FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 158
Hans Mayer

Erinnerung an Robert Musil

Törleß saß also ganz still und starr, sah unaufhörlich zu Basini hinüber und war ganz in den tollen Wirbeln seines Innern befangen. Und immer wieder tauchte daraus die eine Frage auf: Was ist das für eine besondere Eigenschaft, die ich besitze?

Unter Ernst Blochs schönen Geschichten gibt es auch diese. Er lebte zu Beginn unseres Jahrhunderts, wohl um 1908, als junger Privatgelehrter in Garmisch, in der Nachbarschaft befand sich die Villa des preußischen Hofkapellmeisters Dr. Richard Strauss und der junge Dr. Bloch war dort gelegentlich zum Mittagessen eingeladen. Damals arbeitete er wohl schon an den musikalisch-philosophischen Partien seines ersten Buches „Geist der Utopie“, wo über Strauss zu lesen steht: „Es hält sehr schwer, über ihn ins Reine zu kommen. Er ist gewöhnlich, und man sieht in ihm einen betriebsamen Mann, der zu genießen und das Leben zu nehmen weiß. Aber dafür und trotzdem ist Strauss im höchsten Grade gute Gesellschaft.“ Nun denn, man war bei Tisch, Dr. Bloch erörtert Feinheiten und Fragwürdigkeiten der „Salome“-Partitur aus philosophischer Sicht. Der Hausherr blickte verständnislos vor sich hin, sagte gelegentlich „ja, ja“, hörte offensichtlich nicht zu. Der junge Philosoph begann zornig zu werden, wünschte den Banausen zum Teufel, bis er jäh zusammenschrak: „Aber der dort drüben hat’s doch komponiert“.

Es war schwer, über den Mann am Tisch, der immerhin komponiert hatte, worüber der philosophische Interpret meditieren konnte, ins Reine zu kommen. Mit Thomas Mann — ganz zu schweigen vom Autor der „Ratten“ und des „Michael Kramer“ — verhielt es sich bisweilen nicht viel anders. Ein höchst gebildeter, sehr urbaner Mensch, Ehrendoktor und Ehrenprofessor aus Lübeck, überaus höflich und informiert. Gespräche mit ihm waren erfreulich, denn er wußte so viel und verstand sich auf die Kunst des Lobens. Wobei man freilich jene Augenblicke des Gesprächs übersehen mußte, wo es in den hellen Augen ganz rasch und gefährlich aufleuchtete. Dann wurde photographiert. Man durfte — als realitätssüchtiger Erzähler — nichts umkommen lassen. Aber sonst, wie gesagt, ein Mann mit vorzüglichen Umgangsformen. Nur — war er eigentlich identisch mit dem Verfasser des „Zauberbergs“?

Wer mit Robert Musil zusammentraf, konnte auf solchen Argwohn getrost verzichten. Hier hatte man es in jedem Augenblick mit dem Verfasser des „Törleß“ und des „Mannes ohne Eigenschaften“ zu tun. Alle Erinnerung wird dadurch modifiziert, bisweilen verfälscht, daß man, beim Versuch einer Rückschau, unwillkürlich das heutige Wissen von einem Menschen hinzunimmt und so ein Amalgam aus Einst und Jetzt, damals erlebter Wirklichkeit und heutiger Information zurechtmanscht. Sobald einer tot ist, hat sich unser Verhältnis zu ihm geändert. Sartre spricht darüber in den „Wörtern“. Bei einem Toten kennen wir uns aus, denn wir wissen, wann und wie er starb, und wir besitzen seine Werke: die veröffentlichten und auch, wenn die Philologen fleißig gearbeitet haben, die bloß projektierten. Dafür ist es uns von nun an verwehrt, irgendeinen seiner einstigen Lebensaugenblicke so nachzuvollziehen, wie er damals gelebt wurde. Das gilt sogar für Augenblicke, die man mit ihm verleben durfte. Sie werden in der Erinnerung überlagert durch jene Gewißheiten, die man dem Toten abgewann: die Art seines Endens und die Bilanz seiner Werke.

Denke ich an Musil zurück, den ich zuerst in Genf am 3. September 1940 in seiner kleinen Behausung am Chemin des Clochettes aufsuchte und zuletzt im März 1942, ein paar Wochen vor seinem Tode, sprach, so wird es ungemein schwer, das heutige Wissen von ihm, alle posthume Information nämlich, so abzudrängen, daß die damalige Ebene der Begegnung zum Vorschein kommt.

Vielleicht ist es jedoch ganz falsch, so zu verfahren. Heute wurde es viel leichter, unter den erinnerten Sätzen, die er damals sprach, seinen Attitüden und eigentümlichen Reaktionen diejenigen zu erkennen, die entscheidend waren für den Menschen und Schriftsteller Robert Musil, die vielleicht — trotz allem — zu seinen „Eigenschaften“ gehörten.

Musil war anstrengend. Ich finde keine andere und bessere Bezeichnung, wenn ich an ihn zurückdenke. Anstrengend im Gespräch, in jeder Begegnung. Kaum je in meinem Leben war ich derartig bis zur Erschöpfung konzentriert und schließlich ermattet. Jedes Gespräch mit ihm war ein erzwungenes Gespräch. Dies nun wieder hing mit seiner Größe zusammen, dem also, was er programmatisch vom Schriftsteller forderte, nämlich von sich selbst: in jedem Augenblick immer nur Originalsubstanz zu liefern. Was nicht möglich sein konnte.

So mochte es geschehen, daß er im Gespräch sehr merkwürdige Betrachtungen zur Struktur psychischer Phänomene entwickelte. Auf seinem Schreibtisch lagen in der letzten Lebenszeit vor allem Quellenwerke der Gestaltpsychologie. Die Situation des großen Romanwerks schien dies Spezialstudium zu erfordern, in den Tagebüchern aus der letzten Lebenszeit steht darüber zu lesen. Übrigens war Psychologie für Musil stets ein vertrauter Bereich.

Er äußerte nun — vielleicht im Zusammenhang mit Forschungen Hans Kelsens über die ethnologisch-anthropologischen Grundlagen des Naturrechts bei den Primitiven — neue und kühne Gedanken. Man konnte nicht sogleich folgen, hörte zu, versuchte klar zu sehen, antwortete, wie stets bei solchen Gelegenheiten, besonders wenn ein Jüngerer Mensch mit einem großen Mann zusammentrifft, der viel älter ist. Man stimmte zu und sagte: „Ja natürlich, gewiß“. (Die Wendung „genau“ war damals noch nicht in Mode: zuerst fiel sie mir, auch in jenen Genfer Jahren, bei Carl J. Burckhardt auf, der sie gern zu verwenden pflegte. Aber das war damals noch sehr fein.) Sofort schlug einem Musil wie mit einem Stock die Füße vom Boden weg, indem er antwortete: „Wieso natürlich, das ist gar nicht natürlich“. Gab sofort eine Reihe von Argumenten, die alles in Frage stellten, was er soeben entwickelt hatte. So zwang er einen, auf die Mechanismen des Sprechens und der Konvention, auf alle Füllsel des Gesprächs zu verzichten.

