Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 213/I/II
Otto Felicitas Gmelin

Ehe als Ausbeutung

Zur politischen Ökonomie der Hauswirtschaft

Ich habe im vorigen Heft („Wir Männer sind Schweine“) thesenhaft, insoferne unzureichend und auch sonst naiv (siehe die Kritik von Heidi Pataki ebendort) über unbezahlte Hausfrauenarbeit, deren Bedeutung für die politische Ökonomie des Kapitalismus, „Hausfrauengehalt“ usw. gehandelt. Desto erfreulicher scheint mir die nachfolgende Ergänzung durch Otto Felicitas Gmelin, geb. 1932, Reutlingen, Unternehmerkind, Abitur Tübingen, Studium von Philosophie und Musik in Freiburg, Tübingen, Hamburg, Berlin. Dramaturg der CCC-Film 1957-1959, Aufbau der Zeitung „Dramaturgie“, Fernsehspiele, „Freies Fernsehen“ Ges.m.b.H. 1959-1961. 1967 Band „Philosophie des Fernsehens“. Fernsehregisseur Südwestfunk 1963-1966. Seine Frau, Helga Husserl-Gmelin ist Violinistin. Als Frau hatte sie die üblichen Schwierigkeiten in der Branche. So wurde Otto Felicitas Gmelin Frauenrechtler. Nachfolgender Text ist Teil eines größeren Manuskriptes, das demnächst bei der Europäischen Verlagsanstalt Frankfurt erscheint. G. N.

Auf die Hauswirtschaft entfallen zirka 60 Prozent der gesamtgesellschaftlich erbrachten Arbeitszeit. Die von der noch in ihren Anfängen steckenden Hauswirtschafts-Arbeitswissenschaft ermittelten Zahlen schwanken. Man hat bei Müttern bis zu 100 Wochenstunden gezählt. Summiert werden muß alle in der Hauswirtschaft erbrachte Arbeitszeit. (Als Quellen für Einzelinformationen kommt in Frage vor allem die Zeitschrift „Hauswirtschaft und Wissenschaft“, Schriftleitung Elfriede Stübler und Heiga Hensen, Verlag K. M. Lipp, München 12, Lautensackstraße 2.) Die hauswirtschaftliche Arbeitszeit wird erbracht fast ausschließlich von Frauen, angeeignet jenseits der typischen Verkehrsformen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft: unbezahlt, fast entschädigungslos, in vieler Hinsicht naturalwirtschaftlich — angeeignet durch den „Haushaltungsvorstand“, wobei die Kinder als dessen Eigentum an diesem Aneignungsvorgang beteiligt sind. Trotz der enormen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Hauswirtschaft zählt dieser Sektor nicht zum Bereich der Produktion, wird er nicht als ein Teil unter anderen der Volkswirtschaft zugerechnet; die Hauswirtschaft wird vielmehr der wirtschafts- und sozialpolitischen Auseinandersetzung entzogen und als Tätigkeitsbereich der familialen Privatsphäre zugeordnet, zu einem Teil der Intimsphäre erklärt.

Die Proklamation der Revolution der Frau und die soziale Wirklichkeit geraten in Gegensatz auch dadurch, daß die abstrakt und also leichtfertig skizzierten Hoffnungen und entworfenen Perspektiven die Totalität der Männerwirtschaft außerachtlassen; es wird ignoriert, daß sich die früher offen patriarchalen Vaterclans nur äußerlich wandelten zu der modernen Form der Männerbündelei: die Männer treten auf, bis hinunter zum Vorarbeiter, als Apostel der Technologie, der angeblichen „Sach-lichkeit“, des sogenannten „Sach-zwangs“, Mittels der fortgeschrittensten Methode von Herrschaftsausübung.

Der technologische Rückstand einer nach vorkapitalistischen Maßstäben verfaßten, organisierten und strukturierten Hauswirtschaft und die entsprechenden Arbeitsweisen machen den Haushalt zu einem Ort der sinnlosen Vereinzelung in unproduktiverm Kräfteverschleiß, gemessen an dem Stand der Produktivität in den Bereichen industrieller Produktion und automatisierter Dienstleistungen in Spezialbetrieben. Die Hausarbeit — Putzen, Waschen, Kochen usw. — wird in der Form von Handwerk im Ein-„Mann“-Betrieb geleistet.

