Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 241/242
Ivan Illich

Werkzeug-Krise

Die freundliche Gesellschaft, II. Teil

Die Symptome einer herannahenden weltweiten Krise sind unverkennbar. Überall forscht man nach ihren Ursachen. Ich für mein Teil schlage folgende Erklärung vor: Die Wurzel der Krise liegt im Scheitern des Grundstrebens unserer Zeit, nämlich des Versuchs, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen. Aus diesem großen Plan ist ein unbarmherziger Prozeß der Produzentenversklavung und der Konsumentenverdummung geworden.

Ivan Illich in der NF-Redaktion
Mai 1970

4 Menschenmaß

Es ist schwer, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der die industrielle Organisation durch komplementäre, andersgeartete und hochergiebige Produktionsweisen aufgewogen und kompensiert wäre. Wir sind durch die industriellen Gewohnheiten derart deformiert, daß wir uns das Reich des Möglichen nicht mehr vorzustellen wagen; auf die Massenproduktion zu verzichten, bedeutet für uns, zu den Ketten der Vergangenheit zurückzukehren oder die Utopie vom guten Wilden wiederaufzunehmen. Wenn wir unser Gesichtsfeld auf die Dimensionen der Realität erweitern wollen, müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß es nicht nur eine Art und Weise gibt, wissenschaftliche Entdeckungen nutzbar zu machen, sondern mindestens zwei, und zwar gegensätzliche.

Die eine Nutzanwendung der Wissenschaft führt zur Spezialisierung der Aufgaben, zur Institutionalisierung der Werte, zur Zentralisierung der Macht. Der Mensch wird zum Anhängsel der Megamaschine, zum Schräubchen im Räderwerk der Bürokratie. Aber es gibt eine andere Möglichkeit, die Wissenschaft zu nutzen, eine Möglichkeit, die Macht und das Wissen eines jeden zu mehren, ihm Spielraum für Kreativität zu geben, unter der einzigen Bedingung, daß er damit keinem anderen diesen Spielraum beschneidet.

Wenn wir etwas über die Welt der Zukunft aussagen, die theoretischen Umrisse einer kommenden, nicht hyperindustrialisierten Gesellschaft skizzieren wollen, müssen wir die Existenz natürlicher Maßstäbe und Grenzen zur Kenntnis nehmen. Das Lebensgleichgewicht erstreckt sich auf mehrere Dimensionen; es ist labil und komplex und hält sich innerhalb gewisser Grenzen. Es gibt gewisse unüberschreitbare Schwellen. Wir müssen erkennen, daß die Sklaverei durch die Maschine nicht aufgehoben wurde, sondern nur eine neue Form erhalten hat. Denn jenseits einer gewissen Schwelle wird die Maschine vom Diener zum Despoten. Jenseits dieser Schwelle wird die Gesellschaft zur Schule, zum Krankenhaus, zum Gefängnis. So beginnt die große Versklavung. Esgeht darum, für jede Komponente des Gesamtgleichgewichts genau festzustellen, wo die kritische Schwelle liegt. Dann wird es möglich sein, die historische Dreiheit von Mensch, Werkzeug und Gesellschaft auf neue Weise zu formulieren. Ich nenne eine Gesellschaft, in der das moderne Werkzeug der ins Kollektiv integrierten menschlichen Person und nicht einem Korps von Spezialisten dient, eine freundliche Gesellschaft (société conviviale). Freundlich ist die Gesellschaft, in der der Mensch die Maschine kontrolliert.

5 Menschmaschine statt Maschinenmensch

Seit hundert Jahren versuchen wir, die Maschine für den Menschen arbeiten zu lassen und den Menschen zur Bedienung der Maschine zu erziehen. Nun erkennt man, daß die Maschine nicht „läuft“, daß der Mensch sich nicht dazu eignet, sich ihren Erfordernissen anzupassen, ihr lebenslänglich zu dienen. Ein Jahrhundert lang war die Menschheit mit einem Experiment beschäftigt, das von der Hypothese ausging, das Werkzeug könne den Sklaven ersetzen. Nun aber zeigt sich, daß das Werkzeug den Menschen zu seinem Sklaven macht. Die Diktatur des Proletariats und die Zivilisation des Müßiggangs sind bloß zwei politische Varianten der Herrschaft der gleichen ständig expandierenden industriellen Maschinerie. Das Scheitern des großen Unternehmens läßt auf die Irrigkeit der Hypothese schließen.

