Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 226/227
Rolf Gössner • Mihailo Marković

Die Zukunft der Selbstverwaltung

Gespräch

I. Technostruktur und Selbstverwaltung

Ein wesentliches Problem unserer Zeit ist der Widerspruch zwischen technischer Rationalität und Effizienz auf der einen Seite, positiver menschlicher Freiheit im Sinne der Selbstverwirklichung auf der anderen Seite. Der Kapitalismus gab in seiner bisherigen Geschichte der Effizienz den Vorrang. Freiheit begriff er immer nur in einem liberalistischen, negativen Sinne: Freiheit von politischer Herrschaft. Das griechische Ideal einer völligen und harmonischen Selbstrealisierung war ganz vergessen. Erst in den letzten Jahrzehnten gibt es Tendenzen zur Einführung gewisser Formen der Selbstbestimmung in manchen kapitalistischen Ländern und in manchen Sphären des sozialen Lebens; aber so dosiert, daß dies die bestehenden Formen der Herrschaft nicht bedroht. Es ist völlig klar, daß man in dieser Richtung nicht über eine bestimmte Grenze hinausgehen kann. Diese Grenze bilden jene Interessen, die mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln verbunden sind.

Leider bedingt das niedrige Niveau der materiellen Entwicklung der postkapitalistischen Gesellschaften auch dort eine Tendenz zur einseitigen Betonung der Effizienz, des Wachstums und einer Reihe typischer Werte der Konsumgesellschaft. Experimente mit gewissen Formen der Selbstverwaltung in einigen sowjetischen Betrieben haben eine Erhöhung der Effizienz und Produktivität gezeigt. Die Einführung der vollen Selbstverwaltung in allen jugoslawischen Betrieben in den fünfziger Jahren verursachte eine der höchsten Raten der Produktionsvergrößerung in der Welt (15 bis 17 Prozent jährlich). In beiden Fällen bildete die Grenze jene politische Bürokratie, welche es nicht zuließ, das Monopol ihrer politischen und ökonomischen Macht abzuschaffen.

Eine wünschbare und geschichtlich mögliche Alternative wäre ein Modell, das auf Teilung der Rollen im gesellschaftlichen Entscheidungsprozeß beruht. Für die Grundentscheidungen (Gesetze, Pläne, langfristige Programme, Schlüsselwertentscheidungen) und auch für die volle Kontrolle der Realisierung wären die Organe der Selbstverwaltung verantwortlich auf allen Ebenen (von den Betrieben und Lokalgemeinschaften bis zur Gesamtgesellschaft). Die operative Leitung und die Vorbereitung der alternativen technischen Lösungen (der rationellsten Mittel für die gewählten Ziele) wäre in den Händen der Fachleute (mit Galbraith’s Worten: „Technostruktur“). Es ist notwendig, daß die Technostruktur den Organen der Selbstverwaltung untergeordnet ist, daß die Mitglieder dieser Organe auf demokratische Weise gewählt werden, daß sie nach demokratischen Regeln entscheiden und ohne materielle Privilegien arbeiten. Weitere Bedingungen sind: enge Verbindung zwischen den Organen der Selbstverwaltung und einem Zentrum für unabhängige kritische Sozialforschung; radikale Demokratisierung der Informationsmittel und ihre Befreiung von der Herrschaft des Kapitals und der politischen Bürokratie; ein demokratisches, pluralistisches politisches Leben; und besonders eine radikale Veränderung des gesamten Erziehungssystems, das immer weniger auf die entfremdete Arbeit und immer mehr auf die Selbstverwirklichung vorbereiten sollte.

Elementare Voraussetzung für alle diese Veränderungen, die zur Aufhebung der existierenden Entfremdung führen sollten, ist Abschaffung der politischen und ökonomischen Gewalt der kapitalistischen und bürokratischen Schichten.

