FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 259/260
Alfredo Frade

Die Arbeiterräte entscheiden alles

Das nachfolgende Interview haben wir am 2. Mai 1975 mit dern portugiesischen Trotzkistenfunktionär Afredo Frade anläßlich seines Besuches in Wien aufgenommen. Frade, Jahrgang 1951, Medizinstudent, gehört der LCI (Internationale Kommunistische Liga) an, die bei den Wahlen vom 25. April 1975 als schwächste der zwölf teilnehmenden Parteien hervorging. Wiewohl also die Aussagen keinen repräsentativen Charakter haben, sind sie doch recht informativ (auch für den, der nicht übereinstimmt), weil Frade von seinem extrem linken Standpunkt manches schärfer sieht und offener aussprechen kann als die „großen“ Funktionäre des MFA oder der Regierungsparteien.

Offiziersbefehle werden diskutiert

Wie unterschieden sich die beiden Putschversuche der Rechten in Portugal — der vom 28. September 1974 von dem am 11. März 1975?

Frade: In der Reaktion der arbeitenden Massen. Beide Putschversuche gingen von den kolonialistischen und faschistischen Sektoren der Armee bzw. des Kapitals aus. Im Lager der Spinolisten standen beide Male Spinola und die „Spinolisten“ in der Armee, die noch nicht gesäuberten Funktionäre und Beamten des alten Regimes, kolonial interessierte Kapitalisten wie Spirito Santo usw. Die Arbeiter haben am 11. März viel stärker und entschlossener reagiert. Zwar kam es auch schon am 28. September zu Kontakten von Arbeitern und Soldaten, vor allem bei den Demonstrationen. Aber die Spinolisten konnten in den Kasernen weiterhin ihre Arbeit fortsetzen. Am 11. März hingegen entstand ein antikapitalistisches Bewußtsein.

Die Soldaten organisierten Komitees in den Kasernen und begannen die militärische Hierarchie in Frage zu stellen, Befehle der Offiziere vor der Ausführung zu diskutieren. Am Tag des Putsches bekam z.B. ein Fallschirmjägerregiment den Befehl, die Kaserne des Leichten Artillerieregiments Nr. 1 (RAL 1), das Zentrum der Linken in der Armee, anzugreifen. Die Bevölkerung des Lissaboner Bezirkes stellte sich zwischen die beiden Parteien und stellte den Kontakt zwischen den Truppenteilen her, worauf die Fallschirmjäger überzeugt werden konnten, daß sie von reaktionären Offizieren mißbraucht worden waren. In der gemeinsamen Diskussion stellten die Soldaten fest, daß dies nur möglich gewesen sei, weil sie die Befehle ihrer Offiziere nicht diskutiert hatten; man hatte ihnen gesagt, sie müßten die Revolution gegen einen kommunistischen Putsch verteidigen. In der Kaserne des RAL 1 entstand ein Soldatenkomitee, das in den ersten Tagen die Kasernenvollversammlung umfaßte. Es ist natürlich dann kleiner geworden, spielt aber noch immer eine große Rolle. Auf seine Initiative wurde z.B. die Trennung von Offiziersmesse und Mannschaftskantine beseitigt.

Wie entwickelte sich das Denken der Arbeiter?

Frade: Nach dem 28. September gab es einen Sprung vorwärts in der Entwicklung des Bewußtseins der Arbeiter. Sie begriffen, daß sie den Kapitalismus als solchen angreifen müssen, wenn sie eine Rückentwicklung zum Faschismus verhindern wollen.

Seit dem 11. März taucht in jeder Arbeiterdemonstration in der einen oder anderen Form die Forderung nach Ausschluß der reaktionären PPD (Demokratische Volkspartei) aus der Regierung auf, in gemäßigter Form als Ersetzung der PPD durch die MDP (Demokratische Bewegung Portugals). Die MDP ist eine von der KP gesteuerte Partei, die für die rückständige Bevölkerung auf dem Land gedacht ist, wo noch antikommunistische Vorurteile herrschen. Ihr Wahlresultat am 25. April war zwar relativ mager (4,1 Prozent), aber die KP wollte antikommunistische Stimmen für die Linke bekommen. Die KP gab sich schließlich damit zufrieden, daß in die vierte Regierungskoalition zusätzlich auch die MDP aufgenommen wurde — die PPD blieb drin.