Hier gehörte alles zusammen: Mann und Werk. Es gab nur das Werk. Musil pflegte gern im Gespräch seine sportlichen Erfolge hervorzukehren, seine Technik als Crawlschwimmer, es fehlten auch nicht selbstgefällige Hinweise auf Erfolge bei den Frauen. Man vermochte nicht recht daran zu glauben, wenngleich es sicher stimmte. Auch in seiner letzten Lebenszeit wirkte Musil sehr schlank, gespannt, trotz der störenden Nierenerkrankung spürte man den kräftigen Menschen. Nicht das war es. Man wurde nämlich den Verdacht nicht los, daß alles Leben, jeder einzelne Moment des jungen wie des alternden Mannes, alle Mathematik und Technik, Ballistik und Erotik immer nur die Bedeutung von Arbeitsmaterial für den Schriftsteller Musil gehabt hatte.

Damit aber hängt gleichfalls zusammen, daß jede Passage seines Werks weit enger den jeweiligen Lebensmomenten und Erfahrungen des Autors zugeordnet werden muß, als das bei anderen bedeutenden Erzählern, jedenfalls in unserem Jahrhundert, der Fall gewesen ist. Natürlich hat sich auch Thomas Mann stets seinen Figuren anverwandelt. Er machte sich gleichzeitig zu Hanno und Thomas Buddenbrook, zu Castorp und zum Patriarchen Jaakob, schlüpfte in Goethes Hausrock und erzeugte gegen das Lebensende hin aus eigener Realsubstanz die Identität von Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom. Autobiographie war es immer. So belehrte auch der Alte vom Frauenplan in dem Roman „Lotte in Weimar“ den ungeduldig fragenden Sohn. Trotzdem verstand es dieser Erzähler, das autobiographische Material so zu objektivieren, daß die Gestalten einen epischen Bereich erhielten, den auch ihr Verfasser respektierte. Leverkühn bekam viel Erlebnisse und Sorgen Thomas Manns mit auf den Weg, aber er war nicht Thomas Mann.

Alfred Döblin ist im epischen Werk gegenwärtig als Räsonneur und großartiger Manipulierer der Sprache, nicht durch Identität mit einer Figur. Er ist weder Wallenstein, noch Biberkopf, noch ein englischer Nachkriegs-Hamlet. Indem Franz Kafka alles Erlebte beim nächtlichen Schreiben in Parabolik verwandelt, die der Psychologie zu entstreben sucht, kann er es sich leisten, den Zentralfiguren den eigenen Anfangsbuchstaben K. beizulegen, ohne dabei einen Augenblick die Grenze zu überschreiten, die Leben und Literatur unwiderruflich trennt.

Das freilich hat auch Musil niemals getan. Auch er respektierte diese Antinomie von erlebter und erzählter Realität. Dennoch sind die Realitäten bei ihm anders, sogar bedenklicher als bei Thomas Mann, Kafka, Döblin. Bedenklicher sogar als im Falle Hans Henny Jahnns. Musil nämlich kennt nur ein einziges Thema: sich selbst. Die faszinierende Eigenart des Vorgangs aber liegt darin, daß sich ihm dieses scheinbar so vertraute Thema beständig entzieht. Die Antipoden Thomas Mann und Franz Kafka glauben, ihre Leidensgewißheiten zu besitzen; diese wird ins epische Werk transponiert mit den jeweiligen und spezifischen literarischen Mitteln. Musil entbehrt durchaus solcher Gewißheit. Wie sein Zögling Törleß fragt er sich unablässig: „Was ist das für eine besondere Eigenschaft, die ich besitze?“ Hier bereits das Schlüsselwort „Eigenschaft“: gebraucht im Bewußtsein der Ratlosigkeit.

Es ist heute evident, daß sich der Roman von den „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ zum „Mann ohne Eigenschaften“ verhält wie — im Falle von James Joyce — das „Jugendbildnis“ zum „Ulysses“. Der Verfasser des „Törleß“ hat es niemals in anderer Weise verstanden. In dem berühmten Jugendroman gibt es zahlreiche Wendungen, die erkennen lassen, daß hier nicht nur die Geschichte eines jungen Menschen in der Retrospektive gezeigt wird, sondern daß der Erzähler auch den weiteren Weg des einstigen Zöglings Törleß darzustellen gedenkt. Da gibt es Wendungen, wie: „Dieses schiefe Verhältnis zu Philosophie und Literatur hatte später auf Törleß’ weitere Entwicklung jenen unglücklichen Einfluß ausgeübt, dem er manche traurige Stunde zu danken hatte“. Oder: „Törleß’ Vorliebe für gewisse Stimmungen war die erste Andeutung einer seelischen Entwicklung, die sich später als ein Talent des Staunens äußert“.

Dann geht es aber so weiter: „Späterhin wurde er nämlich von einer eigentümlichen Fähigkeit geradezu beherrscht. Er war dann gezwungen, Ereignisse, Menschen, Dinge, ja sich selbst häufig so zu empfinden, daß er dabei das Gefühl sowohl einer unauflöslichen Unverständlichkeit als einer unerklärlichen, nie völlig zu rechtfertigenden Verwandtschaft hatte. Sie schienen ihm zum Greifen verständlich zu sein und sich doch nie restlos in Worte und Gedanken auflösen zu lassen. Zwischen den Ereignissen und seinem Ich, ja zwischen seinen eigenen Gefühlen und irgendeinem innersten Ich, das nach ihrem Verständnis begehrte, blieb immer eine Scheidelinie, die wie ein Horizont vor seinem Verlangen zurückwich, je näher er ihr kam“.

