Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 240
Ivan Illich

Für eine freundliche Gesellschaft

Die postindustrielle Struktur (I. Teil)

Zwei Drittel der Menschheit könnten es noch vermeiden, durch das Industriezeitalter hindurchzugehen. Sie müßten sich jetzt für eine Produktionsweise entscheiden, die auf einem postindustriellen Gleichgewicht beruht — für dieselbe, zu der die überindustrialisierten Staaten sich unter der Drohung des Chaos werden bequemen müssen.

1 Pervertierte Dienstleistungen

Vor mehreren Jahren führte ich eine kritische Untersuchung über das Monopol der industriellen Produktionsweise und über die Möglichkeit anderer, postindustrieller Produktionsweisen durch. Ich konzentrierte meine Analyse zunächst auf die Erziehungsmittel; die Ergebnisse, die unter dem Titel Eine Gesellschaft ohne Schule veröffentlicht wurden, lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

  1. Eine universelle Erziehung durch die Pflichtschule ist unmöglich.
  2. Es wäre technisch ohne weiteres möglich, die Massen durch eine permanente Erziehung zu konditionieren, doch wäre dies moralisch noch weniger tragbar als die alte Schule. Neue Erziehungssysteme sind im Begriff, die traditionellen Schulsysteme zu verdrängen, sowohl in den reichen als auch in den armen Ländern. Diese Systeme sind mächtige, wirksame Konditionierungsmittel, die spezialisierte Arbeitskräfte, gefügige Konsumenten, resignierte Benützer hervorbringen werden. Solche Systeme verwerten und verallgemeinern die Erziehungsprozesse im gesamtgesellschaftlichen Maßstab. Sie haben etwas Verführerisches. Hinter der Verführung aber verbirgt sich Zerstörung: sie zerstören, auf subtile, aber unerbittliche Weise, die fundamentalen Werte.
  3. Eine Gesellschaft, die das Wissen gerecht unter ihren Mitgliedern verteilen und ihnen die Möglichkeit wahrer Kommunikation geben will, müßte dem industriellen Wachstum pädagogische Grenzen setzen, es unterhalb einer bestimmten kritischen Schwelle halten.

Das Schulsystem erschien mir als typisches Beispiel eines Szenarios, das sich in anderen Bereichen des industriellen Komplexes wiederfindet: ein öffentliches Dienstleistungsunternehmen, das ein sogenanntes elementares Bedürfnis befriedigt. Ähnlich ist es mit dem obligatorischen Gesundheitsdienst und mit dem Verkehr, der von einer gewissen Geschwindigkeit an ebenfalls zwanghaft wird. Die industrielle Überproduktion einer Dienstleistung hat ebenso katastrophale und destruktive Nebeneffekte wie die Überproduktion einer Ware. Es gibt eine ganze Reihe von Grenzen, auf die das Wachstum der Dienstleistungen in der Gesellschaft stößt: Ebenso wie bei den Waren sind diese Grenzen dem Wachstumsprozeß inhärent und daher unumstößlich. Man kann auch den Schluß ziehen, daß die dem Wachstum anhaftenden Grenzen sich auf industriell produzierte Güter und Dienstleistungen beziehen. Diese Grenzen müssen wir entdecken und sichtbar machen.

Hier schlage ich den Begriff des multidimensionalen Gleichgewichts des menschlichen Lebens vor. Im Rahmen dieses Begriffs können wir Beziehungen zwischen dem Menschen und seinen Werkzeugen anaIysieren. Dieses Gleichgewicht entspricht in jeder seiner Dimensionen einem bestimmten natürlichen Maßstab. Wenn eine Tätigkeit eine vom Maßstab bezeichnete Schwelle übersteigt, kehrt sie sich gegen ihren eigenen Zweck und bedroht sodann den gesamten Sozialkörper mit Vernichtung. Wir müssen diese Maßstäbe und die Schwellen, die es ermöglichen, den menschlichen Lebensbereich zu umreißen, mit möglichst großer Genauigkeit bestimmen.

Im fortgeschrittenen Stadium der Massenproduktion produziert die Gesellschaft ihre eigene Zerstörung. Die Natur ist denaturiert. Der Mensch ist entwurzelt, seiner Kreativität beraubt, in seiner Individualität eingekapselt. Die Gemeinschaft wird von einer Kombination aus überspitzter Polarität und übermäßiger Spezialisierung regiert. Das Bestreben, Modelle und Waren unausgesetzt zu erneuern — nagender Wucher an der Sozialsubstanz —, produziert eine Beschleunigung des Wandels, die es unmöglich macht, das Vorhandene zum Maßstab des Handelns zu nehmen. Das Monopol der industriellen Produktionsweise macht aus den Menschen einen Rohstoff, den die Maschine verarbeitet. Das ist nicht mehr zu ertragen. Gleich, ob es sich um ein privates oder um ein staatliches Monopol handelt: Verderb der Natur, Zerstörung der sozialen Bindungen, Zersetzung des Menschen können niemals dem Volke dienen.

