FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 265/266
Günther Nenning

Oi, liegen wir falsch!

Realität und Zukunft in Portugal — Antwort an Michael Siegert u. a.

Lieber Michael,

Kürzlich [1] war ich gegen das Steinewerfen jugendlicher Wiener Romantiker auf das spanische Reisebüro und auf Polizisten — beim gegebenen Geisteszustand der Mehrheit der Arbeitenden in einem kapitalistisch-sozialdemokratischen Industrieland, und noch dazu vor allgemeinen Wahlen, welche die Sozialdemokratie gewinnen sollte. Und tatsächlich gewann, trotz Steinewerfen und nachfolgendem begeistertem Geifern der Medien gegen die Sozialdemokratie.

Unter dem Titel „Zur Psychopathologie der Weltrevolution“ nannte ich das Steinewerfen eine „politische Idiotie“ und „nicht politisch erklärbar, sondern nur psychiatrisch“. Dabei bleibe ich.

Hingegen hast Du recht, [2] wenn Du mir antwortest: „Die reinliche Scheidung, die Du zwischen Guten (Parteibraven) und Bösen (linken Chaoten) versuchst, gibt es in Wirklichkeit nicht.“

Erstens bin ich überhaupt gegen Reinlichkeit, schon gar in der Politik, zweitens gibt es sie dort ohnehin nicht, und drittens ist das gut so. Es geht nicht um reinliche Scheidung, sondern um ein breites Bündnis alles dessen, was links von der Mitte Händ’ und Füß’ hat, aber bitte auch Hirn.

Und gerade weil dies, nachweislich seit über einem Jahrzehnt, mein Standpunkt ist —

gerade weil Du mich immer, wenn es gegen Ärsche geht, auf Seiten der Hirne finden wirst, und seien sie noch so links verschraubt —

gerade deshalb darf ich doch wohl, wenn ich einen Zorn hab’ und Angst hab’ (hatte), daß die Wahlen schiefgehen, los- und hineinschimpfen in den linken Bündnisbrei und schreien: Ihr Idioten, ihr gehört ja ins (politische) Narrenhaus.

Oder vielleicht darf ich doch nicht. Denn die Assoziationen, die sich da verknüpfen mit: politisch Andersdenkende in die Psychiatrie! — und mit: „... hätte die sozialdemokratische Partei insgesamt, der Gewerkschaftsbund insgesamt ... zum Protest gegen den Franco-Faschismus auf(ge)rufen ..., wären die paar Tepperten im Meer des demokratischen Protestes ertränkt worden ...“ —

ja, diese Assoziationen sind wirklich verdächtig. Sadismusverdächtig, wie Du richtig bemerkst.

Ich hab’ eben auch meine Komplexe, autoritäre, patriarchalische Syndrome, was weiß ich. Aber ich kämpfe dagegen. Und manchmal unterliege ich eben.

Nun aber zu Portugal, auf die Gefahr hin, daß ich meinen Komplexen schon wieder erliege.

Da komme ich von einer Reise zurück (Anzeigen sammeln zur Sicherung der materiellen Basis unseres NEUEN FORVM), und inzwischen ist in Portugal in die revolutionären Sprechblasen hineingestochen worden und die heiße Luft ist herausgekommen und übriggeblieben ist null komma josef, wie traurig, es war so romantisch, und wie voraussehbar, es war so irreal —

Oi, Kinder, liegen wir falsch!

Und oi, liege ich richtig, wenn ich in jenem selben Nostalgikerheft, anläßlich des SP-Wahlsieges in Österreich, mein rot und realistisches Steckenpferd reite, in der Faust das Banner des Marxismus, diesfalls mit der Aufschrift:

Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt ...

Und natürlich handelt es sich erst recht nicht darum, was dieser oder jener Intellektuelle oder selbst die ganze Intelligenzija als Ziel sich einstweilen vorstellt ... Vielmehr:

Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft unwiderruflich vorgezeichnet.

