Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 255
Arnold Künzli

Wider die rote Bourgeoisie

In Verteidigung der Gruppe Praxis

Mit der Außerdienststellung der acht Belgrader Professoren im Jänner 1975 hat die Verfolgung des Praxis-Kreises einen neuen Höhepunkt erreicht — wenn auch, wie man befürchten muß, keinen Endpunkt. Das NEUE FORVM war seit jeher mit der Praxis verbunden: die Professoren Rudi Supek/Zagreb und Mihailo Marković/Belgrad gehören unserem internationalen Beirat an. Wenn es auch in der Redaktion geteilte Meinung über die Philosophie des Praxis-Kreises gibt, so eint uns doch — und mit uns hoffentlich die ganze europäische Linke — der Protest gegen die bürokratische Unterdrückung einer sozialistischen Denkschule.

1 Sozialismus auf Gänsefüßen

Man sollte meinen, es gebe in unserer heutigen schönen neuen Welt für Sozialisten lohnendere Angriffsziele als andere Sozialisten. Und für Marxisten an und für sich dialektisch eher gerechtfertigte als andere Marxisten. Aber die Dialektik ist offensichtlich eine kapriziöse Dame, die sich gelegentlich Seitensprünge leistet und auf Abenteuer einläßt, die den Erkenntnishorizont ihrer großen Philosophen transzendieren. Jedenfalls wissen wir heute einiges, was ein Karl Marx noch nicht wissen konnte. Unter anderem, daß nichts schwieriger ist, als in einem „sozialistischen“ Lande ein Sozialist zu sein.

Wobei der Teufel freilich einmal mehr im Detail und in diesem Falle in den Gänsefüßchen steckt. Denn der Streit geht darum, wo die Gänsefüßchen legitim hingehören: zum sozialistischen Land oder zu jenen Sozialisten dieses Landes, die behaupten, es sei noch gar kein sozialistisches oder es sei auf dem Wege, die Revolution zu verraten. Eben Sozialismus auf Gänsefüßchen. Der Streit geht darum, wer den echten Ring besitze, aber es besteht wenig Aussicht auf seine baldige Schlichtung durch einen weisen marxistischen Nathan.

Das Prinzip Hoffnung hat sich in Jugoslawien in Trauer gehüllt. Was als große VerheiBung eines freiheitlichen Sozialismus des aufrechten Ganges begann, mündete in einen Sozialismus genannten Tummel- und Rummelplatz von Radfahrern. Wer da als Sozialist noch aufrecht zu gehen versucht, kommt unter die Fahrräder. Viele Fahrräder sind des Sozialisten Tod.

Freilich sind die Zeiten des schnauzbärtigen Oberpatriarchen zu Moskau vorbei, es geht nicht mehr ans Leben, bloß noch an die Existenz. An die Existenz jener acht marxistischen Professoren und Assistenten der Universität Belgrad zum Beispiel — und mehr mögen hinzukommen. Sie gehören zur sogenannten Praxis-Gruppe, angeklagt wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber dem jugoslawischen „Sozialismus“. Die Anklage lautet, wie einst bei Sokrates, auf Verführung der Jugend. Sie werden nun endgültig aus der Universität hinausgeworfen.

Da die Universitätsbehörden nicht mitspielten, wurde durch eine eigene „Lex Praxis“ deren Autonomie aufgehoben. Jetzt ist der Weg frei.

Schon am 9. Oktober 1972 hatte der alternde Oberpatriarch Tito den Bannspruch verkündet:

Seit Jahren warne ich, daß es an der Belgrader und der Zagreber Universität, ebenso wie an einigen anderen Universitäten, Professoren gibt, die unsere Jugend auf eine Weise erziehen, die, falls das so weitergeht, junge Menschen unserem sozialistischen System entfremden könnte. Ich habe verlangt, daß wir solche Professoren zur Verantwortung rufen und es ihnen verunmöglichen, an unseren Universitäten zu lehren.

L’état, c’est moi. Wer ein Sozialist ist und wer nicht, bestimmt der Patriarch. In ihm ist der aufgeregt und dialektisch sich selbst suchende Weltgeist zur Ruhe gekommen. Dialektik ist jetzt nicht mehr gefragt, sie hat ihr revolutionäres Geschäft erfüllt und wäre jetzt nur noch subversiv, lebt sie doch vom Prinzip Negation.

Eben dies wollen die Praxis-Philosophen partout nicht begreifen, sie halten unverständlicherweise der marxistischen Dialektik und ihrem Prinzip Negation die Treue und vertreten die ketzerische Ansicht, Marx’ Aufforderung zur radikalen Kritik des Bestehenden behalte über die Revolution hinaus ihre Gültigkeit. Wie anders könnte man sonst den Stalinismus in Theorie und Praxis überwinden? Und eben hier, am Stalinismus, hat das Denken der Praxis-Gruppe eingehakt.

Man möge verzeihen, wenn ich zitiere, was ich vor einigen Jahren in einem Nachwort zum Sammelband „Jugoslawien denkt anders“ (Wien 1971) geschrieben habe, denn ich könnte es auch heute nicht anders sagen:

