FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 323/324
Michael Siegert

Polen noch in unserm Besitz

Augenzeugenbericht II

Die üblichen Ingredienzien einer slawischen Tragödie brauen sich in und um Polen zusammen: hinhaltender Widerstand der Partei, die nichts gewähren will; funktionslos im leeren Raum schwebende freie Gewerkschaften; Reformunfähigkeit vor der Wirtschaftskatastrophe, was zur Erosion der Macht führt; drohende Untertöne von außen gegen das, was sich als nächstes Stadium bereits abzeichnet.

Arbeitertheater? Keine Statisten, Hauptakteure: Streikposten in der Danziger Leninwerft am 18. August 1980
Foto Sverker Ström/Votava

Gewerkschaften? Räte!

In der Nacht beging Lech Walesa seinen größten Fehler. Es war die Nacht vor der Unterschrift unter den Vertrag von Danzig. Walesa verhandelte allein mit Vizepremier Mieczyslaw Jagielski über den Punkt Lohnerhöhungen. Vereinbart wurde, daß branchenweise „die Löhne um eine Lohnstufe hinaufgesetzt werden“ statt der 2000 Zloty für alle, wie es noch im Punkt 8 des 21-Punkte-Forderungsprogramms der Danziger Arbeiter hieß. Damit hatten sich die freien Gewerkschaften selbst ausgeschaltet.

Ihre innere Struktur ist nicht das Branchen-, sondern das Regionalprinzip, entsprechend dem Territorialcharakter der überbetrieblichen Streikkomitees, aus denen sie hervorgegangen sind. Es ist einfach das Räteprinzip: basisnah, demokratisch und politisch. Die Streikkomitees waren im Ansatz Räte, denn wenn das Danziger MKS den Lebensmittelarbeitern sagte, ihr streikt, indem ihr die Betriebe besetzt und weiterarbeitet, wir sagen euch, wie die Lebensmittel zu verteilen sind; wenn das MKS weiter die Verteilung des Benzins durch eigene Marken organisiert, bereits in Konkurrenz zur lokalen Parteileitung — was war das anders als ein territorialer Machtanspruch? Wäre das Wort Sowjet (russisch für Rat) nicht durch jahrzehntelange Entartung so diskreditiert, hätten Polens Arbeiter von Räten sprechen müssen, nicht von Gewerkschaften.

Für eine reine Gewerkschaft sind die Forderungen der „Solidarität“ zu politisch. Sehen wir uns an, was die Punktation für die Verhandlungen mit der Regierung am 31. Oktober enthielt: Ausnahme der „Solidarität“ vom Primat der Partei, von der Zensur, Wiedereinstellung von politisch Reglementierten, Anerkennung der Bauerngewerkschaft (ist keine Gewerkschaft, wie das Gericht treffend bemerkte — es sind Bauernräte), eine eigene Zeitung, Radiosendungen, Einfluß auf die Gestaltung des Lohnsystems. Alles politische Forderungen, bis auf die letzte. Und die ist ein Versuch, den Fehler von Ende August zwei Monate danach auszubügeln.

Der Lohnbetrug

Die praktische Durchführung der Lohnerhöhungen im September war nämlich unter völliger Ausschaltung der freien Gewerkschaften vor sich gegangen. Partner der Regierung waren die alten Branchengewerkschaften, meist schon aus der Zentrale CRZZ ausgetreten und für „autonom“ erklärt. Weiterhin fest unter Parteikontrolle stehend, bereiten sie sich auf das große Wiedervereinigungsfest vor, sobald der Spuk vorbei ist ...

Aufgrund ihrer Regionalstruktur konnte die „Solidarität‘‘ erst ex post in die Lohnverhandlungen eingreifen. Die Anschlußstreiks in Südpolen im September waren nicht ausgebrochen, weil das Abkommen von Danzig nicht verwirklicht wurde, sondern gerade weil im Zuge der Verwirklichung der Lohnerhöhungen durch Vorrücken auf der Lohnleiter um jeweils eine Sprosse ein Chaos entstand. Die Schritte sind da ganz verschieden groß, je nach Branche und Beruf (das ist der „innere Feudalismus“ des Zentralplansystems mit seiner Willkür); einer bekam also 200 Zloty drauf, der andere 100, die unten weniger als die oben. Daher das böse Blut — auch gegen die neue Gewerkschaft.

