FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 136
Friedrich Kurrent • Johannes Spalt

Wohnberge

Eine neue städtische Bebauungsform

Diese pseudostädtischen Riesen-Bienenkörbe könnten zu nichts anderem führen als zur gesellschaftlichen Inzucht innerhalb jedes einzelnen „Wohnberges“ und würden den urbanen Zusammenhang Wiens mit Sicherheit zerstören.

Dr. Helmut Junker in „der aufbau“, 1/2, 1965

Der Karl Marx-Hof, die vollendete Ausprägung des Superblocks aus der klassischen Zeit des Wiener sozialen Wohnungsbaues von 1920 bis 1930 enthält 1.300 Wohnungen für etwa 4.000 Bewohner. Seine Längenausdehnung beträgt einen Kilometer, er ist 5 bis 7 Geschosse hoch, an gemeinsamen Einrichtungen sind vorhanden: Kindergärten, Zentralwäscherei, Zentralbad, Zahnklinik, 27 Geschäftslokale, Postamt, Gasthaus, Kaffeehaus. Mit anderen Wohnkomplexen jener Zeit, wie Karl Seitz-Hof, George Washington-Hof, Reumann-Hof, Raben-Hof, Winarsky-Hof oder der Wohnhausanlage am Engelsplatz, hat der Karl Marx-Hof gemeinsam, daß er ein abgeschlossenes, ganzes und von der Umgebung deutlich abgesetztes bauliches Gebilde ist. Schon aus der Benennung ist erkenntlich, daß es sich um Hofanlagen handelt. Die Höfe sind weiträumig und haben durch ihre Bepflanzung parkartigen Charakter. Auch in Hinblick auf die notwendigen gemeinsamen Einrichtungen sind diese „Höfe“ in gewissem Sinne autark. Der burgen- oder festungsähnliche Charakter dieser Bauten war Ausdruck des politisch-ideologischen Kampfes der Sozialdemokratie.

„Das großartige Bauprogramm, das Siegel, Weber, Jäckel entworfen haben, überläßt dem Stockwerkshaus einen breiten Platz. Große zusammenhängende Grundflächen, die architektonische Gestaltung gewaltiger Baumassen mit Verwendung der großzügigsten Mittel gestatten, werden bebaut. Große, abwechselnd gestaltete Höfe, gleich Stadtplätzen mit weiten torartigen Straßendurchlässen, Baublöcke wechselnder Höhe, von Baumgruppen überschattete Rasenspielplätze, Lauben, Terrassen, alles in ruhiger Größe, fern von gesuchter Lieblichkeit sind die wesentlichsten Bestandteile, aus welchen sich die Wirkungen dieser ihren Eindruck weithin ausstrahlenden Stadtbilder zusammensetzen werden.

Oskar Strnad: Volkswohnungsanlage für Wien-Favoriten, 1923

Gemeinsame, technisch vollkommene Bäder, Waschhäuser, gemeinsame Kinderspielplätze, Lesehallen, Vortragssäle sollen helfen, auch innerhalb der Hochhausblocks ein Band um die Zusammenwohnenden zu schlingen“, [1] schreibt Oskar Wlach im Jahre 1924. Es ist kein Zufall, daß jene Architekten, die fähig waren, solche Baumassen zu bewältigen, fast ausschließlich das Training der „Wagner-Schule“ absolviert hatten: Gessner, Örley, Ehn, Perco, Schönthal, Lichtblau. Diese riesigen Wohnkomplexe sind zweifellos die eindrucksvollsten Bauten, welche die Gemeinde Wien je errichtet hat. Sie machten die Welt zum letzten Male aufmerksam auf die bauliche und architektonische Potenz Wiens. Sie hatten nach dem Zweiten Weltkrieg keine Fortsetzung.

