FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 406-408
Robert Menasse

Dialektik des „Zeitgeistes“

Fünf Thesen

1.

Die kurzlebigen Veränderungen und Moden, auf die sich der Begriff „Zeitgeist“ bezieht, drücken Verschiebungen und Veränderungen von gesellschaftlichen Substrukturen aus. Diese Veränderungen sind natürlich bedeutungslos, es sind Rochaden, die sich in Summe aufheben, ohne zu einer qualitativen Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu führen. Die sogenannte „Schnellebigkeit“ der sich wechselseitig aufhebenden Veränderungen folgt der Logik der Kapitalverwertung.

2.

Die Umwertung des Begriffs „Zeitgeist“, vom Pejorativen zum positiv Besetzten, sowie die Mode, gesellschaftliche Phänomene mit Vorliebe unter diesem Begriff zu subsumieren, ist selbst ein „Zeitgeistphänomen“, also Ausdruck einer zwar nicht qualitativen, aber doch substrukturellen Veränderung der Gesellschaft. Nicht die Gesellschaft hat sich verändert, sondern das Verhältnis des allgemeinen Bewußtseins zu ihr: es ist prinzipiell affirmativ.

3.

Der prinzipiell affirmative Charakter des gesellschaftlichen Bewußtseins in Österreich ist Konsequenz des sozialpartnerschaftlichen Systems, das sich im Österreich der 2. Republik umfassend durchgesetzt, institutionalisiert und dessen Geist alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen hat.

Eine gesellschaftliche Organisationsform, die auf der Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Interessengruppen basiert, blendet im allgemeinen Bewußtsein jedes Wissen um gesellschaftliche Widersprüche aus, weshalb das gesellschaftliche Bewußtseins radikal vereinheitlicht und jede besondere private Bewußtseinsform sofort auch eine allgemeine ist und umgekehrt.

Da ein Bewußtsein, das die gesellschaftlichen Widersprüche nicht mehr erfahren und reflektieren kann, daher kein gesellschaftliches Phänomen mehr in seinem Vermittlungszusammenhang denken kann, ist das gesellschaftliche Bewußtsein zugleich aber auch radikal zersplittert, d.h. es reflektiert nur noch die selbständige Seite der Erscheinungen, das unvermittelte Dasein wechselnder Phänomene.

Sowohl den Hang zur falschen Verallgemeinerung der Phänomene, als auch den Hang zur Unterwerfung unter das zersplitterte unvermittelte Dasein wechselnder Phänomene, drückt der Begriff „Zeitgeist“ am besten aus, weshalb er zu Recht zum Fetisch des gegenwärtigen gesellschaftlichen Bewußtseins aufgestiegen ist.

4.

„Zeitgeist“ ist von Geschichte gereinigter Geist. Die Suggestion vom Stillstand der Geschichte, von der Abgehobenheit jeglicher geschichtlichen Gewordenheit und jeglichen geschichtlichen Werdens ist Conditio sine qua non, um den gegenwärtigen Zustand als Freiheit empfinden zu können. Jede gegenteilige Äußerung ist auch nur ein weiterer Beleg für die Richtigkeit dieser These, daß das Gefühl der Freiheit erkauft ist durch die Befreiung von der mühseligen Notwendigkeit, sıe historisch zu erkämpfen. Die große, armselige Anstrengung der bisherigen Geschichte wird nun, in unzählige Zitate zersplittert, zum reichen Schatz, der es ermöglicht, qualitativ Neues zu ersetzen durch einen bloß scheinbar innovativen, weil geschichtslosen Umgang mit Geschichte. Das Verhältnis zur eigenen gesellschaftlichen Gewordenheit ist ein Warenverhältnis geworden. Sie ist einfach da, wie eine Ware im Schaufenster, von der das Individuum sich weder vorstellen kann noch will, wie, wo, wann und von wem sie produziert wurde, sondern die einzig Gefallen oder Gleichgültigkeit evoziert.

Der originale Ausdruck bekommt im geistigen Überbau etwas Anarchronistisches, so wie die Handarbeit; das Zitat aber, befreit vom Geist des Zitierten, wird zur Originalkopie, zu einer Form der Wiederholung, die sich, weil ohne wirkliches Vorbild, ewig wiederholen läßt, in noch so vielen Varianten, die je rasch vergänglich, in Summa einen unvergänglichen nicht endenden Strom von Reichtum erzeugen, der penetrant vorhanden ist als etwas, das überall einfließt, und doch so sehr nicht zu fassen, wie die Zeit, die vergeht, ob man jetzt viel Zeit „hat“ oder wenig.

Daß nur die Form einer Erscheinung gilt, nichts sonst, ermöglicht erst jene Freiheit von der Welt, die deren Untergang zum Medienereignis werden lassen. [1]

Die Ablösung geschichtlichen Werdens durch rasche Abfolgen und Wechsel von bloßen Formen, basierend auf einer harmonisierenden gesellschaftlichen Organisationsform, markiert das Erreichen des bürgerlichen Geschichtsziels. Daß heute „alles möglich“ ist, bedeutet, daß nichts mehr wirklich werden kann.

5.

Der Ort der materiellen Produktion dieses Bewußtseins ist der Reproduktionsbereich. Wenn das so ist, dann muß auch die Entstehung von kritischem Bewußtsein möglich sein, wenn es in diesem Bereich zu virulenten Krisen kommt. Das ist der Fall. Allerdings kann kritisches Bewußtsein die Probleme der Reproduktion nicht mehr auf deren gesellschaftliche Ursachen rückbeziehen: die Form gesellschaftlicher Produktion steht außer Streit, deshalb ist Einigung, wenn auch gelegentlich nicht gleich möglich, so doch immer wirklich. Ihre Basis ist die Bundeshymne und die Identität der Meinung bei Verschiedenheit der Phrasen.

Daß der Kapitalismus, der Bewußtsein nur noch im Reproduktionsbereich produziert, nur noch in diesem theoretisch verwundbar ist, ist also zwar möglich, diese Möglichkeit besteht aber nicht.

[1Konrad Paul Liessmann, Modetorheiten. In: Erziehung Heute (Schwerpunktthema „Zeitgeist“), Heft 2, April 1986, S. 29

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1987
, Seite 53
Autor/inn/en:

Robert Menasse:

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