2 Medizin macht krank

Im Westen haben die Menschen gelernt, sich so krank zu fühlen und sich so behandeln zu lassen, wie es den in der medizinischen Welt gerade modernen Kategorien entspricht. Der Quantitätswahn herrscht auch in der Klinik, was es den Ärzten ermöglicht, das Maß ihres Erfolges nach selbstgeschaffenen Kriterien zu bestimmen. So ist die Gesundheit zur Ware in einer Wachstumsindustrie geworden.

Die statistischen Resultate, auf die sich mehr und mehr das Prestige des Ärztestandes gründet, sind nicht die Frucht seiner eigenen Tätigkeit. Der oft spektakuläre Rückgang der Krankheits- und Sterblichkeitsrate ist vor allem auf Veränderungen im Lebensmilieu und in der Ernährungsweise sowie auf gewisse ganz einfache hygienische Maßnahmen zurückzuführen. Kanalisierung, Chlor im Trinkwasser, Ungeziefervertilgung, Asepsis und Gesundheitskontrolle bei Reisenden und Prostituierten haben einen viel stärkeren Nutzeffekt als alle komplizierten „Spezialbehandlungen“ zusammengenommen.

Um das zutiefst destruktive Wesen der neuen Technik der Fließbandarbeit und der Tyrannei des Autos zu verhüllen, rückt man spektakuläre Therapien für die Opfer der industriellen Aggression in allen ihren Formen — Geschwindigkeit, Nervenbelastung, Umweltvergiftung — ins Scheinwerferlicht. Der Arzt wird zum Zauberer, der Wunder vollbringt und die in einer bedrohlich gewordenen Welt entstandene Angst vertreibt.

Zugleich vereinfachen sich die diagnostischen Mittel und das dazu erforderliche therapeutische Instrumentarium. So wird bald jeder an sich selbst eine Schwangerschaft oder eine Infektion erkennen und einen Abortus durchführen oder bzw. die Infektion behandeln können. Das Paradox ist, daß, je einfacher das Instrumentarium wird, der Ärztestand desto mehr auf seinem Monopol besteht. Je länger die Ausbildung eines Arztes dauert, desto abhängiger wird die Bevölkerung von ihm auch bezüglich der elementarsten Behandlung.

Es ist nicht mehr zu übersehen, daß die moderne Medizin gefährliche Nebenwirkungen hat. Neue Gefahren ergeben sich daraus, daß manche Mikroben gegen Chemotherapie resistent werden und daß die Anwendung von Röntgenstrahlen bei Schwangeren genetische Störungen epidemischer Art verursachen können. Indem die Medizin neue Krankheiten hervorbringt, hat sie eine zweite Mutationsschwelle überschritten.

Die spezialisierte Medizin ist zu einer Gefahr für die Gesundheit geworden. Man gibt Unsummen aus, um die durch medizinische Behandlung entstandenen unermeßlichen Schäden wiedergutzumachen. Nicht so sehr die Heilung kommt teuer, als vielmehr die Verlängerung der Krankheit: Sterbende vegetieren oft lange dahin, eingeschlossen in eine eiserne Lunge, abhängig von einer Infusionsflasche oder angeschlossen an eine künstliche Niere. Und was noch wichtiger ist: Das Leben in verschmutzten Städten bei abstumpfenden Arbeiten kommt immer teurer.

Schließlich hat man es unmöglich gemacht, daß die Großmutter, die Tante, die Nachbarin sich um Schwangere, Verletzte, Kranke, Schwache oder Sterbende kümmern; dadurch ist ein Beruf entstanden, der kommerziell unmöglich zu befriedigen ist. Je teurer die Dienstleistungen werden, desto schwieriger wird die persönliche Pflege. Und je mehr das Bedürfnis nach Abhilfe wächst, desto stärker vermehren sich die Spezialberufe, deren einziger Zweck es ist, das therapeutische Instrumentarium unter der Kontrolle des Ärztestandes zu halten.

