FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 325/326
Michael Siegert
Dokumentation

Wo der Staat versagt

Randschichtenstrategie der ungarischen Opposition

Die große Angst der Staatsgewerkschaft

Bogdan Lis, dritter Mann der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarität“ in Danzig, war als Delegierter für den ungarischen Gewerkschaftstag (12.-14. Dezember 1980 in Budapest) vorgesehen. Szot-Generalsekretär Sandor Gaspar bedauerte in seinem Referat, daß von Solidarnosc niemand gekommen sei. In Wahrheit wollte Lis kommen, aber — und das verschwieg Gaspar den Delegierten — die Behörden in Warschau bedeuteten ihm, es sei „besser“, nicht zu fahren ...

Der Einfluß des polnischen Herbstes war in Budapest unverkennbar. Die gewerkschaftlichen Betriebsvertrauensleute sollen ab jetzt in geheimer Wahl bestimmt werden. Man rühmte sich, daß immerhin 40 Prozent der betrieblichen Streitfragen zwischen Gewerkschaft und Direktion an die nächsthöhere Instanz gehe. Gaspar erwähnte in einem Interview, es gebe auch in Ungarn „stundenweise Streiks“.

Die ungarischen Oppositionellen wissen davon freilich nichts, aber das mag ihre mangelnde Verbindung zur Arbeiterklasse dokumentieren. Einer von ihnen äußerte: „Die Arbeiter wollen von den polnischen Ereignissen profitieren, ohne sich selbst zu sehr zu engagieren oder zu exponieren.“ [1]

Gespannt blicken westliche Auguren auf Ungarn. Wo könnten freie Gewerkschaften entstehen? Ungarn ist nach Polen das liberalste Land in Osteuropa. Allerdings (spricht das dagegen?) ist dort die Versorgungslage am besten. Schon im Februar sagte mir der ehemalige ungarische Ministerpräsident Andras Hegedüs, der Doyen der Budapester Soziologenschule, aus der Arbeiterklasse würden sich autonome und selbstverwaltete Organisationen bilden. [2] Im Sommer sind sie dann in Polen entstanden.

Schüler des Soziologen Istvan Kemeny beschäftigten sich in Ungarn mit der Lage der Zigeunerminderheit, Prototyp der dortigen Armen. Die jungen Forscher erzählten mir, sie hätten eben einen Fonds zur Unterstützung der Armen gegründet. Damals, im Februar, nahm ich es nicht ernst.

Verlauste Kinder

Mittlerweile ist es das wichtigste Unternehmen der ungarischen Opposition geworden. Benefizkonzerte und Versteigerungen werden zugunsten dieses Fonds organisiert. Auf einer Kunstauktion in der zweiten Jännerwoche wurden 150.000 Forint gesammelt.

Osteuropas zweite unabhängige selbstverwaltete Sozialinitiative ist entstanden. Die intellektuellen Dissidenten Ungarns nähern sich der Arbeiterklasse von den „marginalen“ Gruppen her, vom Rand, von den Armen, von den Arbeitslosen, von den Untergrundlern, den jugendlichen Besuchern inoffizieller Popkonzerte, die ansonsten als Eckensteher die Budapester Fußgeherunterführungen bevölkern.

Als ich das Mitte November Adam Michnik in Warschau erzählte, antwortete er: „Bei uns hat es auch so angefangen.“

„Land der drei Millionen Bettler“ hieß Ungarn in der Zwischenkriegszeit. Jeder dritte Ungar bettelte. Heute betteln die Ungarn nicht mehr, aber Professor Kemeny bezeichnet ein Drittel der Bevölkerung immer noch als „arm“.

Wie definiert er diesen Zustand? Eine dreiköpfige Familie, deren Gesamteinkommen zu Jahresanfang 1968 weniger als 2640 Forint betrug, bezeichnete er in seiner wissenschaftlichen Erhebung als arm. Kemeny fand heraus, daß 32 Prozent der Bevölkerung damals unter dieser Grenze lebten, sie konnten bloß am Wochenende ein bißchen Fleisch essen und hatten unter der Woche nur Suppe und Gemüse am Mittagstisch.