Neben dem dominierend gewordenen Konzept des konzentrierten Massenwohnbaues der damaligen Zeit in Form von Superblocks kam die ebenso sozial und ideologisch fundierte Idee des Siedlungsbaues, Flachbaues, der Gartenstadt (Stadtrat Scheu) ins Hintertreffen. Zwei ausgeprägte Ideen standen in der Anfangszeit des Gemeindebaues einander gegenüber. Sieger blieb die Idee des Wohnblocks. Trotzdem wurden auch niedere Gartensiedlungen gebaut. Die letzte, vor allem architektonisch ausgeprägte Demonstration blieb die Wiener Werkbundsiedlung des Jahres 1932; zugleich die letzte Zusammenfassung österreichischer Architektur unter der Führung von Josef Frank. Führende in- und ausländische Architekten waren als Planer vertreten, unter anderen Loos, Hoffmann, Strnad, Frank, Neutra, Rietveld, Lurgat, Häring. Besonders wichtig sind für uns heute die vielfältigen und differenzierten Vorstellungen über das Wohnen, das Einzelhaus sowie dessen Kombination. Josef Frank polemisierte schon 1926 in seiner Rede „Der Wiener Volkswohnungspalast“ entschieden gegen die Bauweise des Superblocks.

Die Zeit nach 1945 konnte weder am Modellfall der Werkbundsiedlung Anknüpfungspunkte finden noch am Karl Marx-Hof. Auch gelang keine Synthese zwischen Superblock und Gartensiedlung. Und schon gar nicht etwas Neues.

Was war eigentlich geschehen?

Weder die Anzahl der gebauten Wohnungen noch die Kapazität war kleiner geworden. Seit 1945 baute die Gemeinde Wien ca. 80.000 Wohnungen. In der gleichen Zeitspanne der Zwischenkriegszeit wurden 65.000 Wohnungen gebaut.

Nach anfänglichen, der Armut angemessenen, bescheidenen Versuchen wurden in den letzten zwanzig Jahren fast nur Misch- und Kompromißformen bestimmend, die von keiner Idee getragen waren.

Unter dem Schlagwort „aufgelockert“ wurden große Wohnanlagen errichtet, bei denen die geschlossene Randbebauung des Superblocks weitgehend aufgegliedert wurde, um „durch die so entstandenen Zeilen eine Durchgrünung der Stadt zu erreichen“. Die anfangs 4- und 5-geschossigen Zeilen wurden später zu 7-, 8- und 10-geschossigen langen, kasernenartigen Reihen formiert. Auch die in den frühen Fünfzigerjahren als Dominanten errichteten Wohn-Hochbauten (Matzleinsdorfer-Hochhaus, Hochhäuser bei der Reichsbrücke) stellen lediglich hochgeschossene Normaltypen dar und wirken sich für das Stadtbild negativ aus. Der einzige zivilisatorische Fortschritt gegenüber dem frühen Gemeindebau war das Badezimmer.

Lediglich einige „Prestige-Bauten“ der letzten Zeit wurden durch Anwendung des Motives durchgehender Balkone „modern“ frisiert (Vorgartenstraße, Eisenstadtplatz). Sie können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Gemeindebau der Nachkriegszeit keinen großstädtischen Ausdruck besitzt und der soziale Aspekt kaum eine entsprechende bauliche Interpretation erfährt. Sowohl von innen als auch von außen vermitteln diese Wohnquartiere den Eindruck von Einförmigkeit, Beengtheit, Unfreiheit und Kleinbürgertum. Diese Feststellungen treffen für den Wohnungsbau in ganz Österreich zu, doch ist Wien schon deshalb ein wichtiges Beispiel, da hier etwa eine halbe Million Menschen in Gemeindehäusern wohnt.

Die „Horizontale Wohngemeinschaft“

Alle Versuche zur Eindeutigkeit schlugen bis jetzt fehl; die Bemühungen Roland Rainers um eine horizontal ausgebreitete, aus ebenerdigen Einfamilienhäusern und niedrigen Reihenhäusern bestehende Stadt konnten in Wien, außer kleineren Versuchen, nicht verwirklicht werden.