Das steht in Wechselbeziehung zur sozialhistorisch bedingten — also keineswegs „natürlichen“ — Delegation der Kinderpflege (als Teil der Hauswirtschaft, als „Arbeit“) an die Mutter bzw. Frau, eine Kinderpflege, die inzwischen erweitert ist um die Erziehung der Heranwachsenden einschließlich der Inanspruchnahme als Hilfs- und Nachhilfelehrerin.

Der technologische Fortschritt im zivilen und militärischen Bereich wird ausgerichtet nach dem Kalkül der Profitmaximierung unter den gegebenen Bedingungen und zur Stabilisierung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse — also auch der männerbündisch organisierten Unterdrückung der Frauen. Man findet keine Frau — schon gar keine, die dem bestehenden System der Machtverteilung kritisch gegenübersteht — in den Spitzenpositionen von Wirtschaft und Militär — und ganz wenige Frauen in relevanten Positionen im politischen Management.

Das entspricht der Kirchenhierarchie: vom Mythos des männlichen Schöpfers über den Papst bis zum zölibatären Priester.

Die Frau hat nichts zu melden, was die Organisation des „Öffentlichen Lebens“ angeht oder die Verwendung der gesamtgesellschaftlich entwickelten Produktivkräfte betrifft; sie hat sich abzufinden mit dem, was ihr als das Schicksal, als die Notwendigkeit des täglichen Lebens, als die ihr „natürlich“ zukommende Rolle oder als das Ideal des Weiblichen angepriesen wird.

Der aus Struktur und Organisationsform der Gesellschaft abzuleitende Zustand der Ausbeutung der Frau unterscheidet sich von den Formen der Ausbeutung der Männer: er schlägt sich nieder in der aufs Ganze gesehen rechtlosen Stellung der Frau in der bürgerlichen Ehe, die ökonomisch ein vorkapitalistisches Verhältnis darstellt: die Frau ist zum Einsatz ihrer Arbeitsenergien verpflichtet; die Arbeitszeit ist nach Stunden nicht begrenzt; es erfolgt keine Entlohnung gemäß Arbeitszeit und Qualifikation.

Nach Paragraph 1356 des bundesdeutschen Familienrechts geht die Haushaltsführung zu Lasten der Frau: „Die Frau ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Das besagt zugleich, daß die Hausarbeit in einer als „Erwerbstätigkeit“ bezeichneten Weise nicht als Lohnarbeit anerkannt wird und also auch keine zu entlohnende Leistung darstellt.

„Nimmt die schlechte Verwaltung des Hauswesens durch die Ehefrau ein erhebliches Ausmaß an, so gilt dies als schwerwiegende Eheverfehlung.“ Gestützt auf diesen Paragraphen hat unter anderem (ein Urteil unter vielen) das Kammergericht Berlin gegen den Willen einer Ehefrau die Scheidung ausgesprochen.

Heiratet ein Mann seine Haushälterin, so verringert sich das Nationaleinkommen, weil die Putz-, Küchen- und Hauswirtschaftsarbeit der Ehefrau nicht bezahlt, nicht belegt und auch nicht abgerechnet werden muß.

Dieser Tatbestand der Rechtlosigkeit der Ehefrau in einem noch nicht einmal den Kriterien der bürgerlichen Gesellschaft gerechtwerdenden, quasi-absoluten Abhängigkeitsverhältnis zum Ehemann ist ein wichtiger Bezugspunkt der Debatten um Ehescheidung, Hausfrauenrente und Abtreibung. Die Reforminitiativen zielen darauf, Ehe und Familie nach den Prinzipien kapitalistischer Produktion und Konsumtion zu reorganisieren: formale Freiheit des einzelnen, Kündbarkeit von Verträgen, arbeitsrechtliche Regelung des Verhältnisses zwischen Ausbeuter und Ausgebeutetem usw. Dies könnte allerdings auch weitergehende Reformen und Strukturveränderungen erleichtern.

