FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 321/322
Friedrich Geyrhofer

Wir werden überflüssig

Günther Anders und die Abschaffung des Menschen

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen, Zweiter Band: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, Verlag C. H. Beck, München 1980, 465 Seiten, DM 38, öS 292

Günther Anders

Linke Ökologie vorausgedacht

Was ist menschliches Handeln noch wert, verglichen mit der Automatik scheinbar perfekter Maschinen? Computer könnten den dritten Weltkrieg auslösen. Günther Anders schrieb 1956 über den veränderten Begriff der Zukunft: „Wir werfen weiter, als wir Kurzsichtige sehen können.“ Gemeint war damals die nukleare Aufrüstung, die organisierte Vorbereitung auf die Auslöschung der Zivilisation. Dem Widerstand gegen den Atomkrieg hat Anders einen Gutteil seines Lebens gewidmet.
Noch besser paßt sein Satz auf die „Endlagerung“ des Plutoniums, von der in den fünfziger Jahren noch kaum die Rede war.

Nach fast 25 Jahren ist der zweite Band der Antiquiertheit des Menschen erschienen. Der erste Band, ein abgeschlossenes Buch, 1956 im selben Verlag publiziert, hatte vor einer totalitären Technik gewarnt, die das Universum verschlingt, und deren eiserner Rhythmus — wie das Fernsehen beweist — sogar das Privatleben erfaßt. Eine Welt, die an ihren Produkten erstickt. Der Mensch wird zum Anhängsel seiner Maschinen. Günther Anders vermischte dabei das Vordringen der Geräte in Intimsphäre und Arbeitswelt mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Trend der Rationalisierung.

In der linken Okologie tauchen heute viele Argumente des ersten Bandes wieder auf. Aus den Gedanken eines Einzelgängers ist inzwischen eine „bunte“ Bewegung geworden. Der zweite Band enthält ein dreigeteiltes Kapitel über die Antiquiertheit der Geschichte, deren wahres Subjekt nur noch die Technik sei.

Jetzt, in der Ära der Wiederaufbereitungsanlagen, zeigt sich, daß der Gedanke einer „moralistischen Erkenntnistheorie“ — ein Stichwort dieses Philosophen — direkte praktische Bedeutung hat. Je künstlicher die Welt ist, je mehr sie gemacht wird, desto weniger scheint sie den menschlichen Bedürfnissen zu dienen, die sich vielmehr nach dem „Machbaren“ richten müssen. Lange Jahre vor dem Club of Rome hatte Günther Anders bereits mit der Apokalypse gedroht — nicht minder aber auch die Apokalypse-Blindheit beklagt, weil das, was die Maschinen anrichten, außerhalb menschlicher Verantwortung und damit auch menschlicher Vorstellungskraft fällt.

Erkennen und Tun sind miteinander verquickt, es gibt kein Wissen ohne Handeln. Reine Wissenschaft ist eine Illusion. Persönliche Verantwortung verschwindet aber in einer Gesellschaft, die den Zwang durch Anpassung, Agieren durch Funktionieren ersetzt. Nicht nur Schwererbeit wird durch die Technik erspart, sondern auch moralische Reflexion. Unter diesen Umständen erscheint eigenständiges Handeln sinnlos.

Das führt zum Black-out des Erkennens. Der Unbeteiligte ist auch der Geistesabwesende. Es gibt lediglich ein anonymes „Mit-Tun”, Dienst nach Vorschrift — geradeso haben sich der Kriegsrichter Filbinger und der SS-Bürokrat Eichmann im nachhinein entschuldigt. Diese bewußtlose Haltung der Kriegsverbrecher findet sich auch im modernen Umgang mit den technischen Apparaturen, die ihren Benützern immer mehr Entscheidungen abnehmen. Die Konsequenzen des industriellen Fortschritts treten heute ebenso majestätisch auf wie seinerzeit der unerforschliche Ratschluß Gottes.

