FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 171-172
Rudolf Scherer

Kulturgenerationen

Claude Lévi-Strauss weist im 3. Kapitel (Sprache und Gesellschaft) seines Buchs „Strukturale Anthropologie“ auf eine Arbeit der amerikanischen Anthropologen A. L. Kroeber und J. Richardson [1] hin: ... „In einer Untersuchung über die Stilentwicklung der weiblichen Kleidung hat Kroeber sich mit der Mode befaßt, das heißt mit einem sozialen Phänomen, das eng an die unbewußte Tätigkeit des Geistes gebunden ist. Wir wissen selten deutlich, warum ein bestimmter Stil uns gefällt oder warum er aus der Mode kommt. Kroeber hat nun gezeigt, daß diese scheinbar willkürliche Entwicklung Gesetzen gehorcht ...“ Der Autor der nachfolgenden Anmerkungen, Dipl.-Ing. Rudolf Scherer, Wiener Privatgelehrter, hat durch die Formanalyse genau datierter Abbildungen [2] für den Zeitraum 1788 bis 1914 eine Periode modischer Wandlung berechnet, die nur um einige Dezimalstellen von jener abweicht, die sich aus den statistischen Berechnungen der amerikanischen Wissenschaftler ergeben hat (Kroeber und Richardson: 3,77 Jahre, Scherer: 3,94).

Wien die Alchemisten die Umwandlung aller Stoffe ineinander suchten, so versuchen seit langer Zeit Kulturhistoriker, man braucht nur an berühmte Namen wie Spengler und Toynbee denken, eine Periodisierung der Kulturen.

Die Alchemisten, zu Unrecht nur als Goldmacher bekannt, jahrhundertelang geschätzt und geschmäht, hatten schließlich Erfolg, denn ihre Nachfahren, die Chemiker und Physiker unserer Zeit, haben mit der Kernspaltung bestätigt, daß diese uralte Idee kein Hirngespinst war.

Den Kulturhistorikern ist ein exakter Nachweis der These, Kulturformen wiederholten sich irgendwie in ihren wesentlichen Grundzügen, noch nicht gelungen. Die Ähnlichkeit derartiger Grundzüge ist aber bei vielen Kulturperioden so unverkennbar, daß der Gedanke trotz aller Widerstände immer wieder auftaucht.

Der amerikanische Anthropologe A. L. Kroeber machte 1919 in einem Artikel den Versuch, „Stilistische Wandlungen in einer objektiven und quantitativen Art“ mit Hilfe der Modeformen der Frauenkleider „zu definieren“. Zusammen mit Jane Richardson baute er diesen Versuch zu einer Studie aus. Kunsthistoriker verwenden seit jeher modische Formen der Kleidung, der Haartracht, aber auch der Komposition, der Technik, Farbgebung usw., um Entstehungszeiten undatierter Kunstwerke, welche solche Formen zeigen, ungefähr festzulegen. Wilhelm Pinder hat 1926 in seinem Buche „Das Problem der Generation“ diesen ganzen Komplex benützt, um auf zeitliche Gruppierungen von Kunstwerken und Künstlern hinzuweisen. Man kann zeitbedingte Darstellungsverschiedenheiten meistens wohl gut erkennen, aber man kann sie nicht messen, während man bei den Modeformen der Kleidung Rocklängen und -breiten, Taillenhöhen usw. messen und vergleichen kann. Außerdem lassen die Modeformen, genauer als Kunstwerke, neue Geschmacksrichtungen erkennen, weil sie leicht abzuändern sind. Diese Geschmacksänderungen und ihre Zeitpunkte sind es, welche Kroeber interessierten, und er hat sie zusammen mit Richardson in Tausenden von Messungen festgelegt, statistisch bearbeitet und eine Anzahl Folgerungen daraus gezogen.

Nun kann man an vergangene Modeformen, abgesehen von den üblichen Modeplaudereien, von der schneidertechnischen Seite aus mit Schnitten und Maßen herangehen, wie zum Beispiel Karl Köhler (Geschichte des Kostüms) und viele andere. Dadurch wird die handwerkliche Entstehung geklärt und eine richtige Nachahmung möglich.

Oder man kann den modischen Formwandel durch Jahrhunderte in seinen Hauptmaßen festlegen, daraus die Zeitpunkte der Formmaxima und -minima erfassen und eine Periodisierung versuchen. Das wollten Richardson und Kroeber.

Mein Weg, der in den Dreißigerjahren begann, ist es, diese Formen in ihrer typischen Erscheinung festzulegen, sie ihrem Sinn nach zu deuten und daraus die Kausalität ihrer Aufeinanderfolge abzuleiten.

Dazu ist vorerst mehr ein intuitives Erfassen nötig, das Kroeber vermeiden wollte. Die Mängel seiner Arbeit zeigen aber, daß man an eine quantitative Bearbeitung erst denken kann, wenn man die Modetypen für den gewünschten Zeitraum vollzählig und in der richtigen Reihenfolge miteinander vergleichen kann. Dann erst ist feststellbar, welche Messungen notwendig sind, um die primären Formänderungen wirklich zu erfassen.