Empirischer Antikapitalismus

Das empirisch entstandene antikapitalistische Bewußtsein kam vor allem bei der Blockierung von Wahlveranstaltungen der einzig zugelassenen faschistischen Partei, der CDS (Sozialdemokratisches Zentrum), zum Ausdruck. Es begann mit der Sprengung des Kongresses der CDS in Porto im Februar 1975 und setzte sich fort durch die ganze Wahlkampagne: Wann immer eine Veranstaltung der CDS angekündigt wird, versammeln sich Tausende von Arbeitern, besetzen den Saal, blockieren den Zugang, rufen „Auflösung der CDS!“, „CDS-Faschisten!“

Was die Selbstorganisation der Massen betrifft, so kann man sagen, daß sich vor allem die Arbeiterkommissionen entwickelt haben. Solche Arbeiterkommissionen sind nach der Wahl vom 25. April 1975 in fast allen Gegenden in den Betrieben entstanden. Die Kommissionen werden in den Betriebsvollversammlungen gewählt. Sie sind aber außerhalb der Betriebe noch nicht auf höherer Ebene zusammengefaßt. In Lissabon gibtes eine „Coordinadora“, der etwa 25 Betriebe angeschlossen sind. Politisch werden sie von den extremen Linken und den Zentristen dominiert, d.h. von den Kräften links von der KP. KP und SP lehnen die Arbeiterkommissionen ab und beschränken sich auf die Gewerkschaften. Die von der SP abgespaltenen Gruppen arbeiten aber mit.

Wie stehen die Arbeiterkommissionen zu den Gewerkschaften?

Frade: Es gibt einen gewissen Gegensatz, der mit der politischen Führung zusammenhängt. In den Arbeiterkommissionen dominieren die Maoisten, die ein gemeinsames Vorgehen mit der Gewerkschaft (Intersindical) ablehnen, da die von den „Sozialfaschisten“ der KP beherrscht würde. In dem großen Elektrobetrieb Efacec, wo meine Organisation in der Arbeiterkommission vertreten ist, gab es Entlassungen, und es gelang der Arbeiterkommission, das Betriebsgewerkschaftskomitee und die zuständige Fachgewerkschaft zum Kampf gegen den Verwalter zu bringen (Juli 1974). Ich meine, daß alle diese Organisationsformen koordiniert werden müßten.

Welche Möglichkeiten und Perspektiven haben die Selbstorganisationsformen der Arbeiter?

Frade: Als wichtigste sehen wir die Ausübung der Arbeiterkontrolle. In der großen Streikwelle im Mai/Juni 1974, als es etwa 2.000 Streiks gegen Entlassungen, Arbeitslosigkeit und ein restriktives Streikgesetz gab, haben die Arbeiterkommissionen wichtige Kontrollfunktionen übernommen. Kontrolliert wurden die Lagerbestände, die Maßnahmen der Verwaltung, alles was zur Verteidigung der Arbeitsplätze wichtig ist. Das war so in der Timex-Fabrik, in der Lisnave-Werft und bei Efacec. In der Textilbranche, die relativ rückständig ist, haben die Arbeiter auf die Androhung von Entlassungen und Betriebsstillegungen wiederholt mit der Öffnung der Geschäftsbücher und der Offenlegung von Konten reagiert — so z.B. die Arbeiterinnen von Sogantal. Der Unternehmer hatte die Bilanzen verfälscht und Wirtschaftssabotage betrieben. Unter dem Druck von unten schloß sich auch das Arbeitsministerium dieser Meinung an.

Im Elektrobetrieb Plessey — die Bau-, Textil- und Elektrobranchen sind am stärksten von der Krise und den Entlassungen erfaßt und hier gab es auch die meisten Aktionen — besetzten die Arbeiterinnen die Büroräume, um zu verhindern, daß der englische Besitzer Archive, Bilanzbücher und andere Unterlagen entfernt. Die Bücher wurden dann von der Arbeiterkommission veröffentlicht. Schließlich wurden die 500 ausgesprochenen Entlassungen rückgängig gemacht (der Betrieb hat 2.000 Arbeiter).

