FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 140-141
Leszek Kołakowski

Über die Unentbehrlichkeit der Metaphysik

Zweiter Teil des Aufsatzes „Materialismus als negative Mystik“

Die räumliche Vorstellung vom Verhältnis des „Bewußtseins“ zu den Körpern ist selbstverständlich zulässig. Zweideutigkeit entsteht jedoch immer dann, wenn der Materialist versucht, von diesem Standpunkt aus einen gegnerischen Standpunkt zu bekämpfen. Er schreibt dann seinem Gegner die Behauptung zu, wonach die Körper im Verhältnis zum Subjekt eben nicht „außerhalb“ sind, was bedeutet, daß die physischen Gegenstände im räumlichen Sinn Fragmente der Prozesse sind, die im Netzgewebe der Nerven des empfindenden Organismus vor sich gehen. Ein derartig aufgefaßter „Idealismus“ ist sehr leicht zu bekämpfen. Viel schwerer ist es, einen Philosophen zu finden, der sich zu ihm bekennen würde.

Der Verfasser dieses Artikels ist jedenfalls noch keiner derartigen Doktrin begegnet und kennt keine Namen von Menschen, die sich jemals zu ihr bekannt hätten.

Wenn wir jedoch auf Worte wie „außerhalb“ und auf sämtliche Begriffsbestimmungen mittels räumlicher Verhältnisse verzichten, läßt sich der realistische Standpunkt auf die Vermutung beschränken, daß unsere experimentell erlangten Informationen über die Welt eine Darstellung dessen sind, was unabhängig von der Erkenntnissituation besteht, in der es uns begegnet.

Mit anderen Worten beschränkt sich der Realismus in dieser Auffassung auf die Behauptung, daß eine solche Erkenntnissituation möglich ist, in der uns ein bestimmtes Schaubild der Welt in der Weise gegeben ist, daß es unabhängig von irgendeiner Erkenntnissituation gegeben ist.

Dies hat zu bedeuten, daß uns bestimmte Erkenntnissituationen vermutlich eine Welt eröffnen, die in entsprechenden Bestandteilen und Eigenschaften durch jene Erkenntnissituationen nicht relativiert wird. Oder wenn man diese Vermutung anders ausdrückt: das Sein enthüllt sich dem Menschen in einer durch diese Enthüllung unrelativierten Gestalt. Die Welt wird als so gegeben angenommen, wie sie nicht gegeben ist.

Diese Version des Materialismus kann als transzendental bezeichnet werden, weil sie voraussetzt, daß das menschliche Objekt gegenüber der realen Welt jene Position erringen kann, in der sich das reine Ego Husserls gegenüber der Welt der reduzierten Phänomene befindet.

Man kann diese Version des Materialismus jedoch noch genauer als mystisch bezeichnen, weil sie zu der Ansicht zwingt, daß die Erkenntnissituation aufhören kann, eine Situation, d.h. eine Relation zwischen Seiendem und Seiendem zu sein.

Die Erkenntnissituation verwandelt sich solcherart in die Identifikation des Gegenstandes mit dem Akt seines Erfahrens. Nur bei einer derartigen Identifikation ist die Vermutung möglich, daß in der von jeder räumlichen Vorstellung freien Relation Subjekt—Objekt das Objekt unabhängig von der Situation des „Gegebenseins“ ist.

Der mystische Realismus — bisher wohl am besten in der Metaphysik des Thomas von Aquino in dem Abschnitt über die Species dargestellt — ist ein unerläßlicher Bestandteil des mystischen Materialismus. Mystischer Materialismus entsteht zunächst durch Beseitigung des in der Erkenntnissituation enthaltenen Gegensatzes von Objekt und Subjekt, so daß die Erkenntnissituation keine Situation mehr ist, sondern eben eine Identifikation.

Mystischer Materialismus entsteht des weiteren durch Hinzufügung eines bestimmten Grundsatzes zur These des mystischen Realismus. Dieser Grundsatz ist eine Regel, die besagt, daß nur diejenigen Eigenschaften der Welt anerkannt werden dürfen, bezüglich welcher jene Identifikation (auch Widerspiegelung genannt) möglich ist. In der Alltagssprache kann man das so ausdrücken, daß nur jene Eigenschaften der Dinge Bürgerrecht in einem solchen Weltbild genießen, deren Vorhandensein experimentell, im naturwissenschaftlich gebräuchlichen Sinne, festgestellt werden kann — anders gesagt: diejenigen Eigenschaften, deren Vorhandensein, auf Grund hypothetisch feststellbarer Attribute, nach jenen Normen der Hypothesenbildung angenommen werden kann, welche in den Naturwissenschaften gebräuchlich sind.