Um die Krise zu lösen, ist eine radikale Umkehr vonnöten: Nur durch die Umwälzung der grundlegenden Struktur, die das Verhältnis zwischen Mensch und Werkzeug regelt, können wir uns die richtigen Werkzeuge schaffen. Das richtige Werkzeug muß drei Bedingungen erfüllen: Es muß leistungsfähig sein, ohne die persönliche Autonomie zu beeinträchtigen, es darf weder Knechte noch Herren schaffen, es muß die Reichweite des persönlichen Handelns vergrößern. Der Mensch braucht ein Werkzeug, mit dem er arbeiten kann, nicht aber eine Maschinerie, die anstatt seiner arbeitet. Er braucht eine Technologie, die seine Energie und seine Phantasie freisetzt, jedoch keine, die ihn versklavt und programmiert.

Ich glaube, man muß die industriellen Institutionen umkehren, die Gesellschaft von Grund auf umbauen. Um effizient zu sein und den menschlichen Bedürfnissen zu entsprechen, müßte ein neues Produktionssystem die Dimension der Persönlichkeit und der Gemeinschaft wiederentdecken.

Der Mensch braucht Werkzeuge, ob er will oder nicht. Er braucht sie, um sich zu versorgen, um mit seinem Nächsten zu kommunizieren, Der Mensch, der zu Fuß geht und Heilkräuter nimmt ist ein anderer als jener, der mit hundert Stundenkilometern auf der Autobahn dahinbraust und Antibiotika schluckt. Keiner kann alles allein machen, jeder ist von seiner natürlichen und kulturellen Umwelt abhängig. Daher sind die Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände und Dienstleistungen von Zivilisation zu Zivilisation verschieden.

Der Mensch lebt nicht von Gütern und Dienstleistungen allein, sondern auch von der Freiheit, die ihn umgebenden Gegenstände zu gestalten, ihnen eine Form nach seinem Geschmack zu geben, sich ihrer gemeinsam mit anderen und für andere zu bedienen. In reichen Ländern haben Strafgefangene oft mehr Güter und Dienstleistungen zur Verfügung als ihre freien Angehörigen, aber sie haben keinerlei Möglichkeit, mitzubestimmen, was geschieht und wie es geschieht, Sie sind zu Konsumenten im Reinzustand degradiert, sie sind der Konvivialität [*] beraubt.

6 Konvivialität

Unter Konvivialität verstehe ich das Gegenteil der industriellen Produktivität. Jeder von uns ist durch sein Verhältnis zu den Mitmenschen und zur Umwelt sowie durch die Grundstruktur seiner Werkzeuge bestimmt. Die Werkzeuge können als eine kontinuierliche Reihe angesehen werden, deren extreme Pole das dominierende und das konviviale Werkzeug sind. Der Übergang von der Produktivität zur Konvivialität ist der Übergang von der Reproduktion des Mangels zur Spontaneität des Geschenks. Die industrielle Beziehung ist ein bedingter Reflex, eine stereotype Reaktion des einzelnen auf Botschaften eines anderen Verbrauchers, den er nie kennenlernt. Die konviviale Beziehung ist das Werk von Menschen, die an der Gestaltung des sozialen Lebens mitwirken. Von der Produktivität zur Konvivialität übergehen, heißt technische Werte durch ethische, materielle durch reale ersetzen. Konvivialität ist individuelle Freiheit, realisiert in der Produktion einer mit effizienten Werkzeugen ausgestatteten Gesellschaft.

