Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 212/I-IV
Günther Nenning

Wir Männer sind Schweine

Männergesellschaft und Frauenbewegung

Das folgende sind bitte keine fertigen, haltbaren Denkresultate, sondern der Versuch, Anstoß zu geben. [1]

I. Alle Männer betrügen alle Frauen

Alle Männer betrügen alle Frauen. Nicht weil wir eine Frau lieben und zugleich eine andere oder mehrere, sondern weil wir alle Frauen haben. Unser Verhältnis zu ihnen ist Besitzergreifung einer Person, als wäre sie ein Ding; Gebrauch und Mißbrauch des Dinges Frau unter Ausschluß Dritter; schamlose Ausnutzung weiblicher Arbeitskraft; sexuelle Verkümmerung; geistige Einsperrung und Idiotisierung; kurz: Unmenschlichkeit. Wir betrügen nicht eine mit der anderen, sondern alle um ihr Eigentliches: ihre volle Entfaltung als Mensch. Was und wie eine Frau wäre, nicht geformt nach männlichem Bild, sondern nach ihrem eigenen, wissen wir nicht. Es interessiert uns auch nicht. Wir Männer sind Schweine.

Die Männergesellschaft, in der wir Schweine sind, ist eine Erscheinungsform der kapitalistischen Gesellschaft, in der alle Schweine sind, ob Männer oder Frauen; gepreßt in die kapitalistischen „Sachzwänge“ Herrschaft, Ausbeutung, Manipulation begegnen wir einander nicht als Menschen. In dieser Gesellschaft gibt es keine Menschen, erst recht keine Frauen.

Zusammenhänge zwischen Männergesellschaft, Frauenunterdrückung, Kapitalismus sind unter anderem folgende:

  1. Politisch herrscht der Kapitalismus in unserer Weltgegend mittels parlamentarischer Demokratie. Sie ist Herrschaft der Wenigen, die hauptberuflich und stellvertretend für die Vielen herrschen, das heißt über die Vielen herrschen. Damit das funktioniert, ist ständige Idiotisierung der Vielen erforderlich, zunächst durch Kindererziehung in Familie und Schule, sodann durch permanente Erwachsenenerziehung mittels Massenmedien. Innerhalb dieses idiotisierenden Bildungsweges wird die Frau doppelt idiotisiert: durch Beschränkung auf bestimmte, besonders idiotische Tätigkeiten, Themen, Einstellungen, Verhaltensweisen. Daher kann man sich eine spezielle politische Idiotisierung der Frau ersparen; die Frauen werden mit den Männern unter einem idiotisiert, als deren ohnehin nicht urteilsfähiges Anhängsel (sie wählen z.B. fast immer wie ihre Männer). Der Herrschaftsapparat kann rationalisieren, es genügt die politische Idiotisierung der Männer, d.h. von weniger als der Hälfte seiner Untertanen.
  2. Ökonomisch wird die Frau nicht doppelt ausgeplündert, sondern vierfach: 2a) Wenn sie arbeiten geht, wird sie ausgeplündert wie alle Lohn- und Gehaltsabhängigen. 2b) Sie wird speziell ausgeplündert, weil sie weniger Lohn oder Gehalt bekommt als Männer in gleichen oder gleichwertigen Positionen (rund 20% im europäischen Schnitt). 2c) Sie wird ausgeplündert innerhalb des Betriebes, weil ihr von den verfügbaren Arbeitsplätzen von vornherein nur die schlechteren offenstehen; weil sie auf gleichen oder gleichwertigen Arbeitsplätzen schlechter eingestuft wird als ein Mann; weil sie bei Betriebseinschränkungen rascher hinausfliegt; weil sie auch sonst weniger Aufstiegschancen hat (weil sie meist den schlechteren Bildungsgang hat und für führende Positionen nur im Ausnahmsfall als geeignet gilt). 2d) Vor allem wird die Frau ausgeplündert, weil sie nach ihrer Heirat lebenslang ohne Bezahlung gegen bloßen Unterhalt für den Mann arbeiten muß. Für ihre besonders harte, dreckige, langweilige Arbeit als Hausfrau bekommt sie zum Dank nach dem Tod des Mannes nur einen Bruchteil von dessen Rente oder Pension.
    Durch diese vierfache ökonomische Ausbeutung der Frau erspart sich der Kapitalismus in jeglicher seiner Währungen ungezählte Milliarden.
  3. Sexuell werden vom kapitalistischen Herrschaftssystem Männer wie Frauen betrogen um ihre freie, mit solcher Herrschaft unvereinbare sexuelle Entfaltung: um ihr volles Glück. Die Frauen werden wiederum doppelt betrogen. Innerhalb der herrschenden, Mann wie Frau unterdrückenden Sexualmoral wird der Frau nochmals die Rolle des unterdrückten, dienstbaren, passiven Teiles zugewiesen, dem Mann die Rolle des aktiven, führenden Teils. In der herrschenden Sexualmoral kommt der Mann, als aktiver Teil, immerhin als Sexualsubjekt vor, die Frau, als passiver Teil, bloß als Sexualobjekt.
    Bei Einhaltung der herrschenden Sexualmoral ist die Frau daher noch ein Stück unfreier, der Mann um eben dieses Stück besser dran. Er ist aber auch bei Verletzung dieser Sexualmoral besser dran; seine Verfehlungen werden, als Verfehlungen des Herrenmenschen, milder beurteilt als die der Frau, als des Sklavenmenschen, der auf totale Treue, d.h. totale Unfreiheit eingeschworen wurde.
    Die Einhaltung der Sexualmoral ist herrschaftswichtig: wer in sexualibus pariert, pariert auch sonst besser. Die Verletzung der Sexualmoral ist noch herrschaftswichtiger: Die herrschende Sexualmoral ist gar nicht dazu bestimmt, eingehalten zu werden. Sie funktioniert gerade dadurch, daß sie nicht eingehalten werden kann. Schuldgefühle, Angst sind die Folge; und Menschen mit schlechtem Gewissen können leichter regiert werden. Indem die Menschen sich abstrampeln, die herrschende Sexualmoral einzuhalten, entstehen Millionen Minikatastrophen mit den Themen Liebe als Besitzrecht, Untreue, Eifersucht, Scheidung, Beschuldigung, Lüge, Verzweiflung — unter wildem Geschrei dreht sich das Räderwerk einer gigantischen Maschine zur Vernichtung wertvollster menschlicher Energie, die andernfalls frei würde zu menschlicherem Gebrauch: nämlich dazu, die eigene Situation zu erkennen und zu ändern durch Kampf gegen die kapitalistische Herrschaft.
    Von alledem werden Mann wie Frau betrogen und bedrückt, aber die Frau noch mehr. Als Mensch 2. Klasse in der Männergesellschaft liegt auf ihr vervielfachte Last.
  4. Insgesamt gilt: von der politischen Herrschaftsmaschine wird der Mann („Politik ist Männersache“) ein Stück besser behandelt, sei’’s auch bloß als Manipulationsobjekt; von der ökonomischen Ausplünderung wird der Mann ein Stück weniger betroffen; in der Sexualmoral kommt er ein Stück besser weg, sowohl bei Einhaltung wie bei Verletzung. Das System unterdrückt Mann wie Frau, aber den Mann ein Stück weniger. So spaltet das System („Teile und herrsche“) die Masse der Beherrschten in zwei Teile. Auch der Mann wird unterdrückt, aber er hat die Frau, die er seinerseits unterdrücken kann. Gegen die unterdrückte Frau entsteht eine perverse Einheitsfront der unterdrückten Männer mit dem sie beide unterdrückenden System: Einheitsfront für Wahrung der männlichen Privilegien, Niederhaltung der Frauen, Aufrechterhaltung der Männergesellschaft.
    Wenn die Frauen mehr unterdrückt sind, die Männer weniger, so herrscht sich’s leichter. Daher ist die Männergesellschaft wichtiger Bestandteil des kapitalistischen Systems. Unsere Privileglen machen uns zu Komplicen des Systems; wir Männer sind Schweine.

