FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 148-149
Andrej Sinjawski

Die Heiligen des Kommunismus

Verlorene Illusionen, zerbrochene Hoffnungen, nicht verwirklichte Träume, wie sie die Literatur anderer Epochen und Systeme auszeichnen, widersprechen dem sozialistischen Realismus. Selbst wenn es sich um eine Tragödie handelt, ist es eine „optimistische Tragödie“, wie W. Wischnewski sein Stück genannt hat. Am Ende stirbt die Heldin und der Kommunismus triumphiert.

Der Leser erfährt Schritt für Schritt, daß trotz allen Beschädigungen die Werkzeugmaschine wieder in Gang kommt, daß die Kolchose „Sieg“ trotz Regen eine reiche Maisernte verzeichnen konnte, und wenn er das Buch schließt, seufzt er voll Erleichterung, daß wir dem Kommunismus wieder einen Schritt näher gekommen sind.

Da der Kommunismus in unseren Augen das unausweichliche Ende des historischen Prozesses sein muß, ist in vielen Romanen das Handlungsmotiv bereits vorgegeben durch den gebieterischen Gang der Geschichte, die für uns arbeitet. Nicht die „Suche nach der verlorenen Zeit“, sondern das Vorwärtsschreiten der Zeit beschäftigt das Denken des sowjetischen Schriftstellers. Er treibt die Bewegung des Lebens voran, indem er behauptet, daß jeder Tag nicht einen Verlust, sondern einen Gewinn für den Menschen und die Annäherung, sei’s auch nur um einen Millimeter, an das ersehnte Ideal darstellt.

In gleicher Weise behandelt unsere Literatur häufig die Geschichte der Vergangenheit und der Gegenwart, deren Episoden nur Meilensteine auf dem Weg sind, den wir einmal eingeschlagen haben. Für weiter zurückliegende Epochen läßt sich der Aufstieg zum Kommunismus leider etwas schwieriger nachweisen. Ein hellsichtiger Schriftsteller wird jedoch auch in den fernsten Zeiten fortschrittliche Erscheinungen zu finden wissen, d.h. solche, die letztlich dazu beigetragen haben, unsere heutigen Siege zu gewährleisten. Vorwegnehmend geben sie diesen Erscheinungen den Sinn, dessen sie damals entbehrten. Was die fortschrittlichen Männer der Vergangenheit anlangt (Peter der Große, Iwan der Schreckliche, Puschkin, Stenka Razin [7]) waren sie sich, ohne das Wort „Kommunismus“ gekannt zu haben, alle der Tatsache bewußt, daß eine lichtvolle Zukunft unser harrt, und verkünden dies auch unermüdlich in unseren historischen Romanen. Und Freude füllt das Herz des Lesers ob solch erstaunlicher Weitsichtigkeit.

Schließlich bietet sich der Phantasie des Schriftstellers auch noch ein anderer ungeheuer weiter Bereich an, jener der seelischen Vorgänge in dem Menschen, der sich von innen her gleichfalls zum großen Ziel hinwendet, indem er gegen die „Spuren der bürgerlichen Vergangenheit in seinem Gewissen“ kämpft, indem er sich unter dem Einfluß der Partei oder des ihn umgebenden Milieus ständig selbst umerzieht. Zu einem guten Teil ist die gesamte sowjetische Literatur ein Erziehungsroman, der die Metamorphose von Individuen und Kollektiven in Kommunisten demonstriert.

Sobald die Persönlichkeit genügend umerzogen ist, d.h. sobald sie sich des großen Ziels bewußt und völlig darauf ausgerichtet ist, kann sie in die privilegierte und mit allgemeiner Ehrfurcht betrachtete Kaste der „positiven Helden“ aufgenommen werden. Dies sind die Heiligen des Sozialistischen Realismus. Sie sind nicht nur gute Menschen, sie leuchten im Licht des idealsten aller Ideale. Der positive Held ist ein „Gipfel der Menschheit, von dessen Höhe man die Zukunft erblickt“ (nach der Definition Leonid Leonows). Er ist ohne Fehler, und wenn er welche hat, dann nur in kleinen Dosen; von Zeit zu Zeit überkommt ihn zur Not noch der Zorn — um einer gewissen Glaubwürdigkeit willen und auch, um Ansätze zu einer möglichen Besserung, zu einer ständigen Hebung seines politischen und moralischen Niveaus zu wahren.