Baustadtrat Heller konnte 1959 noch sagen „Wir haben vor kurzem für die Verbauung der nördlich der Per Albin Hansson-Siedlung gelegenen Flächen einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich zu unserer großen Freude 88 Architekten beteiligt haben. Diese Tatsache werten wir als ein gutes Zeichen für die künftige Mitarbeit der Wiener Archiktektenschaft an den Problemen unserer Stadt“, [2] doch 1965 sieht die Wirklichkeit dort anders aus. Die Anregung und die Grundlagen für dieses Projekt waren vom damaligen Stadtplaner Roland Rainer ausgegangen; der Modellfall einer Flachbausiedlung sollte verwirklicht werden. In der weiteren Folge verlangte die Gemeinde Wien von den planenden Architekten Wohnbauten im üblichen Gemeindebau-Stil. Gerade die niedrigen Gartenhof-Häuser, welche diese Siedlung zu einer kleinen Gartenstadt machen sollten, wurden nicht ausgeführt. Die Ausgangspunkte der Gartenstadtbewegung liegen im England des vorigen Jahrhunderts; die Voraussetzungen dafür waren dort, entsprechend der englischen Lebensart, besonders günstig. Später hatte diese Bewegung auch in Deutschland große Auswirkungen. In den frühen Zwanzigerjahren wurde die Idee in Wien propagiert und theoretisch unterbaut, besonders durch Kampffmeyer, Scheu, Loos, Tessenow, Schuster und Schacherl. Roland Rainer wollte diese Tradition fortsetzen.

Neben dem Vorteil des Freiraumes direkt beim Haus, welcher sich besonders für kinderreiche Familien günstig auswirkt, sind viele Nachteile vorhanden, die das Verallgemeinern dieses Ideals verhindern. Horizontale Städte haben eine große Flächenausdehnung, brauchen viel kostbaren Grund und enorme Aufschließungskosten. Durch die langen internen Wege kann sich das Gemeinschaftsleben wenig entwickeln. War in der Anfangszeit der Gartenstadtbewegung das Verkehrsproblem nicht zu vergleichen mit der heutigen Entwicklung, so ist nicht zu übersehen, daß auch bei den bestgegliederten Projekten oder Verwirklichungen derartiger Städte sowohl die internen Wege zu den öffentlichen Massenverkehrsmitteln als auch die Aufschließung für den Autoverkehr, der Garagen und Parkplätze, kaum befriedigend gelöst werden können. So kann die „horizontale Gemeinschaft“ nur einen Sonderfall innerhalb einer Großstadt darstellen.

Die „Vertikale Wohngemeinschaft“

Wir können dem Massenwohnbau der Ersten Republik einerseits nichts Gleichwertiges in der Zweiten entgegensetzen, anderseits müssen wir betonen, daß der Superblock nur für jene Zeit richtig war. Wir müssen jedoch die Konsequenz bewundern, mit der damals der eingeschlagene Weg gegangen wurde.

Die Frage lautet also: Was müssen wir heute tun?

In den Jahren 1947-52 baute Le Corbusier in Marseille seine erste Unité d’Habitation, jene „vertikale Gemeinschaft“, welche den wichtigsten und bedeutendsten Beitrag einer unserer Zeit entsprechenden Wohnform darstellt. 337 Wohnungseinheiten werden ergänzt durch Läden für den täglichen Bedarf und Gemeinschaftseinrichtungen, welche in halber Höhe und am Dach des 56 Meter hohen, 165 Meter langen, 24 Meter tiefen Baublocks Platz finden.

Wie Le Corbusier auch in seinem Wiener Vortrag im Jahre 1947 ausführte, geht die Idee der Unité d’Habitation auf einen Besuch der Kartause von Ema in der Toskana zurück. „Ich war damals — 1907, also vor 40 Jahren — geradezu überwältigt von der großartigen Harmonie dieser architektonischen Schöpfung, die dazu bestimmt war, den Gegensatz Individuum-Gemeinschaft funktionell in eins zu setzen, diese beiden Pole, zwischen denen die Seele lebt und zwischen denen sich die Aktivität der in einer Gemeinschaft vereinigten Menschen entfaltet.“

Corbusier versuchte diesen Grundgedanken auf den Wohnungsbau zu übertragen.

Die Erwartungen Corbusiers im Hinblick auf eine „Gemeinschaft“ der Bewohner haben sich nicht restlos erfüllt. Die Tatsache, daß man im gleichen Gebäude wohnt, in denselben wenigen Geschäften einkauft oder sich bei Sport und Erholung auf dem Dach trifft, genügt noch nicht, um die angestrebte Gemeinschaft entstehen zu lassen. Dem Denken der damaligen Zeit entsprechend wurde die saubere Trennung der „Funktionen“ — Arbeiten, Wohnen, Erholen — angestrebt. Ist die Kombination Wohnen-Erholen in gewissem Sinne geglückt, so galt bis in die jüngste Zeit die Doktrin, die Arbeitsstätte zwar nicht allzuweit entfernt vom Wohnquartier zu planen, jedoch streng davon zu trennen.

