FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 211
Georg Lukács

Ontologisches

Ein erster Teil erschien in NF Feb./März 1971

G. L. starb am 5. Juni 1971, knapp vor seinem 86. Geburtstag. Eine Würdigung ist wahrhaft unnötig für Leser, die sein Werk kennen, und dies auch aus zahlreichen Aufsätzen in dieser Zeitschrift (vgl. Verzeichnis am Ende des Textes sowie: Günther Nenning in NF Anfang Sept. 1970, S. 855 ff., Iring Fetscher in NF Okt./Nov. 1970, S. 979 ff.). Wir glauben, den großen alten Mann des alten Marxismus am besten zu ehren mit dem nachfolgenden Text — eines Vortrages, den er in Wien hätte halten sollen.

III.

Man denke daran, daß die Entwicklung der Produktivkräfte in der Antike die Grundlagen der Gesellschaft zersetzte, oder daß die Entwicklung der Produktivkräfte in einem bestimmten Stadium des Kapitalismus periodisch wiederkehrende Wirtschaftskrisen hervorrief usw. Diese innere Diskrepanz zwischen den teleologischen Setzungen und ihren kausalen Folgen steigert sich mit dem Wachstum der Gesellschaften, mit der Intensivierung des gesellschaftlich-menschlichen Anteils an ihnen. Natürlich muß auch dieser in seiner konkreten Widersprüchlichkeit verstanden werden. Bestimmte große ökonomische Ereignisse (man denke etwa an die Krise von 1929) können mit dem Schein einer unwiderstehlichen Naturkatastrophe auftreten.

Die Geschichte zeigt aber, daß gerade in den größten Umwälzungen, man denke an die großen Revolutionen, die Rolle dessen, was Lenin den subjektiven Faktor zu nennen pflegte, sehr bedeutend war. Die Verschiedenheit der Zielsetzungen und ihrer Folgen äußert sich allerdings als faktisches Übergewicht der materiellen Elemente und Tendenzen im Reproduktionsprozeß der Gesellschaft. Das bedeutet jedoch nie, daß dieser sich stets zwangsläufig, keine Widerstände duldend durchsetzen könnte. Der subjektive Faktor, entsprungen aus menschlichen Reaktionen auf solche Bewegungstendenzen, bleibt auf vielen Gebieten zuweilen sogar ausschlaggebend.

Wir haben zu zeigen versucht, wie die entscheidenden Kategorien und ihre Zusammenhänge im gesellschaftlichen Sein bereits in der Arbeit gegeben sind. Der Raum gestattet nicht den stufenweisen Aufstieg von der Arbeit bis zur Totalität der Gesellschaft auch nur andeutend zu verfolgen. Wir können z.B. auf so wichtige Übergänge, wie vom Gebrauchswert zum Tauschwert, wie von diesem zum Geld usw. gar nicht eingehen. Man muß mir also gestatten — um die Bedeutung der bisher skizzierten ontologischen Feststellungen auf die Gesamtgesellschaft, auf ihre Entwicklung, auf deren Perspektiven wenigstens andeutend aufzuzeigen — sachlich höchst bedeutende Vermittlungsgebiete einfach zu überspringen, um wenigstens den allergemeinsten Zusammenhang dieses genetischen Anfangs von Gesellschaft und Geschichte mit ihrer Entwicklung selbst etwas deutlicher ins Licht treten zu lassen.

Vor allem kommt es darauf an, zu sehen, worin jene ökonomische Notwendigkeit besteht, die Freunde und Feinde von Marx am Gesamtbild seines Werkes mit so wenig Verständnis zu lobpreisen oder verächtliich zu machen pflegen. Gleich eingangs soll die Selbstverständlichkeit, daß es sich nicht um einen naturhaft notwendigen Prozeß handelt, betont werden, obwohl Marx selbst, mit dem Idealismus polemisierend, zuweilen solche Ausdrücke gebraucht. Auf den fundamentalen ontologischen Grund: Kausalität in Gang gebracht durch teleologische Alternativentscheidungen — haben wir bereits nachdrücklich hingewiesen. Das hat zur Folge, daß unsere positiven Erkenntnisse darüber im konkret Wesentlichen einen post-festum-Charakter haben müssen. Es werden natürlich generelle Tendenzen sichtbar, diese setzen sich aber konkret derart ungleichmäßig durch, daß wir zumeist nur ein nachträgliches Wissen über ihre konkrete Beschaffenheit erlangen können: Die Verwirklichungsweisen der differenzierteren, komplexeren gesellschaftlichen Gebilde zeigten in den meisten Fällen erst deutlich, wohin die Entwicklungsrichtung einer Übergangsperiode wirklich ging. Genau lassen sich solche Tendenzen also erst nachträglich erfassen; die inzwischen gebildeten und für die Entfaltung der Tendenzen selbst keineswegs ganz gleichgültigen gesellschaftlichen Einsichten, Bestrebungen, Voraussichten usw. erhalten ebenfalls erst nachträglich ihre Bestätigung bzw. Widerlegung.