Die jugoslawische Praxis-Gruppe ... ist vielleicht am ehesten zu verstehen als eine innermarxistische Aufklärungsbewegung, die mit den geistigen Waffen von Marx — wenn auch keineswegs nur mit diesen — den Spuk einer Restitution von Thron, Adel und Altar unter der roten Fahne der marxistischen Revolution als solchen denunziert, den Priestertrug der die absolute Wahrheit zentralverwaltenden bürokratischen Klerisei als solchen entlarvt und aus der Konkursmasse der Revolution im Namen einer ‚restitutio hominis‘ jenen humanistischen Marx zu retten versucht, mit dem allein sie eine marxistische ‚vita nova‘ beginnen und legitimieren zu können glaubt. Eine innermarxistische Aufklärungsbewegung jedoch, die über ihrer unbarmherzigen Kritik am etablierten ‚Sozialismus‘ ... die Entwicklung im Kapitalismus nicht aus dem Auge verliert, freilich auch hier zu differenzierteren Analysen gelangt als die durch die Scheuklappen des Diamat an einer freien Sicht behinderten Engelsisten-Leninisten. Eine Aufklärungsbewegung ist eine philosophische Bewegung. Den marxistischen Philosophen, die sich später zur Praxis-Gruppe zusammenfanden, ging es nach der Abkehr Jugoslawiens vom Stalinismus zuallererst um eine Restitution der Philosophie als solcher. Die Philosophie kündigte ihren Dienst als Magd der Partei und gewann ihre Autonomie zurück ... Philosophie als solche ist aber nach Ansicht der Praxis-Philosophen nicht nur deshalb wieder in ihr Recht zu setzen, weil die marxistische Philosophie zu einer mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit auftretenden primitiven Metaphysik verballhornt wurde ..., sondern weil ein wahrhaft revolutionärer Gedanke nur ein wahrhaft philosophischer sein könne. Wahrhaft aber ist Philosophie nur, wenn sie sich, welches immer ihre individuellen und gesellschaftlichen Bedingtheiten sein mögen, als freie kritische und schöpferische versteht. Das bedeutet, daß eine solche Philosophie, wenn sie sich als marxistische erklärt, nicht nur von Marx her und mit Marx, sondern — unter Abwurf von allerhand Ballast — über Marx hinaus und auch mit anderen, nichtmarxistischen Denkern philosophieren muß, will sie den Anspruch der Wahrhaftigkeit einlösen. Eine solche Philosophie kennt ... keine Parteilichkeit im hergebrachten Sinne, ihr Interesse kann nur ein Vernunftinteresse sein. Wobei sie freilich vom Glauben beseelt ist, das Vernunftinteresse sei identisch mit dem praktischen Interesse an der Emanzipation des entfremdeten Menschen, von dem Marx sich leiten ließ. Revolutionäre ‚restitutio hominis‘ und Restitution der Philosophie als solcher fallen für die Praxis-Philosophen also zusammen.

2 Der internationale Neomarxismus von Korčula

Nach jahrelangen philosophischen Diskussionen, in deren Verlauf sich immer deutlicher ein „orthodoxes“ und ein „humanistisches“ Lager herausbildete, beschlossen die „Humanisten“, den Sprung aus dem abstrakten Philosophieren in die Praxis zu wagen und sich mit den konkreten Problemen der bestehenden Gesellschaften — vorab der eigenen jugoslawischen — auseinanderzusetzen. 1963 traf man sich zum ersten Male auf der dalmatinischen Insel Korčula zu einer „Sommerschule“, um hier aktuelle philosophische, soziologische, ökonomische, politische und allgemein-kulturelle Probleme des Sozialismus und Kapitalismus in völlig freier Diskussion zu erörtern.

Aber man wollte nicht unter sich bleiben, sondern lud dazu marxistische und auch „linksorientierte“ nichtmarxistische Philosophen und Soziologen aus Ost und West ein. Ein revolutionäres Unternehmen in einem „sozialistischen“ Lande. Der Erfolg war entsprechend. Die Sommerschule auf Korcula hat seither jedes Jahr stattgefunden und ist zu einer einzigartigen Stätte der Begegnung und des Dialogs verschiedenster marxistischer oder anderen Formen eines Sozialismus verpflichteter Philosophen, Soziologen, Publizisten und Studenten geworden.

Boykottiert wurde Korčula von allem Anfang an von der Sowjetunion, die ihre Philosophen weiterhin an der kurzen Leine halten wollte. Auf eigene Verantwortung kam gelegentlich der eine oder andere Pole, Tschechoslowake, Rumäne, und aus Ungarn kamen bis 1968 einige Vertreter der „Budapester Schule“. (Nachdem die Ungarn im August 1968 in Korčula mutig die Intervention der Warschaupakt-Staaten in der ČSSR verurteilt hatten, wurden ihnen — unter anderem — die Pässe entzogen.)

Zu einem Dialog mit den „Orthodoxen“ kam es in Korčula also nicht, worüber freilich niemand unglücklich war. Hingegen sorgten in den letzten Jahren Scharen von deutschen Studenten dafür, daß eine neue Orthodoxie zu Worte kam, die allerdings mehr durch ihre schnoddrige Arroganz und ihren Theorie-Monopolanspruch als durch eine Bereitschaft zum dialogischen Lernen auffiel.

Besonders stark vertreten war immer auch die deutsche Philosophie, von Ernst Bloch bis Karl Heinz Volkmann-Schluck, von Herbert Marcuse bis Hermann Lübbe, von Jürgen Habermas bis Eugen Fink. Aus Frankreich kamen u.a. Lucien Goldmann und Serge Mallet, aus Belgien Ernest Mandel, aus Italien Lelio Basso und Enzo Paci, aus den USA Kurt Wolff, Norman Birnbaum und Robert Tucker — wie gesagt, ein einzigartiges Symposium.

Da mit der zunehmenden Degenerierung der sozialistischen Zustände in Jugoslawien die Kritik der Praxis-Gruppe an diesen entsprechend an Intensität zunahm, erfreute sich die Korčula-Schule verständlicherweise immer weniger des Wohlwollens der jugoslawischen Partei. Sie erhielt bis vor kurzem zwar noch relativ bescheidene Subventionen, aber auch damit ist es jetzt aus, und in der jugoslawischen Ptesse wurde Korčula seit langem so gut wie totgeschwiegen. Niemanden würde es überraschen, wenn die Partei der Schule heuer offiziell den Garaus machen würde.