(Marx/Engels, Die heilige Familie, MEW, Bd. 2, S. 38)

Das ist meine marxistische Kritik an der romantischen Portugal-Berichterstattung des NEUEN FORVM. Alles das, was die Entwicklung „unwiderruflich vorzeichnet“ — ich hab’s in den Redaktionskonferenzen so gesagt, mich aber um den Heftinhalt kaum gekümmert, es lebe die redaktionelle Selbstverwaltung —, alles das wurde in den Seiten um Seiten der Portugal-Berichterstattung des NEUEN FORVM [3] sorgfältig ausgespart. Aneinandergereiht ergeben diese Seiten ein faszinierendes linkes Märchenbuch, in dem die Fahnen flattern, die Transparente im Winde schwanken und irrsinnig klasse Proletarier- und Bauernfiguren, natürlich auch kämpfende Frauen, Soldaten im Matrosengewand und in anderen Kampfkleidern, herumwimmeln. Und keine Spur der ökonomischen, militärischen, gesellschaftlichen Realität, jene würgenden konzentrischen Kreise, von außen nach innen:

Hatte der portugiesische „Februar“ (April 1974 ff) noch wichtige Freunde draußen in der Welt, so hat der portugiesische „Oktober“ (März 1975 ff) keinerlei solche Freunde — im Gegenteil. In völliger internationaler Isolation kann aber eine Entwicklung vom „Februar“ zum „Oktober“ nicht stattfinden in einem kleinen, ökonomisch total abhängigen Land.

Die Februarrevolution, der Übergang zum liberal-kapitalistischen System am 25. April 1974, war den liberal-kapitalistischen Hauptmächten oder doch einflußreichen Fraktionen dortselbst (Liberale, Sozialdemokraten) durchaus nicht unwillkommen. Hatten sie vielleicht nichts gegen den Faschismus als solchen, so doch viel gegen einen erfolglosen Faschismus. Dieser gefährdete — durch seine Erfolglosigkeit — die Fortdauer und die Höherentwicklung des Kapitalismus, desgleichen den notwendigen Übergang zum Neokolonialismus. Die europäischen Hauptmächte und die USA schauten am 25. April 1974 und noch eine ganze Zeit danach mit gemischten Gefühlen zu, und das heißt: teils mit ausdrücklichem Wohlwollen.

Demgegenüber war der Versuch, vom liberal-kapitalistischen „Februar“ weiterzukommen zum proletarischen „Oktober“, unternommen in der Zeitspanne zwischen dem gescheiterten konterrevolutionären Putsch vom 11. März 1975 bis zum gescheiterten (wirklichen oder auch nur angeblichen) Linksputsch vom 25. November, von vornherein zum historischen Mißerfolg verurteilt. Auch wenn der Ball der Macht nicht gleich beim ersten Pingpong schon plaçiert gewesen wäre zugunsten der „Gemäßigten“, auch wenn er mehrmals hin- und hergegangen wäre, auch in einem Bürgerkrieg: Ergebnis wäre die Niederlage der Linken gewesen. In diesem kleinen Land, mit totaler Abhängigkeit von außen, kann eine proletarische Revolution ohne massive internationale Hilfe nicht siegen.

Die europäischen Hauptmächte und die USA sind klarerweise gegen ein Weitertreiben zur proletarischen Revolution. Ihr Motto: Ein Kuba genügt.

China ist ganz weit weg. Ein Nahverhältnis zu den maoistischen Grüppchen in Europa besteht überhaupt nicht, wohl aber zu den EG-Hauptmächten: China streichelt sie als potentiellen Dolch im Rücken der Sowjetunion, bei deren Konfrontation mit China.

Die Sowjetunion fällt als Hilfe ebenso aus. Daß sie auch nicht den Finger krümmt für Portugal, war schon während der ganzen portugiesischen Entwicklung klar. Ein paar Leitartikel, ja. Irgendwelche Wirtschafts- oder gar Militärhilfe — keine Tonne.