Aus dem derzeitigen Zustand der kleinfamilialen Hauswirtschaft lassen sich sämtliche Rollenbilder ableiten, die den Lesebüchern, der Fernsehdramaturgie und den bürgerlichen Literaturprodukten „ideal-typisch“ zugrundeliegen; diese Medien wirken als permanente Verstärker des falschen Bewußtseins und Stabilisatoren der Ausbeutungsverhältnisse.

Wenn die Hausfrauenfunktion attackiert wird, Helmut Costard etwa in seinem weitbekannten Film die öden Widerholungsriten abschreckend entlarvt, so hat das nicht nur aufklärende Wirkungen; sondern es wird dabei verkannt, daß die hauswirtschaftliche Tätigkeit eine absolut notwendige Arbeit ist — vor allem in Haushalten mit Kleinkindern. Zu fragen ist, wer diese Arbeit tut, in welcher Weise sie getan wird, wie die Arbeit entlohnt wird, aus welchen Einzeltätigkeiten die Hausarbeit besteht und welche dieser Einzeltätigkeiten innerhalb des Haushalts automatisiert oder auch außerhalb des Einzelhaushalts rentabler erledigt und deshalb ausgegliedert werden können.

Tatsächlich liegt in der möglichen Automation die besondere Chance einer historisch erst jetzt realistischen Strategie der Emanzipation.

Bislang scheinen nur die Skandinavier diesen Aspekt in ihre Planungen und Forschungsprogramme aufgenommen zu haben: sie experimentieren mit Bodensaugsystemen, verordnen seit 40 Jahren Müllschächte, bauen automatische Müllabsauganlagen in Kombination mit Fernheizung für ganze Trabantenstädte. Sie projektierten Wohnautomaten, in denen die kräfteverschleißende Hausarbeit zum großen Teil technologisch aufgehoben ist. (Hauptquelle von Informationen über die Entwicklung von Hauswirtschaft und Haustechnologie ist die von Helga Hensen aufgebaute und laufend ergänzte Dokumentation der Bundesanstalt für Hauswirtschaft, Stuttgart-Hohenheim. Das Material findet sich in zahlreichen Zeitschriften, Industrieinformationen, Mitteilungsblättern, die dort gesammelt werden, hier aber nicht im einzelnen belegt werden. Die Bundesanstalt gibt auf alle Anfragen Auskunft und belegt diese auch durch Photokopien entsprechender Quellen.)

Demgegenüber ist in der BRD immer noch das Eigenheim im zersiedelten Grünen pseudoindividualistischer Trumpf.

In der Bundesrepublik gibt es zwar eine Bundesanstalt für Hauswirtschaft, aber die Beamten dort beklagen, daß selbst der Bund noch 1970 Wohnungen mit Ofenheizung baut. Warum? Die Hausarbeit: Heizen, Putzen, Müllwegschleppen, Gardinenwaschen usw., taucht nicht in der Kalkulation auf; und solange man die Hausfrauenrolle nach Paragraph 1356 ff. bestimmt, ist es auch nicht nötig, diese Arbeit in der Kalkulation zu berücksichtigen — zumal da es eine Frühinvalidität mit entsprechender Rente bei Hausfrauen nicht gibt, der überflüssige Kräfteverschleiß also in der Regel von der Familie „privat“ auszubaden ist.

Die fachidiotischen Milchmädchenrechnungen der Architekten gehen so weit, daß bei Hochhausbauten aus Kostengründen keine Müllschächte gebaut werden, obwohl die Stromkosten für den Abtransport des Mülls per Fahrstuhl sich mit der Zeit zu höheren Beträgen aufsummieren als die Kosten für den Müllschlucker.

Angesichts der anachronistischen Produktionsverhältnisse und der unproduktiven Arbeitsorganisation in der Hauswirtschaft ist nach dem Stand der Wissenschaft Hauswirtschaft zu fragen, einer Wissenschaft der rationellen Regelung von Einkauf und Verbrauch, Ernährung, Reinigung und Instandhaltung der Wohnung und Kleidung, von Hygiene, Gesundheitsfürsorge und Krankenpflege, von Heizung, Müllabfuhr, Wohnungseinrichtung usw.: Haustechnologie und Hauswirtschaftstechnik als Gegensätze einer gesamtgesellschaftlich orientierten wissenschaftlich-kritischen Kommunikation darüber, wie sich die optimale Organisation der Hausarbeit durchsetzen läßt.