Aber zurück zur Geschichte dieses jugoslawischen Versuches eines marxistischen „aggiornamento“. 1964 wurde auch noch eine philosophische Zeitschrift gegründet, die man auf den Namen Praxis taufte und die gleich in doppelter Ausführung erschien: in einer serbokroatischen und in einer internationalen Ausgabe. Das Wort πρᾶξις erschien auf dem Titelblatt auch in griechischer Schrift: Symbol des Willens, innerhalb des Marxismus Philosophie zu restituieren.

Obgleich betont wurde, daß man sich auch mit rein abstrakten, metaphysischen, ontologischen, gnoseologischen Problemen beschäftigen wolle, war und ist dieses Philosophieren an Praxis orientiert. Der Marxsche Begriff der Praxis sollte wieder aus dem Dogmen-Gefängnis befreit werden, in das ihn der „Diamat“ eingesperrt hatte. Revolutionäre Praxis wurde nicht deterministisch verstanden als Vollzug einer geschichtlichen Notwendigkeit, als bloßer Hebammendienst an einer mit Kommunismus schwangeren Geschichte, sondern als freie, bewußte, spontane, schöpferische emanzipatorische Tätigkeit.

In der ersten Nummer der internationalen Ausgabe wurden die Ziele umrissen:

Eine der Hauptursachen des Mißerfolges und der Deformation der sozialistischen Theorie und Praxis in den letzten Jahrzehnten ist darin zu suchen, daß man der ‚philosophischen Dimension‘ im Denken von Marx zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt und das humanistische Wesen dieses Denkens offen oder versteckt negiert hat.

Es wird dann eine breite, offene Diskussion auch mit Nichtmarxisten gefordert, denn intelligente Kritiker könnten mehr zu einem Verständnis des Marxschen Denkens beitragen als bornierte und dogmatische Adepten. Eine der Hauptaufgaben der Zeitschrift werde es sein, den jugoslawischen Sozialismus im Sinne von Marx’ Postulat einer rücksichtslosen Kritik des Bestehenden kritisch zu untersuchen. Dabei machte man unmißverständlich klar, daß man sich vorbehaltlos zur Theorie und Praxis einer gesellschaftlichen Selbstverwaltung im Sinne des jugoslawischen Experimentes bekenne. Im übrigen konnte man sich auf das recht liberale Parteiprogramm des jugoslawischen „Bundes der Kommunisten“ — (dies der Name der jugoslawischen KP) aus dem Jahre 1958 berufen (zum Leidwesen der Partei).

Im Redaktionskomitee, das vom „spiritus rector“ der Gruppe, dem Psychologen und Soziologen Professor Rudi Supek, geleitet wurde — einem Altkommunisten, der sich an der französischen Résistance beteiligt hatte und dies mit einer KZ-Haft in Buchenwald hatte bezahlen müssen —, saßen freilich nur erklärte Marxisten. Die Zusammensetzung des internationalen Redaktionsrates hingegen bewies, wie breit man den Fächer der Theorie zu öffnen bereit war. Hier begegnete man Namen wie Ernst Bloch, Georg Lukács, Lucien Goldmann, Jürgen Habermas, Herbert Marcuse, David Riesman, Henri Lefebvre, André Gorz, Alfred J. Ayer, Eugen Fink, Erich Fromm, Leszek Kolakowski, Karel Kosík, Howard L. Parsons ...

Entsprechend breit war die Thematik, mit der man sich im Laufe der Jahre beschäftigte. Erwähnt seien bloß die Hefte über „Sinn und Perspektiven des Sozialismus“, „Freiheit“, „Was ist die Geschichte?“, „Die Kunst in der Welt der Technik“, „Sozialismus und Ethik“, „Die Aktualität des Denkens von Marx“, „Bürokratie, Technokratie und Freiheit“, „Kreativität und Verdinglichung“, „Macht und Humanität“, „Hegel und unsere Zeit“, „Utopie und Wirklichkeit“, „Liberalismus und Sozialismus‘, „Gleichheit und Freiheit“ ...

3 Das Verbrechen des Sokrates und die neuen Götter

Aber die Praxis behielt auch die Praxis in Jugoslawien im Auge. Sie übte unbarmherzig Kritik an den bürokratisch-etatistischen, elitär-autoritären Deformationen des jugoslawischen Selbstverwaltungs-Sozialismus. Die Kritik gewann noch an Schärfe, als 1965 mit einer Wirtschaftsreform begonnen wurde, die zum Teil auf die Wiederherstellung einer überholten „laissez faire“-Wirtschaft hintendierte, was zu Massenarbeitslosigkeit, Korruption und großen sozialen Unterschieden führte, Bodenspekulation ermöglichte und dem Nationalismus der einzelnen Republiken neuen Auftrieb verlieh.

1968 kam es in Belgrad zu einer Studentenrebellion. Die Kritik der Studenten deckte sich sozusagen vollständig mit derjenigen ihrer Praxis-Professoren, die sich auch vorbehaltlos mit den Studenten solidarisierten.

Tito fing die Rebellion geschickt auf, indem er die Forderungen der Studenten als berechtigt anerkannte. Aber kurz darauf wurden die Praxis-Professoren zur Rechenschaft gezogen, der Aufwiegelung und Verführung der Studenten bezichtigt, Verhören unterworfen und zum Teil aus der Partei ausgeschlossen.

Nun begann die Partei nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Praxis-Professoren auch aus den Universitäten zu verjagen. Aber das war nicht so einfach. In den Universitäten war eine weitgehende Selbstverwaltung eingeführt worden. Für die Wahl und Beförderung von Dozenten waren allein die Fakultätsräte zuständig, die sich aus Professoren, Assistenten und Studenten zusammensetzten. Das Universitätsgesetz bestimmte, daß bei Wahlen einzig die wissenschaftliche Qualifikation eines Kandidaten maßgebend sein dürfe.