„Der Westen entdeckt bei uns Erscheinungen der Konsumgesellschaft“, sagte György Aczel, stellvertretender Ministerpräsident und Kulturpapst der Staatspartei jüngst in einem Interview, „zugleich wirft man uns aber vor, daß es Armut, Zurückgebliebenheit und Warenmangel gibt. Beide Behauptungen sind übertrieben. Wir wissen, daß es noch Schichten gibt, die dürftig leben, aber das Elend der Vergangenheit haben wir weitgehend hinter uns gelassen“. [3]

Wie dürftig man in gewissen Gegenden Ungarns noch lebt, zeigte der Dokumentarfilm „Es gibt Änderungen“, der vor kurzem in einem Kino am Budapester Leninring lief. Er spielt auf dem Dorf Penszelek in Ostungarn an der rumänischen Grenze. Man sieht verlauste Kinder, Alkoholiker, alte Bauern, die hoch in ihren Siebzigern noch Feldarbeit verrichten müssen, Parteifunktionäre, die derartige Zustände bagatellisieren ... Ein trostloses Milieu. „Es genügt nicht, die Armut abzuschaffen“, sagt Politbüromitglied Aczel, „man muß sie ein für allemal aus der Erinnerung der Menschen austilgen“.

Wenn auch die erste Hälfte des Satzes noch nicht erfüllt ist, an die zweite hält man sich: zwar konnte der erwähnte Film von den Brüdern Gyulas im Rahmen der Bela-Balasz-Dokumentarfilmstudios gedreht werden und dann kurz im Kino erscheinen, dann aber wurde er abgesetzt und eine Broschüre über den Film mit einer Einleitung des Schriftstellers Gyula Ilyes wurde eingestampft.

Berufsverbot auf ungarisch

Auch die Armuts-Studie des Soziologen Kemeny erregte das Mißfallen der Behörden — Armut darf es im sozialistischen Ungarn nicht geben. Sobald das Papier fertig war, 1972, wurde es unter Verschluß genommen, und Kemeny emigrierte 1978 nach Paris, wie so viele Vertreter der Budapester Soziologenschule vor ihm und nach ihm. Sie werden aus ihren Stellungen und Verträgen entlassen, wenn sie auf ihrer abweichenden Meinung bestehen, und haben dann faktisch Berufsverbot. Sollen sie Handarbeiter werden? Ein Philosoph wurde Tankwart. Die meisten emigrieren.

Kulturpapst Aczel ruft ihnen höhnisch nach: „Jede Gesellschaft hat Mitglieder, die sich in ihren Ambitionen enttäuscht fühlen, die sich schwer in die gegebenen Umstände einfügen ... Menschen, die den Fehler nie bei sich selbst, sondern bei der Gesellschaft suchen ... es gibt welche, die nicht gern arbeiten, die sieht man nirgendwo gern. Es kann vorkommen, daß ein Leiter einer Institution bei einer notwendigen Rationalisierung und Umorganisierung sagt: solche unbrauchbaren Menschen kann ich nicht einsetzen. Man kann sich vorstellen, daß ein Leiter oder ein Kollektiv eine spontane Aversion gegen solche Menschen hegt, die alles in Frage stellen, was unser Volk geschaffen hat.“

Ein Fonds wird gegründet

Professor Kemenys in Ungarn verbliebene Schüler wollten sich auf die Dauer nicht mit dem bloßen Studium der Armut zufrieden geben, sie wollten etwas tun und gründeten im November 1979 den „Fonds zur Unterstützung der Armen“ (ungarisch: „Szegenyeget tamogato alap“, abgekürzt „Szeta“). Im Gründungsaufruf heißt es: „Die Lage der Armen in Ungarn ist bis heute ungelöst. Sie verschlechtert sich mit der Verschlechterung der Wirtschaftsverhältnisse im Lande. Der Fonds für die Unterstützung der Armen hilft — nach seinen- Möglichkeiten — den bedürftigen Familien mit wenig oder gar keinem Einkommen oder mit vielen Kindern, so wie Alten und Arbeitsunfähigen, die ihre Lage aus eigener Kraft nicht ändern können. Unsere Unterstützung erfolgt unabhängig von den diskriminierenden Richtlinien der offiziellen Sozialpolitik“.