Die Qualitäten des positiven Helden erschöpfend aufzuzählen, ist schwierig: ideologische Überzeugung, Mut, Intelligenz, Willenskraft, Patriotismus, Respekt vor Frauen, Opferbereitschaft usw. usw. Die wesentlichsten Qualitäten sind natürlich die Unbeirrtheit und Klarheit, mit der er das große Ziel vor sich sieht und verfolgt. Daher die überraschende Präzision in allem, was er tut, denkt, fühlt und urteilt. Er weiß genau, was gut ist und was schlecht, er sagt nur „ja“ oder „nein“, er verwechselt nie schwarz und weiß; für ihn existieren keine inneren Zweifel, kein Zögern, keine unlösbaren Fragen, keine unergründlichen Geheimnisse; selbst in der verwickeltsten Geschichte findet er mühelos eine Lösung, indem er geradewegs auf das Ziel zugeht.

Als er zum erstenmal bei Gorki, zwischen 1900 und 1910, auftauchte und öffentlich verkündete: „Man muß sich immer zu einem klaren Ja oder Nein entscheiden“, waren viele von der Sicherheit und der direkten, bedingungslosen Festigkeit seiner Formel frappiert, von seiner Tendenz, Predigten und pompöse Monologe über die eigene Tugendhaftigkeit zu halten. Tschechow, der es über sich brachte, „Die Kleinbürger“ zu lesen, runzelte verlegen die Stirn und riet Gorki, doch ein wenig die marktschreierischen Erklärungen seines Helden zu mäßigen. Tschechow fürchtete den Geist der Anmaßung wie die Pest, und in seinen Augen waren alle diese tönenden Phrasen Symptome einer dem russischen Wesen völlig fremden Prahlsucht.

Aber Gorki trug dem nicht Rechnung. Er fürchtete weder die Vorwürfe noch die Spötteleien der schockierten Intelligentsia, die nicht müde wurde, auf die Dummheit und Beschränktheit des neuen Heldentyps hinzuweisen. Er wußte, daß es hier um den Menschen der Zukunft ging.

Seither ist viel Zeit verflossen und viele Dinge haben sich verändert. Der positive Held hat sich unter den verschiedensten Aspekten gezeigt, er hat die ihm eigenen positiven Elemente auf verschiedenste Weise entwickelt, bis zu dem Augenblick, wo er erwachsen wurde und sich zu seiner ganzen gigantischen Größe aufrichtete. Das war während der Dreißigerjahre, als die sowjetischen Schriftsteller ihre stilistische Verschiedenheit aufgaben und auf die Vielfalt der literarischen Strömungen verzichteten, um sich fast einhellig in die beste und fortschrittlichste aller Strömungen einzureihen, in den Sozialistischen Realismus. [8]

Wenn man die literarische Produktion der vergangenen dreißig Jahre liest, wird man sich der Macht des positiven Helden wohl bewußt. Er hat sich so sehr in die Breite ausgedehnt, daß er schließlich die gesamte Literatur ausfüllte. Man kann Werke finden, in denen alle Helden positiv sind. Das ist normal: wir nähern uns schließlich dem Ziel.

Alle sind positiv

Von daher erklären sich die Romane und Dramen, in denen die Handlung wie am Schnürchen abläuft; wenn es einen Konflikt zwischen den Helden gibt, dann nur zwischen den „Progressiven“ und den „Superprogressiven“, zwischen den Guten und den noch Besseren. Die Autoren dieser Werke (Babajewski, Surkow, Sofronow, Wirta, Gribatschow u.a.) [9] wurden in die Wolken hinaufgelobt und den anderen als Beispiel vor Augen gehalten.

Es stimmt, daß sich diese Haltung nach dem XX. Parteitag der KPdSU aus nicht ganz ersichtlichen Gründen etwas geändert hat und daß man diese Schriftsteller nun verächtlich abtut mit dem Bemerken, sie hätten eine „Literatur ohne Konflikte“ geschaffen. Und obwohl N. S. Chruschschew sie verteidigte und so die Vorwürfe, denen sie ausgesetzt waren, milderte, sind diese Kritiken manchmal noch in den Urteilen gewisser Intellektueller lebendig — was vollkommen ungerechtfertigt ist.