Wohnungen und Land werden besetzt

Welche Rolle spielen die Bezirkskomitees?

Frade: Dort organisieren sich die Arbeiter in Form von Volksversammlungen. Man bespricht die Probleme der Wohnung, der sanitären Verhältnisse, der Versorgung. Wenn z.B. ein Kapitalist sich weigert, seine ungenutzten Wohnungen zu vermieten, oder wenn er zuviel Miete verlangt, dann wird das Haus besetzt, die Bezirkskomitees beginnen die Preise zu vergleichen und stimulieren damit die Selbsthilfe. Es gibt viele Slums um Lissabon, Porto und die anderen Städte. Die Bewegung der Hausbesetzer ist zwar sehr aufgesplittert, aber Bourgeoisie und Polizei sind zu schwach, um Einhalt zu gebieten. Wenn die Arbeiter herausfinden, daß ein Gebäude nebenan unbewohnt ist, nehmen sie es einfach in Besitz.

Und die Landbesetzungen?

Frade: Vor allem in der Provinz Alentejo im Süden Portugals entstehen Komitees kleiner Bauern, welche Landbesetzungen durchführen. Schon nach dem 28. September wurden dort viele Latifundien besetzt. Das hat die Regierung gezwungen, von Landreform zu sprechen. Die Bauern sind mit einfachen Jagdgewehren ausgerüstet und verhindern, daß die Latifundienbesitzer zurückkehren. Es gibt schon erste Versuche mit Produktionskooperativen. Schwach ist noch die Verbindung zwischen Stadt und Land, es gibt noch keinen direkten Austausch von Produkten. Die Bewegung auf dem Land ist gegenwärtig noch von der KP dominiert und von der MAF kontrolliert. Die Regierung verspricht zwar die Enteignung der Latifundienbesitzer, aber bisher hat sie nichts getan.

Wie ist das mit dem Unterschied zwischen Süden und Norden?

Frade: Es stimmt, was die bürgerliche Presse sagt: im Norden gibt es ein ausgedehntes System von „Minifundien“, von kleinem Landbesitz. Deshalb kann sich hier das antikommunistische Denken halten, man erzählte den Bauern einfach, die Kommunisten wollten ihnen ihr Land wegnehmen. Das Landproletariat und der größte Teil der armen Bauern ist im Süden konzentriert. Dort gab es schon in der faschistischen Zeit Kämpfe gegen die Latifundienbesitzer. Die Forderungen müssen also im Süden anders sein als im Norden.

Die Wahlen der Bourgeoisie

Wozu waren eigentlich die Wahlen zur konstituierenden Versammlung am 25. April 1975 gut?

Frade: Die Wahlen waren für die Kapitalisten eine Gelegenheit, ihre Kräfte zu sammeln und nach den Niederlagen vom 28. September und 11. März politisch wiederaufzurüsten. Die bürgerlichen Parteien haben sich alle an den Wahlen beteiligt, sogar die CDS (Sozialdemokratisches Zentrum), obwohl sie nachgewiesenermaßen in den letzten Putschversuch verwickelt war. Nur die christdemokratische Partei wurde verboten, weil sie durch den 11. März zu stark kompromittiert war. Dieses Verbot war aber auch als Ausgleich für das Verbot einiger maoistischer Gruppen auf der Linken gedacht. Es ist den bürgerlichen Gruppen gelungen, teilweise Terrain gegenüber den Linken aufzuholen, obwohl das Wahlresultat ihren wirklichen Einfluß weit übersteigt.

Man kann sagen, daß die Arbeiter ziemlich geschlossen links gewählt haben. Es gab an die vier Millionen Stimmen für die Linke (SP mitgerechnet), doppelt soviel wie für die Parteien des Kapitals (PPD, CDS und PPM/Volksmonarchistische Partei). Die extreme Linke erhielt eine Viertelmillion, wobei auf die Linkssozialisten (FSP, MES) die Hälfte davon entfiel, auf die Maoisten (UDP, FEC, PUP) 90.000, auf die Trotzkisten (LCI) 11.000. Als einzige ganz linke Gruppe errang die maoistische UDP (Demokratische Volksunion) einen Abgeordneten.

Die Putsch-Parteien

Kommen wir zu den einzelnen Parteien. Wie sieht es auf der Rechten aus?