Warum ist der Mensch „antiquiert“? Weder körperlich noch intellektuell sind wir imstande, mit der Leistungsfähigkeit der Maschinen, die wir bedienen müssen, zu konkurrieren. Verglichen mit der Maschine sind wir Versager. Anstatt Hilfsmittel zu sein, wird die Technik zum unerreichbaren Ideal. So präzis, so schnell, so zuverlässig können Menschen nie arbeiten. Wir sind nur noch „software“, die sich der „hardware“ anzupassen hat. Der technische Fortschritt ist unendlich, die psychophysische Ausstattung des Menschen begrenzt und rückständig.

Göttliche Maschinen

Statt der Tiergötter — göttliche Maschinen. Günther Anders spricht von „prometheischer Scham“, der Urheber der Apparaturen fühlt sich von ihrer märchenhaften Überlegenheit erschlagen. Die Technik demütigt die Menschen, schließlich haben nur die wenigsten tatsächlich etwas zum technischen Fortschritt beigetragen. Jeder Triumph der Großindustrie bedeutet in Wahrheit eine tödliche Blamage für uns, die wir weder U-Boote noch Weltraumschiffe steuern werden.

Kann man so allgemein über „die“ Technik reden? Immer, wenn Günther Anders etwas über Technik und Maschinen sagt, geht es in Wirklichkeit um politische und gesellschaftliche Sachverhalte. Ohne es zu bemerken, verwendet er die Ausdrücke „Maschine“, „Technik“, „industrielle Revolution“ als moralische Symbole.
In dieser Verfremdung liegt der Reiz des Buches. Wie der Titel ankündigt, will Die Antiquiertheit des Menschen durchaus auf die Errettung des Menschen hinaus — und zwar des einzelnen! Schroff wird die moralische Freiheit des Individuums mit einer anonymen Apparatewelt kontrastiert, die quasi automatisch auf den Genozid hinzurollen scheint.

Nicht umsonst gehört die Interpretation von Warten auf Godot im ersten Band zu den besten Arbeiten von Günther Anders (neben der Philosophie des Happenings im zweiten Band). Er vergißt freilich, daß die Technik das Produkt einer individualistischen Gesellschaftsordnung ist, deren Absurdität Tag für Tag vom Straßenverkehr demonstriert wird. In den Gedankengängen der Antiquiertheit, die durchaus zur Soziologie gehören, verschwindet der Begriff des Sozialen. Es gibt nur die Person und die Dinge. Es darf nichts Drittes geben — etwa soziale Strukturen —, weil sonst höchstpersönliche Verantwortung unmöglich wäre.

Was zur Debatte steht, sind aber soziale Verhältnisse, Beziehungen zwischen Menschen, die dem Technischen erst eine Bedeutung geben. Niemand würde die Sklaverei aus der Peitsche des Aufsehers erklären. Ob eine Maschine funktioniert oder nicht funktioniert, das weiß man nur, wenn ihr Zweck bekannt ist. Günther Anders hat recht: die Technik ist keinesfalls wertfrei. Sie ist vielmehr die Inkarnation geschichtlicher Praxis: des Krieges, des Profits, der Arbeitsersparnis, der Zerstreuung. Deshalb kann die Maschine nie perfekt sein. Sie ist bestenfalls so gut wie der Zweck, den sie erfüllt. Und deshalb findet man auch keinen gemeinsamen Nenner des „Technischen“.

klaus pitter

Verdächtiger Mensch

Windmühlen, Dampflokomotiven, Elektromotoren, Raffinerien, Hochöfen, Kühlschränke, Cruise Missiles — lassen sich diese verschiedenen Dinge unter einen Hut bringen? In der Antiquiertheit des Menschen wird die Situation am Fließband verallgemeinert, das den Arbeiter zum zweihändigen Arbeitsaffen herabwürdigt. Ein technischer Sachzwang? Nein, denn das Tempo der Bänder könnte beliebig eingestellt werden. Die Fließarbeit ist ebenso eine gesellschaftliche Erfindung wie der Akkord oder die Fabrik überhaupt.

Im zweiten Band schreibt Günther Anders über die Entwertung der Maschinen, die sich tendenziell zu einer „Totalmaschine“ zusammenschließen, in der jede einzelne Maschine zu einem bloßen Bestandteil degradiert wird. Ein Beispiel dafür ist der Zusammenbruch des New Yorker Stromnetzes, der die Metropole — diese „Großstadtmaschine“ — vor einer unkontrollierbaren Technik kapitulieren ließ. Aber Anders selbst bemerkt, daß zwar Aufzüge, Operationssäle, U-Bahnen blockiert wurden, nicht jedoch die Autos.