Auf die Frage, ob ein derartig verstandener Materialismus eine metaphysische Doktrin sei, wäre zu antworten: In seinem ersten Teil, daß heißt in seinem sogenannten realistischen Prinzip, erfüllt er die Bedingungen für eine metaphysische Vermutung, denn er beruft sich insbesondere auf die gänzlich jenseits des Empirischen liegende Relation zwischen Subjekt und Objekt. Im zweiten Teil ist er wiederum dieselbe szientistische Deklaration, die das Eindringen in das Weltbild außerhalb der wissenschaftlich verstandenen Erfahrungsdaten verbietet.

Widersprüche im Materialismus

Die solcherart beschriebene Auffassung des Materialismus wäre also eine Verbindung zweier Grundsätze, wovon der zweite die Verwendung der im ersten enthaltenen Vermutungen verbietet.

Diese Widersprüchlichkeit ist häufig in den Texten materialistisch orientierter Philosophen anzutreffen. Man kann auch nicht hoffen, daß er von jenen überwunden werden kann, die hartnäckig versuchen, zwei unvereinbare Haltungen gleichzeitig einzunehmen: erstens die Haltung des wissenschaftlichen Phänomenalismus, welcher von den materialistischen Kritikern häufig auf phantastische Art mit dem subjektivistischen Standpunkt verwechselt wird, in Wahrheit aber im Streit zwischen der realistischen Mystik und der immanenten Mystik von der Neutralität der Erfahrungsergebnisse ausgeht; zweitens die Haltung des Glaubens an die mögliche Identifikation von Subjekt und Objekt im Erkenntnisakt, unabhängig von sämtlichen räumlichen, also feststellbaren Relationen von Subjekt und Objekt.

Ist ein Materialismus möglich, der sowohl von den Gegensätzen zwischen Realismus und Szientismus wie auch von den inneren Gegensätzen des realistischen Standpunktes frei wäre?

Der Begriff des Materialismus ist bekanntlich gegen Ende des 17. Jahrhunderts aufgetaucht und sollte nach einer häufig zitierten späteren Deutung von Wolff den Standpunkt jener umreißen, die nur den Körpern eine Existenz zuerkennen. Die Anwendbarkeit des Wortes „Materialismus“ ist dann auf eine natürliche Art auf die gesamte Philosophiegeschichte ausgedehnt worden. Die von Leibniz vorgenommene Charakteristik der zwei grundsätzlichen philosophischen Haltungen findet sich bei Feuerbach und anschließend bei Engels als Opposition von „Materialismus“ und „Idealismus“.

Die Gegensätzlichkeit dieser Begriffe beruht auf dem Grundsatz des genetischen Vorrangs von geistigen oder körperlichen Substanzen, was einen gemeinsamen dualistischen Standpunkt der beiden gegensätzlichen Doktrinen einschließt. Wir wollen uns hier mit den Versuchen zur Reduktion dieses Dualismus, welche vor allem von Avenarius vorgenommen wurden, nicht befassen. Wesentlich ist nur, daß die etymologische wie historische Genesis des Wortes „Materialismus“ in der allgemeinen Vorstellungswelt den Materialismus zu einem Standpunkt erhoben hat, welcher die Existenz der Substanz bejaht und solcherart den traditionellen Streit um die Substanz auf eine bestimmte Weise entscheidet.

Die Schwierigkeiten bei der Formulierung des materialistischen Standpunktes ergeben sich daraus, daß ausgerechnet der „substantialistische“ Charakter des einstigen Materialismus, im Verein mit landläufigen Beobachtungen, zum Ausgangspunkt für philosophische Behauptungen genommen wird, die versuchen, den Materialismus in der Gegenwart weiter fortzupflanzen unter gleichzeitigem Einverständnis mit den Resultaten der Atomphysik.

