Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 224
Friedrich Geyrhofer

Sport als Industrie

Nachwort zu den Olympischen Spielen

I. Die Irrtümer der Soziologie

Der Sport, eine Ideologie? Die neuere Literatur zur Sportsoziologie diskutiert vor allem diese Frage. Noch 1966 erörterte ein Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie den Sport ausschließlich unter dem Aspekt der Kleingruppenforschung, einer sozialwissenschaftlichen Technik also, die zwar physikalisch exakte Empirie für sich beanspruchen darf, doch zur Aufklärung des Ideologischen nichts beiträgt. Ihr Anspruch auf wissenschaftliche Präzision verbot der Nachkriegssoziologie jegliche Analyse und Bewertung von gesellschaftlichen Zuständen. Ideologiekritik, welche die Position eines sozialen Phänomens innerhalb der ganzen Gesellschaft prüft, erscheint damit selbst als „ideologisch“ — ein Ausdruck, der synonym mit „unwissenschaftlich“ verwendet wird. Folgerichtig fällt sogar die Beschäftigung mit Ideologien unter den Ideologieverdacht.

Dennoch operieren auch szientistische Autoren immer wieder mit dem Ideologiebegriff, sofern sie jene Grenze markieren wollen, wo sich wissenschaftliche Soziologie angeblich in eine soziologisch verbrämte Philosophie der Gesellschaft verwandelt. Sie treiben wissenschaftliche Kritik der Ideologien, um Ideologiekritik aus der Wissenschaft zu vertreiben. Mit der Zweideutigkeit ihres Ideologiebegriffs hat sich die moderne Soziologie abgefunden, um die „offene Gesellschaft“, den Inbegriff sozialer Vernunft, gegen Angriffe von rechts und links abzuschirmen. Solche Angriffe wären ideologisch, weil sie, obzwar politisch motiviert, mit wissenschaftlichen Ansprüchen auf Wahrheit vorgetragen werden.

Die Institutionen des neoliberalen Kapitalismus, wie er sich um 1950 in Westeuropa scheinbar für die Ewigkeit etablierte, wurden soziologisch als die Verhältnisse einer rationalen Industriegesellschaft schlechthin dargestellt, jede Abweichung von und jede Kritik an ihnen als kulturpessimistisches Vorurteil abgelehnt. Diese Soziologie gab sich ausdrücklich das Ziel, den zurückgebliebenen geistigen Überbau zur Anpassung an die je nach Bedarf industrielle oder postindustrielle Gesellschaft zu erziehen.

Allerdings, die Liquidierung der Ideologiekritik wird mit dem sogenannten Ende der Geschichte bezahlt — das heißt mit der Unfähigkeit, für eine Gesellschaft ohne Alternative noch eine Zukunft auszudenken. So kritisierte Marx im „Elend der Philosophie“ die klassischen Nationalökonomen: „Es hat eine Geschichte gegeben, doch es gibt keine mehr.“ Politik entschwand den Augen der Soziologen, die sich dafür dem Terror einer geschichtsiosen Technokratie ausgeliefert fanden — in Wahrheit nichts anderem als der phantasievollen Übertragung ihrer erkenntnistheoretischen Prämissen in die Wirklichkeit. (Man denke bloß an Helmut Schelskys „technischen Staat“, der eine posthistoire jenseits aller Politik herbeiführt.)

Ideologiekritik an einer Institution, die für die Industriegesellschaft so typisch erscheint wie der Sport, gilt unter solchen Voraussetzungen als der Paradefall unkritischen Ideologisierens. Die linke Kritik des Sports abwehrend, verteidigt Krockow in „Sport und Industriegesellschaft“ an ihm die Prinzipien einer liberalen Arbeitsgesellschaft, nämlich Konkurrenz, Leistung und Chancengleichheit. Erst durch sie differiere der Sport von den älteren Formen der körperlichen Übung, die auf bestimmte Gelegenheiten, besondere Zwecke begrenzt waren. „Ritterturniere, lokales Brauchtum bäuerlicher Feste, kultische Spiele: sie alle mögen mit erheblichen, mitunter sogar sehr großen körperlichen Leistungen verbunden gewesen sein; sie unterscheiden sich jedoch vom modernen Sport teils durch ihre Ortsgebundenheit, teils durch ihre mehr oder minder strenge soziale Exklusivität.“ [1]

Das Leistungsprinzip zerstört, so Krockow, die Grenzen zwischen den Klassen, Kasten und Nationen. Eine Höchstleistung ist fragwürdig, falls ein Konkurrent ausgeschlossen bleibt: „niemals läßt sich mit Sicherheit sagen, ob der Ausgeschlossene nicht eine noch höhere Leistung hätte vollbringen können.“ [2] Der Sport sei gerade dank seiner Leistungsforderung essentiell demokratisch. Die Kritik am Leistungssport gerät da in ein schlechtes Licht: „Die Tendenzen zu nationalistischer und rassistischer Exklusivität und die sie begleitenden Deformationen etwa der deutschen Turnbewegung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts stehen mit der Ablehnung des Höchstleistungs- und Rekordgedankens in engem Zusammenhang.“ [3]

Es ist jedoch ein Unterschied, ob man partikularistisch allein die Leistung der eigenen in-group akzeptiert, oder ob man das Leistungsprinzip universell verwirft. Krockow freilich betont den logischen Zusammenhang der Chancengleichheit mit dem Leistungs- und Konkurrenzprinzip. Seine Apologie des Sports macht diesen zum Medium, wo sich Einübung, Durchsetzung und Demonstration von demokratischen Verhaltensweisen vollziehen soll. Er verwendet den Sport sogar als Waffe gegen eine deutsche Ideologie, die den Geist allzu leicht über das Materielle triumphieren lasse.