Unterschrieben wurde der Aufruf von Gabor Havas, Gabor Ivany, Gabriella Lengyel, Magdolna Matolay, Andras Nagy, Balint Nagy, Katalin Pik, Otila Solz. Es ist erst einige Wochen her, daß sie alle zur Polizeibehörde zitiert und zu Strafen von insgesamt 3000 Forint verurteilt wurden, weil sie einer „illegalen Organisation“ angehören. Die Behörden warnten sie, mit dieser „illegalen Tätigkeit“ fortzufahren. Mittlerweile wird in Szeta-Kreisen überlegt, ob man den Verein nicht legalisieren könne (eine Analogie zu den polnischen „Regierungs“-Bestrebungen).

Wie arbeitet Szeta? Zweimal wöchentlich trifft sich das Aktivistenteam, einmal im Monat findet eine öffentliche Sitzung statt, zu der jeder Zutritt hat. Über die Eingänge wird Buch geführt, jeder, der will, bekommt Einblick. Zu den jungen Soziologen stießen bald führende ungarische Intellektuelle wie der Dichter György Petri, der Architekt Lajos Koszoru und Andras Hegedüs jr., der Sohn des früheren ungarischen Ministerpräsidenten. Auch außerhalb von Budapest gibt es schon Szeta-Gruppen, z.B. in Miskolc. Bald soll auch ein Informationsbulletin von Szeta erscheinen, wo Mißstände aufgezeigt und Aktivitäten angekündigt werden.

Spenden für den Szeta-Fonds

Wer den „Fonds für die ungarischen Armen“ (Szeta) unterstützen will, sende seine Spende per Postanweisung an:

Gabriella Lengyel
Dery Miksa Utca 16
H-1084 Budapest 7
Vor- oder Nachhut der Geschichte?
Ungarns Zigeuner leben am Rand der Gesellschaft.

Zigeuner ohne Klo

Wem wurde geholfen? Balint Nagy von Szeta erzählt: „Die Leute, denen wir helfen, sind Arbeiter und Bauern, deren Einkommen unter dem offiziellen Existenzminimum von 800 Forint liegt. Wir geben auch juridischen, medizinischen, technischen und pädagogischen Rat und Hilfe an Menschen, die so etwas brauchen, um sich besser durchs Leben zu schlagen und die vorhandenen offiziellen Einrichtungen besser ausnützen zu können. Wir geben zum Beispiel Ratschläge, wie man legal einen Platz in einer Mittel- oder Hochschule bekommt.“ [4]

Der Fond Szeta hat ein Formblatt mit acht Punkten entworfen, wo die Lage der zu unterstützenden Familien erhoben wird: Personen und Wohnverhältnisse, wie verhalten sich die Behörden etc. Im vergangenen Herbst wurden bereits 50 Familien regelmäßig unterstützt. 80 Prozent sind Zigeuner, welche die unterste Schicht der ungarischen Gesellschaft bilden und die neben wirtschaftlichen ethnische Probleme haben.

1971 gab’s in Ungarn offiziell 320.000 Zigeuner (manche schätzen: eine halbe Million), von denen nach Kemeny fast zwei Drittel (62 Prozent) zu den Armen gehören, u.a. Bauhilfs- und Saisonarbeiter. Für die Zigeuner gibt’s nicht einmal eine Kulturautonomie (keine Schulen). Ab 1965 versuchte der Staat das „Zigeunerproblem“ mit einem großartigen Programm zu lösen. Ziel: Seßhaftmachung der „Nomaden“.

Eine Standardhaustype für Zigeuner wurden kreiert. Um ein solches Haus zu erwerben, bekamen die Zigeunerfamilien einen Kredit von 100.000 Forint, den sie allerdings zurückzahlen mußten. Die Häuser waren „zigeunergerecht“, d.h. lagen im Standard unter denen für „echte“ Ungarn, hatten oft keinen Wasseranschluß, kein Bad oder WC, Großfamilien wurden auf 40 Quadratmetern zusammengepfercht. Selbst unter diesen Bedingungen bekamen die Zigeuner, die 3,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, nur 1,7 Prozent der errichteten Wohnungen, also nur halb soviel wie die sonstigen Ungarn. Eine Verordnung aus dem Jahr 1968 brachte eine besondere Perfidie: die Zigeunersiediungen hatten in den Touristenzentren aus „guteinsehbaren Straßen“ zu verschwinden ... [5]

Sauberes Dorf ohne Probleme
Wie lange ist Ungarn noch die Musterbaracke des sozialistischen Lagers?

