ich es also für meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß ich mir sehr schwer tue bei der Vorstellung, mich mit diesem technokratischen, eunuchischen Gesindel in aller Güte an den Tisch zu setzen, um zu verhandlen, bevor nicht eindeutige Zeichen des Lernenwollens, der Sühne und der Wiedergutmachung gesetzt werden.

„Ich fühle mich nach Gerichtsitzen“:
Im Präsidium (von links) Erhard Busek, Günther Nenning, Heinz Fischer, Fred Sinowatz, Anton Benya

Ich fühle mich eher nach Gerichtsitzen und nach Abrechnung als nach Versöhnelei! Denn wie bei jeder Auseinandersetzung sollte zuerst einmal die Tiefe des Grabens offenbar gemacht werden, bevor man zum Sprung ansetzt. Es könnte sonst geschehn, daß wir (gemessen an unserer eigenen elementaren Antriebskraft) allesamt abstürzen, weil eine der beiden Seiten gar keinen Begriff hat von der Tiefe dieses Grabens.

Aber es ist nicht nur das Technokratische und das Eunuchische, das mich hier erbost und das sich hier auch wieder bestätigt, wenn ich mir die seelenlosen, vereinnahmungssüchtigen Visagen ansehe, die da hinter mir am Podium in einer Reihe aufgefädelt sitzen. Es ist auch die nackte Tatsache der Heuchelei und der Lüge, gegen die hier aufgetreten werden muß: und zwar noch bevor der offizielle Teil dieses Kongresses zu Ende geht.

Denn daß die wirklich brennenden und wunden Dinge meistens im Inoffiziellen besprochen werden, ist unser tägliches Brot.

Und das muß aber nicht immer so bleiben!!

Ich meine die Heuchelei der Parteienvertreter, und ich meine das Lügengerede des Herrn Bacher, der heute nicht mehr anwesend ist.

Aber bevor ich dazu sage, was gemeint ist, muß ich noch einmal sagen, wie sehr mich dieser Kongreß in Aufregung versetzt. Ich habe in den vergangenen Tagen vor Herzklopfen: ich sage vor lauter Herzklopfen gar nichts Rechtes anfangen können.

Und wenn man hier zum ersten Mal in der Geschichte Österreichs mit so vielen Vertrauten zusammenkommt, und wenn man dann erlebt: bei den Vorveranstaltungen, bei den Arbeitskreisen, bei den Mittagessen, was hier versammelt ist an Emotion, an Aggression, an Frustration, an Versagung, an Enttäuschung also; und wenn man hier aber auch erlebt, was hier versammelt ist an Hoffnung, ich sage: inständiger Hoffnung; und wenn man dann erlebt zum Beispiel eine Marie-Thérèse Kerschbaumer, und viele andere ähnlich, die sagt: das Wasser steht uns bis zum Hals!, und wir werden deshalb kämpfen um unsere Organisation und um eine menschenwürdige Situation: und zwar bis zur Selbstaufopferung, hat sie gesagt, und wir werden es nicht zulassen, daß unsere Forderungen verwässert werden, und wenn: dann nur über unsere Leichen, hat sie gesagt.

Verstehn Sie das?! So weit geht das!!

Und Sie und alle Öffentlichkeit soll wissen, daß es soweit geht!

Und wenn man also so etwas erlebt, dann bäumt sich alles in mir auf, aus Furcht, die Substanz dieses wunderbaren Kongresses könnte wieder einmal verludert werden!!

Und wenn man so etwas erlebt, dann stellt sich neben der ganzen Furcht und neben dem ganzen gegenseitigen Auslassen von angestauter Aggression noch etwas anderes ein; und das ist für mich, schon jetzt!, ein wesentliches Ergebnis dieses Kongresses; dann stellt sich nämlich etwas ein, was weit hinausgeht über bloße Solidarität, nämlich etwas wie ‒ sagen wir das verteufelte Wort: etwas wie Zugehörigkeit und Liebe, wie Liebe!!!

Verstehn Sie das, Herr Sinowatz?! Wissen Sie, was das ist: Liebe?!

Und wissen Sie, was das ist: ein warmes Herz, Herr Busek?!