In der bisherigen ökonomischen Entwicklung können wir drei solche Entwicklungsrichtungen wahrnehmen, die, freilich oft sehr ungleichmäßig, aber doch unabhängig vom Wollen und Wissen, die den teleologischen Setzungen zugrunde lagen, sich offenkundig durchgesetzt haben.

Erstens vermindert sich die zur Reproduktion der Menschen gesellschaftliche notwendige Arbeitszeit tendenziell stetig. Diese Tatsache wird heute als Generaltendenz niemand mehr bestreiten.

Zweitens ist dieser Reproduktionsprozeß selbst immer stärker gesellschaftlich geworden. Wenn Marx von einem ständigen „Zurückweichen der Naturschranke“ spricht, so meint er einerseits, daß das Basiertsein des menschlichen (und daher des gesellschaftlichen) Lebens auf Naturprozessen nie ganz aufhören kann, anderseits, daß der quantitative wie qualitative Anteil des bloß Naturhaften sowohl in der Produktion wie in den Produkten stets abnimmt, daß alle entscheidenden Momente der menschlichen Reproduktion — man denke an derart naturhafte wie Ernährung und Geschlechtlichkeit — immer mehr gesellschaftliche Momente in sich aufnehmen, von ihnen ständig und wesentlich transformiert werden.

Drittens schafft die ökonomische Entwicklung ebenfalls immer entschiedenere quantitative wie qualitative Verbindungen zwischen den einzelnen, ursprünglich ganz kleinen, selbständigen Gesellschaften, aus denen das Menschengeschlecht anfangs objektiv real bestand. Die sich heute immer stärker realisierende ökonomische Vorherrschaft des Weltmarktes zeigt bereits eine — wenigstens allgemein ökonomisch — vereinheitlichte Menschheit. Das Vereinigtsein besteht allerdings nur als ein Sein und Wirksamwerden von realen ökonomischen Einheitsprinzipien. Es verwirklicht sich konkret in einer Welt, in der diese Integration für das Leben der Menschen und Völker die schwierigsten, zugespitztesten Konflikte aufwirft (Negerfrage in den USA).

Es handelt sich in allen diesen Fällen um entschieden wichtige Tendenzen der äußeren wie inneren Umgestaltung des gesellschaftlichen Seins, durch welche dieses seine eigentliche Gestalt erhält: daß nämlich der Mensch aus einem Naturwesen zur menschlichen Persönlichkeit, aus einer relativ hochentwickelten Tiergattung zum Menschengeschlecht, zur Menschheit geworden ist. All dies ist das Produkt der im Komplex der Gesellschaft entstehenden Kausalreihen. Der Prozeß selbst hat kein Ziel. Seine Höherentwicklung beinhaltet deshalb das Wirksamwerden von immer höher gearteten, immer fundamentaleren Widersprüchlichkeiten.

Der Fortschritt ist zwar eine Zusammenfassung menschlicher Tätigkeiten, aber nie ihre Vollendung im Sinne irgendwelcher Theologien: Darum werden von dieser Entwicklung primitive, noch so schöne, aber ökonomisch bornierte Vollendungen immer wieder zerstört; darum erscheint der objektiv ökonomische Fortschritt stets in der Form neuer gesellschaftlicher Konflikte. So entstehen aus der ursprünglichen Gemeinschaft der Menschen die unlösbar scheinenden Antinomien der Klassengegensätze; darum sind auch die ärgsten Formen der Unmenschlichkeit Ergebnisse eines solchen Fortschritts. So ist in den Anfängen die Sklaverei ein Fortschritt dem Kannibalismus gegenüber; so ist heute die Allgemeinheit der Entfremdung der Menschen ein Symptom dafür, daß die ökonomische Entwicklung das Verhältnis des Menschen zur Arbeit zu revolutionieren im Begriffe ist.