II. Mann und Frau als betrogene Betrüger

Statt ihr Eigentliches zu entfalten: ihre Person, einschließlich ihrer Sexualität, wird die Frau von jung auf dressiert, hier zu entsagen und zu verkümmern. Angeleitet oder wohlwollend geduldet, entfaltet sie sich statt dessen in der Kunst des Männerfangs: möglichst bald ein möglichst stattliches Exemplar in möglichst guter Position.

Im Männerfang entwickelt die Frau Gaben, die einer besseren Sache würdig wären: Intuition, Genialität, sechsten Sinn. Ein Mädchen betritt ein Lokal, erspäht einen Mann, taxiert ihn, sagt zu seiner Freundin: „Siehst Du den dort, den heirate ich.“ Sechs Wochen darauf war Hochzeit. Die Geschichte ist wahr.

In den sechs Wochen, oder wieviel immer es jeweils sind, leistet die Frau eine fulminante Eskalation von Reiz, Nichtgewähren, Gewähren, stärkerem Reiz usw. Kein Mann, der solcher Offensive nicht zum Opfer fiele, wenn er das Pech hat, daß die Angreiferin ihr Geschäft versteht. Aus der wildwüchsigen Sexualität: Liebesbedürftigkeit und Liebesfähigkeit, wie man sie von kleinen Mädchen kennt vor ihrer Umfunktionierung auf Männerfang, wurde funktionaler Sadismus: die Entfaltung genau jenes Maßes an Quälerei, das ausreicht, um den Mann in die Ehe zu zerren.

Die Frau in voller Aktion, die Männerjägerin, Männermörderin hat unsere, mit Ironie schlecht getarnte Bewunderung; ihr virtuoses Spiel mit Reiz und halbem Gewähren produziert, viel eher als unseren Abscheu unser Vergnügen; ihrem funktionalen Sadismus antwortet unser Masochismus.

Auch er ist funktional. Liebe, denaturiert durch Sadismus, ergänzt durch Masochismus — damit sind schon im Männerfang jene Bestandteile versammelt, die in der Ehe dann der subjektive emotionale Kitt sind, um einer Institution Halt und Bestand zu geben, die objektiv unterdrückend ist gegenüber Mann und Frau, wenngleich noch mehr gegenüber der Frau.

Die Ehe ist ein Unterdrückungsinstitut: politisch, weil der Rattenschwanz von Problemen und Problemchen, die sie täglich gebiert und nicht löst, die Menschen davor bewahrt, kritisches Bewußtsein und kritische Aktivität zu entwickeln; ökonomisch, weil sie die Ehepartner — isoliert in ihrer Langeweile zu zweit, daher leichte Beute der Werbung — in Konsumidioten verwandelt; sexuell, weil sie die Partner unfrei, verklemmt, schuldbewußt macht, wodurch sie bequemer regierbar werden.

Als öffentliche Institution ein erstklassiges Herrschaftsinstrument, ist die Ehe für das private Seelenleben in bestimmtem Maß und für eine bestimmte Zeit so etwas wie ein Erfolg. Die Ehe, zusammengehalten durch das emotionale Amalgam Liebe—Sadismus—Masochismus (wobei Mann und Frau jeweils eines oder mehrere dieser drei Elemente im Rollentausch verkörpern können), verleiht scheinhaft und zeitweilig emotionale Geborgenheit und Sicherheit, indem sie die Kindheitssituation wiederherstellt: in dieser waren jene selben Elemente vorherrschend, in dieser entstand das Amalagma aus jenen Elementen. Ihre Fortdauer in der Ehe macht deren emotionale Beliebtheit aus.