Hinzu kam, daß die serbische Partei unter der „liberalen“ Führung von Marko Nikezić nicht bereit war, repressive Maßnahmen gegen die Professoren zu ergreifen. Aber 1972 wurde Nikezić von Tito abgesetzt, und die Partei kehrte zu einem autoritären Kurs zurück, was sich besonders auch in einer ideologischen Verhärtung und Erstarrung äußerte. Die Partei nahm vor allem die philosophische Fakultät der Universität Belgrad — an der einige Praxis-Professoren lehrten — unter Beschuß, beschuldigte sie, ausländische Spione zu beherbergen, und montierte in Sitzungssälen versteckte Mikrophone (von denen einige entdeckt wurden).

Fünf Praxis-Dozenten wurden die Pässe entzogen, und der Universität wurde eine Liste mit den Namen von acht Dozenten übergeben, die aus der Universität auszuschließen seien. Es handelt sich um dieselben acht, auf die sich die Angriffe der Partei auch heute wieder konzentrieren:

  • Prof. Mihailo Marković
  • Prof. Ljubomir Tadić
  • Prof. Miladin Zivotić
  • Prof. Svetozar Stojanović
  • Frau Prof. Zagorka Pešić-Golubobić
  • Prof. Dràgoljub Mićunović
  • die Assistenten Nebosja Popov und Triva Indić.

Was Tito vor allem stören dürfte, ist die Kritik am Personenkult. Der Name Titos wird zwar nie genannt, aber es ist klar, wer gemeint ist, wenn gefordert wird, man müsse das Problem des charismatischen Führers untersuchen. Stojanović kritisiert, daß noch keine sozialistische Revolution ihre Führer „bloß als menschliche Wesen, d.h. als Wesen mit vielen Schwächen“ behandelt habe. Statt dessen errichte man in den kommunistischen Staaten noch lebenden Führern Denkmäler und übertrage ihnen eine cäsarische Macht. Je größer aber das Charisma des Führers, um so schwächer die demokratischen Institutionen.

Mit der Kritik am charismatischen Führer hängt die Kritik an der elitären leninistischen Partei zusammen. Die Praxis-Gruppe hat — im Gegensatz zu den Behauptungen der Partei — nie ein Mehrparteiensystem gefordert, wohl aber eine radikale Demokratisierung der kommunistischen Parteien. Solange die Partei nicht demokratisiert sei, könnten auch Staat und Gesellschaft nicht demokratisiert werden. Die Führungsgruppe in der Partei orientiere sich noch immer an einem stalinistischen Parteikonzept, und die Entstalinisierung sei deshalb in Jugoslawien auf stalinistische Weise durchgeführt worden. Es gebe keine echten Wahlen in der Partei, und man dulde keine oppositionellen Minderheitsgruppen innerhalb der Partei. Der Parteiapparat herrsche ohne jede Kontrolle, und keine kommunistische Partei, auch die jugoslawische nicht, gebe der Arbeiterklasse die Möglichkeit, ihren Willen innerhalb der Partei kundzugeben.

Auch genieße die Führungsschicht der Partei Privilegien, wie man sie nicht einmal in kapitalistischen Ländern kenne. Eine hierarchisch aufgebaute, zentralistische, disziplinierte leninistische Partei mit einem charismatischen Führer an der Spitze könne ein revolutionäres Langzeitprogramm nicht verwirklichen, da sie allem widerspreche, was Marx unter dem „neuen Menschen“ verstanden habe.

Professor Danko Grlić: „Niemand kommt an diese Götter heran; ... diese vom Himmel gesandten Führer haben alle Eigenschaften erworben, die einst die himmlischen Götter besaßen: sie sind mehr als weise, sie sind höchst gerecht; für sie haben Gesetze keinen Wert, denn sie selbst sind das Gesetz. Sie sind unbewegte Beweger von allem, was bewegbar ist.“

Stojanović wirft den kommunistischen Führern vor, daß sie, einmal an die Macht gelangt, alles tun, um den Parteimitgliedern das Rückgrat zu brechen, indem sie diese demütigen. Ein Parteimitglied ist immer schuldig, die Partei als solche nie. Parteiführer begehen nie Fehler. Solche Parteien bestehen aus Marionetten, nicht aus menschlichen Wesen.

4 Kritik an der Wiedereinführung von Elementen des Kapitalismus

Weiters kritisiert die Praxis-Gruppe die Rückkehr zur Marktwirtschaft, die die jugoslawische Gesellschaft in eine „rote Bourgeoisie“ mit „sozialistischen Kapitalisten“ verwandelt habe. Es sei eine unglaubliche Korruption entstanden. Die sozialen Unterschiede hätten enorme Proportionen angenommen, und während die Führer Askese predigten, lebten sie wie große Kapitalisten. Die Rückkehr zur Marktwirtschaft habe zu einem Warenfetischismus und zum Entstehen von wirtschaftlichen Machtzentren geführt, die eine sozialistische Entwicklung behinderten. Man sei damit zum bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts zurückgekehrt.

Zur Praxis der jugoslawischen Selbstverwaltung wird u.a. erklärt, diese habe sich in den Händen der Parteiführer in eine Ideologie des Status quo verwandelt. Marković schrieb in einem Buche, das 1972 beschlagnahmt wurde, das System der Selbstverwaltung in Jugoslawien sei reduziert worden auf Diskussionen zwischen Parteiführern und habe einen ausgesprochen oligarchischen Charakter angenommen.
Demgegenüber tritt die Praxis-Gruppe für eine echte gesellschaftliche Selbstverwaltung ein, die es jedem Bürger ermöglicht, ein freies verantwortliches Subjekt der Geschichte zu werden. Echte Selbstverwaltung sei unvereinbar mit dem Fortbestehen einer autoritär-bürokratischen und zentralistischen Partei. Das heißt, daß mit der Selbstverwaltung in der Partei begonnen werden müsse.

