FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 299/300
Wolfgang Michal • Günther Nenning • Reinhold Oberlercher

Wie man Revolution macht, indem man den Kapitalismus unterstützt

Briefwechsel

Muffensausen der SP

(Betrifft, „Weltgeist ums Eck“ und „Berlinguers Tagebuch“, NF März 1977)

Sehr geehrter Herr Nenning,

da haben Sie in dem Herrn Oberlercher ja einen prächtigen Mitstreiter gefunden. Nur zu: Machen Sie aus dem NF eine Totengräberschule! Wenn bloß die SPD (SPÖ) kein Muffensausen kriegt.

Zwei Fragen hätt ich aber, weil parallel zu Ihnen (beiden) der Herr Pawek im März-konkret (das nicht so sauteuer ist wie das NF) so einen schönen Euro-Absatz geschrieben hat:

Gelingt es aber der Partei, diesen unentwegt Konzessionen an das verfälschte Bewußtsein der Massen fordernden Transformationsprozeß zu verwirklichen, ohne selbst in reformistische Positionen abzugleiten, wird sie auf die Dauer um die Eigentumsfrage, um die Überwindung der Herrschaft des Menschen über den Menschen nicht hinwegtaktieren können. Jede Transformation erreicht irgendwann das Stadium des Überschlags, jenen Moment also, den man ‚Stunde der Wahrheit‘ nennen könnte. Spätestens fünf Minuten vor dieser Stunde werden die Besitzer der Produktionsmittel und ihre Agenten im Staatsapparat die Machtfrage für sich zu entscheiden suchen.

Also, die Fragen: Was ist los mit der „Stunde der Wahrheit“, fünf vor bis fünf nach zwölf, wie kann das laufen? Und: Was ist, wenn sich die Partei selber transformiert (zu sozialdemokratischen Unionisten Döbertin/Weberscher Prägung zum Beispiel)?

Schreiben Sie mal was dazu, die Herren Nenning oder Oberlercher, ja? Das wär mir wieder sechsfünfzig wert.

Wolfgang Michal
Mandlistraße 22
D-8 München 40

Stark sein!

Ich schreibe mal was dazu, und zwar dasselbe, was ich schon in meinem Buch „Realisten oder Verräter?“ geschrieben habe: „Unter den Verhältnissen der bürgerlichen Demokratie, das heißt des allgemeinen Wahlrechts, ist es möglich, friedliche, gesetzliche Revolution zu machen — stets in der Gefahr einer Pro-Slavery-Rebellion, einer Konterrevolution zur Wiederherstellung der Sklaverei.“

Die Gefahr, vor der Genosse Michal warnt, ist mir also bewußt. Da aber eine Alternative zum friedlichen, gesetzlichen Weg nicht besteht, muß man sie in Kauf nehmen. Bis zur „Stunde der Wahrheit“ müssen eben die Kräfte, die zum Sozialismus drängen, so stark sein, daß eine Konterrevolution nicht mehr möglich ist. Leicht gesagt, schwer getan, hart und zäh daran arbeiten. Um ausführlichere Antwort bitte ich unter einem meinen prächtigen Mitstreiter Oberlercher.

Günther Nenning

PS: Dieser antwortete brav und rasch. Aber erst jetzt ist Platz. Machtnichts, es ist von zeitloser Schönheit.

G.N.

Der Kapitalismus selbst ist die Revolution

Der kürzeste Weg, einen Marxisten theoretisch zu blamieren, ist die Aufforderung, er möge den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus erklären.

Den Marxisten, die der Revolution harren, geht es wie den frühen Christen, die den Tag des Jüngsten Gerichts erwarteten. Um die aufkeimende Langeweile zu vertreiben, basteln sie Eschatologien bzw. Revolutionstheorien, die unversehens zu imponierlichen Dogmatiken gedeihen. Später, nachdem die Epoche des Glaubens vom Zeitalter der Aufklärung abgelöst ist, weiß man: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, der Weltmarkt die Weltrevolution.

Das oberste Axiom [1] der Marxschen Revolutionstheorie ist die strikte Negation jeglicher Transformationsperiode. Es gibt eine Zersetzungsperiode der Klassengesellschaft vor ihrem Umschlag in die klassenlose Gesellschaft. Diese revolutionäre Periode ist der Kapitalismus.

Noch keiner, der Lenin für einen Marxisten und den sinosowjetischen Stamokap für Sozialismus hält, hat begriffen, daß „Das Kapital“ eine Revolutionstheorie ist.

Die großen bürgerlichen Revolutionen sind bloß die Eröffnungsschlachten der kapitalistischen Revolutionsperiode. Während dieser Periode kommt es immer wieder zu ökonomischen, politischen und kulturellen Erhebungen der Volksmassen, die nicht Zerstörung, sondern Integration ins kapitalistische Revolutionssystem bezwecken. Triebfeder dieser Emeuten ist das Individuum. Es will Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft werden, d.h. Meinungen äußern, Waren verkaufen und in Rechtsverhältnisse eintreten. Der Weg, auf dem diese Wünsche zu realisieren sind, heißt Proletarisierung.