Unsere Kinderzeit ist gekennzeichnet durch die Mischung aus elterlicher Liebe zu den Kindern und elterlicher Grausamkeit, Unterdrückung der Kinder: Sadismus, funktional getarnt als Ensemble notwendiger Erziehungsmaßnahmen. Dementsprechend ist die Liebe der Kinder zu den Eltern verhängnisvoll gemischt aus Liebe und Masochismus als Antwort auf den Sadismus: Bereitschaft zu und Bedürftigkeit nach Strafe, Schmerz, Askese, Autorität. Für Erwachsene ist diese verhängnisvolle Mischung gewürzt noch mit der Süße der Kindheitserinnerung, daher desto bedürftiger der Fortsetzung und Wiederholung. Statt daß Mann und Frau in Freiheit zur Entfaltung ihrer Person gelangen, gelangen sie in der Ehe zurück in ihre Kindheit. Aus Mann und Frau werden Vati und Mutti, nicht nur gegenüber ihren Kindern, mit deren Erziehung sie den verhängnisvollen Zirkel fortsetzen, sondern wechselseitig: der Mann zum Vati der Frau, die Frau zur Mutti des Mannes.

Mann und Frau entwickeln sich nach rückwärts zu Eltern und Kindern, statt nach vorwärts zu Menschen.

Da die Frau in jeder Hinsicht — politisch, ökonomisch, bildungsmäßig, kulturell, sexuell — unterdrückter, ausgebeuteter ist, ist diese Rückwärtsentwicklung durch Ehe für die desto verhängnisvoller.

Indem die Frau auf Ehe dressiert wird, als geeignetes Institut ihrer Unterdrückung und Ausbeutung betrügen alle Männer alle Frauen. Aber der einzelne Mann ist der betrogene Betrüger: Die wohldressierte Frau wird Meisterin der Kunst, in die höchste Stufe ihrer Sklaverei zu gelangen nach ihrem Wunsch und nach ihrer Wahl. Nicht der Mann heiratet die Frau, die Frau heiratet den Mann.

Angelangt in der Ehe, ist der Mann oft nochmals der betrogene Betrüger: Die Männergesellschaft produziert die Ehe speziell auch als öffentliches politisches Unterdrückungsinstitut der Frau. Aber im privaten, emotionalen Ehe-Amalgam Liebe-Masochismus-Sadismus besetzt öfters die Frau die sadistische Rolle, verdrängt den Mann in die masochistische Rolle des Pantoffelhelden, Ehekrüppels. Denn Sadismus ist nicht nur Liebesvergnügen der Herrschenden, sondern vorzüglich auch Rache der Unterdrückten; daher sind Frauen ganz prächtige Sadisten.

An der Männergesellschaft, von der sie nach Belieben unterdrückt wird, insbesondere durch die Ehe, rächt sich die Frau, indem sie den einzelnen Mann nach ihrem Belieben in die Ehe zerrt und dort weiterquält. Aber sie hat nicht viel davon. Angelangt in der Ehe, wird wiederum sie zur betrogenen Betrügerin. Aus dem von ihr gewählten Gefängnis kann der von ihr gewählte Mithäftling, zumeist als Herrenmensch in der Männergesellschaft, viel besser ausbrechen als sie. Und bricht er nicht aus, ist nichts gewonnen als die ungetrübte Langeweile zu zweit.

Was eine Frau werden sollte, wurde eine Gattin. Was ein Mann werden sollte, wurde ein Schwein.

III. Das System betrügt uns alle

Ich kann all das theoretisch einsehen, moralisch verwerfen, praktisch ändern wollen. Es bleibt ein Rest, etwa so groß wie das Ganze. Es bleibt das ganze System. In dieser Männergesellschaft, in der wir Menschen 1. Klasse sind, die Frauen Menschen 2. Klasse, ist es uns nicht freigestellt, keine Schweine zu sein.

Das System verschwindet nicht, indem ich aus ihm ausziehe. Es verschwindet nicht einmal aus mir. Wenn ich außerhalb des Systems lebe, lebt das System in mir weiter. Ich bin im System erzogen, das System sitzt mir im Hirn. Ich überwinde es. Es überwindet mich. Ich mache Fortschritte. Ich habe Rückschläge. Je größer die Fortschritte, desto fürchterlicher die Rückschläge. Je fürchterlicher die Rückschläge, desto größer der nachfolgende Fortschritt. Usw. usw.

Auf diese, aus Fortschritten und Rückschlägen gemischte Weise entfernen sich immer mehr Menschen aus dem System, vor allem die jungen. Das ist gut; es macht sie menschlicher, stärker; das System unsicherer, schwächer.