II. Explosion sozialer Phantasie

Der Begriff der Abschaffung der ökonomischen und politischen Gewalt wird operationalisiert, indem man die Bedingungen bestimmt, unter denen ein solcher Prozeß stattfinden soll: Man muß konkret erklären, was die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Deprofessionalisierung des politischen Entscheidungsprozesses bedeuten. Sobald dies klargestellt ist, braucht man — noch innerhalb des Rahmens einer allgemeinen Theorie — eine historische Analyse der spezifischen Situation in dem betreffenden Land; man muß die konkreten, praktischen Möglichkeiten für radikale soziale Veränderungen aufdecken und die sozialen Kräfte benennen, die sich für die Verwirklichung dieser Möglichkeiten mobilisieren lassen. Diese geschichtliche Konkretisierung einer gewissen Grundtheorie wird von Land zu Land sehr verschieden ausfallen. Sie wird außerdem Vorsorge treffen für alternative praktische Lösungen.

Schon der erste Schritt wird sehr unterschiedlich sein in den verschiedenen Typen von Gesellschaften, entsprechend den verschiedenen historischen Abläufen und Situationen. Der Anfang kann eine gewaltige Revolution sein, z.B. in einem der südamerikanischen Länder; oder die Entwicklung von Formen der Selbstverwaltung unter allmählicher Reduzierung der bestehenden Rechte der Kapitalisten auf Aneignung des gesellschaftlichen Mehrprodukts; oder eine wesentliche Demokratisierung der Partei; oder die Abschaffung der Herrschaftsstrukturen an den Universitäten, usw. Freisetzung sozialer Phantasie ist notwendig um gegenwärtiges, rigides, uniformes, einliniges dogmatisches Denken über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der weiteren menschlichen Entwicklung aufzuheben. Das fordert mehr soziale Phantasie von Intellektuellen wie von Politikern. Erst nach den ersten radikalen Verbesserungen der Lebensbedingungen, Erziehungsmöglichkeiten und Chancen eines sinnvollen politischen Engagements kann man eine Explosion der sozialen Phantasie in der gesamten Gesellschaft erwarten.

III. Wege der Verwirklichung

Die einzige geschichtliche Möglichkeit, die bestehenden Realitäten des Kapitalismus und des Bürokratismus aufzuheben, ist mit einem Modell der integralen Selbstverwaltung verbunden. Die Wege der Verwirklichung eines solchen demokratischen und sozialistischen Modells sind jeweils spezifisch für die verschiedenen Gesellschaften, aber es gibt einige allgemeine Voraussetzungen:

  1. Ein neues kollektives, kritisches Bewußtsein, das den wirklichen Bedürfnissen der überwiegenden Mehrheit der Menschen entspricht. Eine neue revolutionäre Aufklärung, eine sozialistische, kulturelle Revolution ist notwendig, um neue kollektive Forderungen zu artikulieren und zu sozialem Bewußtsein zu bringen: für direkte Teilnahme am Entscheidungsprozeß in Politik und Ökonomie; für Abschaffung aller Privilegien; für ausnahmslose Rotation aller Funktionen der Verwaltung; für ständige Erweiterung der Freizeit und der Möglichkeiten für sinnvolle Tätigkeiten (statt Erweiterung des Warenangebots und des Konsums); für neue Erziehung, die jedem Heranwachsenden vielfältige Gelegenheiten für die Entdeckung und freie Entfaltung seiner schöpferischen Fähigkeiten erlaubt. Diese sozialistische Aufklärung soll nicht auf die politische Revolution warten; sie muß ihr vorausgehen, sonst führt die politische Revolution zum Bürokratismus.
  2. Eine neue sozialistische Bewegung, die nicht nur antikapitalistisch ist, sondern auch von Anfang an ein Bewußtsein für die Gefahr der Bürokratisierung entwickelt. Die Organisierung dieser Bewegung muß aus den Erfahrungen bisheriger Revolutionen lernen: sie muß jeden Kult charismatischer Führer und jede Entwicklung von Herrschaftseliten von Anfang an vermeiden. In einer solchen Bewegung, die gut organisiert, aber antiautoritär wäre, sollten junge industrielle und intellektuelle Arbeiter eine entscheidende Rolle spielen.
  3. Die größten Hindernisse für die Entwicklung eines demokratischen Sozialismus müssen beseitigt werden. Das sind die bestehenden Monopole der ökonomischen und politischen Macht.
    Zwei große Schritte in dieser Richtung wären:
    1. Umwandlung aller Profite in Zinsen für das angelegte Kapital, ohne irgendwelche Verwaltungsrechte;
    2. relative Deprofessionalisierung der Politik: direkte Wahl (nicht durch die bestehenden Parteien vermittelt) einer immer größeren Anzahl von Delegierten der Arbeiter, der Jugend, der Frauen in alle politischen Organe, von den lokalen Gemeinschaften bis hin zu föderalen Versammlungen.