Das Bestreben zur gleichzeitigen Beibehaltung von zwei Regeln — der physikalischen und philosophischen — bewirkt häufig, daß die Formulierung des Materialismus Änderungen unterliegen muß, je nachdem, inwiefern physikalischen Objekten räumliche und zeitliche Eigenschaften nach dem aktuellen Stand der Wissenschaften zugeschrieben werden können oder nicht. Die Formulierung selbst fügt jedoch den physikalischen Hypothesen außer dem unablässig wiederholten Glauben daran, daß die „physikalischen Objekte“ in dem Wortgebrauch, der nach dem gegenwärtigen Stand der Physik zulässig ist, die einzigen realen Objekte sind, nichts mehr hinzu.

Daraus ergibt sich die ermüdende Unfruchtbarkeit des substantialistischen Materialismus und seine Unfähigkeit, sich auf den philosophischen Versuch zu beschränken, nichts weiter als Popularisierung der Physik zu bieten. Dies ist nämlich unmöglich, wenn man gleichzeitig auf der mechanischen Wiederholung der Wolff’schen Formulierung beharrt, daß man nur den Körpern Existenz zuerkennen dürfe.

Die substantialistische Definition des Materialismus hat den wesentlichen Gehalt der ehemaligen materialistischen Philosophien mit vorwissenschaftlichen physikalischen Vorstellungen verknüpft. Damit wurde der zeitgenössische Materialismus gezwungen, seinen Inhalt vom jeweiligen Stand der Naturwissenschaften abhängig zu machen. Dies wäre selbstverständlich ein überaus nützliches Unterfangen, wenn der materialistische Standpunkt selbst in der Lage wäre, das naturwissenschaftliche Wissen zu bereichern. Wenn dem aber nicht so ist, dann ist auch der veränderliche Charakter des Materialismus, dessen sich die Materialisten als Ausdruck ihres wissenschaftlichen Status rühmen, nur scheinbar. Es handelt sich diesfalls nämlich lediglich um die Veränderlichkeit des naturwissenschaftlichen Wissens, welches von den Materialisten ganz einfach übernommen wird, unter gleichzeitiger Unveränderlichkeit der konstitutionell materialistischen Formulierung, die seit Jahrhunderten ebenso starr wie unfruchtbar ist.

Welche physikalischen Eigenschaften physikalischen Objekten zugeschrieben werden können, wird nicht durch die philosophische Spekulation entschieden. Diese Spekulation produziert typisch philosophische Merkmale, wie „Substantialität“ oder „Realität“ der Objekte, welche Merkmale anzuerkennen das experimentell erworbene Wissen sich nicht gezwungen fühlt. Die Unabhängigkeit des substantialistisch-realistischen Materialismus von der Metaphysik beruht daher keinesfalls auf seiner wissenschaftlichen Empfindsamkeit.

Primitivität des Materialismus

Entgegen den Vorstellungen vieler Anhänger des Materialismus, daß diese Philosophie den fruchtbaren Wandlungen im wissenschaftlichen Wissen unterliegt, unterliegt sie überhaupt keiner realen Entwicklung der philosophischen Reflexion und wiederholt pausenlos ihre Formulierungen, ohne sich um die philosophischen Distinktionen zu kümmern, die in den letzten Jahrhunderten erarbeitet worden sind.

Auf seinen summarischen Feststellungen beharrend, ist der substantialistische Materialismus genau auf demselben Niveau verblieben, das er zu den Zeiten eines Demokrit hatte. Dagegen hat sich das naturwissenschaftliche Wissen verändert. Wenn dieses Wissen von den Materialisten jeweils popularisiert wird, so in der fälschlichen Annahme, daß dadurch auch ihr philosophischer Standpunkt aktualisiert würde.

Der szientistische Materialismus ist hingegen im allgemeinen kein philosophischer sondern ein wissenschaftlicher Standpunkt. Er ist eine Norm, die verbietet, Ansichten zu formulieren, welche nach dem aktuellen Stand der Naturwissenschaften nicht als sinnvoll fundiert gelten können. Es besteht kein Grund, einen derartigen Standpunkt als Materialismus zu bezeichnen, wenn er mit keiner „substantialistischen“ Theorie und mit keinem mystisch-transzendentalen Realismus verknüpft wird.

