FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 144
Friedrich Kurrent • Johannes Spalt

Wien jenseits der Donau

Vor wenigen Tagen wurde im Wiener Rathaus die Ausstellung „Stadterneuerung in Wien“ eröffnet. Diese erfreuliche Aktivität der Stadtverwaltung unterstützen wir gerne mit dem Abdruck der Vorschläge von der Arbeitsgruppe 4 Architekten (heute bestehend aus Friedrich Kurrent und Johannes Spalt), die ihre Ideen für die Erweiterung Wiens über die Donau hinaus schon vor einem Jahr publiziert hatten bei einer Ausstellung der Firma Austro-Olivetti. FORVM veröffentlichte von der Arbeitsgruppe 4 Architekten bisher zwei Projekte: in Heft XII/136 eines über Wohnberge und in Heft XII/138-139 eines für die Verwendung der Wiener Flaktürme.

Überzeugt, daß Wien nur durch die ausgiebige Einbeziehung des linken Stromufers in das zu regulierende Gebiet endlich die gebührende Bedeutung als Welthandelsstadt erreichen wird, habe ich mein Projekt auch nach dieser Richtung hin ausgedehnt. Dort ist die Stelle, auf welcher unsere Stadt in nicht allzu ferner Zukunft zu großen Schöpfungen schreiten muß.

Otto Wagner [1]

Durch den neuen „Atlas der Republik Österreich“ [2] wird exakt bestätigt, was man auch gefühlsmäßig spürt, daß nämlich der Wiener Raum in seiner Ausdehnung im Süden von Neusiedel am See nach Norden bis Hohenau und nach Westen bis Neulengbach reicht. In diesem Raum leben 30 Prozent der Bevölkerung Österreichs und 40 Prozent aller Berufstätigen. Diese Tatsache steht in krassem Gegensatz zu der derzeitigen Stadtgrenze der Stadt Wien. So bilden die Untersuchungen von Hugo Hassinger (1910 und 1946), Max Ermers (1926), Walter Strzygowski (1948) und Roland Rainer gemeinsam mit dem Institut für Raumplanung (1962) wichtige Grundlagen, welche alle darauf abzielen, der Stadt einen größeren, ihr entsprechenden Lebensraum zu sichern.

Obwohl Wien seit dem Ersten Weltkrieg aus bekannten Ursachen rund eine halbe Million Einwohner verloren hat und die Bevölkerung seit dem letzten Weltkrieg nur unwesentlich zunimmt, fehlen trotzdem 250.000 Wohnungen. Dieser Bedarf soll nach dem derzeitigen Planungskonzept durch Erneuerung des Althausbestandes, Auflockerung der zu dicht bebauten Gebiete, Verdichtung der zu locker bebauten Gebiete und Neuplanungen in unverbauten Gebieten gedeckt werden. Selbst bei vollständiger Erneuerung ganzer Bezirke, beispielsweise des zweiten Bezirkes, wäre ein großer Bedarf an Bauland notwendig für die Neuplanung von etwa 150.000 Wohnungen im Sinne einer Stadterweiterung und Ausdehnung, denn für die Aussiedelung aus regenerierten Bezirken müßten 50.000 Wohnungen an anderer Stelle geschaffen werden. [3] Die Größenordnung der beanspruchten Flächen kann nur im Zusammenhang mit der Wohn- und Bebauungsform gesehen werden, was in diesem kurzen Abriß nicht entsprechend möglich ist.

Wo liegen die möglichen Gebiete einer zukünftigen Stadterweiterung? Innerhalb der existierenden Stadtgrenzen sind dies die Gebiete südlich des Laaer Berges von Liesing bis zum Zentralfriedhof, die Simmeringer Heide und das gesamte Gebiet links der Donau, welch letzteres ein Drittel der Gesamtfläche von Wien einnimmt und wo derzeit nur ein Zehntel aller Wiener wohnt. Es können also zwei Gebiete unterschieden werden, wo noch Neuplanungen möglich sind: diesseits der Donau ein schmaler Streifen im Süden der bestehenden Stadt und jenseits der Donau, beginnend von den bestehenden Ansiedlungen, Floridsdorf, Kagran und Stadlau bis weit in das Marchfeld.