Womit eigentlich schon die Situation Ulrichs beschrieben ist, des Mannes ohne Eigenschaften. Musil hat nie etwas anderes darstellen wollen und können als dieses sein eigenstes Suchen nach Selbstgewißheit und Innewerdung. Darum brauchte er jedes Erlebnis für das Werk, „wenn es weitergehen sollte“. Darum aber fand ich ihn auch in diesen letzten Genfer Lebensjahren in einem Zustand der Unruhe und Ratlosigkeit, die zwar allzu begründet war durch die Weise, wie er leben mußte, insgeheim aber spürbar werden ließ, daß jene Misere des äußeren Lebens zu einer schweren Gefährdung des Werks geführt hatte. Sein Dasein war frustriert und bedrohte damit den Fortgang des großen Romans. Da das Leben stagnierte, ging es auch im Werk nicht weiter. Musil konnte jetzt nicht mehr als Ulrich und rückblickend die Lebensgeschichte als Verwirrung von einst, als Verwirrung des Zöglings Törleß, erzählen. Eine schreckliche Gleichzeitigkeit war entstanden zwischen Ulrich und Musil. Zwar spielte der große Roman vor dem Ersten Weltkrieg; sein äußerer Abschluß — als wenn es auf den ankäme! — war durch den Kriegsausbruch von 1914 gegeben. Insofern war alles eindeutig. In den Tagebüchern heißt es: „Oberster Gedanke von Anfang Band II an: Krieg“. Äußerlich also gab es eine zeitliche Differenz zwischen Ulrichs Leben im Vorkrieg und Robert Musils Leben im zweiten Krieg. In Wirklichkeit herrschte Gleichzeitigkeit. Was als Erfahrung Ulrichs zu schildern war, wenn der Roman weitergehen sollte, konnte nur aus neuer Musil’scher Lebenssubstanz gewonnen werden. Daran fehlte es in dem Häuschen am Chemin des Clochettes, das zu einem Kinderheim gehörte. Mit Ulrich ging es nicht weiter. Das konnten auch die Bücher über Gestaltpsychologie nicht ändern.

Wie war dieses Versickern des Lebens zu erklären? Vieles hing natürlich mit den Arbeitsbedingungen zusammen. Es war Leben im Exil. Die schweizerische Fremdenpolizei zu Bern — das wurde lange nachher, als der Krieg zu Ende war, von der Eidgenossenschaft ausgiebig in Polemiken, Denkschriften und sogar in Romanen erörtert — brachte den Emigranten nicht übermäßig viel Liebe entgegen. In den ersten Kriegsjahren hatten die Blitzsiege Hitlers ihre Wirkung dort nicht verfehlt. Die Emigranten wurden als Belastung der offiziellen schweizerisch-deutschen Beziehungen empfunden. In den Amtsstuben zu Bern hatte es Aufatmen gegeben, als Thomas Mann kurz vor Kriegsausbruch das Haus in Küsnacht am Zürichsee verließ, um amerikanischer Professor zu werden. Zu Romain Rolland in Villeneuve am Genfer See war man unfreundlicher: das lief auf eine Ausweisung hinaus. Auch Robert Musil erhielt mit schöner Regelmäßigkeit die Aufforderung, nun endlich an die Weiterreise zu denken und das Transitland Schweiz zu verlassen. Nach Empfang eines dieser Schreiben war er jedesmal, wie sich denken läßt, sehr bedrückt.

Kompromisse freilich gab es nicht in solcher Misere oder gar mit dieser Misere. Ich erinnere mich an einen Besuch bei ihm, es muß noch im Jahre 1940 gewesen sein. Musil hatte abermals eines dieser Schreiben aus Bern erhalten. Emigration in die Vereinigten Staaten erwies sich als unmöglich. Marta Musils Familie war offenbar nicht imstande, die finanzielle Sicherung zu leisten, die zur Erteilung der Visen an das Ehepaar Musil notwendig war. Es wurden Visumfragen an jenem Teenachmittag erörtert. In der Erinnerung will es mir scheinen, als habe man bei allen Besuchen im Chemin des Clochettes überhaupt nur über Emigrantensorgen und Literatur gesprochen. Ich meinte, er solle sich um ein Visum nach Südamerika bemühen. Freunde von mir hatten damals ohne größere Schwierigkeit die Erlaubnis zur Einreise nach Kolumbien erhalten. Musil sei Christ, so machte ich geltend, sogenannter Arier, sogar von Adel: da könne es nicht fehlen. Er sah mich mißbilligend an und sagte bloß: „In Südamerika ist Stefan Zweig“.

Dies war beileibe kein Bonmot. Der große Ironiker war nicht witzig im Gespräch. Er meinte es ernst. Stefan Zweig, Emil Ludwig, vor allem natürlich Thomas Mann, gehörten zur verhaßten Spezies der Groß-Schriftsteller. Wenn jener Stefan Zweig sich irgendwo in Südamerika aufhielt, wurde dadurch ein Kontinent für Musil unbrauchbar.

Dabei fehlte es an allem in jenem Häuschen vor den Toren von Genf. Flüchtlingshilfe — davon lebte man. Der Pfarrer Robert Lejeune aus Bern erwies sich als treuer, nahezu einziger Helfer; ein junger österreichischer Emigrant, der Musil verehrte und später selbst berühmt werden sollte, hatte den Pfarrer auf Musil hingewiesen als einen Mann, dem zu helfen Ehre bedeute: Fritz Wotruba. Die literarische Schweiz nahm nicht Notiz. Bei einem Besuch fand ich Musil besonders traurig und bekümmert. Man hatte ihn irgendwo in der deutschen Schweiz zu einer Lesung eingeladen. Irgendeine literarische Gesellschaft. Robert Musil las Unveröffentlichtes aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ vor wenigen Hörern. Vom Vorstand war niemand erschienen. Auch an die übliche kleine Festivität nach Schluß der Veranstaltung wurde nicht gedacht. Es kam ein Sekretär und überreichte den Umschlag mit dem Honorar. Bittere Bemerkungen Musils wurden quittiert mit dem kühlen Hinweis: es habe sich doch wohl mehr um ein karitatives Unternehmen gehandelt.

Wochen waren vergangen seit diesem schmählichen Erlebnis, als ich ihn danach in Genf wiedersah, aber er kam immer noch nicht darüber hinweg. Dies alles nahm er ernst. Vorfälle solcher Art bildeten damals die Substanz seines Lebens, die Werksubstanz hätte sein sollen. Als ich mehr als zwanzig Jahre nach Musils Tod wieder in Genf war und mit Carl J. Burckhardt, den Musil hoch geachtet hatte, über diese Emigrationsepisoden sprach, erzählte der schweizerische Historiker noch eine andere, ebenso jammervolle Geschichte: den Anlaß nämlich, der ihn, Burckhardt, mit Musil zusammengeführt hatte. Es gab damals in Genf eine Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur. Der Genfer Ordinarius für Germanistik leitete sie, wie üblich. Man konnte Mitglied dieser Gesellschaft werden. Dr. Robert Musil vertrat, nicht ganz zu Unrecht, die Ansicht, auch sein Platz sei in dieser Gesellschaft. Der Vorstand schien anderer Meinung zu sein. Den Wiener Emigranten wollte der Professor nicht haben. So wandte Robert Musil sich an Carl J. Burckhardt mit der Bitte, bei jenem Vorstandsprofessor zu intervenieren. Wie zornig ernst Musil diesen seinen akademischen Gegner genommen haben muß, kann man in den Tagebüchern nachlesen, selbst wenn Initialen die Schwere dieses Kleinkrieges heute ein wenig abmildern.