Es darf angenommen werden, daß bei einer größeren Anzahl von Wohnungen die Kontakte eher vermehrt würden, da die gemeinsamen Dienste sich entsprechend vermehren müßten und auch übergeordnete Einrichtungen notwendig würden (Theater, Kirche, Bibliothek, Schwimm- und Sporthalle, Austellungsräume, Clubs, Hotel, Restaurants, Schulen etc.).

Konzentration und Isolation

Sowohl Corbusiers Wohnblock als auch die Superblocks der Wiener Gemeindebauten der Zwanzigerjahre sind Konzentrationen einer Vielzahl von Wohnungen, welche den Vorteil der direkten Verbindung zu den gemeinsamen Einrichtungen im eigenen Wohnblock aufweisen und welche abgegrenzt und isoliert in die Umgebung der Stadt oder der Landschaft gestellt wurden. Für beide Ausprägungen ist festzustellen, daß das Konzept ausschließlich der Errichtung von Wohnstätten entspricht, ohne die schwerwiegende Beziehung Wohnstätte-Arbeitsstätte besonders zu berücksichtigen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, bei künftigen Planungen diese Überbetonung der reinen Wohnfunktion gegenüber dem Tätigkeitsablauf der Stadtbewohner zu vermeiden.

Denken wir an die mittelalterliche Stadt, so erkennen wir, daß dort den Tätigkeiten, den Kontakten, dem Lebensrhythmus der Bewohner innerhalb des Tagesablaufes am besten Rechnung getragen war. Lewis Mumford sagt: „Jede mittelalterliche Stadt entstand aus einer einzigartigen Situation, verkörperte eine einzigartige Verbindung von Kräften und schuf sich in ihrem Plan eine einzigartige Lösung. Hinsichtlich der Aufgaben des städtischen Lebens bestand eine so völlige Übereinstimmung, daß die Verschiedenheiten im Einzelnen nur die Grundzüge bestätigen.“ [3] Für uns kann als gutes Beispiel, welches noch in ursprünglicher Form existiert, die mittelalterliche Stadt Steyr dienen. Die Längen- und Breitenausdehnung ist etwa mit der des Karl Marx-Hofes identisch. Man kann sich die Vielzahl der Häuser, die um den freien Raum gruppiert sind, welcher zugleich Straße, Marktplatz und Treffpunkt ist, gut als einziges großes Gebäude vorstellen, das allen Funktionen des täglichen Lebens gerecht wird.

Das Terrassenhaus

Die Lösung des Wohnungs- und Bebauungsproblems verlangt vom Architekten, daß er sehr gegensätzliche Anforderungen in Einklang bringt: Verbundenheit und Isoliertheit, Entfernung und Nähe, Intimität und Öffentlichkeit, Abgeschlossenheit und Gemeinsamkeit, Individualität und Kollektivität.

Da das Einfamilienhaus mit kleinem Garten als Bebauungsform für die Großstadt nicht allgemeine Gültigkeit haben kann, jedoch der dringende Wunsch besteht, für die Bewohner, Familien mit Kindern, einen Freiluftraum zu schaffen, dieser aber im mehrgeschossigen Wohnhaus heutiger Prägung durch kleine, schmale Balkone kaum berücksichtigt ist, stellt das Terrassenhaus die weitaus beste und auch ökonomischeste städtische Wohnhausform der Zukunft dar.