Bruch der herrschenden Sexual- und Ehemoral ist eine hervorragend subversive Tätigkeit, beseitigt aber das System nicht. Es ist ein politisches, ökonomisches, kulturelles Herrschafts- und Ausplünderungssystem. Dieses System kann nicht beseitigt werden durch privates Basteln am eigenen Leben, auch nicht durch kollektives Basteln am eigenen Leben. Daneben bestehen Herrschaft und Ausplünderung munter fort.

Die Beseitigung des Systems ist, weil es politisch, ökonomisch, kulturell ist, eine politische, ökonomische, kulturelle Aufgabe. Sie lautet: Sozialismus statt Kapitalismus. Sie kann nur gelöst werden durch politischen, d.h. öffentlichen und massenhaften Kampf der Beherrschten gegen die Herrschenden, der Ausgeplünderten gegen die Ausplünderer. Solange dieser Kampf nicht gewonnen ist, führt die freie Entwicklung einzelner, sei’s auch deren vieler und immer mehr, nicht zur freien Entwicklung aller; denn wir alle sind Beherrschte und Ausgeplünderte, wir alle sind Opfer des Systems. Es betrügt uns um unsere Menschlichkeit: wir alle sind Schweine.

IV. Das System muß beseitigt werden

Hier ist Raum für ein doppeltes Mißverständnis: 1. Wer beginnt mit dem Satz „Wir Männer sind Schweine“ und ihn solange ins Allgemeine strapaziert, bis herauskommt: „Wir alle sind Schweine“ — entlastet die Männer; 2. Wer beginnt mit dem Satz, daß die Männer die Frauen betrügen, und glücklich dort landet, daß Männer wie Frauen vom System betrogen werden — verleitet zum Nichtstun; wenn es das allmächtige System ist, was kann denn da das einzelne Männlein oder auch Weiblein tun, oder auch eine Gruppe von solchen?

Ich will weder die Männer entschuldigen noch das Nichtstun:

Ad 1.: Die Befreiung dieser Frauen kann, ab einer bestimmten Phase, nur das Werk der Frauen selber sein; aber: die Männer, als Hauptschuldige, haben in einer Anfangsphase eine wichtige, einleitende Rolle. Ad 2.: Das System ist mächtig, aber nicht allmächtig; es ist, auf längere Frist, bekämpfbar und besiegbar.

Als historische Parallele: Ad 1.: Ab einer bestimmten Phase konnte die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein; aber in einer Frühphase gaben intellektuelle Überläufer aus dem bürgerlichen Lager, dem Lager der Unterdrücker, wichtige einleitende Anstöße. Ad 2.: In jener Frühphase schien das kapitalistische System allmächtig; unterdessen hat es sich überall als bekämpfbar erwiesen, in manchen Welitgegenden wurde es besiegt.

Starthilfe von Männern für die Frauenbefreiung ist kein Anlaß für männlichen Chauvinismus. Es waren Frauen, die, insbesondere im angelsächsischen Bereich, wichtigste ideologische und organisatorische Vorarbeit leisteten (vgl. in diesem Heft den Text von Germaine Greer und den Literaturbericht von Trautl Brandstaller).

Es sollte auch nicht stur-doktrinär angenommen werden, daß mit Sturz des Kapitalismus die Männergesellschaft automatisch nachstürzt. Die Männergesellschaft gibt es, in gemilderter oder selbst ungemildeter Form, in allen sozialistischen Ländern gleichfalls (diesfalls wie auch sonst ist „sozialistisch“ eher Programm und Promesse, nicht Realität).

Nach diesen vorbeugenden Bemerkungen ein — sehr unvollständiger — Katalog, was zu tun sei.

