FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 160-161
Georg Lukács

Die Sowjetunion ist nicht typisch

Zur Theorie der ungleichmäßigen Entwicklung bei Marx — I. Teil

Zum 60. Geburtstag von Wolfgang Abendroth.

Vorbemerkung

Die hier veröffentlichten Darlegungen sind einem noch unvollendetem Buch „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ entnommen. Da sie hier aus dem Zusammenhang des Ganzen herausgerissen werden mußten, ist es unvermeidlich, daß sie sowohl Anwendungen früherer Ausführungen wie Hinweise auf später Auszuführendes enthalten. Der Verfasser hofft, daß dieser, in seiner Problematik selbständige Teil, trotz solcher Mängel doch als einheitlicher und kohärenter Gedankengang wirken kann. — Der Band „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ erscheint im Rahmen der Werke von Georg Lukács 1968 beim Hermann Luchterhand Verlag.

Im historischen Gesamtprozeß sind Geschichtlichkeit und echte rationale Gesetzlichkeit ontologisch untrennbar verbunden; diesbezüglich wird der Marxismus häufig, ja fast in der Regel mißverstanden. Die philosophisch-rationalistische Auffassung des Fortschritts fand bei Hegel ihre faszinierendste Verkörperung; es lag sehr nahe, diese Auffassung — ins Materialistische umgestülpt und unter gebührender Vorherrschaft des Ökonomischen — auf den Marxismus zu übertragen, um aus ihm eine neuartige Geschichtsphilosophie zu machen. Marx selbst hat gegen solche Auffassung seiner Methode immer protestiert.

Am deutlichsten geschah dies in einem Brief, Ende 1877, an die Redaktion der russischen Revue „Otjeschestwennyje Sapiski“; Marx wendet sich darin gegen eine unzulässige geschichtsphilosophische Verallgemeinerung seiner Lehre von der ursprünglichen Akkumulation, als ob deren Entwicklung, wie sie sich in Westeuropa vollzog, ein unabänderliches Gesetz wäre, dem man im voraus logisch zwingende Geltung auch für Rußland zusprechen müßte. Marx bestreitet nicht, eine Gesetzmäßigkeit der ökonomischen Entwicklung festgestellt zu haben, d.h. eine Tendenz, die sich unter bestimmten Umständen zwangsläufig durchsetzt:

Das ist alles. Aber das ist meinem Kritiker zu wenig. Er muß durchaus meine historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsweges verwandeln, dem alle Völker schicksalsmäßig unterworfen sind, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden, um schließlich zu jener ökonomischen Formation zu gelangen, die mit dem größten Aufschwung der Produktionskräfte der gesellschaftlichen Arbeit die allseitigste Entwicklung sichert. Aber ich bitte um Verzeihung. Das heißt mir zugleich zu viel Ehre und zu viel Schimpf antun.

Der Protest, den Marx gegen eine geschichtsphilosophische Verallgemeinerung seiner historischen Methode erhebt, hängt auf das engste mit der Hegelkritik seiner Jugendzeit zusammen; er wandte sich immer dagegen, daß Hegel reale Zusammenhänge in logisch notwendige Gedankenabfolgen verwandelt. Natürlich ist dies in erster Linie eine Kritik des Hegel’schen philosophischen Idealismus, zugleich jedoch — was weder von diesem, noch von der Marx’schen Kritik zu trennen ist — eine Kritik des Versuches, Geschichtsphilosophie logisch zu begründen.

In einer solchen Geschichtsphilosophie folgen historische Perioden und Gestalten (am deutlichsten in der Geschichte der Philosophie) mit methodologischer Notwendigkeit aus einer Aufeinanderfolge von logischen Kategorien. Bei Marx hingegen sind historische Kategorien niemals Stationen auf dem Weg des Geistes von der Substanz zum Subjekt; sie sind einfach „Daseinsformen“, „Existenzbestimmungen“; [1] sie müssen innerhalb der historischen Komplexe, in denen sie existieren und wirken, ontologisch begriffen werden, so wie sie eben sind.