Und wissen Sie, was das ist: Seele, Herr Zilk?! Sie, der Sie bei Ihrem Eröffnungsreferat vom Schriftsteller als „Ingenieur der Seele“ geredet haben! Wissen Sie es?!

Und wissen Sie, was das ist: Schmerz, Herr Bacher!, der Sie es heute vorgezogen haben, abwesend zu sein?! Denn Sie, Herr Bacher, waren es, der in einem Fernsehgespräch mit österreichischen Filmemachern, und die Situation der österreichischen Filmemacher ist ganz ähnlich bedrückend wie die unsere: das soll hier auch gesagt werden ... denn Sie, Herr Bacher, waren es, der von Larmoyanz geredet hat, als diese österreichischen Filmemacher es wagten, sich über die herrschenden, sie bedrückenden Verhältnisse zu beklagen.

„Verstehen Sie, Herr Sinowatz? Wissen Sie, Herr Bacher?“

Wie überhaupt zu sagen ist, daß jeder von uns, fast jeder von uns, in der ständigen Furcht lebt, als lächerliche Figur hingestellt zu werden, als potentieller „Selbstverwirklicher“ hingestellt zu werden (was erscheint den Mächtigen dieses Landes so bedrohlich an Menschen, die ihr Selbst nicht verlieren oder wiederfinden wollen!);

wie also überhaupt zu sagen ist, daß jeder von uns, fast jeder von uns in der ständigen Furcht lebt, als peinliche Figur hingestellt zu werden, als larmoyant und weinerlich beschimpft zu werden, wenn wir es wagen, über die Demütigungen, Erniedrigungen und Schmerzen zu reden, die uns laufend angetan werden, ich sage: die uns angetan werden!

Und das Leben jedes einzelnen von uns, der sich halbwegs über seine Lage bewußt ist, ist eine beispiellose, wirklich beispiellose Folge von Demütigung, Erniedrigung und Schmerz!!

Ich rede jetzt einmal nicht davon, was wir uns selber antun.

Das bringt mich auf einen anderen Punkt, ohne den ich auch nicht guten Gewissens von diesem Kongreß gehn könnte:

Herr Gratz hat in seiner Eröffnungsrede gemeint, er sei vor allem gekommen, um zuzuhören, den Schriftstellern und Dichtern zuzuhören, um mit ihren Problemen besser bekannt zu werden. Wie sich heute zeigt, war das offenbar nicht so ernst gemeint, wie es geklungen hat: ich jedenfalls kann ihn nicht unter uns entdecken. Vielleicht bildet er sich ein, das, was er am Freitag gehört hat, sei schon das ganze Ausmaß unseres Dilemmas. Und vielleicht bildet sich das auch die Öffentlichkeit ein. Also hauptsächlich ein Dilemma der Finanzen, der Organisation und der Intellektualität.

Und vielleicht könnten wir an dieser Stelle schon die Kraft aufbringen, ein wenig Selbstkritik zu üben. Vielleicht: Es gehört zur Dramaturgie eines jeden Anpassungsvorgangs, daß in einer Situation der Konfrontation, oder der behaupteten Konfrontation, jede der Gegenseiten schließlich doch das erfüllt, was von ihr vom jeweils anderen erwartet wurde; wie es zur Dramaturgie einer jeden Rebellion gehört, daß solche Erwartungen eben nicht erfüllt werden.

Zwo alte Pegasusse
am 1. österreichischen Schriftstellerkongreß Erich Fried (links), Hans Weigel

Nun wird von unserer Gegenseite zweifellos erwartet, und das gehört ja auch zum durchaus von ihr akzeptierten Teil unseres Berufsbildes, daß wir uns einen Namen machen, daß wir klug sind, räsonierend, überlegt und pointiert die Welt durchschauen. Genau diesen Chrakter hatten die Auftritte unserer Freunde am Freitag. Sie hatten sich einen Namen gemacht, sie waren klug, räsonierend, überlegt und pointiert.