II. Adel, Wette, Sport

Die fundamentalen Begriffe der Soziologie spiegeln trotz ihres zeitlosen Charakters die Klassenkämpfe zwischen Feudalismus und Bourgeoisie wider. So steht es auch um Max Webers These von der Demokratisierung des Luxus, die implizit Krockows Argumentation zugrunde liegt. Der spielerische Wettkampf zwischen Menschen, ursprünglich ein Luxus der Edelleute, wurde zuerst in England ein bürgerlicher Zeitvertreib — Sport! Hier sind nicht nur die älteren, wie das Pferderennen, noch halbfeudalen Sportarten, sondern später auch die halbproletarischen wie der Fußball entstanden, der sich am Ende des 19. Jahrhunderts in den Fabriken verbreitete, die von britischen Facharbeitern und Ingenieuren in ganz Europa gebaut wurden.

Krockow erklärt dies aus der strengen Primogenitur der englischen Aristokratie, welche die Erblichkeit des Adelstitels auf den ältesten Sproß beschränkte und seine jüngeren Brüder nötigte, auf bürgerlichen Wegen ihre Karriere zu suchen; zwischen den konkurrierenden Klassen konnte eine dauernde Schranke nicht entstehen. Dagegen mußte der kontinentale Adel immer mehr Positionen in Armee, Bürokratie und merkantilistischer Wirtschaft für seinen sich grenzenlos vermehrenden Nachwuchs reservieren und damit die Barriere gegen die Bourgeois versteifen.

Der englische Adel, auf den vitalen Kontakt mit den Unterschichten stets angewiesen, verzichtete darauf, sich in feudalen Lebensformen abzugrenzen: er hat seinen Habitus daher konsequent zivilisiert. Übrigens fehlte in England ein stehendes Heer, das allein im absolutistischen Staat den Adeligen eine Sonderstellung gewähren kann. Der erste Tudorkönig hatte mit einer Handvoll Kanonen die paramilitärischen Gefolgschaften der Großgrundbesitzer aufgelöst. Zwar mußte sich auch die kontinentale Aristokratie ihre Entwaffnung gefallen lassen, sie bewahrte jedoch in dem Duell und dem damit verbundenen Tragen des Degens ein Überbleibsel alter militärischer Funktionen, das sie gegen die staatliche Pazifizierung verteidigte. In England dagegen wurde der bewaffnete Zweikampf durch den plebejischen Faustkampf verdrängt; seit 1700 galt das Boxen, nicht das Fechten, als die edle Kunst der Selbstverteidigung. Krockow berichtet von einem boxenden Herzog, der ein Schrecken des Londoner Hafens gewesen sein soll. Die jungen Edelleute der Hauptstadt verwandelten sich im 18. Jahrhundert in „Dandies“, sie legten den Degen ab und bewaffneten sich mit dem Spazierstock.

Der moderne Sport verdankt seine Attribute einer ökonomischen Ursache — dem Wetten. Die Wette ist, wie Adorno einmal bemerkt, die mythische Form des Tauschs, und beim Wetten hat die englische Oberschicht das Denken in den Kategorien des Kapitalismus trainiert. Durchs Wetten erhielten die Raufhändel erst die Form eines „Nullsummenspiels“, das strikt zwischen Gewinn und Verlust unterscheidet. Der Unterschied ist alles andere als selbstverständlich. Auf den Wettlauf der achaischen Fürsten im 23. Buch der Ilias hätte man eben nicht wetten können, denn nicht der Sieger (die Höchstleistung) sollte ermittelt werden, sondern der „Beste“, und für den gibt es viele und widersprüchliche Kriterien. (Darauf spielt sogar noch die olympische Standardphrase an: Möge der Beste gewinnen! — im Leistungssport freilich eine Tautologie.) Es waren die großen, von wettenden Aristokraten in Sportkämpfe investierten Beträge, die in England zur Formulierung exakter Spielregeln, zu genauen Kriterien von Sieg und Niederlage nötigten. Schon der Begriff der „Spielregel“, übrigens eine Lieblingsvokabel der liberalistischen Ideologie weit über den Sport hinaus, fußt „auf den genau nachprüfbaren, damit grundsätzlich reproduzierbaren Leistungsbedingungen und der ebenso genauen Nachmessung tatsächlich erbrachter Leistungen.“ [4] Für Menschen- und Pferderennen gibt es schon 1731 Stoppuhren. Seit dem Aufkommen der aristokratischen Sportwetten wird in England der populäre, jedoch nur schwer auf Gewinn/Verlust eindeutig festzulegende Ringkampf durch das präzisere Boxen verdrängt: im knock out liegt das Urbild des Nullsummenspiels.

Wesentlich am Sport ist deshalb primär nicht der Gedanke an irgendeine „Körperertüchtigung“. Der Leistungssport wird vielmehr durch seine Fixierung des Kampfes auf Sieg und Niederlage bestimmt. Das Fußballtoto ist die kleinbürgerliche Form der Sportwette, die in ihrer ursprünglichen Gestalt bei den Pferderennen überlebt. Sogar das Schachspiel wird gelegentlich ein Sport genannt, weil man auf seinen Ausgang wetten kann, während eine olympische Disziplin wie der Eiskunstlauf seiner ästhetischen Natur wegen sich nur gewaltsam dem Leistungssport einverleiben läßt.