Die Sowjetunion hat Kuba auf dem Hals. Einen zweiten revolutionären Dauerpensionär hält sie nicht aus, zumindest dann nicht, wenn sie keinen Weg findet, ihn zu verpflegen: die Rote Flotte kann im Konfliktfall aus dem Mittelmeer nicht heraus, rechts das britische Gibraltar, links das spanische Ceuta. Angola ist zugänglicher als Portugal.

Solcher strategischen Phantasie bedarf es aber gar nicht: gerade im Jahr 1975, dem Jahr II der portugiesischen Revolution, ging in Helsinki die „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ glücklich über die Bühne, im Zeichen der Entente cordiale US/SU. Da war doch wohl jedermann demonstriert: Der Sowjetuinion ist die Zusammenarbeit mit den USA wichtiger als die Hilfe für Portugal.

Auf der Liste der Freunde einer Oktoberrevolution in Portugal fehlten also nicht nur, naturgemäß, die kapitalistischen Hauptmächte, sondern auch China und die Sowjetunion — zwar nicht naturgemäß, aber „widernatürlich“, wegen der wichtigeren Zusammenarbeit mit den kapitalistischen Hauptmächten.

Stimmt, der klassische Oktober in Rußland siegte, ganz auf sich gestellt. Aber eben in einem ungeheuer großen Land, mit dementsprechenden Räumen für den zeitweiligen Rückzug, und um den schwindelerregenden Preis von Millionen und Abermillionen Toten im Bürgerkrieg, erschossen, verhungert, in den Lagern krepiert, und bei fast totalem Stillstand jeglicher Wirtschaft. Wenn man sagt: Aber die Bolschewiki, die haben eben dennoch gesiegt, soll man auch den Preis nennen.

Übrigens gab es in allen drei klassischen Revolutionen dieses Jahrhunderts (Rußland, China, Kuba) eine eisern entschlossene revolutionäre Avantgarde unter überragenden Führern (Lenin, Mao, Fidel). Im liebenswerten Chaos der portugiesischen Revolution: nichts dergleichen.

Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich meinen Freunden zur Linken jetzt sozusagen das Spielzeug wegnehme, aber der sozialistische Idealismus ist nun einmal eine falsche Position. Es geht um eine marxistische, d.h. rot und realistische Analyse.

Auszugehen ist von der Ökonomie. Vielleicht wird die ökonomische Lage Portugals am deutlichsten im Vergleich mit einem Land der gleichen Größenordnung, was die Bevölkerung betrifft, z.B. Österreich (rund 7,5 Millionen Einwohner, Portugal rund 9 Millionen).

Österreich ist ein ökonomisch und politisch weitgehend abhängiges Land. Dennoch sind wir viel besser dran als Portugal: [4]