Wien — Bandstadt nach Süden?

Der stärkste Exponent des Wiener Städtebaues nach 1945, Roland Rainer, vertritt seit den Fünfzigerjahren die Idee einer Bandstadt Wien — Wiener-Neustadt. [4] Nachdem Rainer im Jahre 1953 zum Stadtplaner von Wien bestellt wurde, mußte sich diese Idee in der Realität beweisen. Wir können uns heute fragen, inwieweit dies möglich war. Rainer selbst schreibt dazu im Jahre 1965: „... Die gegen sehr heftige Widerstände bereits vor mehreren Jahren durchgesetzte Erschließung und Besiedlung dieses sehr großen Industriereviers, auf dem inzwischen zahlreiche Betriebe einen Platz an der südlichen Stadtgrenze gefunden haben, dient sehr wirksam der Entwicklung und Stärkung der ‚Bandstadt‘ Wien — Mödling — Wiener-Neustadt, zu deren Weiterentwicklung übrigens — begreiflicherweise — das Entscheidende mehr von Niederösterreich aus getan werden kann und muß als von Wien aus, das ja sein Stadtgebiet bis zum südlichen Rand bereits so gut wie vollgebaut oder vollgeplant hat ...“ [5]

So wurde tatsächlich als einzige größere städtebauliche Realisierung in diesem Gebiet die „Südstadt“ von Niederösterreich gebaut, nachdem erst im Jahre 1954 das zur Stadt Wien gehörende Gebiet bis Mödling ausgemeindet wurde.

Die von der Stadt Wien gerade durch einen Wettbewerb vorbereitete zukünftige Bebauung der Drasche-Gründe bei Inzersdorf für etwa 60.000 Bewohner liegt ebenfalls direkt an der südlichen Stadtgrenze und die natürliche Fortsetzung dieser Bebauung kann nur in Niederösterreich erfolgen. Abgesehen vom politischen Dilemma können sich daher diese Siedlungskörper nicht zu einem homogenen Ganzen verbinden, sondern sind und werden Trabantenstädte mit all ihren Nachteilen.

Außer der künstlichen, politischen Grenze bildet im Süden der Stadt der Laaer Berg eine natürliche Barriere.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war unter dem damaligen Stadtbaudirektor Goldemund geplant, den Laaer Berg als Ergänzung des Wald- und Wiesengürtels zu bepflanzen. Ein Grüngürtel — folgend dem großen Zirkelschlag vom Leopoldsberg über den Wienerwald und Laaer Berg zum Prater und somit wieder zur Donau — sollte die natürliche Grenze der Stadt sein.

Rainer griff die Bepflanzung des Laaer Berges als wichtigen Bestandteil seines Planungskonzeptes wieder auf, jedoch sollten dahinter, nach Süden gerichtet und von der Stadt abgewendet, die neuen Wohnsiedlungen in Verbindung mit den Arbeitsstätten entstehen.

Gleichzeitig mit der Beschließung des Wald- und Wiesengürtels wurde im Jahre 1905 das große Gebiet jenseits der Donau der Stadt angegliedert; es wurde jedoch ein halbes Jahrhundert lang, bis in unsere Zeit, vernachlässigt. Das ist die Ursache, warum der Wiener von „herüben“ das Land jenseits der Donau als zweitrangig betrachtet.

Die vorher beschriebene Beengung der Planungsfreiheit im Süden der Stadt einerseits und anderseits das Vorhandensein großer, zusammenhängender, ebener Flächen im Nordosten, welche sich großteils in Händen der Stadt befinden, drängten die Planer zu Bebauungsvorschlägen für dieses Gebiet. Da die Entwicklung der Stadt nach Nordosten über die Donau nach dem Kriege von Anfang an nicht gewollt war, fehlt noch heute — nach Ansicht der Verfasser — ein großzügiges, großstädtisches Konzept für diesen Teil der Stadt.

Radiale, konzentrische Stadterweiterung

Die derzeitige Stadtplanung sieht eine Dreiteilung entsprechend den historischen Dörfern Floridsdorf, Kagran, Stadlau vor, wobei den neuen Wohngebieten im Sinne einer „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ drei neue Neben-Zentren entsprechen sollen.