Das Industriesystem hat seine Ziele, mit denen es zugleich die Mittel legitimiert. Das Dogma des beschleunigten Wachstums rechtfertigt die Heiligung der industriellen Produktivität, auf Kosten der Konvivialität. Die entwurzelte Gesellschaft von heute spielt ein Geisterstück — Schatten, die Bedürfnisse produzieren und Mangel erzeugen. Nur wenn man die Logik des Systems umdreht, wird es möglich, die Entwicklung umzukehren. Eine solche radikale Umkehr wird Wissenschaft und Technik nicht vernichten. Industrie und Bürokratie werden nicht zerstört, sondern als Fesseln, die einer anderen Produktionsweise zugehören, abgeschüttelt. Und die Konvivialität wird die optimale Nutzung der reichsten Energiequelle der Welt sichern: der menschlichen Energie unter der Kontrolle der Person.

Von Stund an müssen wir kollektiv für die Verteidigung unseres Lebens und unserer Arbeit sorgen. Zu diesem Zweck müssen wir die Formalstruktur des ethischen, juridischen und politischen Entscheidungsprozesses herausarbeiten: Begrenzung und Kontrolle der gesellschaftlichen Werkzeuge soll sich auf allgemeine Partizipation und nicht auf Wahrsprüche von Experten gründen.

Das Ideal des Sozialismus wird nie Wirklichkeit werden, wenn man die herrschenden Institutionen nicht umstürzt und die industrielle Maschinerie nicht durch konviviale Werkzeuge ersetzt. Umgekehrt wird die Umformung der Gesellschaft ein frommer Wunsch bleiben, wenn nicht das sozialistische Gerechtigkeitsideal siegt. Darum ist die offene Krise der herrschenden Institutionen zu begrüßen als Morgenröte einer revolutionären Befreiung von denen, welche die elementare Freiheit des Menschen beschneiden, nur um immer mehr Konsumgüter zu verfüttern. Diese weltweite Krise der Institutionen könnte zu einem neuen Bewußtsein führen, zur Einsicht in das Wesen der Maschinen und zur Erkenntnis dessen, was getan werden muß, damit die Mehrheit der Menschen die Kontrolle über das Werkzeug wiedergewinnt. Wenn die Maschinerie nicht bald einer politischen Kontrolle unterworfen wird, werden die vereinten Wohlstands- und Ideologiebürokraten uns gemeinsam am „Glück“ krepieren lassen. Freiheit und Würde des Menschen werden weiter abnehmen, und es wird zu einer beispiellosen Versklavung des Menschen durch das Werkzeug kommen.

Der Gefahr einer technokratischen Apokalypse stelle ich die Vision einer konvivialen Gesellschaft gegenüber. Die konviviale Gesellschaft wird auf einem Gesellschaftsvertrag beruhen, der jedermann den weitesten und freiesten Zugang zu den Werkzeugen der Gemeinschaft garantiert; unter der einzigen Bedingung, daß die Freiheit der anderen nicht eingeschränkt wird.

7 Was ist das Gute?

Heutzutage neigt man dazu, die Erforschung und Vorhersage der Zukunft einem Korps von Spezialisten anzuvertrauen. Man überläßt die Macht den Politikern, die versprechen, die Megamaschine zu konstruieren und die Zukunft zu produzieren. Man akzeptiert eine wachsende Disparität von Leistung und Macht, weil die Entwicklung der Produktivität Ungleichheit erfordert. Je egalitärer die Verteilung desto zentralisierter die Produktionsleitung. Die politischen Institutionen dienen als Druck- und Unterdrückungsmechanismen, die den braven Bürger gängeln und den schlimmen drängeln, um sie beide zur Konformität mit den Produktionszielen zu zwingen. Das „Recht“ wird den Interessen des Systems untergeordnet.

Eine Gesellschaft, die das Gute als maximale Befriedigung der größtmöglichen Zahl von Menschen durch den größtmöglichen Verbrauch von industriellen Produkten und Dienstleistungen definiert, verstümmelt in unerträglicher Weise die Autonomie der Person. Eine politische Alternative zu diesem Utilitarismus wäre, das Gute als die Fähigkeit jedes Menschen zu definieren, das Bild seiner eigenen Zukunft zu formen. Vor allem geht es darum, Werkzeuge und Gesetze, welche die persönliche Freiheit einschränken, zu ächten. Eine solche Kollektivmaßnahme müßte die Dimensionen des Werkzeugs beschränken, um die Grundwerte — Leben, Gerechtigkeit, Schaffensautonomie — zu schützen.