Konzert abgesagt, Auktion gelungen

Die zwei wichtigsten Aktionen der Szeta bisher waren ein Benefizkonzert im vergangenen September, das von der Polizei verhindert wurde, und eine Kunstauktion im Dezember, die einen großen Erfolg brachte.

Klavierstücke von Bach, Wagner und Bartok wollte der ungarische Komponist Zoltan Kocsis am 11. September zugunsten von Szeta spielen, der Musikhistoriker Janos Malina wollte über das Thema „Von Bach bis Bartok“ sprechen. Ein Saal im Budapester Institut für Industrie-Planungen „Iparterv“ war bestellt und zugesagt, 500 Einladungen waren ausgeschickt. Von diesen kamen zwar nur hundert an, trotzdem erschienen 250 Menschen am 11. September vor dem Saaleingang. Zwei Beamte in Zivil „observierten“, und eine Funkstreifenbesatzung schickte das Publikum schließlich nach Hause. Der Saal stünde nicht zur Verfügung, hieß es auf einmal.

Ein voller Erfolg hingegen war eine Kunstauktion zugunsten der Szeta, die am 14. Dezember in den Räumen der „Patriotischen Volksfront“ in Budapest stattfand. Drei Tage lang waren 210 Werke von 150 führenden ungarischen Malern, Bildhauern und Kunsthandwerkern ausgestellt gewesen. Der Schriftsteller Miklos Meszöly hatte die Eröffnungsrede gehalten (siehe Kasten), man zählte 3000 Besucher, zwei Drittel der Werke gingen bei der Auktion weg, der Erlös betrug 150.000 Forint. Zu den Künstlern, die ihre Werke hergaben, gehörten auch die beiden Kossutpreisträger (das ist Ungarns höchster Staatspreis) Miklos Borsos und Jenoe Barcsay, sowie Joszef Jakovics, Miklos Melocco, Pal Deim, Karoly Reich, Endre Balint.

Auch in Polen gab’s im November Auktionen zugunsten der freien Gewerkschaft Solidarität; sie wurden im Warschauer Nationalmuseum abgehalten und erbrachten mehrere Millionen Zloty. Ist der Vergleich zu weit hergeholt? Die Budapester Szeta will mit dem Geld arme Familien unterstützen und denkt an den Kauf eines Hauses zwecks Umbau in ein Quartier für Obdachlose (undenkbar in Ungarn: Hausbesetzung). „Meiner persönlichen Meinung nach“, sagt Balint Nagy vom Szeta-Komitee, „liegt die Bedeutung von Szeta darin, daß hier zum erstenmal eine Organisation innerhalb der ungarischen Opposition geschaffen wurde.“ Aus ihr kann noch allerhand werden.

[1Tageszeitung, Westberlin, 18. Dezember 1980

[2Michael Siegert: Freßwelle. Eindrücke aus Budapest, FORVM März/April 1980. — Über Ungarn in FORVM siehe auch Miklos Haraszti: In Ungarn ist es noch Gold. Interview, Mai/Juni 1979; Zoltan Zsille/Tamas Földvari: Konsum frißt Arbeiter. Soziologie der Autobusfabrik Ikarus, November/Dezember 1979; Tamas Földvari/Andras Hegedüs/Zoltan Zsille: Krach im Osten? Gespräch, Jänner/Februar 1980; György Dalos: Chocomelk & Stuyvesandt. Rede über die Freiheit, September/Oktober 1980

[3György Aczel in der Monatszeitschrift Valosag, Dezember 1980

[4Aus der Wiener Osteuropazeitschrift Gegenstimmen, Heft 2/1980 (Bestellbar über Postfach 41, A-1033 Wien)

[5Gabor Demszky in der ungarischen Monatszeitschrift Kritika, Oktober 1980

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1981
, Seite 23
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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