FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 321/322
Friedrich Geyrhofer

Scheiße gebaut

Wiens Allgemeines Krankenhaus
Über 2.100 Betten: das Allgemeine Krankenhaus am Wiener Gürtel

Bettenturmbau zu Wien

Die Zukunft hatte bereits begonnen! Ein Triumph des Fortschritts. Die Erbsünde wird besiegt. Es ist noch nicht so lange her — good news aus dem Wien der Jahre 1977 und 1978:

Die beiden Bettentürme bestehen jeweils — von unten nach oben — aus einem Technikgeschoß, einem Geschoß für die Intensivpflege, acht Geschossen für die Normalpflege und schließlich wieder drei Technikgeschossen.

(Österreichische Ärztezeitung)

Im Flachkörper — Ausdehnung rund 31.000 Quadratmeter, das sind etwa vier Fußballfelder — befinden sich Bahnsteige mit einer Förderleistung von 8.000 Personen pro Stunde.

(eine Werbebroschüre der AKPE)

(Hier war von einem Wiener Krankenhaus die Rede, nicht von einem Weltraum-Terminal in einem amerikanischen Science-Fiction-Roman).

Ein Spital dieser gigantischen Dimension kann nicht vom Reißbrett aus in einem Zug gelöst werden.

(Kurier)

Dem Vorwurf, nicht alles zur Rettung von Menschenleben getan zu haben, will sich niemand aussetzen.

(Kurier)

In Europa ist derzeit aber kein Krankenhaus vorhanden, das in der Größe und Aufgabenstellung mit dem Wiener Allgemeinen Krankenhaus verglichen werden könnte.

(Verlautbarung der AKPE)

Wie wahr! Heute stehen die babylonischen Türme der medizinischen Technokratie im 9. Wiener Gemeindebezirk wie die Ruinen einer Goldburg, wo Geister dunkler Korruptionisten, geschlagener Politiker und gefangener Manager gespenstern. Hier wurde Scheiße gebaut. Wer kennt sich noch aus im Gewirr der Kürzel von ABO bis Ökodata, zwischen denen lukrative Querverbindungen existieren? An der Langzeitbaustelle — die Planungen gehen auf die sechziger Jahre zurück — sind nicht nur der im Endstadium „umbaute Raum“ von 2,2 Milliarden Kubikmeter und die mögliche Summe der Baukosten von 40 oder 50 Milliarden Schilling phänomenal.

Eine Bilanz: politisch ist das neue AKH ein Skandal, organisatorisch eine Katastrophe, moralisch eine Riesenblamage (was wird das Ausland von uns denken?), finanziell eine Bankrotterklärung (die geschätzten Betriebskosten von sechs oder sieben Milliarden Schilling würden das jährliche Defizit aller österreichischen Spitäler verdoppeln).

Sümpfe & Schmeißfliegen

Strafrechtlich geht es um die Tatbestände der Untreue, der Beamtenbestechung, Geschenkannahme, Verleitung zu Pflichtwidrigkeiten, um Steuerhinterziehung und Betrug. Angeekelt stoßen die Würdenträger von Bund und Bundeshauptstadt, in einen kolossalen „Reinigungsprozeß“ verwickelt, auf „Sümpfe“ und „Schmeißfliegen‘‘, von denen sie jahrelang nichts bemerkt haben.

Anfangs lief alles so ab wie in dem alten österreichischen Spielfilm Liebe ist zollfrei, wo Oskar Sima, der einen Bundeskanzler der Zwischenkriegszeit spielt, in einer Kabinettssitzung hilflos ausruft: „Mit solchen Ministern muß ja der Staat zugrunde gehen.“ Dann aber wurde vor Mikrophonen und TV-Kameras mediengerecht geheult und zähnegeknirscht. Wir haben das Vertrauen verloren, wir wollen unser Vertrauen wiederhaben! Moses und seine zehn Gebote! Die neue Moral muß her! Im September 1980 forderte das Staatsoberhaupt Kirchschläger seine Staatsbürger auf, „saure Wiesen auszutrocknen“. Der Wiener Bürgermeister Gratz verlangte und warnte gleichzeitig, „Ungeziefer auszuräuchern, aber nicht das Haus anzuzünden“.