Die derzeitige Stadtverwaltung hat also sowohl im Süden als auch im Nordosten der Stadt große Planungen ausgeführt und Wohnstätten errichtet, und es drängt sich die Frage auf, ob ein „entweder — oder“ nicht richtiger wäre. Sokratis Dimitriou schreibt: „Unklar ist geblieben, in welche Richtung sich Wien weiterentwickeln soll, an und über die Donau oder, wie Rainer es gewünscht hat, in Richtung der Bandstadt nach Süden. Für eine Entwicklung in beide Richtungen zugleich scheint die Kraft der Stadt nicht auszureichen.“ [6]

Schon die bekannten Bezeichnungen „Ring“, „Gürtel“, „Wald- und Wiesengürtel“ weisen darauf hin, daß der Stadtkörper Wien nicht zufällig ringförmige, radiale Grundform hat. Bis in die früheste Geschichte ist eine konzentrische Gestalt verfolgbar und jede spätere Entwicklung hat aus topographischen und wehrtechnischen Gründen eine ringförmige Erweiterung verlangt, die auch heute noch das Stadtbild prägt. Die historische Grenze nach Nordosten bildete bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Donau. Nach der Donauregulierung, die im Jahre 1875 vollendet war, blieb ein Teil der „Alten Donau“ bestehen, deren natürlicher Bogen sich auf das glücklichste mit dem gegenüberliegenden, geschichtlich gewordenen Gürtel (Linienwall) ergänzt.

Hervorgerufen durch das rapide Wachstum der Stadt wurde im Jahre 1893 ein Wettbewerb veranstaltet, der die zukünftige Entwicklung der modernen Großstadt Wien zum Ziele hatte. Sieger in diesem Wettbewerb war Otto Wagner, der ebenso wie Eugen Fassbender, der mit einem zweiten Preise ausgezeichnet worden war, schon damals über die Donau hinweg eine radiale Stadterweiterung vorschlug, obwohl dieses Gebiet noch gar nicht der Stadt angegliedert war. Fassbender forderte: „Richtig aber ist es, im vorhinein Radial- und Ringlinien gleichzeitig zu fixieren. Es ist wohl eine ganz klare und richtige Folgerung, wenn ich deshalb behaupte, daß die einzig richtige Lösung für das Wien der Zukunft darin liegt, im vorhinein in Intervallen von beispielsweise 50 Jahren die Außenringe zu fixieren und die Radialstraßen immer sofort dieser Anordnung anzupassen.“

Otto Wagner hat sich noch zwei Jahrzehnte hindurch mit dem Problem der Stadterweiterung befaßt und in der Studie „Die Großstadt“ (1910) unter besonderer Berücksichtigung des modernen Verkehrs, nachdem er die Wiener Stadtbahn gebaut hatte, neuerlich das radiale, ringförmige System am Beispiel Wiens angewendet.

Sind diese Planungen für uns heute noch maßgebend?

Unserer Meinung nach sind sie für zukünftige Planungen insoweit anregend, als sie die natürliche und organische Ergänzung des vorhandenen Stadtkörpers betreffen und sowohl Ausdehnungsform als auch Ausdehnungsrichtung vorwegnehmen, also eine radiale, ringförmige, konzentrische Erweiterung der bestehenden Stadt über die Donau in Verlängerung der Hauptachse Stephansplatz — Praterstern — Reichsbrücke — Kagran von Südwest nach Nordost.

Waren damalige Planungen sehr wesentlich von handelspolitischen Erwägungen bestimmt, insbesondere durch den Schiffahrtsverkehr auf der Donau und der bevorstehenden Realisierung des Donau-Oder-Kanals, so ist heute die Lösung des Verkehrsproblemes eine Voraussetzung für neue Erschließungen. Der Raum jenseits der Donau hat eine relativ nahe Lage zum vorhandenen Zentrum, es gilt nur die Verkehrsverbindungen entsprechend auszubauen oder zu verbessern.