Die Soziologin Jadwiga Staniszkis, Beraterin des MKS während des Streiks, hat die Arbeiter von Danzig stichprobenweise befragt; ein Teil zeigte sich vom Versagen der „Solidarität‘‘ enttäuscht und sank in Apathie zurück; ein Viertel, vor allem die jungen Arbeiter sind darunter, hat sich radikalisiert und läßt sich von der Führung nichts mehr sagen.

Frau Staniszkis glaubt, daß die Schuld an dem zweiten großen Streitpunkt des Danziger Abkommens, der Anerkennung der führenden Rolle der Partei, die katholische Beratergruppe um Tadeusz Mazowiecki trifft. [1] Mazowiecki werden aus seiner Krakauer Zeit gute Verbindungen zu Wojtyla nachgesagt, während Primas Wyszynski die Partei in kritischen Situationen unterstützt — zu sehr, nach Meinung der politisierenden Katholiken aus den KIK-Gruppen.

Polens neuer Nationalheld Lech Walesa, 37, Elektriker aus der Leninwerft in Danzig, nach 18 Tagen Streik am Tag hinter dem Sieg (1. September 1980). Mit ihm seine Frau Miroslawa und 5 seiner 6 Kinder
Foto Lars Nyberg/Votava

Katholiken für Sozialpartnerschaft

Gruppe: „Sie wollen mehr Parlamentsabgeordnete und mehr Bewegungsspielraum für die Opposition, mehr Zeitungen usw. Dabei benützen sie das Argument, daß sie Zugang zu einer so starken Massenbewegung haben, sie wollen zeigen, daß sie diese Bewegung zähmen können.“ Das würde aber den Aufwand nicht lohnen, meint die linke Soziologin, die selbst aus dem Beraterkomitee ausgeschieden war, als sie merkte, daß die anderen auf die Forderung der Regierungsseite nach dem Parteiprimat eingingen.

„Alle Forderungen, die nicht demokratisch entschieden wurden, sind jetzt Zeitbomben. Jede Manipulation einer solchen Bewegung ist sinnlos, weil sowas zurückkommt. Die freien Gewerkschaften werden vor der Entscheidung stehen, entweder den Kontakt mit den Arbeitern zu verlieren, oder einen Generalstreik durchzuführen. Wahrscheinlich wird Mazowiecki das nicht stoppen können. Er war nicht einmal imstande, diesen einstündigen Streik am 3. Oktober zu stoppen, obwohl er es versuchte. Er war in Danzig und schrieb für Walesa den Text, der im Fernsehen verlesen werden sollte, ohne jedes Datum für die Erfüllung der Forderungen, und es war das Präsidium, das mit Nein stimmte.“

Im Klub kathölischer Intellektueller hielt Mazowiecki am 7. Oktober einen Vortrag, wo er deutlich machte, wie er sich eine Sozialpartnerschaft auf polnisch vorstellt. Aufgabe der Gewerkschaften sei es, die Vertrauenskrise in der Gesellschaft überwinden zu helfen. Das könnten sie aber nur, wenn sie Kontrollrechte bekämen, auf dem Gebiet der Lohn- und Preisverhandlungen bis hin zu Gesetzesvorschlägen an den Sejm, das polnische Parlament. Zwischen Streik und offizieller Ignorierung der Gewerkschaften müsse ein Verhandlungsmechanismus eingebaut werden.