Frade: Da findet man einmal als wichtigste die PPD (Demokratische Volkspartei), die Partei des Finanzkapitals. Sie ist im wesentlichen identisch mit der liberalen Opposition unter dem alten Regime, ihre Funktionäre waren schon in den faschistischen Korporationen drin. Die PPD erstrebt eine Modernisierung der kapitalistischen Wirtschaft, eine Integration in die EG und das kapitalistische Westeuropa sowie einen Neokolonialismus in den Kolonien. Man will eine Art portugiesisches Commonwealth. In dieser Partei geben die Kapitalisten den Ton an, wie Pinto Baltsemao, Generaldirektor des Elektrokonzerns Plessey. Der Generalsekretär Sá Carneiro war schon faschistischer Abgeordneter.

Die Christdemokraten haben sich aktiv an den beiden Putschversuchen beteiligt. Ihr Generalsekretär, der Major Sanchez Osório, war am 28. September Minister für soziale Kommunikation; er rief die Arbeiter auf, die Barrikaden zu verlassen, wodurch die Rechten freie Bahn bekommen hätten. Er wurde aus der Armee ausgestoßen und hat dann die Christdemokraten in ein Sammelbecken für diejenigen Gruppen verwandelt, die nach dem 28. September verboten wurden (Fortschrittspartei, Liberale Partei, Portugiesische Arbeiterpartei). Nach dem Mißerfolg des 11. März, der nicht zuletzt sein Werk war, flüchtete Osório zusammen mit Spinola aus Portugal.

Heute ist der Druck der Massen so groß, daß sich jede Partei sozialistisch oder sozialdemokratisch nennt, sogar die PPD, die enge Beziehungen zu den Amerikanern unterhält. Das hat, nebenbei bemerkt, mit der neokolonialistischen Strategie zu tun: indem man in Angola die FNLA Holden Robertos unterstützt, die das Spiel Mobutus und der Amerikaner spielt, will man mittels „Kongolisierung“ bzw. „Katangisierung“ dem Neokolonialismus das Tor öffnen.

SP spielt das Spiel der Rechten

Wie steht es mit der SP?

Frade: Mário Soares spielt eine wichtige Rolle für die Portugiesische Bourgeoisie. Seit den Wahlen spielt er praktisch ihr Spiel. Die SP-Führung möchte die Probleme des portugiesischen Kapitalismus lösen und steht dabei im Gegensatz zu ihrer Arbeiterbasis. Das zeigte sich z.B. in der Frage des Gewerkschaftsgesetzes, als die SP-Führung zusammen mit den bürgerlichen Parteien für einen Gewerkschaftspluralismus eintrat, während die KP für eine Einheitsgewerkschaft war, die sie zu kontrollieren hoffte. Die Basis hat die Kampagne der SP-Führung nicht mitgemacht. Tausende SP-Arbeiter gingen bei den Einheitsdemonstrationen mit und riefen: „Einheitsgewerkschaft gegen das Kapital“, „Gewerkschaftspluralismus hilft den Unternehmern“, „Nein zur Klassenspaltung“. Soares hat aus Angst vor einem KP-Einfluß den bürgerlichen Parteien in die Hände gespielt, die jede gerne ihre eigene Gewerkschaft gehabt hätten. Die SP ist also eine Partei mit Arbeiterbasis und bürgerlicher Führung.

Zahme bürokratische KP

Und die KP?

Frade: Auch die KP ist schon seit Jahren um eine Zusammenarbeit mit dem Kapital bemüht. Das tritt z.B. in ihrem Festhalten an der bürgerlichen Regierungskoalition um jeden Preis zutage. Immerhin organisiert die KP die Kernschichten des Proletariats und vertritt ein Minimalprogramm für den Sozialismus, ein Programm des sogenannten „Friedlichen Wegs zum Sozialismus“. Sie ist eine reformistische Arbeiterpartei. Dabei ist sie eine der am engsten mit Moskau verbundenen KPs in Europa. Ihre Schwäche ist die lockere Bindung der Arbeiter an die Partei, die zu Zehntausenden erst nach dem Sturz des faschistischen Regimes in die KP eintraten. Die Hegemonie der KP über die Arbeiter ist nicht so gefestigt wie in anderen Ländern, z.B. Frankreich und Italien, wo die KP auf eine jahrzehntelange Dominanz in den Arbeiterkämpfen zurückblicken kann. In Portugal steht die KP in scharfer Konkurrenz mit den Linksradikalen. Daraus erklärt sich, daß viele Bewegungen den von der KP vorgegebenen Rahmen sprengen. So z.B. bei einem Streik in der Lisnave-Werft, wo die KP-Zelle den Streik ablehnte, die Masse der KP-Arbeiter sich jedoch beteiligte.