An der Antiquiertheit des Menschen importiert, daß sie stur auf dem Standpunkt individueller Erfahrung bleibt, nur zusammenfaßt, was jedermann auf der Straße, in der Arbeit, in den eigenen vier Wänden mitmacht. Ein Exempel ist der einsame Fußgänger, der beim Spazieren am Rand einer Schnellstraße den Polizisten auffällt — ehrbare Leute fahren Auto! Günther Anders erzählte im ersten Band diese Anekdote aus dem Los Angeles der vierziger Jahre, um die Zerstörung der privaten Bewegungsfreiheit anhand der Motorisierung anschaulich zu machen.

Dazu gehört auch seine Kritik am Fernsehen, das 1956 eine märchenhafte Errungenschaft aus den USA war. Der Moralist und Philosoph protestierte gegen die Verherrlichung der amerikanischen Zivilisation, die nach 1945 dank ihrer einzigartigen industriellen Übermacht zum strahlenden Vorbild des „Wiederaufbaus“ erhoben wurde. In der Antiquiertheit drückt sich jener Kulturschock aus, den die aus Hitlers Europa geflüchteten Intellektuellen in den USA erlitten hatten.

Am eigenen Leib spürten sie das Klima einer Gesellschaft, in der sich totale Vermarktung, technischer Fortschritt, kommerzieller Komfort und die Diktatur der öffentlichen Meinung nicht mehr voneinander unterscheiden ließen. Die amerikanische Gegenwart wirkte wie ein Alptraum der Zukunft. Eine Lebenswelt, die sich nach den Rezepten von F.W. Taylor und Henry Ford geformt hatte.

Die Anklagen in der Antiquiertheit nehmen jene Beschreibungen wieder auf, die Tocqueville in der Mitte des 19. Jahrhunderts von der Demokratie in Amerika geliefert hatte: damals sind die USA aber noch eine vorwiegend agrarische Gesellschaft gewesen. Für Günther Anders hingegen stellt die Maschine das Erzübel dar. Als Hilfsarbeiter in einer kalifornischen Fabrik hatte er Erfahrungen gesammelt, die den Rohstoff für seine Gegenphilosophie zur Technik lieferten.

Der Schüler Husserls hält sich an dessen Ratschlag, methodisch zur „Naivität des Lebens“ zurückzukehren. Also keine Theorie, sondern eindringliche Beschreibungen — Anders sagt: „Philosophische Übertreibungen“. Möglichst starke Bilder, erst in zweiter Linie Analysen oder systematische Erklärungen. Das Denken klebt an der Haut des Alltags. Nur das sehen, was wirklich sichtbar ist — dieser Parole Husserls folgend entdeckt Günther Anders, wie wenig man den Konstruktionen der Ingenieure ansieht.

Das ist das Unheimliche. Der technische Fortschritt macht die Technik unsichtbar. Den menschlichen Sinnesorganen, gewohnt, mit handlichen Gegenständen umzugehen, wird drastisch ihre Antiquiertheit demonstriert. Mikroprozessoren sind so klein wie der Kopf einer Stecknadel. Radioaktivität kann nur von Instrumenten wahrgenommen werden. Eine Atombombe ist kein Raubtier, dessen Anblick instinktiv Angst einjagt. AKWs stehen in grünen Wiesen, auf denen Kühe grasen.

Verschämte Magie der Maschine

Es kommt also auf die Phantasie an, mehr als auf das Wissen der Experten. Günther Anders macht den Autoren der Science-fiction das Kompliment, nur sie wüßten, was los ist. Ihre Hirngespinste sprechen den irrationalen Kern des industriellen Fortschritts aus. Sie prophezeien zu Recht eine „Welt ohne uns“, die Umwandlung der Gesellschaft in einen einzigen Maschinenpark. Menschen von gestern bewegen sich zwischen den Geräten von übermorgen — dieser Anachronismus der Science-fiction gefällt dem Verfasser der Antiquiertheit des Menschen.