Von zentraler Bedeutung ist für die Praxis-Gruppe selbstverständlich die Forderung nach einer Garantie der Bürgerrechte und vor allem des Rechtes auf freie Diskussion. Der Sozialismus soll die bürgerlichen Freiheiten nicht abschaffen, sondern weiter ausbauen. Im Kern decken sich die Vorstellungen der Praxis-Gruppe weitgehend mit denjenigen, die die tschechoslowakischen Kommunisten im „Prager Frühling“ entwickelten, und es ist denn auch von orthodoxer Seite behauptet worden — was freilich nicht zutrifft —, der Prager Frühling sei in der Sommerschule von Korčula vorbereitet worden. Der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ist in den Augen der Praxis-Gruppe ein Pleonasmus, denn ohne menschliches Antlitz wäre er keiner.

Die internationalistisch gesinnte Praxis-Gruppe wandte sich auch von allem Anfang an gegen den wiederaufflammenden Nationalismus in den jugoslawischen Republiken. Um so absurder ist es, daß ausgerechnet ein Praxis-Mann, der Belgtader Philosophie-Professor Mihailo Durić, wegen angeblicher serbisch-nationalistischer Äußerungen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und eingesperrt wurde. Die Partei verteilt ihre Schläge nach dem Gleichheitsprinzip, an die Gerechten wie an die Ungerechten.

Dieser Schlag dürfte freilich weniger Durić als der Praxis-Gruppe als solcher gegolten haben, wurde diese doch gleichzeitig von Parteiseite als „total antisozialistisch und antimarxistisch“ diffamiert. Nachdem sich auch nicht zur Praxis-Gruppe gehörende Professoren für Durić eingesetzt und seine Amnestierung verlangt hatten, setzte das Oberste Gericht Serbiens das Strafmaß immerhin auf neun Monate herunter.

In den letzten Jahren herrschte zwischen Partei und Praxis ein offener Kleinkrieg. Im August 1972 wurde die der Praxis nahestehende serbische Philosophie-Zeitschrift Filosoflja wegen „alarmierender Behauptungen“ über die Zustände in Jugoslawien beschlagnahmt. Die Zeitschrift hatte u.a. geschrieben, es sei eine Bürgerpflicht, seine Meinungen frei zu äußern, da demütiger Gehorsam gegenüber der Autorität keine sozialistische Tugend sei. Im März 1973 wurde der Kampf gegen die acht rebellischen Belgrader Praxis-Dozenten wieder aufgenommen. Man warf ihnen ideologische Abweichungen, Verstöße gegen die Parteilinie, kleinbürgerliches Linkssektierertum usw. vor. Aber selbst die Parteimitglieder in den zuständigen Universitätsgremien widersetzten sich dem Druck der Partei und stimmten gegen eine Ausbootung der acht.

Die Philosophische Fakultät lehnte es weiter ab, sich von der Partei politische Kriterien vorschreiben zu lassen, von denen man sich bei der Wahl von Dozenten leiten lassen müsse. Die Partei hatte als solche Kriterien genannt: Bekenntnis zum Marxismus und aktive Unterstützung der Politik der Partei in den Lehrveranstaltungen. Die Fakultät erklärte solche Bestimmungen als verfassungswidrig, da die Verfassung die Freiheit der wissenschaftlichen Arbeit garantiere. Außerdem sei eine solche Forderung gar nicht zu verwirklichen, da die Mehrzahl der Professoren an der Universität Belgrad gar keine Marxisten seien.

Daraufhin ging die Partei gegen die Parteiorganisationen an der Universität vor, schloß einige Parteimitglieder aus und verlangte einmal mehr die Ausbootung der acht Praxis-Dozenten. Die Studentenschaft reagierte mit Straßendemonstrationen. Die Partei damit, daß sie den acht die Pässe entzog: sie durften nicht einmal den Weltkongreß für Philosophie im bulgarischen Varna besuchen. Außerdem setzte die Partei die obersten Universitätsbehörden unter Druck und forderte eine Reform der universitären Selbstverwaltungs-Gremien: die Hälfte der Mitglieder der Fakultätsräte sollte sich in Zukunft aus Personen rekrutieren, die nicht der Universität angehörten — lies: aus Personen, die von der Partei bestimmt wurden.

Nach anfänglichem Widerstand gaben Rektorat und Fakultäten nach, bloß die philosophische Fakultät widersetzte sich. Sie erklärte die neuen Bestimmungen für verfassungswidrig und rief das Verfassungsgericht an. Parteiorgan, Presse, Rundfunk und Fernsehen griffen daraufhin die philosophische Fakultät heftig an, man warf ihr vor, sich gegen ein Mitspracherecht der „Gesellschaft“ zu wehren, und drohte, die Fakultät aufzulösen. Unter diesem Druck gab sie schließlich nach. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, die acht auf „legale“ Weise aus der Universität auszuschließen.

Aber am 1. Juli 1974 stimmte der Wissenschaftliche Rat der Philosophischen Fakultät noch einmal gegen die Ausbootung der acht. 150 waren dagegen, einer enthielt sich der Stimme, keiner war dafür. Die acht hatten das sehr wahrscheinlich Heinrich Böll zu verdanken, der sich in einem Gespräch mit Tito für die Praxis eingesetzt hatte, worauf Tito offenbar einen Waffenstillstand verordnete. Nur so ist es erklärbar, daß auch die Parteimitglieder mitstimmten.