Im AKH-Schlamm stecken nämlich sowohl SPÖ als auch ÖVP (über die Wiener Großbaufirma Prutscher). Als der jetzige Bundeskanzler auf Staatsbesuch nach Manila kam, begrüßten ihn zwei echte Wiener: Hans Christoph Prutscher, Sohn eines ÖVP-Politikers, und Udo Proksch, Gastgeber des innerstädtischen „Clubs 45“, wo die feinen Herren der SPÖ verkehren (Die Presse vom 30. August 1980). Altbürgermeister Felix Slavik über den Demel-Club: „In diesen Kreisen schmieren sich die Halbseidenen herum, schließen Freundschaft, sind alle per Du“ (zitiert nach Vorarlberger Nachrichten vom 11. August 1980).

Im Fernen Osten schlugen Proksch und Prutscher ein Entwicklungsprojekt vor — den Bau eines Spitals!

Im Schoße der Parteien

Krankenhäuser machen krank. SPÖ und ÖVP können jetzt ein Lied davon singen. Am schlimmsten ist der Verdacht, daß die 500 Millionen Schilling Schwarzgelder, vom AKPE-Direktor Adolf Winter auf die Konten der Scheinfirmen „Geproma“ und „Plantech‘‘ nach Vaduz transferiert, zum Teil in österreichische Parteikassen heimgekehrt sein könnten. Der raffinierte Aufbau von „Geldverteilungsapparaten“ um das Allgemeine Krankenhaus herum läßt alle Möglichkeiten offen.

Die Amerikanisierung der Wahlkämpfe, ihre Verwandlung in Medienschlachten und Public-Relations-Kriege, macht aus den politischen Parteien finanzkapitalistische Parasiten, die von den Konjunkturen des Wirtschaftslebens zehren. In den USA mußten deshalb strikte gesetzliche Kontrollen der Wahlspenden eingeführt werden.

In Österreich hat sogar die kleine KPÖ eine große Affäre: den Prozeß um die Importfirma „Turmöl“. Eine Unternehmerpartei wie die ÖVP pflegt ihre ganz speziellen Skandale: niederösterreichische Hypobank, steirische Tierkörperverwertung und last not least die zehn Millionen des Bela Rabelbauer.

Die generöse Spende des Vorarlberger Finanzmannes (auch er hat Konten in Liechtenstein) verursachte im parlamentarischen Untersuchungsausschuß eine nette kleine Episode. Der SPÖ-Abgeordnete Hobl verlangte, nach Rabelbauers Bekenntnissen müsse der ÖVP-Abgeordnete Steinbauer (die ÖVP nahm die Millionen in Empfang) den Ausschuß verlassen. „Steinbauer ging zum Gegenangriff über und meinte, er frage Hobl ja auch nicht, woher das Holz für den AKH-Bau gekommen sei. Steinbauer spielte auf eine Affäre aus dem Jahr 1973 an, in die Hobl in Zusammenhang mit Holzgeschäften verwickelt war“ (Oberösterreichische Nachrichten vom 30. August 1980).

Kapitalisten sitzen

Nur ja nicht (Gratz:) „das Haus anzünden“. Gott behüte! Übrigens ist alles nur halb so schlimm. Für den Regierungschef handelt es sich bei der Serie der AKH-Skandale um Vorfälle, „die sich an der Peripherie unseres politischen Lebens abspielen“ (Kreisky im profil vom 1. September 1980). Aber: das Kartell der Korruptionen um das AKH ist längst mehr als eine Wiener Lokalaffäre.

Die U-Haft, die am 26. August 1980 über den Präsidenten der österreichischen Industriellenvereinigung Fritz W. Mayer verhängt wurde, stellt (auch das ist Kreiskys Meinung) ein Ereignis dar, „wie es in der österreichischen Geschichte noch nicht vorgekommen ist‘‘. Also doch nicht nur peripher? Vor dem 26. August hatte es so ausgesehen, als ob der Skandal vor allem Bürokraten und Politiker der SPÖ treffen würde. Der Präsident der Industriellenvereinigung ist jedoch, wie sein Adlatus treffend bemerkte, eine „Säule der Sozialpartnerschaft“.

Kein Wunder, daß ein mächtiger Wiener Banker hinter dieser Verhaftung „eine typische Methode der Marxisten“ vermutete. Seit dem 26. August sieht es so aus, als ob die Multinationalen Siemens, ITT und AEG die Vorstandsetagen ihrer österreichischen Filialen dem Staatsanwalt preisgeben müßten vielleicht darum die vielen grauen Haare über „Reaktionen des Auslands“.