Man kann in dieser Richtung nicht sehr viel erreichen mit einem rein politischen Druck gegen die Herrschaftsgruppen. Eine radikale politische und ökonomische Demokratisierung ist möglich:

  1. im Falle einer scharfen Polarisierung innerhalb der Herrschaftselite (Tschechoslowakei, Januar 1968);
  2. in Ländern mit einer starken Tradition parlamentarischer Demokratie unter den Umständen einer tiefen sozialen Krisis (Chile seit 1970);
  3. in einer revolutionären Situation, in der der Staatsapparat sehr geschwächt ist und eine Massenbewegung mit einer gewaltigen Erhebung droht.

In manchen Ländern fehlt ein Minimum an politischer Freiheit, um irgendeine emanzipatorische Bewegung organisieren zu können. Aber selbst unter schlimmsten Bedingungen läßt sich auf kulturellem Gebiet weit mehr leisten, als gemeinhin angenommen wird.

IV. Jugoslawische Erfahrungen

Als die ersten Formen der Selbstverwaltung 1950 eingeführt wurden, war Jugoslawien noch eine sehr rückständige Gesellschaft. Eine relativ primitive Agrikultur (1970 gab es noch 2,6 Millionen kleine private Bauerngüter) läßt sich mit Selbstverwaltung nicht vereinbaren. Zwar gab es eine beschleunigte Industrialisierung ünd Urbanisierung, deren Durchführung jedoch schwere Arbeit, Disziplin, Effizienz, autoritäre menschliche Beziehungen, Verteilung der Waren durch den Markt und entsprechendes Konsumverhalten der Arbeiter erforderte. Eine besondere Schwierigkeit war die Tatsache, daß die allgemeine Kultur bei den Arbeitern relativ niedrig war und daß demokratische Verhaltensweisen sehr unterentwickelt waren: mit Ausnahme des serbischen Staates von 1905 bis 1914 gab es keine Periode bürgerlicher Demokratie in irgendeinem südslawischen Land und keine Tradition des politischen Liberalismus. Folglich sah sich die Selbstverwaltung von Anfang an Grenzen gegenüber, die vorher nie überschritten worden waren. Sie wurde von oben, von der Parteileitung, eingeführt und war nur in den Betrieben, kulturellen Institutionen und lokalen Gemeinschaften zu verwirklichen. Daher gibt es in Jugoslawien schon seit mehr als zwei Dekaden ein gemischtes System mit Elementen einer vorkapitalistischen Autoritätsstruktur, einer kapitalistischen Marktökonomie, eines postkapitalistischen Bürokratismus und einer wirklich sozialistischen direkten Arbeiterdemokratie.