Pfuschreform

Noch schärfer sieht Frau Staniszkis dieses Dilemma: „Bis jetzt hat sich in Polen nichts verändert. Fast nichts. Was ist neu? Diese Gewerkschaften existieren. Aber sie können nur extreme Mittel anwenden. Wenn sie die oft anwenden, wird man sie zerstören. Also werden sie sie immer seltener anwenden. Nichts hat sich geändert bei der kommandierten Wirtschaftsplanung. Die Partei hat einiges versprochen, aber nichts geschieht. Es ist ein Gerede über die Zukunft.“

Besonders die Instradierung der Wirtschaftsreform hat gezeigt, welchen Weg man gehen will: ein halbherziges Herumpfuschen an Symptomen. Parteichef Kania beauftragte Jozef Pajestka mit der Reform, der schon Gomulka und Gierek als Planungschef und Berater diente. Unter Gomulka vertrat er noch die harte Planungsgewalt, die sogar die Gültigkeit des Wertgesetzes im Sozialismus leugnete, geschweige denn vom Markt etwas wissen wollte. Später näherte er sich der Position von Lange und Brus, gestand in der Theorie eine Dezentralisierung zu. Die radikalen sozialistisch-marktwirtschaftlichen Projekte der Professoren Janusz Beksiak und Janusz Goszinski, [2] die für den Reformer in der Parteiführung, Stefan Olszowski, arbeiten, werden beiseitegeschoben.

Die Wirtschaftsziffern lassen an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Vizepremier und Planchef Kisiel bezifferte die Streikverluste vom August auf 30 Milliarden Zloty (10 Prozent Produktionssenkung). Wirtschaftssekretär Olszowski erklärte, der Wohnbau sei auf die Hälfte des Plans abgesunken, und die Arbeiter würden nur 80-85 Prozent der Normalarbeitsleistung erbringen. Bei der Gewerkschaft „Solidarität“ antwortet man darauf, daß diese Ziffern irreführend seien: zum ersten Mal würden wahre Produktionszahlen veröffentlicht, daher die niedrigeren Werte.

Für die Versorgung entscheidend ist das Sinken des Viehbestands um 3 Prozent binnen Jahresfrist, was hauptsächlich mit der Aushungerung der privaten Landwirtschaft zu tun hat. Der Einfuhrbedarf an Getreide beträgt jedenfalls laut Kisiel 1,5 Millionen Tonnen. Eine halbe Million Tonnen hat die selber notleidende Sowjetunion zugesagt.

Wenn man die Menschen zu Dutzenden in Warschauer Fleischerläden herumlungern gesehen hat, mit leeren Gesichtern auf die nächste Lieferung wartend, kann man sich vorstellen, was passieren wird, wenn sich die Lage weiter verschärft. Die angekündigte Einführung von Lebensmittelmarken für Fleisch und Milch könnte das Versorgungssystem destabilisieren. Etwa durch Gleichbehandlung — gegenwärtig werden nämlich die wichtigen Industriegebiete besser versorgt als Landbezirke. Denen müßte man etwas wegnehmen, wenn man anderen etwas geben will. Ob sich die Danziger, Krakauer und Warschauer das gefallen lassen? Sie sind ja zugleich die Kämpferischesten ...

Aufstand der Regionen

Das Zusammenwirken von Arbeiterprotest und regionalen Parteibossen war das Hauptcharakteristikum der Sommerstreiks. Das Aufbegehren der Regionalsekretäre à la Fiszbach (Danzig) gegen die Zentrale äußerte sich auch in der Duldung der Streiks. Diese Welle schwemmte Reformer wie Olszowski und Grabski zurück ins Politbüro. Ihre Bestrebungen werden gelähmt durch den konservativen Sicherheitsflügel um Kania, der hinhaltenden Widerstand übt. Insgesamt lähmt die innere Blockade die Partei nach außen, führt zu einer langsamen Erosion, einem Autoritätsverlust, der sich bereits in den Medien zu zeigen beginnt, und der bald dramatische Formen annehmen könnte. Die Intellektuellen werden zusehends ungeduldiger mit dem unglaubwürdigen Kurs der Partei.