Die Schließung des Gürtels

Die endlich abgeschlossene Verlängerung der Gürtelstraße im Norden über die Donau nach Floridsdorf und die geplante Gürtelverlängerung im Süden über die Donau nach Stadlau mit der dadurch notwendigen vierten Donaubrücke im Prater stellen den Kontakt mit dem jenseits gelegenen Ufer der Donau her. Es gilt jedoch nicht nur den Gürtel über die Donau hinweg zu verlängern, sondern den Gürtel jenseits der Donau — entlang dem Verlauf der Alten Donau — zu schließen. Erst dadurch würde dieser Straßenzug seine Bezeichnung rechtfertigen und überdies Floridsdorf, Kagran und Stadlau miteinander und mit der Stadt auf das kürzeste verbinden. [7] Es wird von der Lage und Anzahl der Brücken abhängen, inwieweit die Donau die „Altstadt“ von der „Neustadt“ trennt oder beide verbindet. Deshalb genügt es nicht, nur eine vierte Donaubrücke zu planen, sondern es müßten ihr zumindest eine Brücke zwischen Floridsdorfer Brücke und Reichsbrücke — in Verlängerung der Lastenstraße — folgen, sowie eine beim Winterhafen und eine bei Klosterneuburg, welch letztere als „Tore“ zur Stadt bezeichnet werden könnten.

Für die interne Aufschließung und Verbindung des Gebietes jenseits der Donau würde der äußerste Schnellstraßenring im großen Bogen von der Klosterneuburger Brücke bis zur Brücke beim Winterhafen verlaufen müssen. Zwischen dieser Schnellstraße und dem „Donaufelder Gürtel“ würde eine ebenso ringförmige Schnellstraße die jetzt bestehenden Ansiedlungen tangieren.

Jeder modernen Stadtplanung liegt die Differenzierung der Verkehrsadern nach Art und Wertigkeit zugrunde. So dürften auf keinen Fall Stadtautobahn und Fernautobahn gemischt werden, wie es im bisherigen Planungskonzept am Beispiel der sogenannten Süd-Ost-Tangente der Fall ist. Die Weiterführung der Südautobahn schräg über den Laaer Berg und als Gürtelverlängerung zur vierten Donaubrücke benützt, ist sicher ein Fehler. Um so mehr, als der von der Westautobahn abzweigende südliche Umfahrungsarm, der die Südautobahn kreuzt und ohne die Stadt zu durchfahren in weitem Bogen bei Schwechat über die Donau nach Norden und Osten führen sollte, ebenfalls in diese Süd-Ost-Tangente geführt wird. Der momentane Vorteil geringerer Kosten würde nur eine scheinbare Ersparnis bringen und für die Zukunft wichtige Entwicklungen hemmen.

Eugen Faßbender: Generalregulierungsplan Wien, 1893
Otto Wagner: Generalregulierungsplan Wien, 1910
Arbeitsgruppe 4: Flächenwidmung der neuen Stadt links der Donau, 1946

Für eine Großstadt, „wie Wien wieder werden soll“, ist es Voraussetzung, daß neben den Verbindungen für den Autoverkehr rasche und direkte Verbindungen für den Massenverkehr so geplant werden, daß außer der bestehenden Schnellbahnverbindung nach Floridsdorf und der geplanten Schnellbahnschleife auf vorhandenen Geleisen, von Floridsdorf bis zur nordöstlichen Stadtgrenze und zurück, nach Stadlau und Simmering eine direkte gerade Verbindung von Kagran bis zum Stephansplatz hergestellt werden müßte. Diese Verbindung sollte am besten mittels einer U-Bahn erfolgen und als direkte Fortsetzung der bereits als solche in Angriff genommenen U-Bahn-Linie Wiedner Hauptstraße — Kärntnerstraße — Stephansplatz — Praterstern ausgebaut werden. Immerhin stand im Jahre 1914, also vor 50 Jahren, der Bau der Wiener U-Bahn vor der Beschlußfassung. Die Zurücklegung der Strecke Stephansplatz — Neues Zentrum an der Alten Donau, auf das wir später noch zurückkommen, sollte in weniger als 10 Minuten Fahrzeit möglich sein. —