Auch in den Betrieben, wo diese neuen revolutionären Elemente am stärksten ausgebildet sind, haben sie mit folgenden Schwierigkeiten zu kämpfen:

  1. Die Arbeiter sind nicht genug gebildet, ihnen fehlt allgemeine Kultur, fehlen Informationen über verschiedene Aspekte des Produktionsprozesses. Das alles würden sie brauchen, um alle ihre Rechte zu realisieren, um die Direktion wirklich zu kontrollieren und um zu verhindern, daß man sie von oben manipuliert. Die Arbeiterräte müßten eigene Möglichkeiten der Information und Analyse haben, um kritische Distanz zu Vorschlägen und Entwürfen der Direktion zu gewinnen und Grundentscheidungen wirklich frei treffen zu können.
  2. Die Macht der Arbeiter in einem Betrieb ist sehr begrenzt, wenn es in der Gesamtgesellschaft noch starke Zentren entfremdeter Macht gibt (die Spitzenorgane des Staates und der Partei). Eine weitere große Gefahr für die Selbstverwaltung sind die kleinen oligarchischen Gruppen (aus Direktoren und politischen Funktionären in den Betrieben gebildet), die gut organisiert sind und sich von den politischen Faktoren außerhalb des Unternehmens stark unterstützen lassen. Die unorganisierte Mehrheit der Arbeiter und ihre Vertreter in den Arbeiterräten sind oft machtlos gegen eine solche technobürokratische Elite.
  3. Die Selbstverwaltung reicht nicht aus, wirklich menschliche Beziehungen zu schaffen unter den Bedingungen einer Marktökonomie. Die Arbeiterkollektive selbst befinden sich auf dem Markt im Konflikt, und das Eigentum an den Produktionsmitteln kommt einem Gruppenbesitz nahe. Eine wirkliche Synthese von Selbstverwaltung und allgemeiner Arbeitersolidarität ist erst nach Aufhebung der Warenproduktion möglich.

Die notwendigen Bedingungen für eine weitere Entwicklung der Selbstverwaltung in Jugoslawien sind: wesentlich höheres Niveau der Arbeitsproduktivität und Kultur; Übergang von der Warenproduktion zur Produktion für die menschlichen Bedürfnisse; Deprofessionalisierung der Grundentscheidungsprozesse auf der Ebene der Republiken und der Föderation: das bedeutet Schaffung der Organe der integralen Selbstverwaltung, die den traditionellen Staat ersetzen.

V. Überwindung der Warenwelt

Eine radikale Überwindung der Warenwelt ist möglich auf einem so hohen Niveau des technologischen Fortschritts, daß sich die Grundbedürfnisse aller Individuen einer Gesellschaft während einiger Stunden gesellschaftlich notwendiger Arbeit erfüllen lassen. Diese Situation ist kein Traum mehr, keine Utopie. In den USA, in Schweden und in anderen hochentwickelten Ländern ist es bereits möglich, mit zwanzig Stunden Arbeit pro Woche einen Lebensstandard zu genießen, der dreimal höher ist als in Jugoslawien und mehr als zwanzigmal höher als in vielen afrikanischen und asiatischen Ländern. Und die Produktivität wächst sehr schnell weiter. Die übrige Zeit wird frei für selbstgewählte sinnvolle Tätigkeiten, die einem Individuum erlauben, seine potentiellen schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten und eine Vielfalt von Bedürfnissen anderer Individuen zu erfüllen. Die Erziehung hätte dann nicht mehr so sehr die Funktion, für eine bestimmte Rolle im Arbeitsprozeß vorzubereiten, sondern vielmehr eine volle Selbstaktualisierung der Persönlichkeit zu ermöglichen.

Freizeit ist eine Sphäre, in der es keine Verwaltung gibt, also auch keine Selbstverwaltung. (Natürlich schließt das Organisierung nicht aus; der Unterschied ist ähnlich dem zwischen einem professionellen und einem Amateurtheater.) In der Sphäre der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, die nicht Selbstzweck, sondern Mittel für etwas anderes ist, sind Ordnung und Disziplin nötig. Dort bedeutet Selbstverwaltung, daß alle Grundentscheidungsprozesse völlig unter der Kontrolle der gesamten Gesellschaft sind: nicht mehr die privaten Produktionsmitteleigner oder die professionellen Politiker entscheiden über das Mehrprodukt, sondern die gewählten Delegierten des Arbeiters in den Arbeiterräten, die keine Privilegien genießen.