Den Kapitalismus — und mit ihm die Klassengesellschaft — abschaffen zu wollen, solange er nicht sein revolutionäres Zerstörungswerk an allen vorkapitalistischen Produktions- und Verkehrsweisen vollendet hat, ist unmöglich. Selbst innerhalb der Metropolen des Kapitals gibt es noch ausgedehnte, staatsmonopolistisch befestigte Sektoren des Vorkapitalismus. Die historische Notwendigkeit ihrer Zerstörung ist unabhängig davon, ob etwa Teile des Proletariats die Staatsmacht erobert und eine Diktatur über den Rest der Gesellschaft errichtet haben.

Helmut Gollwitzer hat in seinem Buch „Kapitalistische Revolution“ den Gedanken auszusprechen gewagt, daß die sozialistische Revolution wesentlich eine Konterrevolution ist, eine Bändigung der vom kapitalistischen Zauberlehrling entfesselten Industrierevolution.

Gollwitzer hat recht: Die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft domestiziert die Maschinerie, harmonisiert die Produktion und kultiviert die Industrie. Im Stoffwechsel von Mensch und Natur hat die Maßlosigkeit, der Taumel zwischen Verschwenden und Verhungern, ein Ende. Das ist das Konservative am Sozialismus.

Das Revolutionäre an der Sozialdemokratie ist ihre entschieden prokapitalistische Handlungsweise. Die antikapitalistischen Umstürzler hingegen, die keine Reaktionäre sind, müssen als wahre Konservative die Natur, den Menschen und den Reichtum vor der kapitalistischen Revolution bewahren, die in dem Maße ihre eignen Kinder zu fressen beginnt, wie sie ihre historische Mission erfüllt hat.

Als Revolution der kapitalistischen Revolution ist der Sozialismus eine Negation der Negation, also Bewegung aufhebend und im Begriff die Natur wiederherstellend; der Sozialismus ist konservativ.

Aber wie, zum Teufel, macht man ihn?! Man nehme:

  1. gemäßigte und einflußreiche Arbeitnehmer-Verbände (Gewerkschaften);
  2. aktionsfähige, aber systembewußte Verbände der industriellen Reservearmee (Schüler-, Studenten-, Arbeitslosen- und Rentnerbünde).

Man lasse 1 und 2 in besonderen Arbeitsgemeinschaften [2] einer vollständig sozialdemokratisierten Massenpartei politisch saften, salze den Inhalt beider Gefäße mit einigen theoretischen Köpfen, die die wissenschaftliche Marseillaise der kapitalistischen Revolution pfeifen können und die fraktionelle Interessentrübung zum Niederschlag bringen (abklären). Sodann mische man beide politischen Säfte und schüttle sie kräftig mittels einer breiten Massenbewegung. Dieser menge man zwecks Verbesserung der gesellschaftlichen Verdaulichkeit einen gehörigen Schuß revolutionäre Ironie bei, damit man heiter von der abgelebten Phase der kapitalistischen Revolution scheide und gelassen in die nächstfolgende eintrete.

Sollte Ironie nicht ausreichen, das System in Bewegung zu halten, so spiele man den Verhältnissen ihre eigne Melodie vor, um sie zum Tanzen zu bringen. Dem tollen Treiben, wozu dies ausartet, hat die Partei durch programmatische Intervention beizeiten Einhalt zu gebieten, um die Interessen der Gesamtklasse geltend zu machen.

Auf diese Weise bewährt die Sozialdemokratie sich in ihrer historischen Aufgabe, die kapitalistische Revolution so lange in Gang zu halten, bis die ganze Welt kapitalistisch geworden ist. Erst dann ist die Marxsche Revolutionstheorie allgemein verwirklicht.

Das Grundrezept heißt also kapitalistische Revolution durch das Proletariat selber. Das Proletariat braucht diese Erfahrung einer selbstbewußten Politik als Klasse, um die historische Fähigkeit zu erwerben, die Klassen überhaupt aufzuheben.

Die heilige letzte Schlacht endlich, worin das Proletariat die Klassenstruktur der Gesellschaft überhaupt und den Kapitalismus unmittelbar überwindet, folgt einfacher Strategie:

Das feindliche Lager der produktionsmittelbesitzenden Klassen ist auf dem rechten Flügel mit typischen Grundeigentümern, im Zentrum mit immobilienabhängigen Kapitalisten und auf dem linken Flügel mit relativ immobilienunabhängigen und auf technische Revolution orientierten Kapitalisten besetzt. Beide einander feindlichen Klassen sind durchsetzt mit Sympathisanten aus dem höheren Staatsapparat und dem Kleinbürgertum. Ob die letzte Schlacht gewagt werden kann, hängt wesentlich von der Reduzierung dieser Sympathisantenszene ab.