Einzelheit ist bereits eine Naturkategorie des Seins und Gattung ist es gleichfalls. Diese beiden Pole des organischen Seins können ihre Selbsterhöhung zur menschlichen Persönlichkeit und zur Menschengattung im gesellschaftlichen Sein nur simultan, nur im Prozeß des immer Gesellschaftlicherwerdens der Gesellschaft erhalten. Der Materialismus vor Marx kam hier nicht einmal bis zur Fragestellung. Für Feuerbach gibt es, nach dem kritischen Vorwurf von Marx, nur das isolierte menschliche Individuum auf der einen und eine stumme, die vielen einzelnen nur naturhaft verbindende Gattung auf der anderen Seite. Die Aufgabe einer historisch gewordenen materialistischen Ontologie ist dagegen, die Genesis, das Wachstum, die Widersprüche innerhalb der einheitlichen Entwicklung aufzudecken; zu zeigen, daß der Mensch, als Produzent und zugleich als Produkt der Gesellschaft, im Menschsein etwas Höheres verwirklicht, als bloß einzelnes Exemplar einer abstrakten Gattung zu sein, daß Gattung auf diesem Seinsniveau, auf dem des entwickelten gesellschaftlichen Seins keine bloße Verallgemeinerung mehr ist, deren Exemplare ihr „stumm“ zugeordnet bleiben, daß sie sich vielmehr zu einer immer deutlicher artikulierenden Stimme erheben, zur seiend-gesellschaftlichen Synthese der Individualitäten gewordenen Einzelnen mit der ihnen selbstbewußt gewordenen Menschengattung.

IV.

Als Theoretiker dieses Seins und Werdens zieht Marx alle Folgerungen aus der historischen Entwicklung. Er stellt fest, daß die Menschen mittels der Arbeit sich selbst zu Menschen machten, daß aber die bisherige Geschichte doch nur eine Vorgeschichte der Menschheit ist. Die echte Geschichte kann erst mit dem Kommunismus, also mit dem höheren Stadium des Sozialismus beginnen. Der Kommunismus ist also bei Marx keine utopisch-gedankliche Vorwegnahme eines zu erreichenden Zustandes der erdachten Vollendung, sondern im Gegenteil der reale Beginn der Entfaltung; jener echt menschlichen Kräfte, die die bisherige Entwicklung als wichtige Errungenschaften der Menschwerdung hervorgebracht, reproduziert, widerspruchsvoll höherentwickelt hat. All dies ist die Tat der Menschen selbst, das Ergebnis ihrer eigenen Tätigkeit.

„Die Menschen machen ihre Geschichte selbst“, sagt Marx, „aber nicht unter selbstgewählten Umständen.“ Das bedeutet dasselbe, was wir früher so formuliert haben, daß der Mensch ein antwortendes Wesen ist. Es spricht sich hier die dem gesellschaftlichen Sein widerspruchsvoll-untrennbar innewohnende Einheit von Freiheit und Notwendigkeit aus, die bereits in der Arbeit als untrennbar-widersprüchliche Einheit der teleologischen Alternativentscheidungen mit den unaufhebbar kausal-zwangsläufigen Voraussetzungen und Folgen wirksam war. Eine Einheit, die sich auf allen gesellschaftlich-persönlichen Ebenen der menschlichen Aktivität in immer neuen, immer verwickelteren und vermittelteren Formen stets neu reproduziert.

Darum spricht Marx von der Periode des Anfangs der echten Menschheitsgeschichte als von einem „Reich der Freiheit“, das aber „nur auf jenem Reich der Notwendigkeit“ (der ökonomisch-sozialen Reproduktion der Menschheit, der objektiven Entwicklungstendenzen, auf die wir früher hingewiesen haben) „als seiner Basis aufblühen kann“.

Gerade diese Gebundenheit des Reichs der Freiheit an seine gesellschaftlich-materielle Basis, an das (ökonomische) Reich der Notwendigkeit zeigt die Freiheit des Menschengeschlechts als Ergebnis seiner eigenen Tätigkeit auf. Freiheit, auch ihre Möglichkeit, ist weder Naturgegebenes, noch ein Geschenk von „oben“, auch kein Bestandteil — rätselhaften Ursprungs — des menschlichen Wesens. Sie ist das Produkt der menschlichen Tätigkeit selbst, die zwar konkret stets anderes erzielt, als sie gewollt hat, jedoch in ihren realen Folgen — objektv — den Spielraum der Freiheitsmöglichkeit doch ständig ausdehnt. Und zwar unmittelbar im ökonomischen Entwicklungsprozeß, indem sie einerseits Zahl, Tragweite usw. der menschlichen Alternativentscheidungen ausdehnt, anderseits die Fähigkeiten der Menschen durch Steigerung der ihnen von ihrer Tätigkeit her gestellten Aufgaben ebenfalls erhöht. Das ist natürlich noch alles: Reich der Notwendigkeit.

