FORVM » Themen » Begriffsinventar

Geschichtsschreibung

Beiträge

René Marcic

Ernst Jünger und der Weltstaat

(II.)
März
1965

Wie ist Carl Ritters, des großen Geographen, großer Satz zu verstehen: „Auf den Menschen reimt sich die ganze Natur“? Hat überhaupt Protagoras je das Wort gesetzt, der Mensch sei das Maß aller Dinge? Mitnichten, im landesüblichen Sinn. Das Recht ist schlicht das transcendens: ihm sind Götter und (...)

Leszek Kołakowski

Materialismus als negative Mystik

Juni
1965

Der Wert der fundamentalen Unterscheidung Diltheys zwischen verstehenden und erklärenden Erkenntnisakten ist bis zu einem gewissen Grade von der psychologischen Interpretation dieser Unterscheidung überschattet worden. Es hat sich jedoch zeigen lassen, daß die psychologische Interpretation (...)

Ernst Bloch

Der Mensch als Möglichkeit

Stegreif-Rede vor Wiener Studenten
August
1965

Am 8. Juli 1885 wurde Ernst Bloch in Ludwigshafen geboren, von wohlhabenden Eltern. Zunächst Studium aus Lust am geistigen Abenteuer: Philosophie, Germanistik, Physik, in München, Würzburg, Berlin, dortselbst bei Georg Simmel. Hierauf Reisender großen Stils, aus gleicher Lust, schließlich aber aus (...)

Leszek Kołakowski

Über die Unentbehrlichkeit der Metaphysik

Zweiter Teil des Aufsatzes „Materialismus als negative Mystik“
August
1965

Die räumliche Vorstellung vom Verhältnis des „Bewußtseins“ zu den Körpern ist selbstverständlich zulässig. Zweideutigkeit entsteht jedoch immer dann, wenn der Materialist versucht, von diesem Standpunkt aus einen gegnerischen Standpunkt zu bekämpfen. Er schreibt dann seinem Gegner die Behauptung zu, (...)

Ernst Bloch

Materialismus als Enthüllung

Dezember
1966

Dies ist der Auszug aus einem Referat, das Ernst Bloch vor der Paulus-Gesellschaft hielt. Zusammen mit Referaten von Iring Fetscher, Konrad Lorenz, J.B. Metz, Karl Rahner, Adam Schaff, Ernst Topitsch sowie umfangreicher Diskussion wird dieses Referat noch in diesem Jahr als Band der Reihe (...)

Georg Lukács

Die Sowjetunion ist nicht typisch

Zur Theorie der ungleichmäßigen Entwicklung bei Marx — I. Teil
April
1967

Zum 60. Geburtstag von Wolfgang Abendroth. [(Vorbemerkung Die hier veröffentlichten Darlegungen sind einem noch unvollendetem Buch „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ entnommen. Da sie hier aus dem Zusammenhang des Ganzen herausgerissen werden mußten, ist es unvermeidlich, daß sie sowohl (...)

Georg Lukács

Geschichte und Literatur

Zur Theorie der ungleichmäßigen Entwicklung bei Marx — II. Teil
Juni
1967

Zum 60. Geburtstag von Wolfgang Abendroth. In seinen fragmentarischen Bemerkungen am Schluß der Einleitung zum „Rohentwurf“ behandelt Marx vor allem „das unegale Verhältnis“ in der Beziehung zwischen ökonomischer Entwicklung und so wichtigen gesellschaftlichen Objektivationen wie Recht oder, vor (...)

Rudolf Scherer

Kulturgenerationen

März
1968

Claude Lévi-Strauss weist im 3. Kapitel (Sprache und Gesellschaft) seines Buchs „Strukturale Anthropologie“ auf eine Arbeit der amerikanischen Anthropologen A. L. Kroeber und J. Richardson hin: ... „In einer Untersuchung über die Stilentwicklung der weiblichen Kleidung hat Kroeber sich mit der Mode (...)

Fritz Fellner

Weltgeschichte seit 1945

März
1968

Geschichte muß als ein Entwicklungsprozeß aufgefaßt werden, von dem auch die Gegenwart nur ein Glied ist. Wenn dies richtig ist, sollten wir keine Mühe sparen, die Geschichte der Vergangenheit mit den drängendsten Anliegen unserer eigenen Zeit in Verbindung zu setzen. In diesem Bemühen müssen wir (...)