Es ist erstaunlich, daß es bisher kaum Verwirklichungen von Terrassenhäusern großen Ausmaßes gibt, obwohl es sich um eine der ältesten Wohnformen handelt (im mediterranen Bereich, im Orient). Henri Sauvage baute 1924 in Paris eine Terrassenhausanlage; Projekte für diesen Typ verfaßte er schon früher. Von beiden Seiten stufen sich die Wohnungen, immer ein wenig zurückgesetzt, so daß Terrassen entstehen; der im Innern verbleibende, nach oben immer weniger werdende Raum wird für Säle und dergleichen ausgenützt. Um 1914 zeichnete der italienische Architekt Sant Elia Visionen von schräg aufsteigenden, terrassierten städtischen Häuserkomplexen, bei welchen die Aufzüge vertikal danebenliegen und unten in mehreren Ebenen Anschlüsse an die großstädtischen Verkehrsadern geplant sind.

Adolf Loos: Projekt „Grand Hotel Babylon“ 1923

Adolf Loos beschäftigte sich zeit seines Lebens mit der Idee des Terrassenhauses, und er demonstrierte diesen Gedanken sogar an einzelnen Wohnhäusern (zum Beispiel Haus Scheu in Hietzing, 1912). Alle seine Planungen sind Projekte geblieben, so das „Grand Hotel Babylon“ und der Entwurf für ein Wohnhaus der Gemeinde Wien aus dem Jahre 1923, zu welchem Loos sagt:

„Ich habe in diesem Projekt Wohnungen, die sich in zwei Stockwerken befinden. Das ist keine Erfindung von mir. Die Engländer und Amerikaner haben Mietwohnungen, die sich aus zwei Stockwerken innerhalb eines zehn oder zwanzig Stock hohen Gebäudes zusammensetzen. Die Leute legen großen Wert darauf, ihre Wohnräume nicht neben den Schlafzimmern zu haben, sie wollen die Zimmer durch Treppen getrennt haben. Sie bilden sich dann ein, sie hätten ein eigenes Haus. Das Wertgefühl des Menschen wird dadurch gehoben. Die zwei hintereinanderliegenden Terrassenhäuser haben Hochstraßen, die man über eine Treppe, die im Freien liegt, erreichen kann. Jede Wohnung hat ihren eigenen Eingang von der Hochstraße aus und ihre eigene Laube, wo man des Abends in freier Luft an der Hochstraße sitzend sich aufhalten kann. Die Kinder spielen auf der Terrasse ohne Gefahr, von einem Automobil überfahren zu werden.“ Und weiter: „Es war immer meine Sehnsucht, ein solches Terrassenhaus für Arbeiterwohnungen zu bauen. Das Schicksal des Proletarierkindes vom ersten Lebensjahr bis zum Eintritt in die Schule dünkt mich besonders hart. Dem von den Eltern in die Wohnung eingesperrten Kinde sollte die gemeinschaftliche Terrasse, die eine nachbarliche Aufsicht ermöglicht, den Wohnungskerker öffnen.“ [4]

Auch Le Corbusier plante um das Jahr 1930 große Terrassenhäuser. Der Wiener Architekt Oskar Strnad hatte 1923 im Rahmen des „Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen“ eine amphitheatralisch angeordnete Anlage von Terrassenhäusern geplant: der im Süden Wiens gelegene Laaerberg sollte zu einer Terrasse, gekrönt durch Kulturbauten aller Art, ausgestaltet werden.

Gesteigerte Ansprüche an die Wohnung, das Unbehagen an der bisherigen Wohnungsform, neue konstruktive und technische Möglichkeiten haben in den letzten Jahren zu Projekten geführt, welche die Idee des großen Terrassenhauses neu interpretieren: zum Beispiel das in Deutschland unter der Bezeichnung „Wohnhügel“ bekannt gewordene Terrassenhaus mit Garagen im Inneren, oder das umfangreichere Agitationsprojekt des japanischen Architekten Kenzo Tange, der eine große Ansammlung derartiger Wohnbauten für die Erweiterung der Stadt Tokio ins Meer hinausstellt.

Wie steht man in Wien bisher zum Terrassenhaus?

„Lauben und Terrassen sind tunlichst zu vermeiden“ heißt es in den „Grundlagen für den Entwurf von Wohnhausbauten und Siedlungen im Wohnbauprogramm der Stadt Wien“, die jeder Architekt mit Erhalt des Auftrages in die Hand gedrückt bekommt.