Die Welt von heute ist zweigeteilt: Die einen haben zuwenig, die anderen zuviel; die einen werden durch die Autos von der Straße vertrieben, die anderen lenken die Autos. Die Armen sind frustriert und die Reichen nie zufrieden. Eine auf Kugellagern, aber in menschlichem Tempo laufende Gesellschaft wäre unvergleichlich effizienter als die unebenen Gesellschaften der Vergangenheit und ungleich autonomer als die programmierte Gesellschaft der Gegenwart. Wir leben im Zeitalter der Maschinenmenschen, die nicht genug Phantasie haben, um sich den Aktionsradius einer in Grenzen gehaltenen modernen Maschinerie in aller Vielfalt und Konkretheit vorstellen zu können. In ihrem Denken ist kein Platz für den qualitativen Sprung, den der Übergang zu einer im Gleichgewicht mit den Menschen befindlichen Wirtschaft bedeuten würde — befreit von der Hetzerei und Schinderei, welche das Wachstum der Maschinerie den Menschen aufzwingt. Der Maschinenmensch kennt nicht die leicht erreichbaren Freuden einer freiwilligen Armut; von nüchterner Lebenstrunkenheit weiß er nichts. Eine Gesellschaft, in der jeder wüßte, wann er genug hat, wäre vielleicht arm, aber sicherlich frei und reich an Überraschungen.

Jede Stadt hat ihre eigene Geschichte und Kultur, und doch erleidet heute jedes Stadtgebiet die gleiche Degradierung. Die Autostraßen, die Krankenhäuser, die Klassenzimmer, die Büros, die Wohnblocks und die Supermärkte sehen überall gleich aus. Alle Funkstreifen und alle Informationsspezialisten gleichen einander; auf der ganzen Welt tragen sie die gleiche Kleidung und machen die gleichen Gesten, während die Armen von Region zu Region verschieden sind. Wenn die Gesellschaft nicht mit neuen Werkzeugen ausgestattet wird, werden wir der fortschreitenden Homogenisierung, kulturellen Entwurzelung und Standardisierung der persönlichen Beziehungen nicht entrinnen.

8 Die freundliche Revolution

Die herrschenden Institutionen optimieren die Produktion von Megawerkzeugen, die für ein Volk von Phantomen bestimmt scheinen. Die Herrschenden von heute bilden einen neuen Menschenschlag: Sie werden auf Grund ihrer Persönlichkeit, ihres Wissens und ihres Machthungers ausgewählt und dazu ausgebildet, das Wachstum des Bruttoprodukts und zugleich die Konditionierung der Konsumenten sicherzustellen. Sie verfügen über die Macht und Energie und spiegeln der Öffentlichkeit vor, sie seien die rechtmäßigen Eigentümer der Maschinerie. Mit ihnen muß man aufräumen. Doch würde es nichts nützen, sie umzubringen, besonders, wenn es nur zu dem Zweck geschähe, sie durch andere zu ersetzen. Die neue Garnitur würde sich bloß für noch besser legitimiert halten, die überkommene Machtstruktur zu handhaben. Es gibt nur einen Weg, die Herrschenden loszuwerden: die Maschinerie zu zerschlagen, der sie ihre Daseinsberechtigung verdanken, und damit auch die Massennachfrage zu eliminieren. In einer konvivialen Gesellschaft hat der Generaldirektor-Präsident keine Zukunft, so wie in einer Gesellschaft ohne Schule kein Platz für einen Lehrer ist: eine Gattung stirbt aus, wenn sie ihre Existenzgrundlage verliert.

Das Gegenteil wäre eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der die Produktion gedeihen würde. Doch der Politiker, der die Macht erlangt hat, ist der letzte, die Kraft des Verzichts zu begreifen. In einer Gesellschaft, die der Effizienz des Werkzeugs Grenzen setzt, hört sich nicht nur die persönliche Karriere auf, es entstehen auch neue Formen der Partizipation. Der Mensch macht das Werkzeug. Er wird vom Werkzeug gemacht. Das konviviale Werkzeug beseitigt gewisse Formen der Macht, des Zwanges und der Programmierung, eben jene, die alle heutigen Regierungen einander so ähnlich machen.