Zum Beispiel könnte sich das Zensurproblem auf eine unerwartete Art lösen. Immer mehr Medienmitarbeiter treten in die freien Gewerkschaften ein. Wenn die Parteiführung stur bleibt, weil das ein für Moskau heikler Punkt ist (man denke nur an den Cordon sanitaire, den Polens westlicher und südlicher Nachbar mittlerweile im Reiseverkehr gezogen haben), wäre da nicht ein Unterlaufen via facti denkbar?

Auf erste Anzeichen in dieser Richtung machte mich Jan Litynski, KOR-Mann in der freien Gewerkschaft „Solidarität“, aufmerksam. Der Mathematiklehrer, bis vor kurzem noch Herausgeber des Robotnik („Arbeiter“), einem hektografierten Untergrundblatt, das die Koordination der illegalen freien Gewerkschaften besorgte, ist jetzt Redakteur der Zeitung der Regionalorganisation der „Solidarität“ in dem Bergmannstädtchen Walbrzych (Waldenburg) in Südwestpolen, nahe der tschechischen Grenze. Litynski zeigte mir als Exempel für den neuen Kurs das lokale Wochenblatt der Partei, [3] in der sein eigenes Konterfei abgedruckt ist, neben einem ZK-Mitglied, einem Bergmann, der mit ihm, dem „antisozialistischen Element“, öffentlich diskutierte! Das ganze Partei-Establishment der Gegend nahm teil, alles wurde abgedruckt.

Ein Reporter vom lokalen Krakauer Fernsehen hatte eine Reportage über die Gegensätze zwischen Arbeitern und Direktionen gedreht. Sie wurde verboten. Die Intendanz schickte einen zweiten Reporter aus, aber die freien Gewerkschaften verweigerten die Zusammenarbeit; die zweite Reportage kam nicht zustande. Fast alle Fernsehleute in Krakau sind schon bei den „Freien“ organisiert.

„Solidarität“-Führer Lech Walesa mit Gebirglerhut auf seiner Tournee durch Polens Süden: Rede an die Arbeiter in Nowy Targ, 20. Oktober 1980
Foto CAF/Votava

Ein sehr sauberer Mensch

Da sich die Partei schwach fühlt, beginnt sie sich instinktiv an eine Autorität anzulehnen. Stanislaw Kania ist nicht der Mann, diese Rolle auszufüllen, er soll den gemütlichen Polizeionkel vorstellen, der die wilden Bengel sicher auf dem sozialistischen Weg hält. Wenn das nicht mehr ausreicht, wenn ein starker Mann gebraucht wird, steht mittlerweile sein Vorgänger als Sicherheitschef, Mieczyslaw Moczar, Gomulkas Innenminister, zur Ablöse bereit.

Der alte Partisanenführer und Nationalkommunist bleibt der polnischen Intelligenzija unvergeßlich, seit er 1967/68 fast alle überlebenden polnischen Juden durch eine „antizionistische“ Kampagne aus dem Lande trieb. Seit 1971 aus dem Politbüro verstoßen, betrieb er seine Wiederkehr vom Posten des Vorsitzenden der obersten Kontrollkammer, des polnischen Rechnungshofes aus.

Mit der Unterstellung der Kontrollkammer unter den Sejm (Herauslösung aus dem Bereich der Regierung) und der Beauftragung Moczars mit der Untersuchung dubioser Hausbauten sowie aller großen Investitionsvorhaben hat die Rolle dieses Mannes eine große Aufwertung erfahren. Er könnte ein polnischer Ceausescu, ein „Conducator“‘ werden: autoritär und nationalistisch.

Die ersten Schalmeientöne des dazugehörigen Byzantinismus klingen bereits aus den Äußerungen des neuen Propagandachefs der Partei, Jozef Klasa: „Moczars Rolle hängt mit der Institution zusammen, der er vorsteht, der obersten Kontrollkammer. Als die Demokratie begrenzt war, war auch Moczars Rolle begrenzt. Seit die Demokratie wächst, wächst auch die Rolle von Moczar. Das ist auch der Wunsch des Politbüros, dadurch vertieft sich die Demokratie im Lande.“ Frage eines Journalisten: „Wie lange kann der 67jährige denn noch aktiv sein?“ Klasa: „Meine persönliche Meinung ist, er soll so lange wie möglich bleiben, das ist gut für diese Institution, denn moralisch gesehen ist das ein sehr sauberer Mensch.“

Angesichts der antisemitischen Exzesse in Frankreich könnte der Wiederaufstieg dieses „sauberen Menschen“ in Osteuropa freilich als fatales Signal verstanden werden.