Außer dem siebzigjährigen Fritz Mayer, früher Generaldirektor, heute Vorsitzender des Aufsichtsrats von ITT-Austria, befinden sich sieben Direktoren, Prokuristen und Geschäftsführer von Siemens, ITT und AEG in U-Haft. Ebenso zwei Funktionäre der Stadt Wien, der Spitalsdirektor Siegfried Wilfling und der AKPE-Direktor Adolf Winter. Insgesamt zehn potente Persönlichkeiten (Stand Mitte September), allesamt früher gute und beste Adressen.

In den Wiener Zeitungen empören sich die Verteidiger der freien Marktwirtschaft, weil zwar acht „Geber“, aber nur zwei „Nehmer“ sitzen. Der AKH-Skandal hat bereits eine Regierungskrise, eine Parteienkrise, eine politische Krise, eine moralische Krise, eine finanzielle Krise und eine journalistische Krise auf dem Gewissen. Was folgt, ist eine Krise der Strafprozeßordnung.

Genau jene publizistischen Lobredner von Law and Order, die für Terroristen barsch Standrecht und Todesstrafe verlangten, entdecken urplötzlich, daß in Österreich zu schnell verhaftet wird. Darf man Generaldirektoren überhaupt einsperren? Die wahren Schufte sind doch Funktionäre, die brutal die Zwangslage der Manager ausnützen.

Warum schweigen sich dann die „Geber“ noch im Kittchen über ihre „Nehmer“ aus? Der regelmäßige Refrain der Berichte: „Namen wurden nicht genannt“! Höchstens erfundene, wie in einem ordinären Kriminalfall. Etwa die Phantome „Sternheim“ und „Puroir‘‘, über die zwei Siemens-Manager angeblich mit Adolf Winters Vaduzer Scheinfirma „Plantech“ in Verbindung getreten sind.

Selbstverständlich stellen Aufträge, die in die Millionen oder Hunderte Millionen gehen, nichts als Waren dar, die eben ihre Preise haben. „Sonderkosten werden extra verrechnet“ und „Bei Provisionen samma flexibel“ — in den zwei lapidaren Sätzen läßt sich das Drama der Korruptionisten bequem rekapitulieren.

Hauptsache, der Rubel rollt. So gemütlich das klingt, keineswegs ist es ein moralisches Problem bestechlicher Beamter, die flott nehmen, und gewissenloser Geschäftsleute, die sich’s halt richten. Der ganze organisatorische Rahmen, mit dessen Hilfe das Krankenhaus errichtet werden soll, scheint eine Konstruktion von Hochstaplern zu sein. Verblüfft stellte ein katholischer Journalist die Frage: „Warum können gerade jene, die mehr als genug haben, nie genug kriegen?“ (Süd-Ost-Tagespost v

Im Griff der Multis

In Wahrheit bedeutet der Komplex AKH einen Faktor der österreichischen Produktionsverhältnisse, ein schlagendes Beispiel für die Strategie der beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung in Zusammenarbeit mit den Multis (multinational ist heute auch der österreichische Staatskonzern VÖEST). Siemens oder ITT können agieren, als ob die Stadt Wien ihnen gehört. Der jahrzehntelange Bau des neuen Allgemeinen Krankenhauses — ob es je fertig werden wird? — ist zum integralen Bestandteil des Weltmarkts geworden.

An der „ALLPLAN“, einer der Planungsgesellschaften rund um das AKH, war sieben Jahre lang folgende Firmenkette beteiligt: Mannesmann Düsseldorf, Kraftanlagen AG Heidelberg, Sulzer Winterthur, SF-Spiro GmbH, die AB-SF Stockholm und eine Firma Dworak. Ratlos steht die österreichische Justiz vor einem Netz finanzieller Transaktionen, das bis in die Karibik reicht (Firma „Techmed“), vor verschlungenen Geschäftsbeziehungen, wo Aufträge zwischen Generalunternehmern und Subunternehmern zirkulieren, vor einer Konzernhierarchie, die jede individuelle Verantwortung (wie sie das Strafgesetz verlangt) unter tausend Formalitäten versteckt, unter Firmenmänteln, Tochterfirmen, Scheinfirmen, Geheimkonten in Steueroasen.

Abkürzungen wie AKPE, APAK, ABO, ALLPLAN, Austroplan, Ökodata, Agiplan, Kunstwörter wie „Medconsult“, „Techmed“ oder „Plantech“ führen eine beredte Sprache. In den USA, wo man schon mehr Erfahrung mit den Multis hat, nennt man das „new secrecy“, die sich ausgezeichnet mit Public Relations verträgt. Die Geschichte der ITT — mit ihren Kontakten zu Hitler, Franco, dem CIA, der chilenischen Rechten und Nixon — ist ein Beleg dafür.