Im „Handwörterbuch der Organisation“ (Umfang: 1887 Seiten), geschrieben von Professor Groschla und etwa 70 anderen Professoren, ebensovielen Doktoren, Diplomkaufleuten und Ingenieuren — unter ihnen die Soziologen v. Friedeburg, R. König, R. Mayntz, E. K. Scheuch, die Kommunikationswissenschaftler Helmar Frank und O.-W. Haseloff —, taucht der Begriff „Hauswirtschaft“ gar nicht auf — weder als Artikel noch als Sachwort. Das Standard-Handbuch über „Landtechnik und Landwirtschaft“ klammert den Begriff „Hauswirtschaft“ schon im Vorwort ausdrücklich aus, ohne Angabe von Gründen. Den offiziellen Stand der Hauswirtschaft als Wissenschaft repräsentiert neben dem einzigen Lehrstuhl für das Fach in Gießen die „Bundesanstalt für Hauswirtschaft“ in Stuttgart-Hohenheim.

Den Versuch dieser Anstalt, durch einen Pressedienst (Planstelle für eine Journalistin) die wissenschaftlichen Erkenntnisse unter das Volk der Hausarbeiterinnen zu bringen, machte die übergeordnete Behörde (das Landwirtschaftsministerium der CDU-Ära) zunichte. Das Verbot auch einer so begrenzten praktischen Wirksamkeit schlägt voll auf die theoretisch-wissenschaftliche Arbeit zurück:

Futurologisch wichtige Problemkomplexe werden an den Rand geschoben, während herkömmliche Themen durch Einordnung in falsche Zusammenhänge von vornherein einen falschen Akzent bekommen. Es wird etwa eine komplizierte Versuchs- und Arbeitsanordnung zur Ermittlung des optimalen Bügeleisengriffs entwickelt, ohne zunächst einmal zu fragen, ob es denn sinnvoll ist, zu bügeln, ob überhaupt noch gebügelt werden soll. Es wird eher die gegebene Art der Hauswirtschaft rationalisiert als gefragt, wozu sie überhaupt da ist, welche soziale Funktion sie hat.

Es wird zwar die prinzipielle Dysfunktionalität der Einfamilienküche erkannt und für Großküchen plädiert, doch bleibt es dabei; das propagierte Ziel wird nicht mit Konsequenz und soziologischer Phantasie verfolgt, obwohl doch solche Pläne seit Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ zumindest in der Literatur auf der Tagesordnung stehen.

Forschungsminister Stoltenberg (CDU) meinte, Raumfahrt sei auch für die Hauswirtschaft von Nutzen: die fettlose Pfanne wäre ohne sie nicht entdeckt worden.

Der Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes läßt nur eine Formel zu: Gleichberechtigung heißt Gleichverpflichtung. Das bedeutet die gleiche Verpflichtung für beide Geschlechter in Haus und Beruf, die Chancengleichheit beider Geschlechter zur Entwicklung von Fähigkeiten und zum Erbringen qualifizierter Leistungen in beiden Bereichen — ohne Rollendiktat und ohne die einseitige Festlegung der „Doppelrolle“ der Frau (Haushalt und Beruf). Die bestehende Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung in der Familie ist nur durch eine Rationalität zu überwinden, die die Rolle der Hausfrau abschafft, die durch weitgehend automatisierte Hauswirtschaft und gezielt veränderte Wohntechnologie der Ideologie der Doppelrolle den Boden entzieht. Darauf gilt es hinzuarbeiten: Hauswirtschaft und Küche ohne Hausfrau.