Linkssozialisten

Was hältst du von den Linkssozialisten (FSP/Sozialistische Volksfront, MES/Bewegung der Sozialistischen Linken)?

Frade: Wir Trotzkisten nennen sie „zentralistisch“, weil sie der MFA und den Reformisten ziemlich kritiklos gegenüberstehen, andererseits aber die Selbstorganisation der Massen unterstützen. Sie stehen mit einem Fuß auf der Seite der Reformisten, mit dem anderen auf der Seite der Arbeiter. Sie haben Einfluß auf einige Gewerkschaften (z.B. Textilarbeiter), und sie haben den nationalen Textilstreik geführt — die wichtigste Streikaktion seit dem Poststreik im Vorjahr. Was wir ihnen vorhalten ist ihre Meinung über die MFA; sie sagen, die MFA sei revolutionär, da deren Programm zum Sozialismus tendiere. Wir glauben, daß die bürgerliche Armee nicht Vorhut des Proletariats sein kann.

Maoisten + SP vs. „Sozialfaschisten“

Wie steht es mit den Maoisten?

Frade: Am bekanntesten ist die MRPP. Sie meint, in Portugal gehe der Faschismus weiter, die MFA sei die neue PIDE (faschistische Geheimpolizei), die KP sei sozialfaschistisch, und es habe sich eigentlich nichts geändert. Diese Propaganda- war der Vorwand für das Verbot der MRPP vor den Wahlen. Wir verteidigen die Genossen von der MRPP und demonstrieren für die Freilassung ihrer verhafteten Aktivisten. Ihre Analyse ist natürlich falsch. Sie sehen einfach über den Unterschied zwischen Faschismus und bürgerlicher Demokratie hinweg. Wir haben keinen Faschismus, sonst könnte es nicht offene Arbeiterkämpfe und Selbstorganisationsformen geben. Die KP ist auch keineswegs „sozialfaschistisch“, da sie die Arbeiterorganisationen nicht vernichten will. Diese Verstiegenheiten der Maoisten führen oft zu grotesken Umkehrungen der politischen Position: So nahm die MRPP nicht an den Barrikadenkämpfen des 28. September und 11. März teil, weil dort die „Sozialfaschisten“ waren, sie beteiligt sich an keiner Demonstration mit Arbeitern der KP, denn das sind „Sozialfaschisten“, und sie geht nicht in die Gewerkschaft, denn dort sind „Sozialfaschisten“ ...

Die MRPP lehnt sogar Aktionen mit anderen maoistischen Gruppen ab, die oft stärker sind als die MRPP. Wegen ihrer Politik laufen ihnen allmählich die Arbeiter davon. Die KP bekämpft die MRPP als eine vom CIA dirigierte konterrevolutionäre Bande. Die MRPP wieder warnt vor einem sozialfaschistischen Putsch der KP. Die MRPP dürfte etwa 1.500 Mitglieder haben.

Die wichtigsten maoistischen Gruppen aber sind diejenigen, die an den Wahlen teilgenommen haben: die UDP (Demokratische Volksunion) und die FEC/ML (Kommunistische Wahlfront/Marxisten-Leninisten). Sie kontrollieren viele Arbeiterkommissionen. Leider verfolgen sie eine Politik des Gegensatzes zwischen Arbeiterkommissionen und Gewerkschaft. Im übrigen verteidigen sie wie die MRPP das gesamte stalinistische „Erbe“ und die Politik der chinesischen KP. Es gibt noch eine vierte [*] maoistische Gruppe, die AOC (Arbeiter- und Bauernaktion), die ebenfalls nicht zur Wahl zugelassen wurde. Sie ist die offiziell von China anerkannte und zugleich die rechteste aller maoistischen Gruppen: sie verteidigt die „nationale Unabhängigkeit Portugals“ und unterstützt die SP gegen die KP. Vor den Wahlen gingen ihre Mitglieder mit umgehängten Stalinplakaten auf die Straße, auf denen stand: „Wählt SP!“

Räterepublik mit Volksarmee?