Die Entwicklung des Arbeitsprozesses, des Tätigkeitsfeldes hat aber auch andere, indirektere Folgen: vor allem die Entstehung und Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Diese hat die Fähigkeitssteigerungen zur unvermeidlichen Basis, ist aber keineswegs deren einfache, geradlinige Fortführung. Ja in der bisherigen Entwicklung besteht zwischen ihnen oft sogar vorherrschend ein Verhältnis der Gegensätzlichkeit. Dieses ist auf den verschiedenen Etappen der Entwicklung verschieden, verschärft sich jedoch mit ihrer Höhe. Heute scheint die sich immer stärker differenzierende Fähigkeitsentwicklung geradezu als Hindernis des Persönlichkeitswerdens zu wirken, als Vehikel zur Entfremdung der menschlichen Persönlichkeit.

Schon mit der primitivsten Arbeit hört die Gattungsmäßigkeit der Menschen auf, stumm zu sein. Sie erreicht aber zunächst und unmittelbar bloß ein Ansichsein: das tätige Bewußtsein über den jeweils vorhandenen, ökonomisch fundierten gesellschaftlichen Zusammenhang. So groß die Fortschritte der Gesellschaftlichkeit auch geworden sind, soweit sich ihr Horizont auch ausgedehnt hat, das generelle Bewußtsein des Menschengeschlechts hat diese Partikularität des jeweils gegebenen Standes für Mensch und Gattung noch nicht überschritten.

Dennoch verschwand auch die höhere Gattungsmäßigkeit niemals völlig von der Tagesordnung der Geschichte. Marx bestimmt das Reich der Freiheit als eine „menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt“, die also für Einzelmensch wie Gesellschaft gehaltvoll genug ist, um als Selbstzweck zu gelten. Es ist vorerst klar, daß eine solche Gattungsmäßigkeit eine bis jetzt noch bei weitem nicht erreichte Höhe des Reichs der Notwendigkeit voraussetzt. Erst wenn die Arbeit wirklich völlig von der Menschheit beherrscht wird, erst wenn ihr deshalb bereits die Möglichkeit innewohnt, „nicht nur Mittel zum Leben“ zu sein, sondern „erstes Lebensbedürfnis“, erst wenn die Menschheit jeden Zwangscharakter der eigenen Selbstreproduktion überholt hat, ist der gesellschaftliche Weg für menschliche Tätigkeit als Selbstzweck freigelegt.

Freilegen heißt: die notwendigen materiellen Bedingungen herbeischaffen; einen Möglichkeitsspielraum für die freie Selbstbetätigung. Beides sind Produkte der menschlichen Tätigkeit. Die erste aber die einer notwendigen Entwicklung, die zweite des richtigen, menschenwürdigen Gebrauchs des notwendig Hervorgebrachten. Die Freiheit selbst kann nicht bloß ein notwendiges Produkt einer zwangsläufigen Entwicklung sein, auch wenn alle Voraussetzungen ihrer Entfaltung erst in dieser die Möglichkeiten ihres Seiendwerdens erhalten.

Darum handelt es sich hier nicht um eine Utopie. Denn erstens sind sämtliche reale Möglichkeiten ihrer Verwirklichung von einem notwendigen Prozeß hervorgebracht. Nicht umsonst wurde ein so großes Gewicht auf das Freiheitsmoment in den Alternativentscheidungen bereits der anfänglichsten Arbeit gelegt. Der Mensch muß seine Freiheit durch eigene Tat erwerben. Er kann es aber nur tun, weil jede seiner Tätigkeiten bereits ein Moment der Freiheit als notwendigen Bestandteil mitenthielt.