Für den Zeitraum zwischen französischer Revolution und erstem Weltkrieg (1789 bis 1914) sind die Typen und ihre Reihung in meiner Arbeit angegeben. Sie zeigen jedem Betrachter, daß dieser Zeitraum modisch eine in sich abgeschlossene Epoche ist, mit einem Aufbau zu einem Höhepunkt in der Mitte, den Großröcken der Krinolinen, und einem Abbau, der sich jedoch anders vollzieht als der Aufbau. Überdies zerfällt diese Epoche in acht klar gegeneinander abgegrenzte Perioden, die ihr eigenes Formstreben in je vier Phasen durchführen.

Eine erotische und eine konstitutionelle Deutung der Formen und ihrer Reihung ermöglicht dann den Einbau dieser eher strengen Ordnung in das kulturelle Geschehen der Epoche, wodurch ganz allgemein der Zusammenhang der Modeformen mit Weltanschauung, Politik und Kunst sichtbar wird. Ein Unternehmen, das durch meine Sammlung von rund 60.000 Reproduktionen europäischer Kulturwerke wesentlich erleichtert wurde.

Das Endergebnis einer solchen Modebetrachtung ist überraschend. Der Formwandel in dieser Epoche erfolgt über zwei primäre Komponenten: Hüfthöhe und Hüftbreite. Hohe oder tiefe mit schmalen oder breiten Hüften kombiniert, ergeben vier Grundtypen der modischen Gestalten, welche sekundär durch die Direktiven einer spezialisierenden Erotik weitergeformt werden. Diese Direktiven entstammen der gleichzeitigen Weltanschauung, die ihrerseits von jeder Generation abgewandelt wird. Diese viererlei Menschentypen mit dem ihnen eigentümlichen Fühlen und Denken formen also vier aufeinanderfolgende Kulturabschnitte zu je 32 Jahren, aus denen sich die betrachtete Epoche zusammensetzt.

Die typischen Silhouetten
der vier Modegenerationen zwischen französischer Revolution und erstem Weltkrieg
Vier extreme Typen der Modekörper dieser Epoche

Boehn [3] und Kroeber versuchten noch weiter zurückzugehen, was nun mit der bereits gesicherten Reihe etwas besser möglich ist. Tatsächlich kann man im 16., 17. und 18. Jahrhundert zwei weitere solche Epochen, immer eine Entwicklung von schlanken Kleidformen zu voluminösen und wieder zurück, erkennen. Die Arbeit an diesen Reihen ist mühselig, weil hier die Modejournale fehlen und die Beschaffung von gut datierten und gleichzeitig gut zeigenden Gestaltportraits oder Gesellschaftsbildern schwierig ist. Die drei Epochen würden ungefähr von der Reformation mit den gleichzeitigen Ritter- und Bauernkriegen um 1520 über die englische Revolution um 1650 zur französischen Revolution um 1790 und bis zum ersten Weltkrieg reichen. Jede Epoche hätte so eine Änderung der Lebensauffassung als Ausgangspunkt, derzufolge sie dann ihren weiteren Ablauf formt.

Die Reformation ist nicht der Beginn der Renaissance, sondern ihr Ergebnis. Auch 1492, die Entdeckung Amerikas, üblicherweise als Beginn der Neuzeit angenommen, ist erst die Folge eines neuen Denkens, dessen europäischen Anfang man eher in die Zeit Botticellis oder in die etwas frühere der burgundischen Mode setzen kann. Diese betont nach langer Zeit wieder einzelne Körperteile, sie spezialisiert.

Ähnlich ist der erste Weltkrieg nicht das Ende einer Großepoche. Die meisten Europäer unserer Zeit wissen oder fühlen, daß sie noch einen geistigen Umbruch großen Ausmaßes miterleben, der sich auf allen Gebieten des realen Lebens auswirkt, etwa vergleichbar mit dem Umbruch des Mittelalters in die Neuzeit. Mit der Renaissance beginnt eine Spezialistenkultur, deren Ende nach rund 500 Jahren mit den reichen Ergebnissen eines öfter gewandelten Grundgedankens wir jetzt erleben.

Es ist wahrscheinlich, daß dieser Entwurf in seinen Grundzügen von den unausgesetzt mutierenden Modeformen abgelesen und damit nachgewiesen werden kann. Dann wäre nicht nur die kulturelle Struktur der Neuzeit bloßgelegt, sondern auch ein System gefunden, Kulturen zeitlich aufzugliedern und etwas objektiver zu verstehen.

[1J. Richardson and A. L. Kroeber, Three Centuries of Woman’s Dress Fashions. A Quantitative Analysis; Anthropological Records 5, 2, Berkeley, 1940.

[2Die detaillierten Ergebnisse der Arbeit liegen als MS vor: System und Sinn der modischen Wandlungen im 19. Jh.

[3Max von Boehn, Die Mode, letzte Aufl. 1964, München 1913. Derselbe: Bekleidungskunst und Mode, München 1918.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1968
, Seite 218
Autor/inn/en:

Rudolf Scherer:

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