Der substantialistische Materialismus ist zweifellos eine philosophische Doktrin, die aber überaus simpel ist, da sie auf dem Stand der Antike verharrt und von der philosophischen Entwicklung der letzten Jahrhunderte unberührt blieb. Sie steht dort, wo Demokrit oder Holbach standen; nichts in ihrem Inhalt deutet darauf hin, daß sich ihre Vertreter über die Existenz eines Hume, Kant, Hegel, Marx oder Husserl jemals Rechenschaft abgelegt hätten.

Wenn wir uns aber von der gesamten substantialistischen Tradition befreien, die mit den historischen Geschicken der materialistischen Doktrin verbunden ist, so kommt in der Entwicklung eines derartig aufgefaßten Materialismus ein Gedanke zum Ausdruck — wenn auch nicht nur hier —, der im Gegensatz zu den Streitfragen über die Substanz seine philosophische Vitalität keineswegs verloren hat und in verschiedenen Versionen auch heute noch den Mittelpunkt metaphysischer Auseinandersetzungen darstellt.

Ich meine damit die Stellungnahme zu der Frage, ob die Welt jenseits des menschlichen Bereiches verstanden werden kann. Hier handelt es sich um eine Welt, die unabhängig von ihrer Beziehung zum Menschen betrachtet werden soll, um eine Welt außerhalb jeder „instrumentellen“ Situation, eine Welt, die unbeschadet dessen erörtert werden soll, ob sie dem Menschen als Sammlung von Instrumenten dienen kann oder nicht; eine solche Welt eignet sich nicht für eine verstehende Interpretation.

Mit anderen Worten: die Fakten, welche nicht mit dem menschlichen Wesen in Beziehung gebracht werden können, haben keine Wertqualitäten. Es gibt keine Erkenntnisperspektive, in der Fakten und Dinge für uns eine zweckmäßige Ordnung einnehmen oder als Wertsystem auftreten würden, das unabhängig von der menschlichen Entscheidung ist, sie als Werte anzuerkennen.

Man könnte annehmen, daß eine solche Idee nichts typisch Philosophisches enthält, daß sie einfach eine Negation ist, die man ebenfalls dem szientistischen Weltbild zuschreiben kann. Denn dieses gestattet ja gleichfalls keine Annahme einer zweckmäßigen Ordnung oder des Vorhandenseins von Wertqualitäten in der außer-menschlichen Welt. Doch jene anthropologische Reduktion der Werte stimmt mit der rein wissenschaftlichen Gleichgültigkeit gegenüber solchen Werten nicht überein. Sie ist vielmehr ein Versuch, sämtliche Konsequenzen aus der Situation des Menschen in einer Welt zu ziehen, die ihm gegenüber vollkommen gleichgültig ist, in einer Welt, die bar aller Werte und Zwecke ist.

Die Abwesenheit einer zweckmäßigen Ordnung in der Welt ist also im wesentlichen keine Feststellung, die zum wissenschaftlichen Wissen gehört. Sie gehört zu diesem ebensowenig wie die anderen Behauptungen, die negative Antworten auf solche Fragen geben, die von religiösen Bekenntnissen und theologisch-metaphysischen Doktrinen bejaht werden.

Diese Feststellung ist in der „geozentrischen“ Perspektive sehr wesentlich, d.h. in einer Perspektive, die bewußt von jenem Materialismus angenommen wird, der keinen Anspruch darauf erhebt, naturwissenschaftliches Wissen zu ersetzen. Die negativen existentiellen Urteile gehören nicht in den Bereich der Wissenschaft.

Solche Urteile können aber eine bestimmte Bedeutung für das Verständnis der fundamentalen menschlichen Situation in der Welt besitzen — ganz besonders dann, wenn sie mit dem Wissen über die reale Existenz jener menschlichen Bedürfnisse verbunden sind, die eine Quelle der metaphysischen und religiösen Mystifikation bilden. Es kann sein, daß die Negation der kosmischen Ordnung für sich genommen nicht viel besagt. Wenn wir uns jedoch vergegenwärtigen, daß der Glaube an jene Ordnung eine überaus wichtige Funktion bei der Erhaltung der Homöostase der menschlichen Gattung ausübt, dann deckt die Konfrontation jenes Glaubensbedürfnisses mit seinem inhaltsmäßig gegenstandlosen Charakter bestimmte und für das menschliche Sein typische Merkmale auf, die wir auf andere Weise nicht erfassen können.