Er predigt ja, daß die Geschichte vom technischen Fortschritt liquidiert wird, daß die Menschheit ihren Armaturen nicht mehr gewachsen ist. Ein Gedanke, den spiegelverkehrt auch jene Theoretiker der „Lustmaschinen“ ausdrücken, die sich von der Totalmaschine unendliche Wunscherfüllungen, ein automatisiertes Schlaraffenland erwarten. Verrät sich darin nicht die Lust am Vergewaltigtwerden, an der maschinellen Fremdbestimmung? Es ist schade, daß Günther Anders eine Auseinandersetzung etwa mit Oswald Wieners Utopie des „bio-adapter“ vermeidet.

Immerhin, im zweiten Band deutet das Kapitel über die Antiquiertheit von Raum und Zeit wenigstens an, worum sich eine solche Kontroverse drehen würde. Der zentrale Streitpunkt wäre die verschämte Magie, von der sich die technokratischen Hoffnungen nähren. Vor allem der Wunsch, Abstände und Distanzen abzuschaffen. „Abschaffung der Zeit“, schreibt Anders, „ist der Traum unserer Zeit.“

Allerdings, mit den Prognosen der Science-fiction teilt die Antiquiertheit den fixen Glauben an eine magische Allmacht der Maschinen, die unwiderruflich sei. [1] Was hier polemisch erfaßt wird, ist nicht die Technologie selbst, sondern eine bestimmte Psychologie, eine massenhafte Einstellung zur Technik. Ein düsteres Gemälde alltäglicher Erfahrungen und ideologischer Erwartungen. Wie in der Science-fiction fehlen aber die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge ebenso wie die ökonomischen.

Niemals wird die industrielle Realität den überschwänglichen Phantasien der Technokraten gegenübergestellt. Es ist das größte Manko dieses Buches, daß es nirgends auf die Grenzen des Möglichen zu sprechen kommt. Anders schweigt beispielsweise über die Naturbasis der Totalmaschine. Der industrielle Fortschritt wird so gedacht, als ob er wirklich grenzenlos sein könnte.

Weil der Philosoph zuwenig die sozialen von den technischen Kausalitäten trennt, verwechselt er immer wieder die Propaganda mit den Tatsachen. Er fällt auf die Ideologie des technischen Fortschritts herein, eine Legende, die eine eminente politische Rolle spielt. Günther Anders konstatiert den „Expansionsdrang der Maschinen“ wie ein Naturgesetz, ohne gesellschaftliche Ursachen zu erwähnen. Autonom scheint der industrielle Fortschritt seinen Spezialgesetzen zu folgen, er lenkt die historische Entwicklung, die ihm gegenüber ohnmächtig bleibt.

So eindrucksvoll ist von der Unmenschlichkeit der Maschinen die Rede, daß darüber vergessen wird, für welche menschlichen Zwecke die Maschinen konstruiert werden. Eine Auffassung, die sich nicht nur in diesem Buch findet.

Sie entspringt aus dem individualistischen Vorurteil. Das Werkzeug — so wird argumentiert — ist nichts als die verlängerte Hand des Handwerkers gewesen, das seine Freiheit nur vermehrte. Die Maschine jedoch kommandiert den Arbeiter. Daher der Trugschluß, die Technik befinde sich jenseits menschlicher Einflußnahme.

Wenn die Technik das Subjekt der Geschichte ist, wer ist dann das Subjekt der technischen Entwicklung? Vielleicht die Technik selbst? Zwar hat Oswald Wiener jene Computer zitiert, die sich von ihren Programmierern emanzipieren und selbsttätig neue „Generationen“ entwerfen. Doch ein Elektronengehirn arbeitet nur unter gewissen Umständen. Was sind die allgemeinen Voraussetzungen der Industrie? Günther Anders drückt sich dazu sehr undeutlich aus.

elisbeth kmölniger

Fluchtpunkt Globalmord

lm zweiten Band der Antiquiertheit schreibt er: „Das Gekonnte ist das Gesollte“, womit er den dunklen Trieb meint, all das zu machen, was auf dem Papier möglich (wenn auch lebensgefährlich) ist. Die Totalmaschine schafft sich jenes Milieu, das sie für ihren „Willen zur Macht“ braucht. Dann wäre die Technik tatsächlich das Subjekt der Geschichte, die Maschine der höchste Zweck der gesellschaftlichen Praxis.