Prozesse, durch die bestimmte historische Daseinsformen entstehen, fortdauern oder verschwinden, haben ihre gesetzmäßige Rationalität und darum auch ihre Logik; dies ist ein wichtiges methodologisches Mittel zur Erkenntnis dieser Prozesse, nicht jedoch das reale Fundament ihres Seins, wie bei Hegel. Wird diese methodologisch ausschlaggebende Kritik an Hegel vernachlässigt, so bleibt dessen auf Logik gestütztes System bestehen, trotz materialistischer Umkehr aller Vorzeichen. Damit wird ein unüberwundenes Hegel’sches Motiv im Marxismus stehen gelassen: die ontologisch-kritische Geschichtlichkeit des Gesamtprozesses erscheint als logizistische Geschichtsphilosophie.

Ist der Sozialismus „notwendig“?

Es bedarf keiner Aufzählung von Beispielen, um klar zu machen, daß die Interpretation des Marxismus voll von solchen Überresten der Hegel’schen Geschichtsphilosophie ist. Die Interpretation des Marxismus steigert sich zuweilen — trotz Materialismus — zu einer logisch vermittelten teleologischen Notwendigkeit des Sozialismus.

Nach alledem wäre es kaum mehr nötig, gegen solche Anschauungen aufzutreten, wenn nicht auch Engels gelegentlich der Faszination unterlegen wäre, die von Hegels Logisierung der Geschichte ausgeht. In einer Besprechung der Marx’schen Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ befaßt sich Engels mit dem methodologischen Dilemma „historisch oder logisch“. Seine Entscheidung lautet so:

Die logische Behandlungsweise war also allein am Platz. Diese aber ist in der Tat nichts anderes als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten. Womit diese Geschichte anfängt, damit muß der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird nichts sein, als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der wirkliche geschichtliche Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife, seiner Klassizität betrachtet werden kann. [2]

Der entscheidende Gegensatz der Engels’schen Auffassung zur Auffassung von Marx liegt im Primat der logischen Behandlungsweise, die hier mit der historischen identifiziert wird, „nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeit“. Geschichte, entkleidet der historischen Form: in dieser Engels’schen Auffassung steckt vor allem der Rückgriff auf Hegel.

In Hegels Philosophie erscheint die Geschichte, wie die ganze Wirklichkeit nur als eine Realisation der Logik erschien. So konnte Hegel das historische Geschehen von seiner historischen Form befreien und wieder auf sein eigentliches Wesen, auf das Logische zurückführen. Für Marx — und sonst auch für Engels — ist aber die Geschichtlichkeit eine nicht weiter reduzierbare ontologische Beschaffenheit der Bewegung der Materie — insbesondere wenn, wie hier, ausschließlich vom gesellschaftlichen Sein die Rede ist.

Es ist möglich, die allgemeinsten Gesetze dieses Seins auch logisch zu fassen, es ist aber nicht möglich, sie auf Logik zu reduzieren. Daß dies hier geschieht, zeigt schon der von Engels verwendete Ausdruck „störende Zufälligkeit“; ontologisch kann ein „Zufall“ sehr wohl Träger einer wesentlichen Tendenz sein, ungeachtet dessen, daß er rein logisch als „störend“ erscheint.

Es ist nicht Aufgabe dieser Darlegungen, gegen die Engels’sche Auffassung ausführlich zu polemisieren. Es kommt hier nur darauf an, den Gegensatz zu der Marxschen Auffassung zu erörtern. Marx geht in der Einleitung zum Rohentwurf des „Kapitals“ vor allem davon aus, daß die einzelnen geschichtlichen Kategorien nur in ihrer konkreten Eigenart begriffen werden können; sie werden durch die jeweilige geschichtliche Formation bestimmt, niemals bloß durch ihre logische Charakteristik, etwa als „einfach“ oder „entwickelt“. Marx betont,

daß die einfachen Kategorien Ausdrücke von Verhältnissen sind, in denen das unentwickelte Konkrete sich realisiert haben mag, ohne noch die vielseitigere Beziehung oder das Verhältnis, das in der konkreteren Kategorie geistig ausgedrückt ist, gesetzt zu haben; während das entwickeltere Konkrete dieselbe Kategorie als ein untergeordnetes Verhältnis beibehält. Geld kann existieren und hat historisch existiert, ehe Kapital existierte, ehe Banken existierten, ehe Lohnarbeit existierte etc. Nach dieser Seite hin kann also gesagt werden, daß die einfachere Kategorie herrschende Verhältnisse eines unentwickelteren Ganzen ausdrücken kann, die historisch schon Existenz hatten, ehe das Ganze sich nach der Seite entwickelte, die in einer konkreteren Kategorie ausgedrückt ist. Insofern entspräche der Gang des abstrakten Denkens, das vom Einfachsten zum Kombinierten aufsteigt, dem wirklichen historischen Prozeß. [3]