Das soll ganz bestimmt nicht heißen, daß ich gegen diese Autoren bin. Im Gegenteil. Wir sind froh und wie ich glaube, auch stolz, daß wir sie haben, und daß wir in einer wirklich dramatischen Situation Freunde haben, die die Geistesgegenwart und Überlegtheit besitzen, in aller Gefaßtheit und Gescheitheit aufzutreten.

Wenn aber dieser Kongreß ganz offiziell eine Selbstdarstellung seiner Mitglieder sein soll, dann darf nicht verschwiegen und nicht verniedlicht werden, daß es daneben ebensoviel Zerrüttung, Verstörtheit und ordinäres Scheitern gibt;

dann darf nicht verschwiegen werden, daß es Freunde gibt, und ich habe sie kennengelernt! und die meisten sind unter uns!, die unter derart elenden Umständen zu leben haben, daß sie den meisten Teil ihrer Zeit an der Grenze der Sprachlosigkeit verbringen; daß es Freunde gibt, und sie sind genauso liebenswert und respektwürdig wie alle anderen!, die bereits derart scheußliche Erfahrungen mit diesem Literaturbetrieb gemacht haben, daß sie in einer permanenten Paranoia leben;

und daß es Freunde gibt, die daher gar nicht mehr die Kraft und die Überwindung aufbringen, zum Beispiel hier in unsere Mitte zu treten und sich zu äußern, weil sie, wie auch ich, sich davor fürchten, wieder einmal auf die Schnauze zu fallen, wieder einmal abgekanzelt zu werden;

denn ihre Sprache wäre eine Sprache des Lallens, des Stotterns, der Verzweiflung!!;

und daß es also Freunde gibt, die niemals bei der Selbstdarstellung eines Schrifstellerkongresses in Erscheinung treten können, obwohl sie die Mehrheit sind!!;

und daß es unter ihnen Freunde gibt, die die großartigsten Gedichte schreiben, von denen die Öffentlichkeit wie üblich erst Kenntnis nehmen wird, wenn sie gestorben sind!;

und daß es gerade unter jenen Freunden aber auch, das sage ich jetzt, Geschöpfe der allerreinsten Unschuld gibt, einer dermaßen ungeheuerlichen Unschuld, daß die Öffentlichkeit, wenn sie davon erführe, in Zittern und Beben ausbrechen oder vor Beschämung auf die Knie sinken würde!!!

Und wenn Herr Gratz tatsächlich den Problemen der Dichter und der Schriftsteller zuhören wollte, würde ich ihm sagen, und ich sage es jetzt den andern anwesenden Desinteressierten, daß alle diese Zustände, die im Problemkatalog beschrieben sind, verbunden mit denen, die konkret nicht zu beschreiben sind, weil sie einer schwer faßlichen Atmosphäre der Aversion, der Mißgunst, der Bedrohung und der kulturellen Vergiftung angehören ...

daß also alle jene Zustände viele von uns aus purer Ohnmacht derart verinnerlichen haben müssen, daß schon gar nicht mehr viel Aufhebens davon gemacht wird, wenn einer im Alkohol- oder Drogenrausch Mobiliar zerschlägt; wenn ein anderer buchstäblich in seiner eigenen Kotze dahinvegetiert; wenn unsere alten, aber unbekannt gebliebenen Dichter, die ihre Finger nicht mehr rühren können, um damit zu schreiben, in ihren Wohnungen vereinsamen oder in Sanatorien abgeschoben werden;

und wenn Frauen, die Kinder großzu ziehen haben, permanent mit schlechtem Gewissen herumlaufen und das Stigma einer Rabenmutter mit sich schleppen müssen.

Frau Schwab vom Sozialfonds, die die meisten von uns inzwischen kennengelernt haben, weil sie als erste zur Stelle ist, um das Ärgste zu mildern ... diese Frau Schwab kann Ihnen hundert andere Schicksale sagen, von denen ich glaube, daß sie zur Selbstdarstellung dieses Kongres ses dazugehören!!

Ich komme jetzt, wie zu Beginn angekündigt, zu sprechen auf meinen Vorwurf der Heuchelei an die Parteienvertreter und meinen Vorwurf des Lügengeredes an Herrn Bacher.