Trautl Brandstaller (Übersetzung) • Georges Lánteri-Laura

Zwischen Sartre und Lévi-Strauss

März
1968

Wir wollen versuchen, die Wurzeln aufzuzeigen, aus denen sich die heutige Auffassung des Terminus Struktur herleitet. Dies ist eine ziemlich undankbare Aufgabe, auf die wir jedoch um so weniger verzichten können, als sie uns ermöglicht, uns nicht im gegenwärtigen, vieldeutigen Gebrauch des Wortes (...)

Michel Foucault • Ulrich Köppen (Übersetzung)

Gegenvernunft

August
1969

Michel Foucault, 1926, ist Professor an der Faculté des Lettres de Clermont-Ferrand. Seine Arbeiten (Maladie mentale et Psychologie, 1954; Histoire de la Folie à l’Âge classique, 1961; Les Mots et les Choses, 1966) gehören zu den wichtigsten Beiträgen des französischen Strukturalismus. Wir drucken (...)

Günther Anders

Auschwitz auf lateinisch

Dezember
1969

Am 20. Oktober 1969 wurde Pendereckis Auschwitz-Oratorium „Dies Irae“ bei den „Musikprotokollen“, dem Musikfest des sogenannten Steirischen Herbstes, in Graz aufgeführt. Die Aufführung war eine doppelte Niederlage. Ich spreche nicht nur von der widerwärtigen Pseudohieratik und der (...)

Robert Kalivoda

Marx mal Freud

März
1970

Von dem bedeutenden Prager Marxisten, Philosophieprofessor und Mitglied des internationalen Beirats des NEUEN FORVMS erscheint in der Reihe edition suhrkamp ein Band mit drei Betrachtungen über den „Marxismus und die moderne geistige Wirklichkeit“. Die nachfolgenden Erwägungen stammen aus dem (...)

Friedrich Geyrhofer

Wertlose Geschichte

Über ein Buch von Ernst Topitsch
März
1970

Am jüngsten Buch von Ernst Topitsch fällt auf, daß soziologische und methodologische Erwägungen fast gänzlich hinter Feststellungen zurücktreten, die sich ausführlich mit der menschlichen „Natur“ und mit dem tierischen Erbe beschäftigen, das in der psychophysischen Ausstattung der Menschen enthalten ist. (...)

Friedrich Geyrhofer

Lügen die Historiker
oder
Adam Schaff als Metaphysiker

Oktober
1970

Der vorstehende Abschnitt über die logischen Aporien der Wissenssoziologie gehört zu den interessantesten Passagen aus dem Buche Adam Schaffs über „Geschichte und Wahrheit“, das in seinem Titel die Beschäftigung mit dem zentralen Problem der marxistischen Philosophie verspricht. Auch in den (...)

Eduard März

Unser hinkender Kapitalismus

Über die Misere der österreichischen Wirtschaftsgeschichte
Oktober
1970

Bemerkungen zu dem Buch „Wirtschafts- und Sozialgeschichte Österreichs“ von Ferdinand Tremel, Franz-Deuticke-Verlag, Wien 1969. Hier soll nicht von der österreichischen Wirtschaftsgeschichte an sich, sondern nur von der Geschichtsschreibung die Rede sein. Friedrich Engels schrieb einmal in einem (...)

Adam Schaff

Wissenssoziologie als Purzelbaum

Vgl. Adam Schaff, Sartre und Marx, FORVM März 1964
Oktober
1970

Adam Schaff, zwischen Warschau und Wien als akademischer Lehrer pendelnd, gehört zu den Initiatoren der Renaissance marxistischer Philosophie nach Stalins Tod. Sein Buch „Marxismus und das menschliche Individuum“, im Wiener Europa-Verlag erschienen, markierte die Wende im Denken der (...)

Georg Lukács

Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins

Vortrag an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften
Februar
1971

I. Jeder weiß, daß in den letzten Jahrzehnten in radikaler Weiterbildung alter erkenntnistheoretischer Tendenzen der Neopositivismus mit seiner prinzipiellen Ablehnung einer jeden ontologischen Fragestellung als unwissenschaftlich, absolut herrschend war. Und zwar nicht nur im eigentlichen (...)

Georg Lukács

Ontologisches

Ein erster Teil erschien in NF Feb./März 1971
Juni
1971

G. L. starb am 5. Juni 1971, knapp vor seinem 86. Geburtstag. Eine Würdigung ist wahrhaft unnötig für Leser, die sein Werk kennen, und dies auch aus zahlreichen Aufsätzen in dieser Zeitschrift (vgl. Verzeichnis am Ende des Textes sowie: Günther Nenning in NF Anfang Sept. 1970, S. 855 ff., Iring (...)