III. Freizeitkultur

Die Lebensformen der herrschenden Klasse können den Charakter einer ganzen Gesellschaft beeinflussen. Norbert Elias erklärt in seinem großen Werk über den „Prozeß der Zivilisation“ die kulturelle Eigenart Chinas aus der Tatsache, daß dieses Land von literarisch geschulten Beamten statt von einer kriegerischen Herrenkaste regiert wurde. Auch in England fehlt, dank der frühzeitigen Verbürgerlichung seines Adels, wenigstens teilweise jene militaristische Tradition, welche die übrigen europäischen Staaten geprägt hat. Umgekehrt vermochte die britische Bourgeoisie eine Selbständigkeit und Courage zu erwerben, die sonst den Edelleuten vorbehalten blieb. Aus dieser wechselseitigen Assimilierung von Bourgeoisie und Aristokratie ist der moderne Sport entstanden.

„In der neueren deutschen Geschichte“, beklagt Krockow, sei „niemals jener Ausgleich gelungen, der in England so glücklich angelegt war und dann evolutionär ausgebaut werden konnte.“ [5] Doch das deutsche Kleinbürgertum, von den Kommandopositionen durch einen habgierigen Adel ausgesperrt, entwickelte als Surrogat die Ideologie des sattsam bekannten „reinen Geistes“, der über die gesellschaftliche Depravierung trösten sollte. Bezeichnend, schreibt Krockow, daß die deutschen Bildungsinstitutionen, im Gegensatz zu den britischen, den Sport niemals integriert haben. „Das deutsche Bildungsprinzip konnte auf physische Robustheit und Leistungsstärke im Grunde nur allergisch und abwertend reagieren, weil es darin seine eigene, praktische Ohnmacht symbolisiert fand.“ [6]

Und dieses schöne Erbe, so muß man wohl zwischen Krockows Zeilen lesen, setzen die schmalbrüstigen Theoretiker der Neuen Linken fort, allemal Feinde des Leistungssports.

Es fällt die Selbstverständlichkeit auf, mit der Krockow die Entwicklung Englands zum Vorbild macht. Wer weiß, rechtfertigt der Sport die englische Geschichte oder die englische Geschichte den Sport? Nach der faschistischen Katastrophe, und in der Front gegen den Kommunismus, hat sich die deutsche Soziologie rückhaltlos dem Liberalismus der Angelsachsen in die Arme geworfen, während die ältere deutsche Soziologie meist in Frankreich den Gegenstand ihrer Auseinandersetzungen gefunden hatte. Aber nach 1945 unterstellte man den angelsächsischen Besatzungsmächten ein gesellschaftliches Modell, das sich gegen „totalitäre“ Anfechtungen immun gezeigt habe. Dies gilt natürlich bloß für den Westen Deutschlands. Im Vergleich dazu war der DDR ein analoger Weg versperrt, denn die russische Entwicklung vor 1917 konnte ja kein Vorbild geben. So wurden die nationalen Traditionen aufgefrischt, obwohl die marxistischen Klassiker die „deutsche Misere“ verurteilt hatten.

Krockow argumentiert gegen die intellektuelle Verachtung des Sports, gegen die Antithese von Sport und Kultur, die eben nichts als Ideologie sei. Auch Brecht spottete über „diese Abneigung, die besonders von einer Seite ausgeht, die für unsere Jugend die Erlernung der griechischen Sprache empfiehlt.“ [7] Krockow beruft sich auf Marx, der die deutsche Ideologie in ihrer Esoterik, ihrer Absonderung von der Realität gegeißelt habe. Bereits im realpolitischen Sprachgebrauch eines Bonaparte galten „Ideologen“ als weltfremde Fanatiker, und heute noch spielt dieses Wort auf die Opposition des Toten gegen das Lebendige an. Was könnte lebensnäher sein als der Sport?

Marx hat den Ideologiebegriff zunächst auf kulturelle Phänomene angewendet, die im System Hegels als Stufen des absoluten Wissens bezeichnet wurden — auf Religion, Kunst und Philosophie. Freilich waren sich die Repräsentanten der bürgerlichen Aufklärung darüber klar, daß die Autonomie ihrer Kultur auf der Muße einer kultivierten Minderheit beruht, welche die Mehrheit der Unkultivierten zur Schwerarbeit verdammt. „Die Geschicklichkeit kann in der Menschengattung nicht wohl entwickelt werden, als vermittelst der Ungleichheit unter Menschen“, behauptet Kant. Es sei unvermeidlich, daß „die größte Zahl die Notwendigkeiten des Lebens gleichsam mechanisch, ohne dazu besonderer Kunst zu bedürfen, zur Gemächlichkeit und Muße anderer besorgt, welche die minder notwendigen Stücke der Kultur, Wissenschaft und Kunst, bearbeiten, und von diesen in einem Stande des Drucks, saurer Arbeit und wenig Genusses gehalten wird.“ [8]

Es fehlt nicht viel, und Kultur entpuppt sich im Gedankengang Kants als Ideologie: Rechtfertigung und Glorifizierung jener Ausbeutung, aus der sie resultiert. Eine Verselbständigung des Überbaus ist nur in einer Gesellschaft möglich, die in der Muße ein Privileg sieht. Thorstein Veblen hat die konventionellen Merkmale des Gebildeten, wie verfeinerte Manieren, Beherrschung toter Sprachen, literarische Ausdrucksfähigkeit und Belesenheit, als den Prestigekonsum einer Klasse von Müßiggängern entlarvt, die mit ihrer arbeitsfreien Zeit protzt. Veblens Analyse setzt allerdings den überreifen Kapitalismus voraus, der mitleidios den Müßiggang liquidiert (und ihn in der Form von Verweigerungsbewegungen, wie Hippies und Rauschgiftkonsum, doch wieder produziert). Stress, und nicht Muße, wird jetzt zum Statussymbol. Die herrschende Klasse prahlt mit ihrer Arbeitsüberlastung und hätschelt die „Managerkrankheit“.