Jene „Metaphysik der Negation“ entwickelt sich zu einer verstehenden Einstellung, wenn sie Hand in Hand mit dem Verstehen des Menschen als eines solchen Wesens geht, welches positive Metaphysiken hervorbringt. Der Mensch ist ein Wesen, das, nach der Charakteristik von Heidegger, eben durch solche verstehende Haltung gegenüber dem Sein bezeichnet wird.

Die Metaphysik der Negation wird solcherart zu einem wesentlichen Faktor der philosophischen Anthropologie. In dieser Sicht erscheint dann die positive Metaphysik als eine unvermeidliche Mystifikation, die dem Verstehen unterliegt, weil sie eines der menschlichen Instrumente zur Zähmung der irrationalen Natur durch ihre Integration in eine rationale Ordnung ist.

Im Irrkreis der Erkenntnis

Die Metaphysik der Negation teilt mit den anderen Arten der metaphysischen Deutung der Welt ihre grundsätzliche Unabhängigkeit von wissenschaftlichen Entscheidungen. Als geozentrische philosophische Orientierung kann sie jedoch Anspruch auf Überlegenheit gegenüber jeglicher positiver Metaphysik erheben. Dieser Anspruch stützt sich nicht auf bessere wissenschaftliche Argumente, sondern auf die verstehende Erfahrung. Die verstehende Metaphysik der Negation hat ähnlichen Charakter wie eine Hypothese im Bereich der wissenschaftlichen Erfahrung. Während vom Standpunkt einer positiven Metaphysik die Metaphysik der Negation nur als Fehler erscheint, ist die Metaphysik der Negation fähig, wesentliche Gründe — im historischen und anthropologischen Sinn dieses Wortes — für Haltungen anzuführen, die ihr gegenüber antagonistisch sind. Sie ist in der Lage, nicht nur zu verneinen, sondern auch zu verstehen.

Sie kann dies aber nur in Verbindung mit dem Wissen über die existentiellen Bedingungen, durch welche die metaphysischen Bekenntnisse hervorgebracht werden, sowie mit dem Wissen über die realen Bedürfnisse, die ebenfalls durch solche Bekenntnisse befriedigt werden können.

Vom Standpunkt der Metaphysik der Negation, welche als Bestandteil der philosophischen Anthropologie verstanden wird, wird all das verständlich, was deren eigenen Gegensatz darstellt.

Die Metaphysik der Negation ist in der Lage, positive Metaphysiken durch deren Beziehung zu den menschlichen Bedürfnissen, insbesondere aber durch ein typisches Bedürfnis der „Anlehnung“ an eine jenseits des Menschlichen bestehende sinnvolle Ordnung zu verstehen. Sie muß solches Verstehen jedoch auch auf sich selbst anwenden. Indem sie sich selbst als Metaphysik bekennt, wird sie genau so relativ wie alle anderen Metaphysiken.

Mit anderen Worten: erst durch radikale historische Interpretation wird die Metaphysik der Negation zu einer verstehenden Haltung und überschreitet den Rahmen der szientistischen Gleichgültigkeit. Durch solche radikale Interpretation werden aber ihre eigenen Gründe genau so historisch wie die Argumente jeder beliebigen Metaphysik. Mehr noch: der historische Relativismus vernichtet sich selbst, weil er auch für sich die Möglichkeit jeder anderen als der rein historischen Begründung zerstört.

Dies ist jedoch das traditionelle Paradoxon sämtlicher Relativismen, der Irrkreis der Erkenntnis.

Man kann diesem Irrkreis der Erkenntnis auf keine andere Art entrinnen als durch willkürliche Entscheidung bezüglich des „Ausgangspunktes“ in der Erkenntnis. Hiefür gilt in der Philosophie eine spontan praktizierte Theorie der logischen Typen. Durch jede solche Entscheidung wird nämlich entweder rund heraus verkündet, daß man sämtliche Erkenntnisinhalte von einem bestimmten Standpunkt einschätzt, außer diesen Standpunkt selbst, welcher den eigenen Bewertungskriterien folglich entzogen wird, oder aber man bestimmt einen Ausgangspunkt, den man nicht in den Bereich jener Sprache einbezieht, in der man jegliches andere Wissen ausdrückt.