Reuwen Kalisch

Kriemhilds herrlicher Jude

Eine andere Maisse
März
1984

Die germanischen Recken waren zweifellos gewaltige Recken, aber schreiben konnte nicht einmal richtig Karl der Große. Und doch gab es eine Menge von Heldenepossen. Unter den Germanen und zwischen ihnen gab es nun ein sehr literarisches Volk. Seine Leute waren zum Beispiel die Verfasser des (...)

Rudolf Burger

Orwell nach dem Countdown

Obszöne Buchbesprechung*
März
1984

Orwell or not well

Sozialistische Volksrepublik Albanien

Verfassung vom 28.12.1976 (Auszug)
März
1984

Präambel Das albanische Volk hat gefunden und findet eine immerwährende Erleuchtung in der großen Doktrin des Marxismus-Leninismus, unter deren Banner es, geschart um die Partei der Arbeit und unter ihrer Führung, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft vorantreibt, um hernach schrittweise in (...)

Josef Dvorak

Übermensch a.D.

Albaniens Abschied von Enver Hoxha
März
1984

Orwells Jahr 1984 beschert Albanien, dem ersten deklariert atheistischen Staat der Welt, einem Land, in dem Nietzsches „Neuer Mensch“ mithilfe streng stalinscher Methoden hätte blutvolle Realität werden sollen, einen kleinen Hoffnungsschimmer humane Schwäche: der zitternd verehrte Parteichef Enver (...)

Rudolf Burger • Peter Fleischhacker (images)

Hurra, wir verfallen

April
1984

Richard Sennett: Verfall und Ende des öffenlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. S. Fischer, Frankfurt am Main, 1983, 405 Seiten. — Illustration: Peter Fleischhacker. „Wie bös diese Zeiten waren! Welches niemals aussetzende Bewußtsein der Feindschaft von Mensch zu Mensch, welche Gefeitheit (...)

Robert Menasse

Dialektik des „Zeitgeistes“

Fünf Thesen
Oktober
1987

1. Die kurzlebigen Veränderungen und Moden, auf die sich der Begriff „Zeitgeist“ bezieht, drücken Verschiebungen und Veränderungen von gesellschaftlichen Substrukturen aus. Diese Veränderungen sind natürlich bedeutungslos, es sind Rochaden, die sich in Summe aufheben, ohne zu einer qualitativen (...)

Rudolf Burger
Für S.

Geist und Zeitgeist

oder das Subjekt als Revenant
Oktober
1987

Negation vermag in Lust umzuschlagen, nicht ins Positive. Th. W. Adorno Zu Beginn der achtziger Jahre, so sagen manche, habe der „Zeitgeist“ sich gewandelt, er habe seine Inhalte geändert und seine Richtung verkehrt. Andere vermuten, er sei damals erst entstanden, denn bis dahin habe kein Mensch (...)

Robert Menasse

Zeitgeist zum Begreifen

Oktober
1987

Der Zeitgeist ist, wie Franz Schuh anmerkte, „ein Geist wie auch alle anderen Geister, die man auf Schlössern oder verlassenen Ruinen findet“. Diese sind ja bekanntlich zur Ruhelosigkeit verdammte Seelen, deren Sehnsucht der rasche Tod, deren Tragik die nie stattfindende Erlösung ist. Solche (...)

Rudolf Burger

Zerebrale Sinnlichkeit und die Agnostik der Formen

Januar
1988

Bei dem nachfolgenden Essay handelt es sich um den ausgearbeiteten Text eines Vortrags, den R. B. am Symposion der Wiener Festwochen: „Kunstbilder — Weltbilder. Manierismus und Postmoderne“ am 20. Mai 1987 ım Palais Palffy gehalten hat. In einem seiner letzten Interviews, 1983, ein Jahr vor seinem (...)

Franz Schandl

Schleichzeich!

Offener Brief an Kriegsteilnehmer
März
1988

Werte Vorgeborene! Wann werdet Ihr endlich Euer Schweigen brechen? Vierzig Jahre warten wir nun schon vergeblich auf Eure persönlichen Rechenschaftsberichte. Doch Ihr wollt nicht Rechenschaft geben, Ihr denkt in all Eurer geistigen Beschränktheit eher an Revanche denn an Reue. Ihr habt nichts (...)