Der Gegensatz zwischen den Klassen, sagt Marx in den Pariser Manuskripten, ist der zwischen Arbeit und Nichtarbeit. Ganz anders im organisierten Kapitalismus, der sich selbst als rastlose Leistungsgesellschaft definiert und den Klassengegensatz funktionalistisch verschleiert. Er polarisiert das Leben in Arbeitszeit und Freizeit. An der Freizeit kann, im Gegensatz zur Muße, jedermann teilhaben. Wer wird denn noch ausgebeutet, fragen dümmliche Apologeten, wenn die Arbeiter um fünf nach Haus gehen und Generaldirektoren das Licht bis tief in die Nacht hinein brennen lassen? Freizeit ist nicht, wie Muße, das Gegenteil der Arbeit; sie ist vielmehr ihre anstrengende Fortsetzung. In „Understanding Media“ verlangt Marshall McLuhan, auch Zeitunglesen und Fernsehen sollten bezahlte Arbeiten sein. Überträgt man diesen Scherz ernsthaft auf den Sport, dann versteht man das sogenannte Amateurproblem. Es wird sich herausstellen, daß im Amateurismus, der ja ökonomisch witzlos ist, sich die ideologischen Widersprüche des Sports auf die Spitze treiben.

Mit dem Verschwinden der Muße verliert auch der Überbau seinen autonomen Charakter. Kultur wird als Waffe für eine Oberschicht unbrauchbar, die sich angeblich durch „Leistung“ legitimiert. „Aufstieg durch Leistung!“ fordert das Plakat einer österreichischen Rechtspartei. Ebenso büßt Ideologie, als Bestätigung von Herrschaft, ihre generalisierende, abstrakte, illusionäre und rein intellektuelle Gestalt ein. Sie hört auf Metaphysik zu sein, und vermischt sich mit den Tatsachen.

So eine Ideologie des Faktischen ist der Leistungssport. Erst durch die gesellschaftliche Institutionalisierung der Freizeit konnte er zu einem Massenphänomen werden. Freizeit und Sport sind beinahe identische Begriffe. Der Fußball beispielsweise erlebte seine Blütezeit zwischen den Weltkriegen, in jener langen, doch unerwünschten Freizeit, die ein noch nicht durchorganisierter Kapitalismus in Form der großen Arbeitslosigkeit den Massen bescherte. Im 18. Jahrhundert war der Sport das Medium, in dem sich die englische Bourgeoisie dem Adel assimilierte. Im 20. Jahrhundert bedient sich die Bourgeoisie des Sports, um die Unterschichten an ihre Kultur zu ketten. An den farbigen Boxern, Sprintern und Leichtathleten der USA läßt sich das gut beobachten. Sport ist nicht die Antithese der Kultur. Er ist ihr lachender Erbe.

IV. Sportlicher Taylorismus

Klar, weshalb die Soziologen im Sport ein Symptom der industrialisierten Gesellschaft begrüßen. Der Sport verzichtet darauf, die bestehenden Zustände zu transzendieren, wie das die älteren kulturellen Ideologien getan haben. Er fügt sich im Zeichen der Leistung nahtlos ins funktionale Gewebe des technischen Staates ein. Wer möchte das von der Lyrik behaupten?

Die genauen Zusammenhänge zwischen industrieller Arbeit und Leistungssport hat aber erst Bero Rigauer in seiner bahnbrechenden Studie über „Sport und Arbeit“ beschrieben, der Diskussionsgrundlage für die jüngste Sportsoziologie. Übrigens gehört Rigauers Buch zu jenen soziologischen Arbeiten, welche die strukturell-funktionale Methode in den Dienst der Ideologiekritik stellen. Bezeichnenderweise präzisiert Rigauer die historischen Voraussetzungen des Sports anders als Krockow: „Der moderne Sport ist in der Epoche der Umwandlung handwerklicher Produktionsweisen in manufakturelle und schließlich industrielle entstanden.“ [9]

Zusammenhänge zwischen Sport und industrieller Produktion? Gibt nicht der Sport dem Körper jene Funktionen zurück, die ihm von der Maschine genommen wurden? Allgemeiner gesprochen: Ist nicht der Sport das Reich der Freiheit, die Gegenwelt zur sozial und technisch determinierten Arbeit? Kants Unterstellung, die tägliche Arbeit werde „gleichsam mechanisch, ohne dazu besonderer Kunst zu bedürfen“, verrichtet, ist doch falsch in der automatischen Fabrik, wo die Teilung zwischen Kopf- und Handarbeit virtuell aufgehoben wird. Wäre es nicht die Aufgabe des Sports, durch körperliches Spielen eine Entwicklung zu kompensieren, die in der industriellen Produktion die Rolle physischer Schwerarbeit vermindert und die Bedeutung intellektueller Funktionen laufend vermehrt?