„Das Schönste, was eine Stadt besitzen kann, ist eine schöne Lage an einem schönen Fluß. In Wien merkt man nicht viel davon. Wie formen doch anderswo Ströme das Gesicht einer Stadt: die Themse in London, die Seine in Paris, der Arno in Florenz — und die Donau in Regensburg, Passau, Preßburg und Budapest. Besonders in Budapest. Niemand kann diesen Eindruck vergessen. Wien aber, das ununterbrochen von der schönen blauen Donau singt, hat nicht einmal den kleinen Seitenarm, der noch dazu den häßlichen Namen Donaukanal trägt — nomen est omen — richtig zur Geltung zu bringen gewußt, geschweige den Hauptstrom, den eine nicht sehr glückliche Regulierung zu weit vom Stadtkern ablenkte und der überdies durch ein trostloses Steppenband, das Überschwemmungsgebiet, jeder städtebaulichen Gestaltung Hohn spricht.“ Das schrieb Rudolf Örtel 1947 in seinem Buch „Die schönste Stadt der Welt“.

Diese zutreffende Aussage oder jene von Josef Hoffmann: „Wien liegt an einem herrlichen Strom. Habt ihr gesehen, was mit seinen Ufern geschehen ist? Wir haben ihm den Rücken gekehrt, gehen ihm aus dem Weg, nützen kaum seine gigantischen Kräfte und ahnen kaum, was er uns in der heutigen Not sein könnte“ [8] wird durch die derzeitigen Absichten vielleicht in den kommenden Jahren entkräftet werden.

Die „neue Stadt“ an der Donau

Durch die Errichtung der „Staustufe Wien“ soll das Überschwemmungsgebiet einen zweiten Donauarm aufnehmen, der durch einen langen Damm vom Hauptstrom getrennt sein wird. Dieser soll als Erholungsraum dienen und soll Clubs, Sport- und Erholungsstätten und Restaurants aufnehmen.

Die Donauinsel, der Donaupark zwischen Floridsdorfer Brücke und Reichsbrücke, sollte weiterhin als Grünland erhalten bleiben und wäre ideal geeignet, große Ausstellungen, eine Weltausstellung oder Olympiade aufzunehmen.

Gerade die Möglichkeit, so nahe am Zentrum der Stadt ein großes Gebiet für die verschiedensten Anforderungen frei zu haben, schafft nicht ein Vakuum zwischen der alten und der neuen Stadt, sondern erzeugt im Gegenteil jenes Spannungsfeld, das neue Impulse und Kräfte der Stadt und ihrem Gemeinschaftsleben zuführen kann.

Wir sollten überdies nicht vergessen, daß Wien das Tor zum Osten bleiben wird und für diese Funktion — an dem so wichtigen Strome, der Donau — vorbereitet sein muß.

Der nötige Hintergrund für diese freie Zone kann das Gebiet jenseits der Donau nur dann sein, wenn es als Ganzes aufgefaßt wird, das heißt, wenn die historischen Dörfer Floridsdorf, Kagran und Stadlau, welche zusammen so viele Bewohner wie Salzburg haben und immer noch heterogene, aufgeblähte Dörfer geblieben sind, nicht in dieser Trennung verharren oder diese gar verstärkt wird.

Die geplanten drei Nebenzentren werden nicht imstande sein, für eine so große Anzahl von Bewohnern die nötigen öffentlichen und besonders kulturellen Einrichtungen zu tragen; sie werden außerdem Konkurrenten der alten Dorfkerne werden. Auch müßte, damit ein Ganzes entsteht, das derzeitige Übergewicht der Ansiedlung Floridsdorf ausgeglichen werden, welche ursprünglich Brückenkopf war und an der Abzweigung der Straßen nach Brünn und Prag entstand.