Die Einführung einer konvivialen Produktionsweise bedeutet kein Präjudiz zugunsten einer bestimmten Staatsform, schließt aber eine Weltföderation, Abkommen zwischen Staaten und Gemeinden und die Beibehaltung traditioneller Regierungstypen nicht aus.

In einer postindustriellen konvivialen Gesellschaft würden die ökonomischen Probleme nicht über Nacht verschwinden oder sich von selbst lösen. Auch wenn das Bruttonationalprodukt nicht mehr als Glückmaßstab gilt, wird man noch ein Kriterium brauchen, um die ungerechte Machtverteilung zu messen. Die Festsetzung politischer, nichtmonetärer Grenzen des Wirtschaftswachstums wird eine Revidierung vieler geheiligter ökonomischer Begriffe erfordern, aber die Ungleichheit der Menschen nicht beseitigen. Die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch das Werkzeug bietet an sich noch keine Gewähr gegen neue Formen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Doch der einzelne wird in größerem Maß als im industriellen oder im vorindustriellen Zeitalter die Möglichkeit haben, sich in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen und Veränderungen zu erwirken.

9 Handhabbares Werkzeug

Eine konviviale Gesellschaft gibt dem Menschen die Möglichkeit, autonomer und kreativer zu arbeiten, mit Hilfe von Werkzeugen, die er selber kontrolliert. Die Produktivität bezieht sich auf das Haben, die Konvivialität auf das Sein. Während das Wachstum der Werkzeuge von einem bestimmten kritischen Punkt an immer mehr reglementierte Gleichförmigkeit, Abhängigkeit, Ausbeutung und Ohnmacht bewirkt, gewährleistet die Beachtung gewisser Grenzen die Entfaltung der Autonomie und der Kreativität.

Ich verwende den Ausdruck Werkzeug im allerweitesten Sinn eines Instruments oder Mittels, ob es nun der produktiven, organisatorischen oder rationalisierenden Tätigkeit des Menschen entspringt, oder, wie der prähistorische Feuerstein, ein zu einem bestimmten Zweck verwendetes natürliches Objekt ist. Besen, Kugelschreiber, Schraubenzieher, Spritzen, Ziegel, Motore sind ebenso Werkzeuge wie Automobile oder Fernsehapparate. Eine Konservenfabrik oder ein Kraftwerk, also Produktionsanlagen, fallen auch in die Kategorie Werkzeug, desgleichen Dienstleistungsinstitutionen wie Schulen, Krankenhäuser, Forschungsstätten, Kommunikationsmittel und Planungszentren. Ehegesetze und Lehrpläne beeinflussen das gesellschaftliche Leben ebenso wie das Straßennetz. Die Kategorie Werkzeug umfaßt alle Zweckmittel des menschlichen Handelns: die Maschine und ihre Anwendungsweise, den Code und seinen Benützer, das Brot und die Spiele.

Das Werkzeug ist der Sozialbeziehung immanent. Wenn ich als Mensch handle, benütze ich Werkzeuge. Je nach dem, ob ich es beherrsche oder es mich beherrscht, verbindet das Werkzeug mich mit der Gesellschaft oder bindet mich an sie. Sofern ich das Werkzeug beherrsche, beeinflusse ich die Welt in meinem Sinn; sofern das Werkzeug mich beherrscht, formt mich seine Struktur und bestimmt die Vorstellung, die ich von mir habe.

Das konviviale Werkzeug gibt mir die größte Freiheit und die größte Fähigkeit, die Welt nach meinen Wünschen zu verändern. Das industrielle Werkzeug verweigert mir diese Fähigkeit; mittels seiner bestimmt ein anderer meine Bedürfnisse, beschränkt meinen Einflußbereich und regiert mein Denken. Die meisten unserer heutigen Werkzeuge lassen sich nicht in konvivialer Weise verwenden.

Das Werkzeug ist Herrschaftsinstrument und zugleich Energieumwandler. Der Mensch verfügt bekanntlich über zwei Arten von Energie: über jene, die er aus sich selbst nimmt (die Stoffwechselenergie) und über jene, die er von außen gewinnt. Die erste handhabt er, die zweite manipuliert er. Darum unterscheide ich auch zwischen handhabbarem und manipulierbarem Werkzeug.