  1. Lebensmittelversorgung: Österreich ist zur Not autark, in Normalzeiten erzeugen wir rund 80 Prozent der nötigen Lebensmittel selber. Portugal muß die Hälfte seiner Lebensmittel importieren; wenn diese Importe blockiert werden, verhungert das Land.
  2. Energieversorgung: Wir sind keineswegs autark, zur Not würden wir aber mit unseren Wasser- und Wärmekraftwerken (einheimische Braunkohle!) auskommen. Portugal ist derzeit fast zu 100 Prozent auf Energieversorgung von außen angewiesen. Nicht nur, wie auch wir, auf Ölimporte, sondern vor allem auf Stromimporte aus dem benachbarten Spanien, das sich zwar liberalisiert, aber keinerlei Sympathie hat für eine wirkliche Linksentwicklung im Nachbarland. Wenn Spanien den Strom abdreht, versinkt Portugal in Finsternis, alle Produktionsstätten stehen still.
  3. Wir Österreicher haben eine strukturell zwar veraltete und gefährdete, aber notfalls doch irgendwie ausreichende Rohstoff- und Industriebasis. Was die Bodenschätze betrifft, haben wir selber Eisenerz, Kohlen, Buntmetalle, bißchen Öl; Portugal hat derzeit nichts dergleichen in ausbeutbarem Zustand, es fehlt eine irgendwie ausreichende Infrastruktur für die Verwertung der an sich vorhandenen Bodenschätze. Desgleichen sind wir industriell fortgeschrittener; in Portugal sind immer noch (1972/73) 28,6 Prozent der aktiven Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, bei uns rund 14 Prozent. Das Bruttonationalprodukt pro Einwohner macht in Portugal 1.250 Dollar aus (1973, unterdessen geringer zufolge Produktions- und Produktivitätsabfall in politisch bewegten Zeiten), in Österreich 3.550 Dollar, in der BRD 5.610 (beides 1973). Mit dem Wegfall der — ohnehin schon wacklig gewesenen — kolonialen Rohstoff- und Ausbeutungsbasis ist Portugal den EG-Staaten und den USA noch mehr ausgeliefert als schon bisher. im Fall einer Wirtschaftsblockade, und die ist teilweise schon da, geht Portugal ganz rasch die Luft aus.
  4. Wir haben einen sehr großen verstaatlichten Sektor (Bruttoproduktionswert und Beschäftigungszahl 1972 je runde 15 Prozent der gesamten Industrie). Portugal hat auf dem Papier runde zwei Drittel seiner Wirtschaft verstaatlicht, bis hinunter zu Mittel-, Klein- und Kleinstbetrieben. Aber wir haben verstaatlicht, bevor noch das Zeitalter der Multis heraufkam; so haben wir jetzt, weil der Staat die Hand auf fast der gesamten Grundstoffindustrie hat, den — steigenden — Einfluß der Multis einigermaßen unter Kontrolle. Portugal verstaatlichte hingegen (nur von portugiesischen, nicht von ausländischen Eigentümern!) inmitten der Ära der Multis (Anteil ausländischer Unternehmungen an der portugiesischen Industrie: 1960 ... 1,5 Prozent, 1974 ... 30 Prozent; westdeutsche Investitionen 1961 ... 8 Millionen DM, 1973 ... 198 Millionen DM); die Verstaatlichung hatte zur Folge, daß die Multis den totalen Boykott verhängten, nichts mehr investierten, ihre Produktionen aus dem Land hinaus verlegten usw. So gut wie das gesamte Industriewachstum, jährlich sechs Prozent im Durchschnitt der letzten fünf Jahre vor der Revolution, ging auf Rechnung der Multis. Jetzt streiken sie. Von 1974 auf 1975 sank das Bruttonationalprodukt um zehn Prozent.