Marx weist jedoch sogleich darauf hin,

daß es sehr entwickelte, aber doch historisch unreifere Gesellschaftsformen gibt, in denen die höchsten Formen der Ökonomie, z.B. Kooperation, entwickelte Teilung der Arbeit etc. stattfinden, ohne daß irgendein Geld existiert, z.B. in Peru. [4]

Was nun eine so zentrale Kategorie wie die Arbeit betrifft, erklärt Marx folgendes:

Arbeit scheint eine ganz einfache Kategorie. Auch die Vorstellung derselben in dieser Allgemeinheit — als Arbeit überhaupt — ist uralt. Dennoch, ökonomisch in dieser Einfachheit gefaßt, ist Arbeit eine ebenso moderne Kategorie, wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen. [5]

Die Beispiele ließen sich aus dem inhaltsreichen Text des Marx’schen Rohentwurfs zum „Kapital“ leicht vermehren, wir begnügen uns jedoch mit der methodologischen Schlußfolgerung:

Die bürgerliche Gesellschaft ist die entwickeltste und mannigfaltigste historische Organisation der Produktion. Die Kategorien, die ihre Verhältnisse ausdrücken, das Verständnis ihrer Gliederung gewähren daher zugleich Einsicht in die Gliederung und die Produktionsverhältnisse aller der untergegangenen Gesellschaftsformen, mit deren Trümmern und Elementen sie sich aufgebaut, von denen teils noch unüberwundene Reste sich in ihr fortschleppen, bloße Andeutungen sich zu ausgebildeten Bedeutungen entwickelt haben etc. In der Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf Höheres in den untergeordneteren Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist. Die bürgerliche Ökonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc. [6]

Notwendigkeit „post festum“

Wir finden also auch hier eine Bestätigung der ontologischen Notwendigkeit der Haupttendenzen der Gesamtentwicklung, denen eine Erkenntnis post festum zugeordnet ist. Diese Notwendigkeit ist zwar rational zu begreifen, wenn auch nur post festum, aber eben darum wird jede rationalistische Überspannung ins rein logisch Notwendige strikt abgelehnt. Die Antike entsteht mit Seinsnotwendigkeit, wird ebenso seinsnotwendig vom Feudalismus abgelöst usw. Man kann aber nicht sagen, daß aus der Sklavenwirtschaft die Leibeigenschaft logisch-rational „folgt“.

Natürlich können aus solchen post festum erfolgten Analysen und Feststellungen auch Folgerungen für analoge andere Entwicklungen gezogen werden, wie auch allgemeine Zukunftstendenzen aus den bisherigen allgemein erkannten abgeleitet werden können. Solche ontologische Notwendigkeit wird aber sogleich verfälscht, wenn man aus ihr eine logisch fundierte „Geschichtsphilosophie“ machen will.

Diese Seinsstruktur ist ferner nur in konkreten bewegten Komplexen, die (relative) Totalitäten bilden, ontologisch möglich. „Elemente“ (Einzelkategorien) haben, d.h. für sich genommen außerhalb der Ganzheiten, in denen sie real figurieren, keine eigene Geschichtlichkeit.

Soweit Teiltotalitäten (relativ) selbständig und eigengesetzlich sich bewegende Komplexe sind, ist der Ablaufprozeß ihres Seins ebenfalls historisch, z.B. das Leben eines jeden Menschen, z.B. die Existenz jener Gebilde, Komplexe etc., die innerhalb einer Gesellschaft als relativ selbständige Seinsformen entstehen, wie etwa die Entwicklung einer Klasse. Da aber die hier wirksame Selbstbewegung sich nur in Wechselwirkung mit dem jeweils größeren Komplex real abspielen kann, ist diese Selbständigkeit eine relative und in verschiedenen strukturellen und historischen Fällen von höchst verschiedener Art.