Der traditionelle Markt genügt nicht mehr, um die Struktur der wünschbaren Güter und Dienstleistungen zu bestimmen. Die Bedürfnisse, die sich auf dem Markt offenbaren, sind das Produkt einer langen Manipulation in der Vergangenheit. Sie können nicht völlig und plötzlich ignoriert werden, doch wäre es möglich, während einer Übergangsperiode, die Struktur der Bedürfnisse so zu transformieren, daß man falsche Bedürfnisse durch echte ersetzt, d.h. daß man die Produktion jener Güter und Dienstleistungen bevorzugt, welche die Aktualisierung der zurückgebliebenen, positiven und potentiell schöpferischen menschlichen Fähigkeiten ermöglicht. Daraus folgt jedoch nicht, daß mit Ablehnung und Abschaffung des klassischen Marktes die bürokratische Planung als das einzige Mittel einer solchen bewußten Lenkung der Produktion bleibt. Dieses Dilemma ist falsch; eine dritte Lösung ist die demokratische Lenkung durch die Organe eines integralen Systems der Selbstverwaltung. Eine solche Lenkung würde sich auf Daten der sozialpsychologischen Forschung und kritischer sozialer Anthropologie stützen und verlassen.

VI. Bürokratie als Quasi-Kapitalist

Die jugoslawische Gesellschaft war in den fünfziger Jahren auf dem Wege zu einer echten Lösung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit. Das ganze Kapital wurde zuerst (um 1945) nationalisiert und dann (nach 1950) vergesellschaftet. Das heißt: das Staatseigentum an den Produktionsmitteln wurde in Gesellschaftseigentum umgewandelt, die Staatsbetriebe wurden autonome, sich selbstverwaltende Betriebe, in denen die Arbeiterräte über die Produktionsmittel verfügen, aber kein Recht haben, sie zu entfremden. Unter diesen Umständen sind die Arbeiter keine Lohnarbeiter mehr: sie entscheiden über alle Fragen der Organisation und Struktur der Produktion, der Verteilung des Einkommens, der Zusammenarbeit mit anderen Betrieben usw. Was sie bekommen, ist kein Lohn, sondern jener Teil des gesamten Betriebseinkommens, der ihrem Beitrag in der Produktion entspricht.

Diese Tendenz hat sich in den späteren sechziger Jahren nicht weiterentwickelt. Ein großer Teil des Mehrprodukts geht in die Hände der Bürokratie über und gibt ihr eine enorme politische und ökonomische Macht. Sie besitzt zwar das Kapital nicht im klassischen Sinne, aber sie entscheidet über die Verwendung des Mehrprodukts und die Grundfragen der Produktion, als ob sie Eigentümerin des Kapitals sei.

In den sechziger Jahren wurde die Rolle des Marktes immer größer, was der Grundidee des Sozialismus als eines Übergangs vom Kapitalismus in eine klassen- und marktlose Gesellschaft widerspricht. Seit 1966 gibt es einen Prozeß der sozialen Differenzierung, der auf der einen Seite eine Reservearmee des Proletariats schafft, auf der anderen (potentielle) kleine Kapitalisten. Jetzt gibt es bereits eine Million Jugoslawen, die bei uns keine Beschäftigung finden und nun im Ausland als Lohnarbeiter tätig sind. Leider gibt es auch Tausende von Kleinbürgern, die durch verschiedene Formen der Spekulation genug Geld gemacht haben, um Produktionsmittel zu erwerben. Die Gesetze erlauben das zwar nicht, aber eben deshalb übt die neue Mittelklasse einen heftigen Druck aus, um diese Gesetze zu ändern und sowohl Aktiengesellschaften als auch private Betriebe zuzulassen. Ihrer Meinung nach wäre es äußerst vorteilhaft für die gesamte Volkswirtschaft, wenn es ihnen erlaubt wäre, ihr Kapital zu investieren.