Anders hat nicht immer so einseitig argumentiert. Im ersten Band wurde noch auf unterdrückte oder vergessene Erfindungen hingewiesen. Damals war jedenfalls klar, daß auch die Technik eine Geschichte voll von Zufällen und Holzwegen hat, also eine Auswahl aus mehreren Möglichkeiten ist, aber keineswegs linear fortschreitet.

Jetzt riecht es nach Hexenkunst und Zauberei. Der Mythos der Totalmaschine erinnert an schwarze Magie. Ein gnostisches Weltbild: der Usurpator, der die Schöpfung frech an sich gerissen hat. Günther Anders kann ja nicht einmal erklären, wann, wo und weshalb die Technik das Subjekt der Geschichte geworden sei. Er schildert den Status quo. Das reine Beschreiben, die phänomenologische Methode Husserls, führt zu zweifelhaften Verallgemeinerungen, zu einer Dämonologie, die der Science-fiction näher steht als der kritischen Analyse.

In diese Sackgasse hat sich Günther Anders verirrt, weil für ihn die Atombombe — der globale Selbstmord — das wahre „Wesen“ des Technischen darstellt. Der Moralist sieht in der Maschine lediglich die Enteignung der menschlichen Freiheit.

Unvermeidlich, daß diese Philosophie sich in absurde Widersprüche verwickelt, sobald ihr mehr abverlangt wird als bloß pastorale Beschwörungen. Im zweiten Band überrascht Anders nämlich mit der Aussage: „Das Fehlen der Technik ist in unterentwickelten Ländern eine ungleich größere Gefahr als deren Existenz.“ Sonderbare Behauptung! Die Frage lautet doch: welche Technik? Und zugleich damit: welche Veränderung der Gesellschaft?

Einen anderen Gewissenskonflikt verursacht das Fernsehen. Sein erster Theoretiker ist Günther Anders gewesen. Vor McLuhan hatte er entdeckt, daß das Medium die Message ist. Am Fernsehen konnte der Schüler der Phänomenologie die philosophische Schulung im richtigen Hinsehen bewähren. Jene Kritik am Journalismus, die Karl Kraus seinerzeit an den Zeitungen geübt hatte, wurde dem neuesten Stand der technischen Reproduzierbarkeit angepaßt.

Überschätztes Fernsehen

Eindrucksvoll faßte Die Antiquiertheit des Menschen Reklame, Überproduktion, Konsumzwang und den übermenschlichen Meinungsdruck der Massenmedien zusammen: „Die Welt als Phantom und Matrize.“ lnformation verschmilzt mit Propaganda und dem Fetisch Ware. Ein Kosmos käuflicher und künstlicher Bilder, die für die Sachen selbst genommen werden. Man lügt nicht mehr wie gedruckt, notierte Anders 1956, sondern wie photographiert. Das Fernsehen enteignet das Bewußtsein. In der TV-Sendung frißt die Nachricht ihren Gegenstand auf.

Eine Art Regelkreis, der reale Ereignisse rätselhaft mit ihrer elektronischen Wiedergabe korrespondieren läßt. Wir leben inmitten der Abbilder von Abbildern, die für die Kamera arrangiert und inszeniert werden. Wirklichkeit ist nur das, was auf dem Bildschirm erscheint. Es wird immer schwieriger, das Bild und das Abgebildete auseinanderzuhalten. Technische Neuerungen wie Video und Kabelfernsehen bewegen sich auf dieser Linie. Sie arbeiten systematisch darauf hin, eine „ins Haus gelieferte Welt“ zu produzieren. Also eine totalitäre Welt der Phantome.

Trotzdem, im zweiten Band werden selbstkritisch jene TV-Reportagen aus Vietnam zitiert, von denen sich in den USA Protest und Opposition gegen den Krieg der Amerikaner genährt haben. Folglich müssen diese Berichte mehr als nur „Phantome“ gewesen sein. Vielleicht hat auch das Fernsehen etwas Positives? Möglicherweise ist es doch nicht nur eine Maschine der Manipulation? Jedenfalls beginnt Günther Anders, nunmehr an dieser seiner teuflischen Vision zu zweifeln.