Im Vorwort zur 1. Auflage des „Kapitals“ spricht Marx von der Entwicklung des Kapitalismus in England als einer „klassischen“. Marx verweist dabei deutlich auf das Methodologische dieser Bestimmung. Er beruft sich auf den Physiker, der die Naturprozesse dort studiert, „wo sie in der prägnantesten Form und von störenden Einflüssen mindest getrübt erscheinen“; konsequent wird dieser Gedanke zur Betonung des Experiments ausgeweitet, weil durch dieses Bedingungen verwirklicht werden, „welche den reinen Vorgang des Prozesses sichern“. [7]

Es gehört zum Wesen des gesellschaftlichen Seins, daß in ihm Experimente im Sinne der Naturwissenschaften prinzipiell unmöglich sind — infolge der spezifischen Vorherrschaft des Historischen als Grundlage und Bewegungsform dieses Seins. Soll nun das möglichst reine Funktionieren allgemeiner ökonomischer Gesetze in der Wirklichkeit untersucht werden, so gilt es, geschichtliche Entwicklungsetappen ausfindig zu machen, in denen die besondere Gunst der Umstände Konfigurationen schafft, in denen diese allgemeinen Gesetze zu einer hochgradigen, von fremden Komponenten ungestörten Entfaltung gelangen können. Aus solchen Erwägungen sagt Marx über die Entwicklung des Kapitalismus: „Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England.“ [8]

Bei dieser Bestimmung ist die Einschränkung „bis jetzt“ besonders hervorzuheben. Sie weist darauf hin, daß die Klassizität einer ökonomischen Entwicklungsphase eine rein historische Charakteristik ist: die heterogenen Komponenten des gesellschaftlichen Aufbaus und seiner Entwicklung bringen zufällig solche oder andere Umstände und Bedingungen hervor.

Wenn wir hier den Ausdruck „zufällig“ gebrauchen, so müssen wir an den ontologischen, objektiven und streng kausal determinierten Charakter dieser Kategorie erinnern. Da ihre Wirksamkeit vor allem auf der heterogenen Beschaffenheit der Verhältnisse in gesellschaftlichen Komplexen beruht, kann die Art ihres Geltendwerdens nur post festum als streng begründet, als notwendig und vernünftig begriffen werden.

In der Wechselbeziehung heterogener Komplexe, deren Gewicht, Stoßkraft, Proportionen etc. ununterbrochenen Veränderungen unterworfen sind, können die so entstehenden kausalen Wechselwirkungen unter bestimmten Umständen ebenso von der Klassizität wegführen, wie sie diese herbeigeführt haben.

Der historische Charakter solcher Konstellationen kommt vor allem darin zum Ausdruck, daß die Klassizität keinen „ewigen“ Typus repräsentiert, sondern die möglichst reine Erscheinungsweise einer bestimmten Formation oder vielleicht nur einer ihrer Phasen ist. Die Marx’sche Bestimmung der englischen Entwicklung, ihrer Vergangenheit und Gegenwart, als „klassisch“ schließt also keineswegs aus, daß wir etwa heute die amerikanische Form als klassische anzuerkennen berechtigt sind.

Die Engels’sche Analyse einer viel früheren und primitiveren Formation ist geeignet, obiges noch konkreter darzustellen. Engels betrachtet Athen als klassische Verkörperung der antiken Polis-Formation: „Athen bietet die reinste, klassischste Form: hier entspringt der Staat direkt und vorherrschend aus den Klassengegensätzen, die sich innerhalb der Gentilgesellschaft selbst entwickeln.“ [9]

An einer anderen Stelle erörtert er diese Entwicklungsform so:

Die Entstehung des Staates bei den Athenern ist ein besonders typisches Muster der Staatsgründung überhaupt, weil sie einerseits ganz rein, ohne Einmischung äußerer oder innerer Vergewaltigung vor sich geht ... weil sie anderseits einen Staat von sehr hoher Formentwicklung, die demokratische Republik, unmittelbar aus der Gentilgesellschaft hervorgehen läßt. [10]

Dem Wesen dieser Formation entsprechend, liegt der Akzent bei Engels darauf, daß der athenische Staat aus der Wechselwirkung innerer sozialer Kräfte entstand, und nicht, wie die meisten anderen Staaten dieser Zeit, durch äußere Ursachen wie Eroberung und Unterwerfung. Damit ist zugleich betont, daß auf dieser Stufe die rein gesellschaftliche Immanenz der bestimmenden ökonomisch-sozialen Kräfte noch durchaus zufällig war, d.h. zu den für die Analyse glücklichen Einzelfällen gehörte.