Rigauers Kritik an dieser Sportphilosophie stützt sich auf den Begriff des suspensiven Freizeitverhaltens, wie ihn Jürgen Habermas formuliert hat. Suspensiv ist Freizeitverhalten, wenn es an die Routine von Arbeits- und Berufswelt gefesselt bleibt. „In der Industriegesellschaft“, sagt Rigauer, „sind bestimmte Arbeits- und Produktionsweisen zu gesellschaftlich so sehr dominierenden Verhaltensmustern aufgestiegen, daß sie normativ bis in die sogenannten Freizeittätigkeiten hineinwirken; dem hat der Sport sich nicht entziehen können.“ [10] Es ist ein wesentlicher Bestandteil der sportlichen Ideologie, diesen Sachverhalt zu leugnen.

Ein Einwand besteht. Die Beziehung der Freizeit zur Arbeit sei gewiß in ständischen oder Klassengesellschaften viel strenger und zwangshafter gewesen als in der „offenen Gesellschaft“, wo jeder in seiner Freizeit tun könne, was ihm beliebt. Aber es gab in diesen Zuständen eben keine Freizeit, sondern Muße, und bei den arbeitenden Klassen eine Faulheit, die von englischen Autoren aus den Anfängen der Industrialisierung in Zügen geschildert wird, welche in den modernen Klagen über die Unzuverlässigkeit der Arbeiter in Entwicklungsländern frappant wiederkehren. Die brutalen Gesetze gegen Vagabondage in England und Frankreich, die den Faulenzer ins Arbeitshaus warfen, jene josephinistischen und friderizianischen Reformen in den deutschen Militärstaaten, die das Volk beglückten, haben diese populäre Faulheit mühselig ausgerottet. Sie war alles andere als ein suspensives Freizeitverhalten, da sie sich unmittelbar gegen Arbeit selbst kehrte. Zum Leistungssport wären damals die Leute unfähig gewesen.

Originell ist an Rigauers Untersuchung, daß sie sich nicht auf den isolierten Wettkampf beschränkt. Für den Lebensstil eines Leistungssportlers hat sein Training eine weitaus größere Bedeutung als der eigentliche Wettkampf, der in vielen Disziplinen überflüssig geworden ist. Gerade im Training zeigt sich jedoch eine verblüffende Affinität des Leistungssports zur industrialisierten Arbeit, wie sie durch Taylorismus, Rationalisierung und exakte Arbeitswissenschaft geprägt wird.

Marx unterstreicht im „Kapital“, im Abschnitt über den relativen Mehrwert, die dezisive Rolle der Zeit für die kapitalistische Produktion. Der relative Mehrwert erzeugt sich ja dadurch, daß ein Unternehmer dieselben Produkte in kürzerer Zeit (oder in derselben Zeit mehr Produkte) herstellt als seine Konkurrenten. Die kapitalistische Produktion unterwirft den Arbeiter daher einer Disziplin, die ihm jede Disposition über seine Zeit auch noch im kleinsten Handgriff raubt. Die tayloristische Arbeitswissenschaft hat, eine Generation nach Marx, das Konzept der „Fließarbeit“ entwickelt, in dem die einzelnen Bewegungen so präzise aufeinander abgestimmt sind, daß der Arbeiter seine Handgriffe ganz automatisch, gleichsam bewußtlos, vollziehen muß. In der Betriebssoziologie wird das System der „gefügeartigen Kooperation“ beschrieben, in dem die Arbeiter bei Schwierigkeiten einander nicht mehr helfen können, ohne daß der ganze Prozeß zusammenbricht.

Eben diese Merkmale rationalisierter Arbeit findet Rigauer im wissenschaftlichen Training des Leistungssports wieder. Der Taylorismus zerlegt den komplexen Arbeitsvorgang in seine Atome, minimale Handgriffe, von denen ein jeder eingehend analysiert wird, um möglichst alle Zeitverschwendung zu beseitigen. Der Arbeiter hat sich in ein geplantes Schema repetitiver Verrichtungen einzuordnen, das ihm jede Freiheit, aber auch jede Verantwortung für das Endprodukt nimmt.

Eine analoge Entwicklung von handwerklichen zu atomisierten Arbeitsformen beherrscht auch die Geschichte des Sports. Im Laufe dieser Entwicklung gewinnt das Training ein immer größeres Gewicht, bis der Leistungssportler zuletzt nicht mehr „Wettkämpfer“, sondern vor allem „Trainierender“ ist. „Den ursprünglichen Lehr- und Trainingsmethoden“, schreibt Rigauer, „lagen handwerkliche Strukturen zugrunde: man differenzierte eine sportliche Fertigkeit nur in ihre elementarsten Einzelphasen und übte diese in komplexen Trainingsverfahren. Der Hochspringer orientierte sich an einem gerade gültigen Hochsprungmuster und ahmte es unzerlegt nach. Mit diesem Trainingsverhalten waren motorische Unspezialisiertheit und persönliche Selbständigkeit verknüpft.“ [11] Rigauer berichtet aus dieser handwerklichen Periode des Sports von einem amerikanischen Athleten, der 1896 bei den ersten Olympischen Spielen in Athen die Goldmedaille im Diskus gewann, obwohl er vorher noch nie eine Wurfscheibe gesehen hatte.

Inzwischen ahmt der Sport den Taylorismus nach, als ob auch er um jeden Preis relativen Mehrwert herausschinden müßte. Heute „dominiert die rationale Planung sportlicher Handlungssysteme. Die Zielvorstellung bleibt zwar als komplexes Gebilde lehr- und trainingsmethodisch bestimmend, sie wird aber in Einzelteile und -phasen zerlegt, die, getrennt oder zu Teilkomplexen zusammengefaßt, geübt werden.“ [12] Rigauer belegt in Beispielen aus der Sportwissenschaft, daß sich das Training kaum mehr von der Arbeit am Fließband unterscheidet. Das Circuit Training läßt monoton den Trainierenden einen Zirkel festgelegter Übungen absolvieren, wie die manufakturelle Serie, wo der Arbeiter die „Stationen“ von ein paar spezialisierten Handgriffen wiederholt.