Er besinnt sich eines anderen: „Meine damalige Analyse bedarf einer Revision.“ — Was war jedoch daran falsch? Wo liegt der Irrtum?

Es geht um einen philosophischen Fehler. Falsch ist das Denken in Tautologien, in identischen Urteilen: die Technik ist die Technik, das Fernsehen ist das Fernsehen. Solche Totalerklärungen machen das Erklären unmöglich. An der Atombombe ist doch nicht die Atombombe schuld, sondern der industrielle Militarismus. An der Verwandlung der TV-Sendung in einen Werbespot ist nicht unbedingt das Fernsehen schuld, sondern ökonomische Zustände, unter denen ein jedes Ding zur Ware wird.

elisbeth kmölniger

Interessant, wie ähnlich die Argumente des Kritikers denen des Lobredners sind. Vom selben Ausgangspunkt — der Technik — kommen der eine und der andere zu konträren Ergebnissen. Für Marshall McLuhan schaffen die elektronischen Medien die globale Kommunikation („das Weltdorf“). Für Günther Anders hingegen bringt das Fernsehen das erweiterte Eigenheim (die Privatisierung der Öffentlichkeit). Anders schreibt: „Die konformistische Gesellschaft als ganze redet mit sich selber.“

Was hat das aber mit der Braunschen Röhre zu tun? Beide Autoren lassen sich von der technischen Fähigkeit überwältigen, über die größten Abstände hin aktuelle Ereignisse optisch und akustisch zu reproduzieren. Sie sehen nur die Kamera, den Sender und den Empfang. Sie tun so, als ob die Geräte ein Eigenleben führen würden.

Die Folge ist, daß diese Theoretiker besonders auffällige Eigenheiten hervorheben, die dann als die ewige Natur des Fernsehens — der Technik überhaupt — fixiert werden. Dabei weiß gerade Die Antiquiertheit des Menschen, daß der technische Fortschritt eine ständig neue Antiquiertheit der Technik schafft. Kaum in die Welt gesetzt, ist das einzelne Gerät schon veraltet. Innovationen lösen einander ab, die vom Wandel sozialer (oder asozialer) Interessen diktiert werden. [2]

Sehr naiv, eine gesellschaftliche Institution mit der Ausstattung an Mikrophonen, Mischpulten, Monitoren, Sendeanlagen, Antennen zu identifizieren. Ein Wald besteht aus Bäumen, aber eine Fabrik nicht nur aus ihren Maschinen. Die kapitalistische Industrie produziert, um ihre Produkte zu beseitigen. Günther Anders bemerkt ja, daß die Neutronenwaffe, so betrachtet, eine Fehlinvestition ist. Es käme darauf an, anstelle von Menschen die überschüssigen Waren zu killen.

Happening statt Maschinensturm

Dieser Philosoph ist kein Maschinenstürmer (ein Titel, mit dem er manchmal kokettiert). Er ist vielmehr ein Bilderstürmer. Was ist wirklich real? Und was nur künstliche Zutat? Anders hält an dem Satz des Aristoteles fest, die Natur sei das einzige Wesen für die irdischen Dinge. Die Technik bringt jedoch „Bilder“ hervor, iilusionäre Gegenstände, die sich zwanglos unter die natürlichen Dinge mischen. Ein industrielles Produkt ist nur das Abbild einer Berechnung, eines Gedankens.

Etikett, Verpackung, Preis, Produkt, Rohstoff, Produktion und Produzent ballen sich in einem einzigen Klumpen zusammen. Marx hat dafür den Ausdruck „Fetisch“ gefunden. Die Ware hat etwas Übernatürliches. Sie ist Gebrauchswert und zugleich ein ökonomisches Zeichen. Das Soziale versteinert als Naturstoff, die Natur verschwindet als ein Moment des Gesellschaftsprozesses. Gegenstände verwandeln sich in Funktionen, die Willkür wird zum Naturgesetz.