Josef Dvorak

Von Krucken-, Haken- und anderen Kreuzen

März
1988

Vor fünfzig Jahren, im März 1938, hat Österreich in einem Begeisterungstaumel sondergleichen seine staatliche Selbständigkeit aufgegeben, und ist von Nazideutschland annektiert worden. In der Folge — während der letzten sieben Jahre des „tausendjährigen Reiches“ wurden Österreicher an den deutschen (...)

Klaus Amann

Entsorgung der Geschichte

Jörg Haider als Festredner
März
1991

Wenn es in Kärnten um „Abwehrkampf“ geht, beginnen sogar die Steine zu reden. Alljährlich, um den 10. Oktober, „ruft“ der Ulrichsberg, eine mäßig felsige Erhebung im Nordosten Klagenfurts, kultischer Ort seit keltischer Zeit und deshalb als Kriegergedenkstätte prädestiniert. Der Ulrichsberg „ruft“ und (...)

Reinhold Knoll

Im Narrenturm der Philosophen

Juli
1993

Michael Benedikt (Hrsg), Verdrängter Humanismus — verzögerte Aufklärung, Verlag Turia und Kant, Wien 1992, 959 Seiten, öS 460 Vor vielen Jahren hatte alles ideal begonnen: Es gab die Idee, Studenten wieder in jene Universität zu integrieren, die ihren Lehrbetrieb je nach Fakultät ausgelagert hatte. (...)

Gerhard Oberschlick
IV. Sonderheft ▫ Nr. 505 ▫ im LXVIII. Jahr ▫ Wien, April 2021

Rudolf Burger 
Austrokopernikus

Kein Nachruf
April
2021

Lieber Gerhard, es ist lange her, und vieles hat sich zum Traurigen gewendet. Ich bedauere vieles. Deinen Text kann ich leider nicht öffnen, aber ich danke Dir sehr für Deine Mühe. Vielleicht können wir einmal reden. (1. April 2021, 14:39) Alles Liebe, Rudolf Es war das erste (...)

Hermann Langbein
Zum 76. Jahrestag der Befreiung am 8. Mai 1945

Vergangenheitsbewältigung und Trauerarbeit in Österreich

Mai
2021

Von ihm können wir lernen, was Gedenkpolitik heißt, und den Umgang mit Vergangenheit. Der Wiener Schauspieler flüchtete nach dem „Anschluss“, kämpfte in Spanien gegen die Errichtung der Diktatur, floh nach Frankreich, wurde 1941 nach Dachau, 42 nach Auschwitz, 44 nach Neuengamme und weiter ins (...)

Geschichte bei Wikipedia

Historia, Allegorie der Geschichte, Gemälde von Nikólaos Gýzis (1892)

Unter Geschichte versteht man im Allgemeinen diejenigen Aspekte der Vergangenheit, derer Menschen gedenken und die sie deuten, um sich über den Charakter zeitlichen Wandels und dessen Auswirkungen auf die eigene Gegenwart und Zukunft zu orientieren.[1]

Im engeren Sinne ist Geschichte die Entwicklung der Menschheit, weshalb auch von Menschheitsgeschichte gesprochen wird (im Unterschied etwa zur Naturgeschichte). In diesem Zusammenhang wird Geschichte gelegentlich synonym mit Vergangenheit gebraucht. Daneben bedeutet Geschichte als Historie aber auch die Betrachtung der Vergangenheit im Gedenken, im Erzählen und in der Geschichtsschreibung. Forscher, die sich der Geschichtswissenschaft widmen, nennt man Historiker.

Schließlich bezeichnet man mit Geschichte auch das Schulfach Geschichte, das über den Ablauf der Vergangenheit informiert und einen Überblick über Ereignisse der Welt-, Landes-, Regional-, Personen-, Politik-, Religions- und Kulturgeschichte gibt.

Bedeutungsspektrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn man Geschichte als Vergangenheit betrachtet, lassen sich folgende Bereiche unterscheiden:

Geschichte in diesem dritten, auf Schriftlichkeit beruhenden Bereich bildet das Hauptarbeitsfeld der Geschichtswissenschaft mit ihren spezifischen Methoden. Denn erst mittels Schriftzeugnissen wird es möglich, menschliches Tun und Erleben zu dokumentieren, als Teil der Menschheitsgeschichte dauerhaft festzuhalten und sich diese in der jeweiligen Gegenwart wieder anzueignen. Im Mittelpunkt der Beschäftigung mit Geschichte, der Erkundung (griechisch: Historie) der Vergangenheit, stehen dabei die Quellen, d. h. zeitnahe schriftliche Aufzeichnungen und Dokumente.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen Geschichte als Geschehen und dem Geschichtsbewusstsein, dem Bild des Gewesenen, das sich einerseits im Selbstverständnis der historischen Personen widerspiegelt, andererseits sich bei der Erforschung und Darstellung aufgrund der vorhandenen Überlieferungen für den Betrachter ergibt, der das Geschehen zu erfassen versucht (vgl. Geschichtsschreibung und Geschichte der Geschichtsschreibung). Diese nachträgliche Geschichtserkenntnis gründet sich auf Überreste und Tradition. Solche Erkenntnis ist allerdings nie völlig objektiv, sondern abhängig von der historischen Situation, der Perspektive des Betrachters und den verfügbaren Quellen. In manchen Fällen wird vorgeschlagen, die Darstellung der Ergebnisse und Zusammenhänge als eine künstlerische Tätigkeit zu betrachten. Eine bestimmte Perspektive gegen andere Perspektiven durchzusetzen (aber auch der Versuch, Multiperspektivität zu ermöglichen) ist Sache der Geschichtspolitik.

Dagegen hat sich Geschichtsdidaktik die Aufgabe gestellt, den Zugang zu den wichtigsten Bereichen von Geschichte zu erleichtern und ein mehrdimensionales Geschichtsbewusstsein zu ermöglichen. Der Geschichtsunterricht ist der Versuch der praktischen Umsetzung von Geschichtsdidaktik. Im Idealfall sollen inhaltlich nicht nur die bisherigen Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft, sondern zumindest in Ansätzen auch historisch-kritische Methodenkenntnisse vermittelt werden – dies umso mehr, als das in der Schule vermittelte Geschichtswissen an sich stets nur eine Rekonstruktion ist, die keinen Wahrheitsanspruch erheben kann.

Funktionen und Betrachtungsweisen von Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ebenso lange, wie es Geschichtsschreibung gibt, stellt sich die Frage: Wozu Geschichte? Neben der Bewahrung von Traditionen aller Art, der vielleicht ursprünglichsten Funktion des Erzählens bzw. Aufschreibens von Geschichte, kann Geschichte auch identitätsstiftende Wirkung entfalten, etwa bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, „woher wir kommen und wohin wir gehen.“[2] Bereits in der Antike gab Cicero eine später häufig zitierte, aber auch skeptisch betrachtete umfassende Funktionsbestimmung der Geschichte als „Lehrmeisterin des Lebens“ (Historia magistra vitae).[3]

Der im Historismus etwa durch Leopold von Ranke erhobene Objektivitätsanspruch, zu zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ sei, ist im Hinblick auf die Zeitgebundenheit und Individualität jeglichen Rückblicks in die Vergangenheit als nicht einlösbar anzusehen. Der Annales-Historiker Fernand Braudel beschrieb Grenzen der Objektivität, denen alle unterliegen, die Geschichte darstellen, einmal so: „In der Tat tritt der Historiker niemals aus der Dimension der geschichtlichen Zeit heraus; die Zeit klebt an seinem Denken wie die Erde am Spaten des Gärtners. Trotzdem träumt er davon, sich ihr zu entziehen.“[4] Gordon A. Craig äußerte 1981 in einem Vortrag:

„Denn Geschichte ist nicht ‚exakte Wissenschaft‘ – sie ist eine humanistische Disziplin. Ihr Hauptgegenstand sind Menschen, und Geschichte ist, wie Thukydides vor langer Zeit sagte, das Studium nicht von Umständen, sondern von Menschen in Umständen. Wer das vergißt, weil er in sein eigenes spezielles Interessengebiet verliebt ist oder fasziniert von den modellbildenden Aktivitäten und Idealtypen der Behaviouristen, kann nur als einfältig bezeichnet werden.“[5]

Der Historiker Rolf Schörken stellte vier Hauptfunktionen der Geschichte heraus:

  • Sie ist unterhaltsam und entlastet von den Mühen des Alltags, dem eine leuchtende Vergangenheit gegenübergestellt wird.
  • Sie vermittelt Prestige, wenn man etwa auf den Besitz sehr alter Gegenstände oder auf einen weit zurückreichenden Stammbaum seiner Familie verweisen kann.
  • Sie stabilisiert Gemeinschaften und wirkt so identitätsstiftend, etwa durch den Rückblick auf eine gemeinsam erlebte Vergangenheit.
  • Sie liefert einen reichen Vorrat an Exempla und Argumenten und wirkt so legitimierend.[6]

Wissenschaftliche Annäherungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leopold von Ranke gilt als einer der Gründerväter der modernen Geschichtswissenschaft, der sich um eine möglichst große Objektivität bei der Wiedergabe der Geschichte bemühte.