Lächerliche und qualvolle Konstellation. Robert Musil und Carl J. Burckhardt als Mitstreiter um eine Vereinsmitgliedschaft. Wo aber steht geschrieben, daß Geringfügigkeit der Anlässe zugleich eine Reduktion der Leidenschaften herbeiführt? Das Gegenteil ist eher richtig. Balzac hat es gewußt. Bei ihm kämpfen im „Cure de Tours“ zwei Geistliche um ein möbliertes Zimmer, und es ist ein Kampf wie um Königreiche. Auch Musil kämpfte in solchen Fällen, als ginge es um seine Existenz.

Es ging um seine Existenz. Dies alles hatte mit seinem Vorgang der Selbstfindung zu tun, mit dem dominierenden Leitmotiv seines Schaffens: der schrulligen Inkongruenz nämlich zwischen Lebenserfolg und Produktion von großer Literatur. Ganz gewiß wußte dieser Schriftsteller, wer er sei und was die Nachwelt eines Tages sagen würde. Am 24. September 1939 schreibt er an den Pfarrer Robert Lejeune über seine schweizerischen Asylgeber: „Man ist solide im Urteil und hält den Toten die Treue, ob sie nun Keller, Meyer, Rilke oder Hofmannsthal heißen; auch ich fühle mich einigermaßen sicher, daß man einst meinen Schweizer Aufenthalt wohlgefällig buchen wird, aber erst auf seinen Tod warten zu müssen, um leben zu dürfen, ist doch ein recht ontologisches Kunststück!“

Drei Jahre vorher hatte Musil in einem kleineren Züricher Verlag gesammelte Geschichten und Reflexionen unter dem Titel „Nachlaß zu Lebzeiten“ herausgegeben. Eine Meditation mit der Überschrift „Eine Kulturfrage“ geht dort demselben Sachverhalt nach, den Musil in jenem Brief kurz nach Kriegsausbruch, diesmal in eigener Sache, analysiert hatte. Der Frage nämlich, was ein Dichter sei. Die Antwort lief darauf hinaus, daß der Mißerfolg genuin zum Dichtertum gehöre, daß aber, manchmal schon zu Lebzeiten, meistens post mortem, viele Nicht-Dichter und Nutznießer recht gut vom Dichter zu leben wüßten. „Ich schätze, daß heute in der ganzen Welt wirklich einige Dutzend von ihnen noch vorhanden sind. Ob sie davon leben können, daß man von ihnen lebt, ist ungewiß: einige werden wohl dazu imstande sein, andere nicht: das ist alles im Dunkel. Wollte man ähnliche Verhältnisse zum Vergleich heranziehen, so ließe sich vielleicht sagen, daß unzählige Menschen davon leben, daß es Hühner oder davon, daß es Fische gibt; aber die Fische und Hühner leben nicht davon, sondern sterben daran. Auch wäre sogar zu bemerken, daß unsere Hühner und Fische selbst eine Weile davon leben, daß sie sterben müssen: Aber dieser ganze Vergleich scheitert daran, daß man von diesen Geschöpfen weiß, was sie sind, daß es sie wirklich gibt und daß sie keine Störung der Fisch- oder Hühnerzucht mit sich bringen, wogegen der Dichter ganz entschieden eine Störung der Geschäfte bedeutet, die sich auf der Dichtung aufbauen.“

Die Genfer Misere bedeutete ihm also eine Selbstbestätigung. So mußte es zugehen, da er nun einmal zur aussterbenden Gattung der Dichter zu gehören schien. Daß er recht behalten hat, ist evident. Das Werk Robert Musils gibt heute günstige Möglichkeiten zur Promotion und selbst zur Habilitation; für Musil-Interpretationen lassen sich Forschungsstipendien herbeischaffen; Weltreisen werden unternommen, um die Handschriften einzusehen. Posthum wurde auch Robert Musil zum Groß-Schriftsteller. Das alles hat er gewußt, empfand es trotzdem nicht vor sich selbst als Makel, nachträglich in die Kategorie der Stefan Zweig und Emil Ludwig eingereiht zu werden. Wichtig war ihm, daß ihm dies nicht mehr „zu Lebzeiten“ beschieden sein würde. Darauf allein kam es an. Zu Lebzeiten blieb er der Störenfried und Hungerleider mit der Aussicht auf künftige Profitlichkeit. Alles ging mit rechten Dingen zu. Aber es blieb doch ein rechtes ontologisches Kunststück.

Dahinter nämlich stand noch ein anderes. Dichtertum und Groß-Schriftstellerei wurden als Antinomien empfunden. Da ging kein Weg. Auch Musils Urteil über Schriftsteller seiner Epoche war beeinflußt durch diese Grundthese: daß der literarische Erfolg in nahezu jedem Falle gegen die Authentizität des Erfolgreichen sprechen müsse. Ich hatte immer den Eindruck, daß Musils Verhalten zu mir durch eine Hypothek belastet war: meine Verehrung nämlich für Thomas Mann, aus der ich kein Hehl machte. Thomas Mann — Musil tat ihm unrecht, und war dann erstaunt, selbst gerührt, als er erfuhr, Thomas Mann habe sich dafür eingesetzt, daß der österreichische Kollege eine Unterstützung aus irgendeinem amerikanischen Fonds erhielt. Thomas Mann empfand schon früh, er hat es auch geschrieben, wo nicht Verehrung, so doch Achtung für das Abseitig-Grandiose im Wirken Robert Musils. Der hingegen hielt gar nichts vom Schriftsteller Thomas Mann. Eigentlich gab es nur zwei Schriftsteller, wenn ich mich recht erinnere, über die sich Musil achtungsvoll geäußert hätte: Kafka und Rilke. Was gegen Rilke sprach, hat er bekanntlich in seiner Totenrede auf den Freund der Fürstinnen nicht verschwiegen. Dennoch Achtung. Kafka jedoch gehörte zu ihm, Musil: der war kein Groß-Schriftsteller. Wobei angemerkt sei, daß man damals, zur Zeit jener Gespräche in Genf, die spätere Kafka-Hausse keineswegs ahnen konnte. Rilke und Kafka. Nur diese beiden. Karl Kraus — eine Handbewegung, das wurde nicht ernst genommen.

Auch dies aber wurde ins Werk übernommen. Haß und Verachtung über die Groß-Schriftsteller und ihre literarischen (legitimen oder auch illegitimen) Bacchantinnen wurden produktiv. Die Dame Alpha in dem Lustspiel „Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer“, die Herrin des literarisch-politischen Salons, eine lustspielhaft übersteigerte Alma Mahler, wirkt heute sowohl als Produkt literarischer Rache wie als notwendiges Menschenrequisit eines Dichters, der immer wieder auf sein Thema: dichterische Selbstfindung und undichterische Erfolgsliteratur zurückkam. Daher die Permanenz und Insistenz dieser Themen in Musils Werk: in der Vinzenz-Komödie, in den „Schwärmern“, schließlich in Ulrichs, des Mannes ohne Eigenschaften, höchst ambivalenter Beziehung zu Diotima, der endgültigen und geglückten Ausführung jenes frühen Entwurfs mit der Dame Alpha.

Ulrich und Diotima. Diotima und Arnheim. Dieses Koordinatensystem in Musils großem Roman hat abermals mit den Antinomien zwischen Dichter und Groß-Schriftsteller zu tun. Daß der Groß-Schriftsteller Arnheim ein Portrait Walter Rathenaus darstellen sollte, ist allgemein bekannt. Ich erinnere mich, Musil gefragt zu haben, ob der hochgewachsene Rathenau in der Tat, wie man sich erzählte, den Arm um die Schulter oder auf die Schulter seiner Besucher zu legen pflegte, sie gleichsam in dieser Weise protegierend. Musil wurde bleich vor Zorn und sagte: „Ja, und denken Sie, er hat es auch bei mir gemacht.“ Dies lag weit zurück in der Zeit, Rathenau wurde ermordet, aber im Augenblick, da ich die Frage stellte, kam alles wieder empor, empfand Musil von neuem jene vergilbte Demütigung durch den Groß-Schriftsteller Arnheim-Rathenau.

In diesem Feld der Konflikte und Konstellationen hätte Robert Musil als Schriftsteller — bei aller Misere des Alltags — vor wie nach der Emigration dennoch ganz leidlich existieren können, wäre da nicht ein weiteres Spannungsfeld gewesen. Musil wußte, wer er war. Er zweifelte auch nicht am Unwert seiner erfolgreichen Schriftstellerkollegen. Auf die Dauer ließ sich dies alles ertragen, wenngleich es stets Rückfälle gab trotz besserer Einsicht. Dann nämlich begehrte Musil, auch im Gespräch, heftig jenen äußeren Erfolg, von dem er doch insgeheim wußte, daß es ungemäß sei, ihn haben und anstreben zu wollen. In solchen Fällen rechnete er immer wieder vor, wenngleich das seinen Grundmaximen widersprach, daß nur eine Reihe widriger und zufälliger Umstände den Erfolg jedesmal vereitelt habe. Der „Törleß“ war ein echter Erfolg, später kündigte sich der lang erwartete große Roman unter höchst günstigen Auspizien an, der erste Band des „Mannes ohne Eigenschaften“ sei in der Tat mit allen Anzeichen künftiger Erfolge publiziert worden, nur der Anbruch der Hitler-Zeit habe das günstige Wachstum jäh unterbrochen.

Er machte sich mit solchen Reden etwas vor und wußte es wohl auch. Alle Erfolge Musils zu Lebzeiten waren recht begrenzter Natur, nicht zu vergleichen mit Glanz und Geld der Erfolgsschriftsteller. Es waren Tröstungen in Augenblicken der Verzagtheit, die er sich vorsagte, wenn er in solcher Weise auf die eigene Laufbahn als Schriftsteller zurückschaute. Indessen kam er nicht davon los. Der immense Kontrast zwischen dem äußeren Leben als Niete und dem Bewußtsein der Einzigartigkeit hing mit den Sorgen um den Progreß des großen epischen Werks zusammen, das aus solchen Spannungen lebte, aber stets in Gefahr stand, daran zu ersticken.

Musil lebte damals in einer schweren Schaffenskrise, die niemals überwunden, sondern brüsk durch den Tod beendet wurde. Es gab kaum mehr die einstigen Zerreißproben zwischen dem Schriftsteller und seiner Umwelt. Vinzenz hatte sich, in dem frühen Lustspiel, behauptet in der Konstellation zu Alpha und den bedeutenden Männern ihres Salons. Törleß stand im Spannungsfeld zwischen den Basini und Beineberg. Zu Ulrich gehörte Kakanien: zur Eigenschaftslosigkeit paßte die gesellschaftliche und geschichtliche Eigenschaftshülle. In Genf gab es nichts dergleichen. Hier war nicht Kakanien, aber es war auch kein neues Erfahren neuer Welt möglich. Der „Mann ohne Eigenschaften“ ließ sich nicht als Emigrationsliteratur weiterführen. Solange es noch die Gegenwart gab, irgendeine Form von Kakanien, ließ sich das permanente Fragen nach der eigenen Besonderheit als Dichter ganz gut und immer wieder neu in Erzählung verwandeln. In Genf herrschte zwar die Alltagsmisere, die viel Sorgen bereitete und durch — meist dreistellige — Zahlen sehr genau bezeichnet werden konnte, ohne daß es besonderer Kunststücke des Mathematikers Musil bedurft hätte, allein man durfte dergleichen nicht mit den produktiven Konflikten von einst verwechseln. Dies bedeutete Konfliktstille. Mit Büchern ließ sich der Fortgang nicht erzwingen. Musil war zurückgeworfen auf sein Grunderlebnis als Zögling Törleß, die Frage nämlich: Was ist das für eine besondere Eigenschaft, die ich besitze?

Eigentlich bestand diese Frage aus zwei Teilen. Einmal nach der Eigenschaft, die Törleß ebenso besitzt wie Ulrich, in ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Der Eigenschaftsbesitzer mithin in seinem Verhältnis zur Umwelt. Oder: der Dichter in der Relation zum Erfolg, zur Mitwelt und Nachwelt. Diesen Teil der Frage hat Musil höchst eindrucksvoll immer wieder im Werk beantworten können. Es ist der Komplex Ulrich—Kakanien im weitesten Verstande. Die Ergänzungsfrage aber stellt sich Törleß selbst beim Versuch, seiner selbst inne zu werden. Hier fragt Musil: was eigentlich geht in mir vor, wenn ich dichte? Wie läßt sich dieser Vorgang des Schöpferischen exakt bestimmen — ohne Einbuße an Spontaneität bei solcher Exaktheit ?

Der Bildhauer Fritz Wotruba erinnert sich an Gespräche mit Musil aus der letzten Lebenszeit, die immer wieder dem Thema der schöpferischen Kreation gewidmet waren. Musils Fragen an den jungen Künstler waren insistierend; Wotruba hatte beim Rückblick den Eindruck, daß man sie beinahe indezent nennen mußte. In sonderbarer Lüsternheit wollte Musil, der Schriftsteller, Naturwissenschaftler und Psychologe, genau wissen, wie sich das eigentlich vollziehe: das Auftauchen, dann Machen einer Skulptur. Da er immer noch nicht, nach so vielen Jahren literarischer Aktion, des eigentlichen Schöpfungsvorgangs bei sich selbst inne zu werden vermochte, bemühte er sich nun, von dem jungen — ersichtlich genialischen — Vertreter der bildenden Kunst genaueren Aufschluß über den rätselhaften Zustand zu erhalten, der ihm, Musil, vielleicht mit jenem gemeinsam war.

Gottfried Benn, der hier vom „Ausdruckszwang“ und vom „gezeichneten Ich“ zu sprechen pflegte, hat immer wieder darzustellen versucht, wie diese Eigentümlichkeit einer Individuation den Betroffenen zum Doppelleben zwinge: hier das Alltagsdasein mit dermatologischer Praxis, dort die trunkene Flut. Bei Thomas Mann: die Trennung der Exaktheit von der Ekstase, des Zauberns von der alltäglichen Repräsentation in der Rolle eines Groß-Schriftstellers. Musil empfand diese „reinliche“ Scheidung, die niemals möglich war, als Simplifizierung. Von der Ausrede mit dem Doppelleben hielt er nichts. Die Geschichte Ulrichs, des Mannes ohne Eigenschaften, wird dadurch allein möglich, daß keine Schwindelei solcher Art zugelassen wird.

Die zentrale Thematik des großen, fragmentarisch gebliebenen Romans dürfte unmittelbar mit dieser unablässigen Frage nach dem Wesen des schöpferischen Vorgangs zusammenhängen. Im Roman spricht der Erzähler hier vom „anderen Zustand“. Immer wieder finden sich in den letzten Partien des Romans, die Musil noch endgültig zu formulieren vermochte, abgewandelte Formeln für diese angestrebte Synthese aus der Exaktheit und der Ekstase. Mondrausch, Mondstrahlen bei Tage, Atemzüge eines Sommertags: es ist stets der Versuch, jenen „anderen Zustand“ in der Gemeinsamkeit der tief miteinander verbundenen Geschwister Ulrich und Agathe genauer zu bestimmen, der gleichzeitig Selbstentäußerung und Selbstfindung sein sollte, unmittelbar ekstatischer Zustand und bewußtes Durchleben eben dieses Vorgangs. Mondstrahlen bei Tage. In einer bemerkenswerten Studie über diese zentralen Partien des großen Romans wird für die beiden Gestalten des Ulrich und der Agathe angemerkt: „Der Weg zum höchsterfüllten Augenblick ist auch ein Weg ins klare Sonnenlicht.“ Es wird auch mit Recht angedeutet, daß der Erzähler Robert Musil fast untrennbar, in nahezu unzüchtiger Weise mit seinen Gestalten verbunden ist bei dieser Suche nach dem anderen Zustand. „Die Figuren, Ulrich und Agathe, der Erzähler als Darsteller und Essayist, sind nur verschiedene Aspekte, die von verschiedenen Abschnitten der Peripherie her sich ins gleiche Zentrum bewegen.“ [1]

Die Suche der Geschwister und ihres Verfassers nach dem „anderen Zustand“ wird insgeheim bestimmt durch Musils unablässigen Versuch, die Eigenschaft des Schöpferischen in sich selbst zu verstehen. Jene eisige Distanz, die den jungen Törleß von seinen Kameraden getrennt hatte, sollte nun endlich durchbrochen werden: danach strebte Ulrich im Roman, Musil als Verfasser eben dieses Romans. Das sogenannte „Irrationale“, dem sich Musil als Mann der Kreation immer wieder ausgesetzt fühlte, hatte so rational wie möglich bewältigt zu werden. Davon erhoffte er sich wichtigste Aufschlüsse für bisher unbekannte Bereiche des menschlichen Verhaltens, weit über den Bereich geistiger Schöpfung hinaus.

Er sah, daß dieser sonderbare Vorgang, den man mit dem Ausdruck „Genie haben“ zu bezeichnen pflegt, und den sich Goethe mit der Formel vom „Dämonischen“ zurechtzudeuten suchte, höchst merkwürdige Affinitäten aufwies zur religiösen Ekstase, mystischen Entrückung, zu Einweihungsriten der Primitiven und modernen Erscheinungsformen des Massenwahns. In seinem Tagebuch notierte er unter dem 3. September 1940, nach meinem ersten Gespräch mit ihm, daß dabei über Hans Kelsens Forschungen über die Mentalität der Primitiven gesprochen worden sei, und er vermutet, daß Kelsens Analysen auch für gewisse Erscheinungen in der Tierwelt gültig sein könnten. Er nimmt dabei in der Fragestellung schon die viel späteren Erkenntnisse moderner Verhaltensforschung vorweg.

Alles aber beschäftigte ihn nicht als Naturwissenschaftler, sondern als Epiker. Jedes Gespräch hatte für ihn insgeheim nur insoweit Bedeutung, als es dazu beitragen konnte, den stockenden Roman weiterzuführen. Womit sich auch die lustige Fehlleistung erklärt, die ihn bei dieser Eintragung vom 3. September 1940 dazu brachte, seinem Gesprächspartner, mir also, die Vornamen Hans Ulrich beizulegen. Ich habe mit dem Vornamen Ulrich nichts zu tun, aber so benannte Musil, wie man weiß, seinen Mann ohne Eigenschaften. Wir hatten in der Tat an jenem Nachmittag viel über diesen Roman gesprochen. Es ging immer um Ulrich, um die Weiterführung des Romans.

Weil hier jedoch, motiviert vielleicht durch die Selbsterfahrung des schöpferischen Aktes, eine Konkordanz des Unvereinbaren angestrebt wurde, war es gleichzeitig unmöglich geworden, diese innige Beziehung der Geschwister Ulrich und Agathe, die gemeinsame Suche nach dem „anderen Zustand“, durch einen banalen Vorgang des Inzests zu bewältigen. Die Musil-Forschung hat heute und mit Recht festgestellt, daß nichts in dem vorliegenden und vom Verfasser für gültig erklärten Text dazu berechtige, eine körperliche Vereinigung der Geschwister zu vermuten. Heribert Brosthaus bemerkt, alle Geschwisterstellen im Roman seien frei von einer „Sinnlichkeit, die das Körperliche sucht und von Begehren bestimmt wird“. [2] Ich erinnere mich, Musil gefragt zu haben, ob es auf den Vollzug des Inzests hinauslaufe. Er antwortete, so habe er in der Tat ursprünglich den Roman angelegt, sei aber zu einer Änderung des Konzepts genötigt worden. „Die Gestalten wollten es nicht.“ Den Klang dieser Worte habe ich noch im Ohr.

Sie wollten es in der Tat nicht. Viele Mißverständnisse der ersten Nachlaßausgabe des Romanfragments sind dadurch zu erklären, daß Entwürfe jenes ersten Konzepts mit der veränderten neuen Grundkonzeption vermengt worden waren. Dabei mußte die Grundhaltung des Romans allen Deutungen widersprechen, die Ulrichs Gemeinsamkeit mit der Schwester als körperliche Vereinigung zu interpretieren gedachte. Das Skandalon dieses Vorgangs hätte Musil durchaus nicht gestört. Aber die Gestalten gaben sich mit dieser trivialen Lösung nicht zufrieden. So leicht war der „andere Zustand“ nicht zu haben. Ulrich hätte bei einem erfüllten Augenblick solcher Art aufgehört, der Mann ohne Eigenschaften zu sein. Dann wäre die Romanbilanz so geschrieben worden: Ulrich fand bei Agathe, was ihm Bonadea nicht geben konnte. Viel epische Anstrengungen und ein läppisches Resultat.

Nicht so war es gemeint, wenn Musil sich selbst und Ulrich als Möglichkeitsmenschen empfand, die man mit den üblichen Realisten innerhalb wie außerhalb von Kakanien konfrontieren müsse. Für Ulrich (und Agathe) war der „Wirklichkeitsmangel“ bezeichnend: als profundes Mißtrauen gegenüber allen angebotenen Realitäten. Albrecht Schöne hat gezeigt, daß sich dieser Grundzug des Romans und seines Romanhelden sprachlich durch eigensinnige Bevorzugung von konjunktivischen Formen ausdrückt. Der Konjunktiv ist hier notwendig, weil der Wirklichkeit mißtraut, die Möglichkeit hinter aller Wirklichkeit gesucht wird. Auf den letzten Seiten aber, die Musil noch geschrieben hat, den „Atemzügen eines Sommertags“, wird alles im Indikativ erzählt. [3]

Daß es Musil ernst war mit der Synthese aus Wirklichkeit und Möglichkeit und der exakten Beschreibung von „tagheller Mystik“, war evident, wenn man mit ihm sprach. Keine Rede davon, daß er seinen Roman als prinzipiell unvollendbar betrachtet hatte. Er litt an dem „Mann ohne Eigenschaften“, wollte ihn vom Halse haben und berichtete, wie er im Verlaufe der Arbeit zu straffen Reduktionen des Umfangs, nicht bloß zu Änderungen der Grundkonzeption gelangt sei. Der äußere Abschluß war durch den Kriegsausbruch von 1914 gegeben. Die Ironie in der Darstellung aller projektierten „Parallelaktionen“ bestand immer darin, daß der Leser vom ersten Augenblick der Lektüre an wissen konnte, wie die Geschichte — die Weltgeschichte nämlich und die Romangeschichte — tatsächlich weitergegangen war. Hier gab es für den Erzähler keine Schwierigkeit. Ulrich aber mußte — mit oder ohne Agathe — zu einem Erlebnis geführt werden, das erlaubte, die Eigenschaft der Eigenschaftslosigkeit genauer zu bestimmen: die Eigenschaftslosigkeit und den Mann, dem sie eignet, gesellschaftlich zu „integrieren“, wie man heute sagen würde.

Im Gespräch genoß Musil bisweilen als Vorgefühl nach der Vollendung des Romans die Arbeit an einem neuen Projekt: an einer philosophischen Untersuchung, einer Art Theologie ohne Gott, einer irreligiösen Beschäftigung mit Religionen. Er machte Andeutungen zu diesem neuen Arbeitsvorhaben. Auch die Bücher zur Gestaltpsychologie und primitiven Mentalität auf seinem Schreibtisch gehörten bereits hierher. Aber sie hatten auch noch mit dem anderen Zustand zu tun. Das neue Projekt, geplant als Erholung vom Roman, erwies sich insgeheim als zugehörig. Es ging nicht weiter. Nichts war in Sicht, was die Eigenschaftslosigkeit des Ulrich genauer bestimmt und damit in Eigenschaft verwandelt hätte.

Was nämlich war zu verstehen unter der Formel des Romantitels „Mann ohne Eigenschaften“? Musil gab dazu eine höchst merkwürdige Aufklärung, als wir über die Übersetzung dieses Titels sprachen. Heute wird der Roman in den romanischen Sprachen, im Englischen übrigens auch, stets mit dem Begriff der Qualitas verbunden. Der Mann ohne Eigenschaften wird in der Übersetzung zum Mann ohne „Qualitäten“. Musil erzählte, als der Plan auftauchte, habe man den Titel als „L’homme sans caractères“ übersetzen wollen: den Mann ohne Charakteristika. Darüber habe er sich in Paris mit André Gide unterhalten. Der konnte eigentlich gar nicht besonders gut deutsch, besaß aber oft erstaunliches Flair. Gide habe der Übersetzung mit „L’homme sans caractères“ widerraten und vorgeschlagen, man solle die französische Fassung unter dem Titel „L’homme disponible“ herausbringen.

Musil äußerte sich entzückt darüber. Ulrich war in der Tat disponibel in seiner Eigenschaftslosigkeit. Aber diese allseitige Disponibilität des Helden (und seines Autors) verhinderte den inneren Abschluß des Romans. Allseitige Disponibilität und erfüllter Augenblick schlossen einander aus. Der Möglichkeitsmensch Ulrich auf dem Wege des Doktor Faustus. Natürlich hat der Erzähler seinen Romanhelden genau charakterisiert; wir kennen Ulrich etwas besser, wenn wir lange genug gelesen haben, vermögen sogar einige seiner Reaktionen, falls uns die Konstellation bekannt ist, zusammen mit dem Verfasser vorauszuberechnen. All diese Charakteristika jedoch widersprechen dem Zustand der Eigenschaftslosigkeit durchaus nicht. Niemals geht Ulrich ganz in einem Erlebnis auf, wird er eins mit dem Geschehen. Begierde im Genuß, wie bei Faust. Neugier mitten im Erkannten. Jede Wirklichkeit transformiert sich in eine unbewältigte Fülle neuer Möglichkeiten. Darum auch hat Ernst Fischer nicht recht, wenn er in einer ebenso liebevollen wie genauen Analyse des literarischen Werks Robert Musils behauptet: „‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ hat also zuviel (und obendrein klassenbedingten) Charakter — und dies alles wird nicht in die Atmosphäre der Ironie einbezogen, sondern mit pathetischem Akzent dargestellt. Er, der sich selbst ein Jahr ‚Lehrzeit‘ gibt, um Inhalt und Form zu finden, bleibt als Charakter ohne Entwicklung; mannigfaltige Abenteuer des Fleisches und des Geistes durchlaufend, gewinnt er nicht neue menschliche Konsistenz, sondern nur neue intellektuelle Erkenntnis. Der skeptische und amoralische Individualist gelangt zur Erkenntnis, daß man ohne Moral nicht leben kann und daß individuelle Lösungen nur innerhalb gesellschaftlicher zu finden sind.“

Auch Fischer erkennt natürlich, in welchem Maße die Romanaussagen über die zentrale Romanfigur als Selbstaussagen des Autors verstanden werden müssen. Aber auch hier stimmt die Folgerung nicht: „Musil identifiziert sich mit Ulrich, verleiht ihm seine Gedanken und manchen Zug seines Wesens — und übersieht dabei das Entscheidende. Ulrich ist zum Unterschied von seinem Schöpfer, der ein produktiver, an einem großen Werk arbeitender Mensch von strenger Haltung war, ein Nichtstuer, Unfugstifter und ‚Adabei‘ — und dadurch wird alles an ihm schief, verzerrt und unerquicklich.“ [4] Die Antithese: der schwer arbeitende Musil — der parasitäre Ulrich trifft nicht zu. Der Interpret ist hier im Unrecht gegenüber der Romanfigur. Musils Affinität zu seinem epischen Ego ist weitaus enger. An der Ernsthaftigkeit und Solidität aller Unternehmungen Ulrichs sollte der Leser nicht zweifeln, sonst hat er die Geschichte nicht verstanden. Der Tonfall der Erzählung, die ironische Scheindistanz von Autor und Figur betrifft nur die Art der Darstellung, nicht die dargestellten Vorgänge. Ulrich ist kein dilettantischer Mitschwätzer, sondern ein ernsthafter Mensch, der bloß nichts zustande bringt, trotz aller Begabung und Willigkeit. Im Roman sagt Musil im 2. Band einmal von ihm: „Ein gläubiger Mensch, der bloß nichts glaubte“. Ernst Fischer zweifelt an Ulrichs Lebensführung; Musil zweifelt an der Möglichkeit von Resultaten bei einer jeden ernsthaften Lebensführung. Natürlich ist Ulrich, nach Meinung seines Verfassers, der Geschäftigkeit und Geschäftemacherei eines Arnheim bei aller Erfolglosigkeit ebenso überlegen wie den hektischen Bemühungen um Bürgerlichkeit, die sein Freund Walter unternimmt. Nutzen und Nachteil der Disponibilität.

Eben dieses Prinzip aber der Disponibilität, das hinter allen negativ verlaufenden Experimenten spürbar werden soll, ist insofern dialektisch, als es sich mit keinem Zustand zufriedengibt, sondern in jedem Sein zugleich eine Fülle der — divergierenden — Möglichkeiten erblickt. Damit aber tritt Ulrich den Wettlauf an mit der Zeit, weil er alle Möglichkeiten vorweg fixieren möchte. So entartet ihm die Dialektik zur bloßen Paradoxie. Möglichkeit soll in die Wirklichkeit hereingenommen werden; die Disponibilität erscheint als scheinbares Moment der Realität. Im „anderen Zustand“ sollte ein mystischer Vorgang nicht nur rational erlebt, sondern auch beschrieben werden. Der Möglichkeitsmensch Ulrich versuchte, die Möglichkeit als Element der Wirklichkeit zu erleben, was denkbar war, wofern man nicht gleichzeitig dabei solide und gültige Einsichten verlangte. Eben dies aber tat Ulrich. Er wollte das Rezept erkunden, wonach man in Kakanien leben und sogar produktiv werden kann, sinnvolle Arbeit verrichtet — und gleichzeitig doch unbefriedigt bleibt, allseitig disponibel.

Das konnte nicht glücken. Es gab keine neue gesellschaftliche Erfahrung, die Musil aus dieser Paradoxie befreit und den Romanabschluß gerettet hätte. Der „Mann ohne Eigenschaften“ blieb nicht Fragment, weil Musil es so gewollt hätte. Im Gegenteil glaubte der Autor an die Erfüllungsmöglichkeit bei der teuflischen Wette, die er als Faust mit sich als Mephistopheles abgeschlossen hatte: einen erfüllten Augenblick zu finden und zu beschreiben, ohne zu verhindern, daß es hinterher mit der Disponibilität ebenso weitergehe wie vorher. Gelangte der Roman jedoch zu einem solchen Ende, dann hatte die Disponibilität in Wirklichkeit aufgehört, und der „Mann ohne Eigenschaften“ war es nicht mehr. In diesem Falle hätte Ernst Fischer recht gehabt, und es wäre Musils mit nichts anderem vergleichbarer Roman der modernen Weltliteratur ausgegangen wie irgendeine Entwicklungsgeschichte in Wilhelm Meisters Gefolge. Auch dies wäre ein Absinken in Trivialität geworden, vergleichbar dem Inzestvollzug zwischen Ulrich und Agathe. Die Unmöglichkeit jener körperlichen Vereinigung hatte Musil rechtzeitig erkannt. Ob auch die Unmöglichkeit, unter den selbstgestellten Bedingungen den Roman zu vollenden? Hier aber ist man versucht, in dieser Grundfrage seines Romans und seines ganzen Werks, dem Erzähler mit seinen eigenen Worten zu entgegnen: „Die Gestalten wollen es nicht“.

[1Heribert Brosthaus: „Zur Struktur und Entwicklung des ‚anderen Zustandes‘ in Robert Musils Roman ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘“. Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1965, Heft 3, S. 399/411.

[2a.a.O., S. 396.

[3Albrecht Schöne: „Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil“. Euphorion 55, 1961, S. 196 ff.

[4Ernst Fischer: „Das Werk Robert Musils. Versuch einer Würdigung.“ Sinn und Form 1957, S. 887/888.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1967
, Seite 169
Autor/inn/en:

Hans Mayer:

Foto: Von Ludwig Garner - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=102914355
Jahrgang 1907, studierte Literaturgeschichte, Geschichte, Rechts- sowie Staatswissenschaft und promovierte in Köln bei Hans Kelsen. Als Kommunist emigrierte er 1933 in die Schweiz, ging 1945 nach Deutschland zurück, war zunächst Chefredakteur bei der Nachrichtenabteilung des Hessischen Rundfunks, ab 1950 Ordinarius für Kultursoziologie und Literaturgeschichte in Leipzig. Am 2. September 1963, während eines Aufenthalts in der Bundesrepublik, gab er seinen Entschluß bekannt, nicht mehr in die Ostzone zurückzukehren. Prof. Mayer veröffentlichte u.a.: „Georg Büchner und seine Zeit“, „Thomas Mann“, „Schiller und die Nation“, „Studien zur deutschen Literaturgeschichte“, „Von Lessing bis Thomas Mann“.

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