  1. Die Frauen selbst müssen eine politische Organisation schaffen, deren Ziel langfristig die Zetrümmerung der Männergesellschaft ist, mittel- und kurzfristig eine Serie von Reformen innerhalb des Systems, aber strategisch hingeordnet auf dessen Beseitigung. Totale Beseitigung der Männergesellschaft heißt Beseitigung des Kapitalismus, von dem die Männergesellschaft nur eine Erscheinungsform ist. Daher müßte eine solche politische Frauenorganisation zusammenarbeiten mit anderen Organisationen und Gruppen der Linken (daher auch mit Männern; Frauen-Apartheid ist emotional verständlich, politisch ein Blödsinn).
    Die Frauen, oder doch eine politisch ausreichende Minderheit der vifsten unter ihnen, zum Bewußtsein ihrer Lage zu bringen, sodann zum Kampf gegen ihre Unterdrückung und Ausplünderung das ist eine Aufgabe, die nicht geleistet werden kann: von einer bestehenden Frauenorganisation innerhalb bestehender Parteien und Interessenverbände, vermutlich auch nicht von bestehenden Organisationen und Gruppen der Linken. Auch in diesen, erst recht natürlich in traditionellen Parteien und Verbänden (einschließlich Sozialdemokratie, KP, Gewerkschaften) sind Ideologie und Verhaltensmuster der Männergesellschaft herrlich tief verwurzelt. Auch auf der Linken sind die Mädchen hauptsächlich zum kostenlosen Haushalten und Vögeln da. Auch auf der Linken sind wir Männer Schweine.
    Eine autonome politische Frauenorganisation müßte als erstes mit der schleimigen Liberalität etablierter Fortschrittlichkeit aufräumen, die überall ein paar Paradeweiber hinpflanzt, so nach dem Muster der fortschrittlichen US-Negerpolitik: „Hier haben wir einen schwarzen Bürgermeister, hier einen schwarzen Botschafter, hier einen schwarzen Richter, was wollt ihr denn, wir sind ohnehin für die Emanzipation der Neger (der Frauen).“ Emanzipation ist nicht, daß einige Frauen dorthin dürfen, wohin im allgemeinen nur Männer gelangen. Emanzipation ist noch nicht einmal, daß alle Frauen dorthin dürfen. Frauenemanzipation ist nicht Gleichberechtigung mit den Männern, sondern Eigenberechtigung der Frauen.
    Im Begriff der Gleichberechtigung mit dem Mann steckt immer noch die Höherwertigkeit des Mannes; wo er ist, ist das Ziel. Wenn die Frau die Gleichberechtigung mit dem Mann will, bleibt der Mann das Maß aller Dinge. Eigenberechtigung hieße Entwicklung . der Frau als Frau, nicht gemessen am Mann als dem Vollmensch, sondern gemessen an ihren Möglichkeiten, vollends Mensch zu sein.
    Freie Entfaltung der Frau, Aufhebung ihrer Unterdrückung und Ausplünderung, heißt, angesichts des Frauenüberschusses: freie Entfaltung der Mehrheit der Bevölkerung. Daß hier erstklassiger politischer Sprengstoff auf der Straße liegt, ist klar. Die Frauen müssen ihn aufheben und zur Explosion bringen.
  2. Im ökonomischen Bereich ginge es, im Betrieb wie. überbetrieblich, um Bildung von „Frauengewerkschaften“. Ihre Aufgabe wäre der Kampf um gleichen Lohn und Gehalt für gleiche Arbeit [2] gleiche Einstufung, gleiche Aufstiegsmöglichkeiten. Wiederum können diese Aufgaben — an sich primitiv reformistisch-gewerkschaftlicher Art — von den bestehenden Organisationen, den traditionellen Gewerkschaften und deren Frauenorganisationen, nicht wirksam wahrgenommen werden. In den Gewerkschaften herrschen die Männer. Die Emanzipation der Frau im Betrieb und im Wirtschaftsieben überhaupt bedroht die Privilegien der Männer, verstößt gegen deren (kurzfristige, kurzsichtige) Interessen. Jene Forderungen zugunsten der Frauen mögen auf dem Papier des Gewerkschaftsprogrammes zu lesen sein, in der Praxis kämpfen die Gewerkschaften hierfür nur mit halber bis gar keiner Kraft.