Fridolin Naef, Zürich
(3. Preis des Fahrrad-Design-Wettbewerbs Juli 1973 in Tokio)

Die kostspielige Präventiv- oder Heilbehandlung wird zum Privileg: Nur Großverbraucher medizinischer Dienstleistungen haben ein Anrecht darauf. Die Menschen, die einen Facharzt aufsuchen, in ein großes Krankenhaus aufgenommen werden, einer modernen Heilbehandlung teilhaftig werden können, sind Kranke, deren Fall interessant erscheint, oder Bewohner großer Städte, wo die Kosten der medizinischen Prävention, der Wasserreinigung und der Verschmutzungskontrolle übermäßig hoch sind. Paradoxerweise steigen die Heilkosten im gleichen Maß wie die Vorbeugungskosten.

Man muß Prävention und Behandlung in Anspruch genommen haben, um ein Anrecht auf außergewöhnliche Pflege zu erhalten. Wie die Schule beruht auch das Krankenhaus auf dem Prinzip, das man nur Reichen leiht. Im Schulwesen erhalten Unterrichts-Großkonsumenten Forschungsstipendien, während die übrigen einzig das Recht haben, zu lernen, daß sie nichts wissen. In der Medizin führt ein Mehr an Pflege zu einem Mehr an Leiden: immer mehr lassen die Reichen sich von Krankheiten heilen, die durch die Medizin hervorgerufen wurden, während die Armen sich damit begnügen müssen, an diesen Krankheiten zu leiden.

Jenseits der „zweiten Schwelle“ ziehen die Nebenprodukte der medizinischen Industrie ganze Völker in Mitleidenschaft. In den reichen Ländern überaltert die Bevölkerung. Vom Augenblick des Eintritts ins Arbeitsleben an beginnt man zu sparen, um Versicherungen abzuschließen, die einem, für immer längere Dauer, die Mittel zum Genuß der Dienste einer kostspieligen Geriatrie garantieren. In den Vereinigten Staaten entfallen 27 Prozent aller medizinischen Kosten auf alte Menschen, die neun Prozent der Bevölkerung ausmachen. Bezeichnenderweise ist der erste Bereich wissenschaftlicher Kooperation, den Nixon und Breschnjew ausgewählt haben, die Erforschung von Krankheiten alternder Reicher. Kapitalisten aus aller Welt strömen in die Spitäler von Boston, Houston und Denver, um dort die seltensten und teuersten Behandlungen zu erhalten, während unter den Armen der Vereinigten Staaten die Kindersterblichkeit immer noch ebenso hoch ist wie in manchen tropischen Ländern Afrikas und Asiens.

In den Vereinigten Staaten muß man sehr reich sein, um sich den Luxus leisten zu können, der in den armen Ländern jedermann zuteil wird: ärztliche Hilfe auf dem Totenbett. Zwei Tage Spitalsaufenthalt kosten in Amerika den Gegenwert des durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahreseinkommens der Weltbevölkerung.

Dank der modernen Medizin erreichen in den armen Ländern mehr Kinder das Erwachsenenalter, und es gibt mehr Frauen, die eine größere Anzahl von Kindern gebären. In der ganzen Welt, besonders aber in den Vereinigten Staaten, fabriziert die Medizin einen Menschenschlag, der an ein immer teureres, immer künstlicheres, immer mehr hygienisch programmiertes Milieu gebunden ist. Auf dem Kongreß der American Medical Association im Jahre 1970 ermahnte der Vorsitzende, ohne auf Widerspruch zu stoßen, die Kollegen Kinderärzte, jedes Neugeborene als Patienten zu betrachten, bis es als gesund erkannt worden sei. Aus im Krankenhaus geborenen Kindern, nach Fahrplan gefüttert, mit Antibiotika vollgepumpt, werden Erwachsene, die eine verpestete Luft atmen, vergiftete Nahrung zu sich nehmen und in der modernen Großstadt ein Schattendasein führen. Ihnen wird es noch teurer zu stehen kommen, ihre Kinder großzuziehen, die noch mehr vom medizinischen Monopol abhängig sein werden. Die ganze Welt wird zum Krankenhaus, bevölkert mit Menschen, die ihr Leben lang Hygieneregeln und ärztliche Rezepte beachten müssen.