Die Schlacht wird zweckmäßig gegen den rechten Flügel eröffnet, und zwar mit bürgerlich-populärer Polemik gegen Grundrente und Steuer, die den Bruttoprofit beschneiden. Gegenüber dem Zentrum und der Linken der Produktionsmittelbesitzer wird lediglich mit der psychologischen Waffe gekämpft: Ihnen ist zum Zwecke der konjunkturankurbelnden Profitsteigerung sowohl Befreiung von der Grundrente als auch Minimisierung der Steuerbelastung durch Proletarisierung der öffentlichen Gewalt zu versprechen.

Um das Versprechen der Grundrentenbefreiung einzulösen, muß das Grundeigentum de facto vergesellschaftet werden. Für eine proletarische Parlamentsmehrheit läuft das auf ein einfaches Gesetz hinaus: sämtliche Einkünfte aus Grund und Boden — Hypotheken, Pachten, Mieten, Differentialrenten usw. — fließen ab sofort in die öffentliche Hand. Den Einzelkapitalen wird aus der öffentlichen Hand der Grundrentenabzug zurückerstattet.

Unmittelbare Folgen sind

  1. ein ungeheurer Konjunktur- und Investitionsschub wegen qualitativer Erhöhung der Nettoprofite und
  2. sprunghafte Steigerung der Einnahmen der öffentlichen Hand, daher ihrer Zahlungsfähigkeit.

Durch diesen Streich ist die Klasse der Grundeigentümer ökonomisch liquidiert und die Grundrente zwischen proletarisierter öffentlicher Hand und Kapitalistenklasse aufgeteilt. Die kapitalistische Revolution dreht jetzt durch; ihre letzten Tage sind ihre tollsten. Ein letztes Mal ruft das Treiben der Einzelkapitale, die im unverhofften Profitrausch zur gemeinen Gefahr werden, die öffentliche Gewalt gegen sich auf den Plan.

Die öffentliche Gewalt aber hat ihren Charakter gründlich verändert. Sie ist wesentlich schon ein Organ der proletarischen Klasse: schlank, sparsam und fleißig verrichtet sie nach industriellen Leistungs- und Entlohnungsstandards die öffentlichen Funktionen; dabei ist sie der reichste Grundeigentümer aller Zeiten; und sie ist mächtiger denn je, weil die Alimentierung der Kapitalprofite durch ihre Hände fließt. Damit verfügt die öffentliche Gewalt über das Sanktionsmittel, die Befolgung ihrer wirtschaftlichen Leitlinien zu erzwingen.

Je mächtiger die öffentliche Gewalt wird, desto mehr verliert sie ihren politischen Charakter; um so mehr auch reichen unbedeutende Anlässe, daß die Massen die ausgehöhlten Zitadellen des Kapitals stürmen; nach solch theatralischen Momenten wird ihnen die Erkenntnis dämmern, daß sie eigentlich schon gesiegt hatten, als die Grundeigentümer ökonomisch liquidiert [3] wurden.

Schnelligkeit und Leichtigkeit von Siegen werden ebensooft unterschätzt wie Notwendigkeit und Nutzen von Niederlagen.

Reinhold Oberlercher

[1„Die Axiome bedürfen ... so gut als die Definitionen und Einteilungen an und für sich betrachtet eines Beweises und werden nur darum nicht zu Lehrsätzen gemacht, weil sie als relativ erste für einen gewissen Standpunkt als Voraussetzungen angenommen werden“ (Hegel, Logik II, 466). Das revolutionstheoretische Axiom findet seinen Beweis in der von Marx entdeckten Logik und Periodik der Weltgeschichte. Sie unterteilt ihre mittlere, klassengesellschaftliche Phase, welche die bürgerliche Geschichte und proletarische Vorgeschichte umfaßt, in asiatische, antike und germanische Form; erst letztere ist eine Gesellschaft reiner Privateigentümer. Kapitalismus ist die ökonomische Endformation der germanischen Gesellschaftsform, er verallgemeinert sie radikal. Lohnarbeit ist jene ökonomische Kategorie, unter der die Verwandlung produktionsmittelloser Massen in Privateigentümer gelingt.

[2Z.B. „Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen“ und „Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten“ in der SPD.

[3Eine halbfertige Waffe liegt seit Jahren in den Arsenalen der SPD: der Planungswertausgleich. Er ist der klugerweise wieder fallengelassene Versuch einer halbherzigen, partiellen Vergesellschaftung der Grundrente, und zwar der durch staatliche Infrastrukturmaßnahmen neuentstehenden Differentialrente.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1978
, Seite 7
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

Reinhold Oberlercher:

Geboren 1943 in Dresden, lebte bis 1960 in der ehemaligen DDR. In der 68er Bewegung betätigte er sich als Theoretiker und Funktionär im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Seit Anfang der 80-er Jahre betätigt er sich als „Sozialnationalist“ bzw. „Nationalmarxist“ als Ideologe der „Neuen Rechten“.

Wolfgang Michal:

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