FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 192
Günther Anders

Auschwitz auf lateinisch

Am 20. Oktober 1969 wurde Pendereckis Auschwitz-Oratorium „Dies Irae“ bei den „Musikprotokollen“, dem Musikfest des sogenannten Steirischen Herbstes, in Graz aufgeführt. Die Aufführung war eine doppelte Niederlage. Ich spreche nicht nur von der widerwärtigen Pseudohieratik und der Pseudosakralisierung, die die Übersetzung moderner Texte ins Lateinische darstellt, eine Masche, die skandalös ist, denn warum sollten denn Millionen vergaste und verbrannte Juden, Polen und Zigeuner auf lateinisch klagen? Diese Unehrlichkeit entspricht derjenigen des Gettodenkmals in Warschau, auf dem die sich zu Tod verteidigenden Juden, um antisemitischen Reaktionen zuvorzukommen und die Schablone des Heroismus zu verwirklichen, durchwegs als michelangeleske Davide, also als klassizistische und restlos dejudaisierte Figuren, dargestellt sind. Dazu kommt im Falle Penderecki die geschichtsphilosophische Komik, daß er heutige Lyrik in demjenigen Moment latinisiert hat oder hat latinisieren lassen, in dem die Kirche selbst sich bereits dazu entschlossen hat, bisher lateinisch zelebrierte Texte in den jeweiligen Volkssprachen zelebrieren zu lassen. Daß Vokalmusiken ohnehin schwer verständlich sind, das weiß jeder produzierende und nachschaffende Musiker. Die Steigerung dieser Schwerverständlichkeit durch Latinisierung der Texte läuft, wie feierlich sich das Latein auch geben mag, einfach auf eine beabsichtigte Neutralisierung des Auschwitzinhaltes heraus, den das Oratorium angeblich meint und verewigt. Dies die Niederlage Pendereckis.

Die zweite Niederlage ist die des Publikums, das, wie es in den (daran nicht im mindesten Anstoß nehmenden Presseberichten heißt) die „fulminante Aufführung“ in „einhelliger Begeisterung“ als einen „triumphalen Erfolg“ bejubelte. Keine Frage: Die Vergangenheit ist nun also bewältigt. Da Auschwitz als fulminantes Kunstwerk bejaht worden ist, ist es als fulminantes Ende der Menschlichkeit aus der Welt geschafft. Nicht nur die sechs Millionen sind nun vergast und verbrannt, diese Tatsache selbst ist nun vergast und verbrannt. Und die Geschichte kann weitergehen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1969
, Seite 744
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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