Leider hat die Logik des Marktes auch ihre Wirkung auf die Arbeiterklasse. Manche Arbeiterräte verhalten sich auf dem Markt wie kleine Kollektiv-Kapitalisten, die nur an der Maximierung des Einkommens interessiert sind.

Die Avantgarde der revolutionären Bewegung in Jugoslawien hat die Selbstverwaltung als Alternative zum Stalinismus nach dem Konflikt im Jahre 1948 theoretisch ausgearbeitet und praktisch eingeführt. Sie war radikal genug, um nicht vor der Schwierigkeit dieser Lösung zu resignieren: das ist ihr historisches Verdienst. Aber sie war nicht radikal genug, diesen großen Entwurf bis zum Ende zu bringen, d.h. sich selbst als eine Elite der Macht auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene abzuschaffen. Also blieb sie auf dem halben Wege stecken. Sie hat einen großen Teil der Macht in Ökonomie und Kultur aufgegeben und auf die Arbeiterräte und Versammlungen der lokalen Gemeinschaften, der Kommunen, übertragen. Aber als die Entwicklung der Selbstverwaltung den Punkt erreichte (um 1963), an dem die Organe der Selbstverwaltung die Organe des Staates ersetzen sollten (wie es im Programm des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens 1957 geschrieben steht), erklärte diese bürokratisierte Avantgarde ihr Nein. Seit dieser Zeit gibt es eine klare Stagnation und, besonders nach 1968, eine wachsende Repression in Jugoslawien. Die Bürokratie versucht, den Geist, der aus der Flasche entfloh, wieder einzufangen. Das ist kaum möglich. Doch auch der Weg der weiteren Entwicklung ist nicht mehr klar und eindeutig.

VII. Alternativen in Jugoslawien

Im Moment gibt es mehrere alternative Zukünfte für die jugoslawische Gesellschaft:

  1. weitere Schritte in der Entwicklung der Selbstverwaltung und einer wirklich sozialistischen Ökonomie,
  2. Überwindung der gegenwärtigen Krise durch ein Bündnis der liberalen Bürokratie und der Technokratie,
  3. Rückkehr zu einem administrativen und autoritären System, Reduzierung der bestehenden Institutionen der Selbstverwaltung zu leeren Formen.

Die erste Alternative ist optimal, sie hat ihre Chance nur deshalb, weil die Idee der Selbstverwaltung in den breiten Massen der Arbeiter und der Jugend noch lebendig ist, und es gibt noch politische Funktionäre, die ihren einstigen Idealen treugeblieben sind. Natürlich ist kein ausländischer Block an der Verwirklichung dieser Möglichkeit interessiert.

Die zweite Alternative bedeutet die Weiterentwicklung einer liberalen, kleinbürgerlichen Gesellschaft, die auf der Marktökonomie beruht und allmählich alle sozialistischen Werte verwirft. Das ist ein Weg, auf dessen Verfolgung die liberale Bürokratie ihre gegenwärtige Position aufbaut, die Technostruktur ihren Einfluß verstärkt und im Verlaufe dessen die mittleren Schichten neue Gelegenheiten bekommen, sich weiter zu bereichern. Diese Alternative ist sehr stark im Interesse des westlichen Kapitalismus.

Die dritte Alternative wird nur im Falle eines dramatischen Sieges der konservativen Kräfte der Bürokratie geschehen. Vor einigen Jahren war sie nicht mehr ausgeschlossen. Sie ist jetzt für all jene sozialen Schichten attraktiv, die eine Notwendigkeit für mehr Ordnung und Sicherheit, auf Kosten anderer, spüren. Zweifellos ist sie im Interesse der bürokratischen Kräfte im Osten.