Doch das tayloristische Training bestimmt nicht nur die Leichtathletik und all jene Disziplinen, in denen sich Einzelkämpfer gegenüberstehen. Sogar die Mannschaftsspiele, die von Natur aus viel weniger rationalisierbar sind, haben den Weg von der teamartigen zur gefügeartigen Kooperation zurückgelegt. Die Spieler, im Training auf routinehafte und vorgeplante Spielzüge eingedrillt, haben auf dem Spielfeld kaum mehr Gelegenheit, einander zu unterstützen und die Fehler des anderen zu korrigieren. „Wer aus dem taktischen Spielsystem auszubrechen versucht, wird — zumindest im Training — vom Trainer wieder in das festgesetzte Handlungsstereotyp hineingezwungen.“ [13] So schwindet die Chance zum Improvisieren. Auf dem Spielfeld gibt es keine Freundschaft, hat ein prominenter deutscher Fußballer gesagt, darunter würde die Leistung leiden.

Allerdings, die Analogie zwischen Leistungssport und industrieller Arbeit hat ihre Grenze. Denn jene atomistische Zersplitterung des Arbeitsablaufs, die das sportliche Training kopiert, wird im Wettkampf durch ein und dasselbe Individuum wieder zusammengesetzt, während im Arbeitsprozeß die spezialisierten Verrichtungen auf verschiedene isolierte Individuen aufgeteilt werden, für die der Gesamtablauf sinnlos bleibt. Dagegen identifiziert sich der Athlet unmittelbar mit dem Zweck seiner Übung; im Wettkampf ist er, anders als der Fabrikarbeiter, für das Endprodukt seines Trainings verantwortlich. Ohne diese letzte, „spielerische“ Distanz zu den realen Arbeitsprozessen könnte der Leistungssport niemals seine Funktion erfüllen, „ein Teilsektor sozialer Anpassung an industrie- und bürokratiegesellschaftliche Verhältnisse“ [14] zu sein. Er probt als Spiel, was blutiger Ernst ist.

V. Leistung als Ideologie

Aus welchem Grund werden die Massen sogar in der Freizeit von der Routine ihrer alltäglichen Arbeit eingefangen? Warum verhalten sie sich nach Dienstschluß „suspensiv“? Rigauer umgeht diese Frage, er begrenzt seine Thesen ausdrücklich auf den reinen Leistungssport, unter dem er anscheinend den professionellen Sportbetrieb versteht. Er spielt darauf an, daß ein anderes, freies Sportverhalten vielleicht doch die Deformationen der Industriegesellschaft kompensieren würde.

In Wahrheit wird aber auch der sportliche Dilettantismus unvermeidlicherweise von den Zwängen des Leistungssports erfaßt. Zwar wird die Kluft zwischen Massen- und Leistungssport in dem Maße immer breiter, als sich die Trainingsmethoden des letzteren verfeinern. Doch gerade diese Trainingsmethoden besitzen eine so große soziale Nützlichkeit, daß sie auf diversen Kanälen, wie Schule, Presse, Fernsehen, in die Massen eingeschleust werden. Unter der Fitness-Parole propagieren die österreichischen Massenmedien die neuesten Techniken des Circuit Trainings für die körperliche Ertüchtigung des Büroangestellten. Wintersportorte und Skifabrikanten sind gleichermaßen an der Entwicklung neuer Fahrtechniken („Wedeln“) interessiert; die Hoteliers können mit der Geheimwissenschaft ihrer Skilehrer, die Fabrikanten mit ihren jüngsten Rekordmodellen Reklame machen.

Mit seiner organisatorischen Trennung vom Leistungssport wird diesem der Massensport um so bedingungsloser integriert. In den „Spitzensport“ wird ideologisches und finanzielles Kapital investiert, um den Massen die Notwendigkeit und Gerechtigkeit der Leistungsgesellschaft vor Augen zu führen.

Rigauer kann die Grenze nicht überschreiten, die er im Begriff der Industriegesellschaft sich selbst setzt; er faßt spezifisch kapitalistische Entwicklungen als sozialtechnische Zwänge auf. So akzeptiert er den Begriff „Leistung“, den er freilich als Ausfluß einer Tausch- und Warengesellschaft erkennt, ohne ihn jedoch kritisch zu relativieren.

Der organisierte Kapitalismus steuert auf einen Zustand zu, wo Eigentum und Besitz als Kriterien wirtschaftlicher Distribution unbrauchbar werden. Das bürgerliche Eigentum rechtfertigte sich aus der Konkurrenz auf Märkten, es war die juristische Seite des ökonomischen Warentauschs. Eigentum und Ware sind Zwillingsbegriffe. Marx erschütterte die Legitimationsgrundlage des bürgerlichen Eigentums durch den Nachweis, daß im Austausch zwischen Kapital und Arbeit Ungleiches getauscht wird. Wenn aber große Konzerne die Märkte untereinander aufteilen und nur noch möglichst indirekt miteinander konkurrieren, dann fällt mit dem Markterfolg auch das Erfolgs- und Eigentumskriterium weg.