Geschichte kann als Resultat wissenschaftlicher Forschung gesehen werden. Der Historiker soll dem Leser auf eine nachvollziehbare, annähernd objektive und überzeugende Weise den Gang der Ereignisse sowie deren Ursachen und Wirkungen, ein alltagsweltliches Geschichtsbewusstsein präsentieren. Die Geschichtsphilosophie versucht, den Gang der Handlungen in einen übergeordneten Zusammenhang, ein Geschichtsbild, zu bringen. Wesentliche Ordnungskriterien- und Hilfsmittel dabei sind Chronologie und Periodisierung.

Geschichte als quellenabhängige Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichtswissenschaft diskutiert auch die Frage, wie weit das von ihr entworfene Bild von der Vergangenheit überhaupt in der Lage ist, die tatsächliche Vergangenheit abzubilden.[7] Das bezieht sich nicht allein auf die Unmöglichkeit, historische Situationen und Prozesse in ihrer Gesamtheit oder Totalität abzubilden, sondern hängt auch mit Zweifeln in ihre Quellen (ganz abgesehen von den Fälschungen) zusammen. Während man im 19. Jahrhundert bemüht war, gegensätzliche Aussagen aus verschiedenen Quellen weitestgehend zu harmonisieren, findet man sich heute eher damit ab, dass der vergangene Sachverhalt bis zum Fund neuer Quellen unrekonstruierbar verschwunden ist. Bekanntes Beispiel für diesen Wandel ist die Darstellung der Krönung Karls des Großen in Rom zum Kaiser, die in den päpstlichen Quellen anders geschildert wird als in den Quellen, die nördlich der Alpen entstanden sind. Während in diesem Falle die Nichtrekonstruierbarkeit angesichts sich widersprechender Quellen heute allgemein akzeptiert wird, ist es bei Quellen, denen keine abweichende oder von ihr unabhängige Darstellung gegenübersteht, eine viel diskutierte Frage, ob das Bild, das auf Grund dieser Quellen von der Vergangenheit gezeichnet wird, nicht eine Konstruktion ist, die mit den wirklichen Geschehnissen wenig oder möglicherweise nichts zu tun hat. Hier können der Prozess Jesu oder die Hintergründe der konstantinischen Wende als Beispiel dienen. Dabei wird zum einen die Frage diskutiert, ob der Versuch einer Rekonstruktion in derartigen Fällen nicht ebenfalls unterbleiben sollte, und zum anderen, ob eine solche Unterscheidung zwischen „wirklicher“ und „rekonstruierter“ Wirklichkeit überhaupt einen Sinn hat und ob nicht die Maxime genügt, dass die rekonstruierte Geschichte so lange als Wirklichkeit gilt, bis neue Erkenntnisse eine Korrektur erfordern.

Historische Rekonstruktion mit sprachlichen Mitteln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bemühen um wissenschaftliche Rekonstruktion von Geschichte kommt – schon allein wegen der sprachlichen Bestimmtheit ihrer Vermittlung – nicht ohne konstruierende Anteile aus. Der Rohstoff der Geschichte, die Gesamtheit des Vergangenen, kann erst durch Benennung, Bewertung und Ordnung im Medium der Sprache sichtbar bzw. begreiflich gemacht werden. Demnach ist Geschichte (auch) das Erzeugnis der Historiker und der sich auf die Vergangenheit besinnenden Menschen. „Nur soweit diese Besinnung stattfindet und sich artikuliert, gibt es Geschichte. Außerhalb dieses Bereichs ist nur noch Gegenwart ohne Tiefendimension und totes Material.“[8]