  5. Volkswirtschaftliiche Gesamtrechnung. Der Gesamtkonsum in Portugal übertrifft die Gesamtproduktion um 30 Prozent (in den ersten neun Monaten 1975). Die Staatsausgaben übersteigen (im gleichen Zeitraum) die Einnahmen um 38 Prozent. Das Budgetdefizit 1975 beträgt voraussichtlich 41 Prozent des Bruttonationalprodukts. Der Notenumlauf hat sich verdoppelt. Die Inflationsrate erreicht rund 27 Prozent. Die Arbeitslosenzahl steht bei zehn Prozent der aktiven Bevölkerung (Österreich 1,5 bis zwei Prozent, BRD 2,6 bis drei Prozent). Das Defizit in der Zahlungsbilanz macht (in den ersten neun Monaten 1975) rund 30 Milliarden Escudos aus (eine Milliarde Dollar, 1972 waren es erst rund 400 Millionen Dollar). Von den Devisenreserven, bei Ausbruch der Revolution 1974 rund 45 Milliarden Escudos (1,5 Milliarden Dollar), waren im November 1975 noch sechs Milliarden übrig (200 Millionen Dollar). Beim Jahreswechsel 1975/76 hält der Devisenvorrat bei null. Man beginnt, an der Goldreserve zu knabbern (120 Milliarden Escudos, d.s. 4 Milliarden Dollar). Damit aber wird die Deckung des Escudos dünner, es drohen „chilenische Ziffern“, dreistellige Inflationsraten.
  6. Soziale Schichtung.
    Bauern. Nur ein Siebentel der portugiesischen Bevölkerung lebt südlich des Tejo. Das dort befindliche agrarische Kerngebiet, der Alentejo, war Hauptstützpunkt der revolutionären Bewegung. Aber die Landarbeiter auf den von ihnen besetzten Latifundien des Alentejo waren hoffnungslos minoritär, verglichen mit den Massen der Kleinbauern im Norden und auch im Süden. Diesen kleinbäuerlichen Massen geht es sehr schlecht, aber unter dem Einfluß des Klerus und der rechten Politiker sind sie borniert reaktionär, wütend antikommunistisch.
    In Österreich sind die Bauern auch kein Muster an Fortschrittlichkeit, es sind aber viel weniger (rund 14 gegenüber rund 28 Prozent der aktiven Bevölkerung), und sie werden neutralisiert durch die Arbeiter- und Angestelltenmassen im sozialdemokratischen Lager.
    Arbeiter. Bei einer Erwerbsquote von 35 Prozent (Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung; Österreich 41 Prozent, BRD 44 Prozent) machen die Unselbständigen 57,1 Prozent der Beschäftigten aus (Österreich 74,6 Prozent, BRD 85 Prozent). Davon sind 25 Prozent ländliches Proletariat (in Österreich und der BRD: fast null).
    Das heißt: bei einer niedrigen Erwerbsquote, einer niedrigen Unselbständigenquote und einer hohen Landarbeiterquote sowie einer vermutlich sehr hohen Quote des Staatsapparates (aufgeblähte Bürokratie! Starke Armee!) ist der Anteil der industriellen Lohn- und Gehaltsabhängigen an der Gesamtbevölkerung relativ gering.
    Umgekehrt ist angesichts der niedrigen Unselbständigenquote der Anteil der kleinbürgerlichen „Selbständigen“ relativ groß. Sie bilden ein Reservoir der Reaktion in der ganzen Bandbreite von „gemäßigter Sozialdemokratie“ bis Sturmtruppe des Faschismus, ein unheimliches Potential.
    Das Industrieproletariat war in Portugal stark in Bewegung geraten. Seine ziffernmäßige Schwäche hätte nichts ausgemacht, wenn die Bauern ausreichend mitgezogen hätten; genau das war nicht der Fall. Daher kam es auch zu keiner Entwicklung wie in den klassischen drei Revolutionen dieses Jahrhunderts (Rußland, China, Kuba), die alle drei durch die Kombination „schwaches dynamisches Proletariat plus große dynamisierte Bauernmassen“ zum Sieg gelangten.