„Reine“ Ökonomie

Die klassische Entwicklung beruht darauf, daß die Produktivkräfte eines bestimmten Gebietes auf einer bestimmten Stufe die innere Macht besitzen, die Distributionsverhältnisse in ihrem Sinne ökonomisch zu ordnen, ohne daß äußere, überwiegend außerökonomische Gewalt eingeschaltet werden muß, um den ökonomisch notwendig gewordenen Zustand durchzusetzen.

Im Falle der griechischen Stadtstaaten war fremde Eroberung der häufigste Fall einer solchen nichtklassischen Entwicklung. Natürlich schließt eine klassische, rein innere Kräfte mobilisierende Entwicklung keineswegs jede Gewaltanwendung aus; Engels spricht von der Bedeutung der Klassenkämpfe in Athen. Es ist aber ein qualitativer Unterschied, ob die Gewalt ein Moment zur Durchführung der von inneren ökonomischen Kräften dirigierten Entwicklung ist oder ob sie durch direkte Umschichtung der Distributionsverhältnisse völlig neue Bedingungen für die Ökonomie schafft. Bezeichnenderweise beginnt Marx seine Schilderung der klassischen Entwicklung des Kapitalismus in England nicht mit dessen gewaltsamer Entstehung, mit der ursprünglichen Akkumulation, mit der gewaltsamen Hervorbringung des für den Kapitalismus unentbehrlichen „freien“ Arbeiters; erst nachdem er die sich klassisch äußernden ökonomischen Gesetzlichkeiten umfassend dargelegt hat, kommt er auf diese reale Genesis des Kapitalismus zu sprechen und bemerkt hiezu:

Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den Naturgesetzen der Produktion überlassen bleiben, d.h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst entspringenden, durch sie garantierten und verewigten Abhängigkeit vom Kapital. Anders während der historischen Genesis der kapitalistischen Produktion. [11]

England wird zum klassischen Land des Kapitalismus erst nach und infolge der ursprünglichen Akkumulation. Wenn wir den Begriff der „klassischen“ Entwicklung bei Marx richtig begreifen wollen, so muß seine völlig wertfreie Objektivität festgehalten werden. „Klassisch“ nennt Marx einfach eine Entwicklung, in der die letztlich bestimmenden ökonomischen Kräfte klarer, übersichtlicher, ungestörter als anderswo zum Ausdruck kommen.

Aus der in diesem Sinne gemeinten Klassizität der Entwicklung Athens ließe sich niemals dessen Überlegenheit über die anderen Polisgebilde direkt „ableiten“; eine solche bestand auch faktisch nur zu bestimmten Zeiten und auf bestimmten Gebieten. Nicht-klassisch entstandene gesellschaftliche Gebilde können ebenso lebensfähig sein wie klassisch entstandene, sie können diese in mancher Hinsicht sogar übertreffen.

Als derartiger Maßstab taugt also der Gegensatz des Klassischen und Nichtklassischen nicht allzuviel. Um so größer ist der Erkenntniswert des „klassischen“ Falles als ein in der Wirklichkeit selbst gegebenes „Modell“ der sich relativ rein auswirkenden ökonomischen Gesetzlichkeit. Marx sagt über Wesen und Grenzen solcher Erkenntnisse:

Eine Nation soll und kann von der anderen lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist — und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen —, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen, noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern. [12]

Dieser Wink von Marx, obgleich er äußerst selten verwertet wurde, hat große praktische Bedeutung, z.B. in der so heftig umstrittenen Frage der Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion. Es besteht heute kein Zweifel mehr, daß der sowjetische Sozialismus seine Lebensfähigkeit wiederholt und auf den verschiedensten Gebieten bewiesen hat. Es ist aber ebenso sicher, daß er kein Produkt einer klassischen Entwicklung war.