Es handelt sich jedoch um weitaus mehr. Wenn dieses Moment nicht im Lauf der ganzen Menschheitsgeschichte ununterbrochen auftreten, wenn es nicht eine fortlaufende Kontinuität in ihr bewahren würde, könnte es natürlich auch bei der großen Wendung nicht die Rolle des subjektiven Faktors spielen. Die widerspruchsvolle Ungleichmäßigkeit der Entwicklung selbst hat aber stets solche Folgen gehabt. Schon der rein kausale Charakter der Folgen der teleologischen Setzungen läßt jeden Fortschritt als Einheit in der Gegensätzlichkeit von Fortschritt und Rückschritt in die Welt treten. Mit den Ideologien wird dies nicht nur zur Bewußtheit (oft zu einer falschen Bewußtheit) erhoben, den jeweils gegensätzlichen gesellschaftlichen Interessen entsprechend ausgefochten, sondern immer wieder auch auf die Gesellschaften als lebendige Totalitäten, auf die Menschen als ihren wahren Weg suchenden Persönlichkeiten bezogen. In bedeutenden Einzeläußerungen kommt also das — bisher immer fragmentarische — Bild einer Welt der menschlichen Tätigkeiten, die wert ist, als Selbstzweck zu gelten, immer wieder zum Ausdruck: während die meisten, in ihrer Zeit epochemachenden praktischen Neuordnungen so oft spurlos aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwinden, bleiben diese praktisch notwendig vergeblichen, oft zum tragischen Untergang verurteilten Ansätze vielfach unausrottbar in der Erinnerung der Menschheit lebendig.

Das Bewußtsein des besten Teils der Menschheit, der Menschen, die im Prozeß des echten Menschwerdens einen Schritt weiter zu gehen imstande sind, als jeweils die meisten ihrer Zeitgenossen, gibt bei aller praktischen Problematik ihrer Äußerungen ihnen eine solche Dauer.

Es kommt in ihnen eine Verbundenheit von Persönlichkeit und Gesellschaft zum Ausdruck, die gerade auf diese vollentwickelte Gattungsmäßigkeit des Menschen intendiert; eine Bereitschaft, in den Krisen der normal erreichten Möglichkeiten der Gattung ein inneres Weitergehen in Angriff zu nehmen, ein Weitergehen, das bei dem materiellen Erfülltsein der Möglichkeiten einer Gattungsmäßigkeit für sich, diese real herbeizuführen hilft.

Die meisten Ideologien standen und stehen im Dienst der Erhaltung und Entwicklung der Gattungsmäßigkeit an sich. Sie sind deshalb stets aufs Konkret-Aktuelle ausgerichtet, mit gewollt verschiedenen Arten des aktuellen Ausfechtens ausgerüstet. Nur die große Kunst sowie die beispielgebenden Verhaltensweisen einzelner handelnder Menschen wirken in dieser Richtung, werden ohne Zwang im Gedächtnis der Menschheit aufbewahrt, akkumulieren sich als Bedingungen einer Bereitschaft: Die Menschen für ein Reich der Freiheit innerlich vorzubereiten. Es handelt sich dabei vor allem um ein gesellschaftlich-menschliches Ablehnen jener Tendenzen, die dieses Menschwerden des Menschen gefährden. Der junge Marx hat z.B. in der Herrschaft der Kategorie des „Habens“ eine solche zentrale Gefahr erkannt. Nicht zufällig gipfelt der menschliche Befreiungskampf bei ihm in der Perspektive, daß die menschlichen Sinne zu Theoretikern werden sollen. Es ist also sicher kein Zufall, daß, neben den großen Philosophen, Shakespeare und die griechischen Tragiker eine so große Rolle in der geistigen Formation und in der Lebensführung von Marx spielten. (Auch die Einschätzung der Appassionata bei Lenin ist keine zufällige Episode.)

In ihnen kommt zum Ausdruck, daß die Klassiker des Marxismus, im Gegensatz zu ihren auf exaktes Manipulieren eingestellten Epigonen, die besondere Art der Verwirklichbarkeit des Reichs der Freiheit nie aus den Augen verloren haben. Freilich wußten sie ebenso klar die unentbehrliche fundierende Rolle des Reichs der Notwendigkeit einzuschätzen.

Heute muß bei einem Erneuerungsversuch der Marxschen Ontologie beides festgehalten werden: die Polarität des Materiellen im Wesen, in der Beschaffenheit des gesellschaftlichen Seins, aber zugleich damit die Einsicht, daß eine materialistische Auffassung der Wirklichkeit nichts mit der heute üblichen Kapitulation vor objektiven wie subjektiven Partikularitäten zu tun hat.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1971
, Seite 30
Autor/inn/en:

Georg Lukács:

Geboren 1885 in Budapest. Philosoph, Literaturhistoriker und politischer Theoretiker. Seit 1918 war Lukács Mitglied der ungarischen KP, 1919 wirkte er als stellvertretender Volkskommissar für das Unterrichtswesen in der Räterepublik. Lukács emigrierte nach Wien, Berlin und Moskau. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Ungarn zurück und arbeitete als Professor. Lukács war führendes Mitglied des Petöfi-Klubs und beteiligte sich am Ungarnaufstand 1956.

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