Aus alledem ergeben sich, rot und realistisch, einige klare Entwicklungsprognosen.

Die Ultralinke hatte eine viel zu schmale soziale und ökonomische Basis, um irgend etwas aufstecken zu können, außer Unfug à la MIR in Chile. Objektiv ist sie die Verbündete der Konterrevolution und des Faschismus.

Die Kommunisten haben gleichfalls eine zu schwache soziale und ökonomische Basis. Da sie, entgegen den bornierten Berichten der „westlichen“ Presse, insgesamt keine ultralinke Entwicklung wollen, sondern in realer Einschätzung ihrer Kräfte einen möglichst großen Anteil an der politischen Macht, bleibt ihnen eine Art Bündnispolitik à la „compromesso storico“, aber mit viel geringeren eigenen Kräften als die KPI, dafür konfrontiert mit einer viel stärker faschistischen kleinen und großen Bourgeoisie.

Die Sozialdemokraten haben ihre Basis nur zum Teil bei den Industriearbeitern, zum größeren Teil aber bei den kleinbürgerlichen Schichten. Diese wandten sich der Sozialdemokratie zu — wie so oft in der Geschichte der Arbeiterbewegung — weil sie in revolutionären Zeiten für sie das kleinere Übel ist; weil das Kleinbürgertum ökonomisches Interesse an bestimmten Reformen hat; weil die authentischen Rechtsparteien an Wahlen nicht teilnehmen durften; und weil der Antikommunismus der Sozialdemokratie für sie attraktiv ist. Was wiederum der handfeste Grund dafür ist, daß die Sozialdemokratie diesen so deutlich pflegt; sie will die kleinbürgerlichen Wählermassen.

Was kommt, ist eine Art Karamanlis-Regime; mit stärker sozialdemokratischem Aktzent; vielleicht unter Hereinnahme der Kommunisten zwecks Erhaltung von Ruhe und Ordnung in der Produktion; unter Repression aller Ultralinken.

Erst muß unter dem mächtigen Einfluß der EG-Staaten und der dort regierenden oder mitregierenden Sozialdemokratie (einschließlich der „sozialdemokratischen“ KPI und KPF) eine Entwicklung Portugals zum modernen Industriekapitalismus stattfinden. Auf mittlere Frist wird dies die Basis werden für eine solide sozialdemokratisch-reformistische Politik à la KPI/SPD.

Ja sicher, noch schöner wäre eine klassische Revolution. Noch häßlicher wäre der nackte Faschismus.

Das erstere ist sicher nicht drin. Das zweite kann möglicherweise gerade noch vermieden werden.

[1Günther Nenning: Zur Psychopathologie der Weltrevolution, NF Nov./Dez. 1975 Vgl. a. ders.: Vier Jahre bedingt (Über den SP-Wahlsieg in Österreich), ebendort

[2Michael Siegert: Reinliche Scheidung? Diskussion mit Günther Nenning über Jusos und Chaoten, ebendort

[3Claude Roy: Lissabons Hauptmänner, NF Sep./Okt. 1974; Doppelherrschaft in Portugal, ebendort; Portugal: Die Freiheit bekommt Regeln, ebendort; Alexander Langer: Was tun gegen einen Putsch? Portugal und Italien im Frühjahr 1975, NF April 1975; Alfredo Frade: Die Arbeiterräte entscheiden alles, NF Juli/Aug. 1975; Michael Siegert: Bonaparte kommt. Panorama der portugiesische Revolution, ebendort; Die Protokolle der Weisen von Lissabon, ebendort; Otelo spricht, ebendort; Dinis de Almeida: Blutige Geburt, NF Nov./ Dez. 1975; Cornelia Frey: Linke Maus lockt rechte Katze, ebendort; RALIS: 24 Irrtümer in Chile, ebendort; Cornelia Frey: Revolution, im Fluge, ebendort; Der Streit um die Medien/República: Arbeiter machen Zeitung, ebendort; Michael Siegert: Portugiesischer Oktober. Ein dialektisches Kalendarium, ebendort; Pater Max: Der Kampf um die Bauern. Ein Priester macht Basisarbeit im Norden Portugals, ebendort

[4Ziffern aus: Arno Münster: Portugal, Berlin 1975, S. 24ff; Anuario Estatistico, Lissabon 1973, zit.b. Münster a.a.O., S. 115; Enzyclopedia Britannica, vol. 18, s.v. Portugal; Friedrich-Frekson u.a.: Die Ökonomie des Mangels — Motor und Schranke der portugiesischen Revolution, in: Kritik der politischen Ökonomie, Nr. 3/4, Berlin 1975, S. 105ff; Danisle Liger: Le Rêve Eveille de l’Économie Portugaise, Le Monde, 3. Dez. 1975; Werbe-Vademecum für Europa: Politische und wirtschaftliche Struktur, Bevölkerung, Volkswirtschaft usw., GGK International, als Manuskript gedruckt, Bd. II, Basel o. J.; (1973) Wirtschafts- und sozialstatistisches Handbuch. Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, Wien 1974; Wirtschafts- und sozialstatistisches Taschenbuch, Österreichischer Arbeiterkammertag, Wien 1975

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1976
, Seite 12
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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