Und vielleicht begreifen Sie dann, Herr Sinowatz, Herr Busek, Herr Bacher!, mein Verlangen nach Sühnezeichen, nach Zeichen der Wiedergutmachung und des guten Willens, bevor ich bereit bin, mich mit Ihnen an den Verhandlungstisch zu setzen.

Und diese Zeichen müßten weit mehr sein, als nur die Bereitstellung einer Million, um diesen Kongreß zu ermöglichen.

Diese Zeichen könnten, frei phantasiert, etwa sein:

  1. Bereitstellung eines Fonds, aus dem sämtliche Prozeßkosten bezahlt werden, die in der Vergangenheit von Schriftstellern gegen Vertreter der Bürokratie geführt wurden und in Zukunft noch geführt werden.
  2. Finanzierung eines Kongresses von Schriftstellern nur für Schriftsteller, damit wir einander erst einmal ausführlicher kennenlernen als das zum Beispiel im Verlauf dieses Kongresses möglich war. Denn es hat sich gezeigt, jedenfalls für mich, daß es durch die Hudelei hier gar nicht möglich war, zu einer wirklich fundierten, einigermaßen einhelligen Identität vorzustoßen; einer etwas tieferen Identität als die, die nötig ist, um in aller Eile und teilweiser Unkenntnis eine Abstimmungsmaschinerie zu produzieren, die einem später vielleicht wieder leid tun könnte.
  3. Besuch eines von uns organisierten und von Ihnen finanzierten Seminars, wo Sie sich ausführlich auseinanderzusetzen haben mit unserer Welt, unserer Arbeit und unseren Umgangsformen, und wo Sie Gelegenheit haben, Ihre Unkenntnis der Lage ein bißchen wegzulernen (zum Beispiel: was die Anstrengung, gestaltete Sprache zu geben, betrifft). Denn es geht nicht an, daß wir als die Ihnen gegenüber Ohnmächtigen immer nur uns anpassen Ihrem Stil und Ihrem Denken, damit es überhaupt zu einer Verständigung kommen kann.
Autor Innerhofer am Wort

Es kommen jetzt, stellvertretend für die allgemeine Atmosphäre der Vergangenheit, zwei Ereignisse zur Sprache, von denen Sie, Herr Sinowatz, und Sie, Herr Busek, und Sie, Herr Bacher!, offenbar gehofft haben, daß sie für alle Zeit verschwiegen werden könnten. Und ich kann mir die Tatsache, daß sie eineinhalb Jahre lang nicht an die Öffentlichkeit dringen konnten, nur damit erklären, daß es eben in der Vergangenheit keine wirksame Schriftstellermacht gegeben hat, die der Niederhaltung von Informationen hätte begegnen können:

Im Mai 79, während der Wahlkampfzeit zum Österreichischen Nationalrat, habe ich, aus allen jenen Gründen, die heute im Problemkatalog verzeichnet sind (keine der wahlwerbenden Parteien sichert meinen Arbeitsplatz), beschlossen, nicht zur Wahl zu gehen, weil ich mich als Dichter von keiner der wahlwerbenden Parteien vertreten fühlte.

Ich habe eine „Wahlkamptrede eines Nichtwählers“ entworfen und wollte sie noch während der Wahlkampfzeit in der Wiener Innenstadt halten.

Dazu ist es nicht gekommen, weil der Herr Bezirksvorsteher — Herr Busek! Ihr Parteikollege Herr Heinz — das verhindert hat.

Und dieser Dichterfeind, dieser Feind der freien Meinungsäußerung ist nie dafür zur Rechenschaft gezogen worden.

Ich bin dann ausgewichen nach Linz. Mein Auftritt wurde kurzfristig angesetzt als erste Veranstaltung eines performance-festivals der Galerie Maerz, für die ein Jahr lang mühselige Vorbereitungsarbeit geleistet worden war.

Als der zuständige Kulturverwaltungsdirektor — Herr Sinowatz! Ihr Parteikollege Herr Rausch — davon erfahren hat, hat er der Galerie gedroht, sämtliche Subventionen für das Festival zu sperren, sollte die „Wahlkampfrede eines Nichtwählers“ wie vorgesehn stattfinden. Und sie hat dann eben nicht stattgefunden. Und dieser Dichterfeind, dieser Feind der freien Meinungsäußerung ist nie dafür zur Rechenschaft gezogen worden.