Gajo Petrović, Chefredakteur der Zeitschrift Praxis

5 Wer steckt dahinter — KGB oder CIA?

Aber der Waffenstillstand war von kurzer Dauer. Anfang Jänner 1975 — die Semesterferien beginnen in Belgrad Mitte Jänner — startete die Partei einen Generalangriff auf die acht, und alles spricht dafür, daß diesmal der Daumen des Patriarchen endgültig nach unten zeigt. Das Parteiorgan Komunist verlangte die sofortige Suspendierung der acht wegen „Bedrohung gesellschaftlicher Interessen“ (siehe Kasten). Kürzlich hatte das serbische Parlament jene „Lex Praxis“ verabschiedet, die es erlaubt, gegen Universitätsprofessoren vorzugehen, die gegen gesellschaftliche Interessen — lies: was die Partei für gesellschaftliche Interessen erklärt — verstoßen.

Die Praxis-Dozenten, denen schon früher konterrevolutionäre, anarcholiberalistische, liberalistisch-ultraradikale und nihilistische Tendenzen vorgeworfen worden waren, werden nunmehr beschuldigt, die Studenten systematisch aufzuwiegeln, „politische und materielle Hilfe aus dem Ausland“ bezogen zu haben und sogar so weit gegangen zu sein, Instruktionen über die Methoden zur Zerstörung der verfassungsmäBigen Institutionen und zur Eroberung der Macht zu geben.

Abgesehen von der Lächerlichkeit dieser Anschuldigungen — wie katastrophal muß es um die Autorität und Stabilität einer Partei und eines Systems bestellt sein, wenn acht Philosophie-Dozenten genügen, um den Partei-Patriarchen das Schlottern beizubringen?

Damit ist die Frage aufgeworfen, welche politischen Kräfte, Interessen, Konzeptionen und Ängste hinter dieser Hetzkampagne und hinter diesen repressiven Maßnahmen im Stile des Neostalinismus als Motor am Werk sind. Niemand weiß eine überzeugende Antwort, man ist auf Vermutungen angewiesen. Sicher ist nur: die Partei hat Angst.

Aber wer ist die Partei und welche Kräfte in ihr haben besonders Angst? Und wovor haben sie Angst? Fürchtet man sich vor der Zeit nach Tito? Will man die Partei rechtzeitig auf Vordermann bringen, um einer Machtergreifung prosowjetischer Kräfte oder der Armee — wobei auch beide zusammenspielen könnten — zuvorzukommen? Oder stecken umgekehrt prosowjetische Kräfte hinter der Kampagne gegen die Praxis? Und welche Rolle spielt der CIA, der sicherlich auch in Jugoslawien nicht völlig untätig ist? Fürchtet man ein Zusarmmenspiel jugoslawischer Emigrantenorganisationen von Ustascha-Couleur mit inneren nationalistischen Kräften (die zum Teil übrigens auch schon von Moskau unterstützt worden sind)?

Oder ist die innenpolitische Situation mit der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, den zunehmenden sozialen Spannungen, dem ungelösten Arbeitslosenproblem — das durch eine Rückkehr größerer Mengen von jugoslawischen Gastarbeitern ebenfalls verschärft werden könnte — und der allgemeinen politischen Malaise so desolat geworden, daß man glaubt, nur noch ein harter autoritärer Kurs könne Rettung verheißen?

Wie dem auch sei — der Rückfall in eine Art von „Neostalinismus mit Selbstverwaltungs-Ideologie“ ist ein alarmierendes Krisensymptom. Alarmierend nicht zuletzt auch deshalb, weil eine Partei, die glaubt, eine Krise dadurch lösen zu können, daß sie eine Diskussion über ihre Ursachen unterbindet, ein bedenkliches Maß an Unfähigkeit und Borniertheit offenbart und Gefahr läuft, die Krise dadurch nur noch zu verschärfen.

Den Praxis-Philosophen aber — wie immer man sich im einzelnen zu ihren Gedanken stellen mag — gebührt die Solidarität aller, die sich zur Partei des aufrechten Ganges gegen die Partei der Radfahrer bekennen.

Anarcho-trotzkistische Diversanten
Kesseltreiben gegen die Gruppe Praxis

Das jugoslawische Parteiorgan Komunist gab zu Jahresbeginn den Startschuß zu einer Kampagne, welche die Praxis-Gruppe endgültig erledigen soll.

Eine Gruppe von Beograder Professoren, die sich mit ihren Gesinnungsgenossen um die Zagreber Zeitschrift Praxis schart, hat im Laufe der letzten zehn Jahre die sogenannte Sommerschule von Korčula organisiert. Diese Schule, die als eine wissenschaftliche ausgegeben wurde, war ein Ort, wo politisch Oppositionelle — eine Gruppe von Philosophieprofessoren aus Jugoslawien und kleine Gruppen von westeuropäischen Anarchisten und Trotzkisten — hauptsächlich das Wort führten.

Auch in den weiteren Jahren war die studentische Bewegung das dominierende Thema auf Korčula. Offenbar haben die Organisatoren mit Bedacht darauf gerechnet, daß sie die Studenten ausnützen und manipulieren werden. Darum haben sie im Jahre 1969 in Korčula festgestellt, daß es in der studentischen Bewegung ruhig geworden ist, und haben beschlossen, „Möglichkeiten für weitere Aktionen zu finden“. Im nächsten Jahr stand am Programm der Schule Korčula schon wieder „Die jugoslawische studentische Bewegung“. Auf Korčula trafen sich kleine Gruppen von extremen Studenten und Professoren der „Praxisten“, darunter Mihailo Marković, Rudi Supek und Gajo Petrović. Bei dieser Gelegenheit beschlossen sie, daß man konkret arbeiten soll und daß die „Aktivität eine politische Tätigkeit, nicht aber ein Philosophieren wie bisher“ sein soll.