Die bürokratisierte Medizin verbreitet sich über die ganze Erde. 1968 gab die medizinische Fakultät von Schanghai sich darüber Rechenschaft: „Wir produzieren sogenannte erstklassige Mediziner ..., welche die Existenz von fünfhundert Millionen Bauern ignorieren und nur die in den Städten lebende Minderheit behandeln ... Für Routineuntersuchungen nehmen sie hohe Laborkosten in Anspruch ..., verschreiben ohne Notwendigkeit enorme Mengen von Antibiotika ... Wo es keine Krankenhäuser und Laboratorien gibt, begnügen sie sich damit, die Mechanismen der Krankheit Leuten zu erklären, für die sie sonst nichts tun können und denen die Erklärung nicht hilft.“ In China hat diese Erkenntnis zu einer gewaltigen Umwälzung der Institution geführt. 1971, berichtet die gleiche Fakultät, hatten eine Million Sanitätsarbeiter ein annehmbares Wissensniveau erreicht. Diese Sanitäter sind Bauern. In der toten Saison besuchen sie Schnellsiederkurse; sie lernen an Schweinen sezieren, machen einfache Laboranalysen, erwerben Grundkenntnisse in Bakteriologie, Pathologie, klinischer Medizin, Hygiene und Akupunktur. Sodann absolvieren sie ihre Lehrzeit bei Ärzten oder bereits ausgelernten Sanitätern. Diese bloßfüßigen Ärzte bleiben in ihrem früheren Beruf, leisten aber im Bedarfsfall ihren Mitbürgern ärztliche Hilfe. Sie sind verantwortlich für Lebens- und Arbeitshygiene, Gesundheitserziehung, Impfungen, erste Hilfe, Rekonvaleszentenpflege, Entbindungen, Geburtenkontrolle und Schwangerschaftsunterbrechungen.

Piotrowski, Polen
(3. Preis des Fahrrad-Design-Wettbewerbs Juli 1973 in Tokio)

Zehn Jahre nachdem die Medizin im Westen die zweite Schwelle überschritten hatte, ging China daran, für je hundert Einwohner einen Sanitätsarbeiter auszubilden. Das chinesische Beispiel beweist, daß es möglich ist, die Funktionsweise einer herrschenden Institution mit einem Schlag umzustürzen. Es bleibt abzuwarten, wieweit diese Entprofessionalisierung sich halten kann, trotz dem Triumph der Ideologie des unbegrenzten Wachstums und trotz dem Druck der traditionellen Ärzte, die bemüht sind, ihre bloßfüßigen Kollegen in die medizinische Hierarchie einzugliedern, aus ihr eine teilzeitbeschäftigte Infanterie ohne Dienstgrad zu machen.

Im Westen hat sich eine komplexe Spezialistenorganisation entwickelt. Von der Gemeinschaft finanziert und ermutigt, bemühte sie sich, eine bessere Gesundheit hervorzubringen. Es fehlte nicht an Kunden, die zu allen Experimenten bereit waren. Das Ergebnis ist, daß man heute nicht mehr das Recht hat, sich selbst krank zu nennen: Man braucht ein ärztliches Zeugnis. Mehr noch, es obliegt dem Arzt als Vertreter der Gesellschaft, die Todesstunde des Patienten zu bestimmen. Wie ein zum Tode Verurteilter wird der Patient scharf überwacht, damit der Tod ihn nicht unversehens ereile.

3 Verkehr zum Stillstand

Auch andere industrielle Institutionen haben dieselben gefährlichen Schwellen überschritten wie Medizin und Schule. Die Sozialfürsorge, das Verkehrswesen und sogar die öffentliche Bautätigkeit haben diese Entwicklung mitgemacht. Zuerst wendet man neues Wissen an, um ein bestimmtes Problem zu lösen, und wissenschaftliche Kriterien ermöglichen es, den Gewinn an Leistungsfähigkeit zu messen. Dann aber wird der erzielte Fortschritt zu einem Mittel, um den ganzen Sozialkörper auszubeuten, ihn Werten dienstbar zu machen, die eine spezialisierte Elite, Garantin ihres eigenen Werts, ohne Unterlaß bestimmt und revidiert.