Das handhabbare Werkzeug leitet Stoffwechselenergie auf eine bestimmte Aufgabe. Es kann vielseitig verwendbar sein, wie der Feuerstein, der Hammer oder das Taschenmesser, oder spezialisiert und hochentwickelt wie die Töpferscheibe, der Webstuhl, die Nähmaschine und der Zahnbohrer. Das handhabbare Werkzeug eignet sich auch für ein komplexes Transportsystem, das menschliche Energie für maximale Mobilität verwertet etwa ein System von Zwei- und Dreirädern mit einem Netz von vielleicht sogar überdeckten Radfahrwegen und Raststätten. Das handhabbare Werkzeug ist ein Stoffwechsel-Energieleiter, es wird mit der Hand oder mit dem Fuß betrieben. Die Energie, die es erfordert, kann von jedem produziert werden, der ißt und atmet.

Das manipulierbare Werkzeug wird — zumindest teilweise — von außermenschlicher Energie betrieben. Es kann zur Verstärkung menschlicher Energie dienen: Ochsen ziehen den Karren, brauchen aber einen Lenker. Ebenso verbindet ein Aufzug oder eine elektrische Säge menschliche und außermenschliche Energie. Doch das manipulierbare Werkzeug kann über Menschenmaß hinausgehen. Die Energie, die der Pilot eines Überschallflugzeuges aufwendet, steht in keinem Verhältnis zur Antriebsenergie der Maschine. Der Pilot ist nur ein Operator, der sich in seinem Handeln auf die Daten verläßt, die ein Computer für ihn ausarbeitet. Es muß einer im Cockpit sitzen, weil der Computer noch unvollkommen ist, oder die Pilotengewerkschaft stark und gut organisiert.

Ein Werkzeug ist konvivial, wenn jedermann es ohne Schwierigkeit benutzen kann, so oft oder auch so selten er will, zu Zwecken, die er selber bestimmt. Der Gebrauch, den einer davon macht, hindert keinen anderen daran, das gleiche zu tun. Niemand braucht ein Diplom, um sich des Werkzeugs bedienen zu dürfen; man kann eines haben oder auch nicht. Es verbindet den Menschen mit der Welt als Sinnleiter und Zweckmittler.

10 Demokratisch telefonieren & fernsehen

Manche Institutionen sind, strukturell gesehen, konviviale Werkzeuge, und zwar unabhängig von ihrem technologischen Niveau. Das Telefon beispielsweise. Bloß gegen eine kleine Gebühr kann jeder anrufen, wen er will, um ihm mitzuteilen, was er will: die neuesten Börsenberichte, Beschimpfungen oder Liebesworte. Kein Bürokrat kann den Inhalt einer Mitteilung im voraus bestimmen; er kann allenfalls das Telefongeheimnis brechen. Wenn in Kalifornien mehr als die Hälfte der Leitungen von den unermüdlichen Computern in Anspruch genommen und damit faktisch die Kommunikationsfreiheit eingeschränkt wird, ist dies die Schuld der Telefongesellschaft, die eine ursprünglich für persönliche Mitteilungen bestimmte Einrichtung zweckentfremdet. Wenn ein ganzes Volk telefonsüchtig wird und darüber das Briefeschreiben und das Besuchemachen verlernt, liegt es am übermäßigen Gebrauch eines neuen, dem Wesen nach konvivialen Werkzeugs, dessen Zweck durch eine unangemessene Erweiterung seines Anwendungsbereichs entstellt wird.

Das handhabbare Werkzeug erfordert konviviale Verwendung. Wenn es sie nicht findet, so deshalb, weil das System es für eine bestimmte Berufsgruppe monopolisiert, wie wenn es beispielsweise Bibliotheken in Schulen unterbringt, oder wenn es das Zahnziehen oder andere simple Eingriffe ausschließlich vollausgebildeten Ärzten vorbehält. Aber das Werkzeug kann auch Gegenstand einer Art Segregation sein; dies ist der Fall, wenn Motoren so konstruiert werden, daß man auch kleine Reparaturen selber mit Zange und Schraubenzieher vornehmen kann. Die Monopolisierung solcher handhabbarer Werkzeuge durch das System ist ein Mißbrauch.