Die Ausführungen des Wiener Stadtrates für Bauwesen Kurt Heller könnten Anlaß sein zu einer Neu-Konzeption unseres Wohnungsbaues wenn er sagt:

„Die Errichtung großer, zusammenhängender Komplexe erlaubt die Einrichtung wirtschaftlicher Großbaustellen, die großzügige Erschließung neuer Gebiete nach modernen Methoden, aber auch die Anlage von Gemeinschaftszentren mit Geschäften, Kindergärten, Schulen und Bauten für die Freizeitgestaltung, die als Kristallisationspunkte des Gemeinschaftslebens den Mittelpunkt der Nachbarschaft bilden.

In solchen Anlagen wird die Wohnkultur und der Baustil unserer Zeit verkörpert sein, wie das auch bei den großen Wohnhausanlagen der Ersten Republik geschehen ist. Wir haben den Ehrgeiz, dieser Zeit nicht nachzustehen. Wir werden dem Können und der Begabung der Wiener Architekten Gelegenheit geben, die für heute und morgen passenden Lösungen dieser Aufgaben zu suchen und zu finden.“ [5]

Le Corbusier: Terrassenhausprojekt 1932

Wohnberge

Viele Gründe sprechen dafür, einen in sich abgegrenzten neuen Stadtkomplex für mindestens fünf und höchstens zehntausend Bewohner zu planen. Die größten Ausdehnungen des Gebäudes sollten einen Kilometer nicht überschreiten, damit alle waagrechten Wege nicht mehr als eine Viertelstunde Gehzeit beanspruchen. Damit die Nachteile der „Wohnstädte“ vermieden werden, sollen außer Wohnungen und den notwendigen Gemeinschaftseinrichtungen für viele der Bewohner auch Arbeitsstätten innerhalb des „Wohnberges“ vorgesehen sein. Jede Wohnung müßte eine größere Terrasse erhalten; dadurch würde sich eine stufenförmige Anordnung der Wohnungen ergeben, die über 10 bis 20 Geschosse ansteigen sollen. Diese Bebauungsform sollte möglichst konzentriert erfolgen, damit alle internen Wege zu den gemeinsamen Einrichtungen, zur Station der Schnellbahn oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Garagen und Parkplätzen, sowie der Weg ins Freie möglichst kurz bleiben. Die Form der „Wohnberge“ kann vielfältige Gestalt annehmen; Grundformen werden pyramidenförmige Gebilde sein, die im Geviert angeordnet, aber auch dem Kreis oder der Ellipse angenähert sein können. Große Hofbildungen, amphitheatralische Versenkungen oder Plateaus am Pyramidenstumpf sollen die Möglichkeit für verschiedenste Anforderungen bieten, insbesondere für die freie Gestaltung der Gemeinschaftseinrichtungen in Form eines Stadtforums. Je nach Anforderung könnten Theater, Freilufttheater, Kirche, Markt- und Versammlungsplatz, Restaurants, Cafés, Sport- und Schwimmbad und Erholungsplätze geplant werden. Das vielfältige Leben, welches sich auf diesem Forum entfalten könnte, läßt Assoziationen mit dem Leben in einer mittelalterlichen Stadt zu. Kindergärten, Horte, kleine Spielplätze könnten in halber Höhe, mit entsprechend großen Terrassen, günstig erreichbar liegen. Die Schulen sollten am Fuße des „Wohnberges“ in direkter Verbindung mit Grünplatz für Sport und Spiel eine entsprechende Lage erhalten. Hotels und Restaurants sollten exponierte Punkte markieren und den Besuchern und Gästen große Annehmlichkeit bieten. Die Wohnungen mit Terrasse, das wichtigste Bau-Element des „Wohnberges“, können so ineinander verschachtelt sein, daß die Wohnräume verschieden hoch sind und gegenseitige Störung nach oben, unten und der Seite hin ausgeschlossen wäre. Das Licht soll über die Terrasse, vor allem aber durch Oberlicht von der nächstoberen Terrasse in die Wohnung geführt werden. Teilweise Bepflanzung der Terrassen wird den Wunsch nach einem kleinen Garten erfüllen. Von der Wohnung aus wird sich der Ausblick auf eine weite, große Landschaft öffnen, ohne die sonst gewohnte Engräumigkeit.