Schon lange unterhält diese Gruppe enge Verbindungen mit der bekannten Gruppe von Zagreber Professoren, die sich um die Zeitschrift Praxis vereinigen. Zusammen mit ihnen organisiert sie schon zehn Jahre die Sommerschule Korčula, Wintertreffen in Vrnjačka Banja und ähnliche quasiwissenschaftliche, tatsächlich aber politisierende Seminare. Bei diesen Treffen entstehen aber auch auf andere Art Kontakte zwischen verschiedenen heimischen und ausländischen extremen Gruppen und ihren Führern. Wir erwähnten schon, daß nach Korčula kleine anarchistisch-trotzkistische Gruppen von Studenten aus Beograd, Zagreb, Sarajevo und Novi Sad kommen. Seit 1968 erscheinen auf Korčula auch trotzkistische Gruppen aus Frankreich, England, Belgien, Westdeutschland und bekannte Funktionäre westeuropäischer trotzkistischer Organisationen: Ernest Mandel, Pierre Broué, Stefan Giste, Pierre Lambret, Alain Krivine und andere. Einige Professoren wie Ljubomir Tadić, Svetozar Stojanović und andere unterhalten Verbindungen mit einzelnen Mitgliedern des Internationalen Komitees für den Wiederaufbau der IV. Internationale (Gérard Bloc, Pierre Broué) und mit den Mitgliedern der italienischen trotzkistischen Gruppe il manifesto.

Aus dem Ausland erhalten diese „Neulinken“ auch eine ergiebige materielle Unterstützung. Einige von ihnen haben jedes Jahr mehrere Monate an amerikanischen und westeuropäischen Universitäten verbracht, sei es als Stipendiaten oder als Vortragende, als Gäste von Institutionen, Kongressen und anderen Veranstaltungen. So hat z.B. Miladin Zivotić im Jahre 1972 und 1973 neun Monate als Stipendiat im Ausland verbracht, Mihailo Marković hat sich im Jahre 1972 drei Monate als Vortragerider an der Universität von Pennsylvania aufgehalten, und kürzlich begab sich Svetozar Stojanović an eine amerikanische Universität, um den Studenten „Vorträge zu halten“, und führt dort eine Propagandakampagne gegen seine Heimat.

Vojislav Micovic


Komunist 13. Jänner 1975

Revisionisten, Pfaffen und Marxisten

Im Nest des internationalen Revisionismus: 5. April 1968, Hörsaal I des Neuen Institutsgebäudes der Wiener Universität. Die internationale Redaktion der Zeitschrift NEUES FORVM/DIALOG diskutiert mit fünfhundert Studenten.

Auf dem Bild von links: Lucien Goldmann (französischer Literaturwissenschaftler, inzwischen verstorben), Günther Nenning, Rudi Supek (Redaktionskommitee der Praxis, Zagreb).

Weitere Teilnehmer: Giulio Girardi (Ex-Professor an der päpstlichen Universität der Salesianer in Rom, abgeschoben nach Frankreich, dort neuerlich wegen Linksentwicklung geschaßt — Dokumentation siehe NF Dezember 1973), Robert Kalivoda (tschechischer Historiker, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Spezialist für die Hussitenverfolgungszeit, nach dem sowjetischen Einmarsch 1968 entlassen), Andreas Szenay (Ordenspriester aus Ungarn), Eduard Goldstücker (Germanist aus Prag, Überlebender der Slansky-Prozesse, führende Gestalt des Prager Frühlings, jetzt im Exil Professor in Sussex), José-Maria Gonzáles-Ruiz (Chorherr des Domes von Malaga und Professor an der Universität Madrid, hat Schwierigkeiten mit den faschistischen Behörden). Näheres siehe NF Juni/Juli 1968. Von den Genannten sind noch immer im Beirat des NEUEN FORVMs: Girardi, Gonzáles, Supek.

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Praxis-Gruppe bei Wikipedia

Zeitschrift Praxis

Die Praxis-Gruppe war in den 1960er und 1970er Jahren eine Gruppe jugoslawischer Philosophen und Sozialwissenschaftler, die einen humanistischen, undogmatischen Marxismus vertraten. Sie waren Veranstalter der jährlich stattfindenden „Sommerschule“ auf der Insel Korčula und Herausgeber der Zeitschrift Praxis.

Grundkonsens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mitglieder der Praxis-Gruppe vertraten unterschiedliche Positionen und beschäftigten sich mit unterschiedlichen Themen. Gemeinsam vertraten sie einen „humanistischen Marxismus“, der den Stalinismus als den Ideen von Karl Marx widersprechende Lehre scharf ablehnte und stattdessen, vor allem durch die Beschäftigung mit den frühen Werken von Marx, einen authentischen Marxismus zu rekonstruieren und als „schöpferischen Marxismus“ weiterzuentwickeln versuchte.

Mitglieder der Praxis-Gruppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitglieder der Redaktion und des Redaktionsrats der Zeitschrift Praxis sowie Mitglieder des Organisationskomitees der Sommerschule waren unter anderem:[1]

Die Sommerschule auf Korčula[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sommerschule war eine offene Versammlung, auf der Vorträge und Diskussionen zu den Themen stattfanden, mit denen sich die Mitglieder der Praxis-Gruppe beschäftigten. Sie fand erstmals 1963 in Dubrovnik statt und wurde dann zu einer jährlichen Veranstaltung auf Korčula. Neben den Mitgliedern der Praxis-Gruppe nahmen sowohl marxistische als auch nichtmarxistische Wissenschaftler aus dem Ausland teil; die Sommerschule stand aber auch interessierten Laien offen.