Entsetzt konstatiert Günther Anders „die Erzeugung des Menschen durch die Produkte“. So kompakt faßt die Antiquiertheit das „Wesen“ der Technik auf, ohne diesen monströsen Komplex in seine verschiedenen Komponenten zu zerlegen. Was irritiert, ist generell das Künstliche. Das Ärgernis an der Maschine stellt die Synthese des Menschlichen mit der Natur dar — es handelt sich um einen Zwitter des Denkens mit der Materie.

Im Fernsehen (und im Kino) treten optische Täuschungen wie eine zweite Wirklichkeit auf. Der Atomkrieg wäre eine überdimensionale Naturkatastrophe, die von langer Hand mit dem Maximum menschlicher Kunst vorbereitet wurde.

Der gemeinsame Nenner des Technischen scheint die Apokalypse zu sein. Sie würde bestätigen, daß sich die Menschheit mit ihren Kreationen übernommen hat. Wenn in der industriellen Fertigung die Blaupausen wichtiger sind als die materiellen Produkte, die Ideen wichtiger als konkrete Dinge, wenn Handeln von Phantomen gesteuert wird, dann bedeutet das den Endsieg des Nichts über das Sein.

Am meisten überzeugt Die Antiquiertheit des Menschen dort, wo die Verwirrung von Schein und Sein analysiert wird, der Sprung vom Realen zum Imaginären, von der Wahrheit zur Illusion, von der Tat zum Traumbild. Dieser Kanzelredner des ethischen Realismus liebt insgeheim das Irreale. Ein Kapitel im zweiten Band, das im Ernst die Antiquiertheit des Ernstes ankündigt, liefert eine glänzende Abhandlung über das Happening. An ihr gefällt, daß sich der Moralist zum Anwalt des Unmoralischen aufschwingt.

Eine scharfsinnige Würdigung des antiautoritären Protests, die heutzutage wieder sehr aktuell ist. Das Happening platzt in eine seriöse Umgebung hinein, um sie zur Kulisse zu degradieren. Sein Effekt ist, etwas scheinbar Wichtiges und Wirkliches auf ein bloßes Bild zu reduzieren — im Kontrast zu den technischen Reproduktionen von Kino und TV, wo die Bilder Leben beanspruchen. Die sozialen Spielregeln, für einen Augenblick unterbrochen, verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Ein nackter Mensch genügt, um die Kostüme der Macht als faulen Zauber zu entlarven.

Deshalb reagieren die Funktionäre der Obrigkeit auf die aktionistische Satire gereizter als auf einen ernstgemeinten Anschlag. Die Inszenierung des Sinnlosen ist der letzte Spielraum sinnvollen Handelns. Günther Anders, der in Wien lebt, wurde vom Skandal um die Aktion im Hörsaal 1 der Wiener Universität im Juni 1968 inspiriert. Hier zeigt sich der Philosph als Meister einer Dialektik, die er sonst oft vermissen läßt.

[1Technik und Macht haben einiges gemeinsam. Ganz falsch, den Menschen gegen die Maschine auszuspielen. Machtapparate wie Bürokratie, Parteien, Militär, multinationale Konzerne lassen sich durchaus als technische Konstruktionen verstehen. Im 17. Jahrhundert wurde der absolutistische Staat mit der Maschine verglichen (ein guter Vergleich, den man allerdings nicht umdrehen kann). Jene individuelle Entmachtung, die Günther Anders beklagt, ist die logische Ergänzung der industriellen Akkumulation.

[2Man sagt: Die Technik läuft der Politik davon — so wird die Steuerung der technologischen Entwicklung durch politische (und andere) Ziele auf den Kopf gestellt. Worauf es ankommt, sind bestimmt nicht einzelne Maschinen und Apparate, die immer gegen neue und zweckmäßigere Konstruktionen austauschbar sind. Es handelt sich vielmehr um „Systeme“, denen die konkreten Geräte dienen müssen. Darin liegt das Prinzip der entfalteten kapitalistischen Technik, worin sie sich von der vorindustriellen (teilweise auch der realsozialistischen) Praxis unterscheidet.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1980
No. 321/322, Seite 35
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer: Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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