Für immer mehr Arbeiten und Produkte existiert kein Tauschwert mehr, der frei von individueller Willkür auf Märkten zustande käme. „Daraus ergibt sich die Notwendigkeit“, schreibt Claus Offe, „die ehemals in Marktpreis-Relationen dargestellten Wertrelationen von Leistungen unabhängig vom Marktmechanismus zu ermitteln und zur Grundlage der Statusverteilung zu machen. Dies geschieht durch die Kategorie preis-unabhängig ermittelter Leistung.“ [15]

Leistung ist nicht weniger Ideologie als das Eigentum. Mit dem Anspruch auf Gerechtigkeit verteidigte das bürgerliche Eigentum die Ungerechtigkeit des Kapitalverhältnisses; Leistung suggeriert Markt- und Konkurrenzverhältnisse, wo der Markt außer Kraft gesetzt und Konkurrenz kindisch ist. Leistung erscheint, wie früher das Eigentum, als die Antithese gegen „Gleichmacherei“. Das Leistungskriterium soll den sozialen Wert einer Arbeit, eines Individuums ganz ohne Intervention und Protektion für jedermann sichtbar garantieren — eben dies haben die überpersönlichen Konkurrenzmechanismen des Marktes erzwungen. In der Leistungsgesellschaft herrsche die reine Sachlichkeit, ungetrübt von emotionalen, affektiven Vorurteilen der Abneigung oder Bevorzugung. Und vor allem sei durchs Leistungsprinzip die universale Chancengleichheit sichergestellt.

Das ist unverkennbar die Ideologie von Angestellten in wirtschaftlichen Großorganisationen, die sich, um die Gunst des Personalchefs buhlend, im Kampf um ihre Karriere aufreiben. Man hat Erfolg, aus Gott weiß welchen Gründen; dieser Erfolg wird nachträglich durch Appellation an „Leistung“ moralisch sublimiert. Leistung ist, was Erfolg hat. „Bei der Beurteilung eines Mitmenschen“, schreibt Gustav Ichheiser treffend in seiner Kritik des Erfolges, „fließt fast der gesamte Erfolgsertrag dem Konto einer imaginären Leistungstüchtigkeit zu.“ [16] Natürlich wissen die soziologischen Apologeten der Leistungsgesellschaft, daß „Leistung“ bestenfalls eine gutmütige Unterstellung ist. In den modernen Arbeitsverhältnissen, das weist Claus Offe an Hand eines reichen betriebssoziologischen Materials nach, wird es immer schwieriger, einzelnen Personen ihre Leistungen zuzurechnen. Aber gerade deshalb wird der Sport als die wahre, die unverfälschte und unverfälschbare Inkarnation der Leistungsgesellschaft auf den Schild gehoben. „Der Triumph der Leistung (läßt sich) auf keinem anderen Gebiet so allgemeinverständlich, überzeugend, so durchsichtig darstellen wie auf dem des Sports“, argumentiert Krockow. „Der Sport bringt die Prinzipien der Industriegesellschaft weit besser zum Ausdruck als diese selbst.“ [17] So wird der Sport zur Religion. Seine Leistungsgerechtigkeit realisiert sich wie die christliche Nächstenliebe in einem illusionären Jenseits: vor den Tribünen oder hinter den Sternen.

Die transzendente Leistungsgerechtigkeit wird aber im Sport sowenig verwirklicht wie in der ökonomischen Arbeitswelt. Lothar Hack zeigt in seinem Aufsatz „Alle hatten doch die gleiche Chance“, daß eine gerechte quantitative Messung sportlicher Leistungen undenkbar ist. Im nackten Resultat, den Sekunden, Metern und Punkten, spiegelt sich keineswegs die pure Leistung. „Jede Unterteilung in Gewichtsklassen, zum Beispiel beim Gewichtheben oder Boxen, oder die Trennung nach Geschlecht und Alter berücksichtigt Faktoren, von denen man annehmen kann, daß sie die Leistungsfähigkeit beeinflussen.“ [18] Schon die physikalische Messung von sportlichen Leistungen unterliegt konventionellen Änderungen, die sich aufs Resultat entscheidend auswirken können. Beim Wettlauf ergeben sich verschiedene Resultate, je nachdem, ob die Zeitmessung mit Hand oder elektronisch vorgenommen wird.

Spielregeln sind, als Konventionen der Messung oder des Verhaltens, für die Spieler sowenig „neutral“ wie das Gesetz im bürgerlichen Klassenstaat. Es ergibt sich die Frage: „Wer bestimmt nach welchen Kriterien, welche Ausgangsbedingungen wie und wie stark berücksichtigt werden?“ [19] Keine akademische Frage, wenn man bedenkt, in welchem Ausmaß die Karriere von Leistungssportlern heute in der Hand staatlicher, halbstaatlicher und privatkapitalistischer Institutionen liegt, die mit willkürlichen Förderungskriterien arbeiten.

Lothar Hack, der sich über die ideologische Funktion des Sports im klaren ist, nennt ihn dennoch ein „Habitologem“ eine Ideologie des Faktischen, die auf metaphysischen Firlefanz verzichtet. Aber auch der Sport hat seinen Kult, seine Mysterien, sein Zeremoniell, seine Priester und großen Prozessionen. Den Olympischen Spielen hat Ulrike Prokop eine groß angelegte Untersuchung gewidmet, die bisher umfassendste Studie zu einer kritischen Soziologie des Sports.