Themen der Sommerschulen waren:[2]

  • 1963: Fortschritt und Kultur
  • 1964: Sinn und Perspektiven des Sozialismus
  • 1965: Was ist Geschichte?
  • 1966: In diesem Jahr wurde die Sommerschule auf Druck des Bundes der Kommunisten Kroatiens abgesagt.
  • 1967: Schaffen und Verdinglichung
  • 1968: Marx und die Revolution
  • 1969: Macht und Menschlichkeit
  • 1970: Hegel und unsere Zeit – Lenin und die Neue Linke
  • 1971: Utopie und Realität
  • 1972: Freiheit und Einigkeit
  • 1973: Die bürgerliche Welt und der Sozialismus
  • 1974: Kunst in der modernen Gesellschaft

Die Zeitschrift Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zeitschrift Praxis wurde 1964 gegründet und 1975 verboten. Die Redaktion bestand aus Zagreber Mitgliedern der Praxis-Gruppe, in einem größeren Gremium, dem „Redaktionsrat“, waren Wissenschaftler aus ganz Jugoslawien sowie aus dem Ausland (unter anderem Norman Birnbaum, Ernst Bloch, Erich Fromm, Jürgen Habermas, Leszek Kołakowski, Henri Lefebvre, Georg Lukács und Herbert Marcuse) vertreten.[3]

Praxis International, 1. Ausgabe

Neben der jugoslawischen Ausgabe erschien von 1965 bis 1973 auch eine internationale Ausgabe der Praxis, die ab 1981 bis 1994 weitergeführt wurde (ISSN 0260-8448). Als Nachfolgepublikation erscheint seither die Zeitschrift Constellations (ISSN 1351-0487).

Verbot der Praxis-Gruppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 28. Januar 1975 wurden acht Mitglieder der Praxis-Gruppe (Trivo Inđić, Mihailo Marković, Dragoljub Mićunović, Zagorka Golubović, Nebojša Popov, Svetozar Stojanović, Ljubomir Tadić, Miladin Životić) aus der Universität Belgrad ausgeschlossen. Kurz darauf wurden auch das Erscheinen der Zeitschrift „Praxis“ und die Ausrichtung der Sommerschule verboten.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Yugoslav magazine wins fight against authorities. In: The Times. 3. April 1967, S. 4
  • Gajo Petrović: Revolutionäre Praxis. Jugoslawischer Marxismus der Gegenwart. 1969
  • Der Spiegel, 10/1970: Artikel, S. 169 – Gespräch mit Gajo Petrović und Milan Kangrga, S. 170–174 (Das Gespräch ist auch abgedruckt in: Georg Wolff (Hg.): Wir leben in der Weltrevolution. ISBN 3-471-60376-X, S. 71–82 – siehe auch: S. 191)
  • Rudi Supek & Branko Bošnjak (Hg.): Jugoslawien denkt anders. Marxismus und Kritik des etatistischen Sozialismus. 1971 ISBN 3-203-50242-2
  • Mihailo Marković und Robert S. Cohen: Yugoslavia: the rise and fall of socialist humanism; a history of the “Praxis” group. 1975, ISBN 0-85124-129-8
  • Ernst Bloch: Jugoslawien nagelt die Flagge an den Mast. In: Der Spiegel. Heft 6/1975, S. 80 ff.
  • Ursula Rütten: Marxismus als Gesellschaftskritik. Die PRAXIS-Gruppe in Jugoslawien – ihre Grenzen und Möglichkeiten. Inauguraldissertation, TH Aachen, 1976
  • Julius Oswald, Revolutionäre Praxis. Darstellung und Kritik der philosophischen Position der Gründer der Zeitschrift "Praxis" unter besonderer Berücksichtigung ihrer Religionskritik (= Themen und Thesen der Theologie), Düsseldorf 1982, (Hochschulschrift, zugleich München, Univ., Diss.), ISBN 978-3-491-71045-0.
  • Ursula Rütten: Am Ende der Philosophie? Das gescheiterte „Modell Jugoslawien“. Fragen an Intellektuelle im Umkreis der PRAXIS-Gruppe. 1993, ISBN 3-85435-209-3
  • Nebojša Popov (Hg.; mit: Milan Kangrga, Zagorka Golubović, Ivan Kuvačić, Božidar Jakšić, Ante Lešaja): Sloboda i nasilje, razgovor o časopisu Praxis i korčulanskoj letnjoj školi. 2003, ISBN 86-902945-1-1
  • Boris Kanzleiter & Krunoslav Stojaković: 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975. Dietz, Bonn a. Rh. 2008, ISBN 3-8012-4179-3 (ausführl. Rezension: die tageszeitung 29. Oktober 2008, S. 15)
  • Frederik Fuß (Hrsg.): Der vergessene Marxismus. Beiträge der jugoslawischen Praxis-Gruppe. Syndikat-A, Moers 2019, ISBN 978-3-9817138-6-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ursula Rütten: Marxismus als Gesellschaftskritik (s. o.). S. 9; Revolutionäre Praxis (s. o.). S. 275–280
  2. Ursula Rütten: Marxismus als Gesellschaftskritik (s. o.). S. 209 f.
  3. Gajo Petrović: Revolutionäre Praxis (s. o.). S. 17
  4. Ursula Rütten: Marxismus als Gesellschaftskritik (s. o.). S. 191

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1975
No. 255, Seite 7
Autor/inn/en:

Arnold Künzli:

1919 in Zürich geboren, in Zagreb aufgewachsen, Gymnasium in Bern, Studium der Philosophie, Germanistik, Romanistik und Psychologie in Zürich, Dissertation über Kierkegaard, Auslandskorrespondent schweizerischer Zeitungen in Rom, London und Bonn, zahlreiche Reisen in West und Ost, außenpolitischer Redakteur der Basler National-Zeitung, 1964 Habilitation an der Universität Basel für Philosophie der Politik, Professor allda. War Mitglied des Internationalen Beirats des NF und Mit-Gründer der Korčula-Sommerschulen.

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