Sobald wir uns Rechenschaft geben über die nackte Willkür aller solcher Entscheidungen, die den absoluten Anfang jeglicher Erkenntnis festlegen, können solche Ausflüchte nicht standhalten. Sie weichen dem Radikalismus eines generellen Relativismus. Der radikale Relativismus kann nicht für sich selbst einen Grundsatz festlegen, der den Kriterien der Relativierung nicht unterliegt. Der generelle Relativismus muß im Bewußtsein seiner eigenen Relativität angewendet werden.

Diesem Paradoxon des Relativismus kann man nicht entrinnen. Man kann die Paradoxie jedoch verstehen, indem man sie konfrontiert mit der fundamentalen Antinomie der menschlichen Existenz selbst und nicht bloß mit der Antinomie der philosophischen Sprache, in der diese Existenz beschrieben wird. Die menschliche Gattung, die leistungsfähige Instrumente der technologischen Adaptation hervorbringt — wobei das wissenschaftliche Denken das Hauptinstrument darstellt —, hat natürlich das Recht, die metaphysischen Doktrinen vom technologischen Standpunkt als inhaltsleer zu bewerten, oder auch als erklärbar aus rein erkenntnismäßigen menschlichen Gebrechen. Wenn diese menschliche Gattung unter Bedingungen lebt, die pausenlos das Bedürfnis nach einer verstehenden Einstellung der Welt gegenüber erwecken, dann erzeugt sie metaphysische Glaubensbekenntnisse, die ihrerseits, von ihrem eigenen Standpunkt her, das wissenschaftliche Wissen als eine rein pragmatische Funktion relativieren.

Die Anerkennung der Gründe, die hinter der einen wie der anderen einander ausschließenden metaphysischen Haltung stehen, ist nur die Anerkennung der faktischen Gegensätzlichkeit, die in der Existenz der menschlichen Gattung enthalten ist — jener Existenz, in der die Natur versucht, über sich selbst hinauszuschreiten.

Es besteht die Möglichkeit der metaphysischen Relativierung der Technologie und des technologischen Wissens, d.h. die Möglichkeit, ganz allgemein eine verstehende Interpretation der Welt vorzunehmen, die anders als pragmatisch ist, die Möglichkeit, Urteile über die „zwangsläufige“ Natur der Welt zu formulieren, Urteile, die von jeglicher technischen Anwendbarkeit unabhängig sind. Diese metaphysische Möglichkeit ist ein Versuch der Überschreitung der Grenzen der „Natürlichkeit“.

Die wechselseitige, unablässige Relativierung des wissenschaftlichen Wissens und der verstehenden Metaphysik scheint ein unentrinnbares Resultat der existentiellen Situation des Menschen, welche durch den Versuch der Grenzüberschreitung gekennzeichnet ist.

Das 17. Jahrhundert ist unwiederbringlich vorbei: das goldene Jahrhundert der vollkommenen Synthesen der szientistischen und metaphysischen Haltung. Seither wächst der Hiatus zwischen dem homo faber und dem homo sapiens. Seither schrumpft die Hoffnung auf eine neue Übereinstimmung. Wir verwischen die Gegensätze durch Trennung der naturwissenschaftlich-technischen und der philosophischen Sprache. Dies gestattet uns, gleich den mittelalterlichen Averroisten, beide Erkenntnisordnungen zu akzeptieren — die technologische und die verstehende, wobei wir vorgeben, daß wir die zwischen ihnen bestehende Gegensätzlichkeit nicht bemerken. Die Metaphysik der Negation beseitigt jene Gegensätzlichkeit nicht. Sie gestattet jedoch, sie zu erklären. Ob sie noch die Bezeichnung „Materialismus“ verdient?

Wenn wir den „Materialismus“ eindeutig mit der Tradition des Substantialismus verbinden, kann diese Bezeichnung ohne Zweifel irreführen.

Die Metaphysik der Negation hat eine viel reichere historische Genealogie als der „Materialismus“ im hergebrachten Sinne des Wortes, obwohl auch ein als Metaphysik der Negation verstandener Materialismus in der Tradition des substantialistischen Materialismus in weitem Maße seinen Platz finden kann. Natürlich ist es besser, Ausdrücke zu vermeiden, die mit einer Vielzahl irreführender Assoziationen belastet sind. Uns liegt jedoch nicht an der Erfindung neuer doktrinärer Bezeichnungen, um so weniger, da der hier angedeutete Gesichtspunkt nichts wesentlich Neues enthält.