Eine Fernsehredakteurin des ORF hat darüber für die damalige ZIB-2 einen Beitrag gedreht (Konfrontation Heinz—Hintze). Dieser Beitrag ist nie ausgestrahlt worden. Daraus ist zu ersehn, daß es Ihnen hier, wenn’s drauf ankommt, immer noch mehr darum geht, ein kleinliches Parteiendenken zu verteidigen und sich darin mit dem ORF zu verbünden, als wirklich die Freiheit der Dichter und Schriftsteller, wenn schon nicht zu fördern, so zumindest zuzulassen.

Das ist die Realität, an der Ihre Äußerungen hier zu messen sind. Und wenn Sie Zeichen setzen wollen, die Ihre ramponierte Glaubwürdigkeit wieder einigermaßen herstellen könnten, dann sorgen Sie zuerst einmal für eine schriftstellerfreundliche Haltung in den eigenen Reihen, bevor daran zu denken ist, Ihnen irgendeine Form von Vertrauen entgegenzubringen.

Sie selbst mögen integre Persönlichkeiten sein, und Ihre hier abgegebenen Versprechungen mögen aufrichtig gemeint sein; das heißt aber offenbar noch lange nicht, daß die weniger öffentlichkeitsgerechten Mitarbeiter Ihrer Apparate, die mit der Durchführung beschäftigt sind, das auch sein können.

Mein zweiter Vorwurf, nämlich der des Lügengeredes, betrifft Herrn Bacher und seine Äußerung am Eröffnungstag, es gäbe keinen Boykott beim ORF.

Erstens fallen mir dazu sofort zig Beispiele von Freunden ein, die sehr sehr wohl unter ORF-Boykott zu leiden haben, und zweitens zeigen auch die Geschichten, die Hans Weigel in seinem Eröffnungsreferat gebracht hat, eine alltägliche Form des Boykotts.

Und drittens:

Wie jeder weiß, war der.bisher größte Skandal in der Geschichte des ORF (und ist wohl das bisher größte Trauma des Herrn Bacher), jener Club-2 zum Thema „Jugendkultur“ im August 79. Der Skandal war und ist, daß der ORF wegen dieser Sendung über sämtliche Kanäle offizielle Entschuldigungen verbreiten hat lassen und daß die gestaltende Redakteurin aus der Redaktion entfernt worden ist. Es haben damals etliche Schriftstellerfreunde wie zum Beispiel Turrini, Nöstlinger, Jelinek, Spiel und Weigel gemeinsam mit mir im Rahmen einer Großveranstaltung dagegen und für die Wahrung der Meinungsfreiheit demonstriert. Wobei ich, als zusätzlich offenbar erschwerendes Delikt, auch noch einen Offenen Brief an Herrn Marboe geschrieben, Unterschriften gesammelt, bei den Mediensprechern der Parteien interveniert und Anwesenheitsdienst bei den betreffenden HSV-Sitzungen geleistet habe.

Ich weiß nicht, wie es den andern danach ergangen ist. Ich jedenfalls habe seit damals keine Sekunde der Zusammenarbeit zwischen dem Fernsehn und mir mehr erlebt, so daß ich also quasi unter ORF-Berufsverbot stehe, während er, der ORF, vor diesen Ereignissen alle paar Wochen Interviews und Sendungen mit mir gemacht hatte.

Jeder von uns wird ermessen können, wieviel Bitterkeit und Lähmung zu ertragen ist, wenn man für so lange Zeit totgeschwiegen wird!!

Autor Hintze: „Ich muß hier dazwischentreten!“

(An dieser Stelle ist es dem Diskussionsleiter gelungen, mich zum Schweigen zu veranlassen, und ich, ich gestehe das unumwunden ein, hatte dann, nach der ganzen Nervenüberspannung, keine Kraft mehr, mich noch einmal dagegen zu wehren. Ich erlitt einen Schwächeanfall und mußte im Saalhintergrund gestützt und gelabt werden, was mir äußerst unangenehm war. Ich erwähne das, nicht um irgend jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen — meinen Energiehaushalt habe ich selbst zu verantworten —, sondern um mir selbst und allen, die diesen Text lesen werden, die Frage zu stellen, ob es in einem Land, dessen Autoren immer vorgeworfen wird, sie wären zu gemütlich gegenüber den Vorkommnissen der realen Machtpolitik, nicht doch gesünder und letztlich auf eine poetische Weise auch machtvoller ist, in aller Einsamkeit und Konzentration Gedichte zu schreiben, anstatt sich eben doch einzumischen, und zwar in aller Schonungslosigkeit, z.B. gegenüber Geschäftsordnungen und Redezeiten.)

(Den Schlußteil des Textes hat Peter Henisch gegen Ende der Veranstaltung verlesen — und damit alles noch einmal gerettet:)

Ich bin jetzt am Schluß:

Was halten Sie, Herr Benya, von Ihrem ÖGB-Kollegen Winfried Bruckner, der uns Schriftstellern, wohl wissend, daß wir überlegen, dem ÖGB beizutreten, gedroht hat: dann müsse eben „der ÖGB sein Verhältnis zu den österreichischen Künstlern überdenken“?! (Zitiert nach Die Presse, 21. November 1980: „Bruckner droht Künstlern mit dem ÖGB“; und Kurier, 21. November 1980: „ORF-Kuratorium“).

Die Vorgeschichte dazu ist vielleicht nicht jedem von uns bekannt: ich möchte sie daher jetzt jedem von uns bekannt machen:

Winfried Bruckner ist vor kurzem zum ORF-Kurator bestellt worden, um dort die Interessen der Künstler und der Kunst zu vertreten. Und das, obwohl er sich nie bei uns vorgestellt hat, uns nie gefragt hat, ob wir uns durch ihn überhaupt vertreten lassen wollen. Und er ist immer noch der Vertreter unserer Interessen im ORF, obwohl 1400 Schriftsteller (über eine Aktion der Literarmechana, die sich seit geraumer Zeit wenigstens um unsere Tantiemen kümmert) dagegen protestiert haben.

Und dieser Winfried Bruckner, der uns vertreten sollte, nimmt uns gegenüber eine Drohgebärde ein!! Das darf doch nicht wahr sein! Und was muß das für ein ORF-Gesetz sein, daß eine Beschwerde gegen eine solche Vorgangsweise einfach abgewiesen werden kann!!

Das einzige, was nach dieser Beschwerde stattgefunden hat, war ein parteipolitisches Hickhack. Wieder unter Ausschaltung der Betroffenen. Ich muß Ihnen sagen, ich habe keine Lust, mich mit derlei zu identifizieren. Die Dichter und Schriftsteller haben durch die Jahrhunderte immer Frondienste leisten müssen. Zuerst für die Götter, dann für die Kaiser, Könige und Adeligen, dann für Präsidenten, Dogmen undsoweiter, und jetzt sollten sie wohl, durch die Art und Weise ihrer Vertretung, die Frondiener der Parteien werden. Ich habe keine Lust dazu!

Ich fühle mich durch Herrn Bruckner (solange er nicht Versäumtes nachholt und sich bessert) im ORF nicht vertreten. Und ich hätte es bitter nötig, daß dort irgendwer den Mund für mich aufreißt. Und wenn eine solche Drohgebärde wie die des Herrn Bruckner auch die Gebärde des gesamten ÖGB ist, dann ohne mich!!!

Etwas noch zum Schluß:

Ich könnte mir vorstellen, daß die Teilnehmer des Kongresses für die Dauer der offiziellen Verhandlungen einen ähnlichen Immunitätsstatus bekommen, wie ihn die Parlamentarier haben. Damit die Flut der Ehrenbeleidigungsprozesse nicht zu groß wird. Denn ich empfinde diesen Kongreß als eine Art Parlament.

Wir sind die Volksvertreter des Schöpferischen, die Volksvertreter der Seele, des Gewissens und der Kultur!!!

PS: Sollte es nötig werden, meine Vorwürfe (Verhinderung der „Wahlkampfrede eines Nichtwählers“, Produktion und Nichtausstrahlung des betreffenden ORF-Beitrags, ORF-Boykott) im einzelnen zu belegen, bin ich gern bereit, Namen, Daten, Adressen und Dokumentationsmaterial, das zum jetzigen Zeitpunkt nicht von allgemeinem Interesse ist, beizubringen.

PPS: Es gibt keine Zufälle:

Gerade eben, als ich beim Schluß meiner Abtipparbeit angelangt bin, erreicht mich der Anruf eines ORF-Fernseh-Mitarbeiters, der mir mitteilt, es habe gerade heute (Dienstag, 10. März 1981) einen Redaktionsbeschluß gegeben, wonach der ORF willens ist, im Rahmen von „Ohne Maulkorb“ einen Beitrag mit meinen neuen Gedichten zu gestalten (angekündigter Sendetermin: 23. April 1981).

Ich werde dieses Angebot annehmen, obwohl ich sehr genau darauf achtgeben werde, nicht von irgendeiner Seite in irgendein Eck, zum Beispiel ins Ohne-Maulkorb-Eck, abgeschoben zu werden. Denn mein Feld ist das des Dichterischen, und dieses Feld ist das des Universums!!

Trotz allem glaube ich, daß dieser Fall ohne das letztlich doch noch solidarische Auftreten des Kongresses nicht vorgefallen wäre. Ich betrachte die versprochene Aufhebung des ORF-Boykotts gegen mich schon jetzt als einen kleinen Erfolg des Kongresses und als eine Ermutigung für jeden von uns, weiterhin schonungslos zu bleiben.

Üble Routine

Selbstkritik des Vorsitzenden Nenning

Lieber Christian,

ich habe Deine lange lange Rede auf dem Schriftstellerkongreß abzuwürgen versucht, und das ist mir nach einiger Zeit Dank meiner üblen Routine im Vorsitzführen auch gelungen. Ich hatte Angst, daß die eingeladenen Kapazunder vor Dir Angst kriegen und den Saal verlassen (Anton Benya, Erhard Busek, Heinz Fischer, Fred Sinowatz, Helmut Zilk, ferner Achim Benning, Gerald Szyskowitz, Wolfgang Schaffler). Sie haben es nicht getan, das spricht für sie und für Dich und gegen mich. Ich halte Deine Rede für ein realistisch-romantisches Kunstwerk, welches daher vollinhaltlich zu drucken ist.

Hast also eh recht. Aber wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, und da muß jeder sein Gschaftl machen. Du als holder Künstler machst die Kapazunder nervös, ich als öder Bürokrat rackere mich ab für eine effektive Organisation der Autoren innerhalb der bzw. gegenüber den etablierten Mächten. Die nur zu beschimpfen, halte ich für nicht ausreichend effektiv. Im übrigen hast Du eh recht. Aber wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ... da capo, sino al fine.

Hoch der freie Dachverband aller Schriftsteller! Hoch der freie Mitgliederverband aller Schriftsteller! Hoch die freie Gewerkschaft aller Schriftsteller! [*]

Dein G.N.

Lieber Günther!

Meine wirklich siedende Verachtung gegen dich hat sich wieder gelegt. Du bist mir ja auch inzwischen auf eine für mich unvermutete Art entgegengekommen. Ich hätte nicht vermutet, daß du meinen Text, den du beim Kongreß so sehr verhindern wolltest, vollinhaltlich abdrucken würdest; und ich hätte nicht vermutet, daß du dazu einen Text von mir mit Selbstkritik (halt auf deine verkasperlnde Art) veröffentlichen würdest.

Christian Ide Hintze

[*Information, Anmeldung, Mitarbeit: „Autorensolidarität, Komitee zur Fortsetzung des Schriftstellerkongresses“ (Kollegen Ruiss, Vyoral, Lunzer), 1060 Wien, Gumpendorfer Straße 15, Telefon: 56 12 49.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1981
, Seite 34
Autor/inn/en:

Christian Ide Hintze:

Geboren 1953 in Wien, verstorben 2012 ebenda. Lyriker, Performance & Multimedia, Poet, Mitbegründer und Direktor der Schule für Dichtung. Publizierte Bücher, Tapes, CDs, DVDs, Websites.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar

Medien