Unbewusste Anteile in geschichtlichen Erzählungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als bei den noch im 19. und 20. Jahrhundert vorherrschenden und mit exklusivem Objektivitätsanspruch verbundenen historistischen Geschichtsbildern stehen sich unterdessen in der Geschichtswissenschaft eine Vielzahl von Narrativen zu Vergangenheitsaspekten gegenüber.[9] Generell zu kurz greift aber laut Thomas Walach, wer Geschichte „als reines Produkt bewusster Reflexion über Vergangenheit“ versteht. Sowohl die geschichtlichen Akteure als auch die das Geschehen verarbeitenden Historiker seien durch unbewusste Anteile ihrer Psyche ebenso bestimmt wie durch die bewussten kognitiven Operationen. Eine ihre gesellschaftliche Rolle ernstnehmende Geschichtswissenschaft komme künftig nicht umhin, sich mit den dunkleren Bereichen im historischen Unbewussten – Schuldgefühl, Kränkung, Scham und Ressentiment – auseinanderzusetzen.[10] „Die blinden Flecken auf der historischen Netzhaut“, so Walach, „resultieren aus der typischen empirischen Vorgehensweise der Geschichtswissenschaft, die stets untersucht, wofür sie Quellen findet und sich selbst Aussagen darüber verbietet, wofür sie kein Quellenmaterial hat.“[11]

Künstlerische Verarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Indem die Darstellung von Geschichte auch als eine künstlerische Gestaltungsaufgabe betrachtet werden kann, kommt es ohne vorrangig wissenschaftliches Erkenntnisinteresse zu künstlerischer Interpretation bzw. literarischer Verarbeitung geschichtlicher Themen. Beispiele dafür sind die Dramen Julius Caesar von William Shakespeare oder Wallenstein von Friedrich von Schiller – Werke, die der Einbildungskraft des Künstlers weit mehr verdanken als einem wissenschaftlichen Anspruch.

Formen künstlerischer Auseinandersetzung mit Geschichte finden sich auch in der bildenden Kunst, speziell in der Historienmalerei, wo neben Gemälden wie der Alexanderschlacht von Albrecht Altdorfer auch monumentale Formate wie das Bauernkriegspanorama von Werner Tübke vorkommen. In der Musik nehmen sich zum Teil Opernwerke historischer Stoffe an, etwa Giuseppe Verdis Don Carlos oder Gaetano Donizettis Anna Bolena.

Geschichtspolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haus der Geschichte in Bonn

Die gezielt von politischen Interessen geleitete Darstellung von Geschichte ist Gegenstand der Geschichtspolitik, die auch von manchen Historikern aktiv mit betrieben wird. Geschichtspolitik dient der Einflussnahme auf die allgemeine Meinungsbildung in der Gesellschaft, insbesondere in totalitären Systemen. Sie hat in Abhängigkeit vom politischen System zeittypische Auswirkungen auf Geschichtsdidaktik und Geschichtspädagogik, insbesondere Geschichtsunterricht, Museumspädagogik und Gedenkstätten. Zudem gibt es Formen geschichtlicher Wissensvermittlung durch Unterhaltungsmedien bis hin zum Histotainment (wie zum Beispiel Mittelaltermärkte), ein Spektrum, das von didaktischer Wissensvermittlung bis zur bloßen Unterhaltung reicht und auch in mancherlei Kombinationen anzutreffen ist.

Die Mittel von Geschichtspolitik sind vielfältig. Zu den diesbezüglichen Begriffen gehören: Geschichtlichkeit, Geschichtsbewusstsein, Geschichtsraum, Geschichtsperspektive, Historisierung, Erinnerungskultur, Glorifizierung beziehungsweise Geschichtsfälschung.

Dass Geschichtspolitik auch in repräsentativen Demokratien von Bedeutung ist, ergibt sich unter anderem aus dem Auftrag zur politischen Bildung. Die Art und Weise, wie Vergangenheitsvorstellungen zustande kommen, ist laut Walach entscheidend dafür, „ob und wie der Konsens über gemeinsame Geschichte einen Konsens über Politik herstellen kann.“ Das kulturell vermittelte gesellschaftliche Wissen über Vergangenheit sei jedoch in repräsentativen Demokratien für Brüche besonders anfällig, da es hier – anders als in autoritären politischen Systemen – kein bloß verordnetes historisches Narrativen geben könne.[12] Hinzu komme die neue digitale Medienöffentlichkeit, die den Personenkreis, der eigene Wahrnehmungen aller Art veröffentlichen kann, in bisher ungekannter Weise erweitert. Daraus ergibt sich für Walach das Problem: „Alternative Fakten, Fake News, Geschichtsrevisionismus – all diese Phänomene, die es der Wissenschaft schwer machen, in der Öffentlichkeit Gehör zu finden, haben eines gemeinsam: Die Bereitschaft, ihnen Glauben zu schenken stellt eine Reaktion des Unbewussten auf die Zumutungen der postmodernen Welt dar, in der das Subjekt allzu oft auf sich selbst zurückgeworfen wird, anstatt Halt an identitätsstiftenden Gewissheiten zu finden.“[13]