Dank des AKH-Skandals ist Österreich definitiv in die Ara der globalen Konzerne eingetreten. Klar ist lediglich, daß kontinuierlich Geld fließt. Unklar bleibt: wohin? für wen? wofür? Allerdings sind die Multis nicht nur private Unternehmungen mit überstaatlicher Macht.

Apparatmedizin

Sie verkörpern auch eine bestimmte Weltanschauung: den technokratischen Fortschritt. Sein Menetekel ist das Wiener Allgemeine Krankenhaus, das soziologisch in dieselbe Kategorie fällt wie Entsorgungsparks und Wiederaufbereitungsanlagen. Eine Betonpyramide der Apparatemedizin, ein Symbol des „Zeitalters der Überdosierung“, die unfreiwillige Dokumentation zu den Theorien von Ivan Illich.

Die Planung für die technische Ausstattung des AKH wurde der Firma Siemens übertragen (Honorar bisher: mehr als hundert Millionen Schilling), die zugleich aber auch die Elektroinstallationen (im Wert einiger Milliarden) liefert. Das heißt: einen wesentlichen Sektor des Krankenhausbaus managt der Konzern in Eigenregie.

Am „größten Hochbauprojekt dieses Jahrhunderts in Österreich“ haben Hunderte Fachmänner aller Fakultäten für Hunderte Millionen Schilling herumgerechnet: Ärzte, Architekten, Ingenieure, Finanziers, Managementberater, Betriebsprüfer, Organisationsexperten, EDV-Spezialisten ... ein Dickicht von Beratungs-, Planungs- und Konsulentenverträgen.

In erster Linie handelt es sich um einen Skandal der Kopfarbeiter, der Mediziner, Manager und Techniker. Sie haben einen Dinosaurier gezeugt, den Ausdruck industriellen und akademischen Größenwahns.

Erst die Konkurrenzkämpfe zwischen den Kliniken und unter den Chefärzten, die sich mit ihren Bestellungen hinauflizitierten, verschafften den Konzernen die Gelegenheit, beim Bau des Allgemeinen Krankenhauses die Macht zu ergreifen. Man konnte sich darauf verlassen, daß ein Klinikchef noch mehr Apparate und Räumlichkeiten verlangen würde als sein Rivale.

Der ÖVP-Politiker Wiesinger wagte es, die Forderungen der Primarärzte „unausgegorene Kinderwünsche“ zu nennen — er wurde daraufhin vom Gesundheitsminister Salcher herb getadelt. Ein Wiener SPÖ-Stadtrat verzweifelte: „Die Kliniken müssen miteinander leben“ (Kurier und Die Presse vom 18. August 1980).

In den Methoden der Planung steckt der Keim der Korruption. Beide zusammen schufen ein Chaos: bislang gab es beim Bau des AKH rund 50.000 Umplanungen, also Änderungen der ursprünglichen Pläne. Jede dieser Änderungen bringt Honorar und Profit ein. Kaum vorzustellen, einer der Planer habe jemals erwartet, er könnte persönlich als Patient in den Genuß seiner Berechnungen kommen.

Tempel der Angst

Das Resultat: Die Baukosten (in der Höhe eines Wiener Stadthaushaltes) sind ebenso unberechenbar wie die Betriebskosten. Rationalisierer, Betriebswirte und die übrigen Experten sind am Ende ihres Lateins. Ist das so schlimm? Die ins Unendliche steigenden Summen beleben den Wirtschaftskreislauf. Je mehr Aufträge an die Großwirtschaft, desto besser fühlt sich die Sozialpartnerschaft, zu deren Säulen wahrscheinlich weniger ein Präsident der Industriellenvereinigung als solch ein Riesenprojekt gehört.

Das Datum, an dem das AKH endlich als Spital funktionieren wird, ist allerdings nach Ansicht des zuständigen Wiener Stadtrats Stacher eine „Glaubensfrage“. Also eine Angelegenheit der Religion.

Trotz des irrsinnigen technokratischen Aufwands ähnelt das Mammutspital in vielem mehr feudalen Kathedralen oder auch präkolumbianischen Tempelanlagen als einem modernen Zweckbau. Ein Monument, das die Pathologie einer Gesellschaft offenbart. Wie bei allen Kultobjekten ist Furcht das treibende Motiv. Titanische Türme werden errichtet, um die kollektiven Ängste vor Krankheit, Tod, Arbeitslosigkeit zu beschwören.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1980
No. 321/322, Seite 20
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer: Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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