Nach einer EWG-Erhebung beträgt die Quote der Frauenerwerbstätigkeit in der BRD 25 Prozent, in Schweden 37 Prozent. Der „Unternehmerbrief“ des Kölner Industrieinstituts, Organ des Kapitals, verkündete am 21. Jänner 1971, daß man in Schweden der Auffassung sei, Gleichberechtigung der Geschlechter sei nur bei Erwerbstätigkeit der Frauen möglich. Auch hier wird — wie in fast jedem Artikel über die Situation der Frau — dem Irrglauben gehuldigt, die Aufstiegschancen der Frauen wären schlecht, weil sie nur mangelhaft ausgebildet seien. Es ist jedoch weithin umgekehrt: die Flucht in die Hauswirtschaft (Ehe und Haushalt als Lebensaufgabe) auch der qualifizierten und gut ausgebildeten Frauen hält an, weil sie auch bei besten Prüfungsergebnissen und großer Leistungsfähigkeit hinter den Karrierewünschen der Männer zurückstehen müssen und sich gegenüber deren sich männerbündisch gegenseitig begünstigenden Taktik nicht behaupten können.

Würde die Arbeitsleistung der Hausfrauen mit DM 4,— pro erbrachter Stunde Hausarbeit seit 1940 bezahlt, so müßte das gesamte öffentliche und private Vermögen an die Hausfrauen übergehen. Das ergibt sich aus der Annahme eines Minimums von 40 Stunden pro Woche in durchschnittlich 30 Ehejahren — das sind DM 640,— monatlich. Bis heute wird die Hausarbeit in keiner offiziellen Statistik ausgewiesen und in keiner Aufstellung des Wirtschafts- oder Finanzministeriums erfaßt. Als gesellschaftlich für relevant gehaltene ökonomische Größe oder Qualität existiert sie gar nicht — die Gesellschaft, also letzten Endes und vor allem das Kapital, eignet sich die Hausarbeit unreflektiert an (eben weil sie nicht bezahlt werden muß als gesellschaftliche Arbeit, sondern als private Dienstleistung nach Gutdünken honoriert wird oder nicht). Nun, da es manchen Frauen dämmert und viele begreifen, daß sie mehr können als Instrumente männlicher Arbeitskraft zu sein, verschleiert man den Diebstahl an den Frauen mit einer oberflächlichen Diskussion über Hausfrauenrente und Reform der Scheidungsfolgerechte. Dadurch erübrigt sich zunächst die historisch fällige Analyse der Familie als ökonomische Einheit und der sozioökonomischen Funktion der Ehe für den Mann.

Das Stockholmer Familienministerium hat das Problem an der Wurzel erkannt: Man muß darauf hinarbeiten, daß beide Geschlechter zum gleichen Tun kommen, also im Durchschnitt zu den gleichen Berufen. Das heißt Abschied von der heutigen Hauswirtschaft. Nach einer Umfrage wollen 59 Prozent der westdeutschen Hausfrauen die Putzprobleme vergeben, falls sie es könnten. Aber noch kein deutscher Ingenieur ist auf die Idee gekommen, das Problem kreativ zu lösen, sei’s durch eingebaute Absaugsysteme, mit der Müllanlage gekoppelt, sei’s mit automatischer Spülmöglichkeit der Steinböden, zumindest in Bad und Küche. Es müßte verboten werden, Waschmaschinen zu bauen, die nicht auch trocknen. Das Staubsaugen ist zur Landplage geworden, weil zuviel Mobiliar — und falsches, unbequemes — herumsteht. Die dreckempfindlichen Farben der Küchengeräte, die Bauweisen der Herdplatten usw. sind nur deshalb möglich, weil nutzlose Putzarbeit erfunden werden muß, um die Hausfrauen zu beschäftigen.

Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genausogut töten wie mit einer Axt.

(Zille)

Daß Hausfrauen trotz zunehmend besserer Ausstattung der Haushalte mit arbeitssparenden Geräten keinen Zeitgewinn registrieren, läßt den Schluß zu, daß die Geräte letztlich gar nicht arbeitssparend sind, weil sie neue Sauberkeitszwänge entstehen lassen bzw. dem vorhandenen Putzzwang neues Material liefern. Anders ausgedrückt: „Die Auswirkung der technischen Verbesserungen in den Haushalten mit nichterwerbstätigen Hausfrauen ist durch den Aufwand für eine gestiegene Lebenshaltung kompensiert worden.“ Zu beobachten ist auch ein Kampf der Nur-Hausfrau gegen die Technologie um die Erhaltung ihres Arbeitsplatzes. „Die Zeit im Bereich der Reinigung steigt“, registriert das Bundesforschungsinstitut, was zusammenhängt mit dem „steigenden Ausgabenanteil für Möbel, Teppiche, Heimtextilien, Reinigungs- und Pflegemittel“.