Was meine Position in Jugoslawien betrifft, so gehöre ich zu jenen linken Intellektuellen, die an der Revolution teilnehmen, die heute für einen demokratischen Sozialismus kämpfen und sehr kritisch sind, auf der einen Seite gegenüber der Tendenz der bürokratischen Usurpierung der sozialen Macht und auf der anderen Seite gegenüber den Phänomenen wachsender Klassenunterschiede, Konsumideologie und wertloser Massenkultur. Ich bin Mitglied jener marxistischen Gruppe, welche die Zeitschrift „Praxis und Philosophie“ herausgibt, und alljährlich Ende August die Sommerschule auf der Insel Korčula organisiert. Die konservativen und agressiven Schichten der Bürokratie sehen in uns einen Gegner und Feind. Die anderen respektieren unsere linke Position, und das erklärt die Tatsache, daß wir (noch) frei sind, frei reisen und an den Universitäten lehren können.

VIII. Jugo-Revisionismus

Die Kritik vieler marxistischer Theoretiker am jugoslawischen Modell trifft einige wirkliche Schwächen des jugoslawischen Modells, besonders jene, die die Folgen eines nicht genügend kontrollierten Marktmechanismus sind. Das Fatale dieser Kritiken ist es zumeist, daß sie all diese Schwächen als die Folge der Selbstverwaltung betrachten. Diese Kritiker sehen nicht, daß viele jener Phänomene gerade die Konsequenz ihrer ungenügenden Entwicklung sind. Warum konnte die Bürokratie zur Macht zurückkehren? Sie hatte das etatistische Modell entschieden verlassen. Die Kritik dieses Modells hat ihr geholfen, die politische Schlacht gegen den Stalinismus zu gewinnen. Die wahre sozialistische Alternative war ein Modell integraler Selbstverwaltung, das die wichtigen Prinzipien Freiheit und Effizienz verbindet. Dieses Modell führt aber zur Selbstabschaffung jeder Machtelite. Darum hat die Bürokratie ein neues, gemischtes Modell entdeckt und entwickelt, in welchem sie weiterhin Macht besitzt, aber nicht wesentlich ausübt, und in welchem anstatt bewußter Lenkung der ökonomischen Prozesse durch die demokratischen Zentren blinde Regulierung durch die Mechanismen des Marktes zu finden ist.

Diesem Weg fehlt der geschichtliche Sinn, er hilft uns nicht weiter, er führt uns zurück in die Vergangenheit, in eine Situation, in der beste revolutionäre Kräfte vernichtet sein würden und aus der kein wirklich sozialistischer Ausweg mehr sichtbar wäre.

Vorabdruck aus „Ansichten einer künftigen Futurologie; Zukunftsforschung in der zweiten Phase“, hrg. von Dietger Pforte und Olaf Schwencke, Reihe Hanser, München.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1972
No. 226/227, Seite 23
Autor/inn/en:

Rolf Gössner:

Geboren 1948, Rechtsanwalt, Publizist und parlamentarischer Berater. Zahlreiche Buchveröffentlichungen zum Themenfeld „Innere Sicherheit“, Bürgerrechte und Demokratie. Er schreibt für viele Zeitungen und ist Mitherausgeber der Zweiwochenschrift „Ossietzky“.

Mihailo Marković: Geboren 1923 in Beograd, Partisan, Professor der Philosophie in Beograd, Mitorganisator der Sommerschule auf Korčula, Mitglied des Redaktionsbeirates des NF. Veröffentlichungen: „Formalismus in der zeitgenössischen Logik“, 1957; „Dialektische Theorie der Bedeutung“, 1961; „Humanismus und Praxis“, 1968, „Dialektik der Praxis“, 1971. Zahlreiche Essays, u.a. in der in Zagreb erscheinenden Philosophiezeitschrift „Praxis“.

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