Alle Wohnungen sollen durch innere und äußere Gänge, Treppen, Rolltreppen, Rampen und Aufzüge verbunden sein. Die „Gänge“ Könnten als Ladenstraßen und Passagen weitere Funktionen übernehmen. Aufzüge und innere Verbindungswege sollen direkt zu den unten liegenden Garagen, Straßen, Schnellbahn- oder Untergrundstationen und zu den anderen Verkehrsmitteln führen.

Der Hohlraum dieses Wohnberges könnte alle Dienste, wie Wasser-, Gas- und Elektro-Station, gemeinsames Heizwerk, Abfallverbrennung, Kanalisations-Systeme, gleich einem inneren Organismus aufnehmen. Durch die Konzentration von Wohn- und Arbeitsstätten würden für viele der Bewohner die Wege besonders kurz und ökonomisch. Alle nur erdenklichen Betriebsstätten, wie Druckereien, Spinnereien, Webereien, Kleingewerbe, Elektro-Industrie etc., aber auch Säle, Kinos, Hallenschwimmbad, Kegelbahnen, Gymnastiksäle könnten in den großen inneren Hohlräumen Platz finden und zusätzlich Tageslicht durch schachtartige Öffnungen von außen erhalten. Ungeahnte Möglichkeiten bietet die zukünftige Automation der Betriebe. Die Büros für Behörden, Verwaltungen, Betriebe und Geschäftsleute, oder Ateliers für Künstler hätten an der für Wohnzwecke weniger geeigneten Nordseite eine günstige Lage.

Das unterste Geschoß sollte den Parkplätzen, Garagen und Reparaturwerkstätten vorbehalten sein und direkt an die Straßen und Wege, die zu den anderen „Wohnbergen“ und Wohnbezirken führen angeschlossen sein; diese Verkehrsadern stellen die Verbindung zum übrigen Stadtorganismus, den übergeordneten Zentren und der City her.

Es muß hervorgehoben werden, daß durch die Konzentration so vieler Einrichtungen ein Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit und Ökonomie gegeben wäre, Zulieferungen und Konsumation auf kürzestem Wege erfolgen würden und der Wärmeverlust eingeschränkt wäre.

Die heutigen Baukonstruktionen eignen sich durch ihre von der Mechanisierung bestimmten Methoden vorzüglich, gleichartige, aber variable Einheiten schnell zu produzieren und zu montieren. Die Ersparnis, die eine einzelne Großbaustelle gegenüber lang ausgedehnten und aufgeteilten Plätzen bietet, braucht nicht besonders herausgestellt zu werden.

Der Planung sollten wissenschaftliche Studien von Experten und eine Rentabilitätsberechnung vorausgehen, damit ein Höchstmaß an Ökonomie gewährleistet wäre, um das Leben der Bewohner zu erleichtern. Die Bewohnerzahl von 10.000 läßt die vielfältigsten gesellschaftlichen Verbindungen zu, durch die Art der Konzentration wäre ein abwechslungsreiches Leben zu erwarten; hingegen müßte jeder Bewohner, jede Familie einen abgetrennten, eigenen Bereich erhalten, der ungestörte Entfaltung erlaubt. So würden „Wohnberge“ innerhalb ihres urbanen Zusammenhanges eine höhere Stufe städtischen Lebens bedeuten.

[1Oskar Wlach: Kleinwohnungsbau, in: Das Kunstblatt, Heft 4, 1924, Sonderheft „Das neue Wien“

[2„der aufbau“, Heft 1/1959

[3Lewis Mumford: Die Stadt, Teufen 1963

[4Ludwig Münz und Gustav Künstler: Der Architekt Adolf Loos, Wien 1964

[5„der aufbau“, Heft 1/1959

Die Wiener Architekten Friedrich Kurrent und Johannes Spalt, bekannt unter dem Namen „Arbeitsgruppe 4“, besorgten in Wien bisher mehrere Ausstellungen („Wien! der Zukunft“, ‚‚Wien um 1900“, „Adolf Loos“). Die ausgeführten Projekte stehen in der Umgebung Salzburgs, zum Beispiel das Colleg St. Joseph in Aigen und eine Kirche in Parsch.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1965
No. 136, Seite 201
Autor/inn/en:

Johannes Spalt:

Friedrich Kurrent:

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