Jetzt bleiben uns noch die LUAR und die Trotzkisten.

Frade: Die LUAR (Liga der revolutionären Einheit und Aktion) und die [trotzkistische] PRT/BR (Revolutionäre Arbeiterpartei/Revolutionäre Brigaden) nahmen an den Wahlen nicht teil, weil sie meinten, die Arbeiter interessierten sich nicht mehr für die Wahlen und es käme jetzt nur mehr auf den außerparlamentarischen Kampf an. Hier war wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Jedenfalls haben diese Organisationen einen entscheidenden Einfluß auf die Arbeitervorhut, vor allem was den bewaffneten Kampf betrifft. Konzentrierte sich die LUAR unter dem Faschismus auf die Expropriation von Banken und auf bewaffnete Aktionen zur Unterstützung des Kampfes in den Kolonien, so widmet sie sich jetzt vor allem den Selbstorganisationen der Arbeiter, den Hausbesetzungen usw. Was wir an ihr kritisieren, ist die Unterstützung des COPCON, des „progressiven“ Flügels in der Armee — haben diese Einheiten doch schon öfter Arbeiterkämpfe niedergeschlagen. Am 11. März ging die LUAR sofort in die angegriffene Kaserne des RAL 1 und unterstützte dort die Soldaten. Die LUAR hat von den linken Organisationen die stärkste Position in der Armee und wirkt als Transmissionsriemen für die Zusammenfassung der Arbeiter- und Bezirkskomitees mit den Soldaten. Während die LUAR ihre Basis hauptsächlich in den Bezirken hat, ist die PRT/BR in den Betrieben verankert. Langfristig sind die Vorstellungen dieser Gruppen ähnlich wie bei lateinamerikanischen Guerillagruppen: sie sprechen vom Aufbau einer revolutionären Volksarmee.

Meine Organisation, die LCI (Internationale Kommunistische Liga), propagiert als Hauptpunkt die Zusammenfassung der Selbstorganisationsformen der Massen in einem Nationalen Arbeiterrat. Als kurzfristige Losung propagieren wir eine reine Arbeiterregierung und fordern: „Raus mit der PPD aus der Regierung!“ Die Regierung soll nicht mehr auf Klassenzusammenarbeit beruhen, sondern sich auf die Organe stützen, welche die Arbeiter geschaffen haben.

Die Arbeitermacht kann nur aus entwickelten Organen der Doppelherrschaft entstehen. Es gibt in Lissabon bereits eine Koordination der Arbeiterkommissionen — das ist natürlich noch kein Nationaler Arbeiterrat, nur ein Embryo davon.

Die Fraktionen in der Armee

Wie sieht es mit den vieldiskutierten Fraktionen in der Armee aus?

Frade: Die MFA war von Anfang an heterogen. Es gab ausgesprochene Reaktionäre wie Spinola und Sanchez Osório. Andere wieder wollen ehrlich einen demokratischen Prozeß. Die Arbeiterkämpfe haben zu einer Polarisierung der MFA geführt. Ein Sektor will die Massenbewegung unterdrücken — das sind die Rechtsputschisten. Der „progressive“ Flügel will die Massenbewegung kanalisieren, macht kulturelle und politische Aufklärungskampagnen, sucht unmittelbaren Kontakt zur Bevölkerung und spielt eine Schiedsrichterrolle zwischen den Parteien. Dieser Flügel hat angeblich die Führung der MFA inne. Die Spinolisten sind an den Rand gedrängt, kontrollieren aber weiterhin zahlreiche Kasernen im Landesinneren. Am 11. März haben sich nicht alle spinolistischen Generäle am Putsch beteiligt, nur wenige wurden gesäubert.

[*Es existiert noch eine fünfte maoistische Partei, die PUP (Volkseinheitspartei), die bei den Wahlen kandidierte und 13.000 Stimmen bekam (Anm. d. Red.)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1975
, Seite 44
Autor/inn/en:

Alfredo Frade:

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