Ulrike Prokop bestätigt, daß die Entwicklung der Olympischen Spiele die ursprünglichen Ideen Coubertins immer vollständiger verwirklicht habe — statt umgekehrt, wie die Sportideologen sagen. Die ersten Spiele waren ärmliche Veranstaltungen, manchmal bloß Anhängsel von Weltausstellungen wie 1904 in St. Louis. Das moderne, aufgeblähte Zeremoniell wurde erst von Hitlers Berliner Olympiade 1936 geschaffen, was nebenbei ein charakteristisches Licht auf die imperialistische Idee der Völkerverbindung wirft. Die Spiele ersetzen die Weltkriege nicht, sie bereiten sie vor. Unter diesem Blickwinkel hat man auch die Krokodilstränen der mitteleuropäischen Presse über den Ausschluß des Rassenstaates Rhodesien zu beurteilen, ein bereitwillig aufgegriffener Vorwand zur publizistischen Haßorgie gegen die Afrikaner.

Die Olympischen Spiele werden desto pompöser, je weniger notwendig sie sind. Es macht die Dialektik des Leistungssports aus, daß er die Leistung, den Rekord, von jenem Wettkampf ablöst, aus dem doch Rekord und Leistung entsprungen sind. Mit der (zuletzt allerdings fiktiven) Garantie global gleichbleibender Bedingungen wird der Wettkampf, die unmittelbare Konkurrenz der Athleten, in den meisten Disziplinen überflüssig; ein Rekord könnte auch im Training aufgestellt werden. Die Spiele wurden, wie Rigauer bemerkt, ohne Widerstand ihrer Funktionäre in einen internationalen Leistungsvergleich umfunktioniert. Der Wettkampf ist lediglich ein Element der olympischen Regie, einer effektvollen Inszenierung, die aus dem Sportkampf ein säkulares Fest der Medien macht. Und nur für das Eröffnungszeremoniell gilt die Devise: Dabeisein ist alles!

Coubertin hat tatsächlich so etwas wie eine Philosophie gehabt. Er wollte durch Sport den Klassenkampf aufheben. Er war ein Anhänger Comtes und des französischen Positivismus, der in der Wissenschaft die adäquate Religion des industriellen Zeitalters gesehen hatte. Coubertin erkannte im Sport mit seinen physikalisch quantifizierten Leistungen die populäre Religion der Massen, denen im exakten Wettkampf ein überzeugendes Sinnbild gesellschaftlicher Hierarchie vor Augen geführt wird. „Die Objektivität dieser neuen Institution“, referiert Ulrike Prokop die Sportphilosophie Coubertins, „liegt in der Tatsache, daß alle Beteiligten formal nach den gleichen Leistungskriterien bewertet werden; die Entscheidung in der Konkurrenz hängt von der kämpfenden Partei und deren effizienter Organisation ab. Von daher erscheinen Machtpositionen als Produkt höherer Leistung, dem einzigen Legitimitätskriterium von Macht, das objektiv und universal anerkannt ist.“ [20] Der Leistungssport ist der praktische, der angewandte Positivismus. Kein Wunder, daß positivistische Soziologen ihn schätzen.

Zu Unrecht wurde der Amateurismus mit den Olympiaden verknüpft. Auch ohne gewisse Statuten und das IOC bleibt das Dilemma des Leistungssports. Er braucht einerseits die professionelle Organisation, die Integrierung in die kapitalistische Wirtschaft. Anderseits aber kann er seine wichtigste Funktion, die Ideale der Industriegesellschaft zu realisieren, nur so erfüllen, daß er sich eine spielerische, ästhetische Distanz zur Gesellschaft bewahrt.

Ein Sport, der sich mit Haut und Haaren dem Profit verschreibt, büßt mit seiner Glaubwürdigkeit auch seine Funktionstüchtigkeit ein. Im Bundesligaskandal hat sich gezeigt, daß ein wirtschaftlich rationalisierter Sport seine Kampfresultate kaufen muß. Im Sport können beträchtliche Investitionen sowenig wie in der übrigen Wirtschaft dem Spiel der freien Konkurrenz preisgegeben werden. Eben jener organisierte Kapitalismus der großen Oligopole, der den Sport hervorbringt, richtet ihn auch zugrunde.

[1Christian Graf von Krockow, Sport und Industriegesellschaft, München 1972, p. 18.

[2Krockow, p. 17.

[3Krockow, p. 18.

[4Krockow, p. 15.

[5Krockow, p. 42.

[6Krockow, loc. cit.

[7Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Band 20, Frankfurt 1967, p. 26.

[8Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, A 388.

[9Bero Rigauer, Sport und Arbeit, Frankfurt 1969, p. 49.

[10Rigauer, p. 7.

[11Rigauer, p. 30.

[12Rigauer, p. 31.

[13Rigauer, p. 35.

[14Rigauer, p. 67.

[15Claus Offe, Leistungsprinzip und industrielle Arbeit. Frankfurt 1970. p. 44.

[16Gustav Ichheiser, Kritik des Erfolges, Rotdruck 1970, p. 39.

[17Krockow, pp. 95/6.

[18Lothar Hack, Alle haben doch die gleiche Chance, in: Sport in der Klassengesellschaft, Frankfurt 1972, p. 117.

[19Lothar Hack, op. cit., p. 118.

[20Ulrike Prokop, Soziologie der Olympischen Spiele, München 1971, p. 26.

Literatur

  • Christian Graf von Krockow
    Sport und Industriegesellschaft
    Serie Piper
    München 1972
  • Bero Rigauer
    Sport und Arbeit
    edition suhrkamp
    Frankfurt 1969
  • Gerhard Vinnai (Hrsg.)
    Sport in der Klassengesellschaft
    Fischer Taschenbuch
    Frankfurt 1972
  • Ulrike Prokop
    Soziologie der Olympischen Spiele
    Reihe Hanser
    München 1971

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1972
No. 224, Seite 22
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer: Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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