Was das Verkehrswesen betrifft, hat es ein Jahrhundert gedauert, bis die befreiende Wirkung der Kraftfahrzeuge in die Versklavung durch das Auto umschlug. In Amerika begann die Eisenbahn ihren Siegeslauf während des Sezessionskrieges. Dieses neue Transportsystem gab vielen Menschen die Möglichkeit, mit der Geschwindigkeit einer Königskarosse zu reisen, aber viel bequemer, als je ein König sich hätte träumen lassen. Allmählich begann man gute Verbindung mit großer Geschwindigkeit zu verwechseln. Seit die Transportindustrie ihre zweite Schwelle überschritten hat, erzeugen die Fahrzeuge mehr Distanz, als sie überwinden. Die Gesellschaft als Ganzes verbringt immer mehr Zeit in Verkehrsmitteln, die dazu bestimmt waren, Zeit zu ersparen. Der typische Amerikaner widmet seinem Wagen alljährlich mehr als 1500 Stunden; er sitzt darin, fahrend oder haltend, er arbeitet, um ihn abzuzahlen, um Geld für Benzin, Reifen, Zoll, Versicherung, Polizeistrafen und Steuern zu haben. Alltäglich widmet er also seinem Wagen vier Stunden, ob er nun damit fährt, an ihm bastelt oder für ihn arbeitet. Dabei sind hier die indirekt mit dem Verkehr zusammenhängenden Tätigkeiten noch nicht mitgerechnet: die Zeit im Spital, vor Gericht, in der Garage, die Zeit vor dem Fernsehschirm, wenn die Verkehrsrundschau läuft, die Überstunden, um Geld für die Urlaubsreise zusammenzusparen usw. Der Amerikaner braucht also 1.500 Stunden, um 10.000 Kilometer zurückzulegen, das ergibt kaum mehr als sechs Kilometer pro Stunde.

Die gegenwärtige Gesellschaftskrise wird verständlich, wenn man die beiden hier beschriebenen Schwellen versteht. Im Lauf eines Jahrzehnts haben mehrere herrschende Institutionen gemeinsam die zweite Schwelle übersprungen. Die Schule ist kein gutes Erziehungsmittel mehr, das Auto kein gutes Verkehrsmittel, das Fließband kein erträgliches Produktionsmittel. Die Medizin produziert Krebs und die Geschwindigkeit kostet Zeit.

Die charakteristische Reaktion der sechziger Jahre auf das Anwachsen der Unzufriedenheit war die Eskalation der Technik und der Bürokratie. Die Eskalation des Selbstzerstörungsvermögens wird zum Opferritus der hochindustrialisierten Länder. Der Vietnamkrieg war diesbezüglich enthüllend. Die Geschichte dieses Krieges beweist, daß eine Armee von Radfahrern und Fußgängern den Ansturm einer anonymen Feindesmacht zu brechen vermag. Nun aber, da der Krieg „beendet“ ist, gelangen viele Amerikaner zu dem Schluß, daß man mit dem Geld, das man ausgegeben hat, um sich von den Vietnamesen besiegen zu lassen, eher die Armut im eigenen Land hätte bekämpfen können. Andere schlagen vor, die zwanzig Milliarden Dollar des jährlichen Kriegsbudgets zur Verstärkung der internationalen Zusammenarbeit zu verwenden, was eine Verzehnfachung der gegenwärtig vorhandenen Ressourcen ermöglichen würde. Weder die einen noch die anderen begreifen, daß der friedliche Krieg gegen die Armut sich auf dieselbe institutionelle Struktur gründen würde wie der blutige Krieg gegen die Dissidenten des Systems. All das würde die Eskalation, die vermieden werden soll, bloß um noch einen Grad steigern.

Illichs Buch La Convivialité, aus dem der obige Text stammt, erscheint dieser Tage bei Éditions du Seuil, Paris (180 p., 18 F).

Ivan Illich im NF:

  • 93mal Inquisition. Fragen an Monsignore Ivan Illich, NF Mai 1969
  • Entmythologisierung der Schulpflicht, NF Oktober 1969
  • Aus Durst wird Coca Cola. Hilflose Entwicklungshilfe, NF Anf. Februar 1970
  • Muß die 3. Welt wie die 1. werden?, NF Mitte Mai 1970
  • Brief an Paul VI., NF Anf. Oktober 1970

Futurologieökologie im NF:

  • Catherine Bousquet: Menschenmord durch Pflanzenmord, NF Anf. Juni 1970
  • Arnold Künzli: Die Ökologie-Bombe tickt, NF Juni/Juli 1970
  • Arnold Künzlı: Weltmeerkloake, NF Okt./Nov. 1970
  • Michael Springer, Helle Häuser — heller Wahnsinn (R. Buckminster Fuller), NF Mai 1973
  • Michel Bosquet: Die Verschwörung der Öko-Faschisten. Wie das Kapital seine große Krise lösen will, NF Sept./Okt. 1973
  • Heidi Pataki: Roter Himmel über der Ruhr, NF November 1973

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1973
No. 240, Seite 33
Autor/inn/en:

Ivan Illich:

Ivan Illich, geboren in Wien, lebte abwechselnd in Mexico City, Guernavaca, Berlin, Göttingen, ab und zu in Salzburg, selten in seiner Heimatstadt. Er ist Professor an allen möglichen Universitäten und gilt als der bedeutendste lebende Kulturphilosoph ökologischer Observanz.

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