Die Verfasser sind der Ansicht, daß für das gesamte Gebiet jenseits der Donau nur ein einziges Zentrum die wirtschaftlichen, verwaltungstechnischen und vor allem kulturellen Einrichtungen aufnehmen soll und daß sich als Lage für dieses Zentrum das Gebiet entlang der Nordseite der „Alten Donau“ ideal anbietet. Walter Strzygowski, der im Jahre 1948 für seine Planungen dasselbe Gebiet vorgeschlagen hatte, schreibt darüber: „Die Front der Nordstadt kann überaus reizvoll gestaltet werden. Der flach eingebogene Verlauf des Ufers, der Alleen und der gesamten Häuserfront leitet den Blick aufwärts auf den Wienerwald. Man muß an die Seeufer von Gmunden, Zürich oder Genf gehen, um ähnliche Gegebenheiten zu finden. Der Bogen öffnet sich gegen Südwest in Richtung der stärksten Sonnenstrahlung.“

Es ist selbstverständlich, daß die Sport- und Erholungsgebiete, wie „Gänsehäufl“ und „Alte Donau“, voll aktionsfähig bleiben müssen und daß durch die kulturellen und funktionsbedingten Bauten des neuen Zentrums eine Steigerung der Landschaft und Intensivierung des großstädtischen Lebens zu erwarten ist.

Die in Wien herrschende Raumnot und Zersplitterung der Hochschulen sollte nicht verewigt werden. Es ist kaum anzunehmen, daß die Gründe des Allgemeinen Krankenhauses auch nur annähernd diesen Bedarf decken können; deshalb schlagen wir vor, eine in jeder Hinsicht großzügige und ideale Hochschulstadt im Anschluß an das vorher beschrieben Zentrum, im Herzen des Gebietes jenseits der Donau, dem völlig unverbauten Bereich zwischen Floridsdorf, Kagran und Leopoldau, zu errichten. Zwischen Zentrum, Hochschulstadt, Erholungsgebiet und Wohngebieten ergäbe sich damit eine vielfältige Wechselwirkung.

Entsprechend dem eingangs beschriebenem Gerüst der Aufschließungsstraßen und Schnellbahnlinien sollte die neue Wohnbebauung in immer neuen Ringen um Zentrum und vorhandene Bebauung angelegt werden. Der vorhandenen Fläche entsprechend würde ein Ring 100.000 bis 150.000 Bewohner aufnehmen können. Als Bebauungsform sollten konzentrierte, terrassenartige Gebilde für je 10.000 Bewohner geschaffen werden, in denen auch ein Teil der Betriebs- und Arbeitsstätten untergebracht wäre. [9]

Ziel dieses Planungsvorschlages sollte nicht eine Entwertung der bestehenden Stadt und vor allem der Inneren Stadt sein, sondern — durch die jetzt eingeleitete Stadterweiterung hervorgerufen — die Entwicklung Wiens zu einem harmonischen, größeren Ganzen.

Entsprechend der großen Aufgaben für die Zukunft müßte ein großer, freier, internationaler Wettbewerb für die neue Stadt jenseits der Donau ausgeschrieben werden, wie es vor hundert Jahren für die Wiener Ringstraße geschah.

[1Otto Wagner: Zum Generalregulierungsplan, 1893.

[2Von Hans Bobek und Heimold Helczmanovski.

[3Helmut Korzendörfer: Eine bevorstehende Völkerwanderung innerhalb Wiens. Folgerungen aus einer „Flächenbilanz“ des Institutes für Raumplanung. In: „Berichte und Informationen“, 26. Februar 1965, Heft 970.

[4Roland Rainer: Bandstadt Wien. Die natürlichen Tendenzen städtebaulicher Entwicklung im Wiener Raum. In: „Der Aufbau“, Heft 5/6, 1953.

[5„Die Presse“, Februar 1965.

[6Sokratis Dimitriou: Planung ohne Auftrag — zur Situation des österreichischen Städtebaues. In: „Bauen + Wohnen“, 9/1965

[7Vgl. auch W. Strzygowski: Die neue Nordstadt und die Schließung der Gürtelstraße. In: „Die Neugestaltung der Stadt Wien“, Wien 1948

[8Josef Hoffmann: Wiens Zukunft. In: „Der Merker“, 10. Jg., 1919/24.

[9Vgl. Friedrich Kurrent/Johannes Spalt: Wohnberge, eine neue städtische Bebauungsform. In: FORVM, Heft XII/136.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1965
No. 144, Seite 601
Autor/inn/en:

Johannes Spalt:

Friedrich Kurrent:

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