Moczars Chance liegt in der gegenwärtigen Blockade des technokratischen Reformkurses der Marktwirtschaftler. Die unvermeidliche Konfrontation des Regimes mit der Arbeiterklasse in einem Generalstreik weist zwei mögliche Auswege: Olszowski oder Moczar. Das Drehbuch dazu stammt aus Ungarn: Olszowski wäre Polens Nagy, steuerlos würde ihn die Bewegung vor sich hertreiben, und Moczar wäre Polens Kadar, er könnte seine autoritäre Rolle nicht ohne starke Rückendeckung, sprich Sowjetintervention, erfüllen (was ihm freilich gegen seine nationalistische Neigung ginge; ein Hindernis wäre dieser sein Ruf bei den Sowjets nicht, auch Husak war seinerzeit als Nationalist verschrien).

Gebet nach dem Sieg: Anna Walenynowicz und Lech Walesa am Tag der Paraphierung des Danziger Vertrags, 30. August 1980
Foto Christian Westerback/Votava

Ein polnischer Kadar?

Parallel zur politischen verläuft die wirtschaftliche Alternative: aus der jetzigen Scheißgasse ist nur entweder mit totalem Wirtschaftsliberalismus oder mit der eisernen Faust des Kadarkurses der späten fünfziger Jahre herauszukommen. Anders ausgedrückt: die Arbeiterklasse würde die notwendige Umstellung des Subventionssystems, das bereits kontraproduktiv geworden ist, [4] nur dann akzeptieren, wenn man ihr ökonomisch und politisch etwas dafür gibt (Freiheit des Konsums, einschließlich des Medienkonsums), oder wenn man sie alternativlos zwingt (Folge: Sinken der Produktivität!).

Der Zeitpunkt, um einen glaubwürdigen Reformkurs zu etablieren, ist bereits verpaßt. Man hätte da Wirtschaftsreformen mit einer entsprechenden Einbindung der unabhängigen Gewerkschaften vorsehen müssen. Olszowski selbst scheint eher auf die Zeit nach Moczar zu setzen. Er hat nach dem Danziger Abkommen alle Einladungen aus den Betrieben abgelehnt, die ihm Gelegenheit geboten hätten, sich von der Basis auf die Schultern nehmen zu lassen (wie es sich Walesa gern gefallen läßt). Sein Kalkül ist offenbar, im Bündnis mit Moczar zu überwintern, um dann, nach dessen Abtritt (Olszowski ist erst 49) die Rolle des guten Kadar zu spielen, der das Regime auflockert, dem Konsum freie Bahn gibt. Die Geschichte könnte Olszowski freilich in die Rolle Imre Nagys hineinzwingen.

Die dramatische Variante, die sich jetzt anbahnt, ist gewiß die ungünstigere. Die eigentliche Chance des polnischen Weges, wie Jacek Kuron ihn getauft hat (Reform von unten, im Unterschied zur jugoslawischen Reform von oben), liegt in seiner ansteckenden Wirkung auf die anderen Ostländer. Und das braucht Zeit, das heißt: Evolution. Ein ruckartiges Vorwärtsstürmen der Polen führt zur Intervention. Eine Evolution würde die anderen Ostländer spiralenförmig in den Prozeß mit hineinziehen.

Moskau muß mit

Ansatzweise war es bereits in Estland zu sehen: bei den Streiks Anfang Oktober wurden freie Gewerkschaften gefordert, es kam zu nationalistischen Schülerdemonstrationen. Arbeiter und Intellektuelle, Arbeiter und Nationalismus — Elemente, die auch in Polen die Hauptrolle spielen.