Wenn man sich einem bestimmten Punkt nähert, pervertiert das System den Gebrauch des handhabbaren Werkzeugs. Hier beginnt das Reich der Manipulation. Immer mehr wird das Mittel zum Zweck. Die materiellen Voraussetzungen des Unterrichts kosten mehr als der Unterricht selbst, und die Bildungskosten werden nicht mehr durch spätere Leistungen hereingebracht. Die Mittel zum Zweck, den das System verfolgt, entziehen sich mehr und mehr der persönlichen Autonomie, genauer gesagt, sie werden zu zusammenhängenden Gliedern einer Kette, die man als Ganzes hinnehmen muß. In den Vereinigten Staaten gilt: ohne Auto keine Flugreise, ohne Flugreise kein Fachleutekongreß. Werkzeuge, die denselben Zweck erfüllen, ohne den, der sie verwendet, in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken, werden vom Markt verdrängt. Die Gehsteige verschwinden, aber die Autobahnen wachsen unaufhörlich weiter.

Es geht nicht darum, manipulative Institutionen oder süchtig machende Güter und Dienstleistungen aus einer konvivialen Gesellschaft völlig zu eliminieren. Worauf es ankommt, ist, daß eine solche Gesellschaft Gleichgewicht herstellt zwischen jenen Werkzeugen, die Bedürfnisse erzeugen, um sie befriedigen zu können, und den anderen, die die Vervollkommnung der Persönlichkeit stimulieren. Die ersten realisieren abstrakte Programme in bezug auf die Menschen im allgemeinen; die zweiten fördern die Fähigkeit jedes einzelnen, seine Ziele auf seine eigene Weise zu verfolgen.

Es ist keine Rede davon, ein Werkzeug nur deshalb zu ächten, weil man es nach unseren Klassifikationskriterien antikonvivial nennen könnte. Diese Kriterien sind Richtlinien zum Handeln. Eine Gesellschaft kann sie anwenden, um ihr gesamtes Instrumentar umzugestalten, entsprechend dem Maß an Konvivialität, das sie wünscht. Eine konviviale Gesellschaft wird die Schule nicht verbieten. Sie verwirft nur ein Schulsystem, das zu einem obligaten Werkzeug pervertiert ist und sich auf Segregation und Ausstoßung der Durchgefallenen gründet. Eine konviviale Gesellschaft wird den Städteschnellverkehr nur dann abschaffen, wenn er die Gesamtheit der Bevölkerung daran hindert, mit der Geschwindigkeit und in den Intervallen zu reisen, die sie wünscht. Eine konviviale Gesellschaft muß auch das Fernsehen nicht ablehnen, obwohl dort einige wenige Produzenten und Schönredner bestimmen, was der Masse der Zuschauer vorgesetzt wird; aber sie wird den einzelnen davor bewahren, Zuschauer sein zu müssen.

Wie man sieht, sind die Kriterien der Konvivialität keine mechanisch anwendbaren Regeln, sondern Wegweiser zum politischen Handeln.

[*Das französische Convivialité wäre am ehesten mit dem Wort Mitmenschlichkeit zu übersetzen; es umfaßt die Momente des individuellen Lebensrechts, der Naturgemäßheit und der Gemeinschaftlichkeit. — D. Übers.

Der erste Auszug aus Ivan Illichs neuem Buch (bisher nur auf französisch erschienen) war im NF Dezember 1973; dieser Abschnitt enthielt die Kritik an der Denaturierung der Dienstleistungsfunktionen (Schule, Medizin, Verkehr).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1974
No. 241/242, Seite 18
Autor/inn/en:

Ivan Illich:

Ivan Illich, geboren in Wien, lebte abwechselnd in Mexico City, Guernavaca, Berlin, Göttingen, ab und zu in Salzburg, selten in seiner Heimatstadt. Er ist Professor an allen möglichen Universitäten und gilt als der bedeutendste lebende Kulturphilosoph ökologischer Observanz.

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