Mit bornierter Gelassenheit verkünden die Männer, die Anatomie setze Grenzen: noch immer erreiche der Mann im Sport die besten Zeiten, trage er die schwersten Gewichte. Deshalb könne man der Frau nicht einfach alle Berufe öffnen, sondern müsse auf ihre „Bestimmung“ Rücksicht nehmen. Solche und ähnliche Reden sind das Lametta über der Tatsache, daß die meisten Hausarbeiten einen Kraftaufwand von 3-6 kcal/min fordern; das Reinigen des Bodens allem voran 6 kcal/min. Ein Taxichauffeur verbraucht im Vergleich dazu 2,8 kcal/min, ein Uhrmacher 1,6 kcal/min und nur der Zimmermann 6,8 kcal/min. Baut ein Maurer eine Mauer aus Ziegelsteinen auf, so verbrennt er weniger Kalorien als eine Frau beim Hemdenbügeln.

Wie oft, so wäre zu fragen, wird in einem Haushalt eine Tasse innerhalb des Kreislaufs von Gebrauch, Reinigung, Aufbewahrung in die Hand genommen, und warum. Es wäre über die Entwicklung automatischer Fußbodenreinigung und Fußbodenheizung zu reden; hauswirtschaftliche Kybernetik, eine küchentechnische Regelungsrationalität wäre in ihren Grundzügen zu entwerfen.

Hinweise auf Bodensaugsysteme beziehen sich auf Experimente in Schweden, die allerdings zunächst wenig befriedigend verliefen. Das neue Siemens-Haus in Hamburg hat immerhin eine Absauganlage, die zu Saugsteckbuchsen an Wänden und Gängen führt; wodurch aber lediglich die Zahl der Putzfrauen erheblich reduziert werden konnte, keine wirklich neue Qualität der Haustechnologie erreicht worden ist. Unsere Spekulationen richten sich auf eine Kombination von Parkettböden und Rosten mit Warmluft und Absaugschlitzen. Denkbar ist auch, daß die chemische Industrie statt der gegenwärtig produzierten Teppiche und anderen Bodenbeläge herkömmlicher Art Bodenbeläge mit Saugrillen u.a. entwickelt.

Ob jedoch solche Entwicklungen und Erfindungen intensiv betrieben werden, systematisch in dieser Richtung geforscht wird und die Ergebnisse der Forschung sofort und so umfassend wie nur möglich im Sinne der Abschaffung überflüssiger Arbeit verwertet werden, richtet sich danach, welche Bedürfnisse sich als die gesellschaftlich dominierenden erweisen. Heute korrespondiert die technische Entwicklung arbeitssparende Geräte mit dem Mangel an Dienstpersonal und den Kosten für Dienstleistungen außer Haus. Sie wird großen Aufschwung nehmen, wenn der gesellschaftlichen Reproduktion immer weniger Hausfrauen zur Verfügung stehen. Der automatische Heugabler ist auch erst erfunden worden, als niemand mehr da war, dem man die manuelle Tortur aufbürden konnte; von den rein technischen Voraussetzungen her wäre er schon vor 70 Jahren herzustellen gewesen.

Wohn-, Eß-, Wasch- und Kochgewohnheiten sowie das an ihre Pflege geknüpfte Rollenverhalten von Frauen, Männern und Kindern sind historische Erscheinungen, die auf die Arbeitsweise und die Produktionsverhältnisse der jeweiligen Gesellschaft zurückzuführen sind; sie werden durch die Architektur, die Formen der Kommunikation und kulturelle Mythen stabilisiert.

Generell sollte man über das schwedische Modell hinausgehen wie auch über den Sozialutopismus amorpher Großfamilien. Nahziele wären Kindergemeinschaftsräume in den Häusern, Automatisierung der Haustechnik, der Verkehrs- und Versorgungswege und, was die Medien betrifft, die Abschaffung der Massenabspeisung mittels Tellschisierten Fernsehempfangsgeräten zugunsten von audio-visuellen Volksbibliotheken inklusive Zwei-Wege-Fernsehen (das heißt Abruf von Lern- und Unterhaltungsstoff usw.).