Grob gesagt, stützen wir uns auf eine Ansicht, die mit der Hauptidee des positivistischen Gedankengutes übereinstimmt. Überzeugungen betreffend die Natur der Welt als Ganzes haben nicht nur, wenn sie positiv, sondern auch, wenn sie negativ ausgedrückt werden, einen von den wissenschaftlichen Behauptungen radikal verschiedenartigen Charakter. Im Widerspruch zum Positivismus fügen wir jedoch hinzu, daß solche Überzeugungen unentrinnbar in der fundamental verstehenden Beziehung des Menschen zum eigenen Sein enthalten sind.

Rationalität als Fiktion

Daher halten wir das Modell einer vollkommen rationalen Gesellschaft, in der technologischen Bedeutung dieses Wortes, für eine Fiktion.

Der Gebrauch des Ausdrucks „vernünftiges Tier“ für den Menschen ist nicht schlecht, aber er bedarf wesentlicher erläuternder Einschränkungen:

  1. Die „Vernunft“ ist nicht einfach ein zusätzliches Instrument zur Befriedigung „animalischer“ Bedürfnisse, wie die pragmatische und allgemein biologisierende Interpretation annimmt.
  2. Die „Vernunft“ ist nicht — wie die dualistischen Doktrinen annehmen — ein Zusatz, der von der „animalischen“ Seite unabhängig ist, eigene selbständige Aufgaben auf einem anderen Erkenntnisgebiet hat und die „Tierhaftigkeit“ unberührt läßt.
  3. Die „Tierhaftigkeit“ ist — entgegen den hylemorphischen Interpretationen — kein der „Vernunft“ untergeordnetes Instrument, was die harmonische Koexistenz der beiden „Seiten“ des Menschen in einem bestimmten Koordinationsschema ermöglichen würde.
  4. Die „Vernunft“ ist eine Absage an die „Tierhaftigkeit“; der Gegensatz der beiden fundamentalen Eigenschaften des menschlichen Seins, ausgedrückt in der Opposition der Wissenschaft und der Metaphysik, kann nicht ohne Aufhebung des menschlichen Seins beseitigt werden.

Eine derartige Interpretation geht davon aus, daß eine vollkommene Übereinstimmung zwischen der menschlichen Essenz und Existenz nicht möglich ist. Wenn die Unfähigkeit, eine universelle Utopie zu bauen, ein Vorzug der Philosophie wäre, dann würde die dargestellte Interpretation diesen Vorteil besitzen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1965
, Seite 365
Autor/inn/en:

Leszek Kołakowski:

1927 Radom, aus intellektueller Familie, seit 1946 KP-Mitglied, 1945-49 Student Univ. Lodz, seit 1947 Assistent Philos. Fak. ebend., seit 1949 Warschau. 1956 theoret. Haupt des poln. „Frühlings im Oktober“. 1956-59 Chefred. „Studia Filosoficzne“, ab 1959 ord. Prof. f. neuzeitl. Philos. Okt. 1966 Parteiausschluß (vgl. Dok. NF März 1967). 1967 Einstellung der von ihm protegierten Studentenzeitschr. „Po Prostu“. 26.3.1968 Verlust des Lehrstuhls, Ausschluß von der Univ. i. Zusammenhang mit Märzunruhen der Studenten. Ursprüngl. Fach: Religionsphilosophie und -geschichte‚ insbes. der Scholastik, überdies Autor von Theaterstücken und Prosa, Spiritus rector der studentischen Opposition. 1968 2-jähr. Visum nach Kanada‚ 1968/69 Visiting Professor McGill Univ. Montreal, 1969/70 Univ. of Calif. Berkeley, seit 1970 Fellow All Souls College Oxford. Mitgl. Institut International de la Philosophie, Hon. Member US Academy of Arts and Sciences. In deutscher Sprache erschienen von Kalakowski u.a. die Essaysammlungen „Mensch ohne Alternative“, 1960, „Der Himmelsschlüssel“, 1965, „Traktate über die Sterblichkeit der Vernunft", „Gespräche mit dem Teufel“, beide 1967 (sämtlich bei Piper, München).

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