Sicher sind wir voneinander durch Alter, Geschlecht, Nationalität und sogar Intelligenz verschieden. Aber wer die Linie der Partei verfolgt, weiß genau, daß es sich dabei um Varianten in den Grenzen der Monotonie handelt, um Unstimmigkeiten im Rahmen der Einstimmigkeit, um kleine Konflikte bei Fehlen der großen Auseinandersetzungen. Wir haben ein einziges Ziel: den Kommunismus; eine einzige Philosophie: den Marxismus; eine einzige Kunst: den sozialistischen Realismus. Ein sowjetischer Schriftsteller, von mittelmäßigen literarischen Qualitäten, jedoch untadeliger politischer Linie, hat dies einmal in bemerkenswerter Weise zum Ausdruck gebracht:

Rußland hat seinen eigenen Weg verfolgt, den Weg der Einstimmigkeit. Jahrtausende hindurch haben die Menschen darunter gelitten, daß sie nicht alle das gleiche dachten. Wir Sowjetmenschen haben uns erstmals verständigt, wir sprechen eine einzige, allgemeinverständliche Sprache, wir denken gleich in den wichtigsten Dingen des Lebens. Durch diese ideologische Einheit sind wir stark. Darin liegt unsere Überlegenheit über den Rest der Menschheit, die zerrissen und zerstückelt durch den Pluralismus ihrer Ideen ist.

(V. Iljenkow, Der große Weg, Stalinpreis 1949.)

Wunderbar gesagt! Ja, wir übertreffen in der Tat alle anderen Epochen und Völker: wir gleichen einander und schämen uns dessen nicht. Streng bestrafen wir alle, die an überflüssigen, originellen Gedanken leiden, durch ihre Ausschaltung aus der Literatur und dem Leben. In einem Land, wo selbst die Gegner der Partei ihre Fehler offen gestehen und sich möglichst schnell bessern wollen, wo selbst die erbittertsten Feinde des Volkes um ihre Erschießung bitten, kann es keine tiefgreifenden Konflikte zwischen aufrechten Sowjetbürgern geben. Noch viel weniger unter den positiven Helden, die nur daran denken, überall das Beispiel ihrer eigenen Tugenden zu verbreiten und die letzten andersgläubigen Elemente in den großen Tiegel der Einstimmigkeit einzuschmelzen.

Ja, es bleiben noch Konflikte zwischen der Avantgarde und den Nachzüglern, es bleibt auch der heftige Konflikt mit der Welt des Kapitalismus, der uns nicht in Frieden schlafen läßt. Aber diese Widersprüche werden sich zu unseren Gunsten auflösen, darüber gibt es keinen Zweifel. Die ganze Welt wird eins werden, sie wird kommunistisch werden, und die Nachzügler werden sich in Helden der Avantgarde verwandeln. Eine großartige Harmonie ist das Endziel der Schöpfung, ein wunderbarer Zustand, frei von allen Konflikten, die Zukunft des sozialistischen Realismus.

Kann man unter diesen Umständen gewissen Schriftstellern vorwerfen, daß sie diese Harmonie zu sehr betont haben? Wenn sie sich von den Konflikten der gegenwärtigen Welt entfernt haben, haben sie dies einzig deswegen getan, um einen Blick in die Zukunft zu werfen, mit anderen Worten, um so gut wie möglich ihren schriftstellerischen Pflichten gegenüber dem sozialistischen Realismus nachzukommen. Babajewski und Surkow sind von den geheiligten Prinzipien unserer Kunst nicht abgewichen, sie haben sie im Gegenteil logisch und organisch weiterentwickelt. Sie haben die höchste Stufe des sozialistischen Realismus erreicht, sie haben die Prämissen für den zukünftigen kommunistischen Realismus vorbereitet.

Der positivste Held

Wenn sich der positive Held auf unglaubliche Weise vervielfältigt und die Zahl der anderen Personen, die er in den Schatten drängt und oft vollständig ersetzt, quantitativ bei weitem überschritten hat, so ist diese Ausdehnung des positiven Helden auch qualitativ zu verstehen: auch die Tugenden des Helden haben sich in ungeahnter Weise weiterentwickelt. In dem Maß, in dem er dem großen Ziel näherkommt, wird er immer positiver, immer schöner, immer großartiger. Und gleichzeitig nimmt in ihm das Gefühl seiner eigenen Würde zu, zumal wenn er sich mit dem westlichen Menschen vergleicht und sich dabei von seiner unermeßlichen Überlegenheit überzeugt. „Aber der Sowjetmensch steht um Meilen über dem Menschen des Westens. Er kommt dem Gipfel nahe, während der andere noch am Fuße des Berges steht und nicht vorwärtskommt.“ Das ist ein Beispiel für die Sprache, die einfache Bauern in unseren Romanen sprechen. Dem Dichter fehlen die Worte, um diese Überlegenheit, diese unvergleichliche Positivität des positiven Helden zu loben:

Niemals war einer so groß,
und in alle Ewigkeiten
übertriffst du allen Ruhm,
bist du über jedes Lob erhaben!
(M. Issakowski)

Im besten Werk des sozialistischen Realismus dieser letzten fünf Jahre, in dem Roman L. Leonows, „Der russische Wald“, der zum ersten Mal in der Geschichte unserer Literatur den Leninpreis erhalten hat (erst kürzlich hat die Regierung den Stalinpreis durch einen Leninpreis ersetzt), gibt es eine bemerkenswerte Szene: Polja, ein junges unerschrockenes Mädchen, kämpft sich hinter die Linien des Feindes durch, beauftragt mit einer gefährlichen Mission (die Handlung spielt zur Zeit des Zweiten Weltkrieges). Man hat ihr empfohlen, sich als Kollaborateurin auszugeben. Im Lauf einer Unterredung mit einem Hitleroffizier spielt Polja diese Rolle kurze Zeit, jedoch nur mit großer Mühe; es kostet sie moralische Anstrengung, eine feindliche, nicht sowjetische Sprache zu verwenden. Schließlich gibt sie es auf, offenbart ihre wahre Identität und proklamiert ihre Überlegenheit über den deutschen Offizier:

Ich bin ein junges Mädchen von heute, vielleicht ein sehr gewöhnliches ... aber ich bin die Zukunft dieser Welt, und Sie müßten mit mir stehend sprechen, jawohl, aufrecht stehend, wenn Sie nur eine Spur Respekt vor sich selbst haben! Aber Sie bleiben vor mir sitzen, weil Sie nichts als ein Pferd sind, dressiert von Ihrem Henkerchef ... Es ist sinnlos, länger hierzubleiben, geh an die Arbeit, führe mich ab, zeig mir, wo ihr die sowjetischen Mädchen erschießt!

Durch diesen begeisterten Wortschwall verursacht Polja ihren Untergang und handelt gegen die Mission, die man ihr anvertraut hat. Aber der Autor läßt sich dadurch nicht beirren und löst die Situation ganz einfach: der Edelmut und die Herzensreinheit Poljas bekehren einen Starost, der als Kollaborateur Zeuge des Gesprächs ist. Sein Gewissen erwacht plötzlich, er schießt auf den Deutschen und rettet Polja um den Preis seines eigenen Lebens.

Nicht um die Erleuchtung des Starost, der sich in Sekundenschnelle in einen Helden der Avantgarde verwandelt, geht es hier, sondern um viel Wichtigeres: die Geradlinigkeit, die Entschlossenheit, die Unerschütterlichkeit des positiven Helden werden hier zum Quadrat erhoben. Vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes mag das Verhalten Poljas dumm scheinen, es ist jedoch von immenser religiöser und ästhetischer Bedeutung. In keinem Fall, selbst wenn es um das Wohl der Sache geht, wagt der positive Held negativ zu erscheinen. Selbst vor dem Feind, der getäuscht werden soll, muß er seine positiven Qualitäten demonstrieren.

Diese positiven Qualitäten sind weder zu verschleiern noch sonstwie zu verbergen, sie sind in seine Stirn eingeschrieben, sie tönen aus jedem seiner Worte. Und tatsächlich triumphiert er über den Feind nicht dank seiner Geschicklichkeit, seiner Intelligenz oder seiner physischen Kraft, sondern einzig und allein dank seiner stolzen Haltung.

Dies ermöglicht vieles zu verstehen, was einem Ungläubigen offene Übertreibung, Dummheit und Lüge scheint, insbesondere die Neigung der positiven Helden, sich ständig über erhabene Themen zu ergehen: sie sprechen bei passender und unpassender Gelegenheit über den Kommunismus, bei der Arbeit, zu Hause, bei Freunden, beim Spaziergang, bei der Liebe und auf dem Totenbett.

[7Berühmter Kosakenhäuptling, Anführer einer bedeutenden Volkserhebung 1666-1671.

[8Die literarischen Gruppen wurden verboten und durch den Verband sowjetischer Schriftsteller ersetzt, der 1934 seinen ersten Kongreß abhielt.

[9Mittelmäßige Schriftsteller, deren perfekter Konformismus mehreren von ihnen den Stalinpreis eingetragen hat.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1966
, Seite 280
Autor/inn/en:

Andrej Sinjawski:

Foto: Von Rob Mieremet / Anefo - Derived from Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38599031

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