Lenin war sich völlig im Klaren, daß die sozialistische Revolution in Rußland keinen klassischen Charakter im Marx’schen Sinne haben konnte. In seiner Schrift „Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ betont er die internationale Gewichtigkeit der russischen Revolution und vieler ihrer Momente, zugleich aber ausdrücklich ihre nicht-klassische Wesensart:

Natürlich wäre es ein sehr schwerer Fehler, diese Wahrheit zu übertreiben und sie auf mehr als einige Grundzüge unserer Revolution auszudehnen. Ebenso wäre es verfehlt, außer acht zu lassen, daß nach dem Siege der proletarischen Revolution, sei es auch nur in einem der fortgeschrittenen Länder, aller Wahrscheinlichkeit nach ein jäher Umschwung eintreten und Rußland bald danach nicht mehr ein vorbildliches, sondern wieder ein rückständiges Land (im Sinne des Sozialismus und des Sowjetsystems) sein wird. [13]

An einer anderen Stelle kommt Lenin auf dasselbe Problem zurück und sagt,

daß es in Rußland in der konkreten, historisch außerordentlich eigenartigen Situation von 1917 leicht war, die sozialistische Revolution zu beginnen, während es ihm schwerer als den europäischen Ländern sein wird, sie fortzusetzen und zu Ende zu führen. [14]

Es kann unmöglich die Aufgabe dieser Betrachtung sein, eine auch nur andeutende Darstellung oder gar Kritik einzelner Handlungen der Sowjetregierung zu unternehmen. Nur auf ein Beispiel sei hingewiesen: Lenin sah im Kriegskommunismus eine von den Umständen aufgezwungene Notmaßnahme und in der „Neuen ökonomischen Politik“ (NEP) eine durch die besondere Lage herbeigeführte Übergangsform; wogegen Stalin allen seinen Versuchen, die Distribution der Bevölkerung in einem kapitalistisch zurückgebliebenen Land gewaltsam umzuschichten, allgemeine Vorbildlichkeit für jede sozialistische Entwicklung zuschrieb.

Stalin deklarierte damit, im Gegensatz zu Lenin, die Entwicklung in der Sowjetunion als klassisch. Solange diese Auffassung herrscht, ist es unmöglich, die wichtigen Erfahrungen der sowjetischen Entwicklung theoretisch fruchtbar auszuwerten, weil die Richtigkeit oder Falschheit einer jeden Phase dieser Entwicklung nur dann angemessen beurteilt werden kann, wenn sie als nicht-klassisch anerkannt wird. Die Stalin’sche Deklaration einer allgemein verbindlichen „Klassizität“ der sowjetischen Entwicklung hat einer Untersuchung dieses international so bedeutsamen Weges zum Sozialismus den Weg verlegt und alle Diskussionen über innere Reformen etc. auf falsche Geleise geschoben.

[1Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf) 1857-1858, Berlin 1953, S. 26.

[2Marx-Engels, Ausgewählte Schriften, Moskau-Leningrad 1934, I, 371/2 Bei Marx ohne Unterstreichungen.

[3Rohentwurf, 23. Bei Marx ohne Unterstreichungen.

[4Ebd.

[5Ebd. 24.

[6Ebd. 25 f.

[7Kapital I., VI.

[8Ebd.

[9Engels, Ursprung etc., Ostberlin 1953, 168.

[10Ebd. 118 f.

[11Kapital I, 703.

[12Ebd. VIII.

[13Lenin, Werke 31, S.

[14Ebd. 49.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1967
, Seite 344
Autor/inn/en:

Georg Lukács:

Geboren 1885 in Budapest. Philosoph, Literaturhistoriker und politischer Theoretiker. Seit 1918 war Lukács Mitglied der ungarischen KP, 1919 wirkte er als stellvertretender Volkskommissar für das Unterrichtswesen in der Räterepublik. Lukács emigrierte nach Wien, Berlin und Moskau. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Ungarn zurück und arbeitete als Professor. Lukács war führendes Mitglied des Petöfi-Klubs und beteiligte sich am Ungarnaufstand 1956.

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