  3. Vor allem ginge es im ökonomischen Bereich um Beseitigung der Hausfrauenarbeit gegen bloßen Unterhalt, d.h. Kampf gegen die kostenlose Arbeit der Ehefrau, d.h. um Bezahlung eines Hausfrauengehalts. Dazu ist erst recht keine der bestehenden Frauenorganisationen bestehender Parteien und Verbände geeignet. Zunächst deshalb nicht, weil sie ungeheures Geschrei zu gewärtigen haben über diese neue, unerträgliche, unrealistische usw. Belastung. der „Wirtschaft“ usw. Sobald die „Frauengewerkschaften“ genügend Druck erzeugt hätten, würden die traditionellen Parteien und Verbände, da die Forderung dann wahlwirksam wäre, sie aufgreifen, aber, um die „Wirtschaft“ zu schonen, in entsprechender Verwässerung. Der eigentliche Kampf bliebe folglich doch bei den „Frauengewerkschaften“. Sie könnten leicht berechnen, wieviel Milliarden durch kostenlose Hausfrauenarbeit sich die Männer ersparen. Diese selben Milliardenbeträge erspart sich die „Wirtschaft“, die Lohn und Gehalt quasi kürzen kann um den Gegenwert der kostenlosen Hausfrauenarbeit. Die „Wirtschaft“ profitiert (unter anderem) von dieser kostenlosen Hausfrauenarbeit; an der „Wirtschaft“ wäre es daher, im Umlageverfahren für das Hausfrauengehalt aufzukommen.
    Das Hausfrauengehalt dürfte nicht durch die Hände der Ehemänner gehen, sonst würde es zu einem weiteren Institut der Abhängigkeit der Ehefrau vom Ehemann. Die von der Wirtschaft aufzubringenden Beträge müßten auf dem Weg über die öffentliche Hand direkt an die Frauen gelangen. Dann wäre das Hausfrauengehalt umgekehrt ein Mittel zur Beförderung der Unabhängigkeit der Frau vom Mann.
  4. Ein gleiches wäre zu fordern für alle übrigen Beträge, die derzeit auf dem Umweg über den Ehemann die Ehefrau erreichen und damit deren Abhängigkeit begründen. Insbesondere gilt das von Renten und Pensionen: sie sollen nicht gegeben werden an die Frau in ihrer Eigenschaft als Frau (Witwe) des Mannes, sondern als Frau, die ihr Leben (Eheleben) lang Hausfrauenarbeit, gleichwertig mit jeder anderen Arbeit, geleistet hat.
  5. Die Beseitigung aller ökonomischen Abhängigkeit der Ehefrau vom Ehemann ist eine wesentliche Bedingung für die Neubegründung der Ehe als eines Verhältnisses nicht der Abhängigkeit, sondern der Freiheit.
    Eine radikale, d.h. an die Wurzel der Unterdrückung greifende Frauenbewegung wird die Ehe aber nicht nur als ein Netz ökonomischer Abhängigkeiten sehen, sondern überhaupt als das Spiegelbild kapitalistischer Ökonomie, kapitalistischen Privatbesitzes: die Eheleute besitzen einander wie sonstige Dinge auch in dieser Besitzwelt; sie haben aneinander exklusives Eigentum unter Ausschluß eines jeden Dritten als Besitzstörer. Weil er in der Männergesellschaftlich höheren Rang hat, besitzt insbesondere der Mann die Frau, als wäre sie eine Sache.
    Desgleichen wird eine radikale Frauenbewegung die Ehe sehen als Spiegelbild politischer Unterdrückung: wer sich der herrschenden Ehemoral fügt, fügt sich auch sonst den Herrschenden, die diese Moral gemacht haben; wer gegen diese Moral verstößt, soll schlechtes Gewissen kriegen, das ihn desto leichter regierbar macht; Eheprobleme verbrauchen jene freie menschliche Energie, die sonst ins Politische, gegen die Herrschaft sich kehren könnte. Die Befreiung von dieser Ehe ist daher wesentlicher Teil der Frauenbefreiung.