Es gibt auch noch eine ukrainische Minderheit in Polen: eine Dreiviertelmillion Menschen wurde nach dem Krieg „„westverschoben“, vom Bug an die Oder verlegt. Ein nationaler Sprengstoff, der in einigen Monaten zünden wird, auch in der Ukraine. Erinnern wir uns: der ukrainische Parteichef Schelest agitierte für die Invervention in der CSSR, als der Prager Frühling via Slowakei auf die Ukraine auszustrahlen begann.

Dieses Übergreifen ist um so leichter, als die Sowjetunion dieselben Probleme hat wie Polen. Das geht so weit, daß in beiden Ländern dieselben Produkte Mangelware sind: Polen will Fleisch und Milch rationieren, Breschnew sagte auf dem ZK-Plenum Ende Oktober in Moskau, mit Fleisch und Milch gebe es Probleme. Hängt die Versorgung in Polen an der kleinbäuerlichen Privatparzelle, so in der SU am „Hofland“ der Kolchosbauern. In beiden Ländern dieselbe Kopflastigkeit der Schwerindustrie, dieselbe Ratlosigkeit der Führung bei Streiks. Politisch sind die russischen (und andersnationalen) Arbeiter halt hinterdrein, die Polen sind ihnen weit vorausgeeilt. (Was mag es bedeuten, daß Technokrat Kossygin verschwunden ist? Übernimmt Breschnew die Reformerrolle oder wird jetzt scharfgemacht?)

Der polnische Weg unterliegt, analog dem Trotzkischen Gesetz der permanenten Revolution, einem Gesetz der permanenten Evolution: isoliert können die polnischen Arbeiter ihren Weg nicht endlos weitergehen — sie ermüden oder werden überrannt. Sie müssen es schaffen, die Arbeiter der anderen Ostländer auf ihren Weg zu locken. Und nicht nur der Ostländer.

Wenn die Linke im Westen nicht mitzieht, könnte es zu einer fatalen Verschränkung von Durchgriffen der herrschenden Klasse in Ost und in West kommen. Überhaupt wächst die Gefahr eines Fait accompli der Supermächte, je länger die revolutionäre Aktivität an ihren Flanken andauert. Die USA könnten versucht sein, im Ölgolf zu intervenieren, die Sowjets spiegelbildlich in Polen. Die lokalen Krisen synchronisieren sich zusehends, genau wie 1956 (haust du dein Ägypten, hau ich mein Ungarn, hieß es damals).

Anhang: Das geopolitische Schachbrett

Zu diesem geopolitischen Monopoly gibt es noch jede Menge Varianten: die Sowjetunion besetzt Nordpersien, wie schon 1941, als der Iran mit den Briten geteilt wurde. [5]

Weiters: den USA passiert ein „Mißgeschick“, die Straße von Hormuz wird durch Kriegseinwirkung blockiert, wie der Suezkanal 1967. Europa und Japan, die lästigen Konkurrenten, sind dann vom lebenswichtigen Öl abgeschnitten. Die USA haben ihr eigenes Energieproblem mit dem neuen Ölpreis endlich gelöst. Die Deutschen wenden sich an die Russen. Es kommt zu einem Schmidt-Breschnew-Pakt: analog zum Hitler-Stalin-Pakt teilt man sich die Zwischenzone, die BRD bekommt die DDR und garantiert der SU dafür den Besitz von Polen, es wird wechselseitig einmarschiert; diesmal verliefe die Demarkationslinie nicht entlang Narew-Weichsel-San, sondern entlang von Oder und Neisse.

Die Reihenfolge könnte natürlich auch umgekehrt sein: ein Schmidt-Breschnew-Pakt mag die USA dazu verleiten, Europa vom Öl abzuschneiden. Europa würde in ein deutsch dominiertes „Mitteleuropa“ und in ein US-dominiertes Westeuropa gespalten.
Nächste Runde: Die Konfiguration ist nicht stabil. Nachbarn sind natürliche Feinde. Die deutsche Wirtschaftshilfe für Osteuropa wird von den Sowjets ab einem bestimmten Punkt als Expansion empfunden. Also Renversement des Alliances. Mitteleuropa verbündet sich mit den USA, Westeuropa mit der SU.