Auf der Basis futurologischer Hypothesen könnte man eine Wohnung des Jahres 1990 aufbauen und eine Familie bei automatisierter Hauswirtschaft präsentieren; Häuser mit Gemeinschaftszentren und offenen Familien, mit autonomen, selbstbewußten Kindern und fluktuierenden Ehepartnern.

In der Rollenumwandiung werden die einzelnen Elemente dessen sichtbar, was man heute pauschal dem Aufgabenbereich der Ehefrau zuschlägt. Die heute mythologisierte Mutterrolle in bezug auf das Kleinkind wird auf Vater, Geschwister und andere Kinder verteilt, die Eltern-Kind-Beziehung um wesentliche Elemente ergänzt und z.T. abgelöst — etwa durch die generationsgleiche Gruppendynamik unter Kinder-Arbeitsgruppen.

Die Geschichte der Wohnung (Architektur) ist gekoppelt mit der Geschichte der Familie. Bis ins 20. Jahrhundert war über die unteren Sozialschichten lange Zeit Nachwuchsverbot verhängt. In der Tat ist die Architektur noch des 20. Jahrhunderts extrem kinderfeindlich; dasselbe gilt für den Städtebau. Das wird langsam erkannt. Doch gegen die neuen Erkenntnisse stehen 95 Prozent der vorhandenen Häuser, Wohnblocks, Trabantenstädte usw. Zement, der vor dem Jahre 2100 kaum brüchig werden dürfte. Die notwendige Schallisolierung in den Wohnungen, notwendig für Lärm-, Spiel- und Musikproduktion als Lernprozesse der Kinder, ist in den vorhandenen und den in Planung befindlichen Bauten katastrophal schlecht.

Es bleibt beim Haften an der Kleinfamilie, die es zugunsten der Emanzipation von Kindern, Frauen und Männern zu überwinden gilt. Zudem verlangt schon die Integration der Frau in das Berufsleben die vollautomatisierte Wohnung als Erholungsstätte und Voraussetzung der Abschaffung nicht nur der Nur-Hausfrau, sondern der Hausfrauenfunktion und also der Ideologie von der Doppelrolle der Frau im Haushalt und Beruf.

Hier kann eine Kritik am Einzel-„Haus im Grünen“ nicht fehlen, das alle möglichen Nachteile auf seiner Seite hat, mitsamt der „Hausherrin“, die an Haus und Garten gefesselt ist. Die Vorteile des Wohnens im Grünen lassen sich in ein Konzept technologisch durchdachten urbanen Wohnens einbeziehen, das als Alternative zum Bestehen ökonomisch sinnvolle Netzplanarchitekturen von Hoch- oder Hügelhäusern entwirft, in denen Verkehrsprobleme, Einkaufswege, Postverteilung, Kanalisation, Müllentfernung nach einem einheitlichen, den erforderlichen Kraftaufwand auf ein Minimum reduzierenden Plan organisiert werden.

Die verzweigte Problematik der Hauswirtschaftswissenschaft ist hier nicht in Kürze aufzureißen, weil diese Wissenschaft Pionierland ist und ihr Arbeitsbereich ein offenes Feld interdisziplinärer Forschung darstellt. Seiner zentralen Bedeutung für die materiellen und ideologischen Faktoren der sozialen Entwicklung wegen sei dieses Feld der Aufmerksamkeit und dem sozialpolitischen Engagement von Berufsrevolutionären empfohlen; denn für die mögliche und notwendige Emanzipation aller ist diese Wissenschaft — so sie auf Veränderungen der Praxis zielt — wichtiger als vieles, was zur Zeit in kulturrevolutionärer Absicht diskutiert wird. Emanzipation im Bereich der Hauswirtschaft bezöge jene Mehrheit, die heute in der Küche isoliert verharrt — in der rückständigen Agrarproduktion wie in den Gefängnissen der Küchenindustrie — in den Prozeß bewußter Reflexion der Lebensbedingungen und gezielter sozialer Veränderung ein.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1971
No. 213/I/II, Seite 43
Autor/inn/en:

Otto Felicitas Gmelin:

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