    Eine neue Ehe müßte ein Verhältnis sein, frei von ökonomischer Abhängigkeit der Partner, frei von unterdrückender Widerspiegelung kapitalistischen Besitzrechtes und kapitalistischer Herrschaft, frei von unterdrückender Sexualmoral. Sie wäre auch nicht begrenzbar nach Geschlecht (Mann—Frau, Mann—Mann, Frau—Frau), auch nicht nach Partnerzahl (zwei bis mehrere), auch nicht nach Zeit (weder durch vorgängige Terminisierung noch durch vorgängige „Ewigkeit“). Eine solche neue Ehe wäre, christlich gesprochen, ein echtes Sakrament: ein unbegrenztes (folglich auch nicht durch zwangsweise „Ewigkeit“ begrenztes) wechselseitiges Versprechen auf Liebe und Treue (d.h. Hilfe), ohne Beimengungen materieller, weltlicher Herrschaftsmacht.
    Gemessen an der alten Sexualmoral wäre die neue Ehe Promiskuität, teils gleichzeitige (bei einer Partnerzahl, die über 1 Mann und 1 Frau hinausreicht), teils aufeinanderfolgende (bei relativ raschem Wechsel von einer in Freiheit eingegangenen Bindung zur nächsten). Solche Promiskuität verringerte z.B., vom christlichen Standpunkt betrachtet, jene nachdenklich stimmende Kluft zwischen der Exklusivität, mit der die Eheleute einander zu lieben haben unter Ausschluß Dritter, und dem alle Menschen umspannenden Liebesgebot Christi.
  6. Soll dergleichen nicht die blaue Biume romantischer Utopie sein, sondern reale, wenngleich langfristige Zielsetzung („reale Utopie“) einer realen gesellschaftlichen Bewegung, so ist zu fragen: welche Elemente in der gegenwärtigen Wirklichkeit, welche aus ihr empirisch ablesbaren Trends weisen voran auf dieses Ziel? Eine Frauenbewegung wird nüchtern zu analysieren haben die heutigen Bedingungen der künftigen Möglichkeit von Freiheit der Frauen, Abschaffung der Männergesellschaft, Verwirklichung sexueller Freiheit und „neuer Ehe“. Diese Bedingungen sind dieselben wie für Beseitigung des Kapitalismus, Aufrichtung des Sozialismus. Und diese Bedingungen sind heute schon weitgehend vorhanden. Wissenschaft und Technik, menschlich gebraucht, statt mißbraucht zu Manipulation, Konsumidiotie, Herrschaft, Krieg, ermöglichen eine solche Fülle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Reichtums, daß in dementsprechender Fülle neue Freiheitsgrade möglich sind (politische Bildung und Aktivität der Frauen; deren ökonomische Unabhängigkeit; darauf beruhend: sexuelle Freiheit in neuen Formen der Ehe).
    Der Rest ist Sache der Frauen. Allzunahe läge ja unterdessen schon der Verdacht, daß dies hier ein Versuch wäre, Frauenbefreiung im Zeichen der üblichen männlichen Besserwisserei zu betreiben.

[1Heidi Pataki hat schon Anstoß genommen, siehe ihren, an den meinen anschließenden Text, leider viel zu sanft; ich wüßte viel Wilderes gegen mich. — G.N.

[2Der höchste Stundenlohn einer Arbeiterin lag mit 17,50 S nur knapp über dem niedersten Stundenlohn eines Arbeiters, der 17,25 S betrug, stellte die Niederösterreichische Arbeiterkammer in einer Erhebung über die Lohnentwicklung in den letzten Jahren fest. Während die Arbeiter einen durchschnittlichen Stundenlohn von 21,57 S erreichten, beträgt der Lohndurchschnitt für Arbeiterinnen 15,13 S pro Stunde (bis 1971). Seit 1949 stieg der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters auf das knapp Sechsfache, aber der der Arbeiterinnen nur auf das Fünffache. Seit 1960 erhöhte sich der Stundenlohn der Arbeiter um 12,14 S, der ihrer Kolleginnen nur um 8,12 S. Zwischen Oktober 1969 und Oktober 1970 stieg der Stundenlohn der Arbeiter um elf Prozent, jener der Arbeiterinnen nur um 9,3 Prozent.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1971
No. 212/I-IV, Seite 25
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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