Wie nach 1945 entsteht wieder eine bipolare Welt, die beiden Supermächte polarisieren die Mächte zweiter Ordnung in ihrem Kräftefeld. Europa, Mittelost, Südostasien, Afrika, Lateinamerika — in jeder dieser „Induktionszonen“ entsteht ein verkleinertes Abbild des Supermachtsystems, wobei zum Schluß gegensätzliche Pole nebeneinander zu liegen kommen.

Das geopolitische Schach spielt sich im Vorfeld der Könige ab: vor dem Ritter wird der Bauer geopfert, vor dem Bischof der Ritter. In der Zwischenzone kann man, nach stillschweigender Abmachung, auch mit Atomwaffen herumfuhrwerken. Das ist letztlich die säkulare Bedeutung des Kernwaffenstationierungsbeschlusses der Nato vom Dezember 1979. Der Atomkrieg soll, so lautet Carters Direktive Nr. 59, machbar werden. Wenn schon nicht im Sowjetreich, so doch vielleicht im Vorfeld. Auf Gegenseitigkeit natürlich, es ist ja ein Gleichgewichtsystem.

2. November 1980

[1Das Interview, das ich mit Jadwiga Staniszkis machte, erschien in voller Länge in der Tageszeitung, Westberlin, vom 17., 21. und 22. Oktober. Die soziologischen Thesen in diesem Artikel gehen im wesentlichen auf ihre Analyse zurück. Sie werden in dem Buch „Dialectics of Sozialist Society“ enthalten sein, das demnächst bei Princeton University Press erscheint.

[2Siehe Kultura 39/1980

[3Trybuna Walbrzyska, 7. Oktober 1980

[4Wenn die Subventionen die Herstellungskosten übersteigen, wird es für die Bauern ein Geschäft, ihre Produkte im Laden zu kaufen und neuerlich an den Staat zu verkaufen. Gegenwärtig werden jährlich 500 Milliarden Zloty, die Hälfte des polnischen Staatsbudgets, für Konsumsubventionen ausgeschüttet.

[5Michael Siegert: Aufforderung zum Tanz, FORVM Jänner/Februar 1980

Polen im FORVM

  • Leszek Kolakowski: Kommunisten ohne Lehrfreiheit, FORVM 1966, S. 103
  • Leszek Kolakowski: Vom Sinn der Geschichte, FORVM 1966, S. 337, 479
  • Leszek Kolakowski: Pressekonferenz mit dem Teufel, FORVM 1966, S. 687
  • Leszek Kolakowski: Vom Vorrang der Persönlichkeit, FORVM 1967, S. 341
  • Leszek Kolakowski: Was ist nicht Sozialismus? FORVM 1967, S. 705
  • Leszek Kolakowski: Rede am Schriftstellerkongreß 1968, FORVM 1969, S. 103
  • Simon Wiesenthal: Kommunofaschismus in Polen, FORVM 1969, S. 412
  • Wladyslaw Bienkowski: Polnischer Polizeisozialismus, FORVM 1970, S. 337, 654
  • Lutz Holzinger: Sozialismus oder Konsum, FORVM Februar/März 1971
  • Günther Nenning: Hl. Mutter der Dissidenten, FORVM Oktober 1977
  • Arbeiterverteidigungskomitee KOR: Wenn wir die Regierung wären. Aktionsprogramm der polnischen Opposition vom 10.10.1978, FORVM Mai/Juni 1979
  • Vaclav Havel u.a.: In 10 Jahren Sieg. Geheimtreffen polnischer und tschechischer Dissidenten vom Sommer 1978, FORVM Mai/Juni 1979
  • Michael Siegert: Rätepolen. Augenzeuge der Auguststreiks, FORVM September/Oktober 1980

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1980
No. 323/324, Seite 12
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939, gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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