Darum sei es wichtig, dass die Geschichtswissenschaft, der die Hegemonie über den historischen Diskurs zu entgleiten drohe, Mittel und Wege finde, um wieder breite Akzeptanz für ihre Anliegen und Ergebnisse erreichen zu können. Dazu müsse sie die Beziehung zwischen dem historisch Unbewussten und den historischen Narrativen untersuchen und sie etwa im Rahmen der Public History vermitteln, „die exakt am Schnittpunkt von Wissenschaft, öffentlichen Geschichtsbildern und Geschichtspolitik angesiedelt ist.“[14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Portal: Geschichte – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Geschichte

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Geschichte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Geschichtswissenschaft – Quellen und Volltexte
Wiktionary: Geschichte – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wikibooks: Regal:Geschichte – Lern- und Lehrmaterialien
Wikiversity: Fach Geschichte – Kursmaterialien

Wege zu Geschichtsdarstellungen für Laien und für schulische Zwecke

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich Jaeger: Lexikon Philosophie – Hundert Grundbegriffe. Reclam, 2011, S. 109.
  2. Matthias Schloßberger: Geschichtsphilosophie. Akademie Verlag, Berlin 2013, S. 20. „Auf den Schultern der Geschichtswissenschaft ruht eine einzigartige Verantwortung“, findet Thomas Walach: „Das Thema keiner anderen Wissenschaft spielt eine vergleichbar wichtige Rolle für die Erzeugung kollektiver Identitäten wie eben Geschichte.“ (Walach 2019, S. XXIII)
  3. Zitiert nach Matthias Schloßberger: Geschichtsphilosophie. Akademie Verlag, Berlin 2013, S. 21. Schloßberger differenziert: „Wenn die Geschichtsschreibung nicht auf große Zusammenhänge gerichtet ist, sondern auf das Verstehen individueller Geschichten, dann können einzelne Begebenheiten zu einer pädagogisch nützlichen Sammlung von Beispielen zusammengeführt werden.“ (Ebenda)
  4. Zitiert nach: Winfried Schulze: Einführung in die neuere Geschichte. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2010, S. 51 f.
  5. Gordon A. Craig: Der Historiker und sein Publikum. Rede am 7. November 1981 im Festsaal des Rathauses zu Münster, hrsg. vom Presseamt der Stadt Münster, S. 56 f., zitiert nach Wilhelm Ribhegge: Geschichte der Universität Münster. Europa in Westfalen. Regensberg, Münster 1985, S. 238 (GoogleBooks).
  6. Rolf Schörken: Geschichte in der Alltagswelt. Wie uns Geschichte begegnet und was wir mit ihr machen. Klett-Cotta, Stuttgart 1981, ISBN 3-12-915520-1.
  7. „Vergangenheit entsteht nicht von selbst, sondern ist das Ergebnis einer kulturellen Konstruktion und Repräsentation; sie wird immer von spezifischen Motiven, Erwartungen, Hoffnungen, Zielen geleitet“. (Jan Assmann: Von ritueller zu textueller Kohärenz. In: Stefan Kammer/Roger Lüdecke, Texte zur Theorie des Textes, Stuttgart 2005, S. 251 f. Zitiert nach Walch 2019, S. 17)
  8. Michael Stolleis: Staat und Staatsraison in der frühen Neuzeit. Studien zur Geschichte des öffentlichen Rechts. Frankfurt am Main 1990, S. 8.
  9. Walach 2019, S. 39.
  10. Walach 2019, S. VIII, 7 und XXIV. „Will die Geschichtswissenschaft wieder ein Maß gesellschaftlichen Einflusses gewinnen, das ihr ermöglicht, stabilisierend auf kollektive Identitäten einzuwirken, muss sie eine Expertin für das historisch Unbewusste werden.“ (Ebenda S. XX)
  11. Walach 2019, S. 4 f. Die Erkenntnis sei allerdings nicht neu, dass Geschichtswissenschaft große Schwierigkeiten habe, „sich mit dem irrationellen Moment unbewusster Erzeugung von Geschichtsbildern auseinanderzusetzen“, betont Walach mit Bezug auf Jörn Rüsen/Jürgen Straub (Hrsg.): Die dunkle Spur der Vergangenheit. Psychoanalytische Zugänge zum kulturellen Gedächtnis. Frankfurt am Main 1998. (Walach 2019, S. X)
  12. Walach 2019, S. 36 f.
  13. Walach 2019, S. 68 f.
  14. Walach 2019, S. XII f.

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