FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1964 » No. 121
Peter Wilson

Boris Pilnjak oder Kommunismus und Romantik

Nach der Veröffentlichung seines ersten größeren Werkes, „Das nackte Jahr und andere Erzählungen“, zu Beginn der Zwanzigerjahre wurde Pilnjak von Trotzkij und anderen, weniger prominenten Kritikern als einer der begabtesten jungen sowjetischen Schriftsteller angesehen. „Das nackte Jahr“ enthielt eine Reihe von lose aneinandergereihten Episoden; Pilnjak schildert darin das Leben und die Bestrebungen verschiedenster Elemente seines Volkes — Anarchisten, Bolschewiken, eine dekadente Adelsfamilie — im Jahre 1919, im „nackten Jahr“.

Die Idee dieses Buches lief auf eine Reihe von Antithesen hinaus. Die althergebrachte bequeme Lebensweise des Adels auf dem Lande und der anarchistische Geist der Bauerngemeinschaft stehen zur städtischen Ordnung im Widerspruch.

Donat, ein Bauernsektierer, sagt: „Wir kamen in dieses Gebiet noch unter Katharinas Herrschaft, und wir leben, wie wir vor dreißig Jahren gelebt haben und vor hundert; wir schlagen uns auf unsere Art durch. Drum brauchen wir keine Regierung und auch keinen Krieg. Petersburg ist wie eine Hautkrankheit.“ Das russische Mittelalter wird den aus Europa stammenden Reformen Peters des Großen vorgezogen. Pilnjak sieht die Revolution als Ablehnung des europäischen Elements in Rußland und als Ausdruck des Volkswillens im Gefolge der Rebellentradition eines Stenka Rasin und eines Pugatschew.

Gleb Ordinin, ein heruntergekommener Aristokrat, erzählt von seinen Auslandsreisen: „Europa ist in einer Sackgasse. Seit zweihundert Jahren, seit Peter, wollten die russischen Staatsmänner diese Kultur übernehmen. Rußland verschmachtet vor Sehnsucht nach Luft — genau wie Gogol es sah. Und die Revolution hat Rußland diesem Europa entgegengestellt. Und darüber hinaus, gleich nach den ersten Tagen der Revolution, kehrten die Städte Rußlands zurück ins 17. Jahrhundert, zu dessen Geist, zu dessen Lebensweise.“

Karl Marx — Deutscher und Narr

Der Kommunismus wird bei Pilnjak vom Bolschewismus klar unterschieden; dieser ist etwas Russisches im Gegensatz zum Künstlichen und Europäischen des Kommunismus. Pilnjak läßt sich nie darauf ein, politische Theorien zu diskutieren. Man kann aber annehmen, daß er seine eigene Einstellung zur Politik dem Jagorka, einer Art von Weisen unter den Bauern, in den Mund legt: „Bei einer Versammlung sagte ich: ‚So etwas wie die Internationale gibt es nicht, aber es gibt eine Revolution des russischen Volkes, eine Rebellion und sonst nichts. Genau wie Stenka Rasin.‘ — ‚Und Karl Marx? Was ist mit Karl Marx?‘ fragten sie. ‚Ein Deutscher‘, sagte ich, ‚und darum ein Narr.‘ — ‚Und Lenin?‘ — ‚Lenin‘, sagte ich, ‚kommt von den Bauern. Er ist ein Bolschewik, und ihr seid Kommunisten. Ihr solltet Kirchenglocken läuten, daß ihr vom Joch befreit seid. Das Land den Bauern. Hinaus mit den Händlern! ... Und hinaus mit den Kommunisten! Die Bolschewiken werden allein fertig werden!‘ sagte ich. Ja, und dann haben sie mich gleich ins Kittchen gesteckt, zur Disziplin.“

Die romantische Einstellung Pilnjaks, seine Liebe zum Heimischen und Bodenständigen drückte sich auch in seiner Neigung zum naturnahen Leben aus. Wolkowitsch, ein ehemaliger Offizier, und Irina, über deren Familie man nichts erfährt, leben nur für die Gegenwart, sie haben die Vergangenheit vergessen — und sie kümmern sich nicht um die Zukunft. Sie genießen das Chaos, das die Revolution hervorgebracht hat, denn es enthebt sie der Pflicht, Ziel und Ordnung in ihr Leben zu bringen: „Zum Teufel mit Humanismus und Ethik — ich will alles bis zur Neige trinken, was ich bekam — durch meine Freiheit, meinen Geist und meinen Instinkt — ja, Instinkt, denn ist die Gegenwart nicht ein Kampf der Instinkte?“ Wolkowitsch entgeht der Verhaftung durch die Tscheka und lebt dann mit einer Anarchistengruppe: „Freiheit! Freiheit! Nichts zu haben, alles zu verweigern, ein Bettler sein! Und Nächte und Tage, Dämmerung, Sonne und Hitze und Nebel, Stürme — und das Morgen nicht kennen.“

Bolschewismus — geistlose Energie

Es überrascht nicht, daß die Bolschewiken in Pilnjaks Buch am wenigsten überzeugen. Sie werden als die Personifizierung geistloser Energie dargestellt und erscheinen nur in einer Szene — als sie ein Eisenwerk wieder instand setzen. Pilnjak sieht in ihnen das „Beste im weichen und freundlichen russischen Volk“ und fügt hinzu, daß sie nicht von der „Limonade der Psychologie“ verwässert werden konnten und daß keiner von ihnen Marx studiert habe. Nur einer, Archip Archipow, wird hervorgehoben, weil er versucht, sich aus Lehrbüchern zu bilden und das „Kapital“ zu lesen. Verglichen mit der Aristokratenfamilie der Ordinin, die so dekadent sind, daß sie wie die Personen einer Farce wirken und denen doch die Sympathie des Autors gehört, wirken die Bolschewiken im „Nackten Jahr“ farblos.

Die eindrucksvollste Stelle des Buches ist die Beschreibung einer Bahnfahrt durch die Steppe. Der Zug ist voll von hungernden Menschen; sie kommen aus den Städten und reisen unter den entsetzlichsten Bedingungen, krank, verdreckt, Tag und Nacht, endlos, und sie suchen in den Steppendörfern nach Nahrung, bereit, alles dafür zu geben, was sie haben. Pilnjak war fasziniert von diesem Kampf ums nackte Leben, für den die animalischen Instinkte des Menschen die einzige treibende Kraft bilden.

V. Polonskij meinte („Otschenkij sowremennoij literaturij“, Moskau 1930), daß die unmittelbarste revolutionäre Erfahrung Pilnjaks solche Bahnfahrten waren und daß er daher die Revolution in ganz Rußland mit ihnen identifiziere. Pilnjak selbst sagte, daß er in dieser Zeit viel reiste und mit „meschetschnitschestwo“, der Jagd nach Nahrung, beschäftigt war. Er sah, wie es scheint, nur wenig von Petrograd oder Moskau, den städtischen Zentren, von denen die Revolution ausging. Dies mag erklären, warum er unfähig war, sie in ihrem städtisch-proletarischen Zusammenhang zu sehen.

Sowohl Polonskij wie auch Trotzkij (in „Literatura i revoluzija“, Moskau 1923) weisen darauf hin, daß Pilnjak auch die Rote Armee nicht erwähnt, die für das Schicksal des Landes eine so entscheidende Rolle spielte; Pilnjak nahm nicht am Bürgerkrieg teil. In seiner Kritik Pilnjaks bemerkte Trotzkij, daß dieser die revolutionären Geburtswehen beschrieben habe, ohne überhaupt zu wissen, was geboren wurde; daß er die Revolution akzeptiert und auf seine Weise gefeiert habe, ohne daß es ihm möglich war, sie künstlerisch zu rechtfertigen. Aus diesen Gründen nannte Trotzkij ihn „nicht einen Künstler der Revolution, sondern einen künstlerischen Mitläufer. Pilnjak gibt nicht ein Bild der Revolution, sondern ihrer Voraussetzungen. Er hat das Fundament mit guten und kräftigen Strichen gezeichnet. Aber ist es nicht schade, wenn der Meister beschließt, daß der Hintergrund das ganze Bild sein soll? Die Oktoberrevolution ist städtisch, sie ist Petersburg und Moskau. ‚Die Revolution geht noch weiter‘, bemerkt Pilnjak im Vorbeigehen. Doch die kommende Arbeit der Revolution richtet sich auf Industrialisierung und Modernisierung der Wirtschaft, Verbesserung der Konstruktionsmethoden auf allen Gebieten, Ausrottung der Idiotie des Dorflebens. Es wäre schade, wenn Pilnjak der Dichter des Feuerzeuges würde, das sich anmaßt, die Revolution sein zu wollen. Politisch richtet er natürlich keinen Schaden an — wer würde übrigens auch nur im Traum daran denken, Pilnjak in die Politik zu ziehen? Doch sein Werk stellt eine wirkliche und unmittelbare künstlerische Gefahr dar.“

Land gegen Stadt

Diese Bemerkung Trotzkijs erhielt im Licht der folgenden Ereignisse ihre besondere Bedeutung. 1924 schrieb Pilnjak eine autobiographische Skizze. Sein richtiger Name war Wogau und sein Vater, ein Tierarzt, stammte von Wolgadeutschen ab. Seine Mutter kam aus einer Saratower Kaufmannsfamilie und hatte in Moskau ihre Lehrerinnenausbildung erhalten. Beide Elternteile sympathisierten mit der bauernfreundlichen Bewegung der „Narodniki“. Pilnjak wurde 1894 geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Provinzstädten um Moskau und in der Heimat seiner Eltern im Wolgagebiet; nach seinen eigenen Worten war seine Kindheit von der Natur und dem Leben im Kreise der ländlichen Intelligentsia und der Bauern bestimmt.

Mit neun Jahren begann Pilnjak zu schreiben. Das Jahr 1915 betrachtete er als den Beginn seiner literarischen Karriere; einige seiner Erzählungen und Naturschilderungen wurden damals in Zeitschriften veröffentlicht. 1913 beendete er in Nischni Nowgorod die Schule und besuchte 1920 einen Kurs an der Moskauer Handelsschule. Die Revolutionsjahre verbrachte er in Kolomna und reiste dann durch große Teile Rußlands. 1922 fuhr er nach Deutschland und im darauffolgenden Jahr nach England.

Stilistisch sind die zwischen 1920 und 1923 entstandenen Werke stark von Andrej Belij beeinflußt, vor allem gilt dies von seiner „poetischen Prosa“ mit ihren Aneinanderreihungen der verschiedensten Dinge, ihrem Schwung, dem plötzlichen Wechsel von Ort und Zeit und den Idiosynkrasien. Es ist, als säße der Leser auf einem fliegenden Teppich: Er sieht das Leben ganz fremder Menschen und nur manchmal begegnet er einem, den er vielleicht schon irgendwo getroffen hat und an den er sich dunkel erinnert.

Diese chaotische Art der Darstellung steigerte Pilnjak in „Iwan und Maria“ (1921) bis ins Extrem. In diesem Werk laufen zwei Handlungsfäden nebeneinander. Die eine Handlung beschreibt einen Schriftsteller auf einer Bahnfahrt nach Moskau; er hat die Revolutionsjahre auf dem Land verbracht und erfährt nun, daß seine Schwester in der Stadt gestorben ist. Er geht in ein Krankenhaus, auf einen Friedhof, in einen Dichterklub, in eine Kirche und in eine Buchhandlung. Kurz nach seiner Rückkehr aus der Stadt droht ihm die Verhaftung — und damit reißt dieser Handlungsfaden ab. Die Heldin des Buches ist Xenja Ordinina, die im Geist des Autors mit der Adelsfamilie aus dem „Nackten Leben“ verbunden ist. Sie ist das Haupt der örtlichen Tscheka, und für sie bedeutet die Revolution die Möglichkeit zur Befriedigung ihres unbegrenzten sexuellen Appetits. Zudem hat sie den Genuß, daß sie ihre Liebhaber verhaften lassen und dann eigenhändig erschießen kann.

Eine andere Erzählung Pilnjaks, „Dampfende Mutter Erde“ (1924), ist frei von Belijs Einfluß und setzt sich mit den kommunistischen Versuchen schöpferischer Tätigkeit auseinander. Nekuliew, ein geschulter Kommunist, wird in die staatlichen Wälder an der Wolga geschickt, um die überhandnehmenden Holzdiebstähle zu unterbinden. Er versucht ohne Erfolg, die Bauern, die das Holz als ihr Eigentum betrachten, von der wirtschaftlichen Notwendigkeit einer planvollen Ausholzung zu überzeugen. Ein Gehilfe, dem er vertraut, nimmt ihn zu einer Bauernversammlung mit, wo er gelyncht werden soll, doch er entkommt. Unwissenheit, Aberglauben und Schmutz des Dorflebens werden in lebendigen Einzelheiten geschildert. Die Figur des Nekuliew bleibt flach, denn die Sympathien des Autors gehören wiederum den Bauern und ihrem anarchistischen Geist im Kampf gegen die Kräfte der Ordnung. Dennoch ist diese Geschichte eine seiner besten und frei von der Zusammenhanglosigkeit seiner früheren Werke.

Roman gegen Stalin

Nach 1925/26 neigte Pilnjak dazu, derlei widerspruchsvolle Themen zu vermeiden. Der Grund dafür waren vielleicht die Unannehmlichkeiten, die ihm die Veröffentlichung seiner „Geschichte vom unausgelöschten Mond“ mit dem aufschlußreicheren Untertitel „Die Ermordung des Generals“ eingebracht hatte. Der Held, Gawrilow, ist einer der außergewöhnlichen Führer der Roten Armee. Er kommt auf Befehl von oben in seinem Sonderzug nach Moskau und liest in der Zeitung, daß der Grund für seine Reise ein Magenleiden sei und daß er sich einer Operation unterziehen wolle. Es stimmt zwar, daß er ein Magengeschwür hatte, doch das ist ausgeheilt und es geht ihm gesundheitlich ausgezeichnet. Er besucht jemanden, der als der wichtigste der drei Parteiführer (troika katoraja werschila) bezeichnet wird. Dieser befiehlt ihm, sich operieren zu lassen. Gawrilow wird von den Ärzten untersucht, die in ihrem offiziellen Befund angeben, daß eine Operation nötig sei, in einem späteren privaten Gespräch jedoch durchblicken lassen, daß dies nicht stimme. Die Operation wird durchgeführt und Gawrilow stirbt an einer Überdosis von Chloroform.

Über der ganzen Erzählung liegt von Anfang die Atmosphäre des Unheils. Gawrilow ahnt, daß er sterben wird, und man hat das Gefühl, als sei eine unbekannte, böse Macht am Werk. Pilnjak wurde offensichtlich zu dieser Geschichte angeregt, als im November 1925 General Frunze, der Nachfolger Trotzkis im Kriegskommissariat, unter ähnlichen Umständen starb.

Pilnjaks Geschichte wurde in „Nowy Mir“ veröffentlicht. Schon vor ihrem Erscheinen hatte man sich in Moskau erzählt, daß Pilnjak eine Erzählung über Frunzes Tod geschrieben habe. Pilnjak leugnete heftig jeden Zusammenhang, doch Woronskij, der Herausgeber von „Krasnaja Now“, dem er die Erzählung gewidmet hatte, schrieb in einem Brief an die Redaktion von „Nowy Mir“, daß er die Widmung zurückweise. Er begründete dies damit, daß die Erzählung die angeblichen Ereignisse um Frunzes Tod beschreiben wolle und daß er dies als „eine böswillige Verleumdung unserer Partei“ ansehe. Die Nummer des „Nowy Mir“ wurde auf Befehl der GPU beschlagnahmt, und in der folgenden Nummer mußten die Herausgeber bekennen, daß die Veröffentlichung der Erzählung ein schwerer Fehler war. „Die Geschichte vom unausgelöschten Mond“ wurde dann 1927, mit einem Vorwort über ihre Entstehung, in Sofia publiziert.

Hätte es Pilnjak nicht an jedwedem Verständnis für die politische Wirklichkeit gefehlt, so hätte er eingesehen, wie unklug es war, eine Erzählung zu veröffentlichen, die andeutet, daß Stalin an Frunzes Tod schuld sei. 1926, nach seiner Rückkehr aus China und Japan, wo er einen Zweig der japanisch-russischen Literaturgesellschaft gegründet hatte, mußte Pilnjak, wie Trotzki in seiner Stalin-Biographie erzählt, ein öffentliches Reuebekenntnis ablegen und darin den politischen Schaden bekennen, den seine „Geschichte vom unausgelöschten Mond“ angerichtet habe.

„Ich bin kein Kommunist“

In einem Beitrag zum Sammelband „Schriftsteller über Kunst und sich selbst“, der 1924 erschien, noch bevor die Schriftsteller völlig der Partei unterworfen waren, gab Pilnjak offen zu, daß er keinerlei politisches Interesse habe. Er versicherte, daß er kein Kommunist sei und auch nie wie ein Kommunist schreiben werde und daß ihn das Schicksal der KPdSU weit weniger interessiere als das Schicksal Rußlands. Auch könne er nicht anders schreiben, als er bisher schrieb, und werde dies auch in Zukunft nicht anders halten. Das sind tapfere Worte. Doch Pilnjak kannte damals die Macht noch nicht, die ihm entgegenwirkte.

Ein Buch unter dem Titel „Die Wurzeln der japanischen Sonne“ war die Frucht seiner Japanreise. Es ist eine Mischung von dokumentarischer Beschreibung, Eindrücken und Gedanken, oft langweilig, mit Wiederholungen und zu bruchstückhaft, um ein Erfolg zu sein. In einem späteren Buch, „Felsen und Wurzeln“, nach seiner zweiten Japanreise im Jahr 1932 geschrieben, verwarf er viele Behauptungen seines ersten Buches.

Die meisten der zwischen 1925 und 1928 entstandenen Erzählungen Pilnjaks beschäftigten sich mit Ereignissen, die weitab vom russischen Alltag liegen. „Zawolotschje“ ist der Bericht über eine wissenschaftliche Nordpolexpedition; „Iwan Moskwa“ beschreibt das Leben eines Mineralogen in einer Fabrik im dürren Komi-Gebiet und den Einfluß von Elektrizität und Radio auf die zurückgebliebenen Eingeborenen. Es folgten Geschichten über die Wolgadeutschen und vieles über die Reisen Pilnjaks im Fernen Osten. „Rasskas o kljutschach i gline“ beschreibt die Reise einiger osteuropäischer Juden, die von Odessa nach Israel auswandern, und schildert in lebhaften Bildern die Geschichte und Denkmäler der Länder, durch die sie kommen. „Stoß ins Leben“ (Schtoss v schisn) erzählt von Lermontows Leben im Kaukasus; möglicherweise wurde Pilnjak dazu bei einem Aufenthalt im Höhenkurort Pjatigorsk inspiriert.

Reise in die Vergangenheit

Pilnjak war ein großer Reisender. In all seinen Werken kommt sein starkes Gefühl für die äußeren Aspekte eines Ortes zum Ausdruck, für das Klima, die Bedeutung in der Geschichte. Möglicherweise waren diese Reisen Fluchtversuche vor dem steigenden Druck der Partei, die ihm ihre Linie aufzwingen wollte. Vielleicht glaubte er, er würde mit der Beschreibung unparteiischer Themen, die jeden politischen Unterton vermeiden, keinen Anstoß erregen.

Doch täuschte er sich offenkundig weiterhin über die möglichen Folgen schriftstellerischen Ungehorsams. Dies zeigte die Veröffentlichung seines Werkes „Mahagony“ im Jahr 1929. Damals war Pilnjak Präsident des gesamtrussischen Schriftstellerverbandes, einer Vereinigung von Schriftstellern, die versuchten, von der Kontrolle der Partei unabhängig zu bleiben. Der Verband war das Ziel immer heftigerer Angriffe der RAPP (Rossijskaja Assoziazija Proletarskich Pissatelej), der Vereinigung der proletarischen Schriftsteller Rußlands; 1925 gegründet, war diese Vereinigung zum Instrument der Parteikontrolle über die Literatur bestimmt. Pilnjak und Samjatin waren die beiden bedeutendsten Schriftsteller unter jenen, die sich bisher geweigert hatten, ihre Individualität aufzugeben und Parteilieferanten zu werden. Um das zu erreichen und auch um die andern noch unabhängigen Schriftsteller in die Knie zu zwingen, war es für die Partei vorerst nötig, den politischen Ruf Pilnjaks zu untergraben.

Sein „Mahagony“ bot dafür einen ausgezeichneten Vorwand. Es war das letzte beachtliche Werk, in dem er sein wahres Ich ausdrückte und Themen behandelte, die er wollte und wie er sie wollte. Durch „Mahagony“ klang die gleiche Sehnsucht nach der Vergangenheit wie durch „Das nackte Jahr“. Der Akzent liegt auch hier auf Gestalten, die der Gegenwart beziehungslos gegenüberstehen. „Mahagony“ erzählt die Geschichte der Brüder Besdetow, Antiquitätenhändler, die in eine kleine Stadt kommen, um Antiquitäten einzukaufen. Sie wohnen bei Jakob Karpowitsch Skudrin, der ein Vertreter der Bauernschaft war. Skudrins Bruder Iwan lebt mit einigen anderen gemäß seiner eigenen Idee vom wahren Kommunismus in einem Erdloch nahe einem Ziegelbrennofen:

Die Kommunisten, die hier schliefen, waren in der Zeit des Kriegskommunismus einberufen und 1921 entlassen worden. Sie waren Männer, deren Ideen in eine Sackgasse geraten waren, Verrückte, Trunkenbolde, Männer, deren Zuhause unter der Erde war und bei deren Arbeit die strikteste Bruderschaft und der strengste Kommunismus herrschten. Keiner besaß etwas allein, weder Geld noch irgendwelche Gegenstände noch Frauen.

Akim, der Sohn des alten Iwan, wird als Trotzkist beschrieben, der den Anschluß an die Zeit versäumt hat. In einer Diskussion mit Iwan bemerkt er, daß alle Leninisten und Trotzkisten aus der Partei ausgeschlossen wurden.

Das Einleitungs- und das Schlußkapitel des Romans haben, oberflächlich besehen, wenig mit dem Rest zu tun. Das erste Kapitel beschreibt den Tod des berühmten „jurodiwij“ (naiver Narr) in Moskau um die Mitte des 19. Jahrhunderts und die Antiquitäten seiner Schüler, gefolgt von Gedanken über russische Bauern-Handwerker und verschiedene russische Möbelstile. Das letzte Kapitel schildert vor allem die Lage der Bauern während der Kollektivierung, schließt jedoch mit einem Bericht über die erste russische Porzellanfabrik und die Töpfer, die dort arbeiten. Alle diese Dinge repräsentieren für Pilnjak das alte Rußland, das mit der Revolution Vergangenheit geworden war und durch die alten Mahagonimöbel symbolisiert wird, von denen die Geschichte ihren Namen hat.

Fast alle Charaktere in „Mahagony“ sind Überreste des alten Rußlands. Die Skudrin-Familie lebt noch auf mittelalterliche Art. Iwan Skudrin ist ein zeitgenössischer „jurodiwij“.

Liebeskommunismus

Iwan Karpowitsch redete weiter — vom Kommunismus, und wie er der erste Vorsitzende des Exekutivkomitees war, wie es in jenen Jahren war und wie die Jahre vergangen sind, die schrecklichen Jahre. Wie er nachher aus der Revolution hinausgeworfen wurde und wie er nun zu allen Leuten ging, um sie zum Weinen und — denk dran — zum Lachen zu bringen, und dann wieder erzählte er von der Kommune mit ihrer Gleichheit und Brüderlichkeit und versicherte, daß Kommunismus vor allem Liebe bedeute, die echte Sorge des Menschen um den Menschen, Freundschaft, Kameradschaft, Zusammenarbeit.

Iwan bezeichnet seinen Bruder und seine Schwägerin als die Personifizierung der historischen Konterrevolution. Der einzige Charakter des ganzen Buches, der Hoffnung für die Zukunft verspricht, ist Claudia, eine Lehrerin, die Nichte des alten Skudrin. Sie ist stark und unabhängig, und sie erwartet ein uneheliches Kind, da sie sich klar dafür entschieden hat, eine reife Frau zu werden. Dabei rechnet sie auf die Hilfe des Staates. Sie ähnelt einigen von Pilnjaks früheren Heldinnen, Irina im „Nackten Jahr“ und Xenja Ordinina in „Iwan und Maria“. Claudia selbst und ihre verheiratete ältere Schwester sind uneheliche Kinder. Der Liebhaber Kapitolinas, ihrer Mutter, war ein verheirateter Mann. Kapitolina fiel daher bei ihrer Familie in Ungnade und wurde von ihrem Bruder, dem alten Skudrin, und von der Gesellschaft verstoßen. Nun aber erlebt sie ein glückliches Alter mit ihrer Familie. Sie wohnt bei ihrer Schwester Rimma, einer alten Jungfer, die sich ihr Leben lang an die Moralbegriffe der Kleinbürger gehalten hatte, bis der „Wein ihres Lebens sauer geworden war“.

In den Augen der Literaturbürokratie war das Anstößigste an diesem ganzen Buch die Neigung zum Trotzkismus, die Kritik an gewissen Zügen des sowjetischen Lebens und die Äußerung einer häretischen Theorie durch Jakob Skudrin: „Marx’ Theorie muß bald vergessen werden, denn das Proletariat selbst muß bald verschwinden — das ist meine Idee —, und damit war die ganze Revolution vergeblich, ein historischer Irrtum. Ja, noch zwei oder drei Generationen, und das Proletariat wird verschwinden, erst in den USA, in England und in Deutschland. Marx schrieb seine Theorie in einer Zeit, da es vor allem körperliche Arbeit zu tun gab. Nun aber nehmen Maschinen die Stelle der Muskeln ein. Das ist meine Idee. Bald wird es nur noch Mechaniker an den Maschinen geben, und das Proletariat wird verschwinden, sie werden alle Mechaniker werden.“

Die neue Kaste

Pilnjak beschreibt, wie die hohen Beamten in den Stadtverwaltungen und der Industrie einander immer wiederwählen oder ihre Ämter jedes Jahr untereinander austauschen, und macht auch Bemerkungen über Unfähigkeit und Vergeudung in der Industrie, über die „höheren Behörden“ und deren Vorliebe, sich vom Rest der Bevölkerung abzugrenzen.

„Mahagony“ wurde aus Copyright-Gründen zuerst in Berlin veröffentlicht. Es war damals unter sowjetischen Schriftstellern ganz normal, ihre Werke, bevor sie in der Sowjetunion erschienen, im Ausland drucken zu lassen (weil die Sowjetunion nicht Mitglied der Genfer Konvention ist, welche ausländische Verlage zur Tantiemenzahlung verpflichtet). Doch im Herbst 1929 wurde Pilnjak in der „Literaturnaja Gazeta“ beschuldigt, er habe einen antisowjetischen Roman geschrieben und ihn, da er annehmen mußte, daß die Zensoren ihn abweisen würden, bei einem „weißgardistischen Verleger“ im Ausland veröffentlicht.

In einem Brief an die Redaktion beschrieb Pilnjak die Hintergründe dieser Romanpublikation und fügte hinzu, daß „Mahagony“ — zwar mit Kürzungen — in „Krasnaja Now“ abgedruckt werden solle. Auch beklagte er sich in diesem Brief darüber, daß er von verschiedenen Seiten verfolgt werde. Der Brief wurde ignoriert, weitere Anschuldigungen folgten. Gleichzeitig forderte die RAPP den Schriftstellerverband auf, Pilnjak von seinem Posten als Präsident des Verbandes abzusetzen. Das geschah auch, und die „Literaturnaja Gazeta“ belegte Pilnjak weiterhin mit allen Schimpfnamen, die der sowjetische Wortschatz aufzuweisen hat — mit sehr vielen also.

Nach Ansicht von Max Eastman („Künstler in Uniform“) wollte Pilnjak damals Selbstmord begehen, kam aber dann wieder davon ab. Er bat Gronskij, den Herausgeber der „Iswestjia“, sich für ihn zu verwenden. Gronskij schlug ihm vor, er solle „Mahagony“ umschreiben und den sozialistischen Aufbau während des ersten Fünfjahresplanes behandeln, um seine Verfolger zu beschwichtigen. Auf diesen Rat hin schrieb Pilnjak „Die Wolga fließt in das Kaspische Meer“. Der Roman handelt von einem Dammbau in Kolomna, der Stadt, wo Pilnjak viele seiner früheren Werke geschrieben hatte. Pilnjak bemühte sich, dem Fortschritt freundliche Seiten abzugewinnen. Es gab aber sicherlich nichts, was dem Geist des Fünfjahresplanes so entgegengesetzt gewesen wäre wie der Geist von „Mahagony“, und dieser Gegensatz blieb auch in dem neuen Roman klar erkennbar, in den „Mahagony“ eingefügt wurde. Die Figuren des Jakob und des Iwan Skudrin wurden beibehalten. Daher überrascht es kaum, daß der Roman für unbefriedigend befunden wurde. Die „Literaturnaja Enziklopedia“ kritisierte Pilnjak 1934 wegen seiner Sympathie für Iwan und wegen der gekünstelten Art eines Mechanikers und eines Professors, die eigentlich die Vertreter des neuen Sowjetmenschen sein sollten.

Pilnjaks gesammelte Werke wurden 1929/30 in acht Bänden veröffentlicht. Seine späteren Arbeiten fügten nichts zu seinem Bild hinzu, da er seine Phantasie in Schranken halten und seine Themen im Kolportage- und Propagandastil behandeln mußte. Er schrieb ein Buch über Tadschikistan, in dem er die Wohltaten aufzeigt, die die sowjetische Herrschaft einem asiatischen Volk gebracht hat. Nach einer Amerikareise im Jahr 1931 entstand ein Roman „Okay“, eine Mischung aus bloßen Berichten über Gesehenes und anti-amerikanischer Propaganda.

„Das Reifen der Früchte“, wahrscheinlich Pilnjaks letztes größeres Werk, erschien 1936. Das Buch ist wieder in der ersten Person geschrieben und erzählt von Pilnjaks letzten Reisen durch die Sowjetunion. Immer noch bewahrte sich Pilnjak einen letzten Tropfen Individualismus; seine Liebe zum alten Rußland wird in einigen langen Kapiteln über die Ikonenmaler von Palech, über Mönche und Klöster sichtbar.

Es scheint ziemlich sicher, obgleich es nie offiziell bestätigt wurde, daß Pilnjak während der Säuberungen des Jahres 1937/38 erschossen wurde. In den Werken von R. Iwanow-Razumnik („Oisatelskje sudbij“, New York 1951, und „Tjurmij i ssjlki“, New York 1953) finden sich Hinweise auf seinen Tod. Demnach wurde Pilnjak im Moskauer Butyrskaja-Gefängnis als japanischer Spion erschossen, was in den Augen des NKWD die passendste Anklage gewesen sein mag. In der „Bolschaja Sowjetskaja Enziklopedia“ wird er nicht erwähnt.

Der Geist seines Werks stand im Widerspruch zu dem Geist seiner Zeit. Seine Gefühle galten der Menschlichkeit und dem Einzelnen; die Konstruktion eines Kommunistischen Übermenschen interessierte ihn nicht, überhaupt interessierten ihn weder politische Theorien noch die Kommunistische Partei, und gerade dies brachte jene Bürokraten in Wut, die aus der Literatur die Dienerin der Partei machen wollten. Gorkij empfahl 1930 eine aufgeklärte Einstellung der Literaturbürokratie gegenüber Schriftstellern wie Pilnjak, wenn diese „Fehler“ machten. Pilnjak, sagte er, war „mit dem Verstand ein Kommunist, mit dem Gefühl aber ein Individualist“.

Seltsam, wie sehr diese Beschreibung auf die jungen Menschen paßt, die nun in der sowjetischen Literatur nach vorne drängen!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1964
, Seite